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DIE ARMENISCHE FRAGE

DIE ARMENISCHE FRAGE
Konflikt, Trauma und Objektivität

von

TÜRKKAYA ATAÖV

DIE ARMENISCHE FRAGE

EINLEITUNG
Tükkaya Ataöv ist Professor für Internationale Beziehungen. Er ist bekannt für
seine zahlreichen, zum Nachdenken anregenden Veröffentlichungen, die nicht nur
die armenische Frage, sondern auch Aspekte vergangener und aktueller Konflikte
betreffen. Er reagiert diesmal auf eine Anzahl von Artikeln, die in der Sommerausgabe des Journals of Political and Military Sociology 1994 veröffentlicht
wurden. Gemessen an seiner Kritik bzw. an den neuen Gesichtspunkten, auf die
er aufmerksam macht, kann James Russell Lowell zitiert werden: „Eine weise
Skepsis ist das führende Merkmal einer guten Kritik."
Professor Ataövs Abhandlung mit dem Titel „Die ,Armenische Frage': Konflikt, Trauma und Objektivität", ist als Beitrag zur Beurteilung dieses Themas zu
betrachten.

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DIE ARMENISCHE FRAGE

DIE ARMENISCHE FRAGE
Konflikt, Trauma und Objektivität

Von TÜRKKAYA ATAÖV*

Das Journal of Political and Military Sociology (Illinois, USA) veröffentlichte in einer seiner jüngsten Ausgaben (22/1, Sommer 1994) fünf Artikel von
Professor Vahakn N. Dadrian, einem amerikanischen Forscher armenischer Herkunft, zur „Armenischen Frage". Es wird darauf hingewiesen, dass vier dieser
Artikel aus früheren bereits an anderen Stellen veröffentlichten Publikationen
„übernommen" wurden.1 Dr. Richard Falk, Professor für Internationales Recht
und Praxis an der Princeton University, Dr. Roger Smith, Professor für Verwaltungswesen am College of William and Mary, und der „Gastredakteur" der o. g.
Ausgabe präsentieren das Thema in scheinbar völliger Übereinstimmung mit dem
Autor Dadrian.
Keiner der drei Autoren zeigt eine breit angelegte historische Perspektive. Sie
scheinen das Tor zu den fast tausend Jahre alten armenisch-türkischen Beziehungen geschlossen zu haben. Diese Beziehungen waren meistens freundschaftlich, ja
brüderlich, unabhängig davon, ob die Professoren Dadrian, Smith und Falk dies
anerkennen oder nicht. Die Literatur über die „mageren Jahre", d. h. die Zeit zu
Beginn des 20. Jahrhunderts, ist bereits erstaunlich umfangreich, obwohl es nur wenige zuverlässige Daten für diesen Zeitraum gibt. Im Vergleich dazu gibt es sehr
wenige Veröffentlichungen über die Jahrhunderte der Koexistenz und Kooperation
der beiden Völker. Die Türken, die in der Schlacht von Malazgirt (Manzikerd,
1071) nicht den Armeniern, sondern Byzanz gegenüberstanden, haben die Armenische (Gregorianische) Kirche bereits zu einer Zeit anerkannt (1461) als diese von
etablierten christlichen Zentren abgelehnt wurde.
* Der Autor ist Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Ankara, Türkei.
1
Armenian Review, 44/1-173 (Spring 1991), 1-36; Holocaust and Genocide Studies, 7/2 (Fall 1993); The International Journal of Middle East Studies, 23/4 (November 1991); The Yale Journal of International Law, 14/2
(Summer 1989), 221-234.

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Keiner der drei Autoren verknüpft zusammenhängende Faktoren. Von Akademikern wird nicht nur erwartet, dass sie ihnen entgegengesetzte Ansichten, sondern auch interdisziplinäre Annäherungsweisen berücksichtigen. Die endgültige
Beurteilung historischer Ereignisse, insbesondere in einem so kontroversen Fall
wie dem armenisch-türkischen Konflikt, kann nicht einem ethnischen Beteiligten
des Konflikts allein überlassen werden, denn in den meisten Fällen wird die eine
Seite idealisiert und die andere dämonisiert.
In allen seinen Beiträgen beschreibt Professor Dadrian die Türken als grausame, brutale, unzivilisierte und barbarische Wilde und die Armenier im Gegensatz
dazu als einfache Opfer, als Beute in den Klauen ihrer grausamen Feinde. Die
Türken sind in den Veröffentlichungen vieler westlicher Autoren wie Dadrian nie
die Leidtragenden. Diese Schwarzweißmalerei ist eine starke und mit den historischen Realitäten nicht zu vereinbarende Vereinfachung. Nach einer jahrhundertelangen friedlichen Koexistenz, die Dadrian in keiner seiner Schriften behandelt,
betrachteten die Armenier, unterstützt von ausländischen Kreisen, ihre muslimischen Nachbarn in Ostanatolien und im Kaukasus - wo die Muslime die Bevölkerungsmehrheit waren - als Rivalen. Die Armenier, die in Ostanatolien nicht die
Mehrheit der Bevölkerung ausmachten, kooperierten während dem Ersten Weltkrieg mit den aggressiven und expandierenden Russen. Sie glaubten, dass sie ohne
die aktive Unterstützung der Russen keine Chance auf ein eigenes Heimatland
hätten. In dem von den Armeniern beanspruchten Gebiet, unabhängig davon ob es
in Ostanatolien oder - größtenteils - im Kaukasus lag, lebten weitestgehend NichtArmenier. Die Armenier gingen jedoch davon aus, dass die demographische Realität, die ihrem Bestreben zuwiderlief, mit ausländischer Unterstützung und einer
ethnische Säuberung geändert werden könne.
Ohne die muslimischen Toten und Flüchtlinge2 richtig einzuschätzen, kann vieles in der Geschichte Anatoliens, des Kaukasus, des Balkans und Südrusslands
nicht verstanden werden. Noch vor ungefähr zwei Jahrhunderten waren die Muslime, größtenteils Türken, die überwiegenden Mehrheiten oder eine beträchtlich
große Minderheit in diesen Gebieten. Die Schwäche des Osmanischen Reiches im
19. Jahrhundert, insbesondere nach dem russisch-türkischen Krieg von 1877-1878,
förderte jedoch den armenischen Terrorismus
2

Justin McCarthy legt diese wenig bekannte Tatsache in seinem letzten akademischen Werk dar: Death and
Exile, Princeton, The Darwin Press, 1995.

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und Separatismus sowie den Expansionsdrang einiger Nachbarn, in erster Linie
Russlands und den, der christlichen Balkan-Völker. Die Türken wurden entweder
umgebracht oder gezwungen abzuwandern. Millionen wurden getötet und Millionen sind geflohen.3 Die Bevölkerung der heutigen Republik Türkei besteht zum
größten Teil aus Nachfahren von Einwanderern, die überlebt haben. Eine Unzahl
westlicher Autoren, dazu gehören auch Dadrian, Smith und Falk, ignoriert das
Massaker und die erzwungene Abwanderung der Muslime, hauptsächlich Türken, aus dem Balkan, der Krim und dem Kaukasus.
Wann immer man versucht, diese einseitige und voreingenommene Annäherungsweise an das Thema in Frage zu stellen, wird einem fast einstimmig „Revisionismus" vorgeworfen, als ob es akademisch unzulässig sei, eine sich festgesetzt habende Interpretation in Frage zu stellen. Zu prüfen, ob etwas falsch ist,
gehört zum Kern der akademischen Arbeit. Alle Theorien sollten auf ihre Richtigkeit hin geprüft werden. Die ganze für ein Thema relevante vorhandene Literatur muss zusammengetragen und analysiert werden. Wenn dabei neue Anhaltspunkte gefunden werden, muss die Gültigkeit früherer theoretischer Verallgemeinerungen überprüft werden. Es gibt keinen Grund, an der ursprünglichen
einseitigen Hypothese festzuhalten. Die akademische Arbeit ist wie ein Bauwerk,
an dem ständig Instandsetzungsarbeiten durchgeführt werden. Es ist nicht unbedingt wissenschaftlich, existierende Überzeugungen fortbestehen zu lassen. Nicht
nur die Gesamtheit der Fakten, sondern auch die Art und Weise, wie ein Problem
ursprünglich formuliert wurde, ist entscheidend. Neue Aspekte, wie von einigen
türkischen Wissenschaftlern vorgelegt, können Fokus und Parameter verändern.
Im Gegensatz zu dem, was Professor Falk schreibt, handelt es sich bei den türkischen Darstellungen nicht um „gemeine Propaganda" oder „ungeschickte oder
geistlose akademische Arbeit". Ich habe z. B. zweifelsfrei beweisen können, dass
es sich bei einem Bild, dass als Foto von angehäuften Schädeln „massakrierter
Armenier" aus dem Jahr 1915 präsentiert wurde, in Wirklichkeit um ein Ölgemälde
eines 1904 verstorbenen russischen Malers (The Apotheosis of War von Vasili
Vereshchagin) handelt.4
Dadrian schenkt Ansichten keinen Glauben, die seinen besonderen Absichten
nicht förderlich sind. Zum Beispiel gewährten die Osmanen allen religiösen Gemeinden durch das Millet-System eine beträchtliche Autonomie. Außer im
3
4

Bilâl im ir, Rumeli'den Türk Göçleri, Ankara, Türk Tarih Kurumu, 1968.
Türkkaya Ataöv, An Armenian Falsification, Ankara, Sevinç Matbaası, 1985.

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besonderen Fall der Janitscharen verfolgten die Türken auch keine Bekehrungspolitik. Dadrian berücksichtigt weder diese lange Tradition osmanischer Toleranz,
noch bewertet er den hohen Preis, den die Türken dafür zahlen mussten. Auch
erwähnt er mit keinem Wort, dass sich fremde Mächte unter dem Vorwand, die
Minderheiten, hauptsächlich die Armenier, schützen zu wollen, in die inneren
Angelegenheiten der Osmanen einmischten. Ausländische Missionare förderten
unter den christlichen Minderheiten des Osmanischen Reiches das Entstehen eines
Gemeinschaftsgefühls mit den christlichen imperialistischen Mächten. Sie erlaubten den christlichen Minderheiten sogar, sich überlegen zu fühlen.
*

*
*

Dadrians Annahmen gehen auf die Zeit zwischen 1894-1896 und 1909 zurück, in der, so Dadrian, „über eine Million Armenier getötet wurden". Er bezeichnet die Gerichtsverfahren der Sultan-Abdülhamid-Ära als „Farce" (S. 133)
und behauptet, dass die Türken „zu milden Strafen verurteilt worden wären" (S.
134). Er nimmt u. a. keinen Bezug auf einen Bericht des britischen Hauptmanns
Charles Boswell Norman, in dem dieser sagt, dass die Osmanen erst noch gehört
werden müssten. Norman zitiert „Fakten", die auf die wirklichen Initiatoren des
Aufstandes in Anatolien weisen.5 Als in die Türkei entsandter Offizier der Königlichen Artillerie sagt Hauptmann Norman, dass die Briten bisher „nur die armenische Version der Unruhen kennen, die mit hysterischen Äußerungen ihrer englischen Confrères ausgeschmückt sind". Er ist der Auffassung, dass England erst
noch erfahren müsse, dass „die Unruhen in Kleinasien das unmittelbare Ergebnis
einer breit angelegten anarchistischen Bewegung sind, die von England unbewusst
unterstützt wird". Mit der Anmerkung, dass viel geschrieben wurde in der offensichtlichen Absicht, die Armenier als Verkörperung von Demut und die Türken als
grausame Monster hinzustellen, hielt es Hauptmann Norman „im Interesse von
Frieden, Wahrheit und Gerechtigkeit" für erforderlich, „die Absichten und Ziele der
armenischen Revolutionäre klar zu zeigen". Er hält fest, dass das HuntschakKomitee (Komitee für die Unabhängigkeit der Armenier) „für das Blutvergießen
in Anatolien in den letzten fünf Jahren unmittelbar verantwortlich ist" und unterstreicht Folgendes: „Es ist nicht wahr,
5

Captain C.B. Norman, "The Armenians Unmasked", Kopie eines handgeschriebenen Manuskripts (1895) im
Institut für die Türkische Revolution, Fakultät für Sprachen, Geschichte und Geographie der Universität Ankara. Siehe auch: Türkkaya Ataöv, A British Report (1895): "The Armenians Unmasked", Ankara Sevinç
Matbaasi, 1985.

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dass diese bedauerlichen Ereignisse, die Anatolien mit Blut überschwemmten,
unprovozierte Angriffe von Mohammedanern auf Christen waren. ... Die Unruhen
wurden von Armeniern initiiert." Er verweist auf ein an die Armenier der AdanaRegion gerichtetes Manifest vom 19. November 1895: „Bewaffnet Euch jetzt für
die Schlacht ... Lasst uns unsere Schwerter ziehen und den Feind angreifen." Mit
dem Hinweis auf ein weiteres Manifest seitens der Zeitun-Armeniern sagt Norman, „dieses beweist voll und ganz, dass die Unruhen von den Armeniern initiiert
wurden". Er fügt hinzu, dass „die über die so genannten Sassoun-Gräueltaten berichtenden britischen Korrespondenten hoffnungslos auf armenische Phantasten
hereingefallen sind". Er merkt an, dass „die rührende Geschichte von den armenischen Frauen, die ihre Kinder auf dem Berg Antokh in die Schlucht warfen und um der eigenen Schändung zu entgehen - hinterher sprangen, ein Mythos ist". Er
schreibt, dass nicht nur die Zahl der armenischen Bevölkerung, sondern auch die
der Opfer stark übertrieben war. Hauptmann Norman gibt an, dass z. B. in Berecik, wo angeblich 2000 Armenier ermordet wurden, „fünf Menschen ums Leben
kamen".
„The Armenian Troubles and Where the Responsibility lies" (Die armenischen
Schwierigkeiten und wo die Verantwortung liegt) ist der Titel eines booklets von
einem New Yorker Zeitungskorrespondenten, der im Jahr 1895 in Form eines
Pamphlets fünf Briefe, die er in Istanbul geschrieben und von dort aus abgeschickt
hatte, wieder neu abdrucken ließ.6 In der Überzeugung, dass die Stimmung in Bezug auf die Ereignisse in Sassoun von 1894 „mit Lügen und Übertreibungen vergiftet" war, sagt er, dass die Unruhen „von armenischen revolutionären Komitees
hervorgerufen wurden". Er zitiert den Artikel von Pfarrer Cyrus Hamlins im
Congregationalist vom 23. Dezember 1893: „Eine armenische revolutionäre Partei
eine geheime Organisation ... brachte mit Geschick im Täuschen ... die größten
Hoffnungen hervor... und [hat] damit den Weg für Russlands Einmarsch in Kleinasien zum Zweck der Einverleibung vorbereitet. Diese huntschakistischen Banden
... warten auf die Gelegenheit zu töten [und] ... [muslimische] Dörfer in Brand zu
setzen, um danach wieder in die Berge zu entfliehen. Die so aufgestachelten Muslime werden dann ihrerseits über die wehrlosen Armenier herfallen ... [und]
schließlich wird Russland im Namen der Menschlichkeit einmarschieren ... Diese
huntschakistische revolu-

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Türkkaya Ataöv, An American Source (1895) on the Armenian Question, Ankara Sistem Ofset, 1986.

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tionäre Partei ... ist russischen Ursprungs. Russisches Gold und List lenken sie."
Der Autor zitiert einen AP-Korrespondenten, der angibt, dass die armenischen
Verschwörer neben Pfarrer Edward Riggs auch zwei weitere amerikanische Missionare ermordeten und anschließend behaupteten, die Türken hätten diese
Verbrechen begangen. In Bezug auf die vorgenannte Geschichte der armenischen
Frauen, die es angeblich vorzogen, sich in den Abgrund zu stürzen, um nicht „in
den Händen [ihrer] türkischen Verfolger Schändung zu erleiden" sagt dieser amerikanische Korrespondent, dass „die schreckliche Erzählung eine dem Zweck entsprechend ergänzte und ausgeschmückte Reproduktion einer alten Erzählung mit
dem Titel ,The Suliote Mother' ist, die von Frau Hemans vor Jahren geschrieben
wurde". Er schreibt: „Provokation und Einschüchterung scheinen der Plan der
armenischen Revolutionäre zu sein."
Die armenischen terroristischen Gruppen griffen weiterhin an, verübten Anschläge und mordeten. Der Weltöffentlichkeit wurde jedoch jeder Zwischenfall
dieser Art als ein „einseitiges Ausrotten" präsentiert. Die Zahlen, die in diesem
Zusammenhang verbreitet wurden gingen in die Tausende. So schreibt z. B. der
armenische Autor H. Pastermadjian, dass bei dem Aufstand von Sassoun im Jahr
1894, 3500 Armenier getötet worden seien.7 Pfarrer A. W. William gibt im Zusammenhang mit einem armenischen Schriftsteller eine höhere Zahl - 6000 - an.8
Der evangelische Missionar Edwin Bliss sagt, dass die armenischen Verluste bei
„mindestens 6000" lägen.9
Gleichwohl setzt der erste gemeinsame Bericht der ausländischen Konsuln eine viel niedrigere Zahl fest, nämlich 265 - die türkischen Verluste bleiben ohne
Erwähnung.10
Die Osmanischen Behörden stellten beide Seiten - Armenier und Türken wenn sie gegen das Gesetz verstießen, vor Gericht. Häufig begnadigte der Sultan
die verurteilten Armenier. Das war sogar der Fall, als eine Gruppe von Armeniern
plante, ihn am 21. Juli 1905 zu ermorden.
*

*
*

7

H. Pastermadjian, Histoire de l'Armenie, Paris, 1949, S. 384.
A.W. William and M.S. Gabrielian, Bleeding Armenia, New York, 1896, S. 331.
9
Edwin Bliss, Turkey and the Armenian Atrocities, Philadelphia, 1896, S. 370-371.
10
Kamuran Gürün, The Armenian File: the Myth of Innocence Exposed, London, K. Rustem and Bro. and
Weidenfeld and Nicholson Ltd., 1985, S. 142.

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Eine ausgewogene Bilanz der türkisch-armenischen Beziehungen kann nicht
gezogen werden, ohne auch das Schicksal der Türken umfassend darzustellen.
Der griechische Aufstand (1821) galt anderen Aufständen gegen die osmanische
Regierung als Beispiel. Die Griechen ermordeten im Grunde genommen jeden
Türken, dem sie begegneten. Die türkische Bevölkerung vieler Städte und Dörfer
hat man „aufmarschieren lassen" und Massaker an ihnen verübt. Die Türken waren den Minderheiten, die auf Territorien mit muslimischer Mehrheit eigene Staaten gründen wollten, „im Weg". Auch in vielen anderen Konflikten wurde in Bezug auf die Türken immer wieder eine Politik der Eliminierung, sei es durch einzelne Morde oder groß angelegte ethnische „Säuberungsaktionen", durchgeführt.
Begründet wurde diese Eliminierungspolitik jeweils mit der „nationalen Befreiung".11 Die Muslime, in erster Linie Türken, auf dem Balkan, im Kaukasus und in
Südrussland wurden entweder getötet oder gezwungen, nach Anatolien abzuwandern. Auch unter den Türken in Anatolien gab es sehr viele Tote. Das bedeutet
nicht, dass ausschließlich die Muslime litten, aber dass die einseitige Interpretation in Bezug auf die osmanische Geschichte richtig gestellt werden muss.
Es ist unwissenschaftlich und auch ungerecht, all diejenigen, die die einseitige
traditionelle Ansicht, in der die Nicht-Muslime als Opfer und die Türken als brutale Peiniger betrachtet werden, in Frage stellen, als „Revisionisten" zu bezeichnen. Wenn die Türken den christlichen Minderheiten das Gleiche angetan hätten,
als sie ihnen zum ersten Mal begegneten, hätten sie in den Gebieten, in denen sie
jahrhundertelang die Bevölkerungsmehrheit waren, überleben können. Das osmanische „Millet-System" gewährte jeder religiösen Gemeinschaft unter dem eigenen Oberhaupt eine große Selbstständigkeit. Jedes Millet genoss religiöse Freiheit
und unterhielt seine eigenen Institutionen, darunter auch Gerichte, Schulen und
Fürsorgeeinrichtungen.
Minderheiten mit Hilfe der sie unterstützenden Großmächte revoltierten während und nach jedem Krieg, den die osmanischen Armeen im 19. Jahrhundert und
Anfang des 20. Jahrhunderts führten. Die Tradition der religiösen Toleranz der
Osmanen fand wenig Anerkennung und die Osmanen mussten ihre Toleranz teuer
bezahlen. Verschiedene ausländische Regierungen mischten sich in die inneren
Angelegenheiten der Osmanen unter dem Vorwand ein, die christlichen Minderheiten schützen zu wollen. Diesen Minderheiten wurde von
11

McCarthy, op. cit.

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Missionaren das Gefühl gegeben, dass sie mit den imperialistischen Mächten partnerschaftlich verbunden wären.
Bei dem ausgedehnten Gebiet zwischen Bosnien über Südrussland und dem
Kaukasus bis hin nach Zentralasien handelte es sich nicht nur um einzelne Territorien, die von Muslimen regiert wurden, sondern auch um solche, in denen die
Muslime die Bevölkerungsmehrheit ausmachten oder als bedeutende Minderheit
lebten. Das ums Überleben kämpfende Osmanische Reich versuchte, seine muslimischen Bürger gegen Massaker zu schützen und denen Zuflucht zu gewähren,
denen es gelang, den wiederholten Massakern zu entkommen. Daher sind so viele
Bürger der heutigen Republik Türkei Söhne und Töchter von Einwanderern, die
ursprünglich aus dem Gebiet zwischen Jugoslawien und Armenien stammen. In
übertriebener Form halten westliche Publikationen ausschließlich die Leiden der
Armenier, Bulgaren, Griechen sowie anderer christlicher Völkern fest.
Für fast ein Jahrhundert (1821-1922) waren die Türken die Hauptopfer. Die türkischen Verluste begannen mit dem griechischen Aufstand, der dem Rest der
Christen im Osmanischen Reich als Beispiel diente. Die griechische Revolution
begann mit Morden an osmanischen Beamten und wurde mit Massenmorden an
den muslimischen Einwohnern verschiedener Städte und Dörfer wie z. B. Kalavryta, Kalamata, Missolonghi und Vrachori fortgesetzt. Auch die Türken, denen
man Sicherheit zugesichert hatte, wurden ermordet, heimlich. Die in Griechenland
lebenden Türken waren einem unabhängigen Griechenland „im Weg". Mit der
Gründung des griechischen Königreiches auf dem Peloponnes (1830) „existierte
zwar ein griechischer Staat, eine griechische Nation musste jedoch erst noch geschaffen werden".12
Indem sie Türken und andere Muslime ermordeten oder vertrieben, folgten die
Armenier und andere bei der „Schaffung eines Nationalstaates" dem griechischen
Beispiel. Die Ersten, die unter dem russischen Expansionismus zu leiden hatten,
waren die turkstämmigen Krim-Tataren. Allein die Zeit des türkischen nationalen
Befreiungskrieges (1919 - 1922) war eine Ausnahme zu dem ansonsten allgemein
zu beobachtenden Massenmord an oder der erzwungenen Abwanderung von Türken. Aber selbst zu Beginn dieses Krieges hatten die Griechen versucht Westanatolien von den Türken „ethnisch zu säubern". Sehr
12

Hugh Seton-Watson, Nations and States, London, Methuen, 1977, S. 110-117.

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wenige westliche Quellen anerkennen die armenischen Angriffe auf die Muslime.
Die demographische und politische Dominanz der Christen im Kaukasus konnte
durch den russischen Expansionismus und die Unterstützung, die Russland
hauptsächlich den Armeniern gewährte, etabliert werden. Wie auf dem Balkan
und der Krim der Fall, wurden die Muslime vertrieben und Christen in den neu
eroberten Gebieten angesiedelt. Ähnlich wie auf dem Balkan, in Sofia, war Eriwan bis 1827 eine Provinz mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit. Die Broschüre mit dem Titel „Eliminate Turkey" aus dem Jahr 1918 von Vahan Cardashian, einem in New York lebenden Armenier, ist ein weiteres Beispiel für die
„traditionelle" Annäherung an dieses Thema.13

*

*
*

Die entscheidende Tatsache, dass eine beträchtliche Anzahl von Armeniern
seit dem letzten Jahrhundert mit den Zielen der russischen Regierung sympathisierte und gegen die Osmanen (und die Perser) kämpfte, übersieht Dadrian. Die
armenischen politischen Parteien14 gingen wie terroristische Organisationen vor.
Sie verübten Attentate und machten von intensiver Gewalt Gebrauch. Sie agierten
als Spione, erhielten vom Ausland Waffen15 und schließlich hießen sie die Besatzungsarmeen willkommen. Die Armenier - mit den Russen in der Nähe - planten
das Massaker an den Türken und die den Überlebenden aufgezwungene Abwanderung, um so den Weg für die Unabhängigkeit der Armenier frei zu machen.
Vielen Muslimen wie Abchasen, Tschetschenen, Tscherkessen, Dagestanern, Inguschen und anderen blieb keine andere Wahl, als nach Anatolien zu fliehen.
Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs eskalierte der türkisch-armenische Konflikt.
In der heftigsten Phase des Krieges erreichte er einen Höhepunkt. An dieser Stelle
ist es angemessen, auf zwei wichtige armenische Quellen Bezug zu nehmen. Hovhannes Kachaznouni, einer der bekannten Führer der Daschnak-Partei und erster
Ministerpräsident der unabhängigen Republik Armenien,

13

New York, The American Defense Society, 1918.
Louise Nalbantian, The Armenian Revolutionary Movement: The Development of Armenian Political Parties, through the Nineteenth Century, Berkeley and Los Angeles, University of California Press, 1963.
15
Türkkaya Ataöv, "The Procurement of Arms for Armenian Terrorism: Realities Based on Ottoman Documents", International Terrorism and the Drug Connection, Ankara, the University of Ankara Press, 1984, S.
169-177.

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schrieb: „Bereits vor Kriegsbeitritt der Türkei ... begannen sich die armenischen
Gruppen von Freiwilligen in Transkaukasien mit großem Eifer und Prunk zu organisieren. Entgegen dem einige Wochen zuvor auf der Generalversammlung in
Erzurum gefassten Beschluss, wirkte die Daschnaktsutiun bei der Organisation der
vorgenannten Gruppen und insbesondere bei der Bewaffnung derselben gegen die
Türkei aktiv mit. Im Herbst 1914 waren die Freiwilligengruppen bereits gebildet
und kämpften gegen die Türken ..."16 Ein anderer Armenier schrieb: „... Die Führer
der türkisch-armenischen Sektion der Daschnaktsutiun hielten ihr Versprechen,
loyal zur türkischen Sache zu stehen, nicht, als die Türken in den Krieg eintraten ...
Sie wurden bei ihren Aktionen von den Interessen der russischen Regierung gelenkt ... Die armenischen Freiwilligen wurden aufgerufen, an der kaukasischen
Front gegen die Türken zu kämpfen."17
Als der armenische Erzbischof (Catholicos) von Etschmiadzin an Graf Illarion
Ivanovich Vorontsov-Dashkov, den russischen General-Gouverneur im Kaukasus,
am 5. August 1914 schrieb und ihm zusätzlich zu den Diensten seiner Kirchengemeinde in Russland „die innige Treue der Armenier in der Türkei"18 anbot, verlangte der russische Gouverneur, dass die Aktionen der Armenier auf beiden Seiten der Grenze seinen „Anweisungen" entsprächen. Er fügte hinzu: „Ich möchte
Sie bitten, im Fall eines russisch-türkischen Krieges durch Einflussnahme auf Ihre
Gemeinde sicherzustellen, dass unsere Armenier zusammen mit den in Grenzgebieten lebenden Armeniern unter den derzeit in der Türkei herrschenden Bedingungen die Aufgaben erfüllen, die ihnen zugewiesen werden. Das gilt auch für die
Zukunft."19
Dadrian zitiert den US-Botschafter Henry Morgenthau, der schrieb, dass „in
der ganzen Türkei, die Armenier mit der Entente sympathisierten" (S. 186). Aber
das ist noch nicht die ganze Wahrheit, denn sowohl nach armenischen Quellen als
auch nach einer Fülle von osmanischen Dokumenten gehörten zu der arme16

Hovhannes Kachaznouni, The Armenian Revolutionary Federation Has Nothing to Do Any More, New
York, Armenian Information Service, 1955, S. 5. Auch: Türkkaya Ataöv, An Armenian Source: Hovhannes
Katchaznouni, Ankara, Sistem ofset, 1984, S. 4.
17
K.S. Papazian, Patriotism Perverted, Boston, Baikar Press, 1934, S. 37-38. Auch: Türkkaya Ataöv, An
Armenian Author on "Patriotism Perverted", Ankara, Sistem Ofset, 1984.
18
Esat Uras, The Armenians in History and the Armenian Question, Istanbul, Documentary Publications. 1988,
S. 843-845.
19
Ebd., S. 845.

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nischen „Sympathie" nicht nur sporadische, sondern auch geplante regelmäßige
Sabotageakte und bewaffnete Aufstände. Die Armenier in der osmanischen Armee
desertierten in Massen. Vielerorts revoltierten sie. Sie unterbrachen die Telegraphenverbindungen, töteten Beamte, Soldaten und Zivilisten und plünderten Waffenarsenale. Sie bildeten irreguläre Truppen, die von eigenen Männern aber auch
von russischen Offizieren geführt wurden. Sie erleichterten den russischen Armeen das Vorrücken und verhinderten den Rückzug der türkischen Truppen. Sie
überfielen muslimische Dörfer und Stadtviertel, setzten Häuser in Brand und rissen alles, was muslimisch war, nieder.
Dadrian behauptet, dass die Türken begonnen hätten, „armenische Mädchen
und Frauen zu vergewaltigen" und man diese angeblichen Vorfälle den osmanischen Behörden als „Beispiele für die armenische Rebellion' (S. 185) angezeigt
hätte. Diese Behauptung ist irreführend. Darüber hinaus wird sie von einer Fülle
von Dokumenten, darunter auch armenische, widerlegt. Es gibt hinreichend armenische Publikationen, die die ausgedehnte Verwicklung der Armenier in den Krieg
auf der Seite der Feinde der Türkei beweisen. Zum Beispiel Garo Pasdermadjian,
ein ehemaliger Abgeordneter im osmanischen Parlament, der zum Feind überlief,
um Oberbefehlshaber von armenischen, irregulären Truppen zu werden, argumentierte später, dass die Beteiligung der Armenier an den bewaffneten Auseinandersetzungen im Krieg der entscheidende Faktor für den Sieg war.20 In einem anderen
Buch verteidigt er die Ansicht, dass es auf Grund der Rolle Armeniens im Krieg
ein unabhängiges Armenien geben sollte.21 Im Gegensatz zu Dadrians Behauptungen, in deren Rahmen die Umstände extrem unterschätzt werden, berichten Pasdermadjians Bücher - als Erfahrungen aus erster Hand - von der armenischen Aggression. Auch der armenische General Gabriel Gorgarian veröffentlichte eine
Reihe von Artikeln zu diesem Thema.22 Unter der Führung von Garo, Antranik,
Kari, Vartan, Hamazasp, Dro, Khatcho, Mourat und anderen wurden verschiedene
Regimenter und Bataillone gebildet.

20

Garo Pasdermadjian, Armenia: A Leading Factor in the Winning of the War, New York, American Community for Armenia, 1919.
21
Garo Pasdermadjian, Why Armenia Should Be Free? Armenia's Role in the Present War, Boston, Hairanik, 1918.
22
Armenian Participation in World War I on the Caucasian Front", The Armenian Review, 82 (Summer 1968)
and nachfolgende Ausgaben.

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Diese unbestreitbare Tatsache wird auch von zahlreichen armenischen Zivilisten enthüllt. Zum Beispiel Bogos Nubar, Leiter der armenischen Delegation auf
der Pariser Friedenskonferenz, erklärt in einem an den französischen Außenminister S. Pichon gerichteten Schreiben, vom 30. November 1918, dass „die Armenier
seit Kriegsbeginn de facto Krieg führten" (... les Armeniens, des le debut de la
guerre, ont ete des belligerents de facto). In der Londoner Zeitung The Times wurde ein anderer Brief von Bogos Nubar zum selben Thema veröffentlicht.23 A. P.
Hacobian, ein weiterer armenischer Autor, bestätigt, dass die Armenier hinter der
Front der „russischen Sache" dienten. Er fügt hinzu, dass auf dem kaukasischen
Kriegsschauplatz die „armenische Unterstützung erheblich zum Erfolg der russischen Streitkräfte beitrug".24 Es gibt darüber hinaus auch ausreichend westliche
Publikationen, beispielsweise britische und französische Bücher und Artikel25, die
die armenische Kriegsbeteiligung belegen, und zwar nicht nur im Rahmen von
angeblich missverstandenen Einzelfälle von geringer Bedeutung.
Dadrian schreibt, dass die Türkei, mit dem Ziel, einem Angriff zuvorzukommen, „mit einem Angriff auf russische Häfen" in den Ersten Weltkrieg eintrat (S.
7). Er deutet in diesem Zusammenhang an, dass die türkische Regierung sich am
Krieg beteiligen wollte, um die Umsiedlung ihrer armenischen Bürger einleiten zu
können. Es war jedoch Admiral Souchon, der deutsche Kommandant des Kriegsschiffes Goeben (später in Yavuz umbenannt), der das Feuer auf russische Stellungen im Schwarzen Meer eröffnete, mehrere Schiffe zerstörte und die Türkei in
den Krieg hineinzog. Zahlreiche osmanische Regierungsmitglieder „waren empört
und sorgten dafür, dass Enver Pascha Souchon befahl, das Feuer einzustellen, und
sich gleichzeitig bei den Regierungen der Entente zu entschuldigen. Aber es war
zu spät."26

23

30. Januar 1919, S. 6.
A.P. Hacobian, Armenia and the War, London, Hodder and Stoughton, 1917, S. 66 f.
25
Zum Beispiel: G. Kotganoff, La Participation des Armeniens â la guerre mondial sur le front du Caucase: 1914-1918, Paris, Imp. Massis, 1927; A. Poidebard, Le Role militaire des Armeniens sur le front du
Caucase apres la defection de 1'armee russe, Paris, Imp. Nationale, 1920; R. Pinon, "L'Arminie belligerante",
La Voix de l'Armenie, Paris, Annie 1 (1918); E.J. Robinson, "The Case of Our Ally Armenia", Asiatic Review, London, Vol. XV (1919); F.R. Scatchard, "Armenia's True Interests and Sympathies in the Great War",
Asiatic Review, Vol. VI (1914).
26
Stanford J. Shaw and Ezel Kural Shaw, History of the Ottoman Empire and Modern Turkey, Vol. II,
Cambridge University Press, 1977, S. 362.
24

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DIE ARMENISCHE FRAGE

Cemal Pascha hielt in seinen Memoiren27 fest, dass es ihr Ziel war, die Türkei
von Maßnahmen zu befreien, die einen Schlag gegen die innere Souveränität
darstellten. Von Dadrian wird diese Aussage so ausgelegt, als ob die Türkei freie
Hand haben wollte, um gegen die armenische Minderheit vorzugehen. In Wirklichkeit ging es jedoch den türkischen Führungspersönlichkeiten um die Auflösung der Kommission für die Verwaltung der Staatsschulden (Düyun-u Umumiye daresi). Schulden bedingt waren die Einkünfte des Landes nicht frei verfügbar. Sie wurden an die o. g. Kommission geleitet, um ausländische Obligationeninhaber auszuzahlen. Die Repräsentanten der europäischen Finanz- und Politikspitzen hatten die Kontrolle über die osmanischen Einkünfte. Sie wurden von
ihnen eingezogen und verwaltet. Die erste diesbezügliche Vereinbarung war mit
Sultan Abdülhamid II. im Jahr 1879 getroffen worden. Bis zum Jahr 1882 folgte
eine Reihe von Dekreten, die diese Vereinbarung unterstützten. Die Kommission
für die Verwaltung der Staatsschulden wurde als separates Gremium außerhalb
des Finanzministeriums gebildet, als das berühmte Dekret von Muharrem (1881)
bekannt gegeben wurde. Sie bestand aus je einem Delegierten sechs verschiedener Länder, einem Delegierten des Osmanischen Reiches sowie einem Sonderbeauftragten der Bankiers des Istanbuler Stadtteils Galata. Damit wurde eine ausländische Kommission zu einem eigenständigen osmanischen Schatzamt ernannt,
dass mit der Steuereinziehung beauftragt war. Die o. g. Maßnahmen - die die
Führer der Jungtürken und später die kemalistische Regierung im Sinn hatten bezogen sich auf die den osmanischen Fiskus betreffenden Privilegien ausländischer Kreise, die die Staatseinkünfte reduzierten und die dem Souveränitätsprinzip widersprachen.
Es ist das Recht einer jeden Regierung, zu verhindern, dass fremde Mächte
sich in die inneren Angelegenheiten einmischen. Es ist heute ein Prinzip des
Internationalen Rechts, das explizit in Art. 2/7 der Charta der Vereinten Nationen
festgehalten ist. Aus der jüngeren Geschichte asiatischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Länder lassen sich dennoch fast unendlich viele Beispiele
angeben, die derartige Einmischungen belegen. Besonders das 19. Jahrhundert
demonstriert zahlreiche Einmischungen dieser Art: Russland verfolgte seine Ziele
auf dem Balkan und im Kaukasus, Frankreich in der Levante, Deutschland in seiner „Drang-Nach-Osten"-Politik und Großbritannien in Übersee.

27

Cemal Pap, Hatıralar, Istanbul, 1977, S. 438.

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DIE ARMENISCHE FRAGE

Dadrian verschweigt in seinem Bericht praktischerweise auch den entscheidenden armenischen Aufstand in Van, das unter den Türken dieser ostanatolischen
Stadt verübte Massaker und die Kooperation der Armenier mit der vorrückenden
russischen Armee. Es waren derartige Aktionen, mit denen nationale und internationale Gesetze verletzt wurden, die - als Reaktion - die Umsiedlung der Armenier
herbeiführten.
Die Armenier von Zeitun rebellierten unmittelbar nachdem die osmanische
Regierung die Mobilmachung (3. August 1914) angeordnet hatte. Als die Russen
begannen, Waffen an armenische Deserteure zu verteilen, konzentrierte sich der
erste osmanische Bericht (29. November 1914) schwerpunktmäßig auf den geplanten Aufstand in Van. Der dortige türkische Gouverneur schlug vor, muslimische (nicht armenische) Familien in sicherere Regionen in Westanatolien zu bringen, um sie vor armenischen Angriffen zu schützen. Die türkischen Männer standen an den Fronten dem Feind gegenüber. Am 17. April 1915 brach der Aufstand
in Van aus. Die Rebellen eröffneten das Feuer auf osmanische Polizeiwachen und
muslimische Viertel. Der türkische Gouverneur ordnete die Evakuierung von Van
an. Nach dem Einmarsch der Russen in Van griff der Aufstand auf die benachbarte Stadt Mu über. Die Russen, die die Gewalttätigkeit und den Separatismus der
Armenier für ihre eigenen Ziele ausnutzten, näherten sich häufig unter osmanischer Souveränität stehenden Gebieten mit einer nicht unerheblich großen armenischen Bevölkerung.
Es ist wichtig, sich an dieser Stelle daran zu erinnern, dass die Briten am 19.
Februar 1915 mit dem Marineangriff auf die Dardanellen begannen und vier Tage
später die Insel Lemnos besetzten und zu ihrem Stützpunkt machten. Am 18. März
versuchte Admiral de Robeck mit Hilfe von achtzehn Kriegsschiffen die türkischen Meerengen einzunehmen. Etwa einen Monat später gelang es 75 000 Soldaten unter dem Kommando von Sir Ian Hamilton an unterschiedlichen Stellen der
Halbinselspitze Gelibolu (Gallipoli) an Land zu gehen. Gleichzeitig simulierten
australische Truppen weiter östlich einen Angriff, und auf der asiatischen Seite
gingen französische Streitkräfte an Land. Auch im Hafen von Sulva gelang es
feindlichen Truppen an Land zu gehen, nachdem zusätzliche Divisionen aus
Großbritannien zur Verstärkung entsendet worden waren.
Auf dem mesopotamischen Kriegsschauplatz eroberten die anglo-indischen
Streitkräfte (9. Dezember 1914) Qurna. Die türkischen Angriffe auf britische

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Stellungen in der Nähe von Basra (11.-13. April 1915) konnten von Sir John Nixon abgewehrt werden. General Charles V. F. Townshend eroberte die Stadt Amara am Tigris (3. Juni 1915) und anschließend Nasiriya am Euphrat (25. Juli
1915). Die Briten begannen, nach Bagdad vorzurücken. Nach der Schlacht von
Kut-al Amara (28. September 1914) zogen sich die Türken bis nach Aziziya zurück. Die türkischen Streitkräfte, die in der Nähe des Suezkanals, der SinaiHalbinsel und Palästinas stationiert waren, zogen sich im Verlauf der Feldzüge
von 1915 und 1916 zurück.
Es war während des Höhepunktes der gegen die Türken gerichteten armenisch-russischen Kooperation, als die britischen und französischen Kriegsschiffe
versuchten, die Dardanellen zu durchfahren, die Operation am Suezkanal weiter
fortgesetzt wurde und die Briten begannen, sich von den beiden osmanischen
Provinzen Basra und Bagdad, nach Norden zu bewegen. Dadrian erwähnt an keiner Stelle die Tatsache, dass ganz Ostanatolien das Angriffsziel armenischer
Banditen war, zu einer Zeit, in der die einsatzfähigen türkischen Männer auf Gallipoli, an der kaukasischen Front, in Palästina und in Mesopotamien kämpften.
*

*
*

Es gibt viele westliche Quellen, die das Überlaufen zur russischen Armee der
armenischen Deserteure, die örtlichen Aufstände und die armenische Kooperation
mit dem Kriegsfeind der Türkei beweisen. Clair Price28 schreibt, dass die armenischen Banden „Van einnahmen ... und nach dem Massaker, das sie unter der türkischen Bevölkerung anrichteten, das was von der Stadt übrig geblieben war, den
russischen Armeen übergaben". Er fügt hinzu: „Die Nachrichten aus Van hatten
auf die Türken die gleiche Wirkung wie die Nachrichten aus Smyrna, als die
Griechen im Mai 1919 dort landeten." Mit eigenen Worten sagt Price, dass „Wellen von türkischen Flüchtlingen westwärts in das Innere Kleinasiens drängten. Vor
den Toren Konstantinopels hatten die Briten ihren Dardanellen-Feldzug in Gang
gesetzt". In der Zwischenzeit forderten die Briten die „Bereitstellung von Mitteln", „um damit die (armenischen) Freiwilligenverbände auszustatten".

28

Clair Price, The Rebirth of Turkey, New York, 1923, S. 86-87.

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Rafael de Nogales29 legt dar, dass Garo Pasdermadjian, das armenische Mitglied des osmanischen Parlaments, „mit fast den gesamten armenischen Truppen
und Offizieren der Dritten Armee zu den Russen überlief, wobei Weiler in Brand
gesetzt und alle friedlichen muslimischen Bauern, die ihnen in die Hände fielen,
erbarmungslos erdolcht wurden". Er fügt hinzu: „Das insgesamt ungerechtfertigte
Überlaufen der armenischen Truppen und die Gewalttaten, die sie ... bei ihrer
Rückkehr verübten, versetzten die Türken in Alarmbereitschaft und schürte bei
ihnen die Angst, dass der Rest der armenischen Bevölkerung in den Grenzprovinzen Van und Erzurum ebenso revoltieren und sie mit dem Schwert angreifen
könnte. Genau das ist in der Tat auch geschehen."
Mit der Feststellung, dass „Tausende von russischen Bomben und Musketen in
den Händen von Daschnak-Mitgliedern gefunden wurden", stimmt auch Felix
Valyi30 zu, dass die Armenier „die Stadt Van einnahmen und dort einen armenischen, unter dem Kommando von Aram und Vardam stehenden „Generalstab"
einrichteten, der den russischen Truppen die Stadt übergab". Auch M. Philips
Price sagt: ,;Als der Krieg ausbrach, setzten sich die Armenier dieser Regionen
heimlich mit russischen Behörden im Kaukasus in Verbindung."31 Philippe de
Zara fragt in diesem Zusammenhang: „Wie kann angezweifelt werden, dass es
sich bei dem Vorgehen der Armenier, dem Kriegsgegner die Arbeit zu erleichtern,
um etwas anderes als Hochverrat handelt, so wie es die Türken in Übereinstimmung mit den Gesetzen aller Staaten sehen?"32 Der französische General M. Larcher beobachtete, dass „die armenische Bevölkerung im Kriegsgebiet ganz offen
mit den Russen kooperierte ... einige nach Transkaukasien auswanderten ... [und]
häufig türkische Konvois attackierten". Er merkte an, dass „die Loyalität der für
die türkischen Truppen angeworbenen Armenier zweifelhaft schien".33

*

*
*

29

Rafael de Nogales, Four Years Beneath the Crescent, tr. Muna Lee, New York, 1926, S. 45.
Felix Valyi, Revolutions in Islam, London 1925, S. 233-234.
31
M. Philips Price, A History of Turkey, London, 1956, S. 91.
32
Philippe de Zara, Mustafa Kemal, Dictateur, Paris, 1936, S. 159-160.
33
Commandant M. Larcher, La Guerre turque dans la guerre mondiale, Paris, E. Chiron-Berger Levrault, 1926,
S. 395-396.
30

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Die Artikel im Journal of Political and Military Sociology nehmen häufig
Bezug auf eine Reihe oft verwendeter Quellen wie Morgenthau, Bryce, Lepsius
und Werfel. Diese und andere, durch sie inspirierte Quellen gelten in den Artikeln als maßgebend und vertrauenswürdig.
Es ist jedoch durchaus möglich, nicht mit ihnen übereinzustimmen. „Ambassador Morgenthau's Story" zum Beispiel ist das Buch eines früheren New Yorker
Maklers, der von Präsident Woodrow Wilson ein Jahr nach seiner Wahl mit einer
politischen Berufung nach Istanbul belohnt wurde. Sein 1918 geschriebenes
Buch, in dessen Mittelpunkt die armenische Episode steht, hatte großen Einfluss.
Mehrfach neu gedruckt, ist es auch heute noch erhältlich und wird im USKongress zitiert. Auf dieses Buch wird häufig Bezug genommen, dazu gehört
auch das Zitieren von Textpassagen, die auch in amerikanischen HighschoolTexten zu finden sind.
Der amerikanische Wissenschaftler und führende Turkologe Dr. Heath W.
Lowry hat eine brillante Monographie mit dem Titel „The Story Behind Ambassador Morgenthau's Story"34 veröffentlicht. Durch eine Auswertung von Dokumenten, deren Inhalt in einem Zusammenhang mit Morgenthau steht und die für
die Öffentlichkeit einsehbar sind, stellte er die Glaubwürdigkeit des Buches von
Morgenthau als Quelle zur Erklärung der Ereignisse von 1915 meisterhaft in
Frage. Diese Dokumente befinden sich in der Manuskript-Abteilung der Kongressbibliothek. Es handelt sich um 30000 Dokumente auf 41 Mikrofilmrollen.
Lowry nahm in der F.D. Roosevelt-Präsidialen-Bibliothek in New York Einsicht
in die Morgenthau-Dokumente und analysierte die persönlichen Unterlagen des
verstorbenen Burton J. Hendrick, des „Ghostwriters" des Morgenthau-Buches.
Um den Inhalt von Informationen nachzuprüfen, machte Lowry Söhne, Vetter
und andere Verwandte ausfindig. Er verließ sich nur auf Material aus erster Hand
wie z. B. Morgenthaus „Tagebuch", seine „Briefe" an die Familie, seine Depeschen und schriftlichen Berichte. Dieses Material zeigt eine andere „Story", die
viel zuverlässiger ist, als das im Krieg gedruckte schriftliche Propagandastück.
Botschafter Henry Morgenthaus Buch diente auch drei einflussreichen antitürkischen Büchern der Kriegszeit als Hauptquelle. Es handelt sich um die

34

Heath W. Lowry, The Story Behind Ambassador Morgenthau's Story, Istanbul, Isis Press, 1990.

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Veröffentlichungen von Lord Bryce, des deutschen Pastors Dr. Johannes Lepsius
und des jungen Arnold J. Toynbee. Das so genannte „Blue Book" war eine wichtige Publikation der britischen Kriegspropaganda. Toynbee, der später ein angesehener Historiker wurde, war damals ein junger Mann. Er wirkte bei der Vorbereitung dieser Partei ergreifenden Publikation mit. In seinem später veröffentlichten
Buch „The Western Question in Greece and Turkey" gestand er ein, dass das
„Blue Book" Kriegspropaganda war.35 Viele der von Toynbee in der Kriegszeit
veröffentlichen Geschichten kamen offensichtlich von Botschafter Morgenthau.
Gelegentlich setzte man die Unterschrift von Außenminister Sir Edward Grey
unter derartiges Propagandamaterial, um es offiziell erscheinen zu lassen. In Bezug auf die türkisch-armenischen Beziehungen, hatte Grey wenig Kenntnisse.
Auch Lord Bryce war in Hinblick auf die Armenier ein Propagandist. Morgenthau machte seine Bekanntschaft während einer Reise nach Palästina (1914). In
einem Brief (7. August 1915) an den US-Botschafter Morgenthau bat Bryce diesen, ihn mit Material zu versorgen, das er für das Propagandaprogramm des Wellington Houses nutzen könnte. Das Wellington Haus war in Wirklichkeit ein geheimes Kriegspropagandabüro eines unter der Leitung von C. F. G. Masterman
stehenden Komitees. Das Büro druckte allein in Großbritannien 17 Millionen Exemplare derartiger Publikationen.
Morgenthau war auch die Hauptquelle für den Deutschen Lepsius. Wer war Dr.
Johannes Lepsius? Nach dem Entschluss, den deutschen Einfluss auf die Armenier
im Kaukasus zu verstärken, suchten die Deutschen während des Krieges nach Mitteln und Wegen, um in einigen armenischen Kreisen Popularität zu erlangen. Sie
planten die Veröffentlichung eines Weißbuches, mit dem sie nicht nur die Armenier, sondern auch die öffentliche Meinung in Deutschland und den alliierten Ländern beeindrucken wollten. Niemand eignete sich besser dafür als Lepsius, der - so
Frank G. Weber - nicht objektiv war,36 da seine Informationsquellen die Armenier
in Istanbul und Botschafter Morgenthau waren. Nach einem Essen mit Lepsius (3.
August 1915), verschiedenen Gesprächen und nach dem Erhalt der Erlaubnis aus
Washington D.C., an Lepsius Material weiterzureichen, war Morgenthau sicherlich
eine Hauptquelle für Lepsius' Werk.
35
36

New York, 1970, S. 50.
Eagles on the Crescent, Ithaca, Cornell University Press, S. 150-152, 187.

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Morgenthau beeinflusste auch das Entstehen einer pro-armenischen und antitürkischen öffentlichen Meinung in den USA. Er erreichte dieses Ziel, indem er
anfangs Toynbee, Bryce und Lepsius mit einseitigen Informationen versorgte und
später durch die Veröffentlichung eines unter seinem Namen erscheinenden Buches. Er war Anfang des Jahres 1916 in die USA zurückgekehrt. In einem Schreiben an Präsident Wilson (26. November 1917) drückte er den Wunsch aus, ein antideutsches und anti-türkisches Buch zu schreiben, um damit die Unterstützung für
Wilsons Kriegsbemühungen verstärken zu können. Es sollte Kriegspropaganda
sein. Als er schon im Begriff war, diese Idee wieder aufzugeben, erhielt er vom
Präsidenten die Zustimmung, und er begann, ernsthafte Verhandlungen mit Verlagen aufzunehmen. Das Buch wurde ein Jahr nach Morgenthaus Brief an Wilson
fertig gestellt. Zunächst wurde es als Artikelserie in The World's Work (Auflage
120.000) abgedruckt. Dann erschien es in den auflagenstärksten Zeitungen (Auflage insgesamt 2 630 256) und schließlich als Buch im Verlag Doubleday, Page
and Company (22 234 Exemplare). Hollywood machte Morgenthau ein Angebot,
um die Filmrecht zu erhalten. Wilson lehnte jedoch ab.
Die Glaubwürdigkeit dieses Buch zu prüfen und zu entscheiden, ob es bei der
historischen Forschung herangezogen werden sollte, ist die Aufgabe von Wissenschaftlern. Als „Beobachtung eines Unbeteiligten", der gleichzeitig behauptet, es
handle sich „um ein vorsätzliches Massaker oder einen Genozid" dient es leider
immer noch als Primärquelle. Dieses Buch hat geholfen, die Meinung der Weltöffentlichkeit zu prägen. Auch Jahrzehnte nach seiner ersten Veröffentlichung wird
es immer noch gedruckt und in Reden und Schriften zitiert. Es wurde nicht nur
von Politikern und Autoren als Nachschlagewerk benutzt, sondern es hat möglicherweise auch zahlreiche junge Armenier, die Attentate auf türkische Diplomaten und Unbeteiligte verübten, beeinflusst.
Dr. Lowrys Monographie ist ein gutes Beispiel wissenschaftlicher Forschung
und den Wunsch, die Wahrheit zu finden. In der Akademikerwelt sollte die Morgenthau'sche Propaganda nach dem Erscheinen von Lowrys Buch nicht mehr beachtet werden. Direkt auf Primärquellen zurückgreifend gibt Lowry konkrete
Hinweise, wer das Buch von Morgenthau wirklich geschrieben hat und wie es
geschrieben wurde.
In der Dokumentensammlung in Bezug auf Morgenthau gibt es ein „Tagebuch", das offensichtlich von dem türkischstämmigen Armenier Hagop S.

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Andonian für ihn getippt wurde. Morgenthau schrieb auch wöchentlich sehr lange
Briefe an Mitglieder seiner Familie. Auch sie wurden von Andonian verfasst. Der
amerikanische Botschafter schreibt, dass ihn das „von jeder Verantwortung für
Fehler" befreite. Diese schriftlichen Unterlagen waren die Grundlage für das damals noch ausstehende Buch, das Aufsehen erregte und das auch heute noch in
manchen Kreisen als zuverlässige historische Quelle betrachtet wird.
Andonian, ein ehemaliger Schüler des (amerikanischen) Robert Colleges, wurde Morgenthaus persönlicher Sekretär. Er hat den gleichen Familiennamen wie
Aram Andonian, der die so genannten „Offiziellen Dokumente"37 veröffentlichte.
Dass es sich bei diesen Dokumenten um Fälschungen handelt, haben türkische
Wissenschaftler bewiesen.38 Um ihm bei seinem Buch zu helfen, ging Hagop Andonian mit dem Botschafter in die USA. Morgenthau schreibt, dass seine (Andonians) Dienste „unentbehrlich" waren.
Ein weiterer Armenier, der eine Schlüsselrolle spielte, war Arshag K. Schmavonian, Dolmetscher und Berater. Morgenthau beherrschte keine der in Istanbul
gesprochenen Sprachen. Schmavonian begleitete den Botschafter bei fast jedem
offiziellen Besuch, auch zu Treffen mit amerikanischen Geschäftsleuten und Missionaren. Er half dem Botschafter beim Schreiben von Depeschen. Auch er ging
nach Washington, wo er „Sonderberater" im Dienst des US-Außenministeriums
wurde.
Ein anderer Beteiligter war US-Außenminister Robert Lansing, der vor der
Veröffentlichung des Buches jede Seite des Manuskripts durchlas und kommentierte. Mit Anmerkungen schlug er Änderungen oder Streichungen im Text vor. In
einem Schreiben mit Datum vom 2. Oktober 1918 bat Lansing Morgenthau, seinen Namen nicht im Zusammenhang mit dem Buch zu nennen. Das Buch selbst
stammt aus der Feder des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Journalisten
Burton J. Hendrick. Wie mit dem Inhalt eines von Hendrick an Morgenthau gerichteten Briefes vom 7. April 1916 deutlich wird, scheint auch

37
38

Aram Andonian, Documents officiels concernant Ies massacres armeniennes, Paris, Imp. Turabian, 1920.
inasi Orel und Süreyya Yuca, Ermenilerce Talât Pa a'ya Atfedilen Telgrafların Gerçek Yüzü, Ankara,
Türk Tarih Kuremu, 1983. Auch: Türkkaya Ataöv, The Andonian "Documents", Attributed to Talat Pasha,
are Forgeries!, Ankara, Siyasal Bilgiler Fakültesi, 1984.

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das eigentliche Konzept des Buches von Hendrick zu stammen. Wie ein anderer
Brief vom 5. Juli 1918 beweist, wurden Hendrick für die Dauer des Vertriebs des
Buches vierzig Prozent des Verkaufsgewinns zugesichert. Einige Monate vor
seinem Tod (1949) erklärte Hendrick, dass er der „Ghostwriter" des Morgenthau-Buches sei.
Dann wurde eine Publikation herausgegeben, die u. a. in Anführungszeichen
„Erklärungen" wiedergibt, die von den osmanischen Ministern Talât und Enver
angeblich abgegeben worden sein sollen. Herausgegeben wurde diese Publikation
von einer mehr oder weniger als „Komitee" zu bezeichnenden Gruppe, die aus
zwei Armeniern, US-Außenminister Lansing und dem Journalisten Hendrick
sowie aus Morgenthaus Augen und Ohren zusammengesetzt war. Mit dem Inhalt
der als Zitate dargestellten „Erklärungen" scheinen sich die sich angeblich so
Äußernden (Talât, Enver u. a.) selbst verurteilen zu wollen, was Andonian,
Schmavonian, Lansing und Hendrick sicherlich gelegen käme. Es handelt sich
jedoch um „Erklärungen" und „Äußerungen", die in zuverlässigen Protokollen
nicht zu finden sind. Hendrick schilderte die türkischen Führungsköpfe als durch
und durch unmenschliche Charaktere. Autor Dadrian hat eine ähnliche Gesinnung.
Die angeblichen Gespräche sind nicht einmal in Morgenthaus „Tagebuch" und
„Briefen" erwähnt, obwohl doch angegeben wird, dass sie so wichtig sein sollen.
Dr. Lowry, der das von Morgenthau Geschriebene gewissenhaft untersucht hat,
konnte keinen einzigen Hinweis auf die angeblich so bedeutungsvollen Gespräche finden. Neben frei erfundenen Äußerungen, werden den türkischen Ministern
von den „Autoren" auch Gerüchte in den Mund gelegt, und das ganze als Zitate
wiedergegeben. Die Autoren, die sich in der anti-türkischen Propaganda zusammenfanden und sich für den „Erfolg der Kriegspolitik" einsetzten, versuchten die
osmanischen Minister als Kriminelle darzustellen, die sich öffentlich mit ihren
Verbrechen brüsten. Dazu ziehen sie von armenischen Dolmetschern gerüchteartig weitergegebene „Aussagen" heran und geben an, dass es sich um Aussagen
türkischer Offizieller handle. Sie fühlen sich völlig frei, Aussagen zu ändern,
Dinge hinzuzufügen und wegzulassen und das Ganze dann als Zitat darzustellen.
Folgendes ist ein Beispiel für Lansings schriftlichen Beitrag. Er schreibt: „... mit
der üblichen unaufrichtigen orientalischen Höflichkeit." In zwei von Morgenthau
unterzeichneten Darstellungen gibt es auch krasse Widersprüche. In der einen
Darstellung soll (Ambassador Morgenthau's Story, S. 20) Talât Pascha gesagt
haben, dass er „alle Religionen verhöhne und alle Priester, Rabbiner und Hodschas hasse". Gemäß der anderen Darstellung („Tagebuch"-Eintrag für den

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10. Juli 1914) soll er jedoch gesagt haben, dass er „das religiös überzeugteste"
Mitglied des osmanischen Kabinetts sei.
Es gibt mindestens ein Buch von George A. Schreiner, der zur gleichen Zeit
wie Morgenthau in der Türkei war, in dem die Aussagen des amerikanischen Botschafters als „auffallend unzuverlässig" bewertet werden.39 Schreiner fügt hinzu,
dass Talât Pascha und Morgenthau „auf sehr gutem Fuß" miteinander standen.40

*

*
*

Es wird ebenso häufig Bezug genommen auf die Ereignisse auf dem Berg Musa Dagh und Franz Werfel, der darüber einen Roman geschrieben hat. Werfels
mittlerweile berühmter Roman „Die Vierzig Tage des Musa Dagh" soll die moderne Saga einer verfolgten Minderheit sein, die entschlossen ist, sich zur Wehr zu
setzen. Roger W. Smith schreibt: „Der von Dadrian präsentierte Beweis bestätigt
die Tatsache, dass sich die Armenier gegen auf Ausrottung abzielende Angriffe
verteidigten" (S. vi). Die amerikanische Ausgabe des Romans41 machte das Buch
weltweit bekannt. Sein Buch ist kein historisches Dokument und war nicht als
wissenschaftliche Arbeit gedacht. Es ist eine Erzählung, in der Werfel die Personen Enver Pascha und Talât Pascha nach seinen eigenen Vorstellungen und Phantasien entwirft und sie einen „Genozid" planen lässt. Werfel schreibt, dass Talâts
„fette Finger ... verfassten ... [die] an alle valis (Gouverneure) and mutasarrıfs
(Bezirksgouverneure) geschickte Anweisung: ,Das Ziel dieser Deportationen ist
Ausrottung". Es gibt kein einziges echtes Dokument mit einem derartigen Inhalt,
dass die Unterschrift Talât Paschas oder eines anderen osmanischen Würdenträgers trägt. Behauptungen sind keine akzeptablen Argumente. Das gilt auch für die
unterstellten Behauptungen in Bezug auf die Absicht von Talât Pascha.
In der Regel beziehen die Menschen ihr Wissen nicht aus sachlichen und unparteiischen Studien, sondern aus Sensations- und Phantasiewerken. Zum Beispiel: Obwohl der Hollywood-Film „Amadeus" über den Komponisten

39

George A. Schreiner, The Craft Sinister: A Diplomatico-Political History of the Great War and Its
Causes, New York, G. Albert Geyer, 1920, S. xxxi.
40
Ebd., S. 126.
41
The Forty Days of Musa Dagh, New York, Carroll and Graff Publishers.

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Mozart ein erfolgreiches Drama ist, stellt er Salieri als einen unbedeutenden, aber
ehrgeizigen und bösen Mann in der Welt der Musik dar, wenngleich Salieri in
Wirklichkeit weit davon entfernt war, einen schlechten Charakter zu haben. Er war
ein erstklassiger Musiker, der Schubert unterrichtete. Nur sehr wenige, interessierte Menschen werden sich die Mühe geben, soviel über die Musikgeschichte in
Erfahrung zu bringen, dass sie Mozart und Salieri im richtigen Licht betrachten
und richtig einordnen können.
Werfel hält fest, dass der armenische Aufstand in Van zeitlich nach der Umsiedlungs-Anordnung stattgefunden habe. Aber genau das Gegenteil ist wahr. Der
Aufstand war kein verzweifelter Versuch der Selbstverteidigung, denn er hat ungefähr zwei Monate vor der Umsiedlung stattgefunden. Die Umsiedlung war also
Folge des Aufstandes. Werfel, der auf armenische Quellen und das Buch von Johannes Lepsius Deutschland und Armenien42 zurückgriff, hat Ursache und Wirkung dieser entscheidenden historischen Tatsache falsch herum dargestellt. Trotz
seiner extremen Voreingenommenheit stellt Lepsius Cemâl Pascha, ein Mitglied
des regierenden osmanischen Triumvirats, dennoch in einem vergleichsweise besseren Licht dar. Das macht auch Werfel in der deutschen Originalausgabe. Aber
der amerikanische „Zensor" strich in der englischen Übersetzung offenbar selbst
diesen unbedeutenden Punkt. Schließlich sollte es keinen positiven Hinweis, nicht
einmal einen winzigen, auf jemanden geben (Cemâl Pascha), der von Armeniern
ermordet wurde.
Ein österreichischer Autor zitiert Abraham Sou Sever, einen sephardischen Juden, der in Izmir/Türkei geboren wurde und später in die USA auswanderte:
„Mein verstorbener lieber Freund, Franz Werfel, der dieses Buch, ,The Forty
Days of Musa Dagh', schrieb, war niemals in der fraglichen Region, um das, was
er geschrieben hatte, nachzuprüfen. Er hat es so geschrieben, wie seine armenischen Freunde in Wien es ihm gesagt hatten. Vor seinem Tod hat Werfel mir gesagt, dass er sich für die vielen Fälschungen und Erdichtungen schäme, mit denen
die Armenier ihn täuschten. Aber das öffentlich zu sagen, wagte er aus Angst, von
Daschnak-Terroristen umgebracht zu werden, nicht."43 Sever sagte auch, dass
Tausende von Armeniern, alle bewaffnet, auf den Gipfel dieses

42
43

Potsdam, Tempelverlag, 1919.
Erich Feigl, A Myth of Terror - Armenian Extremism: Its Causes and Its Historical Context, FreilassingSalzburg, Edition Zeitgeschichte, 1986, S. 87-88.

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DIE ARMENISCHE FRAGE

Berges stiegen, nachdem sie auf dem Berg Vorkehrungen getroffen hatten, um der
Belagerung standhalten zu können. Die bewaffneten Banden griffen von diesem
Gipfel aus täglich die Nachhut der osmanischen Armeen an und verschwanden
dann wieder auf den Berg. Sie konnten der Belagerung vierzig Tage lang standhalten. Das macht das Ausmaß der armenischen Vorbereitungen deutlich. Sie
waren von den Russen ermutigt, organisiert, finanziert und mit Waffen versorgt
worden. Die Tausende, die den Berggipfel besetzten, flüchteten an die Mittelmeerküste, wo sie sich mit französischen und britischen Marineschiffen in Verbindung setzten und an Board genommen wurden. Nur wenige Armenier blieben
zurück. Sie ergaben sich den Türken schließlich.

*

*
*

Dadrian macht nicht deutlich, dass die Verhaftung der armenischen Rädelsführer am 24. April 1915 in Istanbul unter diesen Umständen erfolgte und die Umsiedlung von Armeniern erst danach beschlossen wurde. Sie wurden nicht deportiert oder in ein fremdes Land verbannt. Aleppo, Damaskus und Mosul waren
Städte innerhalb der osmanischen Staatsgrenzen. Sie wurden nicht in Lager oder
Gefängnisse gebracht. In manchen Gebieten kam es zwar auch dazu, dass Menschen, die nicht in terroristische oder hochverräterische Aktivitäten verwickelt waren, umgesiedelt und sogar verhaftet wurden. Aber das war Anlass für Anweisungen der osmanischen Regierung, die Wiederholung derartiger Vorfälle zu vermeiden.44 Wie die Mitteilung Enver Paschas an Talât Pascha vom 2. Mai 1915 zeigt,
wurden die Armenier so umgesiedelt, dass sie keine größeren Gemeinschaften
bildeten, um damit die Möglichkeit eines Aufstands auf ein Minimum zu reduzieren.45
Der 24. April war der Tag, an dem 235 Menschen in der osmanischen Hauptstadt verhaftet wurden. Der Ministerrat verabschiedete am 30. Mai 1915 das
provisorische Gesetz, „die Armenier in andere Gebiete zu bringen und sie dort
anzusiedeln". Es war provisorisch, weil das osmanische Parlament keine Sitzungsperiode mehr hatte. Die Sitzungsperiode wurde am 15. September eröffnet
und das provisorische Gesetz bestätigt. Dieses Gesetz enthielt Bestimmungen,
gemäß derer, im Falle von Angriffen auf die Umgesiedelten, die Verantwortlichen
vor ein Kriegsgericht zu stellen waren. Die ausgearbeiteten Modalitäten in Bezug
auf die Zwangsumsiedlung konnten nicht entsprechend
44
45

Gürün, op.cit., S. 211.
Ebd., S. 199, 204-205.

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angewendet werden. Als die Nachrichten von Übergriffen auf Umsiedlerkonvois
die osmanischen Behörden erreichten, wurden schriftliche Mitteilungen verschickt
mit dem Inhalt, dass jede mögliche Maßnahme zum Schutz der Armenier ergriffen
werden sollte und dass diejenigen, die ihnen gegenüber Gewalttaten verübten,
bestraft werden. Nicht weniger als 1397 Menschen, die diesen Anordnungen zuwiderhandelten, wurden in der Tat bestraft, und sogar hingerichtet. Dass sie verurteilt wurden beweist, dass die osmanischen Behörden entschlossen waren, die für
die Todesfälle Verantwortlichen, zumindest viele von ihnen, zur Verantwortung
zu ziehen. Es mag sein, dass die Anzahl der Verurteilten nicht so hoch oder die
Strafen nicht so hart waren, wie manche es sich wünschten. Leider gibt es immer
Menschen, denen es gelingt, der Gerechtigkeit zu entfliehen. Aber es gab Prozesse, Anklagen und Strafen - die in osmanischen Gerichten stattfanden.
Für die Anklage und Bestrafung der eigenen Bürger wurde ein eigenes nationales Gericht eingerichtet. Darüber hinaus wurde im osmanischen Parlament ein
Untersuchungsausschuss gebildet. Das alles fand zu einer Zeit statt, in der Teile
des Landes einschließlich der Hauptstadt von fremden Mächten besetzt waren. Es
stimmt, dass sich Einzelpersonen, darunter Beamte und auch Privatleute, der Unterlassung, der schlechten Verwaltung oder des Mordes schuldig machten. Ausserdem gab es besonders in Regierungskreisen in der Hauptstadt eine Tendenz,
die Siegermächte milde stimmen zu wollen. Ali Kemal, Behramzade Nusret (beide Unterstadthalter) und Abdullah Avni (Gendarmeriekommandant) wurden zum
Tode verurteilt und hingerichtet. Alle flüchtigen verurteilten Männer (ausgenommen Dr. Nazım), wurden von Armeniern ermordet - Talât Pascha und Bahaeddin
akir in Berlin, Cemâl Pascha in Tbilisi, und Enver Pascha in Zentralasien.
Unabhängig davon welcher Terminologie sich manche Autoren auch bedienen,
es handelt sich bei dem Ereignis, das sie schildern sollen, immer um die Verlegung oder Umsiedlung des Großteils der armenischen Bevölkerung, die - wie
Bogos Nubar in seiner o. g. schriftlichen Mitteilung an den französischen Außenminister zugibt - zum überwiegenden Teil ihre Zielorte auch erreichte. Bedauerlicherweise verloren einige durch die Umstände des herrschenden Krieges oder
durch Angriffe von Kriminellen ihr Leben. Zwischen 1914-1922 beteiligten sich
die Armenier zusätzlich an mehr als einem Dutzend bewaffneter Konflikte, die
sowohl armenische als auch nicht-armenische Leben kosteten.

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Die Umsiedlung fand aus Gründen der Sicherheit statt. Umgesiedelt wurden
auch einige in Bursa, Eski ehir oder Konya, ja sogar in Istanbul ansässige Armenier, obwohl diese Städte nicht in Ostanatolien liegen. Der Grund für die
Umsiedlung dieser Personen war nicht ihre armenische Herkunft, sondern ihre
erwiesene oder mutmaßliche Verbindung zu Terroristen oder zu hochverräterischen Aktionen im Osten des Landes. Die im Allgemeinen gut informierten
Sicherheitskräfte mögen in einigen Fällen einen Irrtum begangen haben. Es
mag sein, dass einige Reaktionen unnötig und manche Aktionen übereifrig waren und dass die Umstände kriminell veranlagte oder rachsüchtige Menschen zu
Mord und Raub verleitet haben. Die Tatsache, dass heute in Istanbul Nachkommen von Armeniern leben, beweist, dass nicht alle Armenier umgesiedelt
wurden.
Aus dem Fanatismus oder den Intrigen bestimmter Personen wie z. B. Bahaeddin akir ist nicht verallgemeinernd zu schließen, dass die Umsiedlung in
Wirklichkeit ein Vorwand für eine beabsichtige „Ausrottung" gewesen sein soll.
Es gab auch andere Türken. Türken, die anklagten und zur Verurteilung der Täter, ausgenommen derer die durch Flucht oder andere Tricks der Gerechtigkeit
entfliehen konnten, beitrugen. Unabhängig davon, wie manche Autoren (einschließlich des angesehenen türkischen Professors Tarık Zafer Tunaya) bestimmte osmanische Wörter (z. B. „taktil", was in den im Journal of Political and
Military Sociology veröffentlichten Artikeln von Dadrian - S. 35 und 130 - „Tötung" bedeutet) auch übersetzt haben mögen, gibt es nur eine richtige und wahre Schlussfolgerung: In den osmanischen Archiven gibt es keine Beweise, die die
Ansicht unterstützen, dass die osmanische Regierung ein Massaker an Armeniern geplant oder ausgeführt hat.
Es wird öfters auf den Panturkismus als Argument für die Umsiedlung der
Armenier hingewiesen. Um dieses Argument angemessen gewichten zu können,
ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Ideen des Turkismus sich in der
Diaspora entwickelten und ihren Ursprung nicht im Osmanischen Reich oder
später in der Republik Türkei hatten. Damit unterscheidet sich der Panturkismus
vom Panhellenismus, Pan-Germanismus oder Pan-Italianismus. Hinzu kommt,
dass der unter den außerhalb des Osmanischen Reiches lebenden Turkvölkern
entstandene Turkismus die Affinität in Bezug auf Sprache, Literatur, Folklore
und Geschichte in den Vordergrund stellt. Die Auseinandersetzung mit dem
Panslawismus des zaristischen Russlands, der Megali Idea der Griechen und
dem Rassismus oder Irredentismus manch anderer Nachbarn, rechtfertigte und

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bestätigte für seine Anhänger ihre Vorstellungen. Demgegenüber hatten viele
andere Nationen gewöhnlich nur ein „Feindbild". Schließlich ist anzumerken,
dass der Panturkismus niemals mehr bedeutete, als die Erkenntnis einer kulturellen Affinität zwischen allen turksprachigen Menschen.
Es sollte deutlich sein, dass der Panturkismus in der Diaspora und in erster Linie als Reaktion auf die „Pan"-Ideen anderer Nationen entstanden ist. Die offizielle zaristische Russifizierungspolitik, die häufig mit einer Christianisierung einherging, führte dazu, dass die Turk-Bevölkerung im Zarenreich - besonders die
Tataren - sich in stärkerem Maß ihrer Gemeinsamkeiten bewusst wurden. Der
Vertreter der Tataren war Ismail Gaspıralı (1851-1914), Bürgermeister der KrimStadt Bahçesaray, der eine türkische Zeitung (Tercüman) gründete und einen neuen Standard-Lehrplan und Unterrichtsmaterial für Schulen zur Einführung der
türkischen Sprache entwickelte. Seine Ideen wurden von anderen turkstämmigen
intellektuellen Kreisen in Aserbaidschan und Zentralasien übernommen. Diese
Ideen wurden von Tataren und Aserbaidschanern, die Russland verlassen hatten,
nach Istanbul gebracht. Aber die Türken, wenn gleich sie auch bis zu einem gewissen Maß von diesen Ideen beeinflusst wurden, haben niemals das Osmanentum
oder den Panislamismus völlig aufgegeben.
Vieles in der Geschichte des Balkans, Anatoliens, der Krim und des Kaukasus
kann daneben nicht verstanden werden, ohne das systematische Massaker und die
erzwungene Abwanderung der Muslime (zumeist Türken) zu diskutieren. Die
Einigung der anderen ethnischen und religiösen Gruppen wurde durch die Vertreibung der Muslime erreicht. Während fast eines ganzen Jahrhunderts wurden neue
Staaten auf Kosten der Muslime, hauptsächlich Türken, gegründet.
*

*
*

Im Gegensatz zu Dadrians Behauptung, spielen die „Zusammenstöße zwischen den Gemeinschaften" und die „kriegsbedingten Entbehrungen" (S. 100)
eine relevante Rolle. Die Ansicht, dass viele Armenier auf Grund von Epidemien
und auf Grund der herrschenden Kriegsumstände ums Leben kamen, ist keine
Propaganda, mit der die Ereignisse von 1915 verharmlost werden sollen. In den
vergangenen Jahrhunderten starben beträchtlich mehr Soldaten an Krankheiten
und Seuchen als durch die Hand ihrer Feinde im Krieg. Das trifft auch für das
Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg zu und davon waren sowohl die Türken

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als auch die Armenier betroffen.46 Die Verluste der türkischen Armee im Krieg
hatten ein unglaubliches Ausmaß. Die Zahl der Toten durch Krankheiten erreichte
ein Ausmaß, das die Kriege des 20. Jahrhunderts nicht kannten. Die Armenier
lebten und kämpften auf osmanischem Territorium fast unter den gleichen Bedingungen wie die Türken. Sie erlitten auch ebenso viele Verluste wie sie. Der Artikel
eines Franzosen in dem in Paris herausgegebenen Journal Tourcica 47 informiert
uns zum Beispiel darüber, dass die Hälfte der 5000 Armenier, die die Franzosen
bei der Evakuierung der Stadt Mara im Februar 1920 mit sich nahmen, auf Grund
der extremen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Reise verstarb.
Es muss auch hinzugefügt werden, dass Talât Pascha den amerikanischen Missionaren weiterhin ihre Missionsarbeit bei den Armeniern zugestand und dass,
trotz der Tatsache, dass die Türkei und die USA im Krieg nicht auf der selben
Seite standen. Wie viele Beispiele lassen sich in der Geschichte für Ähnliches
finden? Beispiele dafür, dass ein Staat, der sich im Krieg befindet, den Bürgern
eines auf der Gegnerseite kämpfenden Landes gestattet, im Land zu verbleiben
und die Menschen zu verpflegen, mit Kleidung zu versorgen und zu unterrichten,
deren „Ausrottung" man ihm vorwirft.
Verschiedene Bürgerkriege und konventionelle Kriege haben mehr Armeniern das Leben gekostet als von zeitgenössischen armenischen Autoren im Allgemeinen anerkannt wird. Zahlreiche Beweise unterstützen die Ansicht, dass es
hinter der türkischen Front im Osten, einen bewaffneten Aufstand von Armeniern
gab, und dass von den Russen unterstützte armenische Aufständische, auf der
Seite der zaristischen Armeen kämpften. Die Feindseligkeiten zwischen den Türken und Armeniern dauerten nach der bolschewistischen Revolution weiter an.
Während und nach dem Sieg des Kommunismus in Russland und den angrenzenden Gebieten beteiligten sich armenische Gruppen am Bürgerkrieg im Kaukasus.
Unmittelbar nach Gründung der unabhängigen Republik Armenien gab es einen
konventionellen Krieg zwischen dieser und der Regierung in Ankara. Auch gegen
Georgien und Aserbaidschan führte die unabhängige Republik Armenien konventionelle Kriege. Professor Falk schreibt (S. ii) im Journal, dass die Armenier „die
46

Türkkaya Ataöv, Deaths Caused by Disease, in Relation to the Armenian Question, Ankara, Sevinç
Matbaası, 1985.
47
Georges Boudiere, "Notes sur la Campagne de Syrie-Cilicie: L'Affaire de Mara  ", Turcica, Vol. IX12-X
(1978), S. 160.

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Realität der Gräueltat im Zusammenhang mit dem ungelösten Streit über die
Zukunft der Region Berg-Karabach erneut erlebt" hätten. Diese Region ist jedoch
ein rechtmäßiger Teil Aserbaidschans und die Armenier halten sie entgegen internationalem Recht besetzt. In den 20er Jahren, als die Armenier einen Krieg gegen
die Azeris führten, revoltierten einige Armenier gegen die Autorität der neu gegründeten armenischen Sowjetrepublik. Die Armenier schlossen sich den Franzosen gegen die Türken in Südanatolien an. Irreguläre armenische Truppen beteiligten sich auch an dem türkisch-griechischen Krieg von 1919-1922.
Die Armenier haben anderen Völkern in allen diesen bewaffneten Konflikten,
seien es Bürgerkriege, Guerillakriege, Untergrundkämpfe oder konventionelle
Kriege Leid zugefügt, aber sie starben auch selbst dabei. In Folge dieser Konflikte kamen auch viele Türken ums Leben. Auch während des ganzen Ersten Weltkrieges und in der Folgezeit waren viele Türken die Opfer. Vor der bolschewistischen Revolution wurden ganze türkische Städte und Dörfer in Schutt und Asche
gelegt und die unzählbaren Leichen toter Muslime füllten die Gräben der Umgebung. Gleichzeitig hatten die dramatischen Ereignisse nach 1917 zur Folge, dass
in Teilen Ostanatoliens die bewaffneten Armenier, seien es Soldaten oder Freiwilligengruppen, die einzige Autorität darstellten. Nach dem armenischen Rückzug
kam die ganze Region einem Friedhof gleich. Auf ihrem Weg hatten die Armenier alles zerstört. Eine Anzahl von Ausländern war Zeuge dieser Morde und
Plünderungen.48
Die Professoren Dadrian, Falk und Smith wollen den Beweis für die armenischen Verbrechen nicht sehen. Insbesondere einige neuere türkische Publikationen enthalten Interviews mit älteren Menschen, und eine Unzahl neuer Dokumente beweist die von Armeniern an den Türken verübten Massenmorde in verschiedenen Ecken Ostanatoliens, besonders in Van, Kars, Bitlis und Erzurum.49
Die türkischen Dokumente reflektieren von der anderen
48

Zum Beispiel: Justin McCarthy, "American Commissions to Anatolia and the Report of Niles and Sutherland", report to the Turkish Historical Society, General Conference, Ankara, 1990; Türkkaya Ataöv, The Reports (1918) of 8 Russian Officers on Atrocities by Armenians, Ankara, Tınaz Matbaası, 1985.
49
Zum Beispel: Azmi Süslü, Gülay Ö ün, Mehmet Törehan Serdar. Genocides commis par les Armeniens
Van, Bitlis, Mu§ et Kars: interviews des temoins vivants, Van, Universite Yüzüncü Y11, 1995; Enver Korukçu,: Ermenilerin Yeilyayla'daki Türk Soykırımı: 11-12 Mart 1918, Ankara, Atatürk Üniversitesi, 1990;
Cezmi Yurtsever, Kalekilise, Ankara, Kamu Hizmetleri Ara  tırma Vakfi, 1995; Hüseyin Çelik, Görenlerin
Gözüyle Van'da Ermeni Mezalimi, Ankara, 1994; M. Fahrettin Kırzıo lu, Kars Ili ve Çevresinde Ermeni
Mezalimi: 1918-1920, Ankara, 1970.

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Seite die in ihren Memoiren enthaltenen Prahlereien armenischer Kommandanten
oder Sprecher, die sich damit brüsten, dass sie feindliche Truppen oder Gruppen
„beseitigt" haben.

*

*
*

Professor Falk behauptet ferner, dass der türkische Staat „mit seiner Verfälschung und Verdrehung der Geschichte des Genozids an den Armeniern in der Zeit
zwischen 1915 -1918 die Wasser der Wahrheit schamlos getrübt" hätte, und dass
durch die anhaltende, beschämende' Kampagne, Überredungskünste und Einschüchterungsversuche desselben „zahlreiche Erdichtungen in Bezug auf die historischen Aufzeichnungen" Umlauf gebracht worden wären. Er fügt hinzu, dass
die türkischen Darstellungen „erbärmliche Propaganda" und „ungeschickte oder
geistlose akademische Arbeit" (S. i) seien.
Eine angemessene Erinnerung im Hinblick auf „Einschüchterung": Fred C.
Ikle, Unterstaatssekretär für Politik im US-Verteidigungsministerium, bezeichnete die armenischen Terroranschläge gegen türkische Diplomaten und Besitztümer
als „eine der gefährlichsten und am meisten vernachlässigten terroristischen Bewegungen".50 Armenische Terroristen ermordeten in der Vergangenheit diplomatische Vertreter des türkischen Staates und ihre Familienangehörigen sowie auch
Nicht-Türken. Auf die türkischen Botschaften bzw. Generalkonsulate in Athen,
Beirut, Bern, Brüssel, Lissabon, Los Angeles, Lyon, Madrid, Ottawa, Paris, Den
Haag und Wien sowie auf türkische Delegationen in verschiedenen Orten einschließlich der türkischen Vertretung bei den Vereinten Nationen wurden Anschläge verübt. Einige türkische Generalkonsulate wurden überfallen und besetzt,
und Konsulatsangehörige wurden getötet oder verletzt. Auf die Büros von Turkish Airlines in Amsterdam, Kopenhagen, Frankfurt, Genf, London, Mailand,
Paris und Rom sowie auf Büros nicht-türkischer Fluggesellschaften wie z. B. Air
France, Alitalia, British Airways, El Al, KLM, Lufthansa, Pan Am, Sabena,
Swissair und TWA wurden Bombenanschläge verübt. Der Grund für den Bombenanschlag auf die TWA

50

"Testimony by the Honorable Fred C. Ikle, Under Secretary of Defense for Policy, Before the Subcommittee
on Security and Terrorism of the Senate Judiciary Committee," Washington, D.C., mimeographed, March
11, 1982, S. 6. Auch: Michael M. Gunter, "Pursuing the Just Cause of Their People": A Study of
Contemporary Armenian Terrorism, New York, Greenwood Press, 1986.

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waren die wirtschaftlichen Beziehungen mit der Türkei. Verschiedenen Regierungen wie z. B. der Regierungen von Kanada, Frankreich, Italien, Portugal,
Schweden und der Schweiz wurde gedroht, weil sie Prozesse gegen armenische
Terroristen angestrengten. Auftritte türkischer Volkstanzgruppen in Kalifornien
mussten auf Grund von Drohungen abgesagt werden. Armenische Gruppen verhinderten eine Vorlesung zur türkischen Geschichte und verübten auf das Haus
eines Universitätsprofessors (Stanford, J. Shaw) einen Bombenanschlag. Dieser
musste daraufhin versteckt von der Öffentlichkeit leben. Dr. Falk, Professor für
Internationales Recht und Praxis, weiß, dass die o. g. Aktionen rechtswidrig sind.
Alle o. g. Ereignisse und andere sind bewiesen worden. Die Beweise sind vorhanden. Dr. Falk erwähnt eine von ihm so genannte „Einschüchterung" seitens der
türkischen Regierung, ohne sich die Mühe zu geben, zu erklären, was er damit
meint.
Viele türkische Publikationen zu diesem Thema sind eine Zusammenstellung
von zuverlässigen Dokumenten - die diverse armenische Fälschungen enthüllen und eine Zusammenstellung von individuellen akademischen Arbeiten. Auch aus
eigener Erfahrung ist mir bekannt, dass armenische Propagandisten häufig die
„Freigabe der osmanischen Dokumente" verlangten, sich jedoch weigerten, diese
für ihre Arbeit heranzuziehen, sobald sie ihren eigenen Schlussfolgerungen widersprachen. Ich habe auf Einladung von zwei französischen Gerichten als „Zeuge
der Autorität" (temoin d'autorite) an Strafprozessen gegen armenische Terroristengruppen teilgenommen. Der eine betraf die Besetzung eines türkischen Generalkonsulats, bei der ein Beamter getötet und ein weiterer verletzt wurde, und bei
dem anderen ging es um die Bombenexplosion auf dem Flughafen Orly, die acht
Menschen das Leben kostete und mehr als 60 Menschen verletzte. Die Anwälte
der Angeklagten fragten mich, wann die osmanischen Dokumente zugänglich
gemacht würden. In der Tat sind sehr viele osmanische Dokumente in SerienForm gedruckt zugänglich, oft mit Transkriptionen und Übersetzungen, oder in
Form von Mikrofilmen. Sie wurden weltweit verschickt, auch an verschiedene
Regierungen und führende Bibliotheken.51 Tausende von zuverlässigen osmanischen Dokumenten, die von Türken abgedruckt wurden und das Thema in einer
51

Zum Beispiel: The Foundation for Establishing and Promoting Centers for Historical Research and Dokumentation, Ottoman Archives: Yildız Collection, the Armenian Question, Vols, 1-XV, Istanbul, 1989-;
Askeri Tarih ve Stratejik Etüd Ba kanlıgl, Askeri Tarih Belgeleri Dergisi, No. 81 (1982) und nach-folgende
Ausgaben, Ankara. Für einen allgemeinen Überblick über den Wert, die Vielfalt und die Grundzüge
der Osmanischen Archive siehe: Türkkaya Ataöv, The Ottoman Archives and the Armenian Question,
Ankara, Sistem Ofset, 1986.

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ausgewogenen Perspektive darstellen, werden jedoch von denen, die darauf bestehen wollen, ein negatives Bild von den Türken zu vermitteln, nicht herangezogen.
Die Türken haben auch verschiedene Studien veröffentlicht, die eine Vielzahl
von Fälschungen enthüllen. Zum Beispiel hat eine Publikation von mir den folgenden Titel: „The Andonian ,Documents', Attributed to Talat Pasha, Are Forgeries!"52 Ein armenischer Autor namens Aram Andonian, der 1920 ein Buch in drei
Sprachen (Englisch, Französisch und Armenisch) veröffentlichte, verwies auf bzw.
druckte 48-50 so genannte „Dokumente", die er osmanischen Führungspersönlichkeiten, hauptsächlich Talât Pascha, dem osmanischen Führer während des
Krieges (1914-1918), zuschrieb. Türkische Akademiker prüften sie und kamen zu
dem Schluss, dass das Buch auf Fälschungen basiert. Andonian konnte die Originale der so genannten „Dokumente" nie vorlegen, da derartige Dokumente niemals
existierten. Was er als „Telegramme" präsentiert, wurde von ihm und seinem Kreis
„produziert". Später erklärte er, dass er die Originale „verloren" habe. Manche
Kreise sind fälschlicherweise davon überzeugt, dass das für den Prozess gegen
Soghomon Tehlirian, den Mörder Talât Paschas, zuständige deutsche Gericht
diese „Dokumente" als authentisch anerkannt und als Beweis zugelassen hätte
(1921). Selbst Tehlirians Rechtsanwalt (von Gordon) musste sie zurücknehmen
und der deutsche Staatsanwalt sagte, dass er Kenntnis hatte von mit den Unterschriften von Würdenträgern versehenen „Dokumenten", von denen sich später
herausstellte, dass es sich um Fälschungen handelte. Obwohl die Sieger des Ersten
Weltkrieges nach derartigen Dokumenten suchten, um die osmanischen Führer,
die zu jener Zeit auf der Insel Malta in Haft waren, anklagen zu können, haben sie
sich dafür entschieden, die von Adonian produzierten „Telegramme" nicht zu
berücksichtigen.
Die Briten hatten auch keine Verwendung für die so genannten „Zehn Gebote",
die Professor Smith schnell als „einen weiteren Beweis für die Existenz eines
zentralen Genozid-Plans" (S. vi) betrachtet. Was Dadrian als türkisches „Dokument" vorlegt, ist ein Schriftwechsel zwischen der Britischen Hochkommission in
Istanbul (von Dadrian noch immer Konstantinopel genannt) und dem Außenministerium in London von Anfang 1919 (S. 173 f). Wo ist das Original dieses angeblichen „Dokuments"?

52

S. supra,. Fußnote 38.

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Es gibt zu viele Fälschungen in der Geschichte, um zu sagen, dass ihre Existenz unmöglich ist. Auf den Autor Gwynne Dyer Bezug nehmend sagt Dadrian,
dass „die Briten das Dokument letztendlich ignorierten" (S. 193). Sie haben sich
dafür entschieden, es zu ignorieren, obwohl sie die gesamten osmanischen Archive durchsuchten, um wenigstens ein Dokument finden zu können, dass sie gegen
die türkische Führung hätten verwenden können. Bei ihrer Suche nach belastendem Material sahen sie auch andere Archive ein. Die Briten hatten alles in ihrer
Macht stehende getan, aber die 118 Personen, darunter auch der frühere osmanische Ministerpräsident und andere Würdenträger, wurden aus ihrer Haft auf Malta
entlassen.53
Die Briten wussten, dass die so genannten „Dokumente" nicht zuverlässig waren. Aram Andonian z. B. gibt in einem Brief (26. Juli 1937) an eine in
Genf/Schweiz lebende armenische Dame (Mary Terzian) selbst zu, dass sein
Buch kein historisches Werk war, sondern Propaganda und dass andere frei davon
Gebrauch machten, in der von ihnen bevorzugten Art und Weise. Im Hinblick auf
Aussehen und Inhalt wimmelt es in den „Dokumenten" von Adonian von diversen
falschen „Tatsachen", Auslassungen und Widersprüchen, die sein Tun verraten.
Diese vermeintlichen „Dokumente", so wie sie in Andonians Büchern abgedruckt
sind, entsprechen den in der osmanischen Bürokratie verwendeten in keiner Weise. Während des Krieges wurden in der Realität keine Papiere, sondern zu verschiedenen Zeiten genutzte diverse Geheimschriftsysteme benutzt. Aber Andonians Geheimschrift stimmt mit dem Kodierungskomplex, den wir in den osmanischen Archiven haben, nicht überein. Anscheinend hat sich der armenische Autor
eine eigene Geheimschrift ausgedacht. Das Ausmaß der Fälschung tritt deutlicher
hervor, wenn man das Durcheinander in Bezug auf die Daten und Nummern der
„Dokumente", die Andonian anscheinend selbst festlegte, analysiert. Aufgrund
seiner Unwissenheit in Bezug auf die Unterschiede zwischen dem julianischen
und dem gregorianischen Kalender sind ihm Fehler unterlaufen. Da Andonian die
Feinheiten nicht kannte, hat er nicht die „entsprechenden" Daten errechnet.
Manchmal verrechnet er sich sogar um eine Zeitspanne von neun Monaten. Gewohnheitsmäßig vergisst er bei der Errechnung des gregorianischen Datums, die
13 Tage hinzuzufügen. Die Nummern der „Dokumente" sind völlig durcheinander. Die Nummern auf den gefälschten „Dokumenten" stimmen nicht mit

53

Bilâl im ir, Malta Sürgiinleri, Ankara, Bilgi Yayınevi, 1985.

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den Nummern (und Daten) authentischer Dokumente überein. Den Nummern
entsprechende Dokumente in den osmanischen Archiven beziehen sich auf die
Bohrung neuer artesischer Brunnen auf der Sinai-Halbinsel oder die Situation von
Gleisbauern. Die Unterschriften sind gefälscht, so soll z. B. ein Gouverneur ein
Dokument bereits vor seiner Amtsübernahme unterzeichnet haben. Es gibt offensichtliche Unterschiede zwischen dem englischen und dem französischen Text,
wobei Wörter anders und Sätze und Absätze vertauscht sind und bestimmte Ausdrücke ausgelassen oder durch andere ersetzt wurden. Das darin verwendete Türkisch ist mangelhaft.
Im Hinblick auf die „Armenische Frage" sind die Fälschungen nicht auf die
„Telegramme" Andonians beschränkt. Bei einer anderen Fälschung geht es um
eine „Äußerung", die fälschlicherweise Adolf Hitler zugeschrieben wird. Während
einer Rede vor seinen Generälen auf dem Obersalzberg eine Woche vor dem Angriff auf Polen (22. August 1939) soll der deutsche Diktator Folgendes gesagt
haben: „Ich habe meine Todesschwadronen angewiesen, Männer, Frauen und
Kinder, die der polnischsprachigen Rasse angehören, ohne Mitleid und Erbarmen
auszurotten ... Schließlich, wer denkt heute noch an die Vernichtung der Armenier?" Dieses Zitat ist in Hunderten von Publikationen erschienen. Dadrian behauptet auch, dass das Verhältnis zwischen Armeniern und Türken während des
Ersten Weltkriegs, „Hitler anregte, seine eigene Initiative für einen Genozid einzuleiten." (S. 31). Obwohl sich der Inhalt dieser „gefälschten" Äußerung nicht auf
die Juden, sondern auf die Polen bezog, verwendet Dadrian häufig die in Bezug
auf den Genozid an den Juden benutzte Terminologie. So wie Dadrian seine Worte
wählt, ist selbst ein „verantwortlicher Generalsekretär" der regierenden osmanischen Partei mit einem Nazi- Gauleiter (S. 99) zu vergleichen.
Dahinter verbirgt sich der Versuch, eine Verbindung zwischen der geplanten
Vernichtung der europäischen Juden im Verlauf des Zweiten Weltkriegs und den
Ereignissen in Zusammenhang mit den Armeniern herzustellen. Zunächst ist festzustellen, dass eine derartige Äußerung Hitlers keinem historischen Dokument
entnommen werden kann.54 Ich habe durch ein kleines Buch herausgefunden, dass
bei den Nürnberger Prozessen zwei Versionen der aus dem o. g. Anlass gehaltenen Rede Hitlers (ursprünglich nummeriert als USA-29 und

54

Türkkaya Ataöv, Hitler and the "Armenian Question", Ankara, Sistem Ofset, 1984.

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USA-30) zugelassen waren. Eine dritte Version wurde abgelehnt. In keinem dieser
Texte gibt es eine solche Äußerung. Ebenso zeigt Dr. Lowry in einer akademischen Abhandlung, wie dieses besagte Zitat Eingang in das Lexikon von USAKongressmitgliedern fand, und wie es weiterhin von Amerikanern armenischer
Herkunft in dem Bemühen verwendet wird, eine Verbindung zwischen ihrer eigenen Geschichte und dem tragischen Schicksal der europäischen Juden herzustellen.55
Darüber hinaus hat es eine antijüdische Haltung gegeben, die ihre Wurzeln in
der Vergangenheit hat. Über den Antisemitismus wurde viel geschrieben. Es gibt
sogar eine Fülle von Bibliographien zu diesem Thema, besonders im europäischen
Kontext. Die Wurzeln des Antisemitismus lassen sich bis zu frühen Formen der
Voreingenommenheit seitens der vorchristlichen Welt zurückverfolgen. In der
Zeit des Hellenismus lebten die monotheistischen Juden, die bestimmte ethische
Ansichten teilten, von anderen Gruppen relativ isoliert. Der Hellenismus mit seinen Göttern und Göttinnen und anderen Wertvorstellungen war ein „Rivale" des
Judentums, wenn nicht sogar sein „Gegner". Auch in der römischen Zeit wurde
das Judentum als bedrohlich empfunden und jagte vielen Römern, die eine mögliche Veränderung in Bezug auf ihr Imperium befürchteten, Entsetzen ein. Als das
Christentum zur Religion des Römischen Reiches wurde, fanden Teile der alten
Vorurteile Eingang in die „christliche" Haltung gegenüber den Juden. Diesen alten
Vorurteilen wurden aber auch neue falsche Vorstellungen von dieser Religion
hinzugefügt. An die Stelle der alten, heidnischen Vorstellung, dass die „Götter"
die Juden hassten, weil sie von ihnen nicht anerkannt wurden, trat nun der Vorwurf einer „kollektiven Verantwortung" für Jesus' Kreuzigung. Alle Mitglieder
der jüdischen Gemeinde wurden als „Verbrecher" betrachtet.
Die Diskriminierung der Juden wurde durch den Ersten Kreuzzug verstärkt. Es
kam zu Massakern an Juden und ihnen wurde vorgeworfen, Ritualmorde begangen zu haben. Die verstärkten und neuen antijüdischen Vorurteile waren Teil einer
breit angelegten Diskriminierungs-, Plünderungs- und Ausbeutungskampagne.
Nachdem die Juden von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen wurden, konzentrierten sie sich immer stärker auf den Handel und waren damit weiteren Ressentiments ausgesetzt. Man betrachtete sie nunmehr als „Wucherer".
55

Heath W. Lowry, "The U.S. Congress and Adolf Hitler on the Armenians", Political Communication and
Persuasion, Vol. 3/2 (1985), S. 111-139.

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Diese Art des gegen die Juden gerichteten „theologischen Hasses" führte häufig
zu der Forderung nach einem Kennzeichen auf ihrer Kleidung, dass sie als Juden
kenntlich machen sollte. Was viel später im nationalsozialistischen Deutschland
tragischerweise zum Zwang wurde, hatte seine Wurzeln im Mittelalter. Jahrhunderte vor ihrer Verfolgung in Deutschland wurden aus zahlreichen europäischen
Städten und von der iberischen Halbinsel (1492) Juden vertrieben. Die vertriebenen Juden, die man in ihrer Heimat für die „Vergiftungen von Brunnen" und den
Ausbruch von Epidemien verantwortlich machte, wurden vom Osmanischen Reiches freundlich aufgenommen. Jak V. Kamhi, Vorsitzender der FünfhundertjahrStiftung (1492-1992) in der Türkei, sagte auf dem in Istanbul 1995 stattfindenden
„Seminar zu Rassismus und Antisemitismus" folgendes: „Dem muslimischen und
dem jüdischen Glauben ... gelang es acht Jahrhunderte in Spanien und sechshundert Jahre im Osmanischen Reich und in der Republik Türkei friedlich und ohne
Zusammenstöße zusammenzuleben."56
Die Reformation, insbesondere der Kalvinismus, zeigte gegenüber den in protestantischen Regionen lebenden Juden mehr Verständnis. Aber einige andere
„Christen" ließen nicht davon ab, an das angebliche Böse in den Juden zu glauben. Dieses allgemein vorherrschende Bild hielt sich bis zum 19. Jahrhundert, bis
die begabten und hart arbeitenden Juden zu einem wesentlichen Teil und Bestandteil des wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Lebens in Europa
geworden waren. Zwangsläufig brachten die Juden in diesem Prozess ihre eigene
kapitalistische Klasse hervor. In diesem Zusammenhang entstand nunmehr wieder
ein neues - „falsches" - Vorurteil in dessen Rahmen die Existenz einer essenziellen Verbindung zwischen Judentum und Kapitalismus behauptet und in dessen
Folge die Juden als die eigentlich ausbeutenden Kapitalisten betrachtet wurden.
Der Kapitalismus ist ein sozioökonomisches System, dass an die Stelle des Feudalismus trat und das mit keiner Rasse oder Religion in einem direkten Zusammenhang steht. Aber diese grundlegende Tatsache hat einige romantisierende deutsche
Nationalisten nicht davon abhalten können, selbst assimilierte Juden als „Fremde"
in der eigenen Heimat zu betrachten. Die Linksgerichteten bezeichneten sie als
Feinde der Arbeiterklasse und die Rechtsgerichteten sahen in jeder linken Bewegung einen jüdischen
56

Jak V. Kamhi, "Racism...Anti-Semitism", Seminar on Racism and Anti-Semitism, Istanbul, 19-20 January
1995 (unter der Ägide des Europa-Rats), S. 3. Auch: Stanford J. Shaw, The Jews of the Ottoman Empire
and the Turkish Republic, London, Macmillan; New York, New York University Press, 1991; Mehmet
Suphi, "The Expulsion of Safarad Jews; Regression in the Development of Modem Society", Mind and Human Interaction, Vol. 4, No. 1 (December 1992), S. 40-51.

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Einfluss. All diese Extremisten haben Anteil an dem Hintergrund des Mordes an
den deutschen und europäischen Juden in den darauf folgenden 30er und 40er
Jahren.
Deutschland war nicht das einzige Land, in dem der Antisemitismus grassierte.
In Frankreich führte die Behauptung, die Juden hätten am meisten von den Errungenschaften der französischen Revolution profitiert, dazu, dass man die Juden
beschuldigte, die christliche Kultur zerstören zu wollen. Derartig diskriminierende
Sentiments wurden nach der Dreyfus-Affaire, die die Institutionalisierung des
Antisemitismus in Frankreich förderte, durch einflussreiche Publikationen hervorgerufen. Im zaristischen Russland gab es antisemitische Pogrome, die den Juden
das Leben unerträglich machten. Überall in Europa wurden derartige Ereignisse
vom Auftauchen von Ungleichheit und sogar Kriegen rechtfertigenden Rassentheorien - Pseudo-Theorien begleitet. Die Menschheit wurde von Rassisten in „überlegene" und „minderwertige" Rassen aufgeteilt, was Ersteren theoretisch das
„Recht" zur Massenvernichtung gab.
Dieser historische Hintergrund machte es den Nationalsozialisten in Deutschland möglich, die von ihnen hervorgebrachten Anschuldigungen zu machen und
sich jeglicher Mittel zur Unterdrückung zu bedienen, die zunächst zu den Nürnberger Gesetzen führten und schließlich im Genozid ihren Höhepunkt fanden. Die
Nürnberger Prozesse mussten stattfinden. Hunderttausende von beschlagnahmten
Nazi-Dokumenten waren als Beweismittel für den Prozess gegen führende Naziverbrecher zusammengestellt worden. Unter diesen Dokumenten lässt sich die oft
zitierte „Äußerung Hitlers" nicht finden.
Trotzdem halten manche Armenier und ihre gleichgesinnten Freunde an dieser
angeblichen „Äußerung" fest. Sie benutzen sie als assoziatives Bindeglied, weil
sie eine Verbindung zwischen dem Genozid an den Juden und dem angeblichen
Völkermord an den Armeniern herstellen wollen. Die richtige historische Methodologie widerspricht einem derartigen Ansinnen. Es ist ein enormes Unrecht in
Bezug auf die Juden und auch die Türken gleichzeitig. An den Juden wurde ein
Genozid verübt, für den ein weiteres Beispiel sehr schwer zu finden ist. Darüber
hinaus wurde - abgesehen von den außerordentlich guten türkisch-jüdischen Beziehungen seit dem Mittelalter - auch die Hilfe der Türkei für die europäischen
Juden während des Holocausts weitgehend ignoriert. Wie Professor Shaw richtig
anmerkt, verkennt die Welt die Tatsache, dass die Türkei und das Osmanische
Reich über Jahrhunderte hinweg ein bedeutender Zufluchtsort für

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verfolgte Menschen, seien es Muslime oder Nicht-Muslime, waren.57 Die Türkei
war ein Zufluchtsort, und zwar nicht nur für diejenigen, die vor der Inquisition
flohen, sondern auch in den 30er Jahren58 für Hunderte von namhaften Intellektuellen und für Tausende weniger bekannte Menschen.
Rechtsextreme politische Bewegungen in Westeuropa, zuvor für eine Zeit eine
Randerscheinung, konnten wieder an Bedeutung gewinnen.59 Juden und Türken
gehören zu den Opfern des heutigen Rassismus, der heutigen Xenophobie und
Intoleranz. Anscheinend projizieren manche Europäer ihre eigenen nicht gewünschten „schlechten" Eigenschaften auf Juden, Türken und andere, um selbst
„gut" zu erscheinen.
Bei einer angeblichen „Äußerung", die Atatürk zugeschrieben wird, handelt es
sich um eine weitere Fälschung. Der Gründer der Republik Türkei soll damit die
Verantwortung des osmanischen Staates für einen „Genozid an den Armeniern"
eingestanden haben. Diese Äußerung ist gefälscht und wahrscheinlich auf eine
Verwechselung des berühmten Türken mit jemandem gleichen Vornamens im
Istanbuler Militärgericht zurückzuführen. Dieser Fehler, der als Versehen, als
Missverständnis oder einfach als Lapsus Linguae entstanden sein könnte, wird
mündlich und schriftlich in der Hoffnung wiederholt, die Sache damit bekräftigen
zu können, dass gegen die Türken die „Worte" angeblichen - einer Autorität, von
niemand geringerem als dem Gründer ihres Staates, angeführt werden. Mit der
angeregten Phantasie steigert und entwickelt sich die Fälschung. Sie wird vom
Missverständnis zu Betrug und Trick. Bereits einige armenische Autoren haben
Artikel veröffentlicht, in denen sie diese angebliche Äußerung „Fiktion" nennen
und verlangen, dass „diese Erdichtung ein Ende findet". In einem kleinen Buch60
habe ich eine Zusammenfassung der Quellen dieser zweifelhaften Episode präsentiert. Dabei habe ich ihre Entwicklung durch einige armenische und ausländische
Quellen festgestellt und diejenigen armenischen Autoren, die diesen Irrtum herbeigeführt haben, aber auch Atatürk

57

Stanford J. Shaw, Turkey and Holocaust: Turkey's Role in Rescuing Turkish and European Jewry from
Nazi Persecution, 1933-1945, New York, New York University Press, 1993.
58
Zum Beispiel: Horst Widmann, Exil und Bildungshilfe: Die deutschsprachige akademische Emigration in die
Türkei nach 1933, Bern, Frankfurt, 1973; Fritz Neumark, Zuflucht am Bosphorus, Frankfurt 1980.
59
Ruth Gruber, Right-Wing Extremism in Western Europe, New York, the American Jewish Committee,
1994.
60
Türkkaya Ataöv, A `Statement' Wrongly Attributed to Mustafa Kemâl Atatürk, 3rd pr., Ankara, Meteksan,
1992.

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zitiert. Darin habe ich neben anderen Beweisen auch echte Briefe von Mustafa
Kemâl abgedruckt, um verschiedene Punkte in Bezug auf die betreffende Unwahrheit zu klären.
Ein anderes kleines Buch61 von mir wurde mit der Absicht geschrieben, eine
weitere armenische Fälschung aufzudecken, mit der versucht wird, den Namen
desselben Staatsmannes für eigene Ziele auszuschlachten. Der Los Angeles Examiner veröffentlichte (1. August 1926) einen Artikel mit dem gleichzeitigen
Hinweis, dass er „von" Mustafa Kemâl Pa a verfasst worden sei und dass es sich
um „ein Interview mit Emile Hilderbrand, einem Schweizer Künstler und Journalisten" handle. Manche armenische Kreise versuchten, andere Glauben zum machen, dass die Worte besagten Artikels aus dem Mund des türkischen Führers
stammten. In Anbetracht der in meinem Buch präsentierten Beweise hat ein solches Interview mit Mustafa Kemâl in der Türkei zu keiner Zeit stattgefunden.
Es gibt auch zahlreiche, in unterschiedlichen Sprachen erhältliche Werke von
Türken, die echte Dokumente mit gefälschten vergleichen.62 In der Zeit in der die
Pläne für eine Spaltung der Türkei ihren Höhepunkt erreichten, wurden der Weltöffentlichkeit verschiedene gefälschte angebliche Dokumente präsentiert. Heute
gibt es genug echte veröffentlichte Dokumente, die die umstrittene Frage in das
richtige Licht stellen, und es werden weitere folgen. Es sind Beiträge, die die türkisch-armenischen Beziehungen untersuchen und keine „Vernebelung der Wahrheit". Das Enthüllten von Fälschungen wie z. B. der, die ein bekanntes Gemälde
von Vereshchagin betrifft, welches der Öffentlichkeit als Fotografie eines Massakers präsentiert wurde, kann einfach nicht mit ein paar Worten als „erbärmliche
Propaganda" oder als „ungeschickte oder geistlose akademische Arbeit" abgetan
werden.
Die Art und Weise, mit der sich das Journal of Political and Military Sociology dem Thema nähert, macht die Notwendigkeit einer interdisziplinären Analyse deutlich. Diese scheint besonders angemessen, da das Journal auf den Titelseiten als „interdisziplinäre" Publikation präsentiert wird. Es gibt viele Faktoren, die
unsere Persönlichkeit und unser Verhalten sowohl als Individuum

61
Türkkaya Ataöv, Another Falsification: "Statement" (1926) Wrongly Attributed to M. Kemâl Atatürk,
Ankara, Sistem Ofset, 1988.
62
Zum Beispiel: Türkkaya Ataöv, Documents on the Armenian Question: Forged and Authentic, Ankara,
Barok Ofset, 1985.

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als auch als Mitglied einer Gruppe beeinflussen. Daher ist die ethnische oder nationale Identität eines Menschen durch komplizierte Wechselwirkungen von Ursache und Wirkung bestimmt, die von individuellen psychodynamischen Vorgängen bis hin zu umfassenden historischen Ereignissen reichen. Die interdisziplinäre Analyse ermöglicht Einsichten in die grundlegenden psychopolitischen Faktoren, die die Wechselwirkung zwischen Gruppen, insbesondere jenen,
die miteinander in Konflikt sind, beeinflussen. Umgekehrt offenbart die Akzentsetzung auf eine ausgewählte Logik im Hinblick auf die Ereignisse, die eigentlich
sowohl die Folgen als auch die Gestalter einer größeren Komplexität als der
sichtbaren sind, eine Identitätsbildung, die durch eine sich wiederholende Einseitigkeit bis zum Ausschluss anderer wichtiger Tatsachen hin immer mehr gestärkt
wird.
Es wäre angebracht, sich die nachfolgende Stellungnahme von Erik H. Erikson - einem für seine erfolgreichen Studien63 berühmten Psychoanalytiker - die
die Beziehung zwischen Kultur und Individuum grob umreißt in Erinnerung zu
rufen: „Wir können die Geschichte nicht gänzlich den laienhaften Betrachtern und
professionellen Historikern überlassen, die sich oft auf eine zu vornehme Weise
in die Verstellungen, Rationalisierungen und Idealisierungen des historischen
Vorgangs vertiefen, wobei es ihre Aufgabe sein sollte, sich von ihnen zu trennen.
Wir können nur dann mit einer psychoanalytischen Kritik einer Gesellschaft anfangen, wenn die Beziehung historischer Einflüsse zu den Hauptfunktionen und
Stufen des Verstandes insgesamt skizziert und verstanden worden ist ..." 64
Gruppen brauchen andere Gruppen, um sich selbst definieren zu können. Im
Laufe dieses Vorgangs lernen sie, wie man isolierte Gruppen hasst. Vamik D.
Volkan hat das Thema vom menschlichen Bedürfnis nach Feinden und Verbündeten zur Sprache gebracht.65 Er unterstrich, dass Menschen manchmal psychologisch in die Fortsetzung eines bestehenden Konflikts investieren und
63
Erik H. Erikson, Young Man Luther, New York, W.W. Norton, 1958; Gandhi's Truth, New York, W.W.
Norton, 1969.
64
Erikson, Young Man Luther, op. cit., S. 21.
65
Vamik D. Volkan, The Need to Have Enemies and Allies: from Clinical Practice to International Relationship, Northvale, New Jersey; London, Jason Aronson Inc., 1994. Wie J. V. Montville in der Einleitung des
Buches sagt, können mit der Veröffentlichung von Volkans Werk psychologische Elemente in politischer Analyse nicht mehr außer Acht gelassen werden (S. x). Volkan war der erste Präsident der International Society of
Political Psychology, der einen medizinischen Hintergrund hat. Heute ist er Direktor des Center for the University
of Virginia's School of Medicine. Dieses Zentrum, das vierteljährlich das

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dass sie diesen tatsächlich als auswärtige Stabilisierungsfaktoren für ihren eigenen Sinn für Identität und innere Kontrolle nutzen. Nicht nur ihre Investition in
die Fortsetzung dieser Feindseligkeit, sondern auch ihre militante Eigenschaft
markiert teilweise ihren inneren Konflikt. Da sie den Feind brauchen, haben sie
Angst, ihn zu verlieren. Obwohl eine Anzahl von Wissenschaftlern bereits zur
Entstehung von angemessenem Wissen und Literatur im allgemeinen Bereich der
politischen Psychologie beigetragen hat, brachte erst Volkans Beitrag die Bedeutung von Ängsten in einem Menschen oder einer Nation ans Licht. Seine von
einigen anderen Wissenschaftlern geteilte Annäherungsweise ermutigt, über oberflächliche Phänomene in Geschichte und Politik hinauszugehen.
Volkan gebraucht den Begriff „ausgewähltes Trauma", um auf die mentale
Darstellung eines Ereignisses hinzuweisen, das eine Gruppe dazu veranlasst, sich
als Opfer zu fühlen.66 Die Gruppe mythologisiert ein Ereignis und macht es zu
einem Teil ihrer Identität. Zusammen mit assoziierten Gefühlen und Rechtfertigungen gibt sie die mentale Repräsentation des Ereignisses von Generation zu
Generation weiter. Bei jeder Generation ist das Ereignis selbst leicht abgeändert.
Was bleibt, ist die zentrale Rolle, die es in der Identität der Gruppe spielt, obwohl
die modifizierte Version des Ereignisses nicht der historischen Wahrheit entspricht. Diese Tendenz geht mit dem Versuch einher, einen Sündenbock zu finden.
Für armenische Gruppen sind die Türken jener Sündenbock.
Neben „ausgewählten Traumas" sind auch „ausgewählte Siege" Teil einer
Gruppenidentität. Für manche Armenier mag der Inhalt dieser Siege der Widerstand einer Handvoll Armenier gegen die Angriffe so vieler Feinde, das Zurücktreiben ihrer Feinde durch das Zufügen von schweren Verlusten, der Beitrag zum
Sieg von Freiheit und Demokratie oder ihre Bescheidenheit und Menschlichkeit,
während die angebliche Brutalität ihrer Feinde keine Grenzen kannte, sein!
Journal Mind and Human Interaction herausgibt, behandelt schwerpunktmäßig die Psychodynamik von
großen Gruppenprozessen oder führt Studien über die Geschichte aus einem psychoanalytischen Blickwinkel
durch. Es erhellt die verborgenen Grundlagen von Beziehungen zwischen Nachbarn, die mit-einander im Konflikt sind. Siehe: Vamik D. Volkan, Cyprus-War and Adaptation, Charlottesville, University Press of Virginia,
1980; und Norman Itzkowitz, Turks and Greeks: Neigbours in Conflict, Cambridge, U.K., the Eothen Press,
1994. Diese Studien weisen auf neue Methoden zum besseren Verständnis der komplizierten menschlichen
Dimensionen mancher ethnischen / religiösen Probleme hin.
66
Vamık D. Volkan, "On Chosen Trauma", Mind and Human Interaction, Vol. 3, No. 1 (1991), S. 13.

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Beides, ausgewählte Traumas und ausgewählte Siege, unterstützen den Sadismus und Masochismus der Gruppe. Das Feindbild ist ein Stereotyp negativer
Eigenschaften. Auf den stereotypen Feind wird oft im unmenschlichen Sinn Bezug genommen.67 Zum Beispiel wird in Dadrians Artikeln das „Böse" auf die
Türken projiziert, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass kein Mitgefühl für
die Verluste des Feindes empfunden wird. Die Möglichkeit, dass die unerwünschten Aspekte einer ethnischen Gruppe ebenso gut auf eine andere Gruppe projiziert werden können, wird nicht in Betracht gezogen. Stattdessen wird das ausgewählte Trauma der nachfolgenden Generation überliefert, die das ursprüngliche
Trauma mythologisiert und die historische Wahrheit durch eine einseitige, sensationelle Erzählung ersetzt.68 Zahlreiche rituelle Handlungen wie die Demonstrationen am 24. April, an dem der angebliche „Genozid an Armeniern" begonnen
haben soll, ermöglichen weitere Gelegenheiten zur Betonung des ausgewählten
Traumas und zur Überlieferung an die nächste Generation, die sich immer weiter
vom tatsächlich Geschehenen, sei es Trauma oder Sieg, entfernt. Dadrian schließt
sich einer Anzahl anderer Autoren an, die fast alle die unerwünschten Eigenschaften der Armenier auf die Türken zu projizieren scheinen.
Warum und wie kommt diese Transformation zustande? Es ist erforderlich,
die Geschichte der Konfliktparteien sowie die Eigenschaften der jeweiligen Kultur zu kennen. Alle Einzelheiten würden die Seiten eines dicken Buches füllen.
Hier soll aber zumindest die Bedeutung ständig motivierter Einflüsse, die ein
Großteil der Wechselwirkung prägen, unterstrichen werden. Volkan vergleicht
die ethnische Identität mit einem „Zelt", das zwar gewöhnlich für eine stabile und
funktionelle Unterkunft sorgt, dass aber auch „wackeln" und einen schutzlos dastehen lassen kann.69 Das osmanische Zelt gewährte jahrhundertelang auch den
Armeniern Stabilität. Das Zelt ist eine Plane, in die ausgewählte Traumata und
ausgewählte Siege hinein gewebt werden. Einzelpersonen werden sich um ihre
eigenen Geschäfte kümmern, solange das Zelt solide ist, jedoch mit Reparaturen
und Instandsetzung beschäftigt sein, sobald es wackelt. Je größer
67
W.W. Bernard, P. Ottenberg and F. Redl, "Dehumanization: a composite psychological defence in relation to
modern war", Sanctions for Evil: Sources of Social Destructiveness, ed., N. Sanford and C. Comstock, San
Francisco, Jossey-Bass, 1973, S. 102-124.
68
R.R. Rogers, "Intergenerational Exchange: Transference of Attitudes Down the Generations", Modern Perspectives in the Psychiatry of Infancy, ed., J. Howells, New York, Brunner-Mazel, 1979, S. 339-349.
69
Vamık D. Volkan, "The Dynamics of Global Ethnic Conflict: General Reflections and Specific Cases", paper for
conferences at Havenford and Bryn Mawr Colleges, 1-2 October 1993.

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die Instabilität, umso stärker der Wunsch, die Identität zu beweisen. Eine Gruppe
kann jedes Mal, wenn ihr „Zelt" wackelt, das Bedürfnis haben, ihre Identität neu
zu entdecken und neu zu formulieren.70
Verschiedene armenische Autoren bedienen sich des Bildes des „feindlichen
Türken" um das Selbst zu stärken. Aber diese Haltungsänderung trat nicht ein, als
die osmanische Regierung die Rechte der armenischen Gemeinde im 15. Jh. oder
in den nachfolgenden wenigen Jahrhunderten anerkannte, sondern erst als das Zelt
wackelte und auch viele muslimische Intellektuelle dazu veranlasste, sich selbst
neu zu definieren. Anscheinend hatten die Armenier dieses Bedürfnis ursprünglich nach dem osmanisch-russischen Krieg von 1877-78. Dieser Krieg war nicht
nur für die Türken verheerend, sondern er erschütterte gleichzeitig die Identität
vieler Nationalitäten innerhalb des Osmanischen Reiches, die sich qualvoll fragten
„Was wird mit uns geschehen?" Das „armenische Zelt" wackelte danach mehrere
Male, und zwar mit dem Ende des Ersten Weltkrieges (1918), der Einführung der
bolschewistischen Regierung in Armenien (1920), dem libanesischen Bürgerkrieg
(1975) und der Auflösung der Sowjetunion (1991).
Auch die Psychodynamik des ethnischen Terrorismus, dessen sich manche
Armenier in jüngster Vergangenheit aber auch Jahrzehnte davor bedienten, hängen mit dem „Wackeln des Zelts" zusammen. Es ist eine Tatsache, die nicht geleugnet werden kann, dass die armenischen Terroristen in den letzten Jahrzehnten
des Osmanischen Reiches überhand nahmen und dass sie später auch türkische
Diplomaten oder ihre engsten Familienmitglieder sowie eine Anzahl von NichtTürken, die zufällig in ihrer Angriffslinie waren, ermordeten.71 Heath W. Lowry
argumentiert überzeugend, dass jede nachfolgende armenische Generation neue
Terrorgruppen hervorbrachte und hatte.72 Die Tendenz mancher Autoren zu unterschätzen z. B. David Marshall Langs mit der Bemerkung, dass die Armenier
„nicht alle Engel waren"73, ist schockierend. Dadrian verharmlost den offensichtlichen armenischen Hochverrat und Terrorismus maßlos, indem er sie gelassen „sporadische Sabotageakte" und „angebliche hochverräterische
70

Vamık D. Volkan and Max Harris, Shaking the Tent: the Psychodynamics of Ethnic Terrorism, Virginia,
Center for the Study of Mind and Human Interaction, 1993.
Siehe supra., Fußnote 50.
'72
Heath W. Lowry, "Nineteenth and Twentieth Century Armenian Terrorism: "Threads of Continuity", International Terrorism and the Drug Connection, Ankara, the University of Ankara Press, 1984, S. 71-83.
73
David Marshall Lang, The Armenians: a People in Exile, London, Allen and Unwin, 1981, S. 7.
71

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Aktionen" nennt (S. 6-7). Selbst der 15jährige Mardiros Jamkotchian, der von
Schweizer Behörden nach dem Attentat (1981) auf den türkischen Diplomaten
Mehmet Yergüz in Bern verhaftet wurde, sagte vor dem Gericht aus, dass er auf
ihn von hinten geschossen habe, weil Krieg gewesen sei und sie beide „Soldaten"
gewesen seien.
Deutschland und das österreichisch-ungarische Reich waren die Verbündeten
der Osmanen im Ersten Weltkrieg. Aber das sollte nicht automatisch zu dem Gedanken führen, dass sie plötzlich ihre uralte Voreingenommenheit abgelegt hätten
und unparteiisch geworden wären. Die ganze westliche Welt wusste, dass die Osmanen ihre Eroberungen bis in die Peripherie Wiens ausgedehnt hatten. Und manche europäische Eltern schüchterten ihre Kinder mit der Drohung „Die Türken
kommen!" ein. Dieses klischeehafte Türkenbild der Europäer auch der Deutschen
und Österreicher entstand aus einer Anzahl von Ereignissen wie z. B. „dem Verlust Konstantinopels". Das ist ein anderes ausgewähltes Trauma, das verschiedene
Europäer teilen. Hinzu kommt, dass die Deutschen und Österreicher, mit denen
die osmanischen Türken oft - selbst während des Ersten Weltkriegs - in Konflikt
gerieten, letztendlich potentielle Freunde aus dem gegnerischen Lager brauchten
für den Fall, dass sie besiegt werden würden. Es war vor allem die Politik Berlins,
gute Beziehungen zu den Kreisen zu pflegen, die in der Nähe der Entscheidungsträger der Opposition standen.

Bei der Präsentation von Professor Vakakn N. Dadrians Artikeln im Sammelband des Journal of Political and Military Sociology beschreibt Professor Roger
Smith sie als eine vorbildliche historische und soziologische Darstellung und Analyse und vertritt die Auffassung, dass aus dem fraglichen Thema gewisse Lehren
gezogen werden könnten. Ich betrachte Professor Dadrians Annäherung als eine
einseitige Darstellung eines komplexen Phänomens. Die Authentizität von angeblich die Existenz von Genozid beweisenden Dokumenten in Frage zu stellen, die
Beweiskraft der authentischen osmanischen Dokumente, die die Behauptung des
Genozids widerlegen, vor Augen zu führen, die Sache aus der Perspektive der
Genozid-Konvention von 1948 zu prüfen, und auf die allgemeinen Bedingungen
im Krieg oder auf die armenische Beteiligung an bewaffneten Auseinandersetzungen und dem Terrorismus hinzuweisen, sind nach Dadrians Beurteilung „revisionistische" Versuche.

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Manche Armenier können sich von einer Reihe von Mythen nicht trennen.
Dazu zählen „weite Grenzen" in der Vergangenheit, ethnische „Homogenität" in
jenen Territorien, „dauerhafter" türkisch-armenischer Konflikt oder die armenische „Unschuld" gegenüber der unsagbaren „Brutalität" ihrer Feinde. Die von
einer Fülle von Quellen dokumentierte Wahrheit ist, dass es der Terror von organisierten armenischen Banden, die armenische Machtergreifung in Teilen Ostanatoliens, die armenische Kooperation mit ausländischen Invasionstruppen und die
Vertreibung der muslimischen Bevölkerung war, die zu der osmanischen Entscheidung führte, die Armenier im Osten des Staates umzusiedeln.
Die Niederlage des osmanischen Staates am Ende des Ersten Weltkrieges und
die hohe Wahrscheinlichkeit, dass den Türken harte Bedingungen gestellt würden, nährte trotz der Anhänger der früheren herrschenden Gruppe das Wiederaufleben einer starken ablehnenden Gesinnung gegenüber den Ittihadisten (Unionisten) und spielte eine Rolle sowohl bei der Entscheidung, Prozesse anzustrengen,
als auch bei den Verfahren und Urteilen. Dadrian hingegen nennt es „ein passendes Mittel zur Freisprechung aller Türken" (S. 133), dass einige Ittihadist-Führer
als Verbrecher bezeichnet werden. Unabhängig davon in welchem Ausmaß ein
Autor ethnozentrische Ansichten hegen mag, erinnert die Suche nach Wegen eine
ganze Nation in eine parteiische Beurteilung eines dramatischen Ereignisses einzubeziehen, an eine rassistische Annäherung, was insbesondere mit dem UN-Jahr
der Toleranz (1995) und dem Dritten Jahrzehnt zur Bekämpfung des Rassismus
und der Rassendiskriminierung (1993-2003) unvereinbar ist.
Die einseitige Opfer-Darstellung in türkisch-armenischen Beziehungen vermag die historischen Tatsachen nicht widerzuspiegeln. Auch ausgewählte Trauma, die ständig aus einem einseitigen Blickwinkel präsentiert werden, stehen der
Versöhnung im Wege. Das Beharren, die Armenier nur als Opfer hinzustellen,
zögert nur noch den gegenseitigen Nutzen, der für die Armenier die Vorteile einer
dauerhaften Feindschaft überwiegen dürfte, hinaus. Während alte Gewohnheiten
künftigen vertrauensvollen Beziehungen entgegenstehen, verlangt die Heilung
eine gerechte Diagnose. Die Auflösung der Sowjetunion (1991) motivierte die
Türkei, im Kaukasus, am Schwarzen Meer und auf dem Balkan eine neue Politik
einzuleiten. Die Türkei schlug die Mitgliedschaft Armeniens (und Griechenlands)
in der Schwarzmeer-Wirtschaftskooperation vor, obwohl keines der beiden Länder
ein Anrainerstaat ist. Alle Parteien, die an der Heilung und am Frieden interessiert
sind, können die neuen Umstände nut-

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zen, um jahrzehntelange Annahmen und Interpretationen durch neue zu ersetzen.
Seit 1991 haben die Türken Schritte unternommen, um die Hindernisse zu überwinden, die die Beziehungen zu Armenien hinter unüberwindlichen Barrieren
gefangen hielten. Neue Definitionen werden gebraucht.

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