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Vom Wirkstoff zum

Produkt – die
Formulierung macht’s
Pflanzenschutz ist nicht
nur eine Frage des
richtigen Wirkstoffs: Ohne
die passende Formulierung*
bleibt der Erfolg aus.

I

n der Formuliertechnik wird der Wirkstoff in die Zubereitungsform gebracht, die
für den Anwender am praktikabelsten ist,
und die gewährleistet, dass eine kleine
Menge Wirkstoff gleichmäßig über eine
große Fläche verteilt werden kann. Entscheidend ist, ob das Pflanzenschutzmittel
gespritzt, gegossen oder gestreut werden
muss, oder ob die Behandlung über das
Beizen des Saatguts erfolgen soll. Im
Folgenden werden die Faktoren beschrieben,
die bei der Formulierung eines Wirkstoffes
berücksichtigt werden müssen. Ferner
werden die Formulierungen vorgestellt, die
für die am häufigsten verwendete Spritzapplikation entwickelt wurden.

es gibt kaum Produkte, die in Wasser vollständig löslich sind. Häufig sind die
Formulierungen schon vor der Anwendung
konzentrierte Emulsionen oder Suspensionen. Bei Emulsionen sind die Wirkstoffe in fein verteilten Öltröpfchen gelöst.
Bei Suspensionen liegen die Wirkstoffe
fein verteilt als Feststoffe vor. Andere
Formulierungen werden als Lösungen oder
Granulate gehandelt, die erst verdünnt im
Spritztank eine Emulsion oder Suspension
bilden.
Am Beispiel des EC beschreiben wir
ausführlich die Entwicklung einer Formulierung. Die grundsätzlichen Fragestellungen, die sich dabei ergeben, lassen sich auf
jeden anderen Formuliertyp übertragen.

Auf das Lösungsmittel kommt
es an
Die Entwicklung der EC-Formulierung
beginnt mit der Suche nach einem geeigneten Lösungsmittel oder Lösungsmittelgemisch. Dieses muss in ausreichendem
Maße toxikologisch und ökologisch unbedenklich sowie schwer entflammbar sein.
Je nach den Anforderungen an die Formulierung und den Wirkstoff werden noch
weitere Substanzen zugesetzt, die z. B. das
Netzverhalten der Spritzflüssigkeit oder
das Eindringen des Wirkstoffs in die
Pflanze verbessern. Abschließend muss
noch das passende Emulgatorsystem
gefunden werden, damit die Emulsion bei

Hohe Ansprüche an die
Formulierung
Die Art der Anwendung bestimmt die Wahl
der Formulierung ebenso wie die Kulturpflanze, die in einer Region übliche
Anbauweise und die speziellen Wünsche
der Anwender. Die Vielfalt der Formuliertypen ergibt sich aber auch aus der Vielfalt
der physikalisch-chemischen Eigenschaften
der Wirkstoffe selbst. So sind zum Beispiel
Schmelzpunkt, Löslichkeit und chemische
Stabilität wichtige Einflussfaktoren.
Weiterhin ist bestimmend, ob der Wirkstoff
systemische oder Kontakt-Wirkung zeigt.
Nicht zuletzt kann man mittels der Formulierung Eigenschaften wie Retention,
Penetration, Regenfestigkeit und Spreitverhalten verbessern, wodurch der Wirkstoff seine optimale biologische Wirkung
entfalten kann.
Während des gesamten Entwicklungsprozesses einer Formulierung werden
wichtige Kriterien wie die Pflanzenverträglichkeit, das Umweltverhalten und die
Toxizität geprüft. Auch ist wichtig, dass
das Verkaufsprodukt bei verschiedenen
Lagerbedingungen mindestens zwei Jahre
stabil und damit anwendbar bleibt.
Um dieser Vielfalt der Anforderungen
gerecht werden zu können, steht eine Reihe
von Produkttypen wie EC, EW, SL, SC,
WG und in neuerer Zeit CS, SE und OD
zur Auswahl. Darüber hinaus gibt es
Spezialprodukte wie Schneckenkorn und
einige andere Anwendungsformen, die auch
im Kleingartenbereich eingesetzt werden.

Lösung, Emulsion, Suspension
oder Granulat
Für den Praktiker auf dem Feld kommt es
darauf an, dass die Mischung aus Wasser
und Pflanzenschutzmittel im Spritztank
stabil bleibt. Das stellt die Formuliertechnik vor eine schwierige Aufgabe, denn

Beim Verdünnen eines Emulgierbaren Konzentrates (EC) in Wasser entsteht eine
Emulsion.

Emulgierbare Konzentrate (EC)
Die EC-Formulierung (z. B. Proline®) ist
bis heute ein wichtiger Formuliertyp für
Pflanzenschutzwirkstoffe im Getreideanbau. Der Landwirt erhält ein flüssiges
Produkt, in dem alle Formulierbestandteile
eine homogene Lösung bilden. Erst bei der
Verdünnung mit Wasser bildet sich eine
Emulsion. Diese kann dann eine
Mikroemulsion mit Tropfengrößen von
0,01-0,1 µm sein. Abgesehen von einem
leicht bläulichen Schimmern durch die
Lichtstreuung (Tyndall-Effekt) sieht die
Mikroemulsion für den Anwender wie
eine klare Lösung aus, da die Tröpfchen
mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen
sind. Bei den meisten EC-Formulierungen
bildet sich aber beim Verdünnen mit
Wasser eine Makroemulsion mit einer
Tröpfchengröße von 0,1-10 µm. Da die
größeren Tröpfchen das Licht reflektieren, wird die Makroemulsion als die
typische milchig-weiße Spritzbrühe wahrgenommen.

der Verdünnung mit Wasser für die Spritzapplikation ausreichend stabil bleibt.

Stabilität als Herausforderung
Vom Anwender präparierte Emulsionen
sollten für mindestens 24 Stunden stabil
bleiben, ohne dass sich nennenswerte
Abscheidungen in Form von Öl, Rahm
oder Bodensatz bilden. Auch ein Auskristallisieren des Wirkstoffs in der Spritzbrühe muss unbedingt vermieden werden,
da dies zu Verstopfungen der Spritzdüsen
oder des Pumpenfilters führt.
Was früher als noch tolerable Kristallisation galt, ist für eine moderne ECFormulierung nicht mehr denkbar. Zum
einen sind die Ansprüche des Anwenders
stark gestiegen. Zum anderen erfordern die
modernen Applikationsgeräte und Applikationsarten eine höhere Emulsionsqualität, um das Pflanzenschutzmittel homo* Die als Formulierung bezeichnete Zubereitung stellt
das verkaufsfertige Produkt dar.
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gen auf dem Feld zu verteilen. Nicht
zuletzt sind auch die Qualitätsanforderungen für die Registrierung neuer Produkte deutlich gestiegen.

vorgeschrieben. Trotzdem kann es beim
Anrühren der Spritzbrühe zu einer
Kristallbildung durch lokal hohe
Konzentrationen kommen.

Vorsicht bei Mischungen!

Emulsionen in Wasser (EW)

Alle Formuliertypen müssen bezüglich
ihrer Mischbarkeit mit anderen Pflanzenschutzmitteln, Düngern und Additiven
geprüft werden. Auch in Mischungen
müssen die biologische Wirksamkeit und
Pflanzenverträglichkeit gewährleistet bleiben. Jede einzelne Formulierung stellt ein
für sich fein abgestimmtes System dar. Das
Mischen im Spritztank mit anderen
Produkten führt immer zu mehr oder
weniger ungünstigen Wechselwirkungen
der Formulierhilfsmittel untereinander. Im
schlimmsten Fall kann die ganze Spritzbrühe nach dem Mischen durch Gelbildung, Ausflocken oder Sedimentation unbrauchbar werden. Für den Praktiker heißt
das, dass Misch-Empfehlungen für die geprüften und freigegebenen Mischungsmöglichkeiten unbedingt eingehalten
werden sollten.

Bei EW-Formulierungen (z. B. Folicur®)
handelt es sich um Emulsionen in Wasser.
Die Emulsion einer EW kann aus einem
flüssigen Wirkstoff oder einem im
Lösungsmittel gelösten Wirkstoff bestehen. Deshalb wird im Vergleich zu den
EC-Formulierungen erheblich weniger
Lösungsmittel ausgebracht. Beim EW ist
die Emulsion schon im Verkaufsprodukt
gebildet und wird beim Ansetzen der
Spritzbrühe nur verdünnt. Ein Vorteil von
EW-Formulierungen ist, dass sie wenig
oder kaum zur Kristallbildung in der
Spritzbrühe neigen. Auch bei EW unterscheidet man zwischen Mikro- und
Makroemulsionen. EW-Formulierungen
sind selten, da es kaum flüssige oder sehr
gut lösliche Wirkstoffe gibt.

Wasserlösliche Konzentrate (SL)

Bei den SC (z. B. Bacara®, Calypso®) liegt
der Wirkstoff fein verteilt als Feststoff vor.
Die Wirkstoffpartikel haben eine Größe von
1-4 µm und werden durch die Anlagerung
von sogenannten Dispergiermitteln in dem

Die wasserlöslichen, flüssigen Konzentrate
(z. B. Camposan® Extra) enthalten den
Wirkstoff in gelöster Form wie beim EC

Suspensionskonzentrate (SC)

Öldispersionen (OD)

Suspoemulsionen (SE)

Nach dem Einrühren eines Suspensionskonzentrats (SC) in Wasser entsteht eine Suspension.
Der Wirkstoff liegt fein verteilt als Feststoff vor.

Wasserdispergierbare Granulate
(WG)
Unlösliche Wirkstoffe wurden früher bevorzugt als Spritzpulver (WP) ausgebracht, die allerdings zur Staubbildung
neigen und schwierig zu dosieren sind.
Heute werden diese Probleme durch in
Wasser dispergierbare Granulate umgangen. WG (z. B. Atlantis® WG) können
staubfrei angewendet werden und ermöglichen Produkte mit hohen Wirkstoffgehalten. Aus diesem Grund bieten sich WG
insbesondere für Wirkstoffe mit höheren
Aufwandmengen an. Selbst bei relativ
hohen Produktionskosten können so die
Kosten pro Hektar meist niedrig gehalten
werden. WG sind in der Regel sehr gut
pflanzenverträglich und werden oft in
empfindlicheren Kulturen wie Wein angewendet.

Kapselsuspensionen (CS)

Lösen eines Wasserlöslichen Konzentrats (SL) in Wasser:
Das Ergebnis ist eine klare Lösung.

und EW. Im Unterschied zu diesen beiden
Formuliertypen liegen alle Komponenten
der SL-Formulierung in der wässrigen
Spritzbrühe gelöst vor. Die Spritzbrühe ist
immer eine klare Lösung. Deshalb werden
SL-Formulierungen nur für Wirkstoffe mit
einer ausreichenden Wasserlöslichkeit entwickelt. Meistens wird für SL-Formulierungen eine Mindestmenge an Spritzbrühe
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wässrigen Medium in Schwebe gehalten.
Dies führt zur gegenseitigen Abstoßung
der Partikel und beugt in Kombination mit
weiteren Substanzen, die Netzstrukturen
aufbauen, der Bildung eines Bodensatzes
vor. Durch die kristalline Form der Wirkstoffpartikel eignen sich SC besonders gut,
wenn eine hohe Kontakt- und Fraßwirkung
erzielt werden soll.

Eine Suspoemulsion ist eine Kombination
der Formuliertypen SC und EW. Die kontinuierliche Phase ist dabei Wasser. In ihr
liegen sowohl feste Partikel als auch
Emulsionströpfchen fein verteilt vor.
Dieser Formuliertyp bietet sich insbesondere dann an, wenn zwei Wirkstoffe mit
stark unterschiedlichen Löslichkeiten oder
Schmelzpunkten kombiniert werden sollen.
Darüber hinaus kann die Emulsionsphase
Additive enthalten, die die systemischen
Eigenschaften des Wirkstoffs fördern.

Viele (neue) systemische Wirkstoffe können
auf Grund ihrer Eigenschaften nicht als EC
formuliert werden. Weil bei diesen
Wirkstoffen für die optimale Wirkung der
Transfer in die Pflanze notwendig ist, sind
alternative Formulierkonzepte gefragt, die
die Aufnahme und Verteilung des Wirkstoffs in der Pflanze fördern. In der Formuliertechnik von Bayer CropScience wurden
verschiedene Öldispersionen (OD) entwickelt, um diesen Anforderungen an eine
gute biologische Wirkung und Pflanzenverträglichkeit gerecht zu werden. Bei einer
OD ist ein fester Wirkstoff in Öl suspendiert. Das Öl dient darüber hinaus auch als
Träger von Additiven und/oder Safener.
Durch das Verdünnen der OD im Wasser
können unterschiedliche Spritzmischungen
entstehen: Ist der Wirkstoff selbst wasserlöslich – wie bei vielen Herbiziden – entsteht eine Emulsion. Ist der Wirkstoff nur
schwer wasserlöslich – wie bei vielen
Insektiziden – entsteht eine Suspoemulsion.

Beim Einrühren verteilen sich Wasserdispergierbare Granulate (WG) spontan in Wasser.

Kapselformulierungen (Capsule Suspension) bieten sich dann an, wenn der
Wirkstoff ein ungünstiges Toxizitäts- oder
Stabilitätsprofil aufweist oder eine kontrollierte Freisetzung des Wirkstoffs angestrebt wird. Innerhalb der Kapsel kann der
Wirkstoff in der Flüssigphase gelöst oder
dispergiert sein. Die innere Phase ist meist
ein Lösungsmittel. Die Kapsel liegt im
Produkt und in der Spritzbrühe als Suspension vor. Eine CS wird aus einer Emulsion
hergestellt, die bereits den Wirkstoff enthält. In einem zweiten Entwicklungsschritt
bildet sich die Kapselwand. Die charakteristischen Eigenschaften dieser Kapselwand
sind entscheidend für die kontrollierte
Freisetzung des Wirkstoffs einer CSFormulierung.

Ausblick

Öldispersionen (OD) bilden Suspoemulsionen beim Einrühren in Wasser.

Unter den sich ständig erhöhenden Anforderungen des modernen Pflanzenschutzes
werden immer neue, optimierte Varianten
bekannter Formuliertypen und neue Konzepte erforderlich sein. Diesen Aufgaben
stellt sich die Formuliertechnik von Bayer
CropScience. Sie ist eine interdisziplinäre,
naturwissenschaftliche Disziplin mit den
Fächern Kolloidchemie und Grenzflächenphysik, in der auch die Technische Chemie
eine wesentliche Rolle spielt.
Lesen Sie in der nächsten Ausgabe des
Kurier, wie leistungsfähig moderne Spritzapplikationen sind, und wie über die Formulierungen der Wirkstofftransfer auf und
in die Pflanzen verbessert wird. ■
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