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Feuilleton

FRANKFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TU NG

elbst die Experten in Silicon Valley haben gelegentlich recht. Die
Produktion, Akkumulation und
Analyse der Spuren digitaler Geräte bringen tatsächlich realen
Nutzen. Nach der Logik der Friedensdividende – dem populären Schlagwort der
neunziger Jahre, wonach sinkende Militärausgaben dem Wirtschaftswachstum zugutekommen sollten – können wir von einer
Überwachungsdividende sprechen: der
Vorstellung, wonach das Internet der Dinge, Big Data und die unausweichliche
Erschütterung des gesamten Universums
durch eine Handvoll kalifornischer Startup-Unternehmen zu wirtschaftlichem
Überfluss, politischer Emanzipation und
weltweitem Wohlstand führen. Ihr Nutzen
ist real. Die richtige Frage lautet daher
nicht, ob die Überwachungsdividende es
uns ermöglicht, besser zu regieren und besseres Wissen zu erlangen. Sie lautet vielmehr: besser als was?
Zur Beantwortung dieser Frage ist es
hilfreich zu analysieren, wie die Anhänger
der Überwachungsdividende deren Vorzüge in verschiedenen Bereichen hervorheben. Alex Pentland, Professor am MIT Media Lab, Berater des Weltwirtschaftsforums in Davos, beschreibt in seinem neuen
Buch „Social Physics“ ein Experiment namens FunFit, das in Boston durchgeführt
wurde: Es ging darum, Mitglieder einer lokalen Gemeinschaft zu mehr körperlicher
Aktivität zu bewegen. Früher hätte man im
Rahmen der Studie wahrscheinlich mit einer Werbekampagne über die Vorzüge einer gesunden Lebensweise begonnen.
Oder man hätte die Probanden dafür bezahlt, fit zu bleiben. Pentland wählte eine
andere Strategie: Allen Probanden stellte
man zwei Mitglieder aus derselben Gemeinschaft zur Seite, die entweder weitläufig oder aber gut mit ihnen bekannt waren.
Diese beiden Helfer erhielten kleine Geldbeträge, wenn es ihnen gelang, den von ihnen Betreuten zu mehr körperlicher Aktivität zu bewegen, wobei diese Aktivität mit
einen Beschleunigungsmesser in einem für
die Studie bereitgestellten Smartphone gemessen wurde. Wenn sie als Proband mehr
als üblich umherliefen, erhielten ihre beiden Bekannten Geld – nicht sie selbst.
Die Ergebnisse waren erstaunlich. Das
Verfahren war viermal wirkungsvoller als
der traditionelle Ansatz, bei dem der Proband die Belohnung erhält. Und wenn es
sich bei den Bekannten um Leute handelte, mit denen der Proband häufig Kontakt
hatte, war die Wirkung sogar achtmal so
hoch. So verkündet denn Pentland die Geburt einer neuen Wissenschaft: der „sozialen Physik“. Wenn wir unsere sozialen Beziehungen analysierten und dieses Wissen
nutzten, um dem Einzelnen speziell auf
ihn zugeschnittene Anreize zu verschaffen,
könnten wir die lange vernachlässigten sozialen Probleme lösen.
Pentland nennt noch ein weiteres Beispiel. Während der amerikanischen Kongresswahlen 2010 führten Forscher amerikanischer Universitäten eine Studie mit 61
Millionen Facebook-Nutzern durch, die in
zwei Gruppen eingeteilt wurden. Beide erhielten Nachrichten, die sie motivieren sollten, zur Wahl zu gehen, aber die erste Gruppe bekam eine allgemein gehaltene, unpersönliche Nachricht, während die zweite
Gruppe eine personalisierte empfing, samt
den Gesichtern von Freunden, die bereits
gewählt hatten. Die Gesetze der sozialen
Physik bestätigten sich auch hier: Bei der
zweiten Gruppe lag die Wahlbeteiligung
höher. Und bei engen Freunden waren im
Unterschied zu bloßen Internetbekanntschaften die Ergebnisse besonders eindrucksvoll: Hier gingen viermal so viele
zur Wahl, nachdem sie die personalisierte
Nachricht gesehen hatten.
Systeme, die auf sozialer Physik basieren, funktionieren deshalb, weil sie uns
kennen – nicht nur unsere alltäglichen Bewegungen und Kommunikationsmuster,
sondern auch unsere Freunde und den Charakter unserer Beziehungen. Die soziale
Physik hat verblüffende Konsequenzen.
Bei einem ausreichenden Maß an Datenerhebung kann man die Nachbarn ausfindig
machen, die uns davon überzeugen, unseren Energieverbrauch zu senken, oder die
Freunde, die uns sagen, wir sollten kein
Junkfood essen, oder die Kollegen, die uns
ermahnen, bei der Arbeit nicht nachzulassen. Es geht nur darum, zur rechten Zeit
die richtigen Leute zu finden und sie zu veranlassen, uns die richtigen Nachrichten zu
schicken.
Die Feinkörnigkeit und Verfolgbarkeit
unserer digital vermittelten sozialen Beziehungen eröffnen die Möglichkeit, sie in ein
weiteres Instrument der von Michel Foucault so genannten Gouvernementalität zu
verwandeln. Statt an das Wohlergehen der
Gemeinschaft oder das Eigeninteresse des
Konsumenten zu appellieren, kann man individuelles Verhalten steuern, indem man
Freundschaft als Governance-Instrument
benutzt. Pentland schlägt ein paar institutionelle Lösungen für den Schutz der Privatsphäre vor, aber um diese Probleme soll
es hier nicht gehen. Uns interessiert im Augenblick allein, dass die Überwachungsdividende real ist: Die ständige Beobachtung
einzelner Personen kann Probleme lösen.
Das Wahlaufruf-Experiment bei Facebook war eine randomisierte, kontrollierte
Studie, eine beliebte Form wissenschaftlicher Experimente, die ursprünglich in der
Medizin aufkam, wo die Probanden nach
dem Zufallsprinzip in mehrere Gruppen
aufgeteilt werden. Solche Studien erfreuen

S

sich wachsender Beliebtheit bei Sozialwissenschaftlern und bei Diensten wie Facebook, die mit vielen Millionen Nutzern und
ihren guten Möglichkeiten, genau zu steuern, was einzelne Nutzer zu sehen bekommen, ideale Versuchsfelder voller ahnungsloser Versuchskaninchen darstellen (wobei
die Versuchskaninchen wir selbst sind).
Der Zorn über eine neuere Studie, bei
der Facebook glücklichen Nutzern positive
und unglücklichen Nutzern negative Posts
zeigte, erscheint recht naiv. Schon einige
Monate vor dem Skandal hatte ein Datenwissenschaftler von Facebook erklärt:
„Wir führen täglich mehr als tausend Experimente durch. Während viele dieser Versuche zur Optimierung spezieller Ergebnisse
dienen, sollen andere die Grundlagen für
langfristige Designentscheidungen liefern.“ Übersetzt heißt das: Sie sollten sich
besser Sorgen wegen der vielen tausend
täglichen Experimente machen, von denen man uns nichts sagt.
Da eine empirisch gestützte, ergebnisorientierte Politik heute hoch im Kurs steht,
bietet Facebook ihr die ideale Infrastruktur
für die Klärung der Frage, welche Interventionen funktionieren und welche nicht.
Auch hier wieder die Überwachungsdivi-

Wenn die Forscher etwa erkennen, dass in
ländlichen Gebieten Schulen mit nur einem Lehrer bessere Bildungserfolge erzielen als solche mit zwei Lehrern, halten sie
diese Entdeckung auch ohne eine Theorie
für „umsetzbar“. Hier findet sich eine gewisse Ähnlichkeit zu der pragmatischen,
ergebnisorientierten Einstellung von Technologieunternehmen. Facebook braucht
nicht zu wissen, warum glückliche Geschichten die Nutzer zu mehr Clicks veranlassen, um dieses Wissen einzusetzen. Das
„Ende der Theorie“, das Chris Anderson
2008 in „Wired“ voraussagte, stellte sich in
diesem Bereich schon früher ein. Wenn
man so viel beobachten, untersuchen und
testen kann, sind theoretische und philosophische Debatten nur störend.
Eine der von vielen Verhaltensökonomen geteilten Annahmen lautet, dass wir
nicht immer in unserem besten Interesse
handeln, und zwar aus Gründen, die sich
identifizieren, kategorisieren und korrigieren lassen. In ihrem jüngsten Buch, „Scarcity“, behaupten die Ökonomen Eldar Shafir
und Sendhil Mullainathan, Arme würden
von der durch ihre ständigen Geldsorgen
ausgelösten Angst derart überwältigt, dass
sie Entscheidungen treffen, die nicht in ih-

Levchin mag sich von noblen Motiven
leiten lassen; aber die Frage, ob die Gesundheit ein „Informationsproblem“ darstellt, sollte nicht leichtgenommen werden. Silicon Valley hat diese Frage für sich
bereits beantwortet, und zwar positiv:
Man gebe ihnen ein Problem, und ein paar
Apps später hat man dort auf magische
Weise eine „Informationslösung“ gefunden. In dieser Weise umformuliert, führt
das Problem zur Abrufung der Überwachungsdividende und ihrer unbestreitbaren Vorzüge. Aber sollten wir nicht auch
fragen, was geschieht, wenn Gesundheit,
Bildung oder Armut zu Problemen umformuliert werden, die sich angeblich durch
Information lösen lassen?
Noch beunruhigender ist der Umstand,
dass die Probleme, zu deren Lösung die
Überwachungsdividende beizutragen vermag (Klimawandel, Übergewicht, Armut),
zunehmend in die Sprache der nationalen
Sicherheit übersetzt werden, und wenn dieser rhetorische Schritt einmal getan ist, akzeptiert die verängstigte Öffentlichkeit
selbst drastischste Maßnahmen. Die Verbindung mit der nationalen Sicherheit ist
keine Übertreibung. Immer mehr Studien
behaupten, einen Zusammenhang zwi-

Wir ahnungslosen
Versuchskaninchen
IT-Unternehmer wollen uns einreden, dass alle Probleme mit
„Informationen“ gelöst werden können – je mehr man vom
Einzelnen weiß, desto besser. Politik gibt es dann nicht mehr,
nur noch soziale Physik. Von Evgeny Morozov
dende: Je stärker Facebook unser Verhalten verfolgt, desto effektiver wird die Politik, die wirklich die Welt verändert – und
das in Echtzeit statt erst zwei Jahre später.
Pentland möchte sogar „die Sozialwissenschaften durch die Schaffung lebender Laboratorien wiederbeleben, in denen Ideen
für datengetriebene Gesellschaften getestet und bewiesen werden“.
Ein kürzlich in „Foreign Affairs“ erschienener Artikel zeigt weitere Vorteile der
Überwachungsdividende auf. Da die Armen „ständig unter dem Druck stehen, ihr
Geld für unmittelbare Bedürfnisse auszugeben“, loben die Autoren, die für die
Bill & Melinda Gates Foundation arbeiten, die Möglichkeit, Bedürftige über deren
Mobiltelefone zu regelmäßigem Sparen anzuhalten. In Entwicklungsländern gibt es
viele weitere wichtige Entscheidungen zu
treffen: über Impfungen, Bildung, Ernteausfallversicherungen. Diese Entscheidungen werden nicht immer unter den besten
Bedingungen getroffen. Wäre es da nicht
sinnvoll, die Mobiltelefone zur Entscheidungshilfe des armen Mannes zu machen
und mit ihrer Hilfe das Tun der Nutzer beständig zu überwachen? Auch hier die
Überwachungsdividende: Dank der ständigen Verfolgung ist es möglich, dass ansonsten anfällige Menschen widerstandsfähiger
werden und mehr Mittel zur Lösung ihrer
Probleme an die Hand bekommen. Wenn
die Smartphones eines Tages noch besser
werden, können wir diesen Menschen sogar das Verschlüsseln beibringen.
olche Vorstellungen wirken aus
zwei Gründen überzeugend: Erstens hat die Hartnäckigkeit sozialer Probleme, vom Klimawandel
über die Armut bis hin zum Übergewicht, zu einem nahezu vollständigen
Konsens geführt, dass drastischere Maßnahmen nötig seien. So werden heute paternalistische Methoden, die früher tabu
waren, offen diskutiert. Zumindest in Amerika bringen Wissenschaftler ständig Bücher mit Titeln wie „Against Autonomy“
oder „Epistemic Paternalism: A Defense“
heraus, in denen die Notwendigkeit betont
wird, in den Entscheidungsprozess des Einzelnen einzugreifen – entweder im Interesse der Gemeinschaft oder zum Wohl des
Einzelnen.
Ein weiterer Faktor ist die ständige Berufung auf die Verhaltensökonomie, die es
sich zur Aufgabe gemacht hat, in ihren Augen naive Annahmen der neoklassischen
Ökonomie hinsichtlich der menschlichen
Rationalität zu korrigieren. Verhaltensökonomen möchten erklären, wie die Menschen sich in der wirklichen Welt und nicht
im Rahmen eines ausgefallenen Modells
verhalten. Zu diesem Zweck betreiben sie –
und vor allem Wissenschaftler, die sich mit
der globalen Armut befassen – Feldforschung. Nachdem sie die Armen sorgfältig
beobachtet haben, prüfen sie in randomisierten kontrollierten Studien, ob ihre Vermutungen zutreffen. Aus diesen Vermutungen ergeben sich nicht immer Theorien
oder grundlegende kausale Erklärungen.

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Don Giovanni, dieser unverbesserliche Grobian
Die Salzburger Opernfestspiele zeigen Mozarts Oper
aller Opern als Karikaturenkomödie, aber dafür mit
hervorragenden jugendlichen Sängern. Seite 11

rem eigenen Interesse sind. Armut, so die
These, sei eine Folge kognitiver Knappheit, und diese Knappheit sei „kein persönliches Charaktermerkmal, sondern das Ergebnis von Umweltbedingungen, die sich
vielfach verändern lassen“ – eine Sicht, die
eine „radikal neue Konzeptualisierung der
Armut“ ermögliche.
Mit anderen Worten: Arme Leute treffen schlechte finanzielle Entscheidungen,
weil andere Sorgen ihnen „kognitive Bandbreite“ rauben, ganz wie Skype oder Spotify ihnen Internetkonnektivität rauben können. Nach dieser Auffassung werden Arme
am Ende mehr sparen, wenn sie nur im
rechten Augenblick die richtigen Textnachrichten erhalten. Zur Bekämpfung der Armut müssen wir danach „unsere Umwelt
knappheitssicher machen“, so dass schlechte und irrationale Entscheidungen durch
ein System ständiger Überwachung vermieden oder minimiert werden (Mullainathan
und Shafir vergleichen es mit einem Rauchmelder).
Armut wird so zu einem Informationsprogramm, das man mit jenen Informationstools bekämpfen kann, die für die
Überwachungsdividende verantwortlich
sind. Man denke etwa an eine SmartphoneApp namens BillGuard. Sie teilt Ihnen
nicht nur mit, wann Sie Ihre beabsichtigte
monatliche Ausgabengrenze überschreiten, sondern durchsucht auch, auf der
Grundlage Ihres Einkaufsverhaltens, das
Netz nach Rabattangeboten, mit deren Hilfe Sie Ihre Ausgaben verringern können.
Oder man denke an den iBag, eine reale,
mit Sensoren und Internetverbindung ausgestattete Tasche, die sich automatisch verschließt, wenn sie glaubt, Sie stünden kurz
davor, zu viel Geld auszugeben. Erst ständige Überwachung ermöglicht solche Innovationen. Solche Apps mögen manche Menschen aus der Armut herausführen. Und
möglicherweise machen sie ihre Entwickler reich. Aber welche Kosten verursacht
diese „Informationalisierung“ der Armut?
Und ist das der Weg, auf dem wir die Armut bekämpfen wollen? „Wir“ verweist
hier auf die fast vergessene Entität einer
Gemeinschaft der Bürger, nicht auf clevere
Venture-Kapitalisten oder alles zerstörende Unternehmer. Auch auf anderen Gebieten lassen sich solche Bemühungen um
eine „Informationalisierung“ beobachten.
Dabei nimmt man einem Problem seine
materiellen und politischen Dimensionen
und stellt es als bloße Frage fehlender oder
verspäteter Information dar. Max Levchin,
Mitbegründer von PayPal, hofft, maschinelles Lernen und Datamining zur Lösung
von Gesundheitsproblemen einsetzen zu
können. „Die Gesundheit ist ein großes Informationsproblem, das auf Datenanalyse
und tragbare Sensoren wartet“, sagte er bei
der Vorstellung von Glow, einer App, die
Frauen bei der Empfängnis helfen soll. Zu
diesem Zweck verfolgt Glow die sexuelle
Aktivität der Frau (einschließlich der Positionen) und ihren Zyklus und gibt diverse
Hinweise („Das Fruchtbarkeitsfenster beginnt“ oder „Juhu, der Eisprung ist erfolgt“).

schen dem Klimawandel und der Wahrscheinlichkeit von Bürgerkriegen, dem
Grad der Armut und der Radikalisierung
der Jugend beweisen zu können. Der militärisch-industrielle Komplex versteht es, seine Tentakeln in scheinbar nichtmilitärische Bereiche auszustrecken.
Die Anhänger der Überwachungsdividende wissen das. Und so stellt Pentland
eine Verbindung zwischen Apps, öffentlicher Gesundheit und Fragen der nationalen Sicherheit her: „Eine App auf einem
Mobiltelefon könnte nach ungewöhnlichen
Verhaltensänderungen Ausschau halten
und herausfinden, ob sich da eine Krankheit entwickelt“, schreibt er in „Social Physics“. Und „die Fähigkeit, Krankheiten wie
die Grippe auf individueller Ebene aufzuspüren, dürfte einen effektiven Schutz vor
Pandemien ermöglichen, da wir Schritte unternehmen könnten, die Infizierten zu erreichen, bevor sie die Krankheit weiterverbreiten“. Da das Sicherheitsparadigma immer
noch die politischen Debatten auf beiden
Seiten des Atlantiks beherrscht, dürften solche Argumente bei allen Drei-BuchstabenDiensten Unterstützung finden.
Es führt also nicht weit, wenn man die
Vorteile der Überwachungsdividende in
Frage stellt. Soziale Physik, randomisierte
kontrollierte Studien und Motivationstechniken wie das „nudging“ sind durchaus
nicht ohne Nutzen. Anhänger der Überwa-

Morgen in
Natur und Wissenschaft
Historische Kometen-Mission: Rosetta
geht auf Tuchfühlung mit 67P
Geisteswissenschaften: Antike Träume
von Maschinen und Automaten
chungsdividende stellen deren Vorzüge als
offenkundig und unpolitisch dar. Man sagt
uns, durch die Informationalisierung ließen Probleme sich besser erkennen und
leichter handhaben. Wollten wir genau das
nicht immer schon – vor allem, wenn man
auch noch die daraus erwachsenden Datenschutzprobleme lösen könnte? Aber die
Tools und Methoden der Überwachungsdividende sind alles andere als offenkundig
und unpolitisch. In Wirklichkeit sehen und
erkennen sie nur, was sie sehen und erkennen wollen. Und was sie oft nicht sehen
und nicht erkennen wollen, sind ihre eigenen politischen Voraussetzungen. Wir leben im Zeitalter einer tiefgreifenden epistemischen Asymmetrie. Der Hypersichtbarkeit des einzelnen Bürgers, dessen Tun
durch allerlei smarte Geräte verfolgt werden kann, entspricht die wachsende Hyperunsichtbarkeit aller übrigen Akteure. Regierungen stufen immer mehr Dokumente als
geheim ein und übertragen staatliche Aufgaben auf private Unternehmen, die sich
nicht um das Recht auf freie Information
zu kümmern brauchen. Unternehmen
säen Verwirrung hinsichtlich der tatsächlichen Auswirkungen ihrer Aktivitäten und

Was bedeutet der Warschauer Aufstand?
Zum siebzigsten Jahrestag: Der Schriftsteller Stefan
Chwin über die Ambivalenz des für Polens Selbstverständnis zentralen historischen Ereignisses. Seite 12

DI E N S TAG , 2 9 . J U L I 2 0 1 4 · N R . 1 7 3 · S E I T E 9

sorgen durch die Finanzierung pseudowissenschaftlicher Forschung ganz bewusst
für Desinformation. An der Wall Street
bringt man Finanzinstrumente heraus, die
so undurchsichtig sind, dass niemand sie
mehr versteht.
Die Open-Data-Bewegung mag sich
einigen dieser Herausforderungen stellen;
aber ihr größter Erfolg bis heute war es,
den Staat dazu zu bewegen, Daten mit vorwiegend ökonomischem und sozialem Nutzen herauszugeben. Die heiklen politischen Daten werden dagegen weiterhin zurückgehalten. Für Banken wie Goldman
Sachs, HSBC und ihresgleichen gibt es keine „soziale Physik“. Über die Verbindungen zu ihren Tochtergesellschaften und
Briefkastenfirmen in Steueroasen wissen
wir nichts. Niemand führt randomisierte
kontrollierte Studien zur Klärung der Frage durch, was geschähe, wenn es weniger
Lobbyisten gäbe. Wer könnte das amerikanische Militär dazu bewegen, weniger Geld
für Drohnen auszugeben und die eingesparten Mittel den Armen zu schenken?
Die Instrumente der Überwachungsdividende setzen nur auf einer Ebene an:
auf der des einzelnen Bürgers. Sie machen
den Bürger vollkommen transparent und
manipulierbar und erzeugen den Anschein
einer „Problemlösung“, während sie dem
Staat und den Unternehmen die Freiheit
zur Fortführung ihrer eigenen Projekte geben. Foucault paraphrasierend, könnte
man sagen, wir alle sind in hohem Maße
nachverfolgbar und manipulierbar. Unsere
schlechten Angewohnheiten können in
Echtzeit aufgespürt, analysiert und korrigiert werden, wodurch sich viele der Probleme lösen lassen, von denen die sozialen
Dienste gegenwärtig überwältigt werden.
So verwandelt sich schon der Begriff der
„Politik“ als eines Gemeinschaftsunternehmens in ein individualistisches, gänzlich konsumorientiertes Schauspiel, in
dem man Lösungen – die wir heute Apps
nennen – nicht mehr im öffentlichen
Raum, sondern auf dem Markt sucht.
Diese Individualisierung der Politik ist
nicht sonderlich überraschend, denn die
Methoden, die uns die Überwachungsdividende einbringen, verzichten bewusst auf
jede systematische Erforschung jener Faktoren und Ursachen sozialen Wandels, die
über den Einzelnen hinausgehen. Ihre Anhänger haben kausale Erklärungen gegen
praktische Umsetzbarkeit eingetauscht
und damit die Theorie aufgegeben.
So müssen sie immer dann Unwissenheit oder Naivität vortäuschen, wenn sie
mit einem Problem konfrontiert werden,
das sich nicht so einfach auf individuelle
Entscheidungen zurückführen lässt. Müssen wir wirklich eine randomisierte kontrollierte Studie durchführen, um zu erfahren, was Lobbyisten oder Banker Tag für
Tag tun? Die Welt mag fürchterlich komplex sein, aber sie ist auch peinlich einfach: Unternehmen wollen immer noch
Geld verdienen, Regierungen wollen immer noch bürokratische Imperien aufbauen, Geheimdienste wollen immer noch
die Macht ergreifen.
it der „Theorie“ mag es zu
Ende sein, aber warum sollten wir auf das Offenkundige verzichten? Die individualistische Sicht, mit der
die Instrumente und Methoden der Überwachungsdividende an soziale Probleme
herangehen, fegt einfach zu viele Fragen
beiseite. In einer der wohl schärfsten Kritiken an der Verhaltensökonomie auf dem
Gebiet der Entwicklungspolitik zeigt der
Ökonom Sanjay G. Reddy, wie sehr dieses
Streben nach empirisch begründeten Lösungen die Debatten über viele wichtige
Fragen entleert: „Die einst innerhalb des
Fachgebiets gestellten größeren Fragen zu
den Auswirkungen alternativer ökonomischer Institutionen und Politikansätze
(etwa solche zur Vermögensverteilungs-,
Handels-, Landwirtschafts-, Industrie- und
Fiskalpolitik sowie zur Rolle sozialer
Schutzmechanismen) sind in den Hintergrund gedrängt worden zugunsten von Fragen wie der, ob man mit Insektenvertilgungsmitteln getränkte Fliegennetze kostenlos verteilen sollte oder ob zwei Lehrer
in der Klasse besser sind als einer.“
Die Überwachungsdividende reduziert
die Politik auf das bloße Drehen von Knöpfen – als wäre die Gesellschaft ein Radio,
das man nur richtig einstellen muss.
Schlimmer noch: Wenn die informationsbasierte Lösung unmittelbar zur Verfügung steht (was der Fall wäre, sobald alles
digitalisiert und miteinander vernetzt ist),
muss jeder, der eine nicht allein auf Information basierende Lösung wünscht, erst
einmal beweisen, warum dieser weniger effiziente Weg besser ist als das Einstreichen
der Überwachungsdividende.
Doch eine aus intelligenten Geräten bestehende Politik ist nicht unbedingt auch
eine intelligente Politik. Kürzlich berichtete das „Wall Street Journal“ über eine
intelligente Toilette, die sich „mit dem
Smartphone des Benutzers verbinden und
über im Becken eingebaute Lautsprecher
dessen Lieblingsmusik abspielen kann“. Es
ist einfach, in randomisierten kontrollierten Studien festzustellen, ob solche Musik
die Benutzer glücklicher macht und sie, gemäß der Analyse ihres, nun ja, Outputs, an
eine gesundere Ernährung heranführt.
Dass solch ein Gadget wirklich als Instrument heutiger Politik gelten kann, ist allerdings ein trauriger Beweis für unsere
schrumpfende politische Phantasie.

M

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Bischoff

Pretty Britain
Die Engländer wollen ihre
Landschaft nicht fracken sehen
illiam Wordsworth sah den Lake
District schon 1810 als „eine Art
W
Nationalbesitz“, an dem jeder mit „Augen zum Sehen und einem Herzen für
den Genuss“ ein Recht habe. Die Kehrseite dieser Vorstellung wurde dem romantischen Dichter bewusst, als die Eisenbahn erfunden wurde und die ersten Touristen durch die Landschaft
marschierten. England wurde schon
zu Shakespeares Zeiten als „zweites
Eden“ verherrlicht, sein „grünes und
liebliches Weideland“ besungen. Die
Landschaftsparks galten als Spiegelung der Freiheitsideale, und es gab
Massenproteste, um das Recht zu erkämpfen, ungehindert durchs Land zu
wandern. Es ist überraschend, dass es
fast hundertfünfzig Jahre dauerte, bis
Wordsworths Plädoyer für die Erhaltung der „ursprünglichen Schönheit
dieser herrlichen Gegend“ rechtlich
verankert wurde. Das geschah mit dem
1949 verabschiedeten Gesetz, aus dem
die fünfzehn Nationalparks des Vereinigten Königreichs hervorgegangen
sind. Seither gilt es, den Erhalt der Natur und ihren Freizeitwert in Einklang
zu bringen. Die industrielle Revolution
und die Urbanisierung trugen zur Idealisierung der Landschaft bei. Sie ist Bestandteil der nationalen Identität. Obwohl Großbritannien ländlich geprägt
ist, leben achtzig Prozent der Menschen in der Stadt. Dort hegen sie ihre
Grünflächen, Hintergärten und Blumenkästen und die bukolische Vorstellung von der englischen Landschaft,
der ihre Dichter und Maler beharrlich
Ausdruck verleihen. Diesem Bewusstsein muss die Regierung jetzt Rechnung tragen, obwohl sie die Erdgasförderung durch die umstrittene Fracking-Methode unterstützt. Um die Kritiker zu beschwichtigen, zu denen die
Denkmal- und Naturschutzorganisation National Trust gehört, hat die Regierung nun bei der Bekanntgabe der
Richtlinien für die Bohrungen eingeräumt, dass sie das Fracking in Nationalparks und Plätzen von herausragender natürlicher Schönheit nur in Ausnahmefällen bewilligen werde. Was
die Regierung auch im Hinblick auf die
bevorstehende Wahl als Zugeständnis
an die Kampagne für ein absolutes Fracking-Verbot in Naturschutzgebieten
anbietet, lässt sich auch anders deuten:
Der Staat behält sich das Recht vor, zu
entscheiden, wo Großbritannien so
schön ist, wie es Wordsworth schon besang.
G.T.

Imageschaden
Geschäftspartner gehen zu
Achenbach auf Distanz
Keine zwei Monate ist es her, da hatte
Andreas Gursky noch kein Problem damit, als Ko-Autor jener Bar genannt zu
werden, die der Kunstberater Helge
Achenbach im Campo Bahia der Fußballnationalmannschaft eingerichtet
hatte. Inzwischen aber, Achenbach
sitzt seit 12. Juni in Untersuchungshaft, legt der Fotostar Wert darauf,
dass allein Claus Föttinger das Werk
entworfen habe. Dabei hat es Gursky
dem kunstsinnigen (oder kriminalistisch gewieften?) brasilianischen Zoll
zu verdanken, dass der Foto-Vinyl-Teppich nicht eingeführt werden durfte.
Als die Installation während der Fußballweltmeisterschaft 2006 in der Düsseldorfer Galerie Sies+Höke stand, firmierte sie noch als „WM Bar with
Claus Föttinger und Andreas Gursky“.
Offenbar fürchtet, wer heute im Zusammenhang mit Achenbach erwähnt
wird, dadurch bereits einen Imageschaden. So erklärt sich wohl auch, dass die
Gesellschafter der Sammlung Rheingold die Käufe, die Achenbach als ihr
geschäftsführender Partner getätigt
hat, nicht nur überprüfen lassen, sondern auch mitteilen, dass ohne ihr Wissen und „ohne Kenntnis des konkreten
Verwendungszwecks“ zwischen Februar und Mai 485 000 Euro an die Achenbach Kunstberatung ausbezahlt wurden. Noch vor vier Wochen wurde der
Investor Walter Droege, mit seiner
Frau einer der sechs Gesellschafter,
mit der Einschätzung zitiert, dass er an
der Seriosität Achenbachs keinen Zweifel und dieser sich stets korrekt verhalten habe. Bei Geld hört die Freundschaft bekanntlich auf. Was das für die
Sammlung Rheingold bedeutet, die
von Finanzinteressen zusammengehalten wird und, mit mehr als tausend
Werken zeitgenössischer Kunst, als
Steuersparmodell geeignet ist, geht
nun auch die Öffentlichkeit etwas an:
Kooperiert sie doch mit vier städtischen Museen.
aro

Sie müssen schreiben, was wir wollen
Journalisten in China bekommen seit jeher ihre Dienstanweisungen vom Staat. Die Zensurvorschriften sind
zuletzt noch einmal strikter geworden. Medien 13