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Nummer 44 | 30.

Oktober 2014

letzte
runde
Philipp Lahm
spricht über seinen
Rücktritt aus der
Nationalelf, sein
Verhältnis zu Michael
Ballack – und erklärt,
warum der Kapitän
nie zu früh
ins Bett sollte

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Süddeutsche Z e i t u n g M a g a z i n

Süddeutsche Zeitung Magazin 

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Interview
Christof Kneer und Lars Reichardt

»Die blöden Sprüche
haben mich nie getroffen«

Das erste große Interview nach seinem Rücktritt:
Philipp Lahm erzählt, wie er vom schüchternen
Hänfling zum Kapitän der Nationalmannschaft wurde –
und warum er es nicht mehr sein will
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Ein Kapitän, sagt Philipp Lahm, sollte nach
dem Essen mit der Mannschaft nicht als Erster
aufstehen – sonst bekommt er zu wenig mit.

Fotos
J U L I AN B A U M ANN

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S Z - M a g a z i n Herr Lahm, tut es gut,

vermisst zu werden?
P h i l i pp L a h m Ich habe mich nicht
gefreut, dass meine Kollegen in den letzten beiden Spielen nicht erfolgreich waren, falls Sie das so gemeint haben.
Verfolgen Sie die Qualifikationsspiele für die Europameisterschaft überhaupt?
Das erste habe ich nicht gesehen, da bin
ich mit meiner Frau übers Wochenende
verreist und war gerade beim Abendessen. Die Niederlage gegen Polen und
das Unentschieden gegen Irland schon.
Ich will ja mitreden. Wobei ich schon
sicher bin, dass wir uns locker qualifizieren werden.
Sie sprechen noch von »wir«?
Ach, ich würde auch von »wir« sprechen,
wenn es um Leichtathletik ginge. Alle
reden doch von unserer Nationalmannschaft von 1974, als wir Weltmeister geworden sind. Ich freue mich jetzt schon
darauf, die nächste EM mit Freunden
beim Grillen anzuschauen. 2002 war das
letzte Turnier, das ich am Fernseher verfolgen konnte.
Die vielen Reisen werden Sie nicht
vermissen?

P h i l i pp L a h m
begann seine Karriere bei der FT Gern und
wechselte als Elfjähriger zum FC Bayern, mit dem
er später fünf deutsche Meisterschaften und
einmal die Champions League gewann. Mit der
deutschen Nationalmannschaft wurde er
Vize-Europameister, zweimal WM-Dritter und
zuletzt in Brasilien Weltmeister. Nach dem
Endspiel gegen Argentinien erklärte er im Alter
von dreißig Jahren seinen Rücktritt aus der
Nationalmannschaft.

Aserbaidschan oder Kasachstan werden
mir nicht fehlen. Nicht dass es da hässlich
gewesen wäre, aber was soll ich da ohne
Fußball? Die Reisen waren das Anstrengendste beim DFB. Man darf sich das
auch nicht so vorstellen, dass wir kurz ins
Taxi springen könnten, um uns die Sehenswürdigkeiten einer Stadt anzuschauen. Unsere Hotels werden belagert. Wenn
man rausgeht, wird man erkannt und bestürmt, das setzt einen unter Stress. Also
lässt man’s lieber sein.

Keine Flucht durch den Hinterausgang?
Ich bin nicht der Typ für so was. Ich bin
schon neugierig auf fremde Länder, aber
das waren ja immer Dienstreisen, auf denen wir uns auf Fußball konzentrieren
mussten.
Ist es nicht seltsam, nach fünf
Wochen Brasilien oder Südafrika
zu Hause nur erzählen zu können,
wie die Kabinen in den Stadien
aussehen?
In Kapstadt haben wir mal eine kleine
Stadtrundfahrt gemacht, anderthalb
Stunden oder so. Und von Brasilien hab
ich ja durchaus was gesehen: Wir haben
in so vielen unterschiedlichen Städten
gespielt, da kriegst du auf den Busfahrten
vom Flughafen zum Hotel schon einen
Eindruck.
Wie haben Sie die Zeit in den
Hotels totgeschlagen?
Bücher sind wichtig. Zuletzt hab ich zwei
Romane von Harry Kämmerer gelesen, die
spielen in München, der eine dreht sich
sogar um Fußball. Ich hab mir jetzt drei
weitere von ihm schicken lassen. Abends
an der Bar spielen wir schon mal Poker
oder Schafkopf.
Wer kann schafkopfen in der
Nationalmannschaft?
Nicht mehr viele. In Brasilien haben Thomas Müller, Manuel Neuer, Mats Hummels und ich gespielt. Aber der Unterschied zwischen Schafkopf und Skat ist
nicht so groß, deshalb haben Thomas
Müller und ich uns manchmal beim Skat
eingeklinkt, wenn die Betreuer in großer
Runde gespielt haben.
Sind Sie gut im Schafkopf?
Überragend.
Findet Thomas Müller das auch?
Ich glaube schon. Aber er spielt auch
nicht schlecht.
Wie hoch ist der Tarif in der Nationalmannschaft?
Ich werde jetzt bestimmt nicht den Tarif
bei der Nationalmannschaft offenlegen.
Aber wenn ich mit Freunden am Tegernsee spiele, dann liegt er bei zwanzig Cent
fürs Sauspiel und fünfzig Cent fürs Solo.
Wie weit kann man sein Leben
denn überhaupt offenlegen als
Prominenter? Verkleiden Sie
sich, wenn Sie durch die Stadt
laufen?

Ich verkleide mich nur an Fasching. Zum
Einkaufen gehe ich ganz normal.
Steht Lahm auf Ihrem Klingelschild?
Nein.
Irgendein anderer Fußballername? Einer Ihrer Kollegen beim
FC Bayern soll »Cantona« an der
Klingel stehen haben.
Bei mir steht kein Name eines Fußballers.
Aber wenn ich jetzt verraten würde, was
auf meinem Klingelschild steht, hätte ich
ja gleich Lahm draufschreiben können.
Viele Spieler wechseln ständig
ihre Handynummer. Sie auch?
Ziemlich oft, die jetzige hab ich gerade
mal ein halbes Jahr. Manchmal muss ich
meine Nummer rausgeben, wenn ich einen Rückruf erwarte, bei Handwerkern
oder bei Bestellungen, die wird leider oft
weitergegeben. Dann rufen plötzlich
wildfremde Menschen an.
Wer ruft denn an? Frauen?
Eher Kinder.
Sie wissen schon, dass Sie ein
Frauentyp sind?
Ein Frauentyp, ich? Wer sagt das?
Allein aus unserer Redaktion
drei Kolleginnen. Viele Frauen
schwärmen für Sie.
Beim Autokorso nach der Meisterschaft
2010 saß ich mit Thomas Müller und Jörg
Butt in einem Wagen. Dem Jörg haben
die Betrunkenen »Butt, Butt, Butt!« zugerufen. Die Frauen im besten Alter haben
nur Augen für Thomas Müller gehabt. Bei
mir haben die Kinder und die über Sechzigjährigen gerufen: Oh, toll, der Philipp!
Halten Sie sich für einen sensiblen
Kapitän?
Ja, doch. Aber ich weiß auch nicht, ob ich
immer das richtige Gespür für die Probleme meiner Mitspieler bewiesen habe.
Ich habe es jedenfalls versucht.
Sensibilität ist eine Eigenschaft,
die sich Ihre Vorgänger im Amt
des Kapitäns nicht unbedingt
zugeschrieben hätten.
Weiß nicht. Vielleicht ist jeder auf eine
andere Art sensibel.
Grüßen Sie Michael Ballack,
wenn Sie sich heute über den Weg
laufen?
Natürlich. Ich war ja auch bei seinem
Abschiedsspiel. Ob Sie es glauben oder
nicht: Das Verhältnis ist total entspannt.

Bei der WM 2010 hat der Manager
von Michael Ballack die Nationalmannschaft »Schwulencombo«
genannt. Warum haben Sie darauf
als Kapitän nicht reagiert?
Warum sollte ich? Ich war damit nicht gemeint. Auf so einen Angriff müssen andere reagieren, sicher nicht der Kapitän. Es
gibt ja auch noch einen Verbandspräsidenten, einen Manager, einen Trainer, erst
dann kommen irgendwann die Spieler.
Können Sie denn mit der Unterstellung leben, Sie hätten Michael
Ballack beim DFB abgesägt?
Ich war weder derjenige, der ihn vor der
WM verletzt hat, noch war ich derjenige,
der entscheidet, ob ein Spieler nominiert
wird oder nicht. Ich habe ihn nicht abgesägt. Ich weiß das, und alle, die sich auskennen, wissen es auch.
Bei der EM 2008 war die Stimmung schlecht, weil sich jüngere
Spieler durch Michael Ballack und
Torsten Frings, die Führungsspieler alten Typs, nicht gut repräsentiert sahen. Haben Sie daraus Lehren gezogen für Ihre spätere Zeit
als Kapitän?
Eine Lehre war sicher: Wenn man sich
zusammensetzt, dann kann auch wieder
was entstehen – selbst wenn nicht alle
Probleme an- oder ausgesprochen werden. 2008 haben wir nach der Vorrunde
offen über vieles gesprochen und so etwas

bewegt. Das haben wir 2012 im Mannschaftsrat auch angestoßen, perfekt gelungen ist es da noch nicht, so ehrlich muss
man schon sein.
Erinnern Sie sich noch an Ihr ers­
tes Länderspiel im Februar 2004
gegen Kroatien? Ihre erste Ball­
berührung in der Nationalmannschaft war ein Fehlpass.
Hab ich vergessen. Das ist zehn Jahre her
und weit weg, gefühlte 500 Spiele liegen
dazwischen. Ich glaube, mein Gegenspieler hieß Dario Kranjcar, dem bin ich
danach noch öfter begegnet. Das zweite
Tor von Carsten Ramelow nach einem
Pass in den Rückraum habe ich auch
noch vor Augen.
Erinnern Sie sich an Ihr erstes
Länderspiel-Tor?
Das fällt mir nicht schwer, ich habe nur
fünf gemacht: gegen Rumänien, Costa
Rica, die Türkei, Bosnien-Herzegowina
und Griechenland. Dabei zähle ich die
Tore gar nicht zu den persönlichen Höhepunkten, da sind andere Szenen viel präsenter, zum Beispiel wie ich die Betreuer
umarmt habe nach dem WM-Gewinn,
oder wie Olli Kahn 2004, als wir nach der
Vorrunde ausgeschieden sind, zu mir kam
und sagte: »Junge, an dir lag’s nicht.« Da
war ich gerade mal zwanzig.
Versuchen Fußballspieler, sich vor
jedem Spiel eine perfekte oder besonders schöne Spielsituation ins

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»Meine Frau hat mir
im Urlaub erklärt,
dass man nicht Punkt
sieben erscheinen
muss, wenn die Küche
ab sieben öffnet«
Gedächtnis zu rufen, um sich so
wie beim autogenen Training aufzubauen?
Perfekt gibt es nie im Fußball, dazu gibt
es viel zu viele unterschiedliche Spielsituationen. Schöne Augenblicke gab es viele
in 113 Länderspielen. Aber auch die gehen mir nicht vor einem Spiel im Kopf
um. Da nehme ich mir nur vor, aggressiv
zu sein und die ersten Duelle gleich zu
gewinnen.
Als Sie zur Nationalelf stießen,
war Oliver Kahn Kapitän. Hat er
Sie beiseite genommen und Ihnen
erklärt, auf was Sie achten müssen?
Nein, so läuft das nicht, das bekommt
man alles einfach mit. Man sitzt beim Essen und fragt: »Müssen wir immer das
Gleiche anziehen?«

Gehört es nicht zu den Aufgaben
eines Kapitäns, die jungen Spieler
einzuführen?
Es gibt in der Nationalelf keine absurden
Regeln, die man erläutern müsste. Wenn
es um neun Essen gibt, geht man zum Essen. Es ist eher so, dass mir meine Frau im
Urlaub erst wieder erklären musste, dass
man nicht Punkt sieben erscheinen muss,
wenn die Küche ab sieben geöffnet ist.
Aber die Nationalhymne haben
Sie lernen müssen.
Die habe ich schon in der Schule auswendig gelernt. Als Kind habe ich ja viele Länderspiele bei meinen Großeltern gesehen,
da habe ich die immer mitgesungen.
Was haben Sie als Kapitän der Nationalmannschaft anders gemacht
als Ihre Vorgänger Oliver Kahn
und Michael Ballack?

»Ich hatte ein super
Verhältnis zu Jogi
Löw. Ich gehe aber
n i c h t z u m Tr a i n e r u n d
sage: Der muss raus
und der muss rein«

Wir sind sicherlich sehr unterschiedliche
Charaktere, mein Stellvertreter Bastian
Schweinsteiger und ich sind uns viel ähnlicher, aber auch wir beide werden das
sicherlich unterschiedlich gemacht haben. Man wächst langsam in so eine Rolle hinein und entwickelt allmählich ein
Gespür dafür.
Waren Sie 2014 ein besserer Kapitän als bei der EM 2012 und der
WM 2010?
Das kann ich nicht beurteilen, aber ich
kann es mir vorstellen. Ich besaß mit dreißig sicherlich mehr Erfahrung, wie man

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auf unterschiedliche Charaktere eingehen
kann, als mit 26. Ich habe 2014 all meine
Energie eingebracht, weil ich ja wusste,
dass die WM mein letztes Turnier mit der
Nationalmannschaft werden würde. Ich
habe alles klarer angesprochen als vier
Jahre zuvor, in allen Bereichen, dem Trainer gegenüber wie der Mannschaft.
Was muss ein Kapitän klar ansprechen?
Kommunikationsprobleme zum Beispiel,
die gab es selten und waren alle lösbar.
Vor allem bei der WM 2010, wo die ganze
Mannschaft einen super Teamgeist hatte.
Spricht man schon von einem
Kommunikationsproblem, wenn
zwei Spieler sich auf dem Platz
anschnauzen?
Einfach gesagt, ja. Aber nicht jeder Rüffel
nach einem schlechten Pass muss vom
Kapitän zur Sprache gebracht werden.
Bei der EM 2012 hat Bastian
Schweinsteiger bemängelt, nicht
alle Ersatzspieler hätten mitgefiebert. Spricht so etwas der Kapitän
an oder macht das der Trainer?
Mitunter muss sogar der ganze Mannschaftsrat überlegen, wie wir die wieder
einfangen. Braucht jemand eine klare Ansage oder muss man ihn nur im Training
besser motivieren? Es ist ein Miteinander,
das mehrere betrifft. Wir hatten ja fünf
gestandene Spieler im Mannschaftsrat,
wenn da drei daraus auf einen Einzelnen
zukommen, macht das schon Eindruck.
Wenn allerdings einer aus dem Mannschaftsrat den besten Zugang zu einem
Spieler besitzt, dann redet der allein mit
ihm. Ich hatte das Glück, einen tollen
Mannschaftsrat zu haben und in Basti einen Spieler, mit dem ich mich über alles
austauschen konnte.
Klingt, als ob es beim DFB fünf
Kapitäne gegeben hätte, die gemeinsam die Verantwortung getragen hätten?
Es hört ja nicht damit auf, einzelne Spieler
wieder einzufangen. Viele Gespräche habe
ich allein führen müssen, bei denen mir
niemand helfen konnte: mit dem Trainerstab, dem Präsidenten, der Delegation.
Der gesamte Stab ist ja viel größer geworden seit 2004. Allein vierzig Betreuer waren in Brasilien dabei, vom Zeugwart bis
zu den Physiotherapeuten sind alle wichtig für die Stimmung, und ich musste je-

dem das Gefühl geben, dass er mit einem
Problem zu mir kommen kann.
Was beredet ein Kapitän mit
einem Fußball-Präsidenten?
Das ganze Drumherum. Wolfgang Niersbach will auch wissen, wie es läuft, auf
und neben dem Platz. Und wir haben die
Prämien verhandelt.
Sie sind offenbar kein guter Verhandler. Im Vergleich zu der Prämie, die die spanische Mannschaft
für den WM-Titel erhalten hätte,
nahmen sich Ihre 300 000 Euro
pro Spieler geradezu lächerlich
aus.
Ich kann Ihnen auch nicht sagen, ob ich
geschickt verhandelt habe, ich weiß nur,
dass es in der jüngeren Geschichte immer
mehr für die Spieler wurde, ganz schlecht
kann ich mich dabei also nicht angestellt
haben. Es gibt ja nicht nur Prämien, und
ich weiß nicht, wie hoch die laufenden
und turnierbezogenen Sponsorengelder
bei den Italienern ausfielen, die sind bei
uns nicht gering.
Kommen die Spieler auch zu ihrem Kapitän, wenn sie den Rasen
zu stumpf finden oder mal längeren Ausgang bekommen wollen?
Das ist vorgekommen, aber viele Spieler
haben auch kein Problem, den Trainer
direkt zu fragen. Die jüngeren Spieler haben weniger Scheu, die Dinge von sich
aus anzusprechen. Sie wollen auch gerne
eine Erklärung haben. Die Generation
nach mir ist lockerer.
Wäre »Klassensprecher« eine passende Beschreibung für das Kapitänsamt?
Ich war nie Klassensprecher, und in der
Nationalmannschaft gibt es mehr zu tun
als in der Schule. Aber der Vergleich
stimmt schon einigermaßen.
Muss der Kapitän einer Fußballmannschaft auch Witze reißen
oder am längsten am Tisch sitzen
bleiben, um von seinen Mitspielern akzeptiert zu werden?
Man muss nicht zwingend gesellig sein.
Sicherlich ist es für einen Kapitän nicht
von Vorteil, als Erster aufzustehen und
aufs Zimmer zu gehen. Dann bekommt
man ja auch weniger mit.
Heißt Spaß am Reden auch, mit
dem Trainer die Aufstellung zu
diskutieren?

Mit 113 Partien steht Lahm auf Platz vier der Rekord-Nationalspieler.
Erster ist Lothar Matthäus mit 150.

Man tauscht sich aus. Ich will meine Meinung gesagt haben, was ich für richtig
hielte, aber er muss die Mannschaft aufstellen und mit den Konsequenzen leben.
Hat der Trainer Sie je vorgeschickt, um anderen Spielern zu
erklären, warum sie nicht spielen?
Nein. Das erledigt der Trainer heutzutage
meistens selbst im Einzelgespräch.
Hat Jogi Löw vor jedem WM-Spiel
zwölf Einzelgespräche geführt?
Sicherlich nicht, nicht alle durften davon
ausgehen zu spielen. Es gibt in der Mannschaft eine Hierarchie, und man weiß ungefähr, wer spielen wird und wer nicht.
Den Spielern das mitzuteilen gehörte nie
zu meinen Aufgaben, ihnen zu vermitteln,
dass sie dazugehören, dagegen schon.
Wie vermittelt man so ein Gefühl?

Zeigen ist das treffendere Wort, vermitteln bedeutet ja, dass es nicht so wäre.
Man spricht sie im Training an, sagt:
guter Pass. Wie oft trainieren wir acht gegen acht, da braucht man alle für ein
gutes Training. Man muss wegkommen
von der Vorstellung, dass man zu zweit
auf dem Zimmer sitzt und sagt: Du bist
gut, du gehörst dazu. Man zeigt jemandem jeden Tag mit Kleinigkeiten, wie
wichtig er ist.
Trösten mussten Sie die Ersatzleute nicht?
Niemand kam zu mir, um sich trösten zu
lassen, wobei natürlich jeder gedurft hätte. Aber ich würde auch nicht sagen: Junge, das wird schon, oder so. Sondern ich
würde versuchen, jemanden zu motivieren. Schlimm ist ja nicht, wenn ein Spie-

ler enttäuscht ist über eine Nichtnominierung. Problematisch wird es, wenn er
sich hängen lässt. Schauen Sie sich Per
Mertesacker an, der bei der WM vier
Spiele gemacht hat und dann gar nicht
mehr zum Einsatz kam. Er war nicht beleidigt, sondern hat die anderen unterstützt, das war vorbildlich. Oder wie
Mats im ersten Spiel nach seinem Tor zur
Bank gerannt ist, das war ein Zeichen,
wie wichtig auch die anderen sind.
Hätten Sie sich als Kapitän auch
so einen Wutausbruch wie Per
Mertesacker vor der Kamera nach
dem Algerien-Spiel erlauben
können?
Als Kapitän muss man sich nicht mehr
zusammenreißen als jeder andere auch.
Aber Per hat nur gesagt, dass ihm die Fragen und die schlechte Stimmung nicht
gefielen. Das war schon okay so.
Haben Sie Joachim Löw gesagt,
wie Sie das Algerien-Spiel gesehen
haben?
Selbstverständlich. Ich will mir hinterher
nicht vorwerfen müssen, etwas nicht angesprochen zu haben. Deshalb war die
WM in Brasilien auch so anstrengend für
mich: Ich wusste vorher, dass es meine
letzte ist, deshalb hab ich all meine
Energie reingelegt. Ich habe mir zum
Beispiel alle unsere Spiele jeweils hinterher noch mal angesehen. Wir hatten ein
super Computerprogramm, da konnte
man zum Beispiel Spielszenen übereinanderlegen, und da hab ich dann hinund her analysiert. Ich hatte ein super
Verhältnis zu Jogi Löw, deshalb hatte ich
keine Bedenken, auf ihn zuzugehen. Entschieden hat immer er.
Haben Sie ihm auch gesagt, welche Mannschaft Sie im Viertelfinale aufstellen würden?
Ich werde bestimmt nicht öffentlich machen, was ich mit dem Trainer unter vier
Augen besprochen habe. Das waren einfach fußballtaktische Sachen, die mir aufgefallen sind.
Taktik und Namen sind oft nicht
zu trennen.
Ich gehe aber nicht zum Trainer und sage:
Der muss raus und der muss rein.
Und andersrum? Hat der Trainer
Sie jemals gefragt: Philipp, wen
würdest du auf dieser oder jener
Position aufstellen?

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Das könnte in den letzten acht Jahren
schon das eine oder andere Mal vorgekommen sein.
Auch in Brasilien?
Wir haben uns auch in Brasilien ausgetauscht.
Es heißt, aus der Mannschaft wurde der Ruf laut, Sie sollten aus
dem Mittelfeld wieder auf die
rechte Verteidigerposition wechseln. Stimmt das?
Das kann schon sein. Das wäre ja auch
nichts Ehrenrühriges, wenn man hinten
rechts als Verstärkung betrachtet wird. Ich
selbst war aber in keiner Besprechung dabei, in der Trainer oder Spieler gesagt hätten: Kannst du bitte wieder Rechtsverteidiger spielen! Aber das kann auch ohne
mich besprochen worden sein, das wäre
ja auch durchaus normal. Ich weiß ja, dass
der Trainer nicht nur mit mir spricht.

» M e i n e Tr a i n e r
werden sich in der
Rückschau sicher
gesagt haben:
Stimmt, wir hätten
das ahnen können«
Wo haben Sie gelernt, so diplomatisch zu sein?
Ich glaube, dass ich schon immer sehr
sachlich und analytisch war. Emotionen
schiebe ich eher beiseite.
Wie haben Sie als Kapitän gelernt,
Pressekonferenzen zu halten?
Man bekommt allmählich ein Gespür dafür, was man sagen darf und was nicht.
2010 etwa, als wir viele Ausfälle von erfahrenen Spielern zu verkraften hatten, habe
ich gesagt, dass dies die beste Mannschaft
sei, in der ich je gespielt habe. Ich wollte
der Mannschaft Selbstvertrauen geben,
aber bin belächelt worden dafür. Nachher
haben mir alle bestätigt, was für ein tolles
Turnier wir gespielt haben.

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Ihre Mutter sagt, Sie seien als
Kind sehr schüchtern gewesen
und hätten im Schultheater lediglich Baum, Mond oder Sonne gespielt. Sprechrollen hätten Sie
erst spät bekommen.
Die Rollen als Baum, Mond und Sonne
hatte ich einfach nur super drauf.
Wann legte sich Ihre Schüchternheit?
Als ich gemerkt habe, dass ich das, was ich
tue, gut kann. Ich war immer einer der
Kleinsten und schmächtig. In der Schule
war ich nie einer der Besten und habe
mich eher so durchgemogelt. Ich war
auch nie laut. Und dann bin ich auch vergleichsweise spät in die Pubertät gekommen. Das spielt alles eine Rolle. Mit 16, 17
hat sich meine Schüchternheit allmählich
gelegt und mein Selbstbewusstsein sich
entwickelt.
Sind Sie in der Schule gehänselt
worden wegen Ihrer Größe?
Klar gab es mal blöde Sprüche, aber die
haben mich nie getroffen.
Sie sind wahrscheinlich der erste
Kapitän, dem man nicht nach­
sagen kann, schnell laut zu werden, so wie Kahn oder Ballack.
Wer ist denn heute noch ein lauter Spieler? Das hat sich alles verändert. Aber ich
bin schon froh, dass ich die alte Generation noch miterleben durfte, die in jedem
Training den hunderprozentigen Biss
zeigte – das hat deutsche Vereinsmannschaften ja immer ausgezeichnet. Heute
haben wir überragende junge Kicker, denen vielleicht der letzte Punch fehlt.
Um den inneren Schweinehund zu
überwinden?
Auch. Früher musste man mehr arbeiten.
Der richtige Mix ist schwer zu finden, wir
sind Weltmeister geworden, so schlecht
kann er also nicht gewesen sein. Aber
manchmal denke ich, dass es den Jungen,
die so talentiert sind, vielleicht ganz gut
getan hätte, mal das Tor tragen zu müssen
oder auch mal zu verlieren. Ich habe die
Champions League verloren, ein EM-Endspiel – danach zu gewinnen, ist besonders
schön. Ich möchte diese Niederlagen
nicht missen, obwohl ich den WM-Titel
natürlich auch früher angenommen hätte.
Sind Sie zurückgetreten, weil Sie
fürchteten, den Kontakt zu den
jungen Spielern zu verlieren?

Ich wollte den richtigen Zeitpunkt zum
Rücktritt nicht verpassen und ich wollte
selbst entscheiden, wann der gekommen
ist. Ein Kapitän soll ja alles zusammenhalten, und da spielt das Alter schon eine
gewisse Rolle. Im Fußball sind fünf Jahre
schon viel, die meisten Spieler sind vier,
fünf oder neun Jahre jünger als ich. Deswegen habe ich das lieber übergeben.
Sie hatten Sorge, dass die Jungen
sich fragen, was erzählt Opa denn
wieder vom Krieg, wenn Sie von
Demut sprechen und davon, dass
es ganz gut tut, mal die Tore zu
tragen?
Übertrieben ausgedrückt: Ja. Außerdem
war mir immer klar, ich werde es nicht bis
zum Ende auspressen und ich werde nicht
so lange spielen, bis nichts mehr geht.
Mit wem haben Sie Ihren Rücktritt besprochen?
Mit meiner Frau, der Familie, mit Freunden, meinem Berater. Für mein näheres
Umfeld war das keine Überraschung. Alle
haben ja mitbekommen, wie schwer es
mir fällt, so viel weg von meinem Sohn
gewesen zu sein. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass meine Trainer wussten,
wie wichtig mir auch andere Dinge sind.
Nicht dass sie meinen Rücktritt vorausgesehen hätten, aber sie werden sich in der
Rückschau sicher gesagt haben: Stimmt,
wir hätten das ahnen können.
Sie betonen immer, wie viel Energie Sie in diese letzte WM gesteckt
haben. Waren Sie nach Ihrer
Sprunggelenksverletzung, die Sie
kurz vor der WM im Pokalfinale
erlitten hatten, überhaupt sicher,
dass Sie rechtzeitig zur WM fit
werden würden?
Um ehrlich zu sein: überhaupt nicht. Es
war ja eigentlich keine große Verletzung,
aber sie hat sich so angefühlt. Die Probleme mit dem Sprunggelenk haben sich
dann auch durchs Turnier gezogen.
Gab es in der Reha auch finstere
Momente, in denen Sie dachten:
Das wird nix mehr mit meiner
letzten WM?
Ich habe das damals nicht öffentlich gemacht, aber es gab schon schwierige Momente. Als die Mannschaft schon in Südtirol im Trainingslager war, war ich noch
mal bei Dr. Müller-Wohlfahrt, da wurden
erneut Bilder gemacht, und bei der

­ uswertung waren noch zwei andere
A
Ärzte dabei, und alle drei haben so ein
bisschen rumgedruckst. Dann hab ich gesagt: Wenn was ist, bitte sagt es mir gleich.
Dann haben die gesagt: Aber wäre das
nicht schlimm, wegen der Weltmeisterschaft? Dann hab ich gesagt: Klar wär das
schlimm, ich wär da gern dabei, aber
wenn’s nicht geht, dann sagt’s mir bitte
gleich.
Und was haben sie Ihnen dann gesagt?
Dass die Bilder komisch aussehen, dass
man aber noch immer nichts Genaues
sagen kann, weil alles noch so geschwollen ist. Es wurde dann besser, aber dann
gab’s Tage, wo’s plötzlich wieder schlimmer wurde, weil ich kaum geradeaus laufen konnte.
Wann war Ihnen klar: Ich kann
meine letzte WM spielen?
Spät, sehr spät. Selbst nach den ersten beiden Trainingseinheiten in Brasilien habe
ich gedacht: Wenn’s so bleibt, kann ich
nicht spielen.
Machen Sie nach wie vor Yoga
nach jedem Spiel?
Nein. Hab ich lange gemacht, war sicherlich auch sinnvoll, aber eine große Leidenschaft wurde nie draus. Ich mache die
Dinge eigentlich immer nur so lange, wie
ich Spaß an ihnen finde. Jetzt mach ich
nur noch Dehnübungen.
Wollen Sie wirklich einmal Manager werden, oder könnten Sie
nicht auch am Fußball irgendwann die Lust verlieren?
Keine Ahnung, was ich in vier Jahren machen werde, aber es wird sicherlich irgendwas mit Fußball sein, daran werde
ich nie die Lust verlieren.
Wer hat Ihr Endspiel-Trikot bekommen?
Ich habe es behalten. Niemand wollte mit
mir tauschen.

SICHERT KINDERN
ARBEITSPLÄTZE.

C h r i s t o f k n e e r und
l a r s r e i c h a r d t

trafen Philipp Lahm zwei Mal zu langen Gesprächen, zuletzt im »Valentinstüberl«, einer
Münchner Bar, in der Mehmet Scholl zeitweise
als Discjockey beschäftigt war.

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