Tourismusarchitektur – eine Frage des Geschmacks ?

1. Die Kontroversen um „gute“ oder „schlechte“ Tourismusarchitektur rühren zu einem wesentlichen Teil daher, dass Architekten auf der einen und die mit dem Tourismus befassten Personen auf der anderen Seite von ihrer Sozialisation und von ihrer Lebenswelt her außerordentlich verschieden sind.’ 2. Tourismusarchitektur ist nicht nur Hotelarchitektur, sondern alles, was die Touristen in einer Destination räumlich erleben und betrachten, bis hin zum kleinen Kiosk und der Beschilderung. D.h. nicht nur Einzelarchitekturen sind relevant, sondern auch städtebauliche und landschaftsplanerische Zusammenhänge. 3. In den (alpinen) Tourismus-Destinationen haben die verschiedenen Phasen der touristischen Entwicklung seit den 1960ern ihre baulichen Spuren interlassen, die nun neben- und übereinander existieren und zu einem unbefriedigenden ästhetischen Misch-Masch geführt haben. Wie man da heraus kommt, ist auch ein Grund für die Kontroverse um Tourismus-Architektur. Die einen wählen Spektakel auf dem Gipfel mit StarArchitekten („Pimp my Mountain“), die anderen setzen auf weniger Zitat-Beliebigkeit, Einfachheit der Formen und autochtone Materialien (neue Vorarlberger Linie). 4. Jede Gesellschaftsform hat ihre Architektur, und das betrifft auch den Tourismus. In der Ratlosigkeit gegenüber der Architektur spiegelt sich die Übergangsphase von der Spaßgesellschaft zur Sinngesellschaft, in der wir immer noch mittendrin stehen. Der moderne Massentourismus war ein Phänomen der Industriegesellschaft und brachte seine eigenen Architekturformen hervor. Der Tourismus in der nachindustriellen Gesellschaft, in der „Sinngesellschaft“ prägt nun auch die ihm eigenen baulichen Ausdrucksformen. Kontroversen darum, welche Architektur „richtig“ oder „besser“ sei, sind auch den jeweiligen Gesellschaftsbildern der Kontrahenten geschuldet. 5. Mit der Ablösung der Industriegesellschaft durch die nachindustrielle Gesellschaft, der Spaßgesellschaft durch die Sinngesellschaft verändern sich auch die dominanten Lebensstile in den westlichen Gesellschaften. Lebensstile drücken sich nach außen u.a. im Konsumverhalten, in Urlaubspräferenzen, in ästhetischen Vorlieben aus - und damit wird der „Geschmack“ hinsichtlich des Urlaubs-Ambientes zentral. Die Frage: Tourismusarchitektur – eine Frage des Geschmacks? kann vor diesem Hintergrund nur bejaht werden. Die Veränderung und Ausdifferenzierung der Lebensstile zwingt jeden Hotelier und jede Destination dazu, sich in der Auswahl der potenziellen Gäste zu beschränken und auch ästhetisch (nicht nur im Marketing) zielgenau zu arbeiten.

Prof. Dr. Felizitas Romeiß-Stracke, TU-München Plattform Tourismusarchitektur Felizitas Romeiß-Stracke studierte Soziologie in München und Stadtplanung in Liverpool, 1970-1977 wiss. Mitarbeiterin und Sachgebietsleiterin Stadtverwaltung Landeshauptstadt München (Stadtentwicklung und Stadtsanierung), 1977-2007 Inhaberin und Leiterin des BSF - Büro für Sozial- und Freizeitforschung, München seit 2007 Plattform für Tourismusarchitektur TU München 1990-1999 Professorin für Tourismusmanagement an der FH München 2002-2005 Contract Professorin an der Freien Universität Bozen seit 2001 Lehrbeauftragte für Freizeit und Tourismus in der Architekturfakultät der Technischen Universität München