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Förderung und Therapie

Die eigenaktive Nutzung neuer sprachlicher Inhalte führt mit der Zeit zum automatischen und generalisierten Gebrauch derselben (Glück, 2003). Die Vergrößerung des Wortschatzes trägt natürlich wiederum zur Verbesserung von Lesefähigkeit und Leseverständnis bei. Die erwähnten Untersuchungen weisen allesamt darauf hin, dass vorschulische Sprachfertigkeiten wie Grammatik, Wortschatz, Artikulation und phonologische Bewusstheit für die Vorhersage der Leseleistung im Grundschulalter entscheidend sind (Lundberg, 2002), sodass es sehr wichtig ist, die Sprachkompetenz schon ab dem Kleinkindalter in jeder Form zu fördern. Beim Einsatz von die Sprache fördernder Schrift ist entscheidend, dass diese wirklich eine verlässliche Hilfe bietet und nicht durch zu hohe Anforderungen eine zusätzliche Belastung darstellt. Es sollte unbedingt berücksichtigt werden, dass die meisten SSES- und LRS-Kinder beim Schreiben mit feinmotorischen Problemen zu kämpfen haben. Ihre dadurch erhöhte Aufmerksamkeit auf die Schreibmotorik bewirkt häufig, dass nur mehr wenig geistige Kapazität zum Sprachlernen verfügbar bleibt. Daher sollten die Betroffenen das zu Erlernende überwiegend nicht selbst schreiben, sondern Schriftsprache sollte ihnen in deutlicher und großer Schuldruckschrift visuell vorgegeben werden. Beispiel aus der Praxis: Daniel, 8 Jahre, 2. Primarschulklasse
Der achtjährige Daniel suchte mit seiner Mutter am Ende der zweiten Primarschulklasse wegen massiver Lernprobleme unsere Beratungspraxis auf. Der Lehrer hatte den Eltern empfohlen, dass der Junge die zweite Klasse wiederholen sollte. Daniel hatte in Deutsch völlig versagt (er bekam aus Nachsicht allerdings nur die zweitschlechteste und nicht die schlechteste österreichische Zensur 4, in Rechnen eine 2). Bei der Erstellung der Diagnostik ergaben sich klare Anzeichen für eine spezifische Sprachentwicklungsstörung mit Schwächen der Sprachproduktion und des Sprachverstehens. Die therapeutische Arbeit beinhaltete die Förderung des Sprachrhythmus und des Satzaufbaus (siehe die folgenden Therapiebände und Therapiekapitel in diesem Buch). Nach 1,5 Jahren Sprachtherapie hatten sich Daniels grammatikalische Defizite in Sprachproduktion und Sprachverstehen bis in den Normalbereich verbessert. Laut Aussagen der Kindesmutter und der Lehrerin erzählte Daniel seitdem wesentlich

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mehr und verständlich, während er vorher sehr schweigsam war und sich nicht klar ausdrücken konnte. Der vorher sehr schüchterne Daniel, der arg unter Kontaktschwierigkeiten gelitten hatte, begann auch mit der Zeit, Freundschaften zu schließen. Daniels schulische Leistungen waren erheblich angestiegen. Die Rechtschreibung verbesserte sich ebenfalls auffällig, obwohl wir diese nicht explizit behandelt hatten. Daniels sprachrhythmische und grammatikalische Sprachfertigkeiten hatten sich wesentlich gesteigert, ebenso erreichte Daniel im vorher stark reduzierten Sprachgedächtnis gut durchschnittliche Werte.

Daniel bestätigte mit seinen verbesserten Leistungen die in der Fachwelt gefundenen Untersuchungsergebnisse: Die bessere Nutzung sprachmelodischer und grammatischer Informationen verbessern folgende Fähigkeiten und Fertigkeiten: das Arbeitsgedächtnis, das Sprachverständnis und die Rechtschreibung (Weinert, 2002; Röber-Siekmeyer, 1993). In der folgenden Übersicht werden Daniels Befunde vor und nach der Therapie dargestellt: Befunde vor und nach der Therapie Daniels Stark eingeschränkte Sprachkompetenz in Produktion und Verständnis: Heidelberger Sprachentwicklungstest24 • Verstehen von Sätzen: • Nachsprechen von Sätzen: • Bilden von Mehrzahlformen: • Korrigieren von Sätzen: PR25 15, nach 1 Jahr PR 64 PR 0, nach 1,5 Jahren PR 42 PR 11, nach 1,5 Jahren PR 88 PR 16, nach 1 Jahr PR 84

Sprachtest KISTE26 • Falsche Antworten auf W-Fragen: Was kämmt der Teddy? Mit dem Hand. Womit fasst der Teddy den Wagen an: Er tut mit den Wagen ziehen. In Spontansprache und unstandardisiertem Sprachscreening27:
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Grimm, Schöler, 1991.

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Prozentrang (PR): Der mittlere Durchschnitt liegt bei PR 50. Das heißt: In einer Gruppe von 100 Personen weisen 49 Kinder schlechtere oder gleich gute Leistungen auf. 26 Häuser, 1994. 27 Penner, 1994.

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Auslassen von Artikeln: Kind hält sich Ohr zu. Hat Gesicht schön. Auslassen von verschiedensten Wörtern in Haupt und Nebensätzen: Heute Rad fahren zur Oma. Das ist ein Kind, wo auf dem Teppich. Mann nimmt einen Hammer, auf dem Tisch Nägel reinhaut. Auslassen oder falsche Verwendung von Fürwörtern und Vorwörtern: Das ist ein Kind, sein Schanz hebt. Daniel wollte beschreiben, dass ein Kind einen Hund am Schwanz zieht. Hat rote Punkte an das Kleid. Das ist ein Kind, das wo unten zeigt. Mangelhaftes Verstehen von Nebensätzen: Das Haus, das der Schwester von Lisa gehört, ist weiß. Was ist weiß? „Lisa“.

Diese oder ähnliche grammatikalische Auffälligkeiten waren nach 1,5 Jahren nicht mehr nachweisbar. Sprachliches Arbeitsgedächtnis: Skalenwert von 8-12 ist durchschnittlich. • Nachsprechen von Sätzen (s.o.) • Nachsprechen von Zahlen: Skalenwert 7, nach 1,5 Jahren 10 • Nachsprechen von Wörtern: Skalenwert 5, nach 1,5 Jahren 11 • Nachsprechen von Kunstsilben im Mottiertest: von sehr stark auf stark reduziert: Das Vorlesen von Reimen wurde leider nicht regelmäßig durchgeführt. Rechtschreibung im Salzburger Rechtschreibtest: PR 5 auf PR 74 Lesen: Hier lagen leider keine genauen Ausgangswerte vor. Nach 1,5 Jahren im Salzburger Lesetest in den fünf Subskalen: PR 90-50-50-80-90. Daniel konnte den Text fehlerfrei und vollständig nacherzählen. Schulleistungen: Daniel erreichte nach Wiederholung des 2. Schuljahrs im zweiten Semester der dritten Klasse folgende Zensuren: • Mathematik: Verbessert von 2 auf 1 (beste Zensur in Österreich) • Deutsch: Verbessert von 4 auf 2, mehrere Grammatiktests: alle 1 • Alle übrigen Fächer: 1

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