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THEATERWISSENSCHAFT

UND POSTNAZISMUS
READER
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

Impressum:
Herausgeberin: ÖH Uni Wien, Altes AKH, Unicampus Hof 1, Spitalgasse 2-4, 1090 Wien |
bagru thewi/ StV Theater-, Film- und Medienwissenschaft- Unicampus Hof 2 |
stv.theaterwissenschaft@oeh.univie.ac.at | www.thewi.at
Redaktion: Stefanie Elias, Sarah Kanawin, Tom Ogrisegg, Sara Vorwalder, Florian Wagner
AutorInnen: Martina Cuba, Stefanie Elias, Klaus Illmayer, Sarah Kanawin, Eva Krivanec, Tom
­Ogrisegg, Birgit Peter, Peter Roessler, Thomas Rothschild, Gerhard Scheit, Sara Vorwalder, Florian
Wagner
Fotos: Sara Vorwalder, Florian Wagner, Dominik Wurnig. Alle Fotos sind in und um das Institut
für Theater-, Film- und Medienwissenschaft im Jänner 2009 entstanden.
Layout: Dominik Wurnig
Lektorat: Laura Söllner
Druck: Facultas
Erscheinungsdatum: April 2009
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort 4
basisgruppe theater-, film- und medienwissenschaft
Einleitung 6
Basisgruppe Politikwissenschaft
Kindermanns Hof 8
Eva Krivanec
Margret-Dietrich-Gasse 10
Florian Wagner
Flyer zur Ausstellung, Podiumsdiskussion und Fachhistorischen Tagung 12
Tagungsprogramm 14
„Aufarbeitung“ nach der Mode? 16
Flyer zur Podiumsdiskussion der bagru thewi 17
„Wissenschaft nach der Mode“? 18
Birgit Peter
Im Gehege der Phrase 22
Peter Roessler
Postnazistische Anstalt 26
Gerhard Scheit
Der heutige Umgang mit der „eigenen“ Geschichte am Institut für TFM 32
Martina Cuba & Birgit Peter
Kuriositätenkabinett 33
Thomas Rothschild
Maske und Kothurn 40
Steffi Elias & Sarah Kanawin
Insitutsgeschichte 41
Klaus Illmayer
Nachwort 46
Sara Vorwalder & Florian Wagner
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VORWORT
Theodor W. Adorno merkte bereits 1959 im Medienwissenschaft in Wien weiterführen und
Rahmen seines Vortrages „Was bedeutet: insbesondere der Kritik an Vergangenheit und
Aufarbeitung der Vergangenheit“ an, dass der Gegenwart des Instituts Raum geben.
Nationalsozialismus nachlebt. Er stellt die
Frage, ob der Nationalsozialismus in seiner Eva Krivanec befasst sich in ihrem Beitrag
Wirkung so monströs war, dass er an seinem mit der unmittelbaren Gründungsgeschichte
vermeintlichen Tode im Jahr 1945 gar nicht des Zentralinstituts für Theaterwissenschaft
starb und in den Individuen ebenso wie in den im Rahmen der nationalsozialistischen
gesellschaftlichen Verhältnissen, die sie um- Wissenschafts- und Kulturpolitik. Sie behandelt
klammern, fortwest. Adorno sieht im Nachleben auch die Re-Etablierung von Heinz Kindermann
des Nationalsozialismus in der Demokratie eine nach 1945. Mit der Tatsache, dass die Stadt
größere Bedrohung, als im Nachleben faschisti- Wien im Jahr 2007 eine Gasse nach „dem NSDAP
scher Tendenzen gegen die Demokratie.1 Er the- Mitglied“ Margret Dietrich benannt hat, setzt
matisiert damit die Integration ehemaliger Nazis sich Florian Wagner auseinander.
in das demokratische System, sei es in Politik,
Justiz oder Wissenschaft. Das Faktum, dass es Wir dokumentieren in diesem Reader auch die
im Jahr 1945 keineswegs einen Bruch gab und Ankündigung zur Eröffnung der Ausstellung
viele Nazis in die postnazistische Demokratie in- „Wissenschaft nach der Mode“? in den
tegriert wurden, hinterließ Spuren, die weit über Räumlichkeiten des Instituts. Mit der Kritik an
die unmittelbaren Nachkriegsjahre hinaus in einer Podiumsdiskussion, die im Rahmen der
dieser Gesellschaft wirksam sind. Dieses durch Ausstellungseröffnung im Audimax stattfand,
den Nationalsozialismus und sein demokrati- befasst sich der Text „Aufarbeitung nach der
sches Fortwirken geschaffene gesellschaftliche Mode“, der auch als Flugblatt verteilt wurde.
Verhältnis kann mit dem Begriff Postnazismus
gefasst werden. Die Basisgruppe Theater-, Film- und
Medienwissenschaft organisierte eine
Bereits seit den 1960er Jahren wird der Begriff Podiumsdiskussion mit dem Titel
Postfaschismus verwendet. Prägend „Theaterwissenschaft und Postnazismus“, an
dafür waren etwa die Schriften des der Birgit Peter, Peter Roessler und Gerhard

4 Adorno-Schülers Hans-Jürgen Krahl so-


wie die Ausführungen zum Verhältnis
von Faschismus und Demokratie des
Politikwissenschaftlers Johannes Agnoli.
Scheit teilgenommen haben. Aus dieser
Diskussionsveranstaltung ging auch die Idee für
diesen Reader hervor.

Doch so wie der Faschismus Italiens oder Gerhard Scheit befasst sich in seinem Beitrag
Spaniens vom Nationalsozialismus abzugrenzen kritisch mit einer Aufarbeitung, die sich wei-
ist, sollte auch zwischen Postfaschismus und gert ihre eigene Verspätung zu reflektieren.
Postnazismus differenziert werden. Der entschei- Peter Roessler setzt sich u.a. mit der Broschüre
dende Unterschied zwischen dem Faschismus „Theaterwissenschaft und Faschismus“ aus-
etwa Mussolinis und dem Nationalsozialismus, einander, die er gemeinsam mit Monika Maier
stellt die Shoah, die planmäßig durchgeführte
industrielle Massenvernichtung der Juden und
Jüdinnen in Europa dar. Genau hier setzt der
Begriff Postnazismus als Begriff der Kritik an.2

Mit diesem Reader wollen wir die Debatte


um die Geschichte der Theater-, Film- und

1 vgl. Adorno, Theodor W., „Was bedeutet: Aufarbeitung


der Vergangenheit“, Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge
und Gespräche, Hg. Gerd Kadelbach, Frankfurt: Suhrkamp
1971. S. 10
2 vgl. Grigat, Stephan, „Transformation der postnazistischen
Demokratie. Postfaschismus als Begriff der Kritik“,
Grigat, Stephan (Hg.), Transformation des Postnazismus.
Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen
Faschismus, ca ira: Freiburg 2003
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und Gerhard Scheit in den 1980er Jahren ver- ihre Karrieren über ein öffentliches Schweigen,
öffentlichte. Birgit Peter fasst in ihrem Beitrag was die nationalsozialistische Einstellung von
den Entstehungsprozess der Ausstellung Kindermann und Dietrich betrifft. An Birgit
„Wissenschaft nach der Mode?“ als gemeinschaft- Peter und Martina Cuba kritisiert Rothschild in
liche Arbeit von Lehrenden und Studierenden Zusammenhang mit dem Polemik-Vorwurf ge-
zusammen. gen die Basisgruppe, dass sie das Verhalten ihre
LehrerInnen reproduzieren.
In einem weiteren Beitrag erläutert Birgit Peter
gemeinsam mit Martina Cuba, wie es heute um Der Text von Sarah Kanawin und Stefanie Elias
die Aufarbeitung der Vergangenheit am Institut beschäftigt sich mit der Institutszeitschrift
für Theater-, Film- und Medienwissenschaft Maske und Kothurn. Die Zeitschrift war bereits
steht. Die Kritik der Basisgruppe Theater-, seit der Zeit des Nationalsozialismus von Heinz
Film- und Medienwissenschaft, insbesondere Kindermann geplant, wurde nach dem Krieg ge-
an dem Verhalten Wolfgang Greiseneggers bei gründet und erscheint unter dem gleichen Namen
der Audimax-Podiumsdiskussion, bezeichnen bis heute. Klaus Illmayern reflektiert in seinem
Peter und Cuba als polemisch. Dass Polemik Beitrag die Institutsgeschichte im Spannungsfeld
durchaus angebracht ist, um den postnazi- von Diskussion und Konfrontation.
stischen Konsens zu durchbrechen, beto-
nen sowohl Gerhard Scheit als auch Thomas basisgruppe theater-, film- und medienwissen-
Rothschild in ihren Beiträgen. Unter dem schaft
Titel „Kuriositätenkabinett“ zeichnet Thomas
Rothschild einige Lebensläufe am Institut für
Theater-, Film- und Medienwissenschaft nach.
Insbesondere die zweite Generation erkaufte sich

5
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EINLEITUNG
Im folgenden Text soll nach Gründen und Selbständigkeit) sahen, blieben die geistig-ideo-
Begründungen gesucht werden, wieso die öster- logischen Wurzeln des Nationalsozialismus in
reichische Gesellschaft eine Postnazistische der österreichischen Gesellschaft haften.
ist und was das überhaupt bedeutet.
Die allgemeine Auffassung des NS
Postnazismus Die allgemeine (nicht-wissenschaftliche)
,,Je weiter eine Sache zurück liegt, desto leich- Auffassung des Nationalsozialismus ist teil-
ter lässt sich darüber diskutieren“ - beim Thema weise einigermaßen haarsträubend. Vielen
Nationalsozialismus scheint es in Österreich Leuten scheint die Einzigartigkeit der natio-
genau umgekehrt zu sein. Der Wunsch nalsozialistischen Verbrechen nicht klar, oder
einen­ ,,Schlussstrich“ zu ziehen scheint hier auch nicht plausibel, zu sein. Auf sie wirkt der
(Österreich) und jetzt (die letzten 10-20 Jahre) Nationalsozialismus einfach wie ein weiteres
am größten zu sein. Noch bevor so richtig mit totalitäres Regime, dass halt vor allem des-
einem Prozess der den Namen ,,Aufarbeitung“ halb schlecht war, weil es gescheitert ist (was
verdient hätte, begonnen wurde, krähen auch ja, so nebenbei bemerkt, überhaupt ein toller
schon die Ersten, dass jetzt aber wirklich schon Indikator ist um ein System/Regime zu beur-
genug aufgearbeitet wurde und überhaupt gäbe teilen) und viele Menschen umgebracht hat.
es doch wohl ein paar wichtigere Probleme zu Das führt dann gerne zum Vergleich, der den
lösen. Diese Strategie der Verdrängung hat Nationalsozialismus mit irgendeinem anderen
durchaus System. Sie ist es, die dieses hässliche Mordregime in Relation setzt, z.B. mit Stalins
Fortbestehen nationalsozialistischer Ideologeme Sowjetunion (hat ja schließlich auch ein paar
in der österreichischen Gesellschaft erst mög- Millionen Menschen auf dem Gewissen). Mal ganz
lich machte. Die Basis eines Phänomens, das wir abgesehen davon, dass der Nationalsozialismus
Postnazismus nennen. in kürzerer Zeit mehr Menschen umbrachte,
übersieht dieser Vergleich aber den entschei-
Die Geschichte ist vermutlich allbekannt: denden Punkt: Wer starb wie und warum?
Relativ bald schon nach dem Ende des zweiten
Weltkrieges wurden die meisten Nazis Analysiert man den Nationalsozialismus
wieder in die Gesellschaft integriert, d.h. nach diesen Gesichtspunkten, werden die

6 sie bekamen hohe Posten, etwa im Justiz-


oder Bildungsbereich zurück oder mus-
sten sie erst gar nicht verlassen. Nachdem
den ehemaligen NSDAP-Mitgliedern das
Unterschiede zwischen Nationalsozialismus
und anderen Regimen rasch deutlich und die
Gründe warum der Nationalsozialismus bis dato
einzigartig ist, klarer:
Wahlrecht, dass ihnen ursprünglich aberkannt
war, wieder zugestanden wurde, begann auch •Wer: Der Nationalsozialismus richtete sich
das Reintegrieren und Umgarnen von Nazis nicht ausschließlich gegen „äußere“ Feinde,
durch die Großparteien. Eine höchst offizielle also andere ,,Völker“, sondern zuerst mal gegen
Rehabilitation also, wie sie in diesem Ausmaße die ,,Feinde im Innern“: Jüdinnen und Juden,
weltweit wohl nur in diesem konsensgeilen Schwule, ZigeunerInnen, AbweichlerInnen al-
Land namens Österreich möglich gewesen ler Art - z.B. auch die ,,Zeugen Jehovas“ und
wäre. Dazu kam, dass Österreich internatio- Widerstand aller Couleur.
nal nicht als ,,Täter“, sondern als ,,Opfer“ des •Wie: Die Massenvernichtung dieser
Nationalsozialismus angesehen wurde - und das, Menschen geschah systematisch und ,,in-
obwohl die heftigsten antisemitischen Pogrome dustriell“. Symbolhafter Ausdruck dieser
(Ausschreitungen) im Zuge der sogenannten Vernichtsungsmaschinerie sind die Gaskammern
,,Reichskristallnacht“ 1938 nicht im ,,Altreich“, in den Konzentrationslagern.
sondern in Wien stattfanden. •Warum: Spätestens hier muss der
Antisemitismus als zentrale handlungsanlei-
Da Österreich also auch keinen internationalen tende nationalsozialistische Kategorie gesehen
Druck verspürte, zu bemerken, dass in seiner werden. Das NS-Programm war auf die voll-
Geschichte irgendetwas falsch gelaufen sein ständige Vernichtung aller Jüdinnen und Juden
könnte, das aufzuarbeiten wäre und da die weltweit ausgelegt. Dieser Vernichtungswahn
Alliierten (USA, Sowjetunion, Großbritannien, speiste sich aus kruden Verschwörungstheorien
Frankreich) auch keine Notwendigkeit einer (etwa der ,,Protokolle der Weisen von Zion“,
Reeducation (also einer Um- oder Neuerziehung einer Fälschung des damaligen russischen
im Sinne von Vernunft, Demokratie und Geheimdienstes des Zaren, in welchen eine jü-
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dische Weltverschwörung dargestellt wird) die, holen (diese Sicht wurde insbesondere ange-
egal wie immer das konkrete Handeln eines sichts der Diskussion um Restitutionszahlungen
Judens [sic!] auch aussah, darin nur einen wei- - also Entschädigungszahlungen der Republik
teren Beweis für eine perfide weltumspannende Österreich und private Firmen an die
jüdische Weltverschwörung sahen. Nachkommen der NS-Opfer - gerne vertreten).
Geradezu so, als ob die ÖsterreicherInnen da-
Gerade der Antisemitismus ist es aber, der z.B. mals nicht massiv von den Enteignungen der
im Geschichtsunterricht gerne vernachlässigt Jüdinnen und Juden massiv profitiert hätten.
wird.
Diese Mischung aus Schuldabwehr, materiellen
Geschichtsunterricht Interessen und dem Versuch den „guten Ruf“
Der Geschichtsunterricht an österreichischen zu wahren sind es, die eine Aufarbeitung der
Schulen steht vor einem komplexen Problem: Vergangenheit so schwer machen. Da TäterInnen
Einerseits muss er sich staatstragend geben, nicht benannt werden dürfen (immerhin handelt
darf also seine Kritik am Nationalsozialismus es sich zumeist um ,,honorige“ Personen), das
nicht so weit treiben, dass die Kontinuitäten Image des Landes keinen Schaden tragen darf
des NS, die bis heute fortbestehen, auffallen und eine grundlegende Analyse der Verhältnisse
­würden. Auf der anderen Seite scheint aber auch sowieso nur selten gemacht wird, haben gera-
eine Verharmlosung des NS, nach der in den de Gedenkfeiern oft einen höchst merkwürdi-
90ern recht breiten ,,Aufarbeitungsdebatte“, gen Touch. Gerade wenn dann versucht wird
nicht mehr opportun. Der Geschichtsunterricht aus den Gedenkfeierlichkeiten selber nochmal
muss also einen ewigen Eiertanz zwischen Kapital zu schlagen. Etwa Deutschland, dem
­diesen beiden Polen aufführen, was dann auch Weltmeister der ,,Aufarbeitung“, dass dann ger-
zu ­einem etwas diffusen, verschleiernden Bild ne andere Länder belehrt und zeigt, wieviel es
des Nationalsozialismus führt: So wird ­gerne doch aus der Vergangenheit gelernt hat, und
ein Bild des NS gezeichnet dass ihn als ein völlig­ daraus schließt jetzt anderen Ländern gute
totalitäres und manipulatives System darstellt, Tipps zur eigenen Vergangenheitsbewältigung
in dem die einzelnen Menschen zu willenlosen geben zu können.
Objekten wurden, die dem ,,Führer“ aufgrund Aufarbeitung, die diesen Namen verdie-
dessen Manipulationskraft, bedingungslos nen will, benötigt also zuerst einmal eine
folgten. Eine derartige Darstellung übersieht bedingungs- und schonungslose Analyse
aber gleich zwei entscheidende Dinge: Der der Verhältnisse. Sie darf sich nicht scheu-
NS baute seine Ideologie nicht im luftleeren en TäterInnen beim Namen zu nennen
7
Raum auf, sondern er entwickelte sich in einer und sie darf sich nicht scheuen entsprechende
Gesellschaft, die bereits massive, z.B. antisemi- Konsequenzen zu ziehen.
tische Tendenzen aufwies. Auch dass jedEr der/
die irgendwie Widerstand gegen das Regime übte Basisgruppe Politikwissenschaft
sofort erschossen oder deportiert wurde, ist ein
Mythos der letztlich nur eine Legitimation für
die TäterInnen ist: ,,Wir konnten ja gar nicht an-
ders“.

Schuldabwehr
Diese Schuldabwehr ist in der österreichischen
(und auch deutschen) Gesellschaft nur allzu ver-
breitet und endet nicht zufällig in der Meinung,
dass nun aber wirklich genug aufgearbeitet
worden sei. Vielmehr noch muss sie, um von
sich abzulenken, selbst auf TäterInnensuche
gehen und so ist es wohl kein Zufall, dass die
TäterInnen-Opfer Umkehr in Österreich ein be-
liebter ,,Volkssport“ ist, in welchem die Opfer
des NS wieder zu den eigentlichen TäterInnen
umfunktioniert werden: Etwa in der These, dass
die Juden den Holocaust instrumentalisieren
würden, um sich daraus finanzielle Vorteile zu
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KINDERMANNS HOF
Warum das Wiener Institut für Baldur von Schirach ein, der „Wien zum kul-
Theaterwissenschaft in der Hofburg residiert turellen Zentrum des Reiches machen [woll-
und warum sich niemand darüber wundert te] und plante, die Reichstheaterwoche und
die Reichstheaterfestwochen der HJ in Wien
Das „Zentralinstitut für Theaterwissenschaft“ stattfinden zu lassen“3. Die Philosophische
war eine von neun Institutsneugründungen an Fakultät hingegen sträubte sich sowohl gegen
der Universität Wien in den Jahren 1938 bis das neue Institut als auch gegen Kindermann,
1945, neben einschlägigen Gründungen wie gab dem Ausbau anderer Bereiche, etwa der
dem „Institut für Rechtsvereinheitlichung“, Südosteuropaforschung den Vorzug, und warf
dessen Gründer und Leiter Ernst Swoboda ihm vor, kein Theaterwissenschafter zu sein,
die Erzeugung eines „einheitlich national­ was dieser zum Anlass nahm, innerhalb eines
sozialistisch durchtränkten deutschen Rechts“1 Jahres ein umfangreiches „theaterhistorisches
als wichtigste Aufgabe nach dem „Anschluss“ Werk“ vorzulegen, in dem er die „Art“ nieder-
ansah, oder des „Rassenbiologischen Instituts“, legte, „in der wir nun rassisch und volkhaft
das sowohl an der medizinischen als auch an der bedingte Theatergeschichte betreiben sollen“4.
Nach langen Kontroversen schien schließlich
eine freigewordene Planstelle an der katho-
lisch-theologischen Fakultät, sowie nachhaltige
Interventionen von Kindermann selbst und der
Reichsstatthalterschaft, die Institutsgründung
und Berufung Kindermanns als Ordinarius zu
gestatten, doch der Vorschlag der Fakultät vom
Dezember 1942 reihte Kindermann lediglich an
dritter Stelle, was zwar eine symbolische Geste
der Opposition war, den Ruf Kindermanns nach
Wien im Jänner 1943 jedoch nicht verhind­
erte. Das Institut wurde denn auch nicht an
der Universität selbst eingerichtet, sondern in
12 Räumen in der Hofburg, die von Baldur von

8 Schirach zur Verfügung gestellt wurden. Die fi-


nanzielle Ausstattung des Instituts war fürst-
lich, sie betrug mit 225.000 RM soviel wie die
Hälfte des gesamten jährlichen Sachaufwands
der Universität, was angesichts des Zeitpunkts
der Errichtung und des wohl nicht übermäßi-
gen Interesses Berlins an dieser „Konkurrenz“
erstaunlich ist5.

Heinz Kindermann hatte, bevor er Institutsleiter


wurde, bereits eine beachtliche Karriere
hinter sich. Er trat 1918 ins Ressort für
philosophischen Fakultät verankert sein sollte Volksbildung im deutsch-österreichischen
und das bisherige Institut für Anthropologie in Unterrichtsministerium ein und schuf dort eine
sich aufnehmen sollte2. Im Bereich der Geistes- Wanderbühne, die Theatergemeinschaft der
und Kulturwissenschaften sind auch noch das Bundesländer und mehrere Volksbüchereien,
„Institut für Zeitungswissenschaft“ sowie die habilitierte sich 1924 an der Universität
„germanisch-deutsche Volkskunde“ zu erwäh- Wien und ging zunächst als Professor für
nen. ­neuere Literaturgeschichte an die Technische
Hochschule Danzig, 1936 wechselte er nach
Für die Gründung des Instituts für Münster. Die Liste seiner Publikationen ist
Theaterwissenschaft setzte sich neben ­unüberschaubar lang, das Bemühen und der
Heinz Kindermann, einem österreichischen Kampf ums „Deutschtum“ ist jedoch allen
Germanisten, der zu dieser Zeit Professor an Schriften ­zwischen 1933 und 1945 anzu­
der Universität Münster war und nach dem sehen, Titel wie „Von deutscher Art und Kunst“
„Anschluss“ gerne nach Österreich zurück- (1935), „Dichtung und Volkheit“ (1937), „Rufe
kommen wollte, vor allem Reichsstatthalter über Grenzen. Dichtung und Lebenskampf der
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Deutschen im Ausland“ (1938), „Kampf um die te, über das Burgtheater zu den Salzburger
deutsche Lebensform“ (1941), „Der großdeutsche und Bregenzer Festspielen, Theaterkritikern,
Gedanke in der Dichtung“ (1941), „Ferdinand Ministerialräten und Politikern reichte. 1964
Raimund. Lebenswerk und Wirkungsraum eines schließlich konnte er die „Kommission für öster-
deutschen Volksdramatikers“(1943), sprechen reichische Theatergeschichte“ an der Akademie
für sich und beschreiben den Wirkungsraum der Wissenschaften gründen und wirkte dort
eines durchwegs „praxisorientierten“ noch weit über seine Emeritierung 1966 hin-
Geisteswissenschafters im Nationalsozialismus. aus8. Zahlreiche Festschriften zu seinem 70., 80.
„Seit den Dreißiger Jahren begleiten seine und 90. Geburtstag, sowie seine - nach wie vor
Publikationen den Weg der herrschenden na- als Standardwerke gehandelten - Publikationen
tionalsozialistischen Macht wie ein verläßlicher sichern ihm auch heute posthume Ehre und
Kommentar.“6 Wirkung. Und Generationen von StudentInnen
bewegen sich in jenen Räumen, die „einst“ der
Nach 1945 gelang ihm - nach kurzer Absenz und Reichsstatthalterschaft gehörten, ohne dass es
ohne größere Schwierigkeiten - die ­glänzende dazu irgendwo einen Hinweis gäbe.
Weiterführung seiner Karriere. Im Zuge des
Verbotsgesetzes 1945 wurde Kindermann sei- Eva Krivanec
nes Dienstpostens enthoben, konnte jedoch
1954, trotz ablehnender Gutachten und ei- Dieser Artikel erschien im Jahr 2002 in der
ner kritischen Haltung in der Öffentlichkeit, Zeitschrift Context XXI
wieder an die Universität zurückkehren, zu-
nächst als außerordentlicher Professor, 1955
bereits wieder als Institutsvorstand, 1959 als 1 vgl. Edith Saurer: Institutsneugründungen 1938-1945.
Ordinarius7. Seine Vertrautheit mit den mini- - in: Gernot Heiß, Siegfried Mattl, u.a. (Hg.): Willfährige
steriellen Gepflogenheiten und sein inniges ­Wissenschaft. Die Universität Wien 1938-1945. - Wien:
Bemühen um das „Österreichische“ in den ­Verlag für Gesellschaftskritik 1989. S.313f.
Jahren des „Wiederaufbaus“ dürften ihm eini- 2 vgl. ebenda, S.317-319.
ge Wege geebnet haben. Das Interesse konser- 3 ebenda, S.315.
vativer Kulturpolitik an einer ideologisierenden 4 Brief Kindermanns an den Dekan Christian,
„Kulturnation“-Rhetorik schien Kindermann

9
3.10.1941 zit. in ebenda, S.316.
jedenfalls bestens bedienen zu können, schon 5 vgl. ebenda, S.316f.
ab 1949 konnte er mit Unterstützung des 6 Sebastian Meissl: Wiener Ostmark-Germanistik. -
Ministeriums als „Freier Wissenschafter“ rech- in: G.Heiß, S. Mattl (Hg.): Willfährige Wissenschaft.
nen. Innerhalb weniger Jahre setzte sich das [s.o.] S.145.
Institut für Theaterwissenschaft mit ihm an der 7 vgl. Evelyn Deutsch-Schreiner: Theater im ’Wiederauf-
Spitze ins Zentrum des staatlich-institutionel- bau‘. Zur Kulturpolitik im österreichischen Parteien- und
len Theaterlebens setzen und baute ein mäch- Verbändestaat. - Wien: Sonderzahl 2001. S.290f.
tiges Beziehungsnetz auf, das vom Reinhardt- 8 vgl. ebenda, S.292-296.
Seminar, dessen Direktor Hans Niederführ
eine ganz ähnliche Karriere hinter sich hat-
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MARGRET­-DIETRICH-GASSE

Am 6. März 2007 hat der Wiener Gemeinde- Nach 1945 leugnete Margret Dietrich ihre NS-
ratsausschuss für Kultur und Wissenschaft be- DAP-Mitgliedschaft und gab sogar eine eides-
schlossen, in Floridsdorf eine Gasse nach stattliche Erklärung ab, derzufolge sie nie NS-
Margret Dietrich zu benennen. Als Be- DAP-Mitglied gewesen sei. Wie im Nachkriegsös-

10 gründung werden die Tätigkeiten Marg-


ret Dietrichs als Universitätsprofessorin,
Leiterin des Instituts für Theaterwissen-
schaft sowie als ­Direktorin des Instituts
terreich üblich, machte sich niemand die Mühe
­genauer nachzuforschen. Und selbst wenn ihre
NSDAP-Mitgliedschaft damals nach­gewiesen
worden wäre, hätte das wohl kaum größere Aus-
für Publikumsforschung der ­Österreichischen wirkungen auf ihre weitere Karriere gehabt.
Akademie der Wissenschaft angegeben. Ihre
NSDAP-Mitgliedschaft wird mit keinem Wort Denn sogar der allgemein als überzeugter
erwähnt. National­sozialist und Antisemit bekannte Heinz
Kindermann bekam bereits im Jahr 1954 seinen
Noch immer sind viele Straßen in Wien nach Lehrstuhl zurück und leitete das Institut für
NationalsozialistInnen und AntisemitInnen be- Theaterwissenschaft bis zu seiner Emeritierung
nannt und die Stadt Wien hat sich in den letzten im Jahr 1966. Danach übernahm Margret Diet-
Jahren - bis auf wenige Ausnahmen – geweigert, rich bis 1983 die Leitung des Instituts.
diese Straßen umzubenennen oder wenigstens
auf Hinweisschildern kritisch zu kommentieren. Dietrich schaffte es, ihre NSDAP-Mitglied-
Eine neue Straße im Jahr 2007 einem NSDAP- schaft bis zu ihrem Tod im Jahr 2004 zu
Mitglied zu widmen, ist jedoch an Dreistigkeit ­verheimlichen.
kaum zu überbieten.
In einem Nachruf, der noch heute auf der
Die 1920 in Lippstadt (Westfalen) geborene Homepage der Akademie der Wissenschaften
­Margret Dietrich trat bereits 1933 in den Bund abrufbar ist, wird Margret Dietrich in höchsten
deutscher Mädchen ein. 1938 wurde sie Mitglied Tönen gelobt. Hervorgehoben wird ihre Warm-
der NSDAP. Gemeinsam mit Heinz Kindermann herzigkeit, die Förderung interdisziplinärer For-
baute sie ab 1942 im Zuge der nationalsozialis- schungsansätze sowie ihr Einfluss auf die Kom-
tischen Wissenschaftspolitik das Zentral­institut mission für Theatergeschichte an der Akademie
für Theaterwissenschaft in Wien auf, dass der Wissenschaften, „deren Programm sie un-
schließlich 1943 offiziell gegründet wurde. ter Einbeziehung komparatistischer Methoden
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vor allem in Hinblick auf die Multikulturalität


der ­Regionen ausweitete“1. Ihr bereits damals
für jede/n interessierte/n LeserIn ihrer Disser­
tation2 nachvollziehbarer Antisemitismus, wird
hingegen mit keinem Wort erwähnt.

Dass in Wien-Floridsdorf nun doch keine Gasse


mehr nach Margret Dietrich benannt ist, kann
sich weder das Institut für Theater-, Film- und
Medienwissenschaft, noch die Österreichische
Akademie der Wissenschaften auf die Fahnen
schreiben. Lediglich einzelne Lehrende – hervor­
zuheben ist hier insbesondere Birgit Peter –
setzten­ sich, gemeinsam mit der Basisgruppe
Theater-, Film- und Medienwissenschaft, für
eine neuerliche Umbenennung ein. Nachdem
mehrere­ Zeitungen und die Grünen in Florids-
dorf, die Margret-Dietrich-Gasse öffentlich the-
matisierten, konnte eine Neubenennung der ge-
planten Verkehrsfläche erreicht werden.

Am 7. Oktober 2008 beschloss der Gemeinde-


ratsausschuss für Kultur und Wissenschaft, die
Margret-Dietrich-Gasse in Helene-Richter-Gasse
umzubenennen. Helene Richter war Anglistin
und Theaterwissenschaftlerin. Sie starb 1942
im Konzentrationslager Theresienstadt.

Noch heute ist das am Institut für Theaterwis-


senschaft vorherrschende Bild von Margret
Dietrich in höchstem Maße verklärt. Auf der
Homepage des Instituts ist von ihr lediglich als
Wissenschaftlerin die Rede, „die das Fach inhalt-
lich und methodisch entscheidend rekonzeptu-
alisiert“3 hat. Ihre NSDAP-Mitgliedschaft wird
auf der offiziellen Webpräsenz des Instituts für
Theater-, Film- und Medienwissenschaft ebenso
verschwiegen, wie ihre antisemitischen und ras-
sistischen Schriften vor und nach 1945.

Florian Wagner

1 Österreichische Akademie der Wissenschaften, „Margret


Dietrich (19. Februar 1920 – 17. Januar 2004)“, http://
www.oeaw.ac.at/kkt/mitarbeit/gro/nachruf.pdf, ­­­­­­­­­­
4. Februar 2009
2 vgl. Margret Dietrich, „Wandel der Gebärde auf dem deut-
schen Theater vom 15. zum 17. Jahrhundert. Vom Spät­
mittelalter zum Barock“, Universität Wien 1944
3 Institut für Theater-, Film-, und Medienwissenschaft,
„Das Institut“, http://tfm.univie.ac.at/institut/, 4. Februar
2009
Flyer zur Ausstellung, Podiumsdiskussion und Fachhistorischen Tagung Seite 1
Flyer zur Ausstellung, Podiumsdiskussion und Fachhistorischen Tagung Seite 2
Tagungsprogramm Mittwoch, 7. Mai 2008

Tagungsprogramm Donnerstag, 8. Mai 2008


Tagungsprogramm Freitag, 9. Mai 2008

Tagungsprogramm Samstag, 10. Mai 2008


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Stellungnahme der bagru thewi zur Podiumsdiskussion vom 7. Mai 2008


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Flyer zur Diskussionsveranstaltung „Theaterwissenschaft und Postnazismus“


der bagru thewi am 16. Juni 2008
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

„Wissenschaft nach der Mode“?


Die Gründung des
Zentralinstituts für
Theaterwissenschaft
an der Universität
Wien 1943
Ein Projektbericht.

Im Herbst 2007 star-


tete im Rahmen des
Forschungssemi-
nars Theaterhistorio­
graphie und Archiv
die Arbeit an der Aus-
stellung „Wissenschaft
nach der Mode“?
­Anlass war der 65. Jah-
restag der Instituts­
gründung, die Idee
entstand aufgrund der
Fülle an aufgefunde-
nen Dokumenten in
Zusammenhang mit
der Rekonstruktion­
des Archivs TFM. Mit
Stefan Hulfeld war
eben die Planungs­
phase der fachhisto-
risch orientierten
Tagung Theater­

18 wissenschaft im
20. Jahrhundert
abgeschlossen
worden und die
Notwendigkeit einer
intensiven Auseinan-
dersetzung mit der
eigenen Geschichte
gerade von Wien aus
diskutiert worden. Das
Medium „Ausstellung“
erschien Martina Cuba
und mir als geeignet einer breiteren Öffentlich-
keit diese Materialien vorzustellen. Die intensi- So stellen die Gründung und die Wahl der Räu-
ve Einbindung von ­Studierenden war Voraus- me in der Hofburg erste Beleg der prekären
setzung, da die kritische Auseinandersetzung politischen Dimension dar. Denn es muss in
mit der Institutsgeschichte seit 1945 wesentlich Erinnerung gerufen werden, dass 1943 ein un-
durch Studierende­geleistet wurde.1 Als Rahmen gewöhnliches Datum ist, um ein neues Institut
­wurde das Forschungsseminar gewählt und in einzurichten. So war diese Gründung auch durch
einer Kombination aus Team- und Kollektivar- hohe politische Protektion, seitens des Reich-
beit die Ausstellung sowie der Katalog produ- statthalters und Gauleiters von Wien, Baldur
ziert2. von Schirach und seitens des Reichserziehungs-
ministers Bernhard Rust, durchgeführt worden.
Zentrale Ausgangsfrage des Projektes war, wie Daran schließt die zweite Ausgangsfrage an, wie
kann Wissenschaftsgeschichte dar- und aus­ der Protagonist dieser Gründung, der bisher vor
gestellt werden? Als Orientierung diente uns zu- allem als NS-Literaturwissenschaftler rezipier-
erst, von der Geschichte des Ortes auszugehen.­ te Heinz Kindermann, einzuschätzen ist und
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

welchen Wissenschaftsbegriff er vertrat. Dazu der und ­gegenübergestellt. Wir wollen damit
analysierten wir die bereits vorhandene Litera- ­ ewusstsein für Zeugnisse und ­Dokumente
B
tur, arbeiteten die am Institut zurück­gelassenen durch die ­Veranschaulichung ­anregen, und Ben-
Materialien auf, die als Originale beispielhaft­ jamins Einschätzung aus dem Jahr 1931 von
in dieser Ausstellung gezeigt werden und Heinz Kindermanns Wissenschaftsgestus als
­recherchierten im Österreichischen Staats­archiv, „Wissenschaft nach der Mode“ reflektieren. Die
im Universitätsarchiv, im Dokument­ationsarchiv am Eröffnungstag angesetzte Podiumsdiskussi-
des österreichischen Widerstandes, in der Wien- on im Audi Max sollte­die Positionen verschiede-
bibliothek, dem Theatermuseum und der Thea- ner Generationen zur ­NS-Vergangenheit des In-
tersammlung der ÖNB. Was wir auf­gefunden ha- stituts versammeln. Ausstellung und vor allem
ben, wobei die Schwerpunkte auf dem Wissen­ die Podiums­diskussion hatten eine intensive
schaftsbegriff, ­NS-Wissenschaftspolitik und Auseinandersetzung mit der ­NS-Vergangenheit
dem Studien­alltag 1943 liegen, montierten wir des Instituts zur Folge. Die Basisgruppe führte­
angeregt durch Aby Warburgs Mnemosyne- den Diskurs weiter, indem sie die Thematisierung­
System. Denn der Ort soll als Erinnerungsort von Heinz Kindermanns Rolle um die seiner As-
skizziert werden. Vor allem im Raum „Ikonen?“ sistentin und späteren Nachfolgerin Margret
werden verschiedenen­ Schichtungen von Erin- Dietrich ­erweiterten. Sie recherchierten, dass
nerung und daraus ­resultierende Vorstellun- in Wien 2006 eine Gasse nach Margret Dietrich
gen von Gedächtnis thematisiert. Ausgehend benannt worden war und forderten die Umben-
von den Sammlungen des Instituts, die wir im ennung. Obwohl 2005 bereits bei Hilde Haider
Zuge dieses Projekts wieder aufgefunden ha- Pregler ihre NSDAP Mitgliedschaft publiziert
ben, ­werden vergessene und unvergessene worden war3, wurde diese von der zuständigen
Ikonen der Theater­wissenschaft nebeneinan- Behörde nicht wahrgenommen. Mit 13 Jahren

19
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

trat sie in die HJ ein und hatte dort bis 1942 des von der Antike bis zur ­Goethezeit“ heißt
verschiedene Positionen wie Jungmädelführe- dann 1952 ihre Publikation6. Als grund­legendes
rin, Kreis­schulungsreferentin und Ringführe- Werk wird von ihr in der Einleitung Kinder-
rin inne, 1938, als 18jährige wurde sie NSDAP- manns 1932 veröffentlichtes Werk, „Goethes
­Mitglied. NS-Ideologie und Antisemitismus fin- Menschengestaltung“ ­an­ge­geben,­­ jener Band
den sich in einem erhalten gebliebenem Referat mit dem Kindermann seine literaturhistorische
Dietrichs bei Kindermann aus dem Jahr 1941, Anthropologie vorstellte. Hier betonte er das
das wir in den Beständen am Institut aufgefun- „stammesgemäße“ als ­wesentlichste Kategorie
den haben, ebenso in ihrer Dissertation­ 1944. der Literaturforschung sowie die Bedeutung von
Bei ­Kindermann und ­Nadler schrieb sie über den Physiognomik und Charakterologie7.
„Wandel der Gebärde auf dem deutschen Thea-
ter vom 15. zum 17. Jahrhundert“. In der Einlei- Dietrich setzte ihre wissenschaftliche Karrie-
tung betont Dietrich die „Rassenpsychologie“ als re in Wien fort. Da sie deutsche Staatsbürgerin
notwendige Hilfs­wissenschaft. Ihr Geschichts- war, musste sie sich nicht in Österreich den
bild beschreibt sie als organisch-völkische Auf- Entnazifizierungsbehörden stellen Dies mag
fassung von Ver­gangenheit, die Gebärde wird dazu beigetragen haben, dass Dietrichs Behaup-
nach den Kriterien „ständische Zugehörigkeit“, tungen nach 1945 niemals der NSDAP angehört
„Zeitgeschehen und irrationale­Zeitströmungen“­ zu haben und keinerlei ideologische Nähe zum
und „Ausdruck der Rasse“ untersucht4. Im Jän- ­Nationalsozialismus empfunden zu haben, nicht
ner 1945 füllt sie für das Nachwuchsamt des überprüft wurden. Die Gasse wird nach den
Reichsforschungsrates einen Fragebogen für letzten Meldungen auf unseren Vorschlag nach
Dozenten-Nachwuchs aus. Sie gibt als Habili- der Theaterkritikerin und Theater­historikerin
tationsvorhaben folgenden ­Titel an: „Das Pro- ­Helene Richter8 benannt werden.
blem der Menschengestaltung in den Schriften
der europäischen Dramaturgie“.5 „Europäische­
­Dramaturgie. Der Wandel ihres Menschenbil- Birgit Peter

20
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

1 Thomas Arzt, Paul M. Delavos, Sylvia Anna Ertl, Kathrin 8 Helene Richter (1861 – 1942) wuchs mit ihrer Schwe-
Feichtinger, Caroline Herfert, Lukas Hochrieder, Veroni- ster Elise in einem behüteten jüdischen Elternhaus in
ka Holzmann, Klaus Illmayer, Julia Jennewein, Birgitte Wien auf. Sie besuchten keine öffentliche Schule, son-
­Kenscha-Mautner, Ester Kocarova, Claudia Mayerhofer, dern wurden von einer Gouvernante privat unterrich-
Gerald Piffl, Inge Praxl, Alexandra Riegler, Gabrielle Ségur- tet. Helene Richter war zeitlebens durch verschiedene
Cabanac, Gertrude Elisabeth Stipschitz, Gerald Tschank. Krankheiten gezeichnet, teilweise ans Bett gefesselt. Sie
2 Birgit Peter und Martina Payr (Hg.): „Wissenschaft bildete sich durch ­autodidaktische Studien sowie Vorle-
nach der Mode“? Die Gründung des Zentralinstituts für sungen an der Universität Wien. Ihr Interesse lag neben
­Theaterwissenschaft an der Universität Wien 1943. Wien: einer Auseinander­setzung mit Mary Wollstonecraft vor
LIT 2008. allem auf den ­Gebieten ­englische Literatur, Schauspiel-
3 Hilde Haider-Pregler: Die frühen Jahre der Theater­ kunst und Burgtheatergeschichte. Für die Shakespeare
wissenschaft an der Universität Wien. In: Margarete Jahrbücher schrieb sie ­zahlreiche Theaterkritiken, den
­Grandner, Gernot Heiss und Oliver Rathkolb (Hg.): Zukunft Schau­spielerInnen ­Charlotte Wolter, Josef Lewinsky, Adolf
mit Altlasten. Die Universität Wien 1945-1955. Innsbruck von Sonnenthal, Josef Kainz u. a. widmete sie intensive
[u.a.] StudienVerl. 2005, S. 137-155. biographisch-­ästhetische Studien. 1918 wurde ihr Band
4 Anne-Margret Dietrich: Wandel der Gebärde auf dem deut- Unser Burg­theater veröffentlicht. „Das Lobenswerte auf an-
schen Theater vom 15. zum 17. Jahrhundert. Universität­ deren ­Theatern ist im Burgtheater gerade nur mittelmäßig“
Wien: Diss. 1944, S.7. schrieb sie darin. 1931 wurde Helene Richter das Ehren-
5 UAW Dietrich 1480 fol 1-4. doktorat der Universität Heidelberg verliehen. Im Oktober
6 Margret Dietrich: Europäische Dramaturgie. Der Wandel 1942 wurden Helene und Elise Richter nach ­Theresienstadt
ihres Menschenbildes von der Antike bis zur ­Goethezeit. deportiert. Helene Richter starb im ­November an den
Wien: Sexl 1952. ­Folgen der ­Deportation.
7 Vgl. Birgit Peter: „Wissenschaft nach der Mode“. Heinz Kin-
dermanns Karriere 1914-1945. Positionen und Stationen.­
In: Birgit Peter und Martina Payr (Hg.): Wissenschaft nach
der Mode. Wien: Lit 2008, S. 15-51, S. 32.

21
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

IM GEHEGE DER PHRASE


Einige theoretische Reminiszenzen gen, eine Methode, die sich vom grassierenden
Relativismus der Gleichgültigkeit durch ihre
Kritische Analyse und persönliche Erinnerung Bestimmtheit und Kompromisslosigkeit deut-
stehen in einem Spannungsverhältnis zueinan- lich unterschied. Für Paul Stefanek spielten
der. Im besten Fall kann das dazu führen, die Texte der Kritischen Theorie eine Rolle, ohne
Analyse nicht ohne Reflexion auf die eigene dass er sich dabei – was damals nicht selten ge-
Subjektivität vorzunehmen und zugleich wie- wesen wäre – zum ergebenen Interpreten ge-
derum die eigene Position aus den historischen macht hätte. Vielleicht ging von diesen Werken
Bedingungen zu verstehen. Wenn VertreterInnen seine intellektuelle Energie aus, die sich nicht
der „Basisgruppe“ mich hier eingeladen ha- auf das festlegen ließ, was manche von uns –
ben, einige Zeilen zum wichtigen Thema und ich gehörte auch dazu – als Standpunkt,
„Theaterwissenschaft und Postnazismus“ bei- Praxis, Weltanschauung einforderten. Indem
zusteuern, dann scheint mir die Verbindung er uns Schriften von Adorno, Horkheimer,
von Theorie und Subjektivität angebracht. Benjamin oder Szondi nahebrachte, einen
Hegel-Arbeitskreis schuf, Karl Kraus vorlas,
Bewegt von den aufklärerischen Erosionen aber auch ein erstes Brecht-Seminar veranstal-
der frühen 80er Jahre und vom Bewusstsein tete und Gedanken der Theaterwissenschaft aus
unbedingter Dissidenz zum Konsens der der DDR einbezog, trieb er uns eigentlich weg
Verschleierung, war ich als Student 1981 Co- vom Institut ins Offene, brachte uns dazu, ande-
Autor der Publikation „Theater-wissenschaft re „Fächer“ zu studieren und die Phrasen oder
und Faschismus“. Als Mitglied der damaligen Buchhaltereien derjenigen zu belachen, denen
„Basisgruppe“ empfand ich, so wie die anderen die Theaterforschung zur Karrieretechnik ge-
wohl auch, die Situation am Institut als bedrücc- worden war. Und er hielt uns doch am Institut,
kend, das „Tabu“ – so nannten wir den Umgang denn wir wollten mit ihm in Kontakt bleiben.
mit dem Nationalsozialismus – äußerte sich Stefanek war der Schöpfer des Tutoriums, da-
nicht nur im Verschweigen, sondern in einem mals ein Akt der Unbotmäßigkeit gegen die au-
Reden, in dem das Verschwiegene mitsprach. tokratischen Strukturen und von der Leitung be-
Das alles habe ich damals erst langsam kämpft. Jedem und jeder einzelnen dieser ersten
begriffen. Aber wo das Bedrückende (von ihm wie gleichberechtigte Lehrbeauftragte

22 und Unerträgliche herrscht, wächst die


Angriffslust und das Gelächter, und ich
erinnere mich, dass es in- und außerhalb
des Geheges viel zu lachen gab, ein Lachen
behandelten) TutorInnen, zu denen ich zähl-
te, schenkte er am Ende ihrer Tätigkeit ein

auf dem zugeschütteten Graben. Auch wurde


damals am Institut – trotz der Dominanz der
Ordinaria und des im Hintergrund werkenden
Emeritus – in den unteren Rängen nicht mit
einer Stimme gelehrt, es gab unterschiedliche
Stimmen, worüber sie sprachen oder nicht spra-
chen, musste herausgehört werden.

Eine Stimme ist wohl bei vielen, die damals stu-


dierten und sich um Alternativen im Politischen
wie Sprachlichen bemühten, bis heute nicht
verklungen, die Stimme von Paul Stefanek, der
ein besonderer Lehrer war. Sein Bemühen um
ein dialektisches Verstehen, sein Aufwerfen
gesellschaftlicher Fragen und seine Distanz
zu phraseologischer Geistesgeschichte und
bravem Positivismus waren im Rahmen des
Instituts als widersetzliche Haltung wahrnehm-
bar. Seine Vorlesungen und Seminare waren von
einer dialektischen Immanenz geprägt, die die
Widersprüche im Inneren eines Gegenstandes
aufsucht, und sie strebten nach dialektischer
Vermittlung von Positionen, die auseinanderla-
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

Exemplar von Adornos „Minima Moralia“; man- Weiterwirken von einschlägigen Ideen in den
che haben darüber gelächelt, da die Schrift als Schriften von Kindermann und Dietrich auch
zuwenig praktisch galt – und dazu gehörte auch ein großes Problem für die Gegenwart blieb und
ich, der sich heute für dieses Lächeln schämt. dahingehend zu analysieren ist. Das wäre im-
Das Gewicht dieses Geschenkes habe ich erst mer wieder kompromisslos zu versuchen, kom-
später verstanden. Obwohl Paul Stefanek es promisslos gegenüber einer Neutralisierung, die
vielleicht selbst nicht so beabsichtigte und es mit den Jahreszahlen das Problem zum histori-
schen macht, aber auch gegenüber den schicken
Verwertungen wie sie sich in den 70er und 80er
Jahren durch Ästhetisierung (Syberberg) und
Männergruppen-Psychologie (Theweleit) zeig-
ten. Kritik an der Unvollkommenheit der Schrift
von uns AnfängerInnen habe ich öfter schon
geübt, für diesen Zusammenhang hier möch-
te ich einmal den eklektizistischen Umgang
mit Theorien beim Versuch gesellschaftlicher
Analyse nennen: Ohne Differenzen festzuhal-
ten, wurden von uns Wolfgang Fritz Haug, Karl
Marx, Friedrich Engels, Theodor W. Adorno, Max
Horkheimer, Walter Benjamin, Georg Lukács,
Albert Klein, Jochen Vogt und Reinhard Kühnl
herangezogen. Letzterer, der die Theorie vom
Faschismus als Diktatur des Monopolkapitals
tradierte und verbreitete, fungierte damals häu-
fig als Ausweis dafür, dass man sich auf der
richtigen Seite vermutete. Dass ihm in seinem
Buch „Faschismustheorien“ der Antisemitismus
und die Ermordung der Juden und
Jüdinnen nur einen Exkurs wert gewesen
ist, erzeugte jedoch eine Gefangenheit
im Postnazismus und muss heute er-
schrecken. Ich selbst habe mich nach dem
Abschluss der Broschüre mit Exilliteratur
23
und Exiltheater zu beschäftigen begonnen, und
von hier aus neu gelernt.

Für die Frage nach dem „Postnazismus“ ist


Adornos Bemerkung in seinem 1959 gehal-
tenen Vortrag „Was bedeutet: Aufarbeitung
der Vergangenheit“ zentral: „Ich betrachte
das Nachleben des Nationalsozialismus in der
schon gar nicht so formuliert hätte, war es doch Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das
de facto ein Geschenk, das eine intellektuelle Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die
Gegnerschaft zum Geist des Postnazismus ein- Demokratie“. Die Begriffe „Postfaschismus“ oder
schloss. „Postnazismus“ bezeichnen sinnvoll verwendet
nicht nur die unmittelbaren Nachkriegsjahre, die
Die studentische Arbeit „Theater-wissenschaft ja gerne als „unmodern“ und „kleinbürgerlich“
und Faschismus“ sollte ein Bruch mit all dem beschrieben werden, um sich dann leicht davon
Lavieren und Vertuschen sein, das zu erleben distanzieren zu können, sondern beziehen sich
war. Die treibenden Impulse dieser Schrift auf gesellschaftliche Verhältnisse und ein gesell-
scheinen mir bis heute richtig, nämlich die schaftliches Bewusstsein. Damit ist eine tiefere
Erkenntnis, dass der Nationalsozialismus aus Problematik benannt, die ihre Aktualität nicht
den gesellschaftlichen Verhältnissen hervor- verloren hat. Das „Post“ kann für uns bis ­heute
gegangen war, die als kapitalistisch zu benen- nichts Beruhigendes haben, als hätte sich mit
nen man sich nicht scheuen sollte, dass 1945 dem Vergehen der Jahre das Problem von selbst
keineswegs alles vorbei war und dass das gelöst. Die Auseinandersetzung mit der natio-
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

nalsozialistischen Theaterwissenschaft lässt freit, diese Verbindungen analytisch zu durch-


sich nicht als kurzer Besuch einer Geisterbahn dringen. Schon ein kleiner Rundgang durch die
absolvieren, wo man sich nach dem Schaudern Schriften nach 1945 aber zeigt die verkleideten
wieder der Grottenbahn in Form einer zivilisier- Denkmäler des Grauenhaften im Triumph der
ten Theatergeschichte zuwendet. Phrase: Ein Antiintellektualismus, in dem sich
ein unausgesprochener Antisemitismus findet,
Heinz Kindermann war kein Borodajkewycz – je- eine stete Anrufung des Gemeinschaftlichen,
ner Professor an der Hochschule für Welthandel, die Archaisierung des Theatralen über den
der wegen seiner antisemitischen Invektiven Mythos eines rauschhaften Anfangs, ein exi-
in den 60er Jahren direkt zu entlarven war –, stentialistisch getönter Pantragismus, der den
sondern ein Beispiel für die Metamorphosen im Opfergedanken perpetuiert und das Geschehene
Postnazismus. So konnte die Situation entstehen, damit wie in einem Bildungsroman rechtfer-
dass zahlreiche Kritiker Kindermanns, die seine tigt, die Formel vom „Kräftespiel der Völker“,
nach 1945 erschienenen Schriften in einen engen mit dem die Vorstellung von den separier-
Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus ten Volkskörpern historisch gewandet wurde,
brachten, als Übertreiber und Untersteller an- das plötzliche Postulat einer österreichischen
gesehen wurden. Aber es ist umgekehrt: Nicht Kleinmenschlichkeit, mit der die behauptete
wahnhaft ist es, stets nach dem Kontext zum Ohnmacht verklärt und als Legitimation für
Nationalsozialismus zu fragen, sondern wahnhaft das Hinnehmen der Verbrechen funktionalisiert
ist es, dies nicht zu tun. Solcher Zusammenhang wurde. Die Opfer-Bejahung, um hier ein Element
nämlich ist in Kindermanns Schriften nach hervorzuheben, bezog sich bei Kindermann
1945 überall greifbar und offenkundig, was im Nationalsozialismus auf Kriegstod und
einen freilich nicht von der Anstrengung be- Verfolgung der Juden und Jüdinnen, ohne dass

24

Heinz Kindermann hat in diesem Ordner Materialien über kritische Studierende gesammelt.
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

er dies jeweils direkt zu benennen brauchte. Die Margret Dietrichs Buch „Das moderne Drama“
spätere Feierung und Bejahung des Opfers in (1961) fort, worin sie einem trivialisierten
den Schriften nach 1945 steht im Banne dieser Existentialismus als „Dekorateurin“ diente, um
Vorstellung, ihre Beredsamkeit im Vagen und ein Wort Walter Benjamins abzuwandeln, das
ihre Sprachlosigkeit im Konkreten sind Formen dieser bekanntlich 1931 in seinem Verriss von
der Verschleierung und des Anknüpfens. Kindermanns Buch „Das literarische Antlitz
Der Glaube, dass mit einem anderen Gesicht der Gegenwart“ verwendet hatte. Wer solcher,
auch alles anders wurde, gehört zu einem als Modernität dargebotenen, Ideologie der
Nebel, der sich erst langsam lichtet. Bei Margret Unterwerfung nicht folgte, etwa durch Kritik,
Dietrich, die bereits am NS-Zentralinstitut erschien als der eigentliche Unmensch, der sich
Kindermann zur Seite gestanden hatte, war das gegen die positive Menschlichkeit richtet.
große Vorbild Kindermann bis ins Sprachliche
erkennbar und seine zwischen 1957 und 1978 Die Publikationen Margret Dietrichs zu über-
erschienene Theatergeschichte Europas fun- blicken, und ihre Sprünge nachzuzeichnen,
gierte als Grundlage ihrer Vorlesungen. Die wäre gewiss mühsam. Die oft gepriesene späte-
stets Begeisterung demonstrierende Redeweise re Innovationsfreudigkeit von Margret Dietrich
war mit einer Gleichgültigkeit gegenüber den lässt sich als stete Ausweichbewegung gegen-
wesentlichen Fragen der Epoche verknüpft. über gesellschaftlichen Fragen verstehen, die
Dem widerspricht nicht, dass Kindermann und immer lauter von außen gestellt wurden, und zu
Dietrich mit einigen aus dem Exil zurückge- denen die – von ihr nie offen gestellte – Frage
kehrten ExilantInnen Kontakte pflegten und sie nach dem Nationalsozialismus wohl nicht die ge-
zu BeiträgerInnen von „Maske und Kothurn“ ringste gewesen ist. Die Wendung zum Heutigen
machten. Der Antiintellektualismus in Margret wurde zum Signum des Unschuldigen, als sei
Dietrichs Studie „Episches Theater?“ (1956 in nicht im Gegenwärtigen das Vergangene vor-
„Maske und Kothurn“ veröffentlicht), die sich handen. Dabei diente die fröhliche Innovation
gegen Bertolt Brecht richtete, war nicht nur dem dem Vergessen und ist nicht von diesem zu
Antikommunismus der 50er Jahre geschuldet, trennen.
sondern in ihrer Apologie des Irrationalismus
von älterer Prägung. Die Schrift ist ebenso wie an- Peter Roessler
dere Publikationen von einer ständigen Berufung
auf den Menschen gezeichnet, die meist in den
Appell mündet, Not und Leid im Sein anzuneh-
men und sich mutig zu unterwerfen. Diese nicht
25
erst nach 1945 als humanistische Fassade wir-
kende Rede vom großen Einverständnis war aus
Begriffen wie „Persönlichkeit“, „Verantwortung“,
„selbstgemäßes Leben“ oder gar „Einsatz des
Lebens“ errichtet. Das Lied der Unterwerfung
gegenüber höheren Mächten setzte sich auch in
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

POSTNAZISTISCHE ANSTALT
Lehrjahre zwischen Jargons – am Beispiel der gelingt, sie verkennen zu lernen.“ Dieses „eh“
Theaterwissenschaft baute die Kultur wieder auf und schrieb Wissen-
schaftsgeschichte: „Es mag an der Wesensart
der Österreicher liegen“, erläuterte frohgemut
In memoriam Heinz Kindermann 1961, „an ihrer sehr beweg-
Paul Stefanek lichen, leicht anpassungsfähigen Art, das Leben
zu meistern und sich selbst zu inszenieren,
dass sie sich der Kunstform des Theaters näher
I wissen als viele anderen Völker, auch näher als
viele andere Angehörige des deutschen Sprach-
Das Institut für Theaterwissenschaft in Wien, gebietes.“2
wie ich es Ende der siebziger Jahre kennenlernte,
erfüllte nicht nur allgemein die Kriterien ­einer In bestimmter Hinsicht aber war das Insti-
postnazistischen Anstalt. Der familiäre Charak- tut des anpassungsfähigsten aller Professo-
ter, der hier den Ton angab; die unabwendbare ren von ­Anfang an als postnazistisches kon-
Nähe und Vertrautheit im Umgang, noch in der zipiert ­worden. Kindermann hatte bei seiner
Intrige und im Hass – all das stellt sich retro- ­Gründung die gesamteuropäische „völkerver-
spektiv als minutiös ausgeführtes Abbild einer bindende“ Orientierung der Forschung betont –
Nation dar, die zunächst wesentlich in der Fähig- als ­„Bei­trag­­ zum Werden des neuen Europas“3:
keit bestand, „sich klein“ zu machen (Jean Amé- sie entsprach genau der völkerverbindenden,
ry)1, um nach dem nazistischen Größenwahn als ­gesamteuropäischen Endlösung der Judenfra-
„erstes Opfer“ Hitlerdeutschlands durchzuge- ge. Carl Schmitt schrieb auch schon 1939 von
hen. Das brachte die BürgerInnen einander nä- der „großen politischen Idee, der Achtung jedes
her, näher etwa als in Volkes als einer durch
Westdeutschland, so Art und Ursprung,
nahe, dass jede bür- Blut und Boden
gerliche Distanz in ­bestimmten Lebens-
den öffentlichen wirklichkeit“4, und die-
Beziehungen se Lebenswirklichkeit,

26 zuschanden ge-
hen konnte. Die
Enge, die einen
geistig fast ersti-
die den europäischen
„Völkern“ zugestan-
den wurde, war nur
ein anderes Wort für
cken ließ, lag demnach die Vernichtung, die
sowenig an der geo- auf ein einziges Volk –
graphischen Kleinheit das „Gegenvolk“, den
des Landes wie die „Völkerfeind“, „die
Atmosphäre am Insti- jüdische Gegenrasse“
tut an den eigenartig (Alfred Rosenberg)5
angelegten Räumlich- – zielte, so wie der
keiten in der Hofburg, ­nationalsozialistische
die aber dafür wie ge- Rassismus letztlich
schaffen sind. Sie re- die einzelnen „Völker“
sultierte aus dem Ver- jeweils einstufte nach
hältnis zu den gemein- ihrer Bereitschaft und
schaftlich begangenen Fähigkeit, zu dieser
Verbrechen, dessen Vernichtung beizu-
singuläre Verlogenheit tragen. Völkerverbin-
nur Karl Kraus ahnen dung im Namen der
konnte: „Mit einem Ausrottung der Juden
frohgemuten ‚Wir ken- und Jüdinnen: dar-
nen uns ja eh’‘ stellen auf beruhte auf inter-
sich die Wiener Per- nationaler Ebene die
sönlichkeiten vor, und national­sozialistische
es braucht lange Zeit, Politik – und wurde
bis es unsereinem zum unabgegoltenen
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

Erbe einer Europäischen Union, der Hisbollah-


Führer als Verhandlungspartner gelten.

Die Arbeiten zur Theatergeschichte Europas,


die Kindermann dann Ruhm und Anerkennung
brachte und die noch nach seiner Emeritierung
als Pflichtlektüre galt, begannen zu dieser Zeit
der Institutsgründung. Was immer auch der
postnazistischen Gesellschaft Wohlstand und
Kultur einbringen konnte, es beruhte auf den
Resultaten des Massenmords an den Juden und
Jüdinnen. Als „sekundäre Volksgemeinschaft“6
kann sie aber begriffen werden, insofern sie aus
diesem einzigartigen politischen Verbrechen
auch ihre ideologische Einheit gewonnen hat
und es gleichwohl nur auf ‚verschobene‘ Weise
zur Sprache bringen durfte. Das vielzitierte Ver-
schweigen war demnach von Anbeginn sehr ge-
schwätzig, Adorno nannte die erste Ausprägung
davon den Jargon der Eigentlichkeit,7 und in
der besonders ausgeprägten postnazistischen
Anstalt in Wien wurde er auch besonders aus-
dauernd gesprochen, noch lange, nachdem er in
Westdeutschland desavouiert war.

So war die Sprache das Schrecklichste, wenn


man an diesem Institut zu studieren begann:
sie bewahrte dessen Ursprung auf und ver-
deckte ihn zugleich. Dazu gehörte nicht zuletzt
der antikapitalistische Wahn, der ständig nach
Verkörperung und Personifizierung aller als
negativ empfundenen Erscheinungen der bür-
gerlichen Gesellschaft strebt. Nur durfte eben
jetzt vom Juden „in seiner ganzen böswilligen II
Freundlichkeit, seinem berechnenden Geiz und
seiner unterwürfigen Niedrigkeit“ (Margret Diet- Mit der Broschüre Theater-Wissenschaft und
rich 1944) nicht mehr die Rede sein, und darum Faschismus haben Monika Meier, Peter Roessler
waren es „Dämonen“, die einen verfolgten und und ich 1982 den Versuch unternommen, die
die es abzuwehren galt, sie können „die Namen Ursprünge dieser Sprache freizulegen. Aller-
Diktatur, Wirtschaftswunder, das Nichts, Ein- dings erlagen wir dabei in mancher Hinsicht der
samkeit, Ohnmacht oder götterloser Himmel Suggestion eines anderen Jargons, den man mit
tragen“; Aufgabe des Theaters aber sei, „uns Jean Améry den Jargon der Dialektik9 nennen
hinterher aufatmen [zu] lassen, damit wir mit könnte.
befreiter Brust das Joch der Dämonen wieder
auf die Schultern nehmen können; dann werden Die Kritik Amérys traf im Kern nicht die Spra-
wir von ihnen nicht erwürgt.“ (Margret Dietrich che Adornos, die sie zitiert, sondern die ih-
1963)8 Hier ist dieser postnazistische Jargon auf rer Adepten, die sie verballhornten. Denn was
den Punkt gebracht: man kann den Juden und Améry hier wesentlich als Jargon galt, war ein
Jüdinnen Auschwitz nicht verzeihen, aber weil neues geschwätziges Schweigen über die Tä-
man nicht wagt, das auszusprechen, wie sollte terInnen, MitläuferInnen und ZuschauerInnen
man es auch begründen, werden die „Dämonen“ der politischen Verbrechen; dass eine missrate-
herbeibeschworen. ne Dialektik die Unterschiede zwischen Opfern
und ­TäterInnen verwische, indem sie immer
nur vom Ganzen als dem Unwahren schwadro-
niere. Und die Rezeption von Adornos Texten
ging wirklich in diese Richtung. Die inneren Wi-
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

dersprüche der kritischen Theorie zur Sprache


zu bringen, hatte kaum jemand Interesse oder
Mut – und so entstand aus ihr ein Jargon, den
auch schnoddrige­ Spiegel-RedakteurInnen und
dümmliche UniversitätsdozentInnen spielend
handhaben konnten.

Aber zum Glück gab es auch die Seminare und


Vorlesungen von Paul Stefanek. Er war zu dieser
Zeit vielleicht überhaupt der einzige in Wien,
der die kritische Theorie in der Reflexion ihrer
eigenen Widersprüche vermitteln konnte (und
woanders war die Situation kaum besser, auch
nicht in Westberlin, wie ich erfahren musste).
Wie merkwürdig eigentlich, dass er Theaterwis-
senschaft lehrte. Nicht zufällig war Stefanek
auch der einzige, der am Institut mit der Ordi-
naria Dietrich in einen offenen Konflikt trat, so
dass er nicht mehr ins postnazistische Gefolge
passte, dem Birbaumer, Greisenegger, Haider-
Pregler weiterhin zugehörten. Da war plötzlich
eine andere Sprache, eine, die Adorno vom Jar-
gon seiner NachahmerInnen befreite und zu-
gleich die Möglichkeiten in Erinnerung rief, die
in den Schriften Peter Szondis, Walter Benjamins
und des jungen Georg Lukács dem Denken und
Urteilen eröffnet werden: kritische Reflexion
der Begriffe, womit sich allein der Zusam-
menhang der Gesellschaft darstellen ließ,

28 ohne ihm unterschiedslos alles zu subsu-


mieren. Es verhielt sich also nicht so, dass
es bei Stefanek den Schwerpunkt National-
sozialismus gegeben hätte; es war nur die
Art seiner Ausführungen und der Diskussionen,
in die man mit ihm geraten konnte, die es ge-
radezu unmöglich machte, sich nicht die Frage
zu stellen, woher das wahnhafte herrschende
Bewusstsein und die falsche Einheit der Gesell-
schaft kamen.

Wir standen damals aber auch (darauf hat Peter


Roessler in der Diskussion am Institut am 16.
6. 08 aufmerksam gemacht) unter dem Einfluss
marxistisch-leninistischer Faschismustheorien,
deren Sinn hauptsächlich darin lag, Abwehr und
Verdrängung zu vollenden, die letzten Schlupf-
winkel des Denkens zu verstopfen, die der Jar-
gon noch ließ. Obwohl in Theater-Wissenschaft
und Faschismus mehr als eine Ahnung spürbar
ist von der fundamentalen Bedeutung des An-
tisemitismus für den Nationalsozialismus und
sein Fortwirken, wird schließlich vieles, was hier
erhellt werden konnte, wieder verdorben durch
jene inferiore Argumentation, die sich auch auf
der Rückseite des Covers unserer Broschüre nie-
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

dergeschlagen hat: die berühmte Fotomontage des Verschweigens. Geschwätzig verschwiegen


von John Heartfield, die Hitler als kleinen Mann wird dann, dass der Augenblick des Urteils ver-
zeigt, der vom großen Mann des Großkapitals, säumt worden ist. „Hitler, Himmler, Heydrich,
der hinter ihm steht, Geldscheine in die zum Kaltenbrunner, das werden Namen sein wie
Führergruß erhobene Hand gedrückt bekommt: ­Napoleon, Fouché, Robespierre und Saint Just“,
„Millionen stehen hinter mir“ heißt es dazu. Von schrieb Améry 1966 über diese Zukunft: „Was
den Millionen des Kapitals wurde immer nur 1933 bis 1945 in Deutschland geschah, so wird
gesprochen, um die Millionen der TäterInnen, man lehren und sagen, hätte sich unter ähnli-
MitläuferInnen und ZuschauerInnen zum Ver- chen Voraussetzungen überall ereignen können
schwinden zu bringen. ...“12 Wäre da nicht die bloße Existenz des jüdi-
schen Staats, der aus dem frühen Postnazismus
Es war nun wiederum nicht so, dass Paul ­Stefanek herüberreicht in die Gegenwart, alle Konflikte
uns gerade in dieser Frage kritisiert und uns die könnten auf diese Weise entsorgt werden und
wirklichen Verhältnisse nationalsozialistischer die Vergangenheit wäre endgültig vergangen
Herrschaft und ihrer Nachfolge­gesellschaft be- und kein brennendes Problem der politischen
wusst gemacht hätte. Vielmehr waren wir es, die Urteilskraft mehr. Aber an diesem Staat, dem
ihn mit konkreten Fragen dazu konfrontierten „Juden unter den Staaten“ (Léon Poliakov), der
und durch unsere Obsession, was dieses Thema die Antisemiten hindert, das Werk des National-
betraf, lösten wir wohl auch etwas bei ihm aus.10 sozialismus zu vollenden, und seinen Gegne-
Aber er wusste, dass sich in der Form der Ablei- rInnen, die sich auf ihren „Antirassismus“ viel
tung und des Urteilens, wie wir sie praktizier- zugute halten, wird unmissverständlich sicht-
ten, eine dunkle Stelle befand. Und er hat das bar, dass sie nicht vergehen kann, so wie der
Beste getan, was möglich war, uns aus diesem Antisemitismus immer wieder neu der bürger-
Bannkreis zu befreien. Als er, durchaus gegen lichen Gesellschaft entspringt. Und ein Institut,
den allgemein herrschenden Geist des Instituts das ernsthaft, im Sinn nämlich von Adorno und
gewandt, zusammen mit der damaligen Basis- Améry, also nicht als Narrativ, seine Vergangen-
gruppe ein Tutorium aufbaute, schenkte er allen heit ‚aufarbeiten‘ möchte, müsste zugleich eine
Tutorinnen und Tutoren ein Exemplar von Ad- Lehrveranstaltung anbieten etwa mit dem
ornos Minima moralia. Hier findet sich an zent- Thema: „Neuer Antisemitismus auf dem
raler Stelle – und im Zusammenhang mit Benja-
min – die „Nötigung“ festgehalten, „dialektisch
zugleich und undialektisch zu ­denken“,11 und
nach und nach ging mir auf, dass es nur durch
Theater und im Film: von Rainer Werner
Fassbinder bis zu Paradise Now“ oder
auch ein Projekt initiieren zu den „Abgrün-
den des Philosemitismus in der Rezeption
29
diese Nötigung hindurch möglich ist, über den Thomas Bernhards“.
Nationalsozialismus zu sprechen, ohne die Tä-
terInnen zu exkulpieren und die Opfer zu ver- Dass die Vergangenheit endgültig vergangen,
raten. das Versäumte kein brennendes Problem der
Urteilskraft mehr wäre, darauf jedoch beruht
geradezu ein Wissenschaftsbegriff, der den Jar-
III gon wechselt, um sich selbst nicht zum Gegen-
stand zu werden, seine eigenen Voraussetzun-
Heute aber wird der Jargon der Narrative ge- gen nicht zu reflektieren. Hatte die Broschüre
sprochen. Er entspricht exakt der neuen Kon- Theater-Wissenschaft und Faschismus die Frage
stellation im Postnazismus. Ratifiziert wird der Kontinuität zwar falsch beantwortet, aber
durch ihn, dass die Konflikte ausgeblieben sind, als den springenden Punkt der Gegenwart im-
die „Aufarbeitung der Vergangenheit“ zu spät merhin noch aufgeworfen und damit das Ver-
gekommen ist: zu spät, nicht nur, um noch die säumte zum Kriterium der eigenen Urteilskraft
Generation der NationalsozialistInnen zu tref- gemacht, erscheint sie in dem Ausstellungskata-
fen, die ist längst abgetreten, sondern eben da- log „Wissenschaft nach der Mode“? schon als ein
durch die einzige Subversion zu initiieren, die Thema aus einer anderen, abgeschlossenen Epo-
der postnazistischen Gesellschaft in ihrem In- che – und eben darin ist man selber integrierter
nersten angemessen wäre. Teil dieser Kontinuität geworden. Peter Roess-
ler sieht dabei (in seinem Interviewbeitrag für
Wird dieses Zu spät nicht reflektiert, reflek- den Katalog) durchaus das Problematische, das
tierend in die Aufarbeitung selbst mit herein- im neutralen Referieren von Daten und Doku-
genommen, bleibt es bei einer neuen Variante menten der NS-Zeit liegt: „Die ­NS-Schriftstücke“
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

seien davon geprägt, dass vieles gar nicht aus- weiterführen wollte, kritisieren aber die Pole-
gesprochen wird. So bleibt beim nachträglichen mik gegen Vertreter einer anderen Generation.
Referieren der Dokumente heute ihr tieferer Da uns Polemik nicht als angemessenes wissen-
Zusammenhang mit den Verbrechen oft ausge- schaftliches Instrumentarium zur Erforschung
blendet (…).“13 Die Daten und Dokumente des gesellschafts- und wissenschaftspolitischer
Postnazismus sind aber nicht minder davon Konstellationen im postnazistischen Österreich
geprägt, dass vieles gar nicht ausgesprochen erscheint.“14 Wenn eine „öffentliche Diskussi-
wird; und ihr anders gelagerter Zusammenhang on“ so verstanden wird, dass keine „Polemik
mit den Verbrechen erforderte erst recht, jeder gegen die Vertreter einer anderen Generation“
„Abgeklärtheit“ entgegenzutreten. Hier genau geäußert werden soll, ist das keine öffentliche
liegen die Grenzen der Aufarbeitung, die in der Diskussion, sondern ein österreichischer Mit-
Ausstellung und dem Katalog insgesamt gebo- tagstisch, wo leider auch viel gesprochen wird
ten wird. Und deren Gestalterinnen Birgit Peter und leider auch von unterschiedlichen Persön-
und Martina Cuba suggerieren schließlich in ih- lichkeiten.
rer Stellungnahme zur Podiumsdiskussion vom
7. 5. 08 im Audi Max „Wissenschaft nach
der Universität Wien, der Mode“? Es genügt
das Versäumte sei keineswegs, von Wal-
überhaupt eine Frage ter Benjamin den Ti-
der Kommunikation, tel zu entlehnen. Der
worin anscheinend letzte Satz seiner Kin-
die verschiedenen dermann-Rezension
Narrative in Gestalt lautet: „Und wie wäre
von unterschiedlichen sie möglich, jene neue
Persönlichkeiten sich Jugend, ohne diese
endlich austauschen modernen, flotten,
sollen: „Dem Vorwurf wissenschaftlichen
einer ‚Ausein- Prospekte, in denen
andersetzung die Urteilslosigkeit

30 nach der Mode‘


wollen wir eine
gewissenhafte,
seriöse, kritische
abwägend, die Ober-
flächlichkeit gründ-
lich, die Instinktlosig-
keit temperamentvoll
Auseinandersetzung mit dem ‚Eigenen‘ entge- zu Worte kommt!“� Wenn so einmal gegen die
genstellen. Dazu gehört unserer Meinung nach pränazistische Wissenschaft polemisiert wor-
eben diese verschiedenen Generationen zu Wort den ist, dann braucht es heute, angesichts ih-
kommen zu lassen, um überhaupt eine öffentli- rer postnazistischen Fortsetzung, nicht we-
che Diskussion um NS-Vergangenheit und Strate- niger von solcher „Humanität, die sich an der
gien bzw. Strukturen des Nicht-Sprechens nach Zerstörung bewährt“15: Polemik erweist sich in
1945 führen zu können. Dass eine Podiumsdis- bestimmten Konstellationen als das einzig an-
kussion keine hinreichende Antwort oder Er- gemessene wissenschaftliche Instrumentarium;
klärung solch komplexer gesellschaftlicher und sie vermag die familiäre Eintracht der Nation
politisch-ideologischer Vorgänge geben kann zu zerstören, den Konsens, der die Generati-
erscheint uns nicht verwunderlich. Ein solches onen verbindet. Sie schafft überhaupt erst die
Forum kann aber leisten, dass gesprochen wird. Distanz, und damit die Bedingung der Möglich-
Außerdem war es uns wichtig, auf dieses Podi- keit, zu differenzieren und die Konstellationen
um so unterschiedliche Persönlichkeiten und im postnazistischen Österreich in ihrer ganzen
deren Zugänge zum Thema NS-Aufarbeitung Komplexität darzustellen. Sie ist gegen die Ver-
einzuladen, wie sie durch: Gernot Heiss, Hilde treterInnen welcher Generation auch immer zu
Haider-Pregler, Oliver Rathkolb, Wolfgang Grei- führen, soweit sie sich an der jeweiligen Mode
senegger, Veronika Zangl und Peter Roessler des Vergessens beteiligten und beteiligen.
repräsentiert wurden. Diese Diskussion war die
erste öffentliche zum Thema NS-Gründung des Gerhard Scheit
Instituts. Sichtbar wurde der große Diskussions-
und Forschungsbedarf. Deshalb begrüßten wir
auch sehr, dass die Basisgruppe die Diskussion
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

1 Jean Améry: Aspekte des Österreichischen. In: ders.: Auf- zur Philosophie. Werke Bd. 6. Hg. v. Gerhard Scheit. Stutt-
sätze zur Politik und Zeitgeschichte. Werke Bd. 7. Hg. v. gart 2004, S. 265ff.
Stephan Steiner. Stuttgart 2005. S. 562. 12 Vgl. dazu Paul Stefaneks Vorwort zum Wespennest-Heft
2 Karl Kraus: Aphorismen. In: ders.: Schriften. Hg. v. Chri- Nr. 56, 1984 („Theater und Faschismus“), S. 2
stian Wagenknecht. Bd. 8. Frankfurt am Main 1986, S. 198. 13 Theodor W. Adorno: Minima Moralia. In: ders: Gesam-
3 Heinz Kindermann: Theaterland Österreich. In: Maske melte Schriften, Bd. 4, S. 173
und Kothurn 7. Jg., 1961, S. 2. 14 Jean Améry: Jenseits von Schuld und Sühne. In: ders.:
4 Heinz Kindermann: Lebendige Theaterwissenschaft. In: Werke Bd. 2. Hg. v. Gerhard Scheit. Stuttgart 2002, S. 145f.
Deutsche Dramaturgie 2. Jg., 1943, H. 11/12, S. 186ff. 15 Theaterwissenschaft und Faschismus – eine Spurensu-
Ders.: Die europäische Sendung des deutschen Theaters. che. In: „Wissenschaft nach der Mode“? Hg. v. Birgit Peter
Wien 1944, S 54. u. Martina Payr. Wien 2008, S. 225
5 Carl Schmitt: Der Reichsbegriff im Völkerrecht. In: ders.: 16 Birgit Peter, Martina Cuba: Der heutige Umgang mit der
Positionen und Begriffe im Kampf mit Weimar – Genf – „eigenen“ Geschichte am Institut für TFM. http://tfm.uni-
Versailles 1923-1939. 3. Aufl. Berlin 1994, S. 354. vie.ac.at/veranstaltungen/ (29. 11. 08)
6 Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. 7. 17 Walter Benjamin: Wissenschaft nach der Mode. In: ders.:
Aufl. München 1942, S. 462 u. 675. Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiedemann u. Hermann
7 Vgl. dazu Gerhard Scheit: Die Meister der Krise. Über den Schweppenhäuser. Frankfurt am Main 1980, Bd. III, S. 302
Zusammenhang von Vernichtung und Volkswohlstand. 18 Walter Benjamin: Karl Kraus. In: ders.: Gesammelte
Freiburg 2001, S. 93ff. Schriften, Bd. II, S. 367
8 Theodor W. Adorno: Jargon der Eigentlichkeit. In: ders.:
Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiedemann. Frankfurt
am Main 1997, Bd. 6
9 Margret Dietrich: Wandel der Gebärde auf dem deutschen
Theater vom 15. bis zum 17. Jahrhundert. Wien 1944, S.
138
10 Margret Dietrich: Bildungstheater und Affekttheater. In:
Maske und Kothurn 9. Jg., 1963, S. 314
11 Jean Améry: Jargon der Dialektik. In: ders.: Aufsätze

31
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

DER HEUTIGE UMGANG MIT DER „EIGENEN“


­GESCHICHTE AM INSTITUT FÜR TFM
Zum ersten Mal in der Institutsgeschichte wurde die der Auseinandersetzung mit der „eigenen“
die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangen- Geschichte nicht aus dem Weg gingen und die-
heit von Heinz Kindermann und Margret Diet- ses Projekt intern nachhaltig unterstützen.
rich, die Institutsgründung als NS-politisches
Vorzeigeprojekt in einer breiten öffentlichen Den Vorwurf einer „Auseinandersetzung nach
Form dargestellt (siehe Ausstellung und Katalog). der Mode“ wollen wir eine gewissenhafte, se-
Die Idee und der Wunsch nach einer umfassen- riöse, kritische Auseinandersetzung mit dem
den Erforschung begann seitens Birgit Peter als „Eigenen“ entgegenstellen. Dazu gehört unserer
Studienrichtungsvertretung und wurde in den Meinung nach, eben diese verschiedenen Gene-
Lehrveranstaltungen „Wissenschaftsgeschichte“ rationen zu Wort kommen zu lassen, um über-
als Forschungsdesiderat an die Studierenden haupt eine öffentliche Diskussion um NS-Ver-
herangetragen. Die Institutsgeschichte ist bei gangenheit und Strategien bzw. Strukturen des
vielen InstitutsmitarbeiterInnen Teil einführen- Nicht-Sprechens nach 1945 führen zu könne.
der Lehrveranstaltungen. Diplomarbeiten zum Dass eine Podiumsdiskussion keine hinreichen-
Thema, ein Abschnitt in der Habilitationsschrift de Antwort oder Erklärung solch komplexer ge-
von Evelyn Deutsch-Schreiner, Texte von Hilde sellschaftlicher und politisch-ideologischer Vor-
Haider-Pregler sind seit den 1990er Jahren Teil gänge geben kann, erscheint uns nicht verwun-
einer Aufarbeitungsgeschichte an der TFM. derlich. Ein solches Forum kann aber leisten,
dass gesprochen wird. Außerdem war es uns
Die Ausstellung und der Katalog sind ein Pro- wichtig, auf dieses Podium so unterschiedliche
jekt mit Studierenden, die im Rahmen eines For- Persönlichkeiten und deren Zugänge zum The-
schungsseminars die Gründungsgeschichte de- ma NS-Aufarbeitung einzuladen, wie sie durch:
tailgenau erforscht, dokumentiert und präsen- Gernot Heiss, Hilde Haider-Pregler, Oliver Rath-
tiert haben und damit die Basis für eine tieferge- kolb, Wolfgang Greisenegger, Veronika Zangl
hende Auseinandersetzung gerade für Beschäf- und Peter Roessler repräsentiert wurden. Diese
tigung mit Kontinuitäten geleistet haben. Diskussion war die erste öffentliche zum The-
ma NS-Gründung des Instituts. Sichtbar wurde
Einmalig an diesem Projekt ist die egali- der große Diskussions- und Forschungsbedarf.
täre Zusammenarbeit von Studierenden, Deshalb begrüßten wir auch sehr, dass die

32 Lehrenden und der Fachbereichsbibliothek


TFM, welche unserer Meinung nach die Vo-
raussetzung für eine kritische Auseinan-
dersetzung mit der „eigenen“ Geschichte
­Basisgruppe die Diskussion weiterführen woll-
te, kritisieren aber die Polemik gegen Vertreter
einer anderen Generation. Da uns Polemik nicht
als angemessenes wissenschaftliches Instru-
darstellt. Die hier vertretenen Standpunkte ver- mentarium zur Erforschung gesellschafts- und
schiedener Generationen wurden komplettiert wissenschaftspolitischer Konstellationen im
durch „erzählte Geschichte“ der Generation, postnazistischen Österreich erscheint.
die unter Kindermann und Dietrich ans Institut
kamen. Besonders hervorgehoben sollen Wolf- Birgit Peter und Martina Cuba
gang Greisenegger und Edda Fuhrich werden,
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

KURIOSITÄTENKABINETT

Es scheint geradezu eine Gesetzmäßigkeit zu ren verehrten Lehrer – wenn überhaupt – nur in
sein, dass die wegen ihres Alters unbelasteten euphemistischen Andeutungen stattfand, sollte
NachfolgerInnen der Wiener ProfessorInnen in der jetzt am Institut tätigen Professoren-
den Fächern Germanistik, Theaterwissenschaft Generation – damals waren wir Assistenten
und Volkskunde, die bis in die späten sechziger
Jahre fast ausschließlich ehemalige Mitglieder
der NSDAP waren und sich zum Teil, wie Höfler,
Seidler, Kindermann oder Wolfram, durch be-
– in der Folge manch unverdienten Ärger
und ungerechtfertigte Vorwürfe im
Hinblick auf unreflektierte Kontinuität
einbringen.“ Margret Dietrich war bereits
33
sonderen politischen Eifer ausgezeichnet hat- Heinz Kindermanns Assistentin, als dieser
ten, zu deren Vergangenheit schwiegen, sie 1943 (!) auf den eigens für ihn eingerichteten
bisweilen sogar moralisch relativierten und Lehrstuhl berufen wurde, dann von 1966 (dem
­allenfalls nach dem Tod ihrer Förderer ein paar Jahr, in dem Haider-Pregler als Assistentin an-
kritische Töne verlauten ließen, um weiterhin gestellt wurde) bis 1985 Professorin am Institut
die Vergünstigungen zu genießen, die sie ih- für Theaterwissenschaft. Den Aufsatz, aus dem
rem früheren Stillhalten verdanken. „Im Haus das Zitat stammt, veröffentlichte Haider-Pregler
des Henkers spricht man nicht vom Strick.“ 1993. Margret Dietrich war seit acht Jahren
emeritiert. Als StudentInnen, die gleichaltrig
Was mit einem formalen Loyalitätsverständnis wie oder gerade ein, zwei Jahre jünger, aber um
veredelt werden sollte, war stets purer Einiges begabter waren als Haider-Pregler, 1968
Opportunismus. Denn nirgends – auch das kann mit einem „Theateroktober“ die versteinerten
man bei Wiesinger und Steinbach nachlesen – Verhältnisse am Institut zum Tanzen bringen
­haben ProfessorInnen so entscheidenden Einfluss wollten, erwies sich die Assistentin als treue
auf die Berufung ihrer NachfolgerInnen wie in Dienerin ihrer Herrin. Jedenfalls ist keiner und
Österreich. So beklagt sich Hilde Haider-Pregler, keinem der Beteiligten in Erinnerung, dass sie
ihrerseits ab 1966 Assistentin, dann ab 1987 damals durch Aufmüpfigkeit aufgefallen wäre.
Professorin am Institut für Theaterwissenschaft Selbstverständlich (?) hat die ebenso strebsame
der Universität Wien: „Dass die offene wie biedere Haider-Pregler es 1984, neun Jahre
Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des vor ihrer gewundenen Erklärung zur „offenen
Instituts auch noch unter Margret Dietrich, zu- Auseinandersetzung mit der Vergangenheit“,
nächst Assistentin, dann Nachfolgerin Heinz nicht versäumt, Heinz Kindermann zu sei-
Kindermanns, wohl aus Rücksichtnahme auf ih- nem 90. Geburtstag mit einem Beitrag zu einer
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

Schirach“ erfolgt war, „profilgebend an sei-


nem Aufbau beteiligt“ gewesen. „Unverdienter
Ärger und ungerechtfertigte Vorwürfe im
Hinblick auf unreflektierte Kontinuität“?

Erst 2001, sechzehn Jahre nach Kindermanns


Tod und Dietrichs Emeritierung, entdeckte die
Mitarbeiterin am Institut für Theaterwissenschaft
Eva Krivanec die Zustände an „Kindermanns
Hof“. Evelyn Deutsch-Schreiner, heute
Professorin an der Kunstuniversität Graz, ge-
lang es noch, zu Heinz Kindermanns Lebzeiten
in ihrer Dissertation aus dessen Buch über das
Burgtheater (Erstauflage 1939, zweite Auflage
1944!) ohne ein Wort der Distanzierung eine
Stelle über die Direktion Jelusich zu zitieren: „Es
kam jedoch nicht zur Bespielung des [für ‚ein
deutsches Theater mit deutschem Spielplan’ ge-
pachteten Raimund-] Theaters, weil die Wiener
Stadtverwaltung in den letzten Monaten der
Schuschnigg-Zeit in der heimtückischsten Weise
die Eröffnung ... verhindert hatte.’“ Deutsch-
Schreiner setzt, immer unter Verwendung der
Quelle Kindermann, fort: „Mirko Jelusich, der
der Direktor dieses ‚judenfreien Theaters’ ge-
worden wäre, brauchte sich nicht sehr lan-
ge zu gedulden: Am 12. März 1938 wurde
er Direktor des Burgtheaters. ‚So war es die
schönste Genugtuung, dass man ihm nun we-
nigstens den neuen Einsatz und Übergang der
größten Sprechbühne der Ostmark, ja eines der
bedeutendsten Theater der ganzen Nation der
Deutschen, anvertraute.’“ Das klingt noch ver-
gleichsweise unverfänglich. Im Zusammenhang
und in der überarbeiteten zweiten Auflage von
Kindermanns Buch lautet die entsprechende
Stelle, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen
übrig lässt, so: „Gleichwohl war die Aufgabe,
die Dr. Mirko Jelusich im Augenblick des ju-
belnden Anschlusses und der nationalsozialisti-
schen Befreiung übernahm, unendlich schwie-
Festschrift zu gratulieren. Selbstverständlich rig. Man hatte Jelusich nicht nur als einen
(selbstverständlich?) hat sich die Professorin der alten ostmärkischen Nationalsozialisten
in spe schon zu Kindermanns 80. Geburtstag und als bekannten Dramatiker, sondern auch
in die Tabula Gratulatoria eintragen lassen­ deshalb als Wegbereiter des Übergangs beru-
– ­neben den Emeriti Otto Höfler, Richard fen, weil die Wiener Stadtverwaltung in den
Wolfram, Moriz Enzinger und dem damals letzten Monaten der Schuschniggzeit in der
noch nicht emeritierten Hans Sedlmayr. Und heimtückischesten Weise die Eröffnung eines
offenbar als Lob ist es gemeint, wenn Margret unter seiner Leitung vorgesehenen judenfrei-
Dietrichs Nachfolger Wolfgang Greisenegger en Privattheaters verhindert hatte.“ Evelyn
seiner Vorgängerin 1991 in einer ihr gewid- Deutsch-Schreiner vermeidet auch den Hinweis
meten Festschrift attestiert, sie sei seit der auf Heinz Kindermanns Verdienste um eine
Gründung des Instituts für Theaterwissenschaft, nationalsozialistische Kulturpolitik bereits in
die 1943 nach Selbstdarstellung „im Zuge der den Jahren vor dem Anschluss Österreichs,
nationalsozialistischen Kulturpolitik unter als die NSDAP in Österreich verboten war, mit
der Ägide des Reichsstatthalters Baldur von der sich Kindermann in der ihm angeborenen
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

Bescheidenheit brüstet, zugleich dokumentie- kannte, schimpfte und brachte Karikaturen von
rend, welchen Einfluss Nationalsozialisten, gegen mir.“ Aber dem jungen alten Kämpfer und tapfe-
die offizielle Politik, selbst unter sozialdemokra- ren Krieger für die Sache eines nationalsozialisti-
tischen und christlichsozialen Ministern (nur?) schen Theaters, dessen Einstellung in der von ihr
der Zwischenkriegszeit hatten, ohne dass das bearbeiteten Zeit auch Frau Deutsch-Schreiner
ihrer Karriere unter sozialdemokratischen und beim Studium „im Michaelerkuppeltrakt der
christlichsozialen Minister der Nachkriegszeit Hofburg“, wo Kindermann „im Kriegsjahr 1943“
nachhaltig geschadet hätte. Kindermann: „Da ge- „ein Zentralinstitut für Theaterwissenschaft [...]
lang es dem Schreiber dieser Zeilen, wenigstens errichten“ und bald nach dem Zusammenbruch
in bescheidenem Maße das Schlimmste hintan- des Nationalsozialismus wieder leiten durfte,
zuhalten. Der erste Unterrichtsminister des klein zur Kenntnis gelangen musste, ohne dass sie
gewordenen Rumpfösterreich, der deutschvöl- deshalb zum Schimpfen Anlass gefunden hät-
kische Vertreter der Sudetendeutschen im soge- te, blieb der Erfolg dennoch nicht versagt: „Der
nannten Konzentrationskabinett, Staatssekretär Gefahr, ein Theater für Schieber und Literaten
Raphael Pacher, hatte mich als blutjungen Doktor zu werden, ist das Burgtheater damit entgan-
der Germanistik ins Unterrichtsministerium gen. Was darüber hinaus noch hundertfältig
geholt. Er erwartete von mir, der als Student nötig gewesen wäre, konnte und kann freilich
schon vor völkischen Arbeitergruppen ge- erst der Nationalsozialismus bereinigen.“ Kein
sprochen hatte und für ein völkisch ausge- Kommentar in Deutsch-Schreiners Dissertation.
richtetes Volksbildungswesen eingetreten Karrieren hinterlassen in Österreich brei-
war, die Neueinrichtung einer Abteilung für te Schleimspuren. Und wer da meint, die
Erwachsenenbildung, Kunsterziehung und Zitate kommentierten sich selbst, kennt die
Volksbüchereiwesen. Schon im Augenblick ÖsterreicherInnen nicht. Aus Kindermanns
meines Dienstantrittes war das erste Kabinett Sätzen sprechen für sie – siehe unten – le-
gestürzt, und die Sudetendeutschen wurden diglich die „nationalsozialistischen Ideale“,
zwangsweise der Tschechoslowakei einver- und wer hätte schon etwas gegen Ideale. (…)
leibt. Seitdem hatte ich mein Referat sieben
Jahre lang unter einem sozialdemokratischen, Auf dem Gebiet der Hochschullehre war der
sonst unter lauter christlichsozialen Ministern Theaterwissenschaftler Heinz Kindermann
zu führen. Aber mit indirekter Unterstützung
der Großdeutschen konnte ich trotzdem in-
mitten dieser sonst so trostlos-parlamenta-
rischen Splitterung und Zerfahrenheit einige
die Regel, nicht die Ausnahme. In den
späten fünfziger Jahren und weit in die
sechziger Jahre hinein gab es, wie im er-
sten Teil des „Kuriositätenkabinetts“ im
35
bescheidene Neuerungen durchsetzen.“ Evelyn Juni dieses Jahres belegt, am Germanistischen
Deutsch-Schreiner verschweigt, wer damals in Institut der Universität Wien nicht einen einzi-
Kindermanns eigenen Worten dessen segensrei- gen Ordinarius, der nicht eifriges Mitglied der
che Arbeit als administrativer Referent für das NSDAP gewesen wäre. Kindermann zeichnete
Burgtheater behindert hat: „Die jüdisch-marxi- sich lediglich durch besondere Verbissenheit
stische Presse, die meine völkische Einstellung aus. Das wusste längst, wer es wissen wollte.
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

Das Institut für Theaterwissenschaft in einem Die Basisgruppe Theaterwissenschaft kommen-


Seitentrakt der Hofburg, der so genannten tiert nicht nur Straßenbenennungen. In einem
Batthyanystiege gleich gegenüber der Wohnung Diskussionsforum sieht sie sich, wie sie gewun-
im kaiserlichen Ambiente, die der Staat Gottfried den einleitet, „gezwungen“ (wer zwingt sie?),
von Einem und Lotte Ingrisch zur Verfügung „folgende Stellungnahme abzugeben“: „Dank
gestellt hat, hatte seine Leichen im Keller wie der Podiumsdiskussion wissen wir jetzt jeden-
Josef Fritzl seine Kinder. Man vermied es bloß, falls, dass manche Menschen scheinbar einen
in den Keller hinunter zu gehen, wenn man über den Durst trinken müssen, um Nazis wie
oben, im Institut, seinen Aufstieg vorbereitete.­ Heinz Kindermann, als ebensolche zu benen-
Und so werden uns nun, da die Betroffenen nen. Doch auch andere, an diesem Abend zum
tot sind, alle paar Jahre „Entdeckungen“ prä- besten gegebenen ‚Anekdoten’, ließen uns rat-
sentiert, die höchstens belegen, wie man aus los bis entsetzt zurück. Wenn ein mittlerweile
der jahrelangen bewussten Unterdrückung pensionierter Universitätsprofessor seine
der Wahrheit ein weiteres Mal Profit schla- Verdrängungs-Karriere im Jahr 2008 als (schlech-
gen kann. Der Fall Kindermann ist heute nur ten) Witz verkleidet und derartige Äußerungen
noch von historischem Interesse. Aktuell wäre ohne deutlichen Protest verhallen, sagt das nicht
eine Untersuchung über Motive und Taktiken nur etwas über die postnationalsozialistischen
derer, die ihre Karriere auf Komplizenschaft österreichischen Verhältnisse im Allgemeinen,
mit den kaum geläuterten Nazis und auf – sondern auch viel über jene am Institut für
­pardon – Arschkriecherei aufgebaut haben Theater-, Film- und Medienwissenschaft im
und zum Teil heute noch Lehrstühle besetzen. Besonderen aus.“ Für die Form dieser zahmen
Kritik entschuldigen sich die Studierenden am
„Kindermanns Schriften befinden sich nach Ende des Statements. Sie spielen damit auf ei-
wie vor unkommentiert in den Bibliotheken nen Diskussionsbeitrag des Ex-Ordinarius
der Univiersität Wien. Trotz ihrer NSDAP- Wolfgang Greisenegger an, in dem er erzählt
Mitgliedschaft, soll in naher Zukunft eine Straße hatte, dass er als junger Assistent Heinz
in Wien-Floridsdorf nach Margret Dietrich be- Kindermann auf irgendeiner Feier nach einigen
nannt werden“, bemerkt die Basisgruppe Gläsern Wein seine Meinung zu dessen
Theater-, Film und Medienwissenschaft Vergangenheit gesagt und sich am nächsten Tag

36 an der Universität Wien im Internet. Das


Erstaunen zeugt von Weltfremdheit.
Nicht „trotz“, sondern „wegen“!
Vergeblich sucht man im „Roten Wien“
bei ihm „für die Form, nicht aber für den Inhalt“
entschuldigt habe.

Aber schon solche harmlosen Sätze beunruhi-


des ­Ex-Burschenschaftlers Michael Häupl eine gen die angeblich um historische Wahrheit be-
Marie-Jahoda-Straße, eine Rudolf-Carnap-Allee, mühten Ausstellungs- und BuchmacherInnen
einen Karl-Popper-Park, einen Hanns-Eisler- Birgit Peter und Martina Cuba, die bis vor kur-
Platz oder eine Erich-Fried-Gasse. Dafür gibt zem noch Martina Payr hieß. Sie halten es für
es eine Jahngasse, einen Wagner-Jauregg-Weg, „einmalig“, dass Studierende und Lehrende ega-
eine Straße mit dem Namen und dem akade- litär zusammenarbeiten. (Ja was tut man denn
mischen Grad Dr. Johann Schobers, der 1927
demonstrierende Arbeiter niederkartätschen
ließ und den Karl Kraus deshalb zum Rücktritt
aufgefordert hat, sowie einen Ring, einen
Platz und eine Brücke, die nach Häupls anti­
semitischem Vorgänger, dem christlich-sozialen
Bürgermeister Dr. Karl Lueger benannt sind. Dass
sich der Floridsdorfer Bezirksausschuss dieser
Tage entschlossen hat, doch auf die Margret-
Dietrich-Gasse zu verzichten, ist die ­eigentliche
Sensation. Die von der Basisgruppe in die „nahe
Zukunft“ verlegte, laut Pressemeldung vom 3.
September 2008 aber bereits vor zwei Jahren
erfolgte Benennung, von der die nun für die
Abmontage fälligen Straßenschilder zeugen,
muss hingegen als normal gelten.
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

sonst an einer österreichischen Hochschule, de der große Diskussions- und Forschungsbedarf.


möchte man erstaunt nachfragen.) Auf der Deshalb begrüßten wir auch sehr, dass die
Website der Universität erklären sie nach die- Basisgruppe die Diskussion weiterführen woll-
sem revolutionären Bekenntnis zu einer didakti- te, kritisieren aber die Polemik gegen Vertreter
schen Selbstverständlichkeit diensteifrig, aber einer anderen Generation. Da uns Polemik nicht
unter Missachtung von Kommaregeln: „Dem als angemessenes wissenschaftliches
Vorwurf einer ‚Auseinandersetzung nach der Instrumentarium zur Erforschung gesellschafts-
Mode’ wollen wir eine gewissenhafte, seriöse, und wissenschaftspolitischer Konstellationen
kritische Auseinandersetzung mit dem ‚Eigenen’ im postnazistischen Österreich erscheint.“
entgegenstellen. Dazu gehört unserer Meinung
nach eben diese verschiedenen Generationen zu „Polemik“ ist der vage Begriff, mit dem man jede
Wort kommen zu lassen, um überhaupt eine öf- Meinung herabsetzt, die einem nicht passt.
fentliche Diskussion um NS-Vergangenheit und Verräterisch ist dabei, wie aus der Erforschung
Strategien bzw. Strukturen des Nicht-Sprechens der Theaterwissenschaft in der Zeit des
nach 1945 führen zu könne. Dass eine Nationalsozialismus flugs die „Erforschung ge-

Podiumsdiskussion keine hinreichende Antwort sellschafts- und wissenschaftspolitischer


oder Erklärung solch komplexer gesellschaftli- Konstellationen im postnazistischen Österreich“
cher und politisch-ideologischer Vorgänge ge- wird. Die Angegriffenen haben erkannt, worum
ben kann erscheint uns nicht verwunderlich. Ein es geht und dass es sich keineswegs um eine
solches Forum kann aber leisten, dass gespro- „Auseinandersetzung nach der Mode“, sondern,
chen wird. Außerdem war es uns wichtig, auf ganz im Gegenteil, um einen Verstoß gegen den
dieses Podium so unterschiedliche Konsens der mittleren Generation handelt. Birgit
Persönlichkeiten und deren Zugänge zum Thema Peter, Mitarbeiterin am Institut für
NS-Aufarbeitung einzuladen, wie sie durch: Theaterwissenschaft seit 1999, als der Ordinarius
Gernot Heiss, Hilde Haider-Pregler, Oliver Wolfgang Greisenegger dort den Ton angab, und
Rathkolb, Wolfgang Greisenegger, Veronika Sekretärin des österreichischen P.E.N., dessen
Zangl und Peter Roessler repräsentiert wurden. Präsident seit 2001 – ja wer wohl? – Wolfgang
Diese Diskussion war die erste öffentliche zum Greisenegger war, merkt offenbar gar nicht,
Thema NS-Gründung des Instituts. Sichtbar wur- dass sie exakt das Verhaltensmuster Margret
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

Dietrichs, Wolfgang Greiseneggers und Hilde


Haider-Preglers reproduziert: wie von der
Tarantel gestochen aufzuschrecken, wenn der
Förderer kritisiert wird, und in falsch verstande-
ner Loyalität jene zu diffamieren, die solche
Rücksichten zu nehmen nicht bereit sind. Wie
soll eine Diskussion über „Strategien bzw.
Strukturen des Nicht-Sprechens nach 1945“
stattfinden, wo man nicht willens ist, die Namen
derer zu nennen, die nicht gesprochen haben,
und somit in Wahrheit dazu beiträgt, das Nicht-
Sprechen zu perpetuieren? „Wissenschaftliche“
Kritik ist erst zulässig, wenn sie nichts mehr ko-
stet. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht
nass. Sollen die StudentInnen etwa den Tod der
„Vertreter einer anderen Generation“ abwarten,
um den „Mut“ aufzubringen, den Birgit Peter ge-
genüber den längst verstorbenen NSDAP-
Mitgliedern beweist? Was die Angelegenheit so
ekelhaft macht, ist die Tatsache, dass jede/r
gelernte/r ÖsterreicherIn weiß, wie die einhelli-
ge Antwort auf diese rhetorische Frage in Wien
lautet: aber ja, selbstverständlich sollen sie das!

Wie früh das Rückgrat in Wien verkrümmt, be-


legt eine Forums-Antwort an die Basisgruppe Nationalsozialismus gerechtfertigt wird? Und
von einer – natürlich anonym bleibenden – wenn die Studentin Recht hat, wenn Greisenegger
Studentin, die sich als „politisch eindeutig nicht reden konnte, weil seine Karriere davon
links“ und mit jüdischen Vorfahren ausge- abhing, dann muss man zumindest dies aus-

38 stattet zu erkennen gibt, „von denen eini-


ge durch die Hand der Nazis umgekom-
men sind“ (wieder dieses verräterisch ge-
stelzte Deutsch: sie sind durch die Nazis
sprechen: dass Greisenegger und Konsorten ihre
Karriere der schweigenden Komplizenschaft
mit alten Nazis verdanken; dass es weit über
1945 hinaus eine Kontinuität gab und es der
umgekommen, nicht durch deren Hand!): „Ohne Karriere an der Universität Wien nicht gescha-
hier jemanden entschuldigen zu wollen: ich det hat, wenn man übereifriger Nazi war, son-
würde nicht dafür meine Hand ins Feuer legen, dern wenn man einen übereifrigen Nazi auf sei-
dass ich demjenigen, von dem meine Karriere ne Vergangenheit ansprach.
abhängt, ganz ohne Weiteres ins Gesicht sagen
würde, was ich von ihm halte. Und alle, die be- Der Vorwurf der „Polemik“ gegen die Basisgruppe
haupten, Greisenegger hätte die erste Gelegenheit macht im Übrigen auch Peters eigene
ergreifen müssen, sich seinen Chef zum Feind Untersuchungen unglaubwürdig. Wer sich
zu machen, machen es sich meiner Meinung Grenzen setzt und Kritik an Vertretern einer be-
nach zu leicht. Keiner, und damit meine ich kei- stimmten Generation als Polemik qualifiziert,
ner von euch kann wissen, wie er in so einer hat seinerseits den Anspruch auf ein „angemes-
Situation gehandelt hätte.“ Keiner kann wissen, senes wissenschaftliches Instrumentarium zur
sie aber, die politisch eindeutig Linke, weiß ganz Erforschung gesellschafts- und wissenschafts-
genau, was keiner wissen kann? Wenn sie frei- politischer Konstellationen“ preisgegeben.
lich Recht hat, wenn man vor dem Opportunismus
nur kapitulieren kann, ihn immer wieder ent- Heinz Kindermanns Bücher lagen vor, seit sie
schuldigt, ohne jemanden entschuldigen zu gedruckt wurden. Und wenn sie in der
wollen, dann allerdings sieht es schlecht aus um Universitätsbibliothek den Vermerk „Nicht ent-
die Zukunft. Merkt die Studentin nicht, dass sie lehnbar“ trugen, hätte gerade dies Misstrauen
sich zur Verteidigung einer Haltung, bei der erwecken müssen. Aus einem Gespräch, das
nicht mehr auf dem Spiel steht als die Karriere, Birgit Peter und Klaus Illmayer mit Peter Roessler
exakt der Terminologie bedient, mit der übli- führten und im Katalog zur Ausstellung
cherweise die MitläuferInnenschaft im „Wissenschaft nach der Mode“? veröffentlicht
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

haben, geht unmissverständlich hervor, dass


die Fakten, die jetzt als Entdeckungen aufge-
tischt werden, in ihrer Substanz spätestens seit
1980 bekannt und publiziert waren. Dass die
Veröffentlichungen keine Folgen hatten, ist zu-
mindest ebenso skandalös wie ihr Inhalt selbst.
Wer leistet heute jenen Genugtuung, die Opfer
dieser Politik wurden? Dahin! Dahin.

Peter Roessler sagt in dem erwähnten Gespräch,


die Perspektive der NationalsozialistInnen (die
auch Kindermanns Perspektive war) sei ein
Europa ohne Juden und Jüdinnen gewesen.
Heute spricht man es so nicht aus. Aber im
Grunde hat man in Österreich nie aufgehört, das
für eine gute Idee zu halten. Deshalb waren die
Kindermanns auch nach 1945 kein Thema, über
das man sich hätte aufregen müssen.
Rückkehrwilligen ExilantInnen legte man – nicht
zuletzt seitens der sozialdemokratischen
Parteiführung – noch in den fünfziger Jahren
nahe, doch lieber im Ausland zu bleiben, wäh-
rend man die alten Nazis umwarb.

Gekürzte Fassung zweier Beiträge aus dem


Internet-Magazin www.titel-magazin.de

Thomas Rothschild

39
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

MASKE UND KOTHURN


Im Jahre 1955 erschien die erste Ausgabe von schreibt beispielsweise Margret Dietrich 1960
„Maske und Kothurn,“ einer theaterwissen- in „Maske und Kothurn“ über die Institutseröff-
schaftlichen Fachzeitschrift, die bis heute vier- nung:
teljährlich herausgegeben wird. Dass dies genau
ein Jahr, nachdem Heinz Kindermann wieder So kam es, daß[sic!] der Begründer des Instituts
zum Institutsleiter berufen wurde geschah, ist schon bei der Eröffnungsfeier 1943, während
kein Zufall. Schon zur Eröffnung des Zentralin- ringsum noch der Krieg die Völker entzweite, als
stituts verkündete Kindermann, dass „die Wich- Ziel der Lehre und der Forschung am Institut für
tigkeit dieses Reichsinstituts, [...] durch eine Theaterwissenschaft an der Wiener Universität
„europäisch gedachte theaterwissenschaftliche „europäische Theatergeschichte bei immer neu-
Zeitung“ [...] kommuniziert werden [sollte].“1 Die er Konfrontierung von Vergangenheit und Ge-
Notwendigkeit so eines Publikationsprojekts, genwart“ angab.5
das TheaterwissenschaftlerInnen Möglichkeiten
zum Austausch neuster Forschungsergebnisse Bis heute erscheint also die offiziell in den fünf-
bieten sollte, begründet Heinz Kindermann da- ziger Jahren gegründete Fachzeitschrift unter
mit, dass „nur wenn wir Deutschen diese Mög- dem Titel „Maske und Kothurn“. Dass Kinder-
lichkeit rechtzeitig ergreifen, [...] die Führung mann bereits 1944 diesen Namen gewählt hat,
auf diesem Gebiet in unseren Händen bleiben war lange Zeit ein nicht beweisbares Gerücht, bis
[wird]“2. Birgit Peter vor ein paar Jahren im Archiv am In-
stitut ein dementsprechendes Dokument gefun-
Knapp nach der Gründung des Zentralinstituts den hat. In einer der nächsten Ausgaben, wer-
war die Erstausgabe auch schon konkret in Pla- den außerdem Vorträge der Fachtagung 2008 in
nung. Auch damals sollte der Titel der Reihe Wien abgedruckt, die Fachgeschichte zum The-
„Maske und Kothurn“ lauten. Diese erste Ausga- ma hatte, und vermutlich wird sie auch einen
be sollte unter dem Titel „Theaterwissenschaft Artikel von Birgit Peter beinhalten, der sich u.a.
als Brücke zwischen den Völkern“ stehen, zu mit dem Thema der bereits 1944 erwähnten Ti-
dem Kindermann einen erklärenden Beitrag ver- telgebung beschäftigt. Damit würde erstmals die
fassen wollte.3 Weitere geplante Beiträge eigene ideelle Herkunft aus dem Nationalsozia-
waren unter anderem „von Vagn Börge lismus in Maske & Kothurn thematisiert werden.

40 zum „nordischen Theater“, Joseph Gre-


gor zur Theatersammlung Wien sowie von
Hans Heinz Borchert zum deutschen und
italienischen Theaterstil“4 geplant.
Steffi Elias & Sarah Kanawin

1955 wurden also Konzept inklusive Titel un- 1 Delavos, Paul M.; Hefert, Caroline „Alltagsgeschäfte. Da-
hinterfragt übernommen und bis heute weiter- ten und Fakten zur Gründung des
geführt. Immer wieder wurde „Maske und Ko- Zentralinstituts für Theaterwissenschaft“ Seite 55.
thurn“ für Festschriften und Ausgaben zu Eh- 2 Ebda
ren Heinz Kindermanns und Margret Dietrichs 3 vgl. Peter, Birgit „Heinz Kindermanns Karriere 1914-
verwendet. Letzterer wurde sogar noch 1995 1945. Positionen und Stationen“ in: „Wissenschaft nach
eine Ausgabe gewidmet. der Mode“ Seite 49.
4 Ebda.
Auch wurde die Fachzeitschrift immer wie- 5 Dietrich, Margret: „Das Institut für Theaterwissenschaft
der dazu verwendet, die Institutsgründung zu an der Wiener Universität“ in: „Maske und Kothurn“, 1960,
­glorifizieren und durch Nichterwähnung des Jg. 6, Seite 192.
Nationalsozialismus die Gründungsgeschichte
aktiv zu umschreiben und zu vertuschen. So
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

INSTITUTSGESCHICHTE
Ein Feld der Diskussion oder der kehr von Kindermann als Institutsleiter andau-
Konfrontation? ernd behindert, womit diese Einschreibung ge-
festigt wurde. Auch Margret Dietrich, die 1966
die Leitung des Instituts vom emeritierten Kin-
Über Jahrzehnte hinweg lag es großteils an kri- dermann übernahm, hielt diesbezüglich Linie.
tischen Student_innen, die Debatten über die Somit lag es an kritischen Student_innen, eine
Vergangenheit des nunmehrigen Instituts für fragende und reflektierende Haltung einzu-
Theater-, Film- und Medienwissenschaft1 und nehmen, schon deswegen, weil die Beweise der
im speziellen jene über Heinz Kindermann und Teilnahme Kindermanns am Nationalsozialis-
Margret Dietrich, anzuregen und das offiziell mus erdrückend waren, aber weder zu einer
geprägte Bild zu hinterfragen. Bereits 1945, nachhaltigen und eindeutigen Distanzierung
nachdem Heinz Kindermann seines Amtes auf Kindermanns oder Dietrichs führten, noch die
Grund seiner Mitgliedschaft bei der NSDAP ent- Bereitschaft vorhanden war, eine Reflexion über
hoben wurde, waren es Student_innen, die die- Theaterwissenschaft im Nationalsozialismus
se Entscheidung begrüßten und nochmals ein- einzugehen. Wie könnte aber ohne Diskussi-
dringlich darauf hinwiesen, dass ihrer Überzeu- on über diese Anteilnahme der Theaterwissen-
gung und Erfahrung nach Heinz Kindermann schaft, der Methodik und den Inhalten, die am
ein „geistiger Führer des Nationalsozialismus“ Institut angewandt und gelehrt wurden, anders
war2. Hier zeigen sich schon erste Anzeichen als mit Distanz begegnet werden, wenn die po-
einer „Blockbildung“ in der Frage der Instituts- tentielle Kontinuität nationalsozialistischen
geschichte, da dieser Brief eine Reaktion auf ein Denkens beständig aufrecht erhalten blieb? Die-
Protestschreiben einer anderen und größeren se berechtigte Befürchtung ist somit auch eine
Gruppe von Student_innen war, die die Enthe- der treibenden Kräfte in der ständig wiederkeh-
bung Kindermanns rückgängig gemacht wissen renden Forderung nach einer Auseinanderset-
wollten, da dieser „zwar Mitglied der NSDAP“ zung mit der Institutsgeschichte. So berichtet
war, aber „als Wissenschaftler und Mensch in Peter Roessler über mehrere Initiativen von Stu-
ungeheurem Maße über der Partei“ gestanden dent_innen, die ihm während seiner Studienzeit
hätte3. Ein möglicher Konflikt konnte überspielt in den 70ern/80ern bekannt waren6, die
werden durch eine gemeinsame neutrale For- sich dieser Frage stellten. Im Aufgreifen
derung nach dem Weiterbestand des Instituts4,
wiewohl dies unter den gegebenen Bedingun-
gen durchaus offen hätte thematisiert werden
können. Dies nicht im Sinne einer andauernden
dieser Debatten entstand dann 1981 die
erste bekannte öffentlich verbreite Pu-
blikation in Wien, die sich mit der Frage
nach dem Verhältnis zwischen der Wiener
41
Auflösung, sondern in Form einer Debatte über Institutsgründung 1943 und den Verbindungen
eine Neugründung, in der zumindest ein Anstoß zwischen der deutschsprachigen Theaterwis-
hätte gegeben werden können, eine veränderte senschaft und dem Nationalsozialismus ausei-
Programmatik am Institut zu etablieren. Auch nandersetzte7. Kindermann war zu diesem Zeit-
als eine sichtbare und notwenige Konsequenz punkt trotz seiner Pensionierung noch nahezu
aus der eindeutig nationalsozialistischen Grün- täglich am Institut anzutreffen und kontrollier-
dungs-, Lehr- und Forschungsgeschichte von te somit auf seine Art das Geschehen am Insti-
1943-45. Diese Debatte blieb aus5, auch auf tut. Peter Roessler erinnert sich daran, dass in
Grund der Übernahme der Institutsleitung durch einem Interview mit Kindermann im Zuge der
den 1938 zwangspensionierten Eduard Castle, Vorarbeiten für die Publikation „Theaterwissen-
der eine solche Auseinandersetzung vermied. schaft und Faschismus“ dieser den Autor_in-
Somit blieb notwendigerweise ein Konfliktfeld nen davon abriet, sich „ mit der Geschichte der
bestehen, dass in Folge bis heute zu Diskussi- Theaterwissenschaft [zu] beschäftigen“, da sie
onen und Konfrontationen Anlass bietet, wobei wissenschaftlich „noch nicht reif dafür seien“8.
diese beiden Zugänge immer wieder gegenein- Eine Veröffentlichung dieses Interviews unter-
ander in Stellung gebracht werden. sagte Kindermann brieflich, denn „[d]azu ist
dieses rein informative Gespräch ja vielzusehr
Dies hängt auch konkret damit zusammen, dass im Zickzack verlaufen und in vieler Hinsicht un-
durch die Institutsgeschichte eine enge Ver- vollständig geblieben“9. Den allzu neugierigen,
knüpfung des Instituts mit dem Gründer Heinz wenn nicht sogar aus Kindermanns Sicht fre-
Kindermann angelegt war. Einer Hinterfragung chen Student_innen wurde also nahegelegt, Dis-
dieser spezifischen Situation wurde zunächst kussionen zu unterlassen, weil sie noch nicht
ausgewichen und durch die 1954 erfolgte Rück- dafür bereit seien vor Missverständnissen gefeit
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

zu sein, die nur unnötige Konfrontationen zur dazu tendiert, Diskussionen dadurch auszuwei-
Folge hätten. chen, dass sie in Konfrontationen umgewandelt
werden. Durch das Ausbleiben von strukturel-
In dieser Auseinandersetzung mit Kindermann, len Änderungen an den Universitäten und damit
der 1985 verstarb, finden sich einige der ausge- den dazugehörigen Instituten, blieben autoritä-
legten Stolpersteine in der Debatte um die Insti- re Strukturen und wissenschaftliche Zugänge
tutsgeschichte, die es Student_innen erschwer- und Vorstellungen bestehen, die eine kritische
te, hinreichend wahr- und ernst-genommen zu Reflexion unterbanden. Somit blieb im Studium
werden. Zum einen hatte die bereits erwähnte die Abhängigkeit durch Lehrende wie Kinder-
enge Verknüpfung des Instituts mit seinem mann aufrecht, die ihre Macht durchaus aus-
Gründer die Konsequenz, dass eine Aussage nutzen konnten, wenn ihnen Positionen nicht
über Kindermann zugleich eine Aussage über genehm waren11. Eng damit verbunden ist ein
das Institut bedeutete, und somit auch eine Wissenschaftsbild, dass Student_innen nicht
breite Abwehrhaltung der somit angegriffenen als gleichberechtigt anerkennt und ein Lehrer_
Institution zur Folge hatte10. Dies findet auch innen-Schüler_innen-Verhältnis aufrecht hält,
Widerhall in der Reaktion von Student_innen, dass erst 1968 erste Risse zeigte12. Somit wird
wo einerseits immer wieder eine recht kleine der Kritik von Student_innen in einer verharm-
Gruppe kritisch die Institutsgeschichte thema- losenden und nivellierenden Form begegnet,
tisierte und hinterfragte, sei es in der Program- indem ihnen unterschwellig oder ausgespro-
matik, der Methodik, den Inhalten oder der Or- chen mitgeteilt wird, dass sie entweder noch zu
ganisation, andererseits daneben die größere jung seien, um zu verstehen, was erst im Alter
Anzahl an Student_innen solchen Diskussionen zu verstehen sei (lies auch: in der Anpassung)
tendenziell distanziert oder uninteressiert ge- oder dass sie wissenschaftlich noch nicht bereit
genüberstand und somit den status quo als sol- dazu wären, den „richtigen“ Blickwinkel ein-
chen – wenn auch unbewusst – akzeptierte und zunehmen, um die „richtigen“ Schlüsse ziehen
dadurch aufrecht erhielt. Dies mag kein Spe- zu können (lies auch: hegemoniale Diskurse in-
zifikum des Instituts sein, weil es das Wirken härent aufgenommen zu habend). Insofern sei
des Großen im Kleinen aufzeigt, da in der auch keine Diskussion nötig und der konfron-
österreichischen Mehrheitsgesellschaft, tativen, polemischen Kritik könne mit Milde be-

42 besonders wenn der Nationalsozialismus


zum Thema gemacht wird, ein ähnliches
Stellungsspiel zu beobachten ist, so muss
doch darauf hingewiesen werden, dass
gegnet werden, in der Hoffnung, dass Einsicht
und Weisheit noch erlangt werde. Dieses nun
zugegebenermaßen polemisch zugespitzte Ver-
halten, lässt sich aber wie eine Schablone über
eben nicht nur Lehrende, sondern auch Stu- einen Großteil der Debatten um Heinz Kinder-
dent_innen viel zu oft kein Interesse zeigten, mann und die Institutsgeschichte legen, wie an
über den Ort, an dem sie einen Großteil ihrer einem kleinen Beispiel dargestellt werden soll:
Zeit verbrachten und den sie mitgestalteten, zu
reflektieren. Womit ein weiterer Stolperstein Durch die Übernahme des Instituts 1945 durch
erwähnt werden soll, der ebenso wie der erste Eduard Castle wurde eine Zwischenlösung ar-
rangiert, die zwar auf breite Zustimmung stieß,
aber nur von kurzer Dauer sein konnte, da Cast-
le bereits im Pensionsalter war. Somit blieb der
Konflikt um Kindermann am Köcheln, auch weil
den Beteiligten bewusst war, dass er seine Be-
mühungen um eine Rückerlangung des Lehr-
stuhles nicht aufzugeben bereit war. Von unter-
schiedlichen Seiten wurde dies von Zeit zu Zeit
thematisiert, wie auch im „strom“, der Student_
innenzeitung des VSStÖ von 1945-1950, wo-
rin am 22. Juli 1946 dagegen protestiert wird,
dass „plötzlich der Leseraum des Institutes für
Theaterwissenschaft mit einem Porträt seines
‚Gründers‘ geschmückt“ wurde13. Kindermann
reagierte, indem er darum bat das Bildnis ab-
zuhängen, wie er in einem Brief an den „strom“
mitteilte, wobei er anmerkte, dass „[v]ermutlich
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

[…] die Anbringung als Dank meiner ehemali- der unproblematisch sind. Beginnend bei Eduard
gen Schüler für die Gründung des Instituts ge- Castle, dem zwar keine nationalsozialistische
dacht [war]. Ich habe nunmehr gebeten, diesen Gesinnung vorgeworfen werden kann, bei dem
symbolischen Akt des Erinnerns erst nach mei- aber eine Anbiederung an den Nationalsozialis-
nem Tode zu vollziehen“14. Ein Porträt Kinder- mus festgestellt werden muss, womit er aber in
manns hängt heutzutage verständlicherweise der Nachkriegszeit noch einer der harmlosesten
nicht am Institut, ausgenommen Fotos im Zuge Akteur_innen am Institut war. So fehlt in der
der Ausstellung zur Institutsgeschichte, worin Institutsgeschichte eine ausführlichere Thema-
diese aber in einem kritischen Kontext gestellt tisierung der nach 1945 (wieder) Lehrenden, wie
wurden, dem sich Kindermann Zeitlebens ent- Vagn Börge, der ab 1944 Filmlehrveranstaltun-
zog. So war seine „Anregung“ wohl nicht ge- gen am Institut anbot, oder Jospeh Gregor, der
plant gewesen. Was in der Argumentation von 1943 das Baldur von Schirach gewidmete Buch
Kindermann hier durchscheint (neben dem aus- „Das Theater des Volkes in der Ostmark“ veröf-
gestellten Unrechtsbewußtsein), ist die Anma- fentlichte, und nicht zu vergessen Hans Nieder-
ßung eines als Wissenschaftler über Student_in- führ, der 1938 das Max Reinhardt-Seminar über-
nen stehenden Denkens und der Gestus einer nahm und „arisierte“16 Es zeigt sich hierbei auch
Belehrung von aufmüpfigen Kritiker_innen. ein Versäumnis der Entnazifizierung in Öster-
Ähnliches wiederholt sich 1954 bei der Wieder- reich, da nicht vermocht wurde abseits formaler
einstellung von Kindermann als Institutsleiter, Kriterien auch intellektuelle Einstellungen und
als Student_innen bei seiner Antrittsvorlesung wissenschaftliche Inhalte auf nationalsozialisti-
am Institut dagegen protestieren. Nachdem zu- sche Absichten oder Grundhaltungen zu hinter-
nächst die Veranstaltung abgesagt wurde, war fragen. Dazu wäre nötig gewesen auch zwischen
beim zweiten Versuch der Rektor der Universi- den Zeilen zu lesen, Diskurse nachzuvollziehen
tät Wien anwesend, der kritischen Student_in- und ein historisches Bewusstsein anzuwenden.
nen per Handschlag die Zuversicherung abrang Dies entsprach nun aber nicht den hegemoni-
von Störungen abzusehen, ansonsten mit Haus- alen Vorstellungen in der Auseinandersetzung
verbot zu rechnen sei. Teile der Presse nahmen über das Nachwirken des Nazismus in den post-
dies auf, um von einen undemokratischen Akt nazistischen Gesellschaften Österreichs
zu sprechen, nicht aber an Kindermann und und Deutschlands, womit solche Ansätze
Rektor Schönbauer, sondern an die protestie-
renden Student_innen gerichtet15. Wohl eine be-
zeichnende Reaktion für die 50er-Jahre und ein
Beispiel für die „Verdrängung“ der nationalsozi-
oft als Minderheitenpositionen abgetan
oder in eine Passivität abgedrängt wurden.
Nicht unähnlich von dem, wie von offizi-
eller Institutsseite Diskussionen über die
43
alistischen Vergangenheit Österreichs. Gründung und Geschichte des Instituts ver-
nachlässigt und kleinzuhalten versucht wurde.
Abschließend sei noch eine weitere Schwierig- Zumindest gelang durch die beständigen Ausei-
keit angesprochen, die damit zusammenhängt, nandersetzungen die Verhinderung einer offen
dass mit Heinz Kindermann ein besonders pro- zutage tretenden Heiligenverehrung von Heinz
noncierter und publikationsfreudiger NS-Leh- Kindermann17, auch wenn in Andeutungen sol-
render am Institut seine Wirkkreise zog, wo- che Signale immer wieder kommuniziert wur-
durch ein „Staubsaugereffekt“ zu beobachten den, besonders wenn es um eine Bewertung der
ist. Durch die große Angriffsfläche die er bie- zehnbändigen Theatergeschiche Europas geht.
tet, bezieht sich ein Großteil der Auseinander- Ähnlich situiert ist auch die Debatte um Bezeich-
setzungen und Kritik auf ihn, auch weil er dies nungen, die aus der nationalsozialistischen Pha-
durch seine Reaktionen provozierte. Der Blick se des Instituts übernommen wurden, sei es die
lenkt sich durch die Schwere seiner nationalso- Institutszeitschrift „Maske und Kothurn“ oder
zialistischen Wirktätigkeit auf ihn, und tendiert der Schreyvogelhörsaal des Instituts. Nun kann
dazu, „Nebenfiguren“ nur verblasst anzuzeigen tatsächlich Joseph Schreyvogel nichts für die
und zu thematisieren. Zwar rückte Margret Diet- Vereinnahmung durch Kindermann, aber dar-
rich vermehrt in den Fokus der Auseinanderset- um geht es auch nicht. Vielmehr wäre es nötig
zung, ihr Anteil bleibt aber nachwievor zumeist offenzulegen, dass Kindermann den Hörsaal
gering (wie leider auch in diesem Artikel), auch 1943 so benannte, weil er mit Schreyvogel eine
wenn es genug Unterlagen und Publikationen ideologische Imagination verband, den er als
von ihr gibt, die belegen, dass dies unbegründet Proponenten eines deutschen Nationaltheaters
ist. Weitere Akteur_innen firmieren dann schon interpretierte. Dieses Bild zurechtzurücken um
„unter ferner liefen“, obwohl sie oft nicht min- damit auch klarzumachen, warum der Schrey-
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

Gründungsgeschichte
und den Folgewirkun-
gen daraus, wodurch
auch die Notwendig-
keit einer wissen-
schaftstheoretischen
Auseinandersetzung
aufgezeigt sei, die
auch aktuelle Zugän-
ge inkludiert. Daneben
stellt sich auch die
Frage nach den Grün-
den für gewisse nur
unzureichend angebo-
tene Inhalte und nur
ansatzweise stattfin-
denden Debatten, die
eng mit gesellschafts-
kritischen Positionen
zusammenhängen, sei
es Antisemitismus,
Rassismus und Sexis-
mus am Theater, im
Film und den Medien,
des Eurozentrismus in
vogelhörsaal noch immer so heißt, dass wäre der Konzeption der historischen Grundlagenfä-
eine Forderung, die sich aus der Debatte erge- cher oder nur sporadisch abgehaltene Lehrver-
ben sollte. anstaltungen zu Exiltheater/-film, jüdischem
Theater/Film oder der Theaterwissenschaft im

44 Abschließend sollte festgehalten werden,


dass die Ausstellung über die Gründung
des Instituts, die zwar schon teilweise ab-
gebaut wurde, wo aber noch einige Schau-
Nationalsozialismus, um nur einiges zu erwäh-
nen. Es stellt sich aber auch die Frage nach der
Sprache über und den Umgang mit Gegenwart
und Vergangenheit, auch hinsichtlich der Wirk-
tafeln in den Gängen des Instituts hängengelas- lichkeiten, die unsere Gesellschaft ausmacht
sen wurden, notwendig und für die Debatten und produziert. Schließlich gilt es auch sich be-
über sowohl Instituts- als auch Fachgeschichte wußt zu machen und Lehren daraus zu ziehen,
wichtig war, auch wenn es als verspätet konsta- dass „wir vom Faschismus nur abgekommen
tiert werden muss. Es muss aber auch eindring- und in der Entwicklung unserer Wahrnehmung
lich darauf hingewiesen werden, dass damit in und unserer Kultur nicht bedeutend weiterge-
keiner Weise ein abschließendes Kapitel über die kommen sind“18.
Institutsgeschichte geschlossen sei. Eine solche
Konsequenz würde die Versäumnisse im Umgang Klaus Illmayer
mit der nationalsozialistischen Gründungsge-
schichte des Instituts nur weiter betreiben. Ne-
ben einer Thematisierung von bereits erwähn- 1 Von 1943-1945 galt die Bezeichnung „Zentralinstitut für
ten scheinbaren „Nebenfiguren“ am Institut, Theaterwissenschaft“, mit einem aus diesem Namen be-
bedarf es auch einer nachholenden Diskussion zogenen Anspruch, als zentrale Stelle für Theaterwissen-
in der Hinterfragung von Strukturen, Methoden schaft im „Dritten Reich“ anerkannt zu werden, was bereits
und Inhalten am Institut, auch im Sinne der in auf die starke Involvierung in die nationalsozialistische
diesem Reader enthaltenen Beiträge. Die bestän- Wissenschaftsproduktion verweist. Bis 1999 galt dann die
dige Hinterfragung und reflektierende Ausein- Bezeichnung „Institut für Theaterwissenschaft“, da der
andersetzung sollte für Institutsangehörige und Präfix Zentral schon deswegen nicht mehr benötigt wur-
Student_innen des Faches gleichermaßen eine de, da dieses Institut nunmehr das einzige in Österreich
selbstverständliche Angelegenheit sein. Dazu war. 1999 erfolgte dann die bis heute gültige Umbennung
gehört auch die Frage nach der zu spät erfolg- in „Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft“.
ten Thematisierung der nationalsozialistischen Bezüglich der Gründungsgeschichte vgl.: Peter, Birgit/
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

Payr, Martina (Hg.): „Wissenschaft nach der Mode“? Die tfm.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/inst_theaterwis-


Gründung des Zentralinstituts für Theaterwissenschaft an senschaft/50_Jahre_Institut_f_r_Theaterwissenschaft.pdf
der Universität Wien 1943. Wien [u.a.]: Lit, 2008. Dies gilt 11 Bspw. Jürgen Hofmann, dessen Dissertation Ende der
auch für in diesem Text nur angedeutete Punkte, die in den 60er am Institut nicht anerkannt wurde, und der dann am
Artikeln dieses Sammelbandes zur gleichnamigen Ausstel- Institut für Philosophie promovierte, vgl.: Theaterwissen-
lung am Institut ausführlicher dargestellt werden, speziell schaft und Faschismus – eine Spurensuche, S. 208.
auch Informationen zur Chronologie des Instituts. 12 Diese Risse wurden aber nicht ausgeweitet, sondern
2 Brief an das Staatsamt für Volkserziehung und Unter- werden wieder weitgehend verspachtelt, wie z. B. aktuell
richt zu Handen des Herrn Staatssekretärs Dr. Ernst Fi- die Absichten und Umsetzungen der Bologna-Studienar-
scher, Wien 3.7.1945, ÖStA/AdR PA Kindermann, fol. 389- chitektur an der Universität Wien zeigen.
391. Der Brief ist von vier Student_innen namentlich un- 13 „Das Bildnis des Dr. Kindermann“. In: strom. Jugend,
terzeichnet. Geist und Welt, Wien, 2. Jg., Folge 21 (22. Juli 1946), S. 13.
3 Student[_inn]en der Theaterwissenschaft: Brief an das 14 „Nationalsozialistische Autorität übers Grab hinaus.
Staatsamt für Volksaufklärung, Unterricht und Erziehung, Nochmals: Das Bildnis des Dr. Kindermann“. In: strom.
Wien 22.6.1945, ÖStA/AdR PA Kindermann, fol. 392-393. Jugend, Geist und Welt, Wien, 2. Jg., Folge 23 (5. August
Darin wird angemerkt, dass das Originalgesuch „von 44 1946), S. 15.
Student[_inn]en unterschrieben“ wurde. 15 Bswp.: „Antrittsvorlesung mit Gewalt verhindert“. In:
4 Student[_inn]en der Theaterwissenschaft: Brief an Otto Die Presse, Wien, 27.4.1954: „Es erhebt sich nun die Fra-
Skrbensky, Wien 4.7.1945, AdR PA Kindermann, fol. 394- ge, ob es undemokratisch ist, wenn ein Institut (nach
395. Darin wird vermerkt, dass das Originalgesuch „von 71 den Vorschriften der Universität) verhindert, daß au-
Student[_inn]en unterschrieben“ wurde. ßenstehende Personen den Unterrichtsbetrieb stören,
5 Allgemein kann dieses Ausbleiben einer nachhaltigen, oder ob es demokratisch ist, wenn sich eine Gruppe
strukturellen Debatte über die Vergangenheit des Natio- von Leuten über die Beschlüsse des Ministerrates hin-
nalsozialismus in Österreich in vielen Bereichen, Themen- wegsetzt und den Hörsaal mit der Straße verwechselt.“
feldern und Institutionen festgestellt werden. Insofern Vgl. auch: Kirsch, Mechthild: Heinz Kindermann – ein Wie-
entsrpach die Situation am Institut für Theaterwissen- ner Germanist und Theaterwissenschaftler. In: Barner,
schaft einer postnazistischen „Normalität“ in Österreich, Wilfried/König, Christoph (Hg.): Zeitenwechsel. Germa-
was umso mehr Kritik hervorufen sollte. nistische Literaturwissenschaft vor und nach 1945.

45
6 Theaterwissenschaft und Faschismus – eine Spurensu- Frankfurt am Main: Fischer, 1996, S. 47-59.
che. In: Peter/Payr: „Wissenschaft nach der Mode“?, S. 207- 16 Vgl.: Roessler, Peter: Zur Geschichte des Rein-
225, S. 207ff. hardt-Seminars von 1928 bis 1938. In: Roessler,
7 Meier, Monika/Roessler, Peter/Scheit, Gerhard: Theater- Peter/Einbrodt, Günter/Gföller, Susanne (Hg.): Die
wissenschaft und Faschismus. Wien [u.a.]: Antifaschisti- vergessenen Jahre. Zum 75. Jahrestag der Eröff-
sche Arbeitsgruppe, P. Roessler, 1981. nung des Max Reinhardt Seminars, Wien: Max Reinhardt
8 Theaterwissenschaft und Faschismus – eine Spurensu- Seminar, 2004, S. 11-51.
che, S. 217. 17 Als ein „grusliges“ Beispiel für den Versuch einer
9 Meier/Roessler/Scheit: Theaterwissenschaft und Faschis- Mystifizierung Kindermanns darf der Nachruf von Volk-
mus, S. 105. mar Parschalk im Ö1-Mittagsjournal vom 3.10.1985 gel-
10 Dieser „Korpsgeist“ an den Universitäten, der sich vie- ten, nachzuhören unter folgender URL (der Beitrag be-
lerorts, aber besonders in den Debatten um die Universi- ginnt ab der 50. Minute): http://www.mediathek.at/pro-
täten im Nationalsozialismus zeigt, wurde nur vereinzelt jects/journale/htdocs/popup/popup_media_manager.
durchbrochen, so am Institut für Theaterwissenschaft in php?fileId=1158950#
der Ära Kindermann durch Paul Stefanek. Nach dem Tod 18 Seeßlen, Georg: Tanz den Adolf Hitler. Faschismus in
Kindermanns war es Hilde Haider-Pregler, die von Insti- der populären Kultur. Berlin: Tiamat, 1994, S. 88.
tutsseite aus als erste die nationalsozialistische Instituts-
gründung ausführlicher öffentlich thematisierte, zum ers-
ten Mal 1993 zum 50jährigen Gründungsdatum: http://
THEATERWISSENSCHAFT UND POSTNAZISMUS READER

NACHWORT
„Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst Auseinandersetzung mit der postnazistischen
dann, wenn die Ursachen der Vergangenheit Theater-, Film- und Medienwissenschaft wurde
beseitigt wären. Nur weil die Ursachen fortbe- jedoch nur zum Teil ­geleistet.
stehen, ward sein Bann bis heute nicht gebro-
chen.“ Theodor W. Adorno Mit diesem Reader soll ein Zeichen für die Entste-
hung eines Problembewusstseins diesbezüglich
Mit diesem Reader wird versucht, die Beiträge gesetzt werden. Das dieses Problembewusstsein
zur Debatte rund um den 65. Jahrestag der In- bis heute größtenteils fehlt, wurde etwa in der
stitutsgründung gesammelt zu veröffentlichen, Debatte um die Umbenennung der Margret-
um ein Problembewusstsein in Bezug auf die ­Dietrich-Gasse sichtbar. Als diese umbenannt
postnazistischen Verhältnisse am Institut für war, fand plötzlich auch die Institutsleitung Ge-
Theater-, Film- und Medienwissenschaft und fallen daran. Davor schaffte sie es jedoch nicht,
darüber hinaus zu schaffen. sich öffentlich für eine Umbenennung stark zu
machen und deutliche Worte in Bezug auf Mar-
Es ist wichtig, dass auch nach Ausstellung und gret Dietrich zu artikulieren.
Katalog die Aufarbeitung und Auseinander­
setzung mit der Institutsgeschichte nicht als er- Es gilt nun, die Auseinandersetzung mit Antise-
ledigt angesehen wird. mitismus und autoritären Konzepten in Theater
und Medien weiter im Lehrplan zu verankern.
Zu viel ist nach wie vor zu wenig erforscht. Etwa Zusätzlich muss auch eine kritische Beschäf-
die Frage, wie sich postnazistische Verhältnisse tigung mit der Instituts-, Fach- und Wissen-
in der aktuellen Forschung und Lehre abbilden. schaftsgeschichte möglich werden.
Im Rahmen von Lehrveranstaltungen findet
kaum eine Auseinandersetzung mit Antisemi- Auseinandersetzung mit der Vergangenheit
tismus in Theater, Film und Medien statt. Eine muss als etwas Kontinuierliches angesehen wer-
solche wäre angesichts der realen Verhältnisse den, dass nicht abgeschlossen werden kann und
dringend einzufordern. unter das kein Schlussstrich gezogen werden
darf.
Zwar war die Ausstellung ein wichti-

46 ger ­Beitrag dazu, die Institutsgründung


­kritisch aufzuarbeiten, eine kritische Sara Vorwalder und Florian Wagner
basisdemokratisch
feministisch
antiheteronormativ
emanzipatorisch
antirassistisch
antifaschistisch
unabhängig
antihierarchisch
gegen diskriminierung
antisexistisch
antihomophob
gegen antisemitismus
lustvoll

bagru thewi­­
-
vertrete dich selbst!