HELMUT KRAUSSER (* 1964) sie haucht ihr lächeln in den rauch (Sonett

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sie haucht ihr lächeln in den rauch, steht auf und zupft an ihrem kleid. und summt ihr mund ein simples lied, und zittert schüchtern, summ ich auch, seh hin. verstumme.* viel geschieht. ein augenblick, der, aus der zeit gefallen, expandiert und flimmert. sie wippt zum beat der jukebox, traut sich nicht zu tanzen, steht allein auf dem parkett, und ihre haut die bunt im stroboskoplicht schimmert, wirkt unberührbar, ausgedacht. sie schnippt, verschwindet in der nacht – und war für einen lidschlag mein.

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Aufgabe
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Gedicht-Interpretation
HELMUT KRAUSSER (* 1964): sie haucht ihr lächeln in den rauch (Sonett) HELMUT KRAUSSER (* 11. Juli 1964 in Esslingen am Neckar) ist ein deutscher des Öfteren ausgezeichneter Schriftsteller von beispielsweise Romanen, Dichter respektive Lyriker und (Bühnen-)Autor. Ferner existieren von Krausser verschiedene Beiträge sowie Publikationen in Zeitungen und Zeitschriften, einige Musikaufzeichnungen sowie Hörspiele. Krausser ist ebenso ein starker Schachspieler (z. B.: Oberbayerischer Meister 2001) Helmut Krausser lebt heute in Rom und Potsdam. Seit 1991 ist er mit BEATRICE RENAUER verheiratet. Im Wintersemester 2007/2008 hatte er die Poetikprofessur der LudwigMaximilians-Universität (LMU) München inne. Ein lyrisches Ich beschreibt eine Person, die allein auf dem Tanzparkett steht und, statt zu tanzen, mit dem Fuß zum Beat der Jukebox wippt (vgl.: V. 8 ff.!). Es beobachtet sie, jedoch verschwindet sie in der Nacht (s.: V. 13!). Mehrere Faktoren – „rauch“ (V. 1), „beat der jukebox“ (V. 8), „tanzen“ (V. 9), „parkett“ (V. 10) sowie „Stroboskoplicht“ (V. 11) – weisen auf ein Lokal mit Tanzfläche oder etwas Ähnliches hin. Der Titel beziehungsweise erste Vers „sie haucht ihr lächeln in den rauch“ deutet daraufhin, dass ihr Lächeln im ‚Diskonebel‘ (als Metapher: „rauch“, V. 1) nicht oder kaum zur Kenntnis genommen wird. Dieses Gedicht ist ein Sonett, da es sich aus zwei Quartetten (Vierzeilern) und zwei Terzetten (Dreizeilern) zusammensetzt. Es ist aber variiert, da das klassische Reimschema fast vollkommen unbeachtet bleibt. Im Gedicht besteht fast kein Reimschema. Die Ausnahme bilden ein reiner umarmender Reim (V. 1 und 4), der die vier Verse eine Einheit bilden lässt und dies auch neben der Strophenschreibweise nochmals unterstreicht, sowie ein reiner Paarreim (V. 12 sowie 13), der den Zusammenhang der beiden Verse verdeutlicht. Die komplette gemeine Schreibung (in Minuskeln), d. h. Kleinschreibung, lässt sich als Gleichgültigkeit und gefühlte Monotonie des lyrischen Ichs, mit der Person zu tanzen, interpretieren. Der substantivische respektive nominale Stil und die somit wenigen Adjektive oder adjektivische Partizipien sorgen für eine sachliche, fast gefühllose Atmosphäre. Aber die Adjektive werden gezielt eingesetzt, um wesentliche Sachverhalte deutlich zu machen. So ist das lyrische Ich wahrscheinlich zu schüchtern, um die Person anzusprechen, da es ihr Blicke zuwirft, bis sie geht („unberührbar“, V. 12). Jedoch ist die Person ebenfalls „schüchtern“ (V. 4).

Die überwiegend maskuline Kadenz wirkt hart sowie streng und stellt die ‚kalte‘ Atmosphäre dar. Aber die feminine Kadenz sorgt etwas kompensierend für eine warme, weiche, konziliante Stimmung. Zwei, davon eines zwischen zwei Strophen, Enjambements sind im Gedicht auszumachen. Sie sorgen für Spannung, mehr Lesefluss und drücken eine Zusammengehörigkeit der betreffenden Verse aus. Im Allgemeinen bleibt der Zeilenstil gewahrt. Das Gedicht enthält so gut wie nur vierhebige Jamben, die einen bewegten, steigenden Rhythmus verursachen. Ein dreihebiger durch einen einhebigen Trochäus unterbrochener Jambus hebt den Imperativsatz „seh hin“ (V. 5) hervor, der einen Drang und Befehl zugleich umschreibt. Die rhetorischen Mittel sind eher knapp, jedoch vorhanden. Die Ellipse „verstumme (V. 5) ist ein imperativer Satz, der in seiner Gültigkeit unterstrichen wird. Ferner sorgt die Akkumulation „expandiert und flimmert“ (V. 7) für mehr Lebendigkeit sowie Dynamik und verdeutlicht den Eindruck. Ich persönlich finde das Sonett wirklich gelungen: Es ist durchschaubar, verständlich, übersichtlich respektive überschaubar und gut strukturiert. Die Situation wird anschaulich in lyrischer Sprache geschildert. Ich wundere mich, wie viel Inhalt so ein kurzer Text haben kann.

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