Curriculum for Handover Training

in Medical Education
Version March 2015 (German Exerpt)

Projektinformationen

Projektinformationen
Project acronym:

PATIENT

Project title:

Improving the continuity of patient care through teaching
and researching novel patient handover processes in
Europe

Project number:

527620-LLP-1-2012-1-NL-ERASMUS-FEXI

Sub-programme or KA:

Erasmus Multilateral Projects

Project website:

http://www.patient-project.eu

Date of preparation:

31/05/2014

Authors (Partner):

UKA, Aachen, Germany:
Lina Stieger, Susanne Druener, Hanna Schröder, Saša Sopka
UCC, Cork, Irland:
Helen Hynes, Patrick Henn, Bridget Maher
FAD, Barcelona, Spain:
Carola Orrego, Fatima Hassan
OUNL, Heerlen, Netherlands:
Hendrik Drachsler, Slavi Stoyanov
MT, Rodgau, Germany:
Kathleen Hartkopf

Contact Person:

Lina Stieger (lstieger@ukaachen.de)

Work Package:

Work Package 4 - Curriculum and Educational Material

Project coordinator:

Hendrik Drachsler

Project coordinator organisation:

Open Universiteit Nederland, CELSTEC

Project coordinator telephone number:

+31 45 576 2218

Project coordinator email address:

hendrik.drachsler@ou.nl

This project has been funded with support from the European Commission.
This publication [communication] reflects the views only of the author, and the Commission
cannot be held responsible for any use, which may be made of the information contained
therein.

2

Inhalte

Inhalte
Projektinformationen .................................................................................................................... 2
Inhalte ........................................................................................................................................... 3
1. Einleitung................................................................................................................................... 5
2. Patientensicherheit ................................................................................................................... 6
Was genau meinen wir mit „Patientensicherheit“? ................................................................. 6
Definition Patientensicherheit .................................................................................................. 7
Epidemiologie der Fehler und unerwünschten Nebenwirkungen ............................................ 7
3. Kommunikation ......................................................................................................................... 9
Kommunikationsmodelle .......................................................................................................... 9
Das Shannon-Weaver-Modell der Kommunikation ............................................................. 9
Die Laswell-Formel ............................................................................................................. 10
Teamwork und Kommunikationsfehler .................................................................................. 10
Wie kann die Sicherheit beim Übergabeprozess verbessert werden? ................................... 11
Der Übergabeprozess ......................................................................................................... 11
Standardisierung des Übergabeprozesses ......................................................................... 14
4. Involvierung des Patienten in die Übergabe ........................................................................... 15
Patientensicherheit bei Übergaben und in der allgemeinen Gesundheitsversorgung .......... 17
Hilfsmittel
für
eine
bessere
Kommunikation
zwischen
Patienten
und
Gesundheitsfachkräften ......................................................................................................... 17
5. Hilfsmittel zur Übergabe ......................................................................................................... 19
Relevanz der Standardisierung und der Checklisten .............................................................. 19
Verschiedene Hilfsmittel zur Übergabe .................................................................................. 19
6. Simulationstraining ................................................................................................................. 23
Warum Simulationen verwenden? ......................................................................................... 23

3

Genauigkeit in der Simulation ................................................................................................ 23
Grenzen von Simulationen...................................................................................................... 24
Pädagogische Grundlagen für Simulationen in der medizinischen Ausbildung ..................... 24
Reflexion ................................................................................................................................. 25
Transformatives Lernen .......................................................................................................... 25
Erfahrungslernen .................................................................................................................... 26
Kognitive Lehre ....................................................................................................................... 26
OSSIE-Leitfaden zur Verbesserung der Übergabepraxis ......................................................... 26
7. Hilfsmittel zur Ausbildung im PATIENTEN-Projekt .................................................................. 28
CLAS App ML ........................................................................................................................... 28
Handover Toolbox................................................................................................................... 29
SimHand App .......................................................................................................................... 31

Dieses Dokument ist lediglich ein Auszug aus der Englischen Originalversion.
Bitte entnehmen Sie die Quellenangaben, sowie detailliertere Informationen aus:
Stieger, L., Druener, S., Schroeder, H., Helen, H., Henn, P., Maher, B., Orrego, C., Hassan, F.,
Drachsler, H., Stoyanov, S., Hartkopf, K., Sopka, S., (May, 2014). WP4 – Report: The PATIENT
Handover Curriculum. Heerlen, The Netherlands: PATIENT project.
Online abrufbar unter: http://patient-project.eu/wpcontent/uploads/2012/10/PATIENT_WP4_curriculum.pdf

4

1. Einleitung

1. Einleitung
[s. Curriculum for Handover Training in Medical Education, Version May 2014 (English), S.6ff]
Was ist eine Übergabe?
Eine Übergabe ist die genaue, zuverlässige Kommunikation aufgabenrelevanter Informationen
zwischen Ärzten und Patienten und von einer Gesundheitsfachkraft zur anderen. Dies
geschieht in vielen Situationen in der Gesundheitsversorgung.
Warum ist eine Übergabe wichtig?
Unsachgemäß durchgeführte Übergaben führen zu falschen Behandlungen, Verzögerungen
der medizinischen Diagnostik, lebensbedrohlichen Nebenwirkungen, Patientenbeschwerden,
erhöhten Gesundheitsausgaben, erhöhten Verweildauern im Krankenhaus und einer Reihe
anderer Effekte, die Auswirkungen auf das Gesundheitssystem haben (1).
Übergabearten
Die wichtigsten Themen, die in der Literatur im Zusammenhang mit Hochrisikoszenarien bei
der klinischen Übergabe identifiziert wurden, können wie folgt zusammengefasst werden:








Übergabe von Arztschicht zu Arztschicht
Übergabe von Pflegeschicht zu Pflegeschicht
Übergabe von und an Bereitschafts- und Nachtdienst
Übergabe von Rettungsdienst an Notaufnahme
Übergabe von Station zu Station (z.B. von Notaufnahme an Intensivstation)
Übergabe von Krankenhaus zu Krankenhaus
Übergabe von Krankenhaus an ambulante Versorger (Sekundär- an Primärversorgung)
Übergaben innerhalb der Primärversorgung
Übergabe von ambulanten Versorgern an Krankenhaus (Primär- an
Sekundärversorgung), z.B. Überweisungen

Dies zeigt, wie genaue und gut strukturierte Übergaben die Patientensicherheit verbessern,
z.B. durch „Abwesenheit von vermeidbaren Schäden für einen in Pflege befindlichen
Patienten“ (2).
Wie sollten Übergaben gelehrt werden?
Der beste Weg zur Vermittlung praktischer Fähigkeiten ist es, Studenten diese Tätigkeiten
ausführen zu lassen. Um das Risiko für echte Patienten zu verringern, sind Simulationen die
Lehrmethode der Wahl.

5

2. Patientensicherheit

2. Patientensicherheit
[s. Curriculum for Handover Training in Medical Education, Version May 2014 (English), S.9ff]
Obwohl sich die Ergebnisse in der Gesundheitsversorgung mit dem wissenschaftlichen
Fortschritt verbessert haben, zeigen Studien, dass einhergehend mit diesen Vorteilen
erhebliche Risiken für die Patientensicherheit bestehen (5). Bis vor wenigen Jahrzehnten
basierte die traditionelle Medizin auf einfachen, unkomplizierten Interaktionen zwischen den
Gesundheitsfachkräften und den Patienten. Jedoch haben technische Fortschritte die Medizin
auf ihren heutigen Stand gebracht und Diagnose und Behandlung basieren nun auf einer
Vielfalt von Labor- und technischen Befunden. Außerdem sind Gesundheitsdienstleistungen
heutzutage viel kleinteiliger: Es gibt immer mehr Spezialisten und Subspezialisten; die
Patienten gehen von einem Gesundheitsexperten zum anderen und bisher ist die
Zusammenarbeit dieser Gesundheitsexperten noch nicht üblich (6). Der Begriff
„Gesundheitsrisiko“ ist ungenau und umfasst unerwünschte Situationen oder Faktoren, die die
Wahrscheinlichkeit von Fehlern erhöhen oder negative Folgen für die Patienten haben. Es ist
offensichtlich, dass die komplexe Kombination von Prozessen, Technologien und menschlichen
Interaktionen, die die moderne Gesundheitsversorgung darstellen, sowohl deutliche Vorteile
als auch unvermeidbare Fehlerrisiken und unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringt (7).
Wir müssen in Erwägung ziehen, die Verbesserung der Patientensicherheit aus der Perspektive
der messbaren Fortschritte in der Gesundheitsversorgung zu betrachten. Dies hat jedoch
seinen Preis: eine effektivere medizinische Versorgung führt aufgrund der damit
einhergehenden Komplexität zu einer Erhöhung der Risiken (8). Defizite in der
Patientensicherheit haben, wie unten erläutert, schwerwiegende Folgen und können als
Hauptproblem in der Gesundheitsversorgung betrachtet werden. Die Annahme, dass das
Gesundheitswesen ein sicheres Feld ist, ist falsch. Die meisten Gesundheitsfachkräfte und
Patienten antworten auf die Frage nach der Patientensicherheit im Allgemeinen, dass das
Gesundheitssystem sicher ist. Werden sie jedoch um eine Einschätzung der
Patientensicherheit an ihrem eigenen Arbeitsplatz gebeten, können die meisten mehrere
Vorfälle nennen, bei denen die Sicherheit des Patienten in Gefahr war (9). Das Verhindern
medizinischer Fehler ist möglich. Berichte aus anderen Sektoren, wie der Luftfahrt, und dem
Gesundheitssektor selbst zeigen, dass in den letzten Jahren eine erhebliche Verbesserung der
Sicherheit zu verzeichnen war.

Was genau meinen wir mit „Patientensicherheit“?
Um den Begriff „Patientensicherheit“ zu verstehen, beginnen wir mit der Definition der
Patientensicherheit gemäß der Internationalen Klassifikation für Patientensicherheit
(International Classification for Patient Safety, ICPS). Die Weltallianz für Patientensicherheit
(World Alliance for Patient Safety) definiert und klassifiziert die Konzepte zur
Patientensicherheit, um eine gemeinsame Sprache und das Verständnis für die verwendeten
Begriffe zu schaffen.

6

2. Patientensicherheit

Definition Patientensicherheit
Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Patientensicherheit als „Verringerung der
Gefahr von unnötigen Schäden im Rahmen der Gesundheitsversorgung auf ein akzeptables
Minimum“. Dieses Konzept lässt sich in drei Elemente unterteilen:
Reduzierung der Verletzungsgefahr auf ein Minimum (das Risiko so weit wie möglich
reduzieren ‒ unter der Annahme, dass eine vollständige Beseitigung der Risiken nicht möglich
ist). Die Gesundheitsversorgung ist mit Risiken verbunden und das Ziel ist es, diese Risiken zu
minimieren.
„Unnötige Schäden“ sind Schäden, die NICHT die Folge einer Grunderkrankung oder
Grundschädigung sind, aber Schäden, die wir vermeiden.
Im Rahmen des Gesundheitswesens auftretende Schäden entstehen durch Planung,
Ausführung oder Unterlassung von Gesundheitsdienstleistungen, z.B. unerwünschte
Nebenwirkungen durch eine falsche Medikamentenverabreichung (6).
Führende Meinungen zur Patientensicherheit definieren diese als Disziplin im
Gesundheitswesen, bei der für die Patientensicherheit wissenschaftliche Methoden genutzt
werden, um eine vertrauenswürdige Gesundheitsversorgung zu erreichen. Die
Patientensicherheit ist des Weiteren ein Qualitätsmerkmal der Gesundheitssysteme; dank ihr
wird das Auftreten und die Auswirkungen von unerwünschten Nebenwirkungen minimiert und
die Genesung maximiert (10). Der Bericht „To Err is Human“ vom Institute of Medicine aus
dem Jahr 2000 enthält Berichte über medizinische Fehler in Krankenhäusern aus mehr als 30
Jahren. Die öffentliche Resonanz auf diesen Berichts war einmalig (11). Das Gesundheitswesen
ist ein komplexes Feld, in dem Fehler verletzen oder töten können (12). Es ist allgemein
bekannt, dass etwa 10 % aller ins Krankenhaus eingelieferten Patienten in irgendeiner Weise
unbeabsichtigt geschädigt werden. Um dies in einen Kontext stellen: Es gibt pro Jahr mehr
Todesfälle als Folge eines Behandlungsfehlers als durch Verkehrsunfälle, Brustkrebs und AIDS
zusammen. Vermeidbare medizinische Fehler kosten nicht nur Menschenleben, sondern auch
Geld. Es wird geschätzt, dass vermeidbare Fehler in den US-Krankenhäusern Gesamtkosten
von 17 - 29 Mrd. US-Dollar verursachen (einschließlich der Kosten für zusätzliche Pflege,
Einkommensverluste, verringerte Haushaltsproduktivität und Behinderungen).

Epidemiologie der Fehler und unerwünschten Nebenwirkungen
Um die Bedeutung der Patientensicherheit besser zu wertschätzen, müssen wir Statistiken zu
unerwünschten Nebenwirkungen, Studienergebnisse aus einigen Ländern und die Folgen bzgl.
Morbidität und Mortalität untersuchen. Es ist auch wichtig, den Anteil an vermeidbaren
unerwünschten Nebenwirkungen zu kennen. Wir müssen uns die Studienergebnisse in diesem
Bereich ansehen, so dass wir die Bedeutung der Patientensicherheit in der
Gesundheitsversorgung quantifizieren können. In amerikanischen Krankenhäusern sterben
jedes Jahr bis zu 98.000 Menschen infolge vermeidbarer medizinischer Fehler (11).
7

2. Patientensicherheit

In der Studie von Brennan et al. wurde sich auf die medizinischen und rechtlichen Aspekte des
Auftretens von unerwünschten Nebenwirkungen konzentriert. Insgesamt wurden 30.121
Datensätze aus einer Stichprobe von Patienten, die aus 51 Krankenhäusern im Bundesstaat
New York entlassen wurden, überprüft. Zu den wichtigsten Erkenntnissen gehört, dass
unerwünschte Nebenwirkungen zu einem Anteil von 3,7 % auftraten, wovon 50 % von den
Gutachtern als vermeidbar eingeschätzt wurden. Die häufigsten unerwünschten
Nebenwirkungen traten durch Medikationsfehler auf, gefolgt von Infektionen und
postoperativen Wundheilungsstörungen. Die Beiträge zu dieser Studie waren bei der
Identifizierung von unerwünschten Nebenwirkungen substanziell und die meisten späteren
Studien wurden anhand dieser Methode entwickelt (13). Nach dieser wegweisenden Studie
gab es viele weitere Studien zur Verbesserung der Qualität der Gesundheitsversorgung durch
Identifizierung der wichtigsten Ursachen für unerwünschte Nebenwirkungen zur Erleichterung
der Prioritätensetzung und Umsetzung von Präventionsstrategien. In einem systematischen
Bericht zu unerwünschten Nebenwirkungen in Krankenhäusern aus dem Jahr 2008 wurden die
Informationen aus den verschiedenen internationalen Studien bis zu diesem Zeitpunkt
zusammengefasst. Dieser Bericht umfasste acht Studien aus den USA, Kanada, Großbritannien,
Australien und Neuseeland (sechs davon enthielten Daten zur Vorbeugung).
Obwohl die Zahlen der unerwünschten Nebenwirkungen hoch sind, wird davon ausgegangen,
dass diese Zahlen eher noch eine Unterschätzung sind und wir nur die Spitze des Eisbergs
sehen. Der Grund dafür ist, dass die in diesen Studien verwendete Methodik nur
unerwünschte Nebenwirkungen mittleren oder schweren Ausmaßes erfasst (Behinderung,
verlängerter Krankenhausaufenthalt und/oder Tod). Da diese Studien auf medizinischen
Krankenakten basierten, ist es möglich, dass einige Fälle nicht erfasst wurden. Eine andere
Möglichkeit zum Gewahr werden der Auswirkungen unerwünschter Nebenwirkungen im
Gesundheitswesen sind Studien, die Evaluationen der Effektivität der klinischen Praxis
beschreiben. Mehrere internationale Studien zeigen, dass mehr als 50 % der Patienten mit
Diabetes, Bluthochdruck, Hyperlipidämie, Asthma, Herzversagen oder Depression
unzureichend behandelt werden (15-20).
Dieser Ansatz basiert auf der Annahme, dass ein Teil der Patienten ein unzureichendes
Behandlungsniveau erhält und es wahrscheinlich ist, dass viele dieser Patienten durch ihre
Erkrankung oder Dekompensation Komplikationen erfahren. Ein weiteres Sicherheitsrisiko
besteht, wenn einige der empfohlenen therapeutischen Interventionen nicht umgesetzt
werden (wie unten diskutiert, gehört dieses Problem zu den Auslassungsfehlern: Handlungen
vom medizinischen Fachpersonal nicht oder unangemessen durchgeführt). Die Zahlen sind von
besonderer Bedeutung, wenn wir die Auswirkungen auf die jährliche Sterblichkeitsrate in
einem Land wie den USA in Bezug zu den Gesamttodesursachen berechnen.

8

3. Kommunikation

3. Kommunikation
[s. Curriculum for Handover Training in Medical Education, Version May 2014 (English), S.46ff]
Kommunikationsfehler gehören nach dem Bericht der Joint Commission zu den Hauptursachen
für unerwünschte Nebenwirkungen ‒ sie machen bis zu 70 % aus (1). Kommunikationsfehler
sind ein entscheidender Faktor bei medizinischen Fehlern. Daraus folgt, dass viele Studien zum
Thema „schlechte Kommunikation im Gesundheitswesen und ihre Folgen“ durchgeführt
wurden. Darüber hinaus wurde eine effektive Kommunikation im Gesundheitswesen zu einem
der Nationalen Patientensicherheitsziele (National Patient Safety Goals) erklärt und es wurden
Anstrengungen unternommen, effiziente Kommunikationsinstrumente zu entwickeln.

Kommunikationsmodelle
Kommunikation ist definiert als der Austausch von Informationen unter Menschen ‒ vor allem
über Sprache oder Symbole (68). Es gibt verschiedene Kommunikationstheorien, die für
medizinische Übergaben anwendbar sind. Diese werden im Folgenden näher erläutert.

Das Shannon-Weaver-Modell der Kommunikation
Das Shannon-Weaver-Modell der Kommunikation wird auch als „Mutter aller Modelle“
bezeichnet (69). Es beinhaltet die Konzepte Informationsquelle, Nachricht, Sender, Signal,
Kanal, Geräusch, Empfänger, Informationsziel, Fehlerwahrscheinlichkeit, Codierung,
Decodierung,
Informationsrate,
Kanalkapazität
usw.
(70).
Während
dieses
Kommunikationsmodell ursprünglich von mathematischen und technischen Anforderungen
inspiriert wurde, ist es mittlerweile auch sehr weit in den Sozialwissenschaften, z.B. der
Bildung, Organisationsanalyse und Psychologie verbreitet. Kritiker heben die Einfachheit des
Modells sowie seine Unfähigkeit, Kontexte zu betrachten, hervor und warnen vor
Missverständnissen (71).

Es stimmt, dass das Shannon-Weaver-Modell ein viel zu einfaches Modell für die menschliche
Kommunikation ist. Dennoch ist es eine gute Basis für das Verständnis von Meinen und
Verstehen. Das Prinzip „Geräusch“ ist im übertragenen Sinn zu verstehen. Im Modell wird
davon gesprochen, dass die Nachricht „abgelenkt oder durch physikalische Geräusche
beeinträchtigt“ wird (72). Angewandt auf die interpersonelle Kommunikation bedeutet
„Geräusch“ Klänge von Instrumenten oder Unterhaltungen anderer Personen, die die
Kommunikation beeinträchtigen können, aber repräsentiert auch Aspekte der Beziehung
zwischen Sender und Empfänger (z.B. Hierarchie oder Kultur) oder die Intonation eines
Wortes. Der Sender ist der Verursacher der Nachricht, also die Informationsquelle. Er/sie wählt
die gewünschte Nachricht. Der Prozess der „Codierung“ steht für die Auswahl von Wörtern
9

3. Kommunikation

sowie nicht- und paraverbalen Elementen der Nachricht. Der Empfänger ist das Ziel der
Nachricht des Senders. Er/sie wandelt die Signale in Meldungen, die für den Empfänger
verständlich sind, um. Dies wird als „Decodierung“, das umgekehrte Verfahren der Codierung,
bezeichnet. Basierend auf der decodierten Nachricht gibt der Empfänger eine Rückmeldung an
den Sender. Basierend auf dieser Rückmeldung (dies kann eine Antwort auf eine Frage, ein
Nicken oder gar keine Reaktion sein) kann der Sender interpretieren, ob seine beabsichtigte
Botschaft korrekt dekodiert wurde. O.g. Geräusche wirken sich auf die Kommunikation aus.

Die Laswell-Formel
Lasswell (1948) definiert die Formel: „Wer sagt was über welchen Kanal zu wem und mit
welcher Wirkung?“ (74). Dieses verbale Kommunikationsmodell ist „ein lineares und
unidirektionales Verfahren“ (75). Der Schwerpunkt des Modells liegt auf den einzelnen
Elementen der Kommunikation: „Wer bezieht sich auf den Kommunikator, der die Botschaft
formuliert, was ist der Inhalt der Nachricht, der Kanal ist das Medium der Übertragung, wem
beschreibt entweder einen einzelnen Empfänger oder das Publikum der
Massenkommunikation, die Wirkung ist das Ergebnis der Botschaft...“ (76). Die Nachricht
wandert vom Kommunikator zum Publikum. Obwohl dieses Modell einen
Einwegkommunikationsfluss beschreibt, bezieht sich die Wirkung auch auf Rückmeldungen
des Publikums (77). Lasswell erklärt, dass das Wer die Kontrollanalyse, das sagt was die
Inhaltsanalyse, das über welchen Kanal die Medienanalyse, das zu wem die Zuhöreranalyse
und das mit welcher Wirkung die Wirkungsanalyse repräsentiert (74). Unabhängig vom
theoretischen Modell können bei allen der o.g. Elementen Risiken und Fehler auftreten:
Sender, Empfänger usw. Diese können aus internen Gründen (z.B. Müdigkeit, Mangel an
Wissen usw.) oder externen Gründen (z.B. Störungen, technische Fragen usw.) auftreten. Bei
einer medizinischen Übergabe führt eine falsche oder unwirksame Kommunikation häufig zu
Verzögerungen bei der Patientenversorgung oder sogar zur Schädigung des Patienten. Um auf
diese Risiken richtig zu reagieren, ist es wichtig, bestimmte Grundsätze für eine wirksame
Kommunikation, wie den Maximen nach Grice, einzuhalten. Siehe auch: Modul 1 - Risiko- und
Fehlermanagement (S. 9ff).

Teamwork und Kommunikationsfehler
Eine effektive Kommunikation und gemeinsame Verantwortlichkeiten sind die Grundlage für
eine Kultur der Patientensicherheit. Teamarbeit im Gesundheitswesen ist die Zusammenarbeit
der Angehörigen der Gesundheitsberufe zur Pflege der Patienten. Die Bedeutung der
Teamarbeit in Einrichtungen der Gesundheitsversorgung nimmt zu und hat in letzter Zeit
aufgrund einer Reihe von Faktoren viel Aufmerksamkeit bekommen, darunter die hohe
Prävalenz von Komorbiditäten (zwei oder mehr nebeneinander bestehenden Krankheiten), die
multi- und interdisziplinäre Teams erfordern. Die derzeitige Praxis in der
10

3. Kommunikation

Gesundheitsversorgung ist von einem individualistischen Ansatz und nicht von einem
Teamwork-Ansatz geprägt. Durch den Mangel an Gesundheitspersonal sowie die erhöhte
Verantwortung und Komplexität im Gesundheitswesen muss zwischen den
Gesundheitsexperten eine Kultur der Unterstützung und der Zusammenarbeit entstehen,
sodass qualitativ hochwertige Ergebnisse und die Patientensicherheit gewährleistet werden
können.

Wie kann die Sicherheit beim Übergabeprozess verbessert werden?
Der Übergabeprozess
Durch Kenntnis der Komplexität des Übergabeprozess, des Ausmaßes des Problems und der
Häufigkeit von Kommunikationsfehlern können mehrere Empfehlungen zur Verbesserung der
Sicherheit dieses Verfahrens gegeben werden.
WER sollte involviert sein?
Im Idealfall sind alle Mitglieder des medizinischen Teams involviert (Oberarzt, Facharzt,
Stationsarzt,
Assistenzarzt,
Pflegepersonal). Jedes
Krankenhaus muss
jedoch
Schlüsselpersonen identifizieren, die die Übergabe durchführen.
- Jedes Krankenhaus/jede Station muss Schlüsselpersonen identifizieren, die die Übergabe
durchführen. Klinische Übergaben sind für alle Mitglieder des medizinischen Teams gleich
wichtig. Das Idealmodell umfasst alle Arten von Mitarbeitern der jeweiligen Fachgebiete,
Teilgebiete oder Stationen. Bei der Hauptübergabe, in der Regel der morgendlichen Übergabe,
sollte die Stationsleitung beteiligt sein.
- Idealerweise sollten Teams aus allen Bereichen teilnehmen, um sicherzustellen, dass sie die
notwendigen Patienteninformationen erhalten und rechtzeitig Entscheidungen über die
Patientenversorgung und die Verlegung treffen können. Der multidisziplinäre Ansatz erfordert
die größte Veränderung der Übergabekultur, hat jedoch auch das Potenzial für den größten
Nutzen.

Die Beteiligung von erfahrenen Ärzten ist unerlässlich. Dies stellt sicher, dass angemessene
Behandlungsentscheidungen getroffen werden, dass die Übergabe einen konstruktiven Teil
der medizinischen Ausbildung darstellt und dass die Ernsthaftigkeit, mit der das Krankenhaus
diesen Prozess durchführt, gefördert wird. Es wird immer zu erledigende Arbeit während der
Übergabezeit liegen bleiben, vor allem am Abend. Jedoch können so gut wie alle Aspekte der
Pflege für 30 Minuten warten, um einen stets sicheren Betrieb über Nacht zu gewährleisten. Es
ist wichtig, dass dem Personal die Teilnahme an der Übergabe erlaubt ist, für diese Zeit muss
sich jedoch ein Notdienst bereithalten. Der Leiter der Übergabe muss sicherstellen, dass dem
11

3. Kommunikation

Team neue oder stellvertretende Mitglieder bekannt sind und dass angemessene
Vorkehrungen getroffen werden, um sie mit den örtlichen Vorgehensweisen und den
Krankenhausräumlichkeiten vertraut zu machen.

WANN sollte eine Übergabe stattfinden?
- Übergaben sollte zu einem festen Zeitpunkt und bei jedem Übergang der Pflege durchgeführt
werden, d.h. bei Schichtwechseln
- Eine große Übergabe muss am Morgen stattfinden, einschließlich Diskussion der
Vorkommnisse der Nacht, der Neuaufnahmen und der Tagesplanung
- Die Übergabezeit sollte allen Mitarbeitern bekannt und Pieper-frei sein, außer bei
unmittelbar lebensbedrohlichen Notfällen
- Die Schichten aller beteiligten Mitarbeiter müssen aufeinander abgestimmt sein, damit sie
während der Arbeitszeit an den Übergaben teilnehmen können. Dies ist besonders wichtig für
die Übergabe an den und vom Nachtdienst.
- Die Hauptübergabe findet im Allgemeinen am Morgen statt, es sei denn, es ist auch eine
Übergabe von einer Schicht zur anderen notwendig (auf einigen Stationen zum Beispiel um 17
Uhr). Die Morgenübergabe ermöglicht es dem Team, über die Patientenaufnahmen der
vergangenen Nacht zu diskutieren, gibt ihnen einen Einstieg für die Morgenvisite und hilft ihm
bei der Erstellung des Tagesplans.
- Zusätzlich zur großen, formellen Übergabe, gibt es täglich zwangsläufig kleinere, lokale
Übergaben (wie beispielsweise auf der Intensivstation oder der Aufnahme)
- Neben der Übergabe zwischen den Schichten müssen Ärzte bei längerer Abwesenheit eine
gründliche Übergabe durchführen, um die Patientenversorgung sicherzustellen (zum Beispiel
an Wochenenden oder bevor sie in den Urlaub gehen).

WO sollte die Übergabe stattfinden?
- In der Nähe des Arbeitsbereichs, zum Beispiel der Notaufnahme oder der Aufnahme.
- Der Ort sollte genügend Platz für alle Teilnehmer der Übergabe bieten.
- Der Ort sollte frei von Lärm und Ablenkungen sein.
- Der Ort sollte Zugang zu klinischen Informationen, Internet und Telefone bieten.

12

3. Kommunikation

WIE sollte die Übergabe erfolgen?
- Je nach der Art der Übergabe kann unterschiedlich vorgegangen werden (Schicht zu Schicht,
Bereich zu Bereich usw.)
- Für jede Übergabeart sollte ein standardisiertes Verfahren existieren, um einen vollständigen
Informationsaustausch zu gewährleisten
- Die ausgetauschten Informationen sollten präzise und relevant sein.
- Die Übergabe sollte vom dienstältesten Arzt beaufsichtigt werden und muss klar gestaltet
sein.
- Bei Ad-hoc-Übergaben werden oft wichtige Aspekte der Pflege und Informationen vergessen.
Das Royal College of Physicians hat Leitlinien für Übergabe für das allgemeine medizinische
Personal veröffentlicht. In diesem Dokument befindet sich ein Beispiel eines Übergabeblattes,
das zur Erleichterung der Informationsübertragung zwischen Kollegen verwendet werden kann
(42).

WAS sollte übergeben werden?
Strategien zur Verbesserung der Sicherheit der Übergabe
Eine amerikanische Studie des Boston Children’s Hospital ergab, dass wirksame
Übergabeprozesse zu einer bemerkenswerten Reduzierung medizinischer Fehler und
vermeidbarer unerwünschter Nebenwirkungen führt (58). In Anbetracht dessen, dass
Kommunikationsfehler ein wichtiger Grund für unerwünschte Ereignisse sind, werden in
Studien verschiedene Verfahren zur Verbesserung der klinischen Übergabe vorgeschlagen. Es
gibt noch keine Best Practices für die Übergabe: In verschiedenen Situationen werden
verschiedene Methoden eingesetzt. Allerdings ist die Umsetzung von standardisierten
Methoden für die Übergabe vereinbart ist und wird von der WHO und der Joint Commission
International empfohlen (59).

Übergabeformen/-methoden
Die Art, wie Informationen übertragen und aufgezeichnet werden, hat einen großen Einfluss
auf den Übergabeprozess. Die klinische Übergabe erfolgt mittels unterschiedlicher
Modalitäten: mündlich, schriftlich, von Angesicht zu Angesicht auf, per Telefon, per
Sprachnachricht, per Checkliste, mit Hilfe von elektronischen und mobilen Anwendungen.
Studien haben gezeigt, dass mündliche Verfahren unzureichend und anfällig für einen
signifikanten Informationsverlust sind. Während die Aufzeichnung von Notizen während der
13

3. Kommunikation

Übergabe die behaltene Informationsmenge erheblich verbessert, eliminiert die Verwendung
eines vorgedruckten Blattes mit wichtigen Patientendaten den Datenverlust nahezu
vollständig ‒ aber dieses Verfahren kann sehr zeitaufwendig sein (60-62). Eine Übergabe per
Sprachnachricht ist die schlechteste Lösung und gilt als ungeeignet. Stattdessen sollte eine
mündliche oder schriftliche Übergabe (oder beides) erfolgen (63,64).

Verbesserung der Kommunikation mit Hilfsmitteln
Es gibt einige wichtige Grundlagen für eine effektive Kommunikation, die bei der Verbesserung
bestimmter Bereiche zu berücksichtigen sind:
- Komplett: Übertragen Sie alle relevanten Informationen
- Deutlich: Dies sollte in verständliche Sprache erfolgen
- Kurz: Übertragen Sie die Informationen in Kürze
- Zeitnah: Die Übertragung der Informationen sollte in einem angemessenen Zeitrahmen
geschehen (38).
Es gibt zahlreiche Hilfsmittel zur Umsetzung dieser Prinzipien und zur Reduzierung von
Teamarbeits- und Kommunikationsfehlern. Ausführliche Informationen über verschiedene
Hilfsmittel finden Sie im Kapitel 2.3 – Hilfsmittel und Strukturen für die Übergabe (S. 64ff).

Standardisierung des Übergabeprozesses
Da Übergaben in der Gesundheitsversorgung häufig vorkommen, ist es wichtig, dass für jede
Übergabeart definiert ist, wann und wie sie genutzt werden soll, um eine bewusste und
kompetente Übergabe von allen Mitarbeitern zu gewährleisten. Die Standardisierung des
Übergabeprozesses erfolgt durch die Festlegung einer gemeinsamen Sprache beim Austausch
der Patienteninformationen. Die Übergabe harmoniert mit der Praxis, gewährleistet eine
effektive, präzise und vollständige Kommunikation in allen klinischen Situationen, hilft bei der
Klärung des Zwecks und des Inhalts der Übergabe sowie bei der Verringerung von
Missverständnissen. Ein solcher Ansatz muss einfach anzuwenden sein, sodass er leicht gelehrt
und wieder umgesetzt werden kann (45, 63). Jedes Krankenhaus muss standardisierte
Hilfsmittel entwickeln, die auch im multidisziplinären Umfeld funktionieren und die überall
dort, wo sie zweckdienlich sind, verwendet werden können. Sie müssen außerdem für
verschiedene Anlässe oder je nach Art der Übergabe modifizierbar sein (Hilfsmittel zur
Schichtübergabe unterscheiden sich von Hilfsmitteln für die Übergabe vom Krankenhaus an
die ambulante Versorgung). Standardisierte Skripte oder Hinweise können die Kommunikation
und Dokumentation unterstützen (63-65).

14

3. Kommunikation

Involvierung des Patienten in die Übergabe
Die Patienten sind die wichtigsten Beteiligten bei der Übergabe; die Patientenbeteiligung ist
ein wichtiger Bestandteil der patientenorientierte Pflege, die die effektivste und höchste
Qualität der Versorgung gewährleistet. Darüber hinaus haben die Patienten so die Möglichkeit
zu lernen und sich für das Management ihres Zustands, ihre Behandlung, ihre Nachsorge und
ihre Zufriedenheit zu engagieren. Außerdem können so Verbesserungsmöglichkeiten, die von
der Belegschaft bisher nicht berücksichtigt wurden, identifiziert und Lösungen für klinische
Fragen gefunden werden. Die Patienten sind das Bindeglied bei der Übergabe und sollten
einbezogen werden und sich aktiv am Übergabeprozess beteiligen. Diese Beteiligung
verbessert die Wirksamkeit der Übergabekommunikation und sorgt für eine hohe Qualität der
Gesundheitsversorgung (43, 66, 67).
Vorgeschlagene Strategien zur Involvierung eines Patienten und ggf. seiner Pflegeperson an
der Übergabe:
- Aktive Beteiligung des Patienten bei der Planung, Durchführung und Bewertung der Pflege
- Während der Übergabe einen Patientenvertreter im Team haben
- Lokale Richtlinien und Verfahren festlegen und beschreiben, wie Patienten in die Übergabe
einbezogen werden (auf Krankenhausebene)
- Erfragen der Bedenken der Patienten und ihre Gedanken zur Übergabe. Ihre aktive Rolle im
Prozess einbeziehen.
- Den klinischen Übergabeprozess als patientenzentrierten Ansatz modellieren
- Bewertung des Verständnisses zwischen Pflegepersonal und Patienten während der Pflege,
am Entlassungstag und in Bezug auf die Pläne nach der Entlassung (43)

Im Gesundheitswesen werden Teamwork und Kommunikation durch mehrere Faktoren
herausgefordert:
- Unterschiedliche Bildungsgrade und Ausbildungen der Gesundheitsfachkräfte schaffen eine
Heterogenität im Kommunikationsstil und ein unzureichendes gemeinsames Verständnis.
- Hierarchien in den
Gesundheitsfachkräften.

Berufskulturen,

besonders

zwischen

Ärzten

und

anderen

- Mangelnde Ausbildung in nicht-technischen Fähigkeiten und Fokussierung auf ausschließlich
technische Fähigkeiten

15

3. Kommunikation

- Verschiedene Kommunikationsmittel schaffen Unsicherheiten bzgl. der Übertragung der
richtigen Informationen
- Menschliche Faktoren: Müdigkeit, Stress, Lärm
- Zeitdruck und Arbeitsbelastung
- Ablenkung und Unterbrechungen (38 bis 41).

Befähigung der Patienten während der Übergabe
Die Patientenbeteiligung im Gesundheitswesen wirkt sich positiv auf die Einhaltung von Regeln
und die Ergebnisse aus und führt auch zu effektiveren Übergaben zwischen verschiedenen
Bereichen. Es ist daher wichtig, Patienten dazu zu befähigen, an ihrer Übergabe teilzunehmen
und mit dem medizinischen Fachpersonal zu kommunizieren. Interventionen und Hilfsmittel
zur Verbesserung der Patientenbeteiligung können sich sowohl an Patienten als auch an
medizinisches Fachpersonal richten.
Hilfsmittel zur Verbesserung der Patientenbeteiligung und des Bewusstseins
Es wurden mehrere Hilfsmittel entwickelt, um die Patientenbeteiligung und das Bewusstsein
bei der Übergabe zu verbessern.
1. Die Pflegeüberleitung ist ein evidenzbasiertes und patientenzentriertes Programm zur
Verbesserung der Patientenübergaben durch Förderung der Teilnahme des Patienten und
seiner Familie an der Übergabe. Das Programm beinhaltet eine persönliche Krankenakte und
eine Checkliste zur Entlassungsvorbereitung. Weitere Informationen zu diesem Programm
finden Sie in dieser Zusammenfassung, diesem Artikel oder dieser Website.
2. Das Projekt RED (Re-Engineered Discharge = überarbeitete Entlassung) ist eine
evidenzbasierte Intervention mit Schwerpunkt auf der Steigerung des Patientenverständnisses
für Anweisungen und Selbstmanagementstrategien während der Entlassung und Nachsorge.
Das Projekt umfasst einen Nachsorgeplan nach der Entlassung und ein Übungshandbuch für
die Durchführung von Entlassungen. Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie in
diesem Artikel oder auf dieser Website.
3. Das Projekt BOOST (Better Outcomes for Older adults through Safe Transitions = Bessere
Ergebnisse für ältere Erwachsene durch sichere Verlegungen) bietet Hilfsmittel für
Gesundheitsfachkräfte und Patienten mit dem Gesamtziel der Verringerung der
Rehospitalisierung durch die Verbesserung der Kommunikation der Gesundheitsfachkräfte und
die Vorbereitung des Patienten auf seine Entlassung. Die Hilfsmittel sind ein Patientenpass
(eine Verlegungsakte) und die Teach-Back-Methode. Weitere Informationen zu diesem Projekt
finden Sie auf dieser Website und zur Teach-Back-Methode auf Youtube.

16

3. Kommunikation

4. Die Society of Hospital Medicine (SHM, Gesellschaft für Krankenhausmedizin) hat Hilfsmittel
für die Entlassungsplanung entwickelt: Hilfsmittel zur Bewertung der Entlassung und ein
Hilfsmittel zur Patientenaufklärung bei der Entlassung. Weitere Informationen finden Sie auf
dieser Website.

Patientensicherheit bei
Gesundheitsversorgung

Übergaben

und

in

der

allgemeinen

Sowohl die Patienten selbst als auch die Gesundheitsfachkräfte können die Patientensicherheit
während des Krankenhausaufenthalts und bei Übergaben verbessern.
Leitfäden für die Gesundheitsfachkräfte:
Sieben Schritte zur Patientensicherheit. Entwickelt von der National Patient Safety Agency in
Großbritannien.
Öffentliche und Patientenbeteiligung. Entwickelt von der Irish Society for Quality and Safety in
Healthcare.
General Guide for Education and training in patient safety. Entwickelt von EUNetPas, dem
Netzwerk für Patientensicherheit der Europäischen Union.
Für Patienten bietet das Pflegehandbuch, (in den USA vom Center for Children with special
needs entwickelt), ein Handbuch für sicherere Krankenhausaufenthalte (in Dänemark von der
Danish Society for patient safety entwickelt) und eine Broschüre (von der Irish Society for
Quality and Safety in Healthcare entwickelt) Informationen und Tipps zur Verbesserung der
Patientensicherheit.

Hilfsmittel für eine bessere Kommunikation zwischen Patienten und
Gesundheitsfachkräften
Die Stärkung der Patientenbeteiligung bei den Übergaben ist eng mit der Kommunikation
zwischen Patienten und Gesundheitsfachkraft verbunden. Im Folgenden finden sich Hilfsmittel
zur Verbesserung der Kommunikation mit den Gesundheitsfachkräften:
Die National Transitions of Care Coalition bietet mehrere Beiträge zu diesem Thema: Eine
Medikamentenliste, die den Patienten und deren Familien hilft, den Überblick über die
Medikamente zu behalten; Richtlinien für den Krankenhausaufenthalt und die Entlassung und
ein Instrument, das auf die Begegnungen mit Gesundheitsfachkräften vorbereitet.

17

3. Kommunikation

Die Joint Commission hat eine Broschüre herausgegeben, mittels derer die Patienten ermutigt
werden sollen, ihre Meinung zu sagen und in der sie darüber informiert werden, wie sie an
Informationen zur Nachsorge nach der Entlassung kommen.
Auch die Organisation CAPS – Consumers Advancing Patient Safety bietet verschiedene
Hilfsmittel zur Patientenbeteiligung und Kommunikation: Verantwortung für die eigene Pflege
übernehmen, Sechs Tipps für das Gespräch mit Ihrem Arzt, Das Gespräch mit Ihrem Arzt oder
einer Pflegekraft und Kommunikation mit Patienten und Familien.
Die AHRQ – Agency for Healthcare Research and Quality bietet eine Checkliste und
Informationen für Patienten, was zum Zeitpunkt der Entlassung zu wissen und zu tun ist.

18

4. Hilfsmittel zur Übergabe

4. Hilfsmittel zur Übergabe
[s. Curriculum for Handover Training in Medical Education, Version May 2014 (English), S.64ff]
In diesem Kapitel stellen wir Ihnen die wichtigsten und interessantesten Protokolle,
Checklisten und andere standardisierte Hilfsmittel zur Verbesserung der Übergaben vor. Wenn
Sie sich zu diesem Thema weiter informieren, diskutieren oder durch das Teilen anderer
interessanter Hilfsmittel oder Ihre Erfahrung etwas beitragen möchten, besuchen Sie die
Gruppe Protocols, checklists and other standardized tools to improve handover.

Relevanz der Standardisierung und der Checklisten
Standardisierte Verfahren haben einen großen Einfluss auf die Patientensicherheit. Mit Fokus
auf die Kommunikation im Gesundheitswesen können Checklisten zum Beispiel eine Übergabe,
Entlassungspläne und ähnliches strukturieren. Es hat sich gezeigt, dass diese es nicht nur für
die Beteiligten einfacher machen, sondern auch das Patientenergebnis beeinflussen. Weitere
Ressourcen und Informationen finden Sie unter Modul 1 - Risiko- und Fehlermanagement.

Verschiedene Hilfsmittel zur Übergabe
Es gibt verschiedene Hilfsmittel, insbesondere Checklisten und Merkhilfen, die zur
Verbesserung und Vereinfachung des Übergabeprozesses entwickelt wurden. Sie können an
lokale oder bereichsspezifische Anforderungen angepasst werden. Evaluationsstudien haben
eine gute Anwendbarkeit und einen Nutzen für das Patientenergebnis bestätigt (58, 107). Im
Folgenden werden einige dieser Hilfsmittel vorgestellt.

SBAR
SBAR ist eine strukturierte Methode zur Kommunikation wichtiger Informationen, die sofortige
Aufmerksamkeit und eine Handlung erfordern. Es verbessert die Kommunikation und führt zu
einer effektiven Eskalation und einer erhöhten Sicherheit. Die Anwendung dieses Konzepts hat
sich in vielen Bereichen, zum Beispiel beim Militär, der Luftfahrt und einigen
akutmedizinischen Bereichen etabliert.
SBAR besteht aus 4 Schritten:
S

Situation ‒ Wie ist die Situation? (Hauptbeschwerden, derzeitiger Status)

B

Background (Hintergrund) – Was ist der klinische Hintergrund? (Anamnese)

A

Assessment (Untersuchung) – Was ist das Problem? (Ergebnisse der

19

4. Hilfsmittel zur Übergabe

Untersuchung, Vitalzeichen und Symptome)
R

Request/Recommendation (Forderung/Empfehlung) – Welche Handlung wird
gefordert/empfohlen? (Empfohlene und bevorstehende Veränderungen, kritische
Überwachung)

ISBAR
ISBAR (Identify, Situation, Background, Assessment, Recommendation) ist eine Merkhilfe zur
Verbesserung der Sicherheit bei der Übertragung von kritischen Informationen. Es ist
abgeleitet vom SBAR-Konzept, der am häufigsten verwendeten Merkhilfe im
Gesundheitswesen und anderen Hochrisikobereichen, wie dem Militär. Das „I“ in ISBAR steht
für eine genaue Identifizierung der Teilnehmer der Übergabe und des Patienten.
I

Introduction (Vorstellung) – Ich bin

S

Situation ‒ Was geschieht gerade

B

Background (Hintergrund) – Kurze, relevante Anamnese

A

Assessment (Bewertung) – Was passiert meiner Meinung nach gerade

R

Recommendation (Empfehlung) – Welche Schritte empfehle ich

iSOBAR
Für die iSOBAR-Checkliste wurde das SBAR-Konzept modifiziert und erweitert, um die
Bedürfnisse des Western Australian Land Health Service (WACHS) besser zu erfüllen. Das
iSOBAR-Konzept ist sowohl ein Wort als auch eine Merkhilfe, das vor allem im
wirbelsturmgefährdeten Nordwesten Australien genutzt wird. Die Checkliste enthält zwei
Erweiterungen des ursprünglichen SBAR-Konzepts. Zum einen das „i“, das für „Identifizieren
Sie sich und den Patienten“ steht, stellt die Identität des Patienten und nicht die Diagnose in
den Vordergrund und ist auch eine Methode zur Vorstellung. (Dies ist besonders dann wichtig,
wenn Teams geografisch weit verteilt sind.) Die zweite Erweiterung, „O“ steht für
Observations/Beobachtungen und wurde aufgenommen, um adäquate Sachinformationen zur
Erstellung eines Pflegeplans zu liefern. „S“ (Situation) und „B“ (Background/Hintergrund)
blieben unverändert, aber „A“ (Assesment/Bewertung) wurde zu Agreed Plan/Vereinbarter
Plan und „R“ (Recommendation/Empfehlung") zu Read Back/Wiederholen geändert, um die
Weitergabe von Informationen und die Rechenschaftspflicht zu stärken.

20

4. Hilfsmittel zur Übergabe

I PASS the BATON1
Die Nutzung des SBAR-Konzeptes als Leitfaden kann den Dokumentationsprozess ggf.
erleichtern. Auch Informationen wie Patientenverfügung, psychosozialer Status,
Familienangelegenheiten und Langzeitpflegeregelungen können ggf. aufgenommen werden.

I

Introduction (Vorstellung): Stellen Sie sich und Ihre Rolle oder Ihren Auftrag vor
(Patienten einschließen)

P

Patient: Identifikatoren, Alter, Geschlecht, Ort

A

Assessment (Bewertung): gegenwärte Beschwerden, Vitalzeichen, Symptome und
Diagnose

S

Situation: Aktueller Status/Umstände, einschließlich Patientenverfügung, Grad der
Unsicherheit, neueste Veränderungen und Reaktion auf die Behandlung

S

Sicherheit: Kritisch

Briefing und Debriefing (Vorbesprechung und Nachbesprechung)
Briefing: ist eine Diskussion zwischen den Teammitgliedern, in der nach Vorstellung der
Namen, die Rollen/Verantwortlichkeiten und wichtige Schritte festgelegt sowie kritische
Behandlungen und Gerätschaften geprüft werden.
Das Briefing fördert das Bewusstsein für die aktuelle Situation ermöglicht es dem Team, sich
anhand der Frage „Was wäre wenn?“ auf unerwartete Situationen vorzubereiten und sie zu
interpretieren sowie ein gemeinsames mentales Verständnis zu schaffen.
Vorstellung der Namen und Rollen
Ziele definieren
Identifizieren der wichtigsten Schritte



1

Kritische Behandlungen und Gerätschaften prüfen
„Was wäre wenn?“ fragen
Verständnis durch Wiederholen prüfen
Ausblick auf das Debriefing (d.h. Diskussion, was in der in der Nachbesprechung
besprochen werden soll).

Anm. d. Ü.: Wortspiel „Ich übergebe den Stab.“

21

4. Hilfsmittel zur Übergabe

Debriefing: Ist eine kurze Diskussion, die auf ein Ereignis folgt, um zu identifizieren, was
passiert ist und was man hätte besser machen können. Es ist ein Lernprozess und könnte zum
Finden von Lösungen und der Verbesserung der Leistung verwendet werden. Es beantwortet
Fragen, wie: Wie sind wir vorgegangen? Was lief gut? Was sollten wir beim nächsten Mal tun?







„Wie sind wir vorgegangen?“
„Wie haben wir uns gefühlt?“
„Was lief gut?“
„Was lief nicht so gut?“
„Was sollen wir beim nächsten Mal machen?“www.patientsafetyfirst.nhs.uk 25
„Wie sind wir vorgegangen?“
Der Teamleiter fasst am Ende die Nachbesprechung zusammen, um zu wiederholen,
was diskutiert wurde
Beim Debriefing wird auch überprüft, ob ein gemeinsames Verständnis im Team
existiert.

Mobile Geräte
Mobile Geräte können während der Übergabe verwendet werden, um sie zu strukturieren
oder sich Notizen zu machen und zu gewährleisten, dass die übergebenen Informationen
vollständig sind. Es gibt verschiedene Anwendungen für verschiedene Übergabe- oder
Verlegungsarten und Anwendungen, die auf den oben genannten Hilfsmitteln basieren.
Weitere Informationen finden Sie im Kapitel: Hilfsmittel zur Ausbildung im PATIENTEN-Projekt

22

6. Simulationstraining

6. Simulationstraining
[s. Curriculum for Handover Training in Medical Education, Version May 2014 (English), S.82ff]
Was ist eine Simulation?
Es gibt viele Definitionen für Simulation; zwei wurden von Gaba und McGaghie erstellt.
Zwei Definitionen

Warum Simulationen verwenden?
Simulationen erzeugen Umgebungen, in denen die Lernenden die für die klinische Praxis
relevanten Fähigkeiten ohne Gefahr für die Lernenden, andere Mitarbeiter oder den Patienten
üben können. Sie erlauben auch Diagnose- oder Behandlungsfehler, um durch natürliche
Schlussfolgerungen zum Ergebnis zu kommen. Simulationen haben viele Vorteile, zum Beispiel
ein verringertes Risiko für die Patienten, die Lernergebnisse werden besprochen, zielgerichtete
Übung und das Eintauchen in Lernaufgaben. Durch Simulationen ist es möglich, die Aufgaben
in Lerneinheiten zu unterteilen und eine kontrollierte Umgebung zu bieten, in der in einem
sicheren Umfeld aus Fehlern gelernt werden kann (125).
Simulationen sind eine Möglichkeit zur Entwicklung, Umsetzung und Aufrechterhaltung von
Fähigkeiten, die der Lernende auf dem Weg vom Anfänger zum Experten, vom Klassenzimmer
zum Arbeitsplatz, in einer sicheren und kontrollierten Weise unterstützen können. Es geht
dabei weniger um die Konzentration auf eine bestimmte Fähigkeit oder Leistung, sondern
vielmehr um eine breitere Perspektive unter Einbeziehung der affektiven und kognitiven
Bereiche. Eine kontinuierliche Praxis mit medizinischen Simulationen geht einher mit qualitativ
besseren Lernergebnissen in allen Phasen der Ausbildung und führt zu einem breiten Spektrum
an klinischem Fachwissen. Es scheint sich um ein Dosisansprechen im Hinblick auf das
Erreichen der gewünschten Lernergebnisse zu handeln (126). Simulationen bieten eine große
Ähnlichkeit zur Realität und diese Ähnlichkeit kann von hoch zu niedrig variieren. Dazu gehört
auch die Ähnlichkeit der Trainingssituation zu tatsächlichen Anforderungen (psychological
fidelity) und zu welchem Grad diese Ähnlichkeit von den Studenten wahrgenommen wird. Die
Environmental fidelity (Umweltgenauigkeit) steht für den Grad, zu dem die Simulation
Sinneseindrücke wiedergibt. Die Equipment fidelity (Gerätegenauigkeit) steht für den Grad, zu
dem die Simulation die Wirklichkeit widerspiegelt (127). Simulationen geben dem Lernenden
die Möglichkeit, eine immersive und praktische Lernumgebung zu erleben.
Genauigkeit in der Simulation
Simulationen werden entweder als genau oder ungenau eingestuft. Häufig wird diese
Beschreibung bzgl. der technologischen Komplexität angewendet. Hinter dem Begriff der
Genauigkeit steckt aber noch viel mehr. Die Genauigkeit in Simulationen ist das Ausmaß, zu
dem das Aussehen des Simulators bzw. der Verlauf der Simulation genau das Aussehen bzw.
den Verlauf in einer realen Situation widerspiegelt. Simulationen bieten eine große Ähnlichkeit
zur Realität und diese Ähnlichkeit kann von hoch zu niedrig variieren. Der Genauigkeitsgrad ist
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6. Simulationstraining

teilweise abhängig vom Kontext der Simulation, den Lernergebnissen und den Erfahrungen der
Lernenden. Dazu gehört auch die Ähnlichkeit der Trainingssituation zu tatsächlichen
Anforderungen (psychological fidelity) und zu welchem Grad diese Ähnlichkeit von den
Studenten wahrgenommen wird. Die Environmental fidelity (Umweltgenauigkeit) steht für den
Grad, zu dem die Simulation Sinneseindrücke wiedergibt. Die Equipment fidelity
(Gerätegenauigkeit) steht für den Grad, zu dem die Simulation die Wirklichkeit widerspiegelt
(127).
Grenzen von Simulationen
Simulationen können niemals ein Ersatz für authentisches Erfahrungslernen in der realen
klinischen Praxis sein. Sie können Lernende jedoch auf die Praxis vorbereiten, indem im
Rahmen der Simulation ein bewusstes Vorgehen geübt wird, das dann in die Arbeitswelt
übertragen werden kann. Simulationen sind kein pädagogisches Instrument, um andere
Lernformen zu ersetzen, sondern sind eine Ergänzung dieser Lernformen. Es stellt sich
natürlich die Frage der Übertragbarkeit des in der simulierten Umgebung Gelernten auf die
Realität. Simulationen dürfen nicht als Ersatz zur Arbeit in der klinischen Realität betrachtet
werden. Vielmehr sollten sie als Vorphase zur klinischen Realität, in der Fähigkeiten mit wenig
Risiko für den Lernenden und den Patienten entwickelt werden können, gesehen werden. Sie
können auch als Lernprozess parallel zum Eintritt in die klinische Arbeitswelt gesehen werden,
um Fähigkeiten zu entwickeln und Kompetenzen aufrecht zu erhalten. Es ist auch unrealistisch,
dass Simulationen allein ausreichen, um Kompetenzen zu erwerben. Lernende müssen ihre
Fähigkeiten in der realen Welt unter Aufsicht anwenden und Feedback erhalten, um ihre
Fähigkeiten zu entwickeln und anzupassen.
Es besteht das Risiko, dass sich der Lernende dem Unterschied zwischen dem realen
Arbeitsplatz und der simulierten Umgebung nicht bewusst ist. Innerhalb der simulierten
Umgebung verursachen ihre Leistungen und ihr Verhalten keinen Schaden für die Patienten,
jedoch müssen sie in der Realität ihre eigenen Grenzen erkennen und den Rat von älteren
Kollegen einholen, vor allem in schwierigen Situationen. Ebenso kann der Arbeitsplatz eine
Quelle widersprüchlicher, den Lernenden verwirrenden Praktiken sein ‒ darauf muss er
vorbereitet sein. Die Einrichtung eines simulationsbasierten Lernumfelds ist teuer. Für diese
Art von Bildungsprogramm entstehen nicht nur Kosten für die technologischen Aspekte der
physischen Infrastruktur, sondern auch für den Input der Lehrenden und natürlich laufende
Kosten.
Pädagogische Grundlagen für Simulationen in der medizinischen Ausbildung
Der Hauptzweck der medizinischen Ausbildung sollte es sein, für die medizinische Praxis
geeignete Absolventen zu produzieren. Daher sollten die Absolventen Kernkompetenzen wie
Wissen und Fähigkeiten sowie eine professionelle Einstellung besitzen, um ihre Aufgaben mit
dem erwarteten Maß an Kompetenz durchführen zu können. Wie bei allem Lehren und Lernen
in der medizinischen Ausbildung, ist eine der grundlegenden Herausforderungen,
sicherzustellen, dass das Gelernte auf den Arbeitsplatz übertragbar ist. Bei der Gestaltung von
24

6. Simulationstraining

Bildungsinhalten für die klinische Umgebung ist es hilfreich, Medizinstudenten als erwachsene
Lernende zu betrachten. Dabei wäre es wünschenswert, besonders auf den Lernenden, den
Lernprozess und den Kontext des Lernprozesses einzugehen. Zunächst müssen die Studenten
die Bereitschaft zum Erwerb der entsprechenden Kenntnisse mitbringen und es ist wichtig,
dass diese Kenntnisse zur Wahrnehmung bestehender, einschlägiger Probleme übertragbar ist.
In den Lernprozess müssen Faktoren aus dem nicht-kognitiven Bereich, wie die Steuerung des
Lernens, die Sinnhaftigkeit des Lernens und die Lernmotivation mit einbezogen werden.
Schließlich muss der Lernkontext spezifische Fähigkeiten für eine bestimmte Situation
erfordern und diese Fähigkeiten müssen zur Lösung von relevanten und authentischen
Problemen beitragen. Mehrere Lehr- und Lerntheorien unterstützen die Gestaltung und
Durchführung der klinischen Simulation. Diese können genutzt werden, um sowohl die
Ausbildungsbasis für die Simulation als auch entsprechende Forschungsfragen für die
Simulation zu formulieren.
Reflexion
Der Begriff der Reflexion und des reflektierenden Praktikers sind grundlegende Aspekte in der
Erkenntnistheorie der beruflichen Praxis. Donald Schön argumentiert, dass formale
theoretische Kenntnisse, wie sie im Laufe der Berufsausbildung erworben werden, zur Lösung
der täglichen Probleme in der realen Berufspraxis oft nicht nützlich sind. Von zentraler
Bedeutung für seine Behauptung ist der Bedarf einer professionellen Wissenschaft und die
Anerkennung der Erkenntnistheorie der Berufspraxis (136).
Transformatives Lernen
Transformatives Lernen beinhaltet die Umgestaltung von Ideen, Wissen und Bedeutungen
durch eine kritische Reflexion. Dies wird als sozialer Prozess des Aufbaus und der
Internalisierung neuer oder überarbeiteter Interpretation der Bedeutung der eigenen
Erfahrung als Anleitung zum Handeln angesehen (143). Ein zentraler Aspekt des
transformativen Lernes ist die Stärkung der Rolle der Lernenden (144). Dies ermöglicht es dem
Lernenden, sich vollständig und frei an einer kritischen Bewertung seiner Leistung zu
beteiligen. Auch die Reflexion ist ein zentraler Begriff in der transformativen Lerntheorie.
Mezirow unterscheidet drei Arten der Reflexion: Inhaltsreflexion, Prozessreflexion und
Prämissenreflexion. Diese Prozesse beschreiben jeweils die Überprüfung der Inhalte oder die
Beschreibung des Problems,und die Überprüfung der verwendeten Problemlösungsstrategien
und das Hinterfragen des Problems selbst. Cranton schlägt Leitlinien für die Anwendung des
transformativen Lernens vor (145). Viele davon können für Simulationen genutzt werden. Dazu
gehören Prozesse rund um den Diskurs, z.B. rationaler Diskurs, gleichberechtigte Teilhabe von
Lernenden
und
Lehrenden,
strukturierte
Diskursverfahren,
gute
Gruppenförderungsfähigkeiten, Förderung der kritischen Selbstreflexion, Beachtung
individueller Unterschiede zwischen den Lernenden und schließlich eine Vielzahl an Lehr- und
Lernstrategien.

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6. Simulationstraining

Erfahrungslernen
Die Erlebnispädagogiktheorie von Kolb basiert auf Lernmodellen aus der kognitiven
Psychologie, pädagogischen Psychologie und der Sozialpsychologie (146). Er hat affektiv
orientierte (Fühlen), symbolisch orientierte (Denken), wahrnehmungsorientierte (Beobachten)
und verhaltensorientierte (Tun) Lernumgebungen beschrieben. Die Methoden der
Erlebnispädagogik bauen Brücken und verbinden bestehendes Wissen und Erfahrungen des
Lernenden mit neuem Wissen und Erfahrungen. Die Erlebnispädagogik unterstützt die
Übertragung des Gelernten vom Klassenzimmer auf die praktische Anwendung in der
klinischen Realität.
Kognitive Lehre
Das Konzept der kognitiven Lehre beschreibt den Prozess, wie Aufgaben identifiziert und für
den Lernenden sichtbar gemacht werden (147). Abstrakte Aufgaben befinden sich im Kontext
authentischer Settings und Situationen werden variiert, um Gemeinsamkeiten zu betonen. Der
Transfer des Gelernten wird durch Modellbildung, Coaching, Gerüste, Artikulation, Reflexion
und Übertragbarkeit gefördert. Das kognitive Lehrkonzept kann zum Beispiel zum Lehren
praktischer Fähigkeiten vor ihrer Anwendung und ihrem Transfer ins klinische Umfeld sowie
zum Lehren und Lernen in einer simulierten Umgebung genutzt werden.

OSSIE-Leitfaden zur Verbesserung der Übergabepraxis
OSSIE ist ein fokussiertes, überarbeitetes Management-Framework zur Umsetzung von
standardisierten klinischen Übergaben. Der OSSIE-Leitfaden hilft den Lesern beim Entwurf, der
Implementation, der Evaluation und der Aufrechterhaltung der Verbesserungsprogramme für
die Übergabe, die einen standardisierten Prozess und einen Datensatz enthalten.




= Organisationsführung
S = Simple solution development (Entwicklung von einfachen Lösungen)
S= Stakeholder-Engagement
I= Implementation
E = Evaluierung und Aufrechterhaltung

Was sind die Voraussetzungen für eine effektive Verwendung dieses Hilfsmittels? Für die
Umsetzung des OSSIE-Leitfadens, werden folgende Ressourcen empfohlen:


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Die Ausbildung und die Sichtweise der Teilnehmer. Es sollte Zeit zur Kommunikation
und für die Schulung mit dem Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Die Führungskräfte
und wichtigsten Mitarbeiter der Initiative sollten identifiziert werden.
Abstimmung von Lösungen unter den Teilnehmern.
Beteiligung von Interessengruppen durch regelmäßigen Mitarbeiteraustausch.

6. Simulationstraining

Klinische Implementierung basierend auf der Teambildung. Es sollten ständige
Erinnerungen implementiert werden, damit das Personal neue Praktiken in seine
tägliche Arbeit integriert.
Ein laufender Verbesserungsplan zur Aufrechterhaltung und Vergegenwärtigung der
Evaluation.

Gibt es einen Beweis für die Wirksamkeit?
Bei einer Literaturdurchsicht zu evidenzbasierten, stationären Übergaben, die von der
Universität Portsmouth in Großbritannien durchgeführt wurde, wurde festgestellt, dass der
OSSIE-Leitfaden trotz Mangels an „richtigen“ evidenzbasierten Best-Practices für die
krankenhausinterne, stationäre Übergabe der besten Leitfaden zur Umsetzung eines
Programms zur Übergabeverbesserung ist. Die Autoren geben an, dass der OSSIE-Leitfaden
einen fundierten Ansatz bzw. vorgefertigte Lösungen bietet.

Quelle
Der OSSIE-Leitfaden wurde von der Australian Commission on Safety and Quality in Health
Care (australische Kommission für Sicherheit und Qualität im Gesundheitswesen) erstellt.

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7. Hilfsmittel zur Ausbildung im PATIENTEN-Projekt

7. Hilfsmittel zur Ausbildung im PATIENTEN-Projekt
CLAS App ML
Die CLAS App ist eine Checkliste und Scoring-System und hilft Medizinstudenten und Ärzten in
Ausbildung bessere Arztbriefe zu formulieren. Die CLAS App ML zielt darauf ab, gute
schriftliche Kommunikationsfähigkeiten zu trainieren, da diese für die klinische Praxis
wesentlich sind und zur Vermeidung medizinischer Fehler beitragen. Der Entlassungsbrief ist
wahrscheinlich das wichtigste aller schriftlichen Kommunikationsmedien zwischen dem
Krankenhaus und dem Hausarzt. Jedoch fallen Entlassungsbriefe sehr unterschiedlich in
Qualität, Struktur, Zusammenhang und Lesbarkeit aus. Die meisten Arztbriefe werden von
Ärzten in Ausbildung verfasst und oft werden wichtige Informationen weggelassen. Die School
of Medicine des University College Cork hat eine umfassende Checkliste als iPhone-App
entwickelt, um die Qualität der Entlassungsbriefe zu verbessern. Die CLAS-Skala listet die
Schlüsselelemente eines Entlassungsbriefes auf - Grund für die Entlassung, Untersuchungen,
Ergebnisse, Diagnose, Problemliste, Medikamente Management-Plan, Namen und
Kontaktdaten des den Entlassungsbrief schreibenden Arztes usw.
Es gibt 4 Seiten mit Einträgen, die in verschiedene Abschnitte unterteilt sind. Es kann entweder
eine Abschnittsüberschrift oder ein Eintrag ausgewählt werden. Die meisten Einträge haben
den Wert 1, aber einige Elemente von besonderer Bedeutung, wie Medikamente, haben einen
höheren Wert. Insgesamt kann ein CLAS-Score von 50 erreicht werden. Am Ende bekommt der
Benutzer seine Gesamtpunktzahl angezeigt und kann sich eine Liste der gewählten Elemente
ansehen.
Durch die Verwendung der CLAS-App als Nachschlagewerk für die praktische Anwendung,
können Ärzte und Medizinstudenten ihre Fähigkeiten zum Verfassen eines Arztbriefes
verbessern, das Risiko von medizinischen Fehlern verringern und die Patientensicherheit
verbessern. Die CLAS-App ist konform der Standardentlassungsbriefvorlage der HIQA (Health
Information and Quality Authority), die der CLAS-Checkliste stark ähnelt. Mit der neuen
Version der CLAS App ML wollen wir innerhalb Europas einen Standard für den Aufbau der
Arztbriefe liefern. Die CLAS App gibt es auf Englisch, Deutsch, Spanisch und Katalanisch. Sie ist
im Appstore oder Playstore für iOS und Android erhältlich. Durch die Unterstützung dieser
beiden Betriebssysteme können fast alle Studenten die CLAS App auf ihrem persönlichen
mobilen Gerät verwenden. Wir verfolgen damit eine Bring-Your-Own-Device-Strategie (BYQD)
für das Übergabe-Training. Als Ausweichlösung stehen auch gedruckte Versionen der CLASCheckliste zur Verfügung.

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7. Hilfsmittel zur Ausbildung im PATIENTEN-Projekt

Handover Toolbox
Die HANDOVER Toolbox ist eine webbasierte Umgebung zum Wissensaustausch, die zu einer
Community of Practice im Internet geführt hat. Die Umgebung berücksichtigt die Vielfalt der
Lösungen für die Übergaben und enthält aktuelles Wissen zu:


Informationen über standardisierte Hilfsmittel und gebrauchsfertige Hilfsmittel zur
Übergabeverbesserung
Informationen darüber, was und wie man Übergaben trainiert und gebrauchsfertige
Schulungsunterlagen
Richtlinien, wie man kulturelle und organisatorische Fragen bei der
Übergabeverbesserung berücksichtigt.

Da das Wissen in diesen Bereichen kontinuierlich wächst und gleichzeitig die Auswirkungen
der Interventionen auf die Patientenversorgung und die Patientensicherheit unklar sind,
wurde eine Umgebung entwickelt, die aktuelle Informationen optimal mit Nutzerbeiträgen,
Kooperationen zur Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit und Nutzungsbedingungen
kombiniert.

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7. Hilfsmittel zur Ausbildung im PATIENTEN-Projekt

Die Handover Toolbox ist nicht einfach eine Website, die ihren Lesern statische Informationen
bietet. Sie bietet auch verschiedene Möglichkeiten zur Interaktionen (z.B. Gruppen beitreten
oder neue erstellen, Dateien hinzuzufügen, einen Blogeintrag schreiben, Lesezeichen setzen
etc.).
Die Handover Toolbox ist eine Platform, die als Ort von Experten zum Austausch von Best
Practices und neuesten Entwicklungen genutzt werden kann. Sie bietet außerdem eine kleine
E-Learning-Umgebung für die einzelnen Trainer und ihre Schüler (siehe
http://dspace.ou.nl/handle/1820/3979, Abb. 2) Im Folgenden beschreiben wir die wichtigsten
Funktionalitäten der Handover Toolbox.

Funktionen
Öffentlicher Zugang vs. geschützte Informationen
Ein wesentlicher Aspekt der Handover Toolbox ist das Informationsmanagement, dank dessen
die Nutzer einstellen können, wer eine bestimmte Quelle (Datei, Kommentar, Blog, Seite oder
Video) sehen oder bearbeiten kann.

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7. Hilfsmittel zur Ausbildung im PATIENTEN-Projekt

Gruppen
Das Kernelement der Toolbox sind die Gruppen, in denen Informationen zu verschiedenen
Aspekten der Übergaben kategorisiert und gruppiert dargestellt werden. Jede Gruppe hat ein
Thema und einen Gruppenleiter, der die Gruppe gegründet hat und die ersten Informationen
gesammelt hat.
Offene und geschlossene Gruppen
Gruppen sind standardmäßig offen, so dass alle Besucher sie sehen und Informationen aus
dieser Gruppe herunterladen können. Jedes registrierte Mitglied der Handover Toolbox kann
Mitglied einer Gruppe zu werden. Die Mitgliedschaft ermöglicht eine aktive Beteiligung, zum
Beispiel das Hochladen eigener Materialien in die Gruppe.
Manche Gruppen sind jedoch geschlossen, was bedeutet, dass der Gruppenleiter entscheiden
kann, wer Mitglied der Gruppe werden darf und wer nicht. Dies ist besonders nützlich für die
Ausbilder, die die Handover Toolbox nutzen, um ihren Auszubildenden Informationen zur
Verfügung zu stellen und mit den Auszubildenden vertraulich, ohne durch die Anwesenheit
von Außenstehenden zu diskutieren.
Diskutieren, kommentieren, bewerten
Das Konzept der nutzergenerierten Inhalte der Handover Toolbox basiert auf der Aktivität ihrer
Mitglieder. Daher können die Benutzer immer etwas zu einer laufenden Diskussion beitragen
oder eine neue Diskussion beginnen.

SimHand App
Die SimHand App ist ein Rollenspiel, in dem verschiedene Übergabeszenarien auf spielerische
Weise erkundet werden können. Die Simulationsszenarien bieten typische Übergabegespräche
mit Patienten oder anderem medizinischen Personal. Das Spiel kann in drei verschiedenen
Sprachen (Englisch, Deutsch und Spanisch) gespielt werden. Wie in richtigen
Übergabesituationen beinhaltet SimHand Ad-hoc-Entscheidungen, was als nächstes zu tun ist
und erfordert das Abrufen von wichtigem Übergabewissen und Checklisten. So kann es leicht
in die Lehre und Ausbildung integriert werden. Medizinstudenten und Profis können, wo auch
immer sie sich befinden, auf ihren mobilen Endgeräten (iTunes und Android OS) verschiedene
medizinische Übergaben anschauen. Die Spieler können ihr mentales Modell für die
Entscheidungsfindung in kritischen Übergabeszenarien trainieren. Auf diese Weise üben sie
ihre psychologische Bereitschaft für verschiedene Übergabesituationen und erhalten eine
schnelle und angemessene Reaktion für ihre Entscheidungen.

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