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SCHULE

INTEGRATION

Die zweite Generation
VON Martin

Spiewak | 22. Januar 2009 - 07:00 Uhr

In Deutschland leben rund 85.000 Vietnamesen. In den neuen Bundesländern stellen
sie nach den Russlanddeutschen die zweitgrößte Migrantengruppe. In Westdeutschland
dominieren die sogenannten Boatpeople. Sie stammen aus dem Süden Vietnams und
kamen nach dem Sieg des kommunistischen Nordens Ende der siebziger Jahre in die
Bundesrepublik. Die Flüchtlinge, unter ihnen viele Kinder, stießen auf große Sympathie.
Sie erhielten vielfältige Hilfe, integrierten sich rasch und wurden oft eingebürgert. Einer
von ihnen ist im weiteren Sinn auch der neue niedersächsische Wirtschaftsminister Philipp
Rösler. Der FDP-Politiker wurde in Vietnam geboren und mit neun Monaten von einer
deutschen Familie adoptiert. Er ist das erste Mitglied eines deutschen Kabinetts mit einer
Einwanderungsgeschichte.
Ganz anders verhält es sich mit den Männern und Frauen, welche die DDR ab
Mitte der achtziger Jahre verstärkt aus Vietnam angeworben hatte. Die sogenannten
Vertragsarbeiter sollten im sozialistischen Bruderland die Wirtschaft unterstützen.
Sie lebten meist isoliert von der DDR-Bevölkerung, an ein Bleiben war nicht gedacht.
Frauen, die schwanger wurden, mussten abtreiben oder in die Heimat zurückkehren.
Deshalb gründeten die meisten erst nach der Wende eine Familie. Es kam zu einem kleinen
Babyboom. Diese Nachkommen sind heute Schulkinder.
Der Zusammenbruch der DDR traf die Vertragsarbeiter hart. Sie wurden oft als
Erste entlassen, lebten für Jahre in einem rechtlichen Niemandsland und waren
ausländerfeindlichen Übergriffen ausgesetzt, am heftigsten im Rostocker Stadtteil
Lichtenhagen, wo eine Unterkunft brannte. Das »Fidschi-Klatschen« wurde zum zynischen
Begriff der rechten Szene.
Von den 60.000 Vertragsarbeitern blieb rund ein Drittel in Ostdeutschland. Hinzu kamen
Landsleute aus anderen osteuropäischen Ländern, die, statt in die Heimat zurückzukehren,
in die Bundesrepublik flohen. Später gelangten illegale Einwanderer mithilfe von
Schleuserbanden ins Land. Ohne Anspruch auf Unterstützung versuchten sie, sich eine
Existenz aufzubauen. Das konnte nur gelingen, indem sie sich selbstständig machten,
anfangs oft als fliegende Händler. Vietnamesische Verkäufer illegal geschmuggelter
Zigaretten sah man in den neunziger Jahren an zahlreichen Ecken Ostberlins. Später
eröffneten viele der Ostasiaten ihr eigenes Geschäft. Die erste Generation lebt heute
recht unauffällig in einer vietnamesischen Nischengesellschaft ohne großen Kontakt zur
deutschen Bevölkerung. In der zweiten Generation wird sich dies ändern. Martin Spiewak
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ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05

ADRESSE: http://www.zeit.de/2009/05/B-Vietnam-Kasten

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