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FORSCHUNG

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Taleb Ahmad
Wolfgang Härdle
Uwe Ziegenhagen
E-Learning
interkulturell
ArabMM*Stat
Entwicklung einer Lernplattform für arabische Nutzer

In vielen Bereichen der universitären Ausbildung haben Elemente des E-Learning
E-LEARNING

ihren Einzug gehalten, sei es in Form von Video- oder Audioinhalten, Lern-und Lern-
inhaltsumgebungen (Moodle, Mneme) oder als web- und computerbasierte Trainings-
anwendung. – Wir stellen eine Fallstudie vor, die die Entwicklung der ersten arabi-
schen Trainingsanwendung für angewandte Statistik beschreibt. Neben den techni-
schen Schwierigkeiten gehen wir ebenso auf die kulturellen und sprachlichen
Schwierigkeiten ein, die
bei der Entwicklung die- MM*STAT auf Arabisch
ser Plattform eine Rolle Die inhaltliche Grundlage dieses Projekts wurde vor
spielten. einigen Jahren am Fachgebiet für Statistik und Okono- Abb. 2
metrie der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Die arabische MM*Stat-Version im MediaWiki
unter Leitung von Prof. W. Härdle und Prof. B. Rönz
geschaffen. Die Software mit dem Titel MM*Stat wur- Quelltexte, die in LaTeX erstellt worden waren, über
de entwickelt, um Studenten des Grundstudiums einen die selbst entwickelte Software MD*Book (siehe Hum-
leichteren Zugang zur Materie zu verschaffen und boldt-Spektrum 01/2002) in das HTML-Format kon-
ihnen die Möglichkeit zu bieten, Vorlesungsinhalte am vertiert wurden. ArabMM*Stat wird die erste E-Lear-
heimischen Rechner zu wiederholen. ning-Umgebung in Statistik für arabische Nutzer sein.
Eine Beispielseite der arabischen MM*Stat-Version im
Das System läuft komplett im Web-Browser und MediaWiki zeigt Abb. 2 (http://pluto.wiwi.hu-berlin.de/
besteht aus HTML-Seiten, die in Form von Karteikar- mediawiki/index.php).
ten angeordnet sind (siehe Abb. 1). Von den Vorle-
sungsseiten gelangt man über Hyperlinks zu den Bei- Bei der Übersetzung ins Arabische stießen wir jedoch
spielseiten, die detailliertere Erklärungen, Multiple- auf Schwierigkeiten, die technische, spachliche und
Choice-Aufgaben oder interaktive Beispiele auf Basis kulturelle Ursachen haben:
von Java-Applets bieten.
• Im Arabischen wird im Gegensatz zu den meisten
MM*Stat wurde in diverse Sprachen übersetzt, darun- anderen Sprachen von rechts nach links geschrie-
ter englisch, französisch, italienisch, polnisch, spa- ben, dies gilt auch für Formeln, Tabellen und Grafi-
nisch und tschechisch. Der technische Aufwand der ken. Die bisher erstellten Inhalte mussten allesamt
Übersetzung in Sprachen mit lateinischen Buchstaben konvertiert werden.
blieb dadurch in überschaubaren Grenzen, dass die
• Der bei den anderen Sprachen genutzte Workflow
Abb. 1 (LaTeX → HTML → MD*Book → MM*Stat-Format)
Beispiel einer MM*Stat-Webseite konnte nicht genutzt werden, da die zugrunde-
liegenden Konverter in das HTML-Format allesamt
nur auf lateinische Sprachen ausgelegt sind und
mit der gängigen Eingabeform für arabische Inhalte
(ArabTeX) nicht umgehen konnten.

• Die sozio-kulturellen Probleme betreffen in erster
Linie die Unterschiede zwischen arabischen und
westlichen Gesellschaften, wie die Verbote von
Glücksspiel, Zinsen und Alkohol. In den Inhalten von
MM*Stat fanden sich verschiedene Beispiele wie
die Veranschaulichung von Wahrscheinlichkeitsbe-
rechnungen durch Spielkarten, die für arabische /
muslimische Lerninhalte ungeeignet sind.

Die technischen Probleme ließen sich durch einen
Wechsel der Plattform lösen. Anstelle der LaTeX-
basierten Lösung nutzen wir für die arabische Version
von MM*Stat ein Wiki, das neben der Sprachunterstüt-
zung für Arabisch noch eine ganze Reihe interessanter
Funktionen bietet.

50 HUMBOLDT-SPEKTRUM 3/2007
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WIKI, WIKI Interaktive Beispiele mit Rwiki
Ein Wiki (hawaiisch für Ein Beispiel für ein solches Plugin ist das von Dr. S.
»schnell, schnell«) ist Klinke am Fachgebiet Statistik entwickelte Rwiki. Mit
eine im Intra- oder Inter- Hilfe dieses Plugins ist es möglich, innerhalb des
net verfügbare Sammlung Wikis Programmcodes der statistischen Programmier-
von HTML-Seiten, die von sprache R (http://www.r-project.org) auszuführen. In
Benutzern nicht nur gele- der entsprechenden Wiki-Seite eines jeden Beispiels
sen, sondern auch online finden sich spezielle <R> Tags, die den R-Quellcode
über entsprechende Ein- enthalten. Über einen output-Parameter lässt sich
gabefenster verändert steuern, ob eine Grafik, Text oder eine Tabelle gene-
werden kann. Die Ur-Form aller Wikis wurde 1994 von riert werden soll. Innerhalb von ArabMM*Stat wird
Ward Cunningham entwickelt, das bekannteste Wiki- dieses Plugin genutzt, um beispielsweise verschiedene Abb. 3
System ist MediaWiki (http: //www.mediawiki.org), das Verteilungen zu visualisieren; Abb. 4 zeigt ein Beispiel Nutzung von LaTeX für
auch die Grundlage für die Wikipedia bildet. Für die für die hypergeometrische Verteilung. ArabMM*Stat
Formatierung von Inhalten nutzen Wikis eine einfache
Syntax, so dienen beispielsweise =, == und === der
Abgrenzung verschiedener Gliederungsebenen. Zwei
Anführungszeichen dienen der Auszeichnung von kur-
sivem Text, drei Anführungszeichen der Auszeichnung
von fettem Text. Die Vorteile eines Wiki sind:

• Die Seiten lassen sich online ändern und stehen
allen Nutzern sofort wieder zur Verfügung.
• Es sind keine HTML-Kenntnisse nötig, um Seiten
ändern zu können.
• Das Wiki-System speichert die Historie des Doku-
ments. Falls notwendig, kann so eine ältere Version
der Seite wiederhergestellt werden.
• Komfortablere Wiki-Systeme, wie z.B. MediaWiki,
können beispielsweise LaTeX-Formeln automatisch
in Bilder umwandeln und bieten sogar die Möglich-
keit, eigene Plugins einzusetzen (Abb. 3).

Abb. 4
Interaktives Beispiel für
die Hypergeometrische Ver-
teilung

HUMBOLDT-SPEKTRUM 3/2007 51
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Zusammenfassung
E-Learning-Elemente bilden in der Statistik eine wert-
volle Ergänzung zum regulären Lehr-Programm. Mit
ArabMM*Stat entwickeln wir ein auf gängigen Stan-
dards aufbauendes System, das langfristig von den
Nutzern selbst mit weiteren Inhalten gefüllt werden
kann und sogar als Basis für andere arabische Lern-
projekte dienen kann. Mit Rwiki und der Möglichkeit,
hochwertigen Formelsatz aus LaTeX zu erzeugen, kön-
nen auch komplexere mathematische und statistische
Inhalte sauber präsentiert und veranschaulicht wer-
Taleb Ahmad Prof. Dr. Wolfgang Härdle Uwe Ziegenhagen den. Wir hoffen, dass ArabMM*Stat eine Bereicherung
Jg. 1976. Studium der Wirt- Jg. 1953. Nach Promotion Jg. 1977. Studium der BWL des E-Learning-Angebots in der arabischen Welt dar-
schaftswissenschaften an (Universität Heidelberg) und mit den Schwerpunkten stellt und eine Möglichkeit bietet, auf universitärer
der Tischrin-Universität Lat- Habilitation (Universität Wirtschaftsinformatik,
Ebene zusammenzuarbeiten.
takia, Syrien, 1994–1999; Bonn) war W. Härdle Profes- Entrepreneurship und
Diplom für Statistik in Latta- seur Ordinaire, CORE, an Statistik. Masterstudium
kia 2000. Nach seinem der Université Catholique de Statistik mit Schwerpunkt Literatur
Masterstudiengang Statistik Louvain (1990–92). Seit Computational Statistics. Ahmad, T. / Härdle, W. / Mungo, J. (2006): On the Dif-
an der Humboldt-Universität 1992 C4-Professor an der Forschungsthemen: E-Learn- ficulty to Design Arabic E-learning System in Statis-
zu Berlin promoviert er dort Wirtschaftswissenschaftli- ing, Statistische Software. tics, COMPSTAT Proceedings in Computational Statis-
seit 2005 an der Wirt- chen Fakultät der Humboldt- tics, Physica Verlag.
schaftswissenschaftlichen Universität zu Berlin, Fach-
Ahmad, T. / Härdle, W. / Klinke, S. (2007): Using Wiki
Fakultät. Von März 2006 bis gebiet Statistik, Direktor des Kontakt
Juni 2007 war er Mitarbei- Interdisziplinären Zentrums Humboldt-Universität to build an e-learning system in statistics in Arabic
ter am Multimedia-Projekt CASE – Center for Applied zu Berlin language, ICMS, Vienna, Austria.
ArabMM*Stat. Statistics and Economics Wirtschaftswissenschaft- Dutta, S. / El-Hage, C. / Sabbagh, K. / Tarazi, P.
seit 2001; Sprecher des SFB liche Fakultät (2003): Challenges for Information and Communica-
373 »Quantifikation und Fachgebiet Statistik tion Technology Development in the Arab World.
Kontakt Simulation ökonomischer Ziegelstr. 13a
Härdle, W. / Klinke, S. / Ziegenhagen, U. (2006):
Humboldt-Universität Prozesse« (1/1994–2/2003); D–10117 Berlin
zu Berlin jetzt Sprecher des SFB 649 Tel.: +49 30 2093–1469
E-Learning – A Selective Review, COMPSTAT Proceed-
Wirtschaftswissenschaft- »Ökonomisches Risiko«. Fax: +49 30 2093–5649 ings in Computational Statistics, Physica Verlag, S.
liche Fakultät E-Mail: ziegenhagen@ 417–428.
Fachgebiet Statistik wiwi.hu-berlin.de Lagally, K. (1993): ArabTeX : a System for Typesetting
Ziegelstr. 13a Kontakt Arabic. User Manual Version 3.00, University Stutt-
D–10117 Berlin Humboldt-Universität gart, Germany.
Tel.: +49 30 2093–5654 zu Berlin
Müller, M. / Rönz, B. / Ziegenhagen, U. (2000): The
Fax: +49 30 2093–5649 Wirtschaftswissenschaft-
E-Mail: tahmad@ liche Fakultät Multimedia Project MM*Stat for Teaching Statistics.
wiwi.hu-berlin.de Spandauer Str. 1 In: COMPSTAT Proceedings in Computational Statis-
D–10178 Berlin tics, Physica Verlag, S. 409–415.
Tel.: +49 30-2093–5630
Fax: +49 30-2093–5649
E-Mail: stat@wiwi.
hu-berlin.de
http://ise.wiwi.hu-berlin.de

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