Russland und Venezuela: Putins Dreiecks-Diplomatie

F. William Engdahl

Der jüngste Moskau-Besuch des umstrittenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez war wichtiger, als man nach den Schlagzeilen vermuten könnte. Hinter der Einladung steht eine kalkulierte diplomatische Strategie Moskaus. Als Antwort auf die höchst provokative Politik der US-Regierung, in Polen USRaketen und in Tschechien hochentwickelte Radaranlagen zu installieren, die sich eindeutig als atomare Abschreckung gegen Russland richten, und angesichts der Versuche Washingtons, gegen den Widerstand der EU Georgien und Ukraine in die NATO aufzunehmen, verfolgen Premierminister Wladimir Putin und sein Präsident Medwedjew eindeutig eine Schachspiel-ähnliche Strategie der Dreiecksdiplomatie, die sich »dem Feinde meines Feindes« annähert, um die US-Strategie zu durchkreuzen. Die jüngsten Abkommen mit Venezuela sind Teil dieser Strategie.
Hugo Chávez hatte in Moskau eine strategische Allianz mit Russland gefordert, um sein Land vor den USA zu schützen. Als Antwort darauf bezeichnete Präsident Dimitrij Medwedjew die russischvenezolanischen Beziehungen als »einen der wichtigsten Sicherheitsfaktoren in der Region (Südamerika)«. Bedeutsamerweise erklärte der russische Premierminister Putin gegenüber Chávez, er hoffe auf eine Stärkung der militärischen Verbindungen zwischen beiden Ländern.

Chavez’ kürzlicher Besuch in Moskau sicherte größere Rüstungs- und Ölgeschäfte, denn Russland kontert Schritte der USA und der NATO.

Vorbild dieser Dreiecks-Diplomatie ist u.a. die klassische, seit den Tagen Palmerstons in den 1840er-Jahren betriebene britische Diplomatie des Machtgleichgewichts. Damals bemühte sich Großbritannien um die jeweils schwächere der beiden Kontinentalmächte, wahlweise Deutschland oder Frankreich, und bot ihr im Krieg gegen die stärkere eine Allianz an. Diese Strategie wandte auch Henry Kissinger sehr erfolgreich an, als er und Präsident Nixon die USA nach 1969 gegenüber China öffneten, um Russland zu isolieren. Während die NATO jetzt gewissermaßen direkt vor die Tore Moskaus rückt, spielt Russland seine eigene diplomatische Strategie und nutzt Venezuela und Kuba in ähnlicher Weise wie seinerzeit Chruschtschow, der 1960 entschieden hatte, Atomraketen auf Kuba zu stationieren, nur ca. 150 Kilometer von Miami entfernt. Damals haben nur wenige im Westen begriffen, dass die russische Entscheidung für Raketen in Wirklichkeit nicht die Initialprovokation war. Das war vielmehr die vorangegangene Entscheidung Washingtons, US-Raketen in der Türkei zu stationieren, die innerhalb von Minuten Russland erreichen konnten. Die Raketen auf Kuba waren die Antwort auf diesen Schritt.

Jetzt hat Moskau ohne Wenn und Aber klargestellt, dass man bereit ist, Chávez Militärhilfe zu gewähren; wie verlautete wurden Verträge über den Kauf militärischen Geräts in Höhe von insgesamt 4 Milliarden Dollar unterzeichnet. Bereits in den Jahren 2005 und 2006 hatte Venezuela zugestimmt, 50 Kampfhubschrauber, 24 Su-30MK2-Kampfflugzeuge und 100.000 AK-103Gewehre von Russland zu kaufen und eine Lizenz zu deren Produktion zu erwerben. Bereits in der ersten Jahreshälfte 2009 wird Moskau an Venezuela mindestens zehn Mi-28N-Hubschrauber liefern. Darüberhinaus haben die beiden Länder jetzt darüber verhandelt, dass Caracas drei russische Diesel-U-Boote der Klasse Projekt 636 Kilo und mindestens 20 Tor-M1-Fliegerabwehrraketen bekommt. Wenn diese beiden Verträge tatsächlich unterzeichnet werden, geht es wieder um eine Gesamtsumme von schätzungsweise 1 Milliarde Dollar. Der Handel zwischen Venezuela und Russland erreichte im vergangenen Jahr 1,1 Milliarden Dollar, fast das Doppelte des Handelsvolumens von 517 Millionen Dollar 2006. Gemäß seinem staatlichen Programm zur Modernisierung der Streitkräfte bis 2012 plant Venezuela für die nächsten vier Jahre den Kauf von Rüstungsgütern im Ausland in Höhe von etwa 30 Milliarden Dollar. Nach Angaben des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) in London hat Venezuela zwischen 2005 und 2007 rund 4 Milliarden Dollar für den Kauf von Rüstungsgütern, vornehmlich aus Russland und China, aufgewendet. Die USA hatten 2006 die Lieferung von Waffen an Venezuela gestoppt. In einer klaren, an die Kuba-Raketenkrise von 1962 erinnernden Provokation gegen Washington sagte der venezolanische Präsident Hugo Chávez am Dienstag während seines Moskau-Besuchs, man werde dem russischen Militär »einen herzlichen Empfang bereiten«, wenn Moskau sich zu einer dauerhaften Präsenz in dem südamerikanischen Land entschiede. Es scheint wenig wahrscheinlich, dass Russland das Angebot annimmt, aber die Botschaft ist unmissverständlich. Wie ich in meinem Buch Apokalypse jetzt! beschrieben habe, kommt die Entscheidung der USA, in Polen Raketen und in Tschechien Radaranlagen zu installieren, einer de-facto präventiven Kriegserklärung gegen Russland gleich und bringt die Welt in eine Lage, die noch gefährlicher ist als zur Zeit der Kubakrise 1962. Die Wahrscheinlichkeit für die Errichtung russischer Militärbasen in Venezuela ist nicht sehr hoch, da es Moakau an den nötigen Ressourcen fehlt, diese zu unterhalten, sagte ein russischer Analyst am Mittwoch. »Derzeit verfügt Russland weder materiell noch personell über ausreichende Ressourcen, um in diesem Land [Venezuela] Militärbasen errichten zu können«, erklärte Ruslan Pukow, Direktor des Zentrums für Analyse von Strategien und Technologien. Russland unterhält gegenwärtig mindestens 23 Militärbasen im Ausland, hauptsächlich in den ehemaligen Sowjetrepubliken im Kaukasus. Russland hatte 2002 eine Marinebasis in der vietnamesischen Cam Ran Bay und einen elektronischen Horchposten in Lourdes auf Kuba wegen mangelnder Finanzmittel geschlossen. Die Jahresmiete betrug 200 Millionen Dollar für jede Basis. Außerdem verbietet Venezuelas Verfassung aus dem Jahre 1999 die Errichtung ausländischer Militärbasen im Land, und Chávez hat kürzlich Berichte dementiert, wonach ein Abkommen über eine russische Basis diskutiert werde.

Ölgeschäfte und eine mögliche gemeinsame Bank Chávez hat aber noch andere Verträge in Moskau unterzeichnet; so wurde mit gleich drei russischen Ölgesellschaften vertraglich vereinbart, dass sie Venezuela in Zukunft helfen, neue Ölpotenziale zu

erschließen. Der Hintergrund: In der letzten Zeit hatte Washington massiven Druck in Form von wirtschaftlicher Kriegsführung ausgeübt, um Venezuelas staatlichen Ölkonzern Petroven an der Erschließung neuer Ölquellen zu hindern. Bereits am ersten Tag von Chávez' Moskaubesuch hat Venezuelas staatliche Ölgesellschaft Petroleos de Venezuela (Petroven) Verträge mit drei russischen Energieunternehmen – Gazprom, Lukoil und TNK-BP – unterzeichnet. Die drei Energie-Verträge umfassen die Erkundung neuer Ölfelder in Venezuela. Laut Chavez markieren sie »die Schaffung einer neuen strategischen Energie-Allianz« zwischen Russland und Venezuela. Das Geschäft mit TNK-BP ist besonders bemerkenswert angesichts des Streits zwischen den russischen und britischen Aktionären dieses Unternehmens. Nach Angaben des venezolanischen Botschafters in Moskau, Alexis Navarro, will Chávez auch die Möglichkeit diskutieren, eine gemeinsame venezolanisch-russische Bank zu errichten. Putin unterstützt offensichtlich eine breit angelegte gegenseitige Zusammenarbeit. »Wir haben vor Kurzem die rechtliche Basis unserer Zusammenarbeit gestärkt und suchen nach Wegen, unsere Beziehungen durch neue Felder der Zusammenarbeit vielseitiger zu gestalten, besonders in den Bereichen Transport, Weltraumforschung, Entwicklung und Produktion von Hochtechnologie sowie natürlich militärische und technische Zusammenarbeit«, sagte Putin. Was sicherlich auch noch zusätzlich zu Stirnrunzeln in Washington geführt hat, ist die Tatsache, dass Russlands Premierminister Putin jetzt nach Venezuela eingeladen wurde, denn seit der Monroe-Doktrin von 1823 betrachten die USA ganz Südamerika de facto als eine Kolonie. In Moskau forderte Chávez, Russland und Venezuela sollten strategische Partner in den Bereichen Öl und Verteidigung werden, denn das werde »Venezuelas Souveränität sicherstellen, die von den Vereinigten Staaten bedroht wird.« Nachdem er 24 russische Sukhoi-Kampfflugzeuge entgegengenommen hatte, warnte Chávez in dem üblichen prahlerischen Ton die Vierte Flotte der USA, sein Land sei nun in der Lage, sich selbst zu verteidigen. »Wir haben die 24 russischen Sukhoi-Maschinen erhalten«, sagte er am Sonntag. »Sie dienen nur der Verteidigung; wir werden niemanden angreifen.« Das Geschäft umfasst das Training von Piloten und anderen Besatzungsmitgliedern sowie die Lieferung der Raketen, mit denen die Flugzeuge bestückt werden. Laut Chávez haben diese russischen Raketen eine erheblich größere Reichweite als die Raketen der F-16 Kampfjets der USA; er warnte die Vierte US-Flotte, nicht in venezolanische Gewässer einzudringen.

Moskaus neue karibische Dreiecks-Diplomatie Gleichzeitig mit den Gesprächen mit Chávez erhöhte Moskau auch die Unterstützung für Kuba. Russlands Sicherheitsrat kündigte an, Moskau werde die bilaterale Zusammenarbeit mit Kuba in allen Bereichen verstärken. Die Ankündigung erfolgte nur wenige Tage nachdem die Moskauer Zeitung Iswestija am 21. Juli namentlich nicht genannte Beamte des russischen Verteidigungsministeriums mit der Aussage zitiert hatte, Russland werde vielleicht atomwaffenfähige Überschall-Bomber vom Typ Tupolew Tu-160 (»Weißer Schwan«) auf Kuba stationieren.

Moskau wird hochentwickelte TOR-M1Raketenabwehr-Systeme an Venezuela liefern. Der Kreml dementierte den Bericht, aber die USRegierung nahm die darin erwähnte Möglichkeit so ernst, dass am 22. Juli, also einen Tag nach Erscheinen des Iswestija-Artikels, Vier-SterneGeneral Norton Schwartz von der US Air Force, die Senatsanhörung zur Bestätigung seiner Ernennung als nächster Stabschef der US Air Force vor dem Verteidigungsausschuss des US-Senats zum Anlass nahm, Moskau ausdrücklich zu warnen: mit der Stationierung der riesigen Mach-2-Tu-160 auf Kuba werde die »rote Linie« in den Beziehungen zu den USA überschritten, so General Schwartz. Nikolai Patruschew, der Chef des russischen Sicherheitsrats, und der stellvertretende russische Premierminister Igor Setschin statteten vom 30. bis 31. Juli Kuba einen offiziellen Besuch ab. Ziel dieser Mission sei, »Projekte zur Wiederbelebung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den früheren Verbündeten des Kalten Krieges« zu entwickeln, »einschließlich der Beteiligung russischer Firmen an der Entwicklung von Ölfeldern«. »Kubas Präsident Raúl Castro, Patruschew und Setschin betonten nach einem gemeinsamen Gespräch, ihre beiden Länder seien entschlossen, alle Anstrengungen zu unternehmen, die langjährigen Verbindungen in allen Bereichen der Zusammenarbeit wieder neu zu etablieren, auszuweiten und zu stärken«, hieß es in einer offiziellen Erklärung des Sicherheitsrats. Setschin benannte die Förderung von Öl und Nickel sowie die Sektoren Tourismus, Gesundheitsversorgung, Telekommunikation und Nanotechnologie als wichtige Bereiche, in denen die Zusammenarbeit begonnen oder verstärkt werden solle. Bereits 2006 hatte Putin noch als russischer Präsident die 15-jährige Vernachlässigung Kubas beendet, die seit dem Zerfall der Sowjetunion am Ende des Kalten Krieges begonnen hatte, und gewährte Havanna einen Kredit in Höhe von 355 Millionen Dollar für den Kauf von Fahrzeugen und für die Modernisierung von Kubas veralterter Energie-Infrastruktur. Der nächste US-Präsident wird vor der Herausforderung stehen, mit dem russischen Problem umzugehen. Es bleibt festzuhalten, dass die Falken in Washington dafür verantwortlich sind, dass sich die Situation jetzt derart gefährlich zugespitzt hat; denn die USA haben sich 1991, als Russland bei dem Zerfall der Sowjetunion den Warschauer Pakt auflöste, geweigert, auf die Ausweitung der NATO zu verzichten.

Donnerstag, 07.08.2008 Kategorie: Geostrategie, Wirtschaft & Finanzen, Politik © Das Copyright dieser Seite liegt, wenn nicht anders vermerkt, beim Kopp Verlag, Rottenburg Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muß nicht zwangsläufig die Meinung des Verlags oder die Meinung anderer Autoren dieser Seiten wiedergeben.

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