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Brigitte Hamm, Jochen Hippler,

Dirk Messner, Christoph Weller


Policy Paper 19
Weltpolitik
am Scheideweg
Der 11. September 2001
und seine Folgen
u2 Policy Paper 19 der Stiftung Entwicklung und Frieden

Die Terroranschläge des 11. September 2001 leiteten Welches Macht- und Kooperationsgefüge wird sich welt-
Strukturveränderungen in der Weltpolitik ein, die über die weit durchsetzen? Gewinnt in den USA die Einsicht
Bekämpfung des transnationalen Terrorismus weit hin- Oberhand, dass globale und innere Sicherheit dauerhaft
ausreichen. Die Weichen für die Weltordnung des 21. nur durch einen kooperativen Multilateralismus gewähr-
Jahrhunderts werden neu gestellt. Noch ist die Richtung leistet werden können? Ist die EU willens und fähig, eine
des Wandels nicht festgelegt und deshalb gestaltbar: Aus solche Neuorientierung zu fördern? Oder wird der Trend
Autokratien und Diktaturen sind über Nacht Alliierte im zum Unilateralismus, den die Supermacht USA seit eini-
Kampf gegen den globalen Terror geworden. Wie wird gen Jahren bevorzugt, durch einen „Multilateralismus à la
sich diese heterogene Allianz weiterentwickeln? China carte“ abgelöst, den Richard von Weizsäcker beobachtet?
und Russland sind näher an den Westen herangerückt – Nicht auszuschließen ist, dass die Supermacht USA am
um den Preis einer „flexibleren Menschenrechtspolitik“. Ende noch übermächtiger dasteht als zuvor, wie der ein-
Zugleich allerdings wachsen die Hinweise auf eine schär- flussreiche Politikberater Zbigniew Brzezinski behaup-
fere Gangart gegenüber manchen „Schurkenstaaten“ wie tet. Er erteilt in der Washington Post allen „Illusionen von
Irak, Iran, Nordkorea, Sudan und Somalia (einem Proto- einem Trend zu mehr globaler Kooperation“ eine Absage
typ des Staatenzerfalls). und plädiert für eine Strategie der „American Preponder-
ance“.
Die zentralen Fragen lauten: Wie könnte – jenseits der mi-
litärischen Antworten auf den Terror – eine politische Hier wird die Gegenthese formuliert: Als Antwort auf den
Strategie zur Bekämpfung der Ursachen globaler Gewalt 11. September müssen die Weichen der Weltpolitik in
aussehen? Wird die Einsicht, die Bundeskanzler Gerhard Richtung einer kooperativen Weltinnenpolitik gestellt
Schröder oder auch der US-Außenminister Powell auf werden. Europa muss Willens und fähig sein, diesen
dem New Yorker Weltwirtschaftsforum äußerten, dass Richtungswechsel zu fördern. Und andere Weltregionen
globale Sicherheit nicht ohne globale Gerechtigkeit zu müssen stärker an der Gestaltung von Weltwirtschaft und
haben sei, die Politik des Westens verändern? -politik beteiligt werden.

I Die Weltpolitik im Spiegel des 11. September

Der 11. September symbolisiert nicht nur den Kampf des region (Migration, Fundamentalismus, Instabilität,
Terrornetzwerkes Al-Qaida gegen die USA, sondern re- Bedrohung Israels) verstärkt bei arabischen Führungs-
flektiert zugleich Veränderungen und Tiefenstrukturen in gruppen und Intellektuellen Minderwertigkeitskom-
der Weltpolitik zu Beginn des 21. Jahrhunderts. plexe und das Gefühl, dem Westen ein Feindbild zu
liefern und von ihm nicht als Partner akzeptiert
zu werden.
Westlich-Islamische Konfliktlinien
❚ Die internen Verhältnisse in islamisch geprägten Län-
Die Terroranschläge sind ohne die vielschichtigen Bezie- dern sind häufig durch das Zusammentreffen chroni-
hungen zwischen dem Westen und der „islamischen scher Wirtschaftskrisen, höchst ungleicher Einkom-
Welt“ nicht zu verstehen. Zunächst wird die Region des mensverteilung und diktatorischer oder repressiver
Nahen und Mittleren Ostens durch eine Reihe akuter oder Regime gekennzeichnet. Die politischen Eliten der
potenzieller Konfliktherde mit hohem Gewaltpotenzial Region werden von ihren Bevölkerungen oft als kultu-
destabilisiert. Zugleich ist das Verhältnis dieser Region rell oder politisch „pro-westlich“ betrachtet, so dass
und der gesamten islamisch geprägten Welt zum Westen auch deren soziale Versäumnisse, Menschenrechtsver-
kompliziert. Die wichtigsten Gründe dafür sind: letzungen oder gescheiterte Modernisierungsprojekte
„dem Westen“ zugerechnet werden.
❚ Das Machtungleichgewicht zwischen beiden Seiten
ist militärisch, wirtschaftlich, politisch und kulturell ❚ In den ungelösten Regionalkonflikten und Gewalt-
sehr ausgeprägt. Einem übermächtigen Westen stehen krisen, vor allem in Palästina, aber auch in Kaschmir,
schwache und oft instabile Gesellschaften im Nahen Kurdistan, Algerien oder Irak werden dem Westen oft
und Mittleren Osten gegenüber. Die koloniale Vergan- Parteinahme (für Israel oder die Türkei), die Unterstüt-
genheit hinterließ nicht nur künstliche Grenzen, son- zung korrupter lokaler Eliten (Türkei, Algerien) oder
dern auch tiefe Narben in der kollektiven Erinnerung. militärische Einmischung (Irak, jetzt auch Afghanis-
tan) vorgeworfen. Auch moderate Repräsentanten
❚ Die westliche Sichtweise auf die Region als einerseits der islamischen Welt heben insbesondere die einseitige
wichtige Quelle der Energieversorgung (Erdöl, Erd- Parteinahme der USA für Israel als Grund für anti-ame-
gas), andererseits potenzielle Unruhe- oder Gefahren- rikanische Ressentiments hervor.
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❚ Okzident und Orient entwickelten auch deshalb über Auch wenn viele der Terroristen selbst zur Mittelschicht
Jahrhunderte ein schwieriges Verhältnis zueinander, weil gehören oder sogar reich sind, können ihr Umfeld und ein
sie die Probleme, die sie miteinander haben, vor politischer Resonanzraum nur durch soziale Entfrem-
allem kulturalistisch deuten. Viele Muslime stellen ihre dung, Hoffnungslosigkeit, Not und die Wahrnehmung
schlechten Erfahrungen mit dem Westen oder ihre Zu- westlicher Gleichgültigkeit und Arroganz gedeihen.
kunftsängste in den Rahmen eines religiösen Diskurses. Ohne ein solches Umfeld wären sie zwar individuell ge-
Auch eine Hassliebe vieler Muslime gegenüber dem We- fährlich, aber kein wirkliches politisches Problem. Nur
sten, bei der Bewunderung und Feindschaft vermengt durch ihre Einbettung in ein Bündel innen- und außenpo-
sind, erschwert den Umgang miteinander. Eigene Pro- litischer Konflikte und den Kontext globaler Vernetzun-
bleme werden so oft dem Westen angelastet. Auf der an- gen werden die Terroristen politisch wirkungsmächtig.
deren Seite überbewertet der Westen die religiöse Der transnationale Terrorismus nutzt sowohl die globalen
Dimension des transnationalen Terrorismus, weil er den Kommunikationssysteme als auch die Schattenseite der
politischen Hass kaum anders zu verstehen vermag. Globalisierung: weltweite Geldwäsche und Waffen-
Auf beiden Seiten dominieren Zerrbilder des Gegenüber. märkte.
Reale Konflikte werden in diesem Kontext ideologisch-
religiös überhöht, überlagert und damit nur noch schwe-
rer rational diskutierbar oder gar politischen Lösungen Der 11. September und
zugänglich. Der Westen bekämpft nicht selten ein von die Nord–Süd–Beziehungen
ihm selbst erfundenes Phantom „des Islam“ und ver-
mischt reale Gefahren mit einem diffusen „Feindbild Is- Der 11. September taugt nicht als Symbol einer explosi-
lam“. Der „Kampf der Kulturen“ ist ein simplifizieren- ven Zuspitzung des Nord-Süd-Konfliktes, eines „Auf-
des, aber eingängiges Bild, gerade nach dem 11. Septem- standes der Verdammten dieser Erde“ (nach dem berühm-
ber. Es erlaubt einfache Schuldzuweisungen und nährt ten Buchtitel von Frantz Fanon), wie Günther Gaus
alte Klischees des Kampfes von Barbaren gegen die „zi- meinte. Die Botschaften der Protagonisten des Terror-
vilisierte Welt“. Die kulturelle Arroganz, die eine Über- netzwerkes zielen nicht auf die Mobilisierung von Solida-
legenheit des Westens beansprucht, verletzt und provo- rität in den Armutsvierteln Afrikas, Asiens und Latein-
ziert größere Widerstände als Gefühle der politischen amerikas. Die Rhetorik bin Ladens und der islamistischen
und militärischen Überlegenheit. „heiligen Krieger“ kreist um Konflikte zwischen der ara-
bisch-islamischen und der westlichen Welt. Dennoch
spiegeln sich in den Reaktionen auf den 11. September,
„Der Westen ist dazu bestimmt, die Völker zu verwestlichen und die uns aus den Ländern des Südens erreichten, die fragi-
für sich zu erobern. Dies ist ihm schon mit der kommunistischen len Tiefenstrukturen der Nord-Süd-Beziehungen. So rea-
und mit einem Teil der islamischen Welt gelungen. Aber es gibt gierte z.B. die lateinamerikanische Öffentlichkeit auf die
einen anderen Teil dieser Welt, der vor 1400 Jahren stehen
Terroranschläge unisono mit Entsetzen, Trauer und Mit-
geblieben ist.“
gefühl. Die Regierungen der Region erklärten nach und
(Silvio Berlusconi im September 2001) nach ihre Solidarität mit den USA. Doch in die ehrliche
Trauer und die diplomatischen Schulterschlüsse mit dem
großen Nachbarn im Norden mischten sich zugleich
Das Verhältnis zwischen Europa und den USA zur musli- Stimmen, die in den Industrieländern nicht überhört wer-
mischen Welt wird also durch ein kompliziertes Bündel den sollten, wenn zukünftig eine auf Kooperation abzie-
realer Konflikte, von Interessensunterschieden, Macht- lende Außen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik eine
differenzen und deren oft ideologisch-religiöser Verarbei- Chance haben soll:
tung erschwert. Der Terrorismus Al-Qaidas und Usama
❚ Oft schwingt eine „klammheimliche Freude“ über den
bin Ladins gewinnt in diesem Kontext aus der Verzweife-
„gelungenen“ Anschlag auf die US-amerikanische
lung über die Stagnation, Korruption und Repression der
„Arroganz der Supermacht“ in der Debatte über den 11.
eigenen Gesellschaften sowie über die symbolmächtigen
September mit. Für Aufregung sorgte eine entspre-
Regionalkonflikte in Palästina und im Irak seine politi-
chende Stellungnahme, die ausgerechnet von der Vor-
sche Wirkungskraft. Das Leiden der irakischen Zivilbe-
sitzenden der „Mütter der Plaza de Mayo“ in einer ar-
völkerung im Gefolge des Embargos lässt sich nicht mit
gentinischen Zeitung veröffentlicht wurde.
den westlichen Bekenntnissen zu den universellen Men-
schenrechten vereinbaren. ❚ Schon hörbarer sind Stimmen, die mit Verweis auf die
Rolle der USA in der Weltpolitik der vergangenen Jahr-
Der Terrorismus entspringt vor allem den sozialen, politi- zehnte fragen, ob sich denn irgendjemand wundere,
schen und wirtschaftlichen Realitäten der Region, nicht dass „so etwas irgendwann passieren musste“. Die in-
einer theologischen Quelle. Die Religion wird benutzt, dische Schriftstellerin Arandhati Roy deutete den
um die eigenen Politikentwürfe konsensstiftend und all- 11. September in einem FAZ-Essay als Quittung für
gemeingültig zu formulieren und die eigenen Verbrechen das „lange Sündenregister der USA“. Die in der US-
von „höchster Stelle“ (Gott) exkulpieren zu lassen. Der
Öffentlichkeit aufgeworfene Frage „Why do they hate
Islam ist in diesem Kontext ein Kommunikationscode,
us?“ wurde in vielen Kommentaren in Medien des
der die Konflikte auf eine bestimmte Art formuliert, aber
Südens so oder ähnlich beantwortet.
nicht die Ursache der Gewalt. Er ist nicht mehr für den
Terror verantwortlich als das Christentum für den Terror ❚ Im lateinamerikanischen Gedächtnis sind viele trauma-
in Nordirland. tische Erinnerungen verhaftet, die mit der US-amerika-
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nischen Außenpolitik verwoben sind. Immer wieder Zweitens wurden zwischenstaatliche Kriege in den letzten
wurden Brücken zwischen dem 11. September 1973, Jahren zu Ausnahmen, während gewaltsame Kämpfe um
dem Putsch von Augusto Pinochet gegen die gewählte Ressourcen und Herrschaft innerhalb zerfallender Staaten
Regierung Allende, und dem 11. September 2001 ge- deutlich zunahmen. Allein 2001 wurden 34 solcher inner-
schlagen. Der bekannte chilenische Menschenrechtler staatlichen Gewaltkonflikte gezählt. Sie werden durch
Ariel Dorfman skizzierte in einem viel zitierten Artikel weltweite Verflechtung erleichtert (z.B. Rüstungshandel,
die Parallelen: Verunsicherung, Angst und Panik ange- Geldwäsche), destabilisieren oft ganze Regionen (wie den
sichts des Terrors gegen die Zivilbevölkerung in New Balkan, die Region der Großen Seen in Zentralafrika) und
York im Jahr 2001 und Santiago im Jahr 1973; die Müt- können – wie der Fall Afghanistan zeigt – zu Brutstätten
ter der „desaparecidos“ in Chile und Lateinamerika so- des transnationalen Terrorismus werden. „Failed States“
wie die Bilder der New Yorker, die in den Trümmern werden zu einem zentralen Thema der Weltpolitik unter
Manhattans mit Fotos ihrer Verwandten in Händen Bedingungen der Globalisierung.
nach Überlebenden suchten. Aus diesen gemeinsamen
Drittens wird die Sicherheit der Menschen nicht primär
Erfahrungen leitete Dorfman wechselseitiges Mitge-
durch ausländische Staaten bedroht, sondern vor allem
fühl und die Hoffnung ab, dass zukünftig gemeinsame
durch soziale und wirtschaftliche Ungleichheitsstruktu-
Anstrengungen in Nord und Süd zur Bekämpfung jegli-
ren und Problemkonstellationen in Weltwirtschaft und
cher Form des Terrors in der Weltpolitik möglich wer-
-gesellschaft, ökologische Verwerfungen sowie durch
den könnten.
entgrenzte Bedrohungen wie den transnationalen Terro-
rismus. Gegen diese globalen Konflikt- und Gewaltursa-
Der Norden sollte die Wahrnehmung der Terroranschläge
chen helfen weder atomare Abschreckung, noch Raketen-
in den Ländern des Süden nicht ignorieren
abwehrschirme, sondern nur eine Orientierung der Welt-
„Für viele Menschen in der Welt war 2001 nicht anders als politik in Richtung einer kooperativen und an Fairness
2000 oder 1999, denn sie leben weiterhin in Flüchtlingslagern,
orientierten Weltinnenpolitik.
unter repressiver Herrschaft, mit Hunger oder mit Aids.“
(Kofi Annan in seiner Neujahrsansprache zum Jahreswechsel Der transnationale Terrorismus ist zwar nicht einfach ein
2002) Phänomen der Globalisierung, denn es hat ihn schon früher
„Von den Regierungen (der VR China,Japans,Malaysias und Viet- gegeben. Seine moderne Erscheinungsform allerdings ist
nams) wurden die Anschläge in offiziellen Verlautbarungen deut- direkt auf die Globalisierungsprozesse bezogen, was sich
lich verurteilt.Ein genauerer Blick in die … Länder und auf die eher aus der Wahl seiner Mittel (Flugzeuge; high-tech Vorberei-
„inoffizielle“ Beurteilung der Ereignisse durch die Bevölkerung
tung; biologische und chemische, potenziell auch atomare
fördert jedoch auch Stimmen zu Tage, die mit einer gewissen
Schadenfreude feststellen,dass nun Amerika einmal Opfer gewor-
Waffen, die von Terroristen nur in globalen Netzwerken
den und dies angesichts seiner hegemonialen Außenpolitik auch beschafft oder gebaut werden können), seiner internen Or-
nicht verwunderlich sei,ja Amerika dies geradezu„verdient habe“. ganisationsstruktur (global operierende und miteinander
(Karin Adelsberger,Claudia Derichs,Thomas Heberer,Patrick vernetzte Zellen), aus seinen Zielen (World Trade Center)
Raszelenberg: „Der 11. September und die Folgen in Asien“, und seiner Operationsweise (Anschläge auf verschiedenen
Arbeitspapier Nr.42, Institut für Ostasienwissenschaften/ Kontinenten) ergibt. Auch die politischen Wirkungsbedin-
Duisburg, S.1) gungen, sein aktuelles und potenzielles sozio-politisches
Umfeld sowie Rekrutierungsmöglichkeiten stehen in enger
Die Reaktionen in anderen Regionen jenseits der OECD- Verknüpfung mit der Globalisierung. Die Marginalisierung
Welt waren also ähnlich. Sie signalisieren Misstrauen so- von Teilen der Mittelschichten infolge gescheiterter Priva-
wie Verärgerung über die Selbstgerechtigkeit und -bezo- tisierungspolitik und der Vernachlässigung der Sozialpoli-
genheit „des Westens“. Sie zeigen auch, dass die Grundla- tik eröffneten dem Terrorismus in Teilen der islamisch ge-
gen einer weltumspannenden Kooperationskultur erst prägten Welt ein weites Rekrutierungsfeld. Globale Pro-
noch geschaffen werden müssen. zesse kultureller Entfremdung tragen ebenfalls dazu bei,
indem sie die Sinnstiftung und Legitimation terroristischer
Praktiken fördern.
Globale Interdependenzen
Die Gefährdung der technisierten und globalisierten Welt
in der Sicherheitspolitik durch Terroranschläge lässt sich nicht völlig beseitigen.
Der 11. September verdeutlichte, dass innere und äußere Die Möglichkeit, mit relativ geringen Mitteln viele Men-
Sicherheit heute eng miteinander verwoben sind. Die Si- schen und Knotenpunkte der globalen Infrastruktur zu be-
cherheitspolitik des 21. Jahrhunderts muss neu buchsta- drohen und verheerende Schäden anzurichten, wird durch
biert werden. Drei Trends sind wesentlich: die wachsende Bedeutung großtechnischer Anlagen und
globale Vernetzung tendenziell eher noch wachsen. Staa-
Erstens machte der 11. September den Menschen in den ten und vor allem eine zusammenwirkende Staatenge-
Industrieländern schlagartig deutlich, dass über die innere meinschaft können jedoch die Strukturen, aus denen die
Sicherheit von New York, London oder Amsterdam an je- Motive und Anreize zu solchen Gewaltakten erwachsen,
dem beliebigen Ort der Welt entschieden werden kann: im verändern und vermindern – ähnlich wie dies im vergan-
Hindukusch, der Hauptstadt Saudi Arabiens oder in Ham- genen Jahrhundert im Kampf gegen die Motive für zwi-
burg-Harburg. Viele Menschen in den Entwicklungslän- schenstaatliche Kriege geschah. Doch welche Probleme
dern kennen dieses Gefühl der Abhängigkeit der eigenen der Weltpolitik müssen angegangen werden, wenn es um
Sicherheit von Entscheidungen in anderen Kontinenten – globale Konfliktprävention und den Aufbau weltweiter
in den Staaten des Nordens – schon seit langer Zeit. Kooperationskulturen geht?
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II Sechs Kernprobleme der Weltpolitik

Die Analyse der Weltpolitik im Spiegel des 11. Septem- fahrungen ungleicher Machtverteilung und sozialer Pola-
ber verweist auf sechs globale Strukturprobleme, ohne risierung, sondern auch aus einer unterentwickelten
die der aktuelle transnationale Terrorismus und seine Wir- Kommunikationskultur. Jürgen Habermas sprach bei der
kungen, die Tiefenstrukturen weltweiter Gewaltkonstel- Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhan-
lationen sowie die Chancen und Fallstricke im Prozess dels in der Frankfurter Paulskirche zutreffend von „globa-
der Neuorientierung der Globalpolitik in Richtung einer ler Sprachlosigkeit“. Zwar sind die technischen Mittel in-
Weltinnenpolitik nicht verstanden werden können. ternationaler Kommunikation hoch entwickelt, aber der
„Erfolg“ von Dialogen wird oft ausschließlich an der
Übernahme westlicher Standards, Sitten und Gebräuche
Machtungleichgewichte gemessen. Kultureller Hochmut oder gar Arroganz vieler
Akteure im „Westen“ gegenüber anderen Kulturen gießt
Die extrem ungleichen Machtverhältnisse in der Welt-
Öl ins Feuer kulturalistischer Konfrontation und fördert
wirtschaft und -politik erwecken bei vielen Akteuren jen-
gerade bei vielen Muslimen die Tendenz, sich selbst ab-
seits der OECD-Welt den Eindruck, in den etablierten In-
zugrenzen und eine Partnerschaft mit dem Westen für
stitutionen der Welt kaum wirksame Chancen zu haben,
ausgeschlossen zu halten. Die Tatsache, dass in Deutsch-
um ihre Interessen zu fördern oder auch nur zu artikulie-
land und anderen Industrieländern – parallel zur Globali-
ren. Die Perzeption oder Realität eines hilflosen Ausge-
sierungsdebatte – die Investitionen in die auswärtige Kul-
liefertseins gegenüber dem globalen System (Weltmarkt,
turpolitik und damit in die Förderung einer globalen Ko-
„einzige Supermacht“, internationale Finanzinstitutio-
operationskultur seit Jahren rückläufig sind, dokumen-
nen, „kulturelle Überfremdung") führt zu einem Pendeln
tiert politische Fehlentscheidungen.
zwischen Resignation und Gewalt. Die global handlungs-
mächtigen Institutionen werden oft als oligarchische
Machtkartelle wahrgenommen. Gefühle der politischen „Es ist wichtig, mit intelligenten Methoden Terroristen herauszu-
Demütigung und Deklassierung sind die Folge. Gewalt- filtern. Aber ebenso wichtig ist es, zu erkennen, dass die fehlende
prävention setzt mittelfristig voraus, die Machtverhält- Bereitschaft, Lasten zu teilen, dass mangelnde Großzügigkeit
nisse in den globalen Institutionen so zu verändern, dass und Solidarität die Terroristen von morgen heranzieht.“
alle relevanten Akteure eine Hoffnung haben können, sich
und ihre Interessen erfolgreich einzubringen. Ökonomi- (Ruud Lubbers, Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks ;
sche Integration bei politischer Unterworfenheit heizt die www.zeit.de; 22.10.2001)
Gefahr von Gewaltausbrüchen an.
Anachronistische Sicherheitspolitik
Soziale Polarisierung und Ausgrenzung Die Globalisierung hat die Grenzen für Waren, Kommu-
Ähnliches gilt für die Erfahrungen sozialer Polarisierung nikation, Finanzströme, aber auch für Waffen, Drogen
und Marginalisierung. Diese nehmen innerhalb vieler oh- und Terrornetzwerke durchlässiger gemacht. Aber die
nehin instabiler Gesellschaften, aber auch im globalen Staatengemeinschaft ist bis heute nur unzureichend in der
Maßstab zu. Der Gini-Index (als Maß sozialer Ungleich- Lage, den damit einhergehenden Problemen und Bedro-
heit) für die Weltgesellschaft hat sich in den vergangenen hungen angemessen zu begegnen. In der anbrechenden
15 Jahren rasant verschlechtert. Eine Trendumkehr ist Epoche des Globalismus denken und handeln viele Staa-
nicht absehbar. Ein Fünftel der Weltbevölkerung hat kei- ten noch in den Kategorien der Weltpolitik des 19. und
nen Zugang zu sauberem Trinkwasser, Basisgesundheits- 20. Jahrhunderts. Gerade im Sicherheitsbereich ist das
diensten und Grundbildung. Wenn von diesen Formen so- Beharren auf nationaler Souveränität und auf nationalen
zialer Desintegration auch keine direkten Wege zum Ter- Egoismen besonders stark ausgeprägt. So werden etwa
rorismus führen, schaffen sie doch ein Klima der Frustra- manche bei den Vereinten Nationen vorhandene Instru-
tionen und Hoffungslosigkeit, also ein günstiges Umfeld, mente zur Aufrechterhaltung und Wiederherstellung in-
in dem er gedeihen und seine Wirkung entfalten kann. ternationaler Sicherheit nicht genutzt. Stattdessen wurden
Globale endemische Armut und schreiende Ungleichheit die Vereinten Nationen zunehmend marginalisiert, es do-
wirken wie der Klimawandel: langfristig, zunächst unbe- minieren sicherheitspolitische Alleingänge der USA oder
merkt, schleichend, diffus, sich wechselseitig verstärkend. es werden durch nationale Einzelinteressen geprägte ad-
Über globale Interdependenzketten und Bumerangeffekte hoc Allianzen geschmiedet. In diesem Umfeld wurden
kann das globale Armuts- und Ungleichheitssyndrom zu auch kontraproduktive Forderungen nach einer „Entta-
einem Sprengsatz für die Weltgesellschaft werden. buisierung des Militärischen“ laut.
Durch die immer intensivere Verflechtung der Bedingun-
Globale Sprachlosigkeit gen von Sicherheit und Unsicherheit und die Globalisie-
rung der Risiken und Bedrohungen wird im 21. Jahrhun-
Die Schadenfreude vieler Menschen in den Entwick- dert „Sicherheit“ nur als globale Sicherheit gewährleistet
lungsländern (innerhalb und außerhalb der islamisch ge- werden können. Eine Sichtweise der Sicherheit als Kon-
prägten Welt) resultiert nicht allein aus den konkreten Er- trolle oder Dominanz anderer durch militärische Mittel ist
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überholt und wird zunehmend unrealistisch. Es kommt Zwischenbilanz


darauf an, Mechanismen einer „erweiterten Sicherheit“
für Alle zu stärken oder neu aufzubauen. Wer wollte es bezweifeln: In einer solch zerklüfteten Welt
ist der Humus, auf dem globale Kooperation und fairer In-
teressenausgleich gedeihen können, dünn. Und: in den
Randbezirken der Weltgesellschaft (die auch in den Ar-
Vernachlässigte Regionalkonflikte menvierteln von New York und Paris liegen) ist der Nähr-
Regionalkonflikte gewinnen aufgrund globaler Interde- boden für Radikalismus jedweder Art günstig. Die Aus-
gangsbedingungen für eine globale Kooperationsoffen-
pendenzen wachsendes Gewicht für die internationale
sive und den Aufbau tragfähiger Friedensstrukturen in der
Politik. Die Staatengemeinschaft hat aber bis heute keine Weltgesellschaft müssen erst noch geschaffen werden.
angemessenen Strategien entwickelt, um nicht nur aktu- Ob ein Zivilisationssprung in Richtung kooperative
elle Gewalteskalationen zu stoppen, sondern auch zu öko- Weltinnenpolitik gelingt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob
nomischen und machtpolitischen Strukturveränderungen der Westen die Kraft aufbringt, auch die Versäumnisse
beizutragen, die langfristig weitere Konflikteskalationen seiner eigenen Weltpolitik auf einen kritischen Prüfstand
verhindern. Stattdessen wird aufgrund kurzfristiger Ei- zu stellen.
geninteressen mächtiger Staaten – sei es die Stützung be-
freundeter Regierungen oder die Steigerung der eigenen Ohne globale Gerechtigkeit gibt es keine globale Sicherheit
Popularität – in vielen Fällen zugunsten einzelner Kon-
„Erforderlich sind … Schritte, die den marginalisierten und
fliktparteien in Regionalkonflikten interveniert. Das kann tendenziell gewaltbereiten „Globalisierungsverlierern“ und
zwar zu einer kurzfristigen Befriedung führen, aber zu- den Opfern des massiven Staatsversagens insbesondere in
gleich den Keim für die nächste Gewalteskalation legen. der islamischen Welt wirtschaftliche, soziale und politische
Zukunftsperspektiven zu eröffnen vermögen. Politische
Die afghanischen Mudjahedin/Taliban sind nur das aktu- Konfliktbewältigung, nachhaltige Entwicklung und soziale
ellste Beispiel einer langen Liste dieser verfehlten westli- Gerechtigkeit müssen dazu als Zielsetzung ernst genommen
und entschlossen angegangen werden. Dies erfordert aktive,
chen Politik, gesellschaftliche Gruppen und Konflikte in engagierte Staatlichkeit und einen weltpolitischen „new deal“,
anderen Staaten zur Verfolgung eigener Interessen und zu dem auch radikal vorangetriebene Formen internationaler
Ziele zu instrumentalisieren und diese Regionen, sobald Zusammenarbeit und Integration gehören müssten.“
die strategischen Interessen entfallen sind, sich selbst zu (Hans W. Maull, Internationaler Terrorismus –
überlassen. Die Kurzsichtigkeit dieser Politik schlägt in Die deutsche Außenpolitik auf dem Prüfstand;
regelmäßigen Abständen zurück und führt zu einer Ab- in: Internationale Politik,12/01, S. 6)
folge von Gewaltkonflikten und damit verbundenen Si-
„(Ein) Pfeiler einer Politik, die auf die Austrocknung des frucht-
cherheitsbedrohungen für die gesamte Welt, auch in Form baren Bodens für den Terrorismus zielt, ist nicht weniger als die
eines transnationalen Terrorismus. Entwicklung einer Weltsozialpolitik. Zum einen müssen die
reichen Länder den Menschen in den benachteiligten Regionen
der Welt, die besondere Schwierigkeiten haben, mit den Folgen
Verantwortungslose Eliten der Globalisierung fertig zu werden, den Eindruck vermitteln,
dass sie ehrliche Anstrengungen unternehmen, deren Lage zu
in Entwicklungsländern bessern. Die Ideologie, dass eine unflankierte Liberalisierung
zwangsläufig die Wohlfahrtssteigerung nach sich zieht, hat sich
Viele Probleme in Entwicklungsländern sind hausge- ebenso wenig bewährt wie der Staatssozialismus. Sie schenkt
macht. Das Syndrom „gescheiterte Entwicklung – soziale den besonderen Bedingungen vor Ort, auch den kulturellen,
Polarisierung – politische Frustration – gesellschaftliche bei weitem zu wenig Augenmerk. Seit den Berichten der Brandt-
Desintegration – Staatenzerfall – Bürgerkrieg – grenz- und Brundtland-Kommissionen liegen eine Reihe von guten,
aber nicht verwirklichten Vorschlägen auf dem Tisch. Die
überschreitende Konflikte und Terrorismus“ darf nicht Diskussion über die Globalisierung hat weitere Konzepte her-
allein als Folge der Globalisierung, vermachteter weltpo- vorgebracht, über die nunmehr nicht nur die Experten und
litischer Strukturen und Versäumnisse der OECD-Welt Entwicklungsstrategen, sondern auch die Spitzenpolitiker und
interpretiert werden. Auch die Eliten der Entwicklungs- die Führungskräfte der internationalen Unternehmen und Fi-
nanz- und Wirtschaftsorganisationen nachzudenken haben, um
länder tragen große Verantwortung für die sozio-ökono- sie in Handlungsprogramme umzusetzen. Ohne den Einsatz von
mische und politische Entwicklung ihrer Länder: die Wei- Ressourcen wird das nicht möglich sein. Insofern erschreckt es,
chen in Richtung Armutsbekämpfung und breitenwirksa- wenn wir in diesen Tagen von der Politik zwar viel über Mehr-
mer ökonomischer Entwicklung, Aufbau von sozialen ausgaben für die Bundeswehr und die innere Sicherheit hören,
aber immer noch nicht durchgesickert zu sein scheint, dass eben
Grunddiensten, Menschenrechtsschutz und Partizipation
auch die Entwicklungspolitik der Krisenprävention und der
werden vor Ort gestellt. Globale Kooperation kann ohne Eindämmung des Terrorismus dient.“
tragfähige sozio-ökonomische Entwicklung und Demo-
(Harald Müller, Den Schock verarbeiten; in: HSFK Standpunkte –
kratisierung in den nationalen Gesellschaften nicht gelin- Beiträge zum demokratischen Frieden, Nr. 4/2001, 13 f.)
gen.
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III Weltpolitik am Scheideweg

Die seit dem 11. September 2001 weltweit erhöhte Auf- und Konflikte zu, denn eine de facto zunehmend multipo-
merksamkeit für die internationale Politik eröffnet neue lare Welt lässt sich auf Dauer nicht unilateral beherrschen.
Chancen für eine global orientierte Außenpolitik, schafft
aber auch die Gefahr, dass sich globale Konfliktkonstella-
tionen verschärfen. Die politischen Entscheidungen und Szenario 2:
Initiativen der kommenden Monate werden nachhaltigen Ein multipolares OECD-Machtkartell
Einfluss darauf haben, auf welchen Pfad sich die Weltpo-
litik in der nächsten Zeit begibt. Können die Chancen der
entsteht
weltweit gesteigerten Aufmerksamkeit für globale Inter- Der Krieg in Afghanistan geht in eine Sicherheitsopera-
dependenzen, Menschheitsaufgaben und Weltprobleme tion zur Stützung der dort eingesetzten Regierung über.
genutzt werden? Um die Handlungsmöglichkeiten – ins- Die Anti-Terror-Allianz zerfällt und hinterlässt keine
besondere Europas und der USA – zu verdeutlichen, wer- neuen Strukturen weltweiter Zusammenarbeit. Die Welt
den drei Szenarien skizziert, die mögliche Entwicklungs- kehrt wieder zu den Problemstellungen zurück, mit denen
korridore in der Weltpolitik holzschnittartig beschreiben. sie vor dem 11. September beschäftigt war. Die mächti-
Um Missverständnissen vorzubeugen: Szenarien be- gen Staaten des Nordens, insbesondere die europäischen,
schreiben nicht aktuelle Realitäten, sondern Optionen aber auch China und Russland, fordern nun von den USA
und mögliche zukünftige Entwicklungstrends. verstärkte Kooperationsbereitschaft für globale Problem-
bearbeitungen im Ausgleich für die von ihnen erbrachte
Solidarität im Kampf gegen den Terror. Zugleich erken-
Szenario 1: nen die USA, dass aufgrund globaler Interdependenzen
USA als globale Supermacht – der Preis einer unilateralen Politik auf Dauer zu hoch ist.
Unilateralismus in Es kommt zur Herausbildung einer multipolaren Macht-
konstellation. In diesem Machtgefüge erkennen die eu-
einer interdependenten Welt ropäischen Staaten, dass sie nur gemeinsam und im Rah-
Die militärische Strategie gegen den transnationalen Ter- men der Europäischen Union eine gewichtige Rolle spie-
rorismus scheint vorläufig erfolgreich gewesen zu sein. len können und finden deshalb zunehmend zu einer ge-
Die politisch-militärische Allianz unter Führung der USA meinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Im Zuge eines
wirkt als nachhaltiges Drohpotenzial für die gesamte neuen internationalen Kooperationsklimas tritt die EU
Region des Nahen und Mittleren Ostens. Der Widerstand auch für eine Reform der Vereinten Nationen und anderer
gegen die westliche Dominanz wird gewaltsam unter- internationaler Organisationen ein.
drückt und verschwindet für einige Zeit von der Bild-
Doch die anhaltende Übermacht des Nordens in den inter-
fläche. Auch die Regierungen Russlands und Chinas er-
nationalen Beziehungen vernachlässigt das Konfliktpo-
kennen widerwillig die Führungsrolle der USA an und er-
tenzial zwischen armer und reicher Welt sowie jene Welt-
halten dafür weitgehende Handlungsfreiheit im Innern.
probleme, die ohne die Zusammenarbeit mit den Ent-
Die Einhaltung von Menschenrechten und die Förderung
wicklungsländern unlösbar bleiben. Regionale Konflikte,
der Demokratie verschwinden von der Tagesordnung der
Hungerkatastrophen, kulturelle Gegensätze, transnatio-
internationalen Politik, die wieder vornehmlich von
nale Gewaltaktionen, globale Umweltprobleme etc. blei-
machtpolitischen Kalkülen bestimmt wird. Auch die eu-
ben ungelöst und stellen eine ständige Gefährdung für die
ropäischen Staaten konkurrieren um die größte Nähe zur
Macht des Nordens dar. Die globale Lage bleibt fragil und
Supermacht und finden zu keiner gemeinsamen Außen-
die Angst vor einer Wiederholung des 11. September
politik, mit der sich die Spannungen in der Welt reduzie-
prägt das Leben in den Wirtschaftszentren des Nordens.
ren ließen.
Die USA formen die Welt nach ihren Vorstellungen. Die
gemeinsame Bearbeitung von Weltproblemen bleibt auf Szenario 3:
der Strecke. Wie zu Zeiten des Kalten Krieges ist das Welt- Die Chancen der Krise werden genutzt –
bild geprägt von der Einteilung in gute und böse Staaten. Suchprozesse in Richtung Weltinnenpolitik
Der Multilateralismus ist für die USA nur ein Instrument
der Machtausübung. Sie suchen die globale Kooperation Die Ereignisse des 11. September und die Erfahrungen
nur dann und dort wo sie unmittelbar ihren Interessen dient mit der Anti-Terror-Allianz leiten – auch in den USA – ei-
(vgl. Policy Paper 12). Während die „einsame Super- nen globalen Lernprozess ein, der auf langfristige und
macht“ internationale Organisationen und Übereinkom- tragfähige Lösungen für die Herausforderungen einer
men für die Kontrolle dritter Staaten nutzt, beansprucht sie globalisierten Welt zielt. Aus der Erfahrung, den Gefähr-
für sich selbst die absolute Achtung nationaler Souverä- dungen der globalisierten Welt mit nationalen Maßnah-
nität. Die hegemonial verordnete Ruhe bleibt jedoch fragil men nicht begegnen zu können, entsteht ein neuer Schub
und bringt in vielen Ländern innerstaatliche Repression, globaler Zusammenarbeit. Multilaterale Anstrengungen
politische Instabilität und zunehmend auch Bürgerkriege gelten nicht nur dem politischen und wirtschaftlichen
mit sich, die den Hegemon überfordern. Auch innerhalb Aufbau Afghanistans, sondern auch der Initiierung nach-
der NATO, der OECD und der EU nehmen die Spannungen haltiger Friedensprozesse in anderen Konfliktregionen,
u8 Policy Paper 19 der Stiftung Entwicklung und Frieden

im Nahen und Mittleren Osten wie in Nordirland, im die stetige Verrechtlichung der inter- und transnationalen
Kaukasus wie in Kaschmir. Beziehungen. Damit verschwinden weder Interessenge-
gensätze noch die damit einhergehenden Konflikte in der
Neben Regionalkonflikten kommen aber auch struktu-
internationalen Politik. Ihre Zahl nimmt eher zu, denn
relle Probleme der Weltwirtschaftsordnung, transnatio-
nale Sicherheitsbedrohungen (Waffenhandel, Drogen, „Nähe“ schafft auch Konfliktpotenziale. Aber eine ko-
Geldwäsche, Terrorismus etc.), die Ursachen sozialer Po- operative Weltinnenpolitik liefert zugleich die Grundla-
larisierung und transkulturelle Austauschprozesse auf die gen einer zivilen und gewaltfreien Bearbeitung von Kon-
globale Agenda. Die Staatenvertreter in den internationa- flikten und Interessendivergenzen. Nicht nur dem trans-
len Organisationen erkennen, dass die globale Zusam- nationalen Terrorismus, sondern allen Akteuren der Welt-
menarbeit für eine effektive Problembearbeitung auch der politik, die auf Gewalt zur Durchsetzung ihrer Interessen
Einbeziehung gesellschaftlicher Akteure bedarf. Entspre- setzen, wird damit der gesellschaftliche Rückhalt und die
chende Reformen zwischenstaatlicher Organisationen Rechtfertigung entzogen, so dass die mit dem 11. Sep-
führen zur Demokratisierung der internationalen Politik tember sichtbar gewordenen Gefahren langfristig ent-
und einer Stärkung der UNO. Die sich daraus ent- schärft werden können.
wickelnde Global Governance-Architektur ermöglicht

Recht muss auch bei internationaler


Terrorismusbekämpfung gewahrt bleiben

„Hat denn der „Krieg gegen den Terror“ wirklich so „gut ange- es in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung neuerdings
fangen“, wie Präsident Bush in seiner Rede zur Lage der Nation statt „All men are created equal“, nur noch „All Americans are
vor einigen Tagen erklärt hat? created equal"?“ […]

Was würden unsere fabelhaften Sicherheitspolitiker von einem „Geradezu genussvoll nutzen […] alle Gewaltherrscher der Welt
Polizeichef halten, welcher auf der Suche nach einem furchtba- inzwischen die Antiterror-Rhetorik des Westens, um ihre politi-
ren Terroristen, der sich nach einem verheerenden Anschlag auf schen Gegner als vogelfreie Terroristen zu denunzieren und noch
ein bewohntes Hochhaus bei befreundeten Drogenhändlern in brutaler zu bekämpfen.Wann weisen wir endlich mit dem selben
Kreuzberg versteckt hielte, Kreuzberg bombardieren ließe und Nachdruck,mit dem wir für eine konsequente Bekämpfung des
dabei Hunderte unschuldiger Zivilpersonen, darunter zahlreiche internationalen Terrorismus eintreten, die vielen Diktatoren und
Kinder, töten würde, den Terroristen entkommen ließe und trotz- Schreckensherrscher dieser Welt in die Schranken? Noch einmal:
dem der Öffentlichkeit stolz verkünden würde, das Ganze sei Die Taliban haben kein Mitleid verdient.Aber rechtfertigt das,
ein großer Erfolg, denn immerhin seien die Drogendealer bei der gefangene Taliban wie Tiere in Käfigen zu halten und der Welt-
Bombardierung weitgehend ausgeschaltet worden? öffentlichkeit vorzuführen? Zeigt sich die Stärke eines Rechts-
staates nicht gerade darin, wie er seine schlimmsten Feinde
Wir alle wissen,was mit diesem Polizeichef geschehen würde.Er behandelt? Dass er ihnen nie ihre Würde nimmt? Dass er bei der
würde sofort beurlaubt und vor Gericht gestellt – und zwar nicht Bekämpfung des Unrechts nie den Boden des Rechts verlässt?
wegen fahrlässiger Tötung, sondern wegen Totschlags, vielleicht Dass er, wie es Papst Johannes Paul II.nach dem 11. September
sogar wegen Mordes. […] Warum ist das, was in der Innenpolitik ausgedrückt hat, nie der Versuchung des Hasses nachgibt‘?“
eine Katastrophe, ein Verbrechen ist, in der Außenpolitik eine
Heldentat? Warum darf man, sobald man die Grenzen seines (Jürgen Todenhöfer, entwicklungspolitischer Sprecher
eigenen Landes überschreitet, Dinge tun, die zu Hause kriminell der CDU/CSU im Bundestag 1972–1990,
sind? Sind 5000 unschuldig getötete afghanische Zivilpersonen Der Flop – Über den Umgang mit der Wahrheit im Antiterrorkrieg;
weniger wert als 3000 unschuldig getötete Amerikaner? Heißt Süddeutsche Zeitung, 11.02.02,S.14.)
Policy Paper 19 der Stiftung Entwicklung und Frieden 9o

IV Empfehlungen an die deutsche und europäische


Politik:Weichen für eine Weltinnenpolitik stellen

Die politischen Reaktionen auf den 11. September beweg-


ten sich weitgehend in hergebrachten Bahnen: Altbe- Empfehlung:
kannte Freund-Feind-Schemata traten hervor, die primi-
tive Logik militärischer Stärke ebenso wie die Hilflosig- ❚ Die Politik des Westens gegenüber der islamischen
keit des Gesinnungspazifismus, sowohl bedingungslose Welt muss drei Dimensionen miteinander verknüp-
Treueschwüre in Richtung USA wie kruder Antiamerika- fen und in ein Gleichgewicht bringen: erstens die
nismus wurden laut. So verläuft auch die Weltpolitik in Wahrnehmung eigener Interessen (z.B. Sicherung
weitgehend alten Handlungsmustern. Gleichzeitig lassen der Energieversorgung, Stärkung von demokrati-
sich aber hier und da zukunftsfähige Dynamiken erken- schen und friedlichen Regierungen), zweitens
nen, die sich gegen die in den beiden ersten Szenarien sichtbare und auf fairen Interessenausgleich basie-
skizzierten Entwicklungen richten: eine Aufwertung der rende Beiträge zur Lösung des Konfliktes zwi-
UNO; die Suche Europas nach einer eigenen Rolle in der schen Israel und den Palästinenser sowie drittens
Weltpolitik; ein Keim von Multilateralismus in der Anti- die Herstellung einer Kultur der Partnerschaft und
Terror-Allianz; die erhöhte Aufmerksamkeit der politi- Zusammenarbeit mit der islamischen Welt, die den
schen Klassen und der Öffentlichkeit für die weltpoliti- Abbau kulturalistischer Feindbilder und eine men-
schen Verflechtungen und die intensivierten Diskussionen schenrechtsorientierte Politik – auch gegenüber
über Weltinnenpolitik und Global Governance. Die hierin „befreundeten Regierungen“, wie z.B. dem Re-
liegenden Chancen gilt es in der augenblicklich noch offe- gime Saudi Arabiens – voraussetzt.
nen weltpolitischen Situation zu nutzen und die Trends in
Richtung einer kooperativen Weltordnung zu verstärken.
Regionalkonflikte
Ein Schlüssel zum präventiven Umgang mit politischer
1 Strategische Orientierungen Gewalt und Terrorismus liegt in verstärkten Lösungsan-
für eine Politik gegenüber strengungen für Regionalkonflikte mit besonderem Terro-
der islamisch geprägten Welt rismusbezug. Dies ist aus zwei Gründen erforderlich: zum
Austrocknen des Rekrutierungspotenzials für Terroristen
Die westliche Politik gegenüber der islamisch geprägten und zur Entschärfung des symbolischen Mobilisierungspo-
Welt muß auf drei Ebenen funktionieren: der Wahrnehmung tenzials bestimmter Schlüsselkonflikte. Von Konflikt-
eigener Interessen (etwa der Sicherung der Energieversor- prävention und -bearbeitung wurde in der Vergangenheit
gung), der Unterstützung einer friedlichen, kooperativen oft gesprochen, aber es wurde wenig präventiv gehandelt.
und demokratischen Politik in der Region des Nahen und Nach dem Abzug der Sowjetunion aus Afghanistan wurden
Mittleren Ostens sowie der Herstellung einer Kultur der das Land und sein chronischer Gewaltkonflikt über ein
Partnerschaft und Zusammenarbeit zwischen den beiden Jahrzehnt ignoriert. Nur so konnte sich Afghanistan zu ei-
Regionen. Bisher wird der erste Punkt meist auf Kosten der nem Zentrum regionaler Instabilität und des Gewaltexports
beiden anderen verfolgt: nicht zu Unrecht gewinnen viele entwickeln. Der Kaschmirkonflikt wird seit langem von
Muslime im Nahen und Mittleren Osten den Eindruck, dass der westlichen Außenpolitik vernachlässigt, um die Bezie-
der Westen seine Eigeninteressen über die Nutzung lokaler hungen zu Indien nicht zu gefährden. Der Palästinakonflikt
Machteliten mit geringer Rücksicht auf die betroffen Län- wurde nur halbherzig behandelt, um Israel keine Schwie-
der und ihre Bevölkerungen durchsetzt. Dies mag kurzfris- rigkeiten zu bereiten. Auch die russischen Menschen-
tig erfolgreich und praktikabel sein, untergräbt auf Dauer rechtsverletzungen in Tschetschenien und andere Konflikt-
aber gerade die Eliten, auf die man sich stützt, trägt damit zu punkte in Gebieten der ehemaligen Sowjetunion werden
einer akuten oder latenten Instabilität bei. von westlichen Regierungen mit großer Zurückhaltung be-
handelt, um Moskau nicht zu irritieren.
Die europäische Politik sollte stärker darauf zielen, zu ei-
nem ausgewogeneren Gleichgewicht zwischen der Inter- In solchen Fällen wäre politischer Druck angebracht, um
essenswahrnehmung, der Schaffung einer regionalen Ko- beispielsweise von Indien die Respektierung der Men-
operationskultur und der Berücksichtigung der Bedürf- schenrechte in Kaschmir und einen Dialog mit den
nisse und Interessen der Bevölkerungsmehrheiten in der Kaschmiris, von Israel das Ende der völkerrechtswidri-
islamischen Welt zu gelangen. Dazu ist von westlicher gen Besetzung der Westbank und die Räumung der eben-
Seite ein weiterer Abbau des Feindbildes nötig, das durch falls illegalen Siedlungen zu verlangen – und beides auch
die Anschläge des 11. September wieder verfestigt wurde. durchzusetzen. Insbesondere im letzteren Falle stellt sich
Nur so kann die schädliche Arroganz gegenüber der isla- die Frage, ob ein Durchbrechen der Gewaltspirale beider
misch geprägten Welt überwunden und einer partner- Seiten nicht nur durch die Oktroyierung einer gerechten
schaftlichen Kooperation Platz machen, bei der die Inter- und nachhaltigen Friedensregelung von außen (durch die
essen der dortigen Gesellschaften ein stärkeres Gewicht USA und die EU im Rahmen der UNO) möglich ist, die
bekommen, als die wirtschaftliche und politische Kumpa- auch gegen Widerstände von Israelis und Palästinensern
nei mit lokalen Diktaturen und korrupten Machteliten. durchgesetzt werden müsste.
u10 Policy Paper 19 der Stiftung Entwicklung und Frieden

Hier besteht ein offensichtlicher Widerspruch zwischen


konstruktiver Konfliktbearbeitung und der taktischen Empfehlungen:
Rücksichtnahme auf befreundete Regierungen. Wenn ak-
tive Gewalt- und Terrorismusprävention tatsächlich zur ❚ Ein Schlüssel zum präventiven Umgang mit Ge-
außenpolitischen Priorität werden soll, setzt dies die walt und Terrorismus in der Weltpolitik liegt im
tatsächliche Lösung – und nicht nur das diplomatische präventiven Umgang mit Regionalkonflikten,
Management – der Schlüsselkonflikte voraus. Ein erster die einen besonderen Terrorismusbezug auf-
Schritt wären internationale Beobachter, ein zweiter die weisen. Dies gilt seit langer Zeit z. B. für den
unparteiliche Durchsetzung allgemeingültiger Rechts- Kaschmir-, den Tschetschenien- und den Palä-
prinzipien nach den gleichen Maßstäben und nicht nach stinakonflikt.
politischen Opportunitäten. Solche Maßnahmen würden ❚ Ohne massive Anstrengungen zur Lösung dieser
in der islamische Welt ein glaubwürdiges Symbol liefern Konflikte lassen sich Rekrutierungspotenziale
und zeigen, dass der Westen die UNO und das Völkerrecht für Terroristen nicht austrocknen. Diese Kon-
nicht nur zur Wahrung der eigenen Interessen oder seiner flikte sind zudem von großer symbolischer Be-
Verbündeten einzusetzen bereit ist, sondern auch zum deutung für das Verhältnis des Westens zur isla-
Schutz von Muslimen. Außerdem müsste der Westen das mischen Welt.
Verhältnis zur befreundeten Regierung in Saudi Arabien
überprüfen, die seit Jahren islamistische Bewegungen in ❚ Über Konfliktprävention wird seit langem gespro-
diversen Ländern unterstützt und international vernetzt. chen – jedoch wenig bewegt. Nicht selten stehen
taktische Rücksichtnahmen gegenüber befreunde-
Entwicklungspolitische Kooperation mit Afghanistan
ten Regierungen erfolgversprechenden Ansätzen
konstruktiver Konfliktbearbeitung im Wege. Dies
Für eine friedensorientierte Entwicklungszusammenarbeit gilt besonders eklatant im Palästinakonflikt. Die
in Afghanistan sind folgende Risiken bei der Umsetzung von Folge: unterlassene oder einseitige Interventionen
Maßnahmen zu berücksichtigen: können konfliktverschärfend wirken.
❚ Afghanistan ist weiterhin eine „Konfliktgesellschaft“, d.h. das
❚ Die Investitionen Deutschlands und der EU in
Land ist gekennzeichnet von gewaltsamer Konfliktaustragung
interkulturelle Dialoge sind seit Jahren rückläu-
und hoher gesellschaftlicher Fragmentierung.
fig. Diese angesichts der Globalisierung gro-
❚ Externe Hilfe ist in einer solchen Situation immer Bestandteil teske Fehlentwicklung muss rasch korrigiert
dieses gewaltsamen Konfliktkontextes, insbesondere bei ei- werden.
nem massiven Transfer von Ressourcen, wie er für Afghanistan
geplant ist.
❚ Nicht alle Kapazitäten sind „Friedenskapazitäten"; für ver-
schiedene Akteure erscheint die Weiterführung des Krieges Dialoge der Gesellschaften
„lohnender“ als eine zukünftige Friedenssituation. Insofern ist
die Verstetigung bzw. die Zunahme von „Gewaltmärkten“ mit Interkulturelle Dialoge können einen wichtigen Beitrag
„Warlords“ als „Schmuggelbaronen“ und „Sicherheitsdiensten“ zur präventiven Gewaltbekämpfung im Nord-Süd-Kon-
als Profiteuren nicht auszuschließen. text (hier: zwischen dem Westen und dem islamischen
Kulturkreis) leisten. Es wäre allerdings dringend ratsam,
❚ Die zeitweise Teilnahme am zukünftigen „Entwicklungsmarkt“ solche Dialoge nicht nur zu proklamieren, sondern selbst
bedeutet nicht automatisch das Ende der alten noch domi- ernsthaft zu führen. Bedenklich ist, dass Programme des
nanten Strukturen, sie birgt statt dessen ein hohes Risiko, sich interkulturellen Dialoges in den letzten Jahren eher aus-
darüber neue Pfründe zu sichern." gedünnt statt verstärkt wurden.
(Quelle: Gruppe Friedensentwicklung FriEnt (BMZ, EED, FES,
Interkulturelle Dialoge müssen aus dem Ghetto der inter-
GTZ, Konsortium ZDF, KZE/Misereor, Plattform Zivile Konflikt-
bearbeitung/INEF), Ansatzpunkte und Risiken der Aufbauarbeit
religiösen Gespräche befreit und in gleicher Augenhöhe
in Afghanistan, Bonn am 18.12.01) zur Diskussion konkreter Konfliktpunkte stattfinden.
Eine Diskurskultur der Belehrung des Gegenübers und
kultureller Hochmut führt zu weiterer Verhärtung. Der
Die westliche Politik zur Lösung von Regionalkonflik- Dialog kann als kurzfristige Maßnahme medienwirksa-
ten muss einen langen Atem haben sowie auf vorsich- mer Auftritte allein keinen Erfolg haben. Er sollte sich
tige und kluge Einmischung ausgerichtet sein. Nicht vielmehr am deutsch-französischen, deutsch-israelischen
alle Konflikte sind an jedem Punkt des Konfliktverlaufs und deutsch-polnischen Versöhnungsprozess orientieren,
immer lösbar. Häufig wäre bereits viel gewonnen, die indem er als Dialog der Gesellschaften angelegt wird. Ge-
eigene Politik zuerst einmal langfristig in eine Richtung legentliche Konferenzen prominenter Persönlichkeiten
umzuorientieren, die Konflikte nicht noch eskaliert sind sinnvoll, greifen aber viel zu kurz. Nötig sind kon-
oder weiter verkompliziert. Verstärkte Zurückhaltung krete, dauerhafte Kooperationsprojekte, Austauschpro-
bei Rüstungsexporten, wirksame Mechanismen zur gramme auf allen gesellschaftlichen Ebenen, intensive
Kontrolle von Geldwäsche, stabilisierende Maßnahmen Diskussionsprozesse über die eigenen Versäumnisse auf
für lokale Märkte und eine sorgfältige Überprüfung so- beiden Seiten. Letztlich besteht aber die Voraussetzung
zialschädlicher Strukturanpassungsprogramme wären jedes erfolgreichen Dialoges darin, ihn in wechselseiti-
Beispiele. gem Respekt und zwischen Gleichen zu führen – eine
Policy Paper 19 der Stiftung Entwicklung und Frieden 11o

Bedingung, die im westlich-islamischen Dialog noch des Leitbild, das in längerer Perspektive Antworten auf
lange nicht erfüllt ist. einige Kernprobleme der Weltpolitik geben kann, ohne
deren Überwindung die Austrocknung von Gewaltmi-
lieus in der Weltgesellschaft und eine kooperative Welt-
„Menschen, die ihr Leben in Furcht vor anderen Kulturen politik chancenlos sind. Damit die konzeptionelle Neuo-
verbringen und für diese kein Verständnis haben, neigen eher rientierung politisch wirksam werden kann, müssen
zu Taten des Hasses, der Gewalt und der Vernichtung gegen sämtliche außenpolitisch relevanten Agenturen der Re-
einen vermeintlichen „Feind“. Jene, die sich mit den Kulturen gierung (AA, BMZ, BMVg, BMF) zu einer integrierten
der anderen auseinander setzen und im Austausch über
Politik der Beeinflussung der globalen Strukturen zusam-
kulturelle Grenzen hinweg etwas über sie lernen, werden
eher dazu neigen,Vielfalt als Stärke anzusehen.“
menfinden.

(Kofi Annan, in: Brücken in die Zukunft. Ein Manifest für In diesem Rahmen muss die Entwicklungspolitik als inte-
den Dialog der Kulturen, Frankfurt 2001, herausgegeben von graler Teil der Außenbeziehungen politisch aufgewertet
der Stiftung Entwicklung und Frieden) werden und über hinreichend Mittel verfügen. Globale
Strukturpolitik zielt auf die Beeinflussung von fünf Di-
mensionen ab:

2 Entwicklungspolitik als strategische ❚ Unterentwicklung, Gesellschafts- und Staatenzerfall


gefährden den Frieden. Globale Strukturpolitik muss
Dimension zukunftsfähiger Außen- daher weiterhin darauf abzielen, endogene Entwick-
und Weltinnenpolitik lungspotenziale von Ländern durch strukturbildende
Internationale Beziehungen und kooperative Weltinnen- Anstöße zu stärken. Armutsbekämpfung, der Aufbau
politik erfordern in Zukunft die Überwindung der klassi- weltmarktfähiger und ökologisch verträglicher Wirt-
schen Trennung der Politikfelder Außen-, Sicherheits-, schaftsstrukturen sowie die Stärkung leistungsfähiger
Entwicklungs-, Außenwirtschafts-, Finanz- und Umwelt- demokratischer Institutionen und tragfähiger Rechts-
politik. systeme sind zentrale Bausteine nachhaltiger Entwick-
lung und aktiver Konfliktprävention. In diesem Feld
Kooperative Weltinnenpolitik ist ohne oder gegen die verfügt die Entwicklungspolitik über vielfältige Erfah-
Länder jenseits von G-8 und G-20 unmöglich. Die rungen. Ihre Wirkungen können potenziert werden,
Außen- und Entwicklungspolitik können die globalen wenn sie mit der Außen-, aber auch der Umwelt- und
Probleme, auch das der politischen Gewalt, nicht alleine Technologiepolitik klug verzahnt würde. Zudem muss
lösen, sondern haben nur gemeinsam eine Chance auf die Entwicklungspolitik eindeutige Anreizsysteme
dauerhafte Wirksamkeit. In diesem Rahmen muss auch schaffen, um korrupte oder wenig entwicklungsorien-
die Entwicklungspolitik zu einem zentralen Baustein der tierte Eliten an ihre Eigenverantwortung zu erinnern.
Gestaltung der Außenbeziehungen und von Global Go- Regierungen, die Armutsbekämpfung, Bildung, Refor-
vernance weiterentwickelt werden. Sie verfügt über stra- men in Richtung Demokratie und internationale Ver-
tegische Ressourcen und Pioniererfahrungen: ihre globa- pflichtungen ernst nehmen, sollten wirkungsvoll unter-
len Netzwerke, weltweiten Kooperationserfahrungen, stützt werden.
ihre vergleichsweise dichten Beziehungen zu Ländern,
die bisher in der Weltpolitik nicht interessierten, grenz- ❚ Globale Strukturpolitik muss zur Mitgestaltung der
überschreitend gewachsene Vertrauensbeziehungen und globalen Rahmenbedingungen (z.B. WTO, interna-
die in der entwicklungspolitischen „Gemeinde“ veranker- tionales Finanzsystem, globale Umweltordnung)
ten globalen und interkulturellen Sichtweisen und Hand- beitragen, weil die Entwicklungschancen im Süden
lungskompetenzen sind von großer Bedeutung, wenn zunehmend von globalen Dynamiken abhängen. Der
Weltinnenpolitik gelingen soll. Außen- und Entwick- Schlüssel zum Erfolg besteht in der Zusammenarbeit
lungspolitik können in Bezug auf den Umgang mit inter- der Fachministerien und dem Kanzleramt. Dabei
nationaler Gewalt und Terrorismus nur im Tandem erfolg- müssen entwicklungspolitische Erwägungen und
reich sein. Politikansätze auch Konfliktfähigkeit gegenüber an-
deren Ressorts und kurzfristigen Wirtschaftsinteres-
sen gewinnen. Entwicklungspolitik muß in diesem
Von der klassischen Entwicklungspolitik Rahmen ganz neue Kompetenzen jenseits des klassi-
zur globalen Strukturpolitik: schen Projektmanagements entwickeln. Bisher sind
ein Quantensprung ist notwendig die personellen Kapazitäten im BMZ, die darauf
ausgerichtet sind, sich systematisch mit Fragen der
Entwicklungspolitik kann Beiträge zum Wiederaufbau Weltwirtschaftsordnung, der globalen Umweltpoli-
Afghanistans leisten. Sie muss wie die Außenpolitik ins- tik oder auch den Reformen von Weltbank und IWF
gesamt ihre Strategie gegenüber den islamischen Ländern zu beschäftigen, völlig unterentwickelt.
überdenken. Es gilt neue Konzepte zu entwickeln, um den
Staatenzerfall zu verhindern. Die Entwicklungspolitik ❚ Globale Strukturpolitik muss dazu beitragen, die Über-
kann keine kurzfristigen Lösungen zur Bekämpfung des macht der OECD-Welt in den internationalen Verhand-
globalen Terrorismus anbieten. Doch die Bundesregie- lungssystemen in ein ausgeglicheneres Verhältnis zu
rung verfügt mit ihrem Konzept von „Entwicklungspoli- überführen und damit für mehr Chancengleichheit und
tik als globaler Strukturpolitik“ über ein zukunftsweisen- Fairness zu sorgen. Im Prozess der Herausbildung
u12 Policy Paper 19 der Stiftung Entwicklung und Frieden

neuer globaler Regelwerke der Weltinnenpolitik des Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) einen deutlich
21. Jahrhunderts müssen die Stimmen aus Entwick- höheren Stellenwert bekommen.
lungsländern wirkungsvoll vertreten werden können.
Es geht um die Erweiterung ihrer Handlungsspiel-
räume in internationalen Foren, aber auch um die Un- Empfehlungen:
terstützung von Ansätzen regionaler Kooperation im
Süden, mit dem Ziel der Bündelung von Verhandlungs- ❚ Die Entwicklungspolitik kann keine kurzfristigen
macht. Beiträge zur Bekämpfung des transnationalen Ter-
rorismus anbieten. Aber ohne Verdichtung der Ko-
❚ Globale Strukturpolitik soll nicht nur Probleme in operationsbeziehungen der OECD-Länder mit al-
Entwicklungsländern lösen helfen, sondern auch len Weltregionen können eine „gerechte Globali-
Beiträge zur Bewältigung von Weltproblemen (z.B. sierung“ (Gerhard Schröder) und eine kooperative
globale Armut, Klimawandel, Migration, AIDS, glo- Weltinnenpolitik nicht entstehen. Zentrale Welt-
baler Terrorismus) leisten, die die internationale Si- probleme des 21. Jahrhunderts blieben dann unlös-
cherheit und Stabilität gefährden. Ansätze hierzu gibt bar.
es: den von der Bundesregierung verabschiedeten
❚ Die deutsche Entwicklungspolitik muss verstärkt
Aktionsplan 2015 mit dem Ziel der Halbierung der
mit der Außen- und Sicherheitspolitik, der Finanz-
absoluten Armut; neue Instrumente zur präventiven
und Außenwirtschaftspolitik sowie der Umweltpo-
Konfliktbearbeitung, die Entschuldungsinitiative.
litik verzahnt werden. Entwicklungspolitik als
Angesichts sinkender Mittel existiert jedoch auch der
scheinbar interessenfreie Nischenpolitik hat keine
Trend, sich zu überfordern und zu verzetteln. Auf
Zukunft.
Dauer kann die Entwicklungspolitik nicht immer
komplexere Aufgaben mit immer weniger Mitteln ❚ Das Konzept der deutschen Bundesregierung zur
übernehmen. Hier ist Ehrlichkeit gefragt: Strategien „Entwicklungspolitik als globaler Strukturpolitik“
zur Bewältigung der Welt- und Entwicklungspro- ist zukunftsweisend. Beiträge zur Stärkung der
bleme sind nicht zum Nulltarif zu haben. Gelingt ein Entwicklungspotenziale von Ländern, die Mitge-
solcher Politikwechsel nicht, bleiben die Möglich- staltung globaler Rahmenbedingungen, Anstöße
keiten der Entwicklungspolitik und präventiven zur Verringerung der Übermacht der OECD-Län-
Außenpolitik begrenzt. Sie sollten sich dann auf zen- der in den internationalen Verhandlungssystemen
trale Arbeitsschwerpunkte konzentrieren, statt ihre und Initiativen zur Bewältigung von Weltproble-
Aufgaben – wie in der Vergangenheit – permanent men müssen verknüpft werden. Doch ohne zusätz-
auszudehnen. liche Mittel, den Aufbau neuer Kompetenzen jen-
seits der klassischen Projektarbeit, eine engere Ko-
❚ Kontexte, in denen Industrie- und Entwicklungslän- operation mit Wissenschaft und Wirtschaft sowie
der gemeinsam an der Lösung gemeinsamer Probleme dem Zusammenspiel der Ressorts bleibt das Kon-
arbeiten, müssen erweitert werden: Aus der Nord- zept wirkungslos.
Süd-Entwicklungspolitik würde sich dann eine glo-
bale Zusammenarbeit entwickeln. Hierfür gibt es bis-
her nur wenige Beispiele. Sie müssten multipliziert
werden, auch um die Kooperationsblockaden in der 3 Weltinnenrecht
Weltpolitik abzutragen. Konvergierende Sichtweisen,
gemeinsame Normen und Interessen, Reziprozität als Grundlage von Weltinnenpolitik
und Vertrauen fallen nicht vom Himmel. Sie entstehen Die Anschläge des 11. September, der transnationale Ter-
vielmehr am ehesten durch die gemeinsame Bearbei- rorismus und das Phänomen der Privatisierung von Ge-
tung von Konflikten, Problemen und Herausforderun- walt verweisen auf die Grenzen nationalen Rechts (in ei-
gen. An Arbeitsfeldern mangelt es nicht: globale Re- ner entgrenzten Welt) und des klassischen Völkerrechts
gelwerke und Institutionen müssen geschaffen und (als Vertragssystem zwischen Staaten). Kooperative
weiterentwickelt werden; Ignoranz und globale Weltinnenpolitik ist auf die Herausbildung eines Weltin-
Sprachlosigkeit können nur durch gemeinsame Pro- nenrechts angewiesen, das zunehmend auch Individuen
jekte in Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik mit Rechten ausstattet. Auch die Geschichte der National-
aufgebrochen werden. staaten lehrt, dass Recht ein zentrales Instrument zur Zivi-
lisierung von Macht und die Grundlage von Demokratie
Globale Strukturpolitik muss zur wichtigen Säule einer ist. Ansatzpunkte, wie die bestehenden Formen des Men-
an langfristigen Eigeninteressen orientieren deutschen schenrechtsschutzes auf regionaler Ebene (Europa, Ame-
Außenpolitik werden. Darüber hinaus gilt es, die Ent- rika) und andere Ansatzpunkte globaler Verrechtlichung
wicklungspolitik im europäischen Maßstab zu vernetzen, (wie die UN-Tribunale zu Jugoslawien und Ruanda, der
um globale Gestaltungskraft zu gewinnen. Sie darf nicht Streitschlichtungsmechanismen der WTO, Konventionen
die Summe der nationalen Anstrengungen bleiben, son- im Umwelt- oder auch Abrüstungsbereich, Umwelt- und
dern muss in bezug auf Länder und Arbeitsschwerpunkte Sozialstandards für Multinationale Unternehmen) müs-
sowie jeweiligen Spezialisierungsvorteilen auf komple- sen sukzessive zu einer globalen Rechtsordnung weiter-
mentärer Arbeitsteilung aufbauen. Die europäische Ent- entwickelt werden. Globale Sicherheitspolitik kann nur
wicklungspolitik muss im Rahmen der gemeinsamen durch globale Verrechtlichung Legitimation gewinnen:
Policy Paper 19 der Stiftung Entwicklung und Frieden 13o

❚ Zentraler Baustein des zukünftigen Weltinnenrechts Verhandlungspartner, zu Fall gebracht haben und im
wird der ständige Internationale Strafgerichtshof (Inter- gleichen Monat den ABM-Vertrag aufkündigte. Es
national Criminal Court, ICC) sein, dessen Statut 1998 in steht nicht gut um die Entwicklung des Weltinnen-
Rom beschlossen wurde. Der ICC wird für vier beson- rechts, wenn sich die westliche Führungsmacht verwei-
ders schwere Kernverbrechen, nämlich Völkermord, gert.
Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbre-
chen und das Verbrechen des Angriffskrieges zuständig ❚ Einen weiteren Beitrag auf dem Weg zu einem tragfähi-
sein. Er ist auch eine wichtige rechtsstaatliche Antwort gen Weltinnenrecht sollte die Schaffung eines Weltin-
auf transnationalen Terror und entgrenzte privatisierte terventionsgerichts bilden. Dieses sollte im Rahmen
Gewalt. Es ist unverständlich, dass die Bush-Regierung der Vereinten Nationen die Gewaltenteilung zwischen
ihre Vorbehalte gegen den ICC (der bei Henry Kissinger Judikative und Exekutive herstellen. Der UN-Sicher-
Assoziationen an „Inquisition und Hexenjagd“ ausgelöst heitsrat ist de facto zugleich „Weltinterventionsge-
hat) nach dem 11. September nicht aufgibt, sondern noch richt“ und „Weltpolizei“, gehorcht jedoch vor allem der
weiter verschärft, indem sie eine Gesetzesinitiative des machtpolitischen Logik seiner Mitglieder. Dem Sicher-
Senators Jesse Helms unterstützt. Dieser will nicht nur heitsrat sollte daher ein unabhängiges Weltinterventi-
US-amerikanischen Behörden verbieten, mit dem Straf- onsgericht zur Seite gestellt werden, das zu einer Art
gerichtshof zu kooperieren, sondern zudem Staaten, Verfassungsgerichtshof der UNO werden könnte, um
die dem ICC beitreten, mit Sanktionen drohen. Noch die Entscheidungen des Sicherheitsrates und anderer
fehlen 10 Ratifikationen (Stand 30. Januar 2002), damit UNO-Instanzen auf ihre Übereinstimmungen mit dem
der Vertrag von Rom in Kraft treten und das Gericht in Völkerrecht zu überprüfen. Jenseits politischer Kalküle
Den Haag seine Arbeit aufnehmen kann. Deutschland und Machtkonstellationen sollte ein solches Gericht
und die EU sollten weiterhin weltweit für den ICC wer- zunächst prüfen, ob Rechtsbrüche in den fraglichen
ben, damit mehr als die vorgeschriebenen 60 Ratifizie- Ländern vorliegen, die einen Gewalteinsatz und mi-
rungen erfolgen und eine breite Legitimation für den litärische Interventionen durch die UNO rechtfertigen.
ICC entsteht. Ein solches Tandem von politischer und juristischer
Sicherheitspolitik im Rahmen der UN würde die Ge-
❚ Da die Errichtung des ICC noch einige Zeit beanspru- fahr von Willkür und „Interventionen à la carte“ be-
chen wird, könnte ein UN-ad hoc Gericht für transnatio- grenzen.
nalen Terrorismus erwogen werden, um die Terroristen
der Al-Qaida zur Verantwortung zu ziehen. Eine solche
Lösung ist der Absicht von Präsident Bush vorzuziehen, Nationale Rechtsstaatlichkeit schützen
die Terroristen vor US-amerikanische Militärtribunale
zu stellen und damit rechtsstaatliche Prinzipien aus- Globale Verrechtlichung baut auf nationaler Rechtsstaat-
zuhebeln. Die völkerrechtlich und menschenrechtlich lichkeit auf. Es beunruhigt daher, dass nach dem 11. Sep-
bedenkliche Behandlung der Gefangenen des Afghani- tember in vielen westlichen Ländern eine Renaissance
stankrieges in Guantánamo bildet nur die Spitze des des Sicherheitsstaates, die Beschneidung von Bürger-
Eisberges. Bei ihnen handelt es sich entweder um und Freiheitsrechten sowie die Verschärfung von Auslän-
Kriegsgefangene, die entsprechend behandelt werden derrechten zu beobachten sind. Angesehene US-amerika-
müssten – oder um Kriminelle, die zumindest Anspruch nische Medien diskutierten nach den Terroranschlägen
auf einen Verteidiger hätten. Den Gefangenen als soge- die Anwendung von Folter oder die Abschiebung von ver-
nannten „illegalen Kämpfern“ jeglichen Rechtsschutz dächtigen Personen in befreundete Folterstaaten, um sie
vorzuenthalten und sie entwürdigend zu behandeln, ent- dort zum Reden zu bringen. Mehr als 1000 verdächtige
spricht weder den Prinzipien der westlichen Zivilisation Ausländer, vor allem arabischer Herkunft, wurden nach
– um deren Verteidigung es doch gehen soll – noch dem dem 11. September in den USA inhaftiert, ohne dass ge-
Völkerrecht. Nur wenn die Verfolgung und Verurteilung gen sie Anklage erhoben wurde. Auch in Großbritannien
der Terroristen auf einwandfrei rechtsstaatlicher Grund- sollen Ausländer, wenn sie terroristischer Verbindungen
lagen geschieht, kann sie langfristig erfolgreich sein verdächtig werden, beliebig lange festgehalten werden
und weltweit ein Bewusstsein für Recht und Gerechtig- können, wenn der Innenminister diese Verfügung alle
keit verankern. Dazu zählt auch die Beachtung des in sechs Monate bestätigt. Ein solches Vorgehen steht
völkerrechtlichen Verträgen verankerten Kriegsrechtes in krassem Widerspruch zu rechtsstaatlichen Prinzipien
(ius in bello). und zur Europäischen Menschenrechtskonvention. In
Deutschland ist die Bereitschaft ebenfalls groß, im Na-
❚ Der 11. September, die Milzbrandanschläge und die men der Terrorbekämpfung Freiheitsrechte einzuschrän-
Drohungen Al-Qaidas mit Massenvernichtungswaffen ken. Erinnerungswürdig ist die Mahnung von Benjamin
haben die Bedeutung globaler Konventionen zur Kon- Franklin, einem der Gründerväter der Vereinigten Staa-
trolle und zum Abbau von chemischen, biologischen ten, dass wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu ge-
und atomaren Waffen erneut unterstrichen. Die EU winnen, am Ende beides verlieren wird.
sollte Initiativen in diese Richtung nachhaltig unter-
stützen und voranbringen. Es ist ein Trauerspiel, dass
die USA im Dezember 2001 ein Zusatzprotokoll zur
Biowaffen-Konvention, das die internationale Kon-
trolle der B-Waffenproduktion sichern sollte, trotz
großer Kompromissbereitschaft der EU und anderer
u14 Policy Paper 19 der Stiftung Entwicklung und Frieden

Recht gebundene militärische Kapazitäten auskommen.


Empfehlungen: Doch die originären Beiträge der EU zu einem Prozess
der Zivilisierung der Weltpolitik sowie die notwendi-
❚ Zentraler Baustein des Weltinnenrechts wird der gen Innovationen, die einen Übergang von der Weltpo-
Internationale Strafgerichtshof (ICC) sein. litik des 19. und 20. Jahrhunderts zu einer Weltinnenpo-
Deutschland und die EU sollten weiterhin welt- litik des 21. Jahrhunderts ermöglichen, liegen jenseits
weit für die Ratifizierung des Vertrages von Rom des Militärischen:
zur Einrichtung des ICC werben, damit eine
breite Legitimation für den Weltstrafgerichtshof ❚ Die große historische Leistung der EU bestand darin,
entsteht. nach zwei verheerenden Kriegen die Beziehungen ihrer
Mitgliedsländer auf eine stabile und friedliche Grund-
❚ Die Schaffung eines Weltinterventionsgerichts lage zu stellen. In einer instabilen Welt ist die EU ein
würde die Gewaltenteilung zwischen Judikative wichtiges Stabilitätszentrum. Durch die angestrebte
und Exekutive in den Vereinten Nationen herstel- Erweiterung nach Osten“ sowie den Balkan-Stabilitäts-
len. Das Gericht sollte jenseits politischer Macht- pakt leistet die EU einen wichtigen Beitrag zur Ausdeh-
kalküle prüfen, ob in fraglichen Ländern Rechts- nung dieser Stabilitätszone und demokratischen Frie-
brüche vorliegen, die militärische Interventionen densregion. Stabilität in Europa bedeutet auch mehr
rechtfertigen. Stabilität in einer global vernetzten Welt. Dieses in der
Welt bisher einmalige Vorhaben der Verdichtung von
Kooperation bis hin zur Vergemeinschaftung ganzer
Politikfelder über viele territoriale Grenzen hinweg
4 Kooperative Gestaltungsmacht Europa und deren international wirksame Stabilitätsgewinne
statt „luxuriöses Protektorat“ kann in anderen Weltregionen Vorbildfunktion über-
nehmen. Die EU sollte vor allem ihre Schlüsselkompe-
Welche Rolle soll und kann die EU in der Weltinnenpoli- tenzen einer verdichteten Kooperationskultur in die
tik des 21. Jahrhunderts spielen? Die Ereignisse des Weltinnenpolitik einbringen, statt rückwärtsgewandt
11. September haben zunächst die Schwächen der noch Sicherheit zunehmend wieder in militärischen Katego-
jungen EU-Außenpolitik offengelegt: Vielstimmigkeit, rien wahrzunehmen und eine „Enttabuisierung des Mi-
verschlungene Entscheidungswege, fehlende Gestal- litärischen in der Außenpolitik“ zu betreiben.
tungskraft und eine „Renaissance der Hauptstädte“ be-
stimmten das Bild. Vor allem London, Berlin und Paris ❚ Die Krisenanfälligkeit einer ungezügelten globalen
kämpften darum, ihr jeweiliges Gewicht in der Weltord- Marktwirtschaft und deren soziale Polarisierungsdy-
nung des 21. Jahrhunderts zu erhöhen und zu bevorzugten namik gefährden die internationale Stabilität. Die EU
Partnern der USA zu werden. Sie schwächten damit das kann und sollte zum Projekt eines sozialen Kapitalis-
Projekt einer gemeinsamen EU-Außenpolitik. mus ausgebaut werden. Dies gelingt nur, wenn Markt-
wirtschaft, Wettbewerbsfähigkeit, soziale Entwick-
Brzezinski hat diese Kakophonie innerhalb der EU in der Wash- lung, Gerechtigkeit und Chancengleichheit noch stär-
ington Post süffisant kommentiert: „In the American-European ker als bisher zusammengedacht werden. Soziale De-
relationship a fundamentally important ingredient continues mokratie muss die Kräfte des Marktes nutzen und des-
to be missing: Europe.There is no Europe as such that is joining sen destruktive Kräfte bändigen. Dieses Leitbild darf
America in its long-term campaign; … what most European gerade unter den Bedingungen sich beschleunigender
states can actually offer falls far short of the earlier rhetoric Globalisierung nicht aufgegeben werden. Vielmehr
from some of them regarding Europe‘s allegedly increasing, muss es globalisierungstauglich „neu erfunden“ und
autonomous global security role‘.“ in die Reformprozesse in Weltbank, IWF und WTO
eingebracht werden. Die Stärkung der UN, die glo-
In den Wochen nach dem 11. September standen die Zei- bale Verrechtlichung der internationalen Beziehun-
chen in der Weltpolitik in Richtung eines multilateral ge- gen, die Unterstützung multilateraler und ziviler Lö-
stützten US-Unilateralismus. Die EU sollte diesem Trend sungen in der Weltpolitik sowie die Förderung von
gegensteuern. Dazu muss sie ihr weltpolitisches Gewicht Kooperation und Integration in den Weltregionen
gemeinsam und offensiver zur Geltung bringen. Die Al- können nur gelingen, wenn die EU sie ins Zentrum ih-
ternative dazu wäre eine EU, die sich in der Weltpolitik, rer Politik rückt. Gelingt es der EU, ein kooperatives
wie Egon Bahr formulierte, als subalterner Partner in ei- und soziales Globalisierungsprojekt sowie Ansätze
nem „luxuriösen Protektorat“ mit „großzügiger Mitbe- einer auf Fairness zielenden Weltinnenpolitik zu ent-
stimmung“ unter US-amerikanischer Hegemonie einrich- wickeln, kann sie zu einem interessanten Partner in
tete. der Weltpolitik werden und die Richtung des globalen
Wandels mitgestalten.

Europäische Beiträge zur Weltinnenpolitik ❚ Das entscheidende Kapital der EU in der neuen Welt-
politik besteht in den Erfahrungen aus vier Dekaden
Die EU sollte der Versuchung widerstehen, eine dichter Kooperation zwischen den Mitgliedsstaaten.
(kleine) globale Hegemonialmacht werden und etwa Was jahrzehntelang von vielen Beobachtern als (hoher)
militärisch mit den USA gleichziehen zu wollen. Preis und (ineffektiver) Ballast im Dienste der friedens-
Weltinnenpolitik wird zwar nicht ohne an globales schaffenden Funktionen der EU gegolten hat, könnte
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sich als Prototyp eines Ordnungsmusters erweisen, das tion in wichtigen Feldern der Weltpolitik sollte ebenso
nun auch auf globaler Ebene entwickelt werden müs- zur Routine der transatlantischen Beziehungen ge-
ste, um den Globalisierungsfolgen Herr zu werden. Die hören, wie Kritik US-amerikanischer Politiker und In-
EU sollte das Fernziel einer tragfähigen und kooperati- tellektueller an den Schwächen europäischer Außenpo-
ven Global Governance-Architektur als europäische litik. Unter Partnern darf gegenseitige Kritik nicht unter
Innenpolitik vorwegnehmen. den Verdacht irgendwelcher „Anti-Haltungen“ gestellt
werden.

„Die Zeit des Unilateralismus ist vorbei. Das ahnt die Welt – und Der Zuschnitt des Koordinatensystems der neuen Weltpo-
darüber auch in einem Bündnis zu streiten, muss der Inhalt litik hängt von den Entscheidungen der handlungsmächti-
einer verlässlichen Solidarität mit den Vereinigten Staaten sein – gen Akteure in den kommenden Monaten und Jahren ab.
wenn diese denn mehr sein soll als eine bloße Formel.“ Die deutsche und die EU-Außenpolitik könnten einen
wichtigen Beitrag dazu leisten, die Weichen in Richtung
(Antje Vollmer,Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages)
einer kooperativen Weltinnenpolitik zu stellen. Die Alter-
native dazu würde in einer durch dauerhafte Instabilitä-
ten, Unsicherheit und Konfrontation gekennzeichneten
❚ Die Weiterentwicklung der transatlantischen Beziehun- Weltgesellschaft liegen.
gen ist für eine erfolgreiche Gestaltungsfunktion der
EU von zentraler Bedeutung. Ohne oder gegen die
USA ist die Herausbildung einer kooperativen Global Empfehlungen:
Governance-Architektur ein aussichtsloses Projekt.
Die Beziehungen zwischen den USA und der EU be- ❚ Die EU muss globale Gestaltungsmacht werden,
dürfen jedoch dringend einer gründlichen Erneuerung: weil sie nur so Beiträge zu einer kooperativen
Weltinnenpolitik leisten kann. Die Klage über den
Erstens sind angesichts der Herausforderungen der
Unilateralismus der USA ist solange müßig, wie
Weltinnenpolitik neue gemeinsame Initiativen in unter-
Europa über keine eigenständigen Fähigkeiten zur
schiedlichsten Politikfeldern notwendig. Doch die At-
Mitgestaltung der Weltwirtschaft und -politik des
lantische Gemeinschaft verfügt jenseits der NATO über
21. Jahrhunderts verfügt.
keine Institutionen und über keine gemeinsame Vision,
um die ökonomischen, sozialen, ökologischen und frie- ❚ Die EU muss in ihren Grenzen das Konzept eines
denspolitischen Probleme des 21. Jahrhunderts mit sozialen Kapitalismus modernisieren und den Be-
Nachdruck zu bearbeiten. dingungen der Globalisierung anpassen. Zugleich
sollte sie Initiativen entfalten, um Schritte in Rich-
tung einer sozialen und auf Chancengleichheit ba-
Auf der Münchener Konferenz für Sicherheitspolitik (Februar sierenden Weltwirtschaft zu verstärken. Globale
2002) beklagte auch der außenpolitische Sprecher der
CDU / CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Karl Lamers:
Stabilität und Sicherheit sowie Wohlstandsiche-
„Seit der Feststellung des Bündnisfalles hat die NATO nicht rung im Norden sind nur im Kontext einer gerech-
mehr stattgefunden.“ ten Globalisierung möglich.
❚ Die transatlantischen Beziehungen befinden sich
Zweitens geht es um ein verändertes Verhältnis zwi- in einer Krise. Sie muss genutzt werden, um
schen den USA und der EU. Aus den europäischen Ju- die Weichenstellungen in Richtung kooperative
niorpartnern der Vergangenheit muss sich sukzessive Weltinnenpolitik voranzutreiben. Dies setzt vor
ein „Partner EU“ entwickeln, der sich nicht mit der allem wechselseitige Kritikfähigkeit im transatlan-
Rolle des „luxuriösen Protektorates“ abfindet. In die- tischen Dialog voraus. Die EU muss lernen, kon-
sem Prozess sind Anpassungen auf beiden Seiten not- krete Beiträge zur Mitgestaltung der Welt des
wendig. Die USA werden ihre unbekümmerte Domi- 21. Jahrhunderts zu entwickeln, globale Verant-
nanz abbauen müssen, während die EU ihre globale wortung im Verbund mit anderen Weltregionen zu
Handlungsfähigkeit erhöhen muss. In diesem Prozess übernehmen und dafür entsprechende finanzielle
darf die Kritik an unilateralen Irrwegen der USA nicht Ressourcen zu mobilisieren. Nur so wird sie zu ei-
allein den amerikanischen Intellektuellen oder dem nem gleichwertigen Partner der USA und anderer
„Economist“ überlassen bleiben. Eine ehrliche Kritik Mitspieler in der Weltinnenpolitik des 21. Jahrhun-
am US-amerikanischen Unilateralismus und an der feh- derts.
lenden Kooperationsbereitschaft der US-Administra-
Policy Paper 19 der Stiftung Entwicklung und Frieden

Autoren: Dr. Brigitte Hamm, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Entwicklung


und Frieden (INEF) der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg
Dr. Jochen Hippler, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Entwicklung
und Frieden (INEF) der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg
Dr. Dirk Messner, Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für Entwick-
lung und Frieden (INEF) der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg
Dr. Christoph Weller, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Entwicklung
und Frieden (INEF) der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg

Mitunterzeichner: Prof.Dr.Jörg Calließ, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Loccum, Ho-


norar-Professor am Historischen Seminar der Technischen Universität Braun-
schweig
Roland Kästner, Oberst i. G.
Prof. Paul Kennedy, Professor für Geschichte und Direktor für Internationale
Sicherheitsstudien am Institute for International Security Studies, Yale University
Dr. Irmgard Schwaetzer, MdB, Bundesministerin a.D., Mitglied im Kuratorium
der Stiftung Entwicklung und Frieden

Die Stiftung Entwicklung und Frieden wurde 1986 auf Initiative von Willy
Brandt unter Mitwirkung von Ministerpräsident Johannes Rau, jetzt Bundespräsi-
dent der Bundesrepublik Deutschland, gegründet. Die überparteiliche und ge-
meinnützige Stiftung plädiert für eine politische Neuordnung in einer Welt, die
zunehmend durch die Globalisierung geprägt ist. Die Arbeit der Stiftung beruht auf
drei Prinzipien: globale Verantwortung, überparteilicher und interkultureller Dia-
log sowie interdisziplinäres Verstehen von Interdependenzen. Für diese Orientie-
rung bürgen die führenden Persönlichkeiten der Stiftung: Ministerpräsident Wolf-
gang Clement ist Vorsitzender des Kuratoriums. Stellvertretende Vorsitzende sind
Ministerpräsident Prof. Dr. Kurt H. Biedenkopf, Regierender Bürgermeister a.D.
Eberhard Diepgen und Ministerpräsident Dr. Manfred Stolpe. Dem Vorstand
gehören als Vorsitzender Staatssekretär a.D. Volker Kähne und seine Stellvertreter
Staatssekretär a.D. Dr. Klaus Dieter Leister und Prof. Dr. Franz Nuscheler an. Vor-
sitzender des Beirates ist Prof. Dr. Dieter Senghaas. Geschäftsführer der Stiftung
ist Dr. Burkhard Könitzer.
In der Reihe Policy Paper nehmen namhafte Experten Stellung zu drängenden
Fragen der Weltentwicklung. Auch damit will die Stiftung Entwicklung und Frie-
den sich intensiv an der politischen Diskussion über globale Themen beteiligen und
Herausgeber: politische Handlungsempfehlungen geben.
Stiftung Entwicklung und
Frieden (SEF)
Gotenstr. 152 Ausgewählte Hefte aus der Reihe Policy Paper
53175 Bonn (Soweit nicht anders angegeben, sind die Policy Papers in deutscher und englischer
Sprache erschienen. Preis pro Heft: € 2,50):
Tel. (0228) 9 59 25-0
Fax (0228) 9 59 25-99 18 Sicherheit für Europa durch Kooperation – Gegenentwurf zur Interventions-
eMail: sef@sef-bonn.org politik. Von Hans Arnold, Juni 2001

Website: 17 Kleinwaffen – eine Herausforderung für den Weltfrieden. Von Peter Lock,
http://sef-bonn.org Mai 2001

Redaktion: Judith Vorrath 16 Multilateralismus vs. Unilateralismus. Kooperation vs. Hegemonie in den
transatlantischen Beziehungen. Von Franz Nuscheler, Januar 2001
ISSN 1437-2800
15 Conflict Transformation. How International Assistance Can Contribute. By
© Stiftung Entwicklung und Mary B. Anderson, Angelika Spelten, December 2000 (nur in englischer
Frieden, März 2002 Sprache).
Der Inhalt gibt nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder.