Das virtuelle Großkraftwerk 

Dipl.‐Ing. Detlef Loy / Loy Energy Consulting, Berlin 
September 2009 
 
Kürzlich überraschte der Konzern Volkswagen mit der Ankündigung, in das Geschäft mit Kleinanlagen 
zur gekoppelten Erzeugung von Strom und Wärme einzusteigen. So ganz neu ist diese Ambition eines 
Fahrzeugfabrikanten allerdings nicht. Hatte doch bereits FIAT vor ziemlich genau 30 Jahren versucht, 
mit einer TOTEM (Total‐Energy‐Module) genannten würfelförmigen Kiste die dezentrale Stromerzeu‐
gung  zu  revolutionieren.  Der  Clou  dabei:  Neben  dem  Strom  wird  auch  die  anfallende  Wärme  fast 
vollständig  und  unmittelbar  vor  Ort  genutzt  und  somit  der  Wirkungsgrad  der  eingesetzten  Energie 
auf über 90% gesteigert. 
Das Engagement von FIAT blieb allerdings nicht mehr als eine Initialzündung. Während sich der Au‐
tobauer  schnell  wieder  vom  Markt  zurückzog,  eroberten  diesen  zahlreiche  eher  mittelständische 
Unternehmen.  In  Deutschland  –  wie  auch  in  anderen  Ländern  vor  allem  Mitteleuropas  –  sind  die 
wegen  ihrer  modularen  Form  Blockheizkraftwerke  (BHKW)  genannten  Aggregate  inzwischen  gang 
und gäbe. Sie versorgen Fabriken, Gärtnereien, Flughäfen, Krankenhäuser, Schwimmbäder, Schulen, 
ebenso  wie  Bürogebäude  und  Wohnhäuser  oder  ganze  Wohnanlagen.  Es  gibt  sie  in  Riesenausferti‐
gung mit entsprechend hoher Leistung ebenso wie in Miniaturvarianten für die Aufstellung im Eigen‐
heimkeller. Zumeist werden sie mit Gas betrieben. Entweder mit Erdgas oder – vor allem bei Kläran‐
lagen und im ländlichen Bereich – auch mit Biogas, was eine besonders günstige CO2‐Bilanz zur Folge 
hat. Wo kein Gas zur Verfügung steht, kommen jedoch auch Anlagen mit Diesel‐ oder Pflanzenöl zum 
Einsatz.  
Der ökologische Nutzen ist in jedem Fall eindeutig: Gegenüber herkömmlichen zentralen Kraftwerken 
ohne  Abwärmenutzung  können  BHKWs  bis  zu  zwei  Drittel  an  Energie  einsparen,  wenn  die  Wärme 
nutzbringend eingesetzt wird. Dies geschieht üblicherweise durch eine Betriebsführung, die sich am 
Wärmebedarf  orientiert.  Nebenprodukt  ist  in  dieser  Fahrweise  also  die  Stromproduktion.  Dabei  ist 
Wärme  nicht  notwendigerweise  mit  „Heizen“  gleichzusetzen,  denn  etliche  Anlagen  werden  inzwi‐
schen mittels Absorptionskälte auch zur Klimatisierung eingesetzt. 
Die  deutsche  Bundesregierung  hat  diese  effiziente  Energietechnik  in  den  letzten  Jahren  stetig  und 
konsequent gefördert, wobei das Potenzial durchaus noch lange nicht ausgeschöpft ist. Insbesondere 
der  durch  Gesetzgebung  verursachte  Druck,  veraltete  Heizungsanlagen  schrittweise  zu  modernisie‐
ren, sowie der im politischen Rahmen fest verankerte Grundsatz, erneuerbare Energie – also auch die 
Biomasse  und  damit  das  Biogas  bzw.  Pflanzenöl  und  Biodiesel  –  stärker  zu  nutzen,  verhilft  der  de‐
zentralen Kraft‐Wärme‐Kopplung zu neuen Geschäftsfeldern. 
Aber nun zurück zu Volkswagen. Dieser hat zwar sein auf einem Automotor basierendes System be‐
reits  fertig  entwickelt  und  will  damit  ab  2010  auf  den  Markt  gehen,  ist  jedoch  bei  der  Realisierung 
nicht alleine. Dem Großunternehmen zur Seite steht ein relativer Newcomer im Stromgeschäft. Ge‐
rade erst seit 10 Jahren bietet die Firma Lichtblick von Hamburg aus ökologisch produzierten Strom 

D. Loy: Das virtuelle Großkraftwerk, Seite 2 

bundesweit an. Trotz seiner jungen Jahre war Lichtblick damit eines der ersten Unternehmen, das die 
Mitte  der  neunziger  Jahre  erfolgte  Strommarktliberalisierung  in  Deutschland  für  ein  an  Ökologie 
orientiertes  Geschäftsmodel  ausnutzte.  Dank  dieser  Liberalisierung  ist  es  jedem  Verbraucher  in 
Deutschland  freigestellt,  seinen  Strom  bei  einem  Anbieter  seiner  Wahl  zu  kaufen.  Manch  ein  Ver‐
braucher wandte sich daraufhin aus preislichen Gründen von seinem bisherigen örtlichen Lieferanten 
ab, andere vollzogen aus Umweltgründen einen Wechsel. Vor allem zu solchen Anbietern, die einen 
Verzicht auf Atomenergie oder auf mit hohen CO2‐Emissionen erzeugten Strom garantierten. Im klei‐
nen Feld der reinen Ökostromlieferanten ist Lichtblick mittlerweile der größte. 
Was aber bewegt Lichtblick dazu, mit Volkswagen einen Exklusivvertrag über die Lieferung von bis zu 
100.000 BHKWs abzuschließen, von denen jedes einzelne eine elektrische Leistung von 20 Kilowatt 
aufweist, genug Kapazität also, um insgesamt zwei große Atomkraftwerke zu ersetzen? Die Idee ist so 
simpel wie genial. Seit Jahren wird in der Fachwelt darüber gestritten, wieviel Strom aus erneuerba‐
ren  Energien  die  Übertragungsnetze  aufnehmen  können.  In  Deutschland  wurde  in  den  letzten  15 
Jahren  vor  allem  die  Windenergie  stetig  ausgebaut,  auf  nunmehr  rund  25.000  MW.  Diese  Leistung 
steht  jedoch  nicht  ständig  zur  Verfügung.  Sie  schwankt  je  nach  Windangebot  beträchtlich  und  oft 
innerhalb kürzester Zeiträume und lässt sich auch nur bedingt vorhersagen. 
Für das vorwiegend auf große und nur langsam regelbare Kraftwerke ausgelegte Stromversorgungs‐
netz Deutschlands stellen diese sich ändernden Stromangebote aus erneuerbaren Energien eine gro‐
ße Herausforderung dar. Zudem ist per gesetzlicher Regelung festgelegt, dass erneuerbare Energien 
stets  Vorrang  vor  konventioneller  Stromerzeugung  genießen,  also  mit  Priorität  in  das  Netz  Strom 
einspeisen dürfen. Wesentlich flexibler sind da die gasbetriebenen Blockheizkraftwerke. Sie können 
binnen  Sekunden  ein‐  oder  ausgeschaltet  werden  und  die  Leistungsschwankungen  von  Wind‐  und 
Solaranlagen somit ausgleichen. Im Verbund von vielen Einzelanlagen mit unterschiedlichen Energie‐
trägern  und  an  verschiedenen  Standorten  entsteht  so  ein  virtuelles  „Groß“kraftwerk.  Der  bislang 
gültige Glaubenssatz, dass herkömmliche Kohle‐ oder Atomkraftwerke die Basislast abdecken müss‐
ten und zur Netzstabilität unersetzlich seien, entfällt somit. Und der normalerweise wärmegeführte 
BHKW‐Einsatz  wird  auf  diesem  Wege  zu  einem  am  Strombedarf  orientierten  Betrieb.  Entstehende 
Wärme muss nun notfalls in größeren Speichern „zwischengelagert“ werden. 
„Gefahren“ werden die im Keller von größeren Gebäuden fest installierten Auto‐Heizkraftwerke von 
einer  zentralen  Leitwarte  aus.  Diese  steuert  die  Anlagen  je  nach  Strombedarf  und  jeweils  gültigem 
Marktpreis. Interessant ist deshalb auch das Geschäftsmodell von Lichtblick: Die Gebäudenutzer sol‐
len einen einmaligen Investitionsbeitrag für die Wärmeversorgung bezahlen, der deutlich unter den 
Kosten  einer  neuen  Heizungsanlage  liegen  wird.  Abgerechnet  wird  die  gelieferte  Heizenergie  nach 
Menge. Das Aggregat selbst verbleibt im Besitz von Lichtblick, diese zahlt eine Miete für den Platz im 
Keller  und kümmert sich um die Wartung des Systems. Ein  Rundum‐Sorglos‐Paket also für  den  Ge‐
bäudebesitzer. 
Natürlich  ist  das  Thema  „virtuelles  Kraftwerk“  damit  noch  nicht  ausgeschöpft.  Auch  auf  der  Ver‐
brauchsseite  wird  intensiv  daran  gearbeitet,  Lösungen  zu  finden,  wie  der  Strombedarf  besser  mit 
einem  stark  variablen  Stromangebot  korrespondieren  kann.  So  wird  insbesondere  daran  gedacht, 
verbrauchende  Geräte  mit  einer  gewissen  Toleranz  gegenüber  zeitlichen  Abschaltungen  (z.B. 
Waschmaschinen“) bei Bedarf vom Netz zu nehmen. 

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Möglicherweise wird die Frage einer flexiblen Steuerung elektrischer Netze in Schwellenländern erst 
in einigen Jahren akut, wenn die Windkraft deutlich ausgebaut worden ist. Gerungen wird allerdings 
bereits jetzt vielfach und immer wieder neu um die Frage, wieviel Wind‐ und Solarstrom überhaupt 
„verträglich“ sei. Zumindest kann deshalb bei der Planung zukünftiger Stromkapazitäten die Erkenn‐
tnis  aufgenommen  werden,  dass  den  Großkraftwerken  nicht  unbedingt  die  Zukunft  gehört.  Im  Ge‐
genteil:  sie  können  den  Ausbau  erneuerbarer  Energien  aufgrund  ihrer  unflexiblen  Fahrweise  sogar 
deutlich einschränken. Unabhängig von dieser Betrachtung ist das Thema einer gekoppelten dezent‐
ralen Erzeugung von Strom und Wärme (bzw. Kälte) allerdings bereits heute überall aktuell und sollte 
zum Wohle des Klimaschutzes und der Energieeinsparung gerade auch in Schwellenländern mit Vor‐
rang angegangen werden.