JENSEITS DES SPIEGELLANDS

Phantomgerüche - Phänomene olfaktorischer Gegenübertragung Ulrich Kobbe
„fs scheint, dass dem Kliniker in seinem phantasierenden Denken das Erkenntnismittel gegeben ist. Und dieses phantasierende Denken organisiert seine klinische Wahrnehmung, wie diese wiederum sein phantasierendes Denken organisiert. Hier ist die Verknüpfung zwischen Phantasieren und Wahrnehmen." Fohlen und Wittmann 1980, 27

Einleitung: „Phantomgerüche" Geruchswahrnehmungen in der Psychotherapie sind ein weitgehend unbeachteter und kaum beschriebener, vielen daher unbekannter Aspekt der therapeutischen Wahrnehmung und Erfahrung. Arbeiten zur inneren Grundhaltung des Analytikers zentrieren insbesondere die intrapsychischen Voraussetzungen des Therapeuten, diskutieren KontraVIndikationen und Unterschiede einer „aktiven" versus „passiven" Haltung (Racker 1959, 39-42) bzw. des defensiv objektivierenden, des instrumentellen wie des interaktionellen Gegenübertragungskonzepts (Körner 1990). Hierbei kommt es unweigerlich zur Focussierung auf ein Verstehen des Unbewussten des Patienten im Sinne einer Verengung auf das komplementäre Zusammenspiel sprachlicher, mimischer, gestischer Mitteilungen mit auditiven, visuellen Eindrücken und ausgelösten Gefühlen, Impulsen wie Imagines. Damit aber werden hinsichtlich der therapeutischen Wahrnehmung fast ausschliesslich die Qualitäten des Hörens und Sehens beachtet und geschult - entsprechend überschrieb Reik seinen Klassiker „Hören mit den dritten Ohr" - und Qualitäten des Riechens, Schmeckens und Tastens vernachlässigt bis ausgeblendet. „Gibt es für das Subjekt aus dem Netz einer so verordneten Sprachregelung noch ein Entrinnen?", fragen Wittmann und Pohlen (1980, 50). Nun, immerhin machen Therapeuten gelegentlich - dennoch - irritierende Geruchswahrnehmungen in der Therapie.

49

Vignette 1 Eine Supervisandin diskutiert die Frage, ob die Fortsetzung einer bereits lang andauernden, jedoch aktuell wenig fruchtbar erscheinenden Therapie Sinn habe. Während sie diese Fragestellung abwägt, fällt ihr ein und berichtet sie zögernd davon, bei dieser Patientin habe sie wiederholt einen unangenehmen Geruch wahrgenommen. Ursache sei eindeutig weder eine fehlende Körperhygiene der Patientin noch ein situativer Schweissausbruch in der Stunde. Vielmehr seien es flüchtige, unangenehm fäkale und urinale Geruchswahrnehmungen ihrerseits. Bereits in der therapeutischen Situation sei sie sich letztlich nicht sicher gewesen, ob es sich um einen objektivierbaren Geruch oder um eine subjektive Wahrnehmung handle.

Mit dieser Vignette werden Fragen thematisiert, die über die individuelle Psychodynamik von Patient und Therapeut hinausreichen, da sie - die Neuroanatomie und Psychophysiologie des Geruchssinns, - das Auftreten olfaktorischer Wahrnehmungsstörungen innerVausserhalb psychotischen Krankheitsgeschehens, - den Subjekt-Objekt-Bezug der beschriebenen Geruchshalluzinationen, - den Wirklichkeitscharakter dieser Wahrnehmungen, - die Bedeutung bzw. Funktion derartiger Gegenübertragungen betreffen. Damit lassen sich die Wahrnehmungsphänomene nur dann annähernd zufriedenstellend untersuchen, wenn der Versuch gemacht wird, angesichts der aus unterschiedlichen autonomen Wissenschaften stammenden Daten(arten) einen sogenannten „doppelten Diskurs" zu führen und die verschiedenen Wissenschaften (Biologie, Physiologie, Psychologie, Psychiatrie, Psychoanalyse) komplementär zusammenzuführen (Devereux 1972, 11-26). Hierbei soll die Wahrnehmungsstörung nicht sofort zum Problem, zur Störung des Gegenüber gemacht werden, sondern zunächst nach den Voraussetzungen des Therapeuten und seiner - passageren - olfaktorischen „Symptombildung, die er aktuell in sich aufarbeiten muss", gefragt werden (Pohlen und Wittmann 1980, 57).

den Leibempfindungen gehörend, die Geruchsempfindungen dagegen als „nicht im Leib lokalisiert" und daher nicht zu diesen „Empfindnissen" i.S. Husserls zählend. Daneben sind diese komplexen Wahrnehmungssysteme vergleichsweise schlecht strukturier- und differenzierbar, sodass sie methodisch kaum skalierbar und phänomenologisch in ihren Grunddimensionen nur schwer beschreibbar sind (Mensel 1966,265-266). Unter phylogenetisch Aspekten lässt sich anhand der Verhaltensphysiologenie der Duftstoffe als Frass-Lockstoffe, Abwehrstoffen, Botenstoffe, Markierungsduftstoffe, Alarm- und Schreckstoffe sowie Sexual-Lockstoffe die grosse soziale Bedeutung des Geruchssystems skizzieren. Unter ontogenetischen Gesichtspunkten existiert der Geruch quasi von Geburt an als differentielle Wahrnehmungsaktivität (Domes 1993, 43). Er spielt eine wesentliche Rolle in der interpersonellen Wahrnehmung (Macfarlane 1974) hinsichtlich der Personenwahrnehmung, -Unterscheidung und -präferenz des Neugeborenen. Neuroanatomisch führt die olfaktorische Informationsverarbeitung von der Rezeptorfläche der Regio olfactoria über den Bulbus olfactorius zum limbischen System, weiter zum Hippocampus, zum Nucleus amygdalum und zum Hypothalamus. Bei Berücksichtigung der anatomischen Entwicklung charakterisiert Adler (1979, 130) diese zentrale Verschaltung des Geruchssystems als „invasiv": „Innerhalb der phylogenetischen Entwicklung wuchert das Geruchssystem aus seinem ursprünglich engen, nur für die diesbezügliche Sinnesinformation geschaffenen Kreis heraus in andere, für die Basisfunktionen eines Individuums wichtige Funktionskreise hinein." „Riechen": Chiffren von Affekt und Beziehung Damit ist die Riechfunktion eng mit der Emotionalität verbunden. Geruchswahrnehmungen sind als einzigartige Wahrnehmungsereignisse in besonderer Weise geeignet, Gefühle und auch lange zurückliegende Gedächtnisinhalte zu aktivieren (Engen und ROSS 1973, 226). „Durch kaum einen Sinnenreiz anderer Art kann in so rascher Folge, ohne gedankliche Zwischenschaltung, eine Erinnerung, eine Vision ... so deutlich ekphoriert werden wie gerade beim Anklingen einer bestimmten Geruchswahrnehmung" (Klages und Klages 1964, 39-40). Sprachlicher Ausdruck dieser betont affektiven Seite olfaktorischer Nah- und Intimkommunikation sind stehende Redewendungen (Grimm und Grimm 1854/1991), z.B. - eine Sache „stinke zum Himmel", sei also unecht, verlogen usw.; - ein Ereignis werde „ruchbar", d.h. verspätet und eher indirekt wahrnehmbar, oder eine Tat sei „ruchlos", mithin frevelhaft; -jemanden „nicht riechen" zu können wenn er unsympathisch ist; - der andere oder eine Sache „stinke" einem, werde also abgelehnt;
-D 01

Die Grundlagen: Neuroanatomie und Psychophysiologie In älteren Klassifizierungen wird das Riechen wie das Schmecken zu den „niederen Sinnen" gezählt, was die „recht gut verbreitete soziale Geringschätzung dieser beiden Systeme ausdrückt" (Adler 1979, 121). Von den psychophysiologischen Voraussetzungen her handelt es sich um phylogenetisch alte Systeme, die „persönlichkeitspsychologische Grunddimensionen unserer biologisch-psychologischen Existenz betreffen" (Adler 1979, 122). Riechen und Schmecken betreffen den Wahrnehmungsbereich der Nah- und Intimkommunikation, der tabuisiert ist. Schäfer (1983, 380) unterscheidet allerdings Geschmacksempfindungen als zu

50

51

- eine „gute Nase" zu haben, d.h. etwas gleich zu (be)merken; -einen „Riecher für etwas zu haben", es findig oder schnell zu erahnen oder zu bemerken; - die „Nase in etwas hineinstecken"; - „naseweis" zu sein, somit vorschnell allein der in olfaktorischen Informationen enthaltenen Weisheit zu trauen, - die „Nase zu rümpfen", sich also geringschätzig bis angewidert zu äussern bzw. abzuwenden; -jemanden zu „nasführen", sprich seine Wahrnehmungs- und affektiv-kognitive Urteilsfähigkeit gezielt zu beeinträchtigen; -jemanden zu „beschnuppern" im Sinne eines ersten näheren Kennenlernens, - „in schlechten Geruch" zu kommen, selbst also negativ beurteilt, nicht (mehr) wertgeschätzt zu werden; - den „Braten zu riechen", mithin das Unechte oder Vorgetäuschte einer Sache (rechtzeitig) zu erfassen; - „verduften" zu wollen, beim schnellen Weggehen nicht einmal eine Geruchsspur zurückzulassen; - gegen etwas oder jemanden „anzustinken", um sich zu wehren; - ein „Gerücht" zu verbreiten oder zu „stänkern", d.h. Atmosphäre oder Beziehung durch sprachliche Intervention für andere (wie?) wahrnehmbar zu verschlechtern. Deutlich wird neben den interaktionellen Charakter zugleich die Tatsache, dass Gerüche weder neutral noch nüchtern-sachlich, sondern bewertend und affektiv beteiligt empfunden und beurteilt werden. So werden die seltenen olfaktorischen Halluzinationen von Duncker und Kulhanek (1987, 80) als zwar eher marginale, jedoch definitiv unangenehme und peinliche Erlebnisqualitäten charakterisiert. Unter Beziehungsaspekten bleibt hervorzuheben, dass das Subjekt jedem Geruch unweigerlich und unvermittelt ausgesetzt ist, der im Körperinnern (Mund, Nase) wahrgenommen wird: Diese Eigenschaft des Geruchs, zwangsläufig sowohl dem Körper wie der Welt der Aussenobjekte anzugehören, macht ihn zu einer Art „Invagination" der in der Tiefe des Selbst wahrgenommenen Welt', sodass er nicht nur den Objekten, sondern zugleich auch der eigenen Körpersphäre, der mit ihr verbundenen affektiv-emotionalen wie sexuellen Dynamik angehört (Ey 1973, 250). Zwar stellt der Geruchssinn noch potentiell eine Distanz zwischen dem Subjekt und den wahrgenommenen Gerüchen her, doch hat diese nicht abgrenzenden, sondern unweigerlich einen derart kommunikativen und unmittelbaren Beziehungscharakter, dass es zu einer Fusion von Subjekt und Objekt kommt (Nogue1936).
1 Im Original: „Ce contact... fait de l'odeur une Sorte d'invagmation du monde peräu dans la profonc/eur de so/" (Ey 1973, 250).
3 -D

Soziales Wahrnehmungstabu „Riechen" Bei olfaktorische Halluzinationen handelt es sich in der psychiatrischen Literatur um eine „bis jetzt noch kontrovers diskutierte Wahrnehmungsstörung" (Gattaz und Haas 1982, 71), deren Häufigkeit, Charakteristik als „psychologisch verstehbares" Verhältnis zur „Mitwelt", als besonderer Affekt, als „substratnahe" oder ohnehin organische Störung medizinisch ungeklärt bleibt. Beispielsweise ordnen Klagesetal. (1967, 170) Geruchshalluzinationen auf dem „organischen" Pol eines Kontinuums an, Eigengeruchshalluzinationen auf dem „psychogenen" Pol und Geruchshalluzinationen mit Beziehungswahn als organisch wie psychisch determiniert zwischen diesen Alternativen. In seiner sehr umfassenden Übersicht fasst Spitzer (1988, 382-389) eine Reihe von Arbeiten zur olfaktorischen Halluzination als Bestandteil psychotischen Krankheitsgeschehens zusammen; seinen systematischen Vorarbeiten verdankt diese Arbeit einen Teil ihrer psychopathologischen Grundlagenliteratur. Insgesamt wird deutlich, dass es um ein zwar bekanntes, jedoch nur unsystematisch erfasstes und wenig zufriedenstellendes Phänomen geht. Gattaz und Haas (1982, 68) vermuten, dass Patienten „kaum freiwillig Angaben über Geruchshalluzinationen machen und diese auch weniger durch Ärzte erfragt werden" wie wohl auch Psychotherapeuten nur zögernd über diese Wahrnehmungsstörung berichten oder im Rahmen der Fallkontrolle hierauf eingegangen wird. Tatsächlich spiegelt dies ein biologisch wie kulturell (ein)geprägtes Verhalten wider (Rubert et al. 1961, 317): Hinsichtlich der biologischen Voraussetzungen wurden die phylogenetisch alten Riechsysteme, die „Verkümmerung des Geruchssinns und die so hergestellte Verdrängung der Riechlust" bereits skizziert (Freud 1909, 462). Für den komplexen Zusammenhang biogenetisch, soziogenetisch und psychogenetisch determinierter Wahrnehmungs- und Bewusstseinsstrukturen entwickelte Jaynes (1976) das Paradigma des Zusammenbruchs einer frühgeschichtlich bikameralen Psyche, deren Organisation auch andere (halluzinative) Wahrnehmungsweisen bedingte. Die kulturellen Einflüsse lassen sich mit Elias (1990, 319) als Schemata der Selbstzwänge und Schablonen der Triebmodellierung im Rahmen des Zivilationsprozesses verstehen, bei dem „der Aufbau der psychischen Funktionen, das jeweilige Standardgepräge der Verhaltenssteuerung, mit dem Aufbau der gesellschaftlichen Funktionen, mit dem Wandel der zwischenmenschlichen Beziehungen zusammen hängt" (Elias 1990, 441). D.h. zusätzlich zur phylogenetischen Veränderung sensorischer Organe kommt es in der individuellen Lerngeschichte durch gesellschaftliche Einflüsse zu überindividuell normierten, sozialen Wahrnehmungsselektionen und -akzentuierungen, die visuelle und auditive Fähigkeiten zu Lasten der gustativen und olfaktorischen Wahrnehmung bevorzugen. Für die historische Tabuisierung und Privatisierung bestimmter Körperteile und -funktionen rekonstruiert Michel (1977, 17-22) ein bürgerliches

52

53

Theorem der Sinnlichkeit, mit dem eine tabuisierende Wahrnehmungsabwehr von Körper- oder Ausscheidungsgerüchen (Corbin 1982), eventuell auch eine zusätzliche Erhöhung der jeweiligen Wahrnehmungsschwellen, verbunden ist. „Eine solche Umwertung wäre kaum möglich, wenn diese dem Körper entzogenen Stoffe nicht durch ihre starken Gerüche verurteilt wären, an dem Schicksal teilzunehmen, das nach der Aufrichtung des Menschen vom Boden den Geruchsreizen vorbehalten ist. Die Analerotik erliegt also zunächst der .organischen Verdrängung', die der Weg zur Kultur gebahnt hat" (Freud 1930, 459 Fn 1). Geruchssensation als Krankheitsgeschehen? Ausserhalb eines psychotischen Krankheitsgeschehens werden olfaktorische Sensationen in der psychiatrischen Fachliteratur lediglich bei neurologischen Störungen wie Unzinatusanfällen (Duncker und Kulhanek 1987, 14), bei Migränepatienten (Crosley und Dhamoon 1983; Wolberg und Ziegler 1982)2 sowie im Alkoholdelir (Ey 1973, 257) beschrieben. Allgemein verweisen Klages und Klages (1964, 47) neben dem „krisenartigen Auftreten" der Geruchssensationen darauf, hierbei werde ein atavistisches „biologisches Radikal" aktiviert, das „sonst normalpsychologisch nicht mehr in Erscheinung tritt", was im Kontext der bei stabilen aptischen Befähigungsstrukturen des Gehirns (Jaynes 1976, 45) evolutionär veränderten Wahrnehmungsschemata spekulativ auch als Relikt einer ursprünglich bikameralen Psyche (Jaynes 1976, 509) diskutiert werden kann. In einer späteren Arbeit diskutieren Klages et al. (1967, 170), einerseits bei bestimmten Geruchsmissempfindungen keinerlei Verbindung mit Aktualkonflikten oder lebensgeschichtlichen Krisen vorzufinden, anderen hingegen „einen teilweise leicht aufzuschlüsselnden Charakter umwelts- oder persönlichkeitseigener Prägung" attestieren zu können (Klages et al. 1967, 172). Grundsätzlich lässt sich zusammenfassend feststellen, dass Halluzinationen als „körperliche Reminiszenz" (Freud 1905b, 181) fraglos auch bei Gesunden auftreten 3 , jedoch offensichtlich äusserst selten im Rahmen systematisch-epidemiologischer Studien untersucht werden. - Jenseits der Diskussion um eine organische versus psychogene Determination der halluzinatorischen Geruchssensationen bleibt hier der Beziehungscharakter dieses Geschehens (s.o.) von Bedeutung: Walter (1962, 326) beschreibt diesbezüglich eine anthropologisch-soziologische Charakteristik der Symptomatik, die „nicht nur mitweltabhängig" sei, „sondern mit2 In diesem Zusammenhang beschreibt Todd (1955) ein „syndrome of Alice in Wonderland", da die Traum- und Spiegeluniversen von Alice (Carrol 1896) als Wiedergabe der migränebegleitenden komplexen Erlebnisveränderungen verstanden werden könnten. Dies verleitete im Kontext der psychotherapeutischen „Spiegelhaltung" und der über optische Spiegelphänomene hinausgehenden Geruchssensationen zur Formulierung des Titels. Dies setzt allerdings voraus, dass der Halluzinationsbegriff ohne die vorentscheidende Prämisse, Halluzinationen seien immer pathologisch, angewendet wird (Spitzer 1988, 424 Fn 1).

weltbedingt im Sinne einer Conditio sine qua non." Er verweist insbesondere auf die Dialektik des Spiegelstadiums als reziproke Selbstwahrnehmung im Gegenüber und die Tatsache, dass der unangenehme, aufdringlich-schlechte Geruch wie die getroffene Organwahl „auf eine tiefgehende Störung der mitmenschlichen Beziehung" hindeute. Psychodynamisch kommt den Halluzinationen folglich ein Regressionscharakter zu, sodass sie mit Domes (1994, 176) „nicht der Vorläufer der Realitätswahrnehmung (sind), sondern das regressive Zerfallsprodukt eines frustrierenden Realitätskontakts". So machen Klages et al. (1967, 166) u.a. auf das gelegentlich berichtete dynamische Zusammenspiel von Geruch und Gegengeruch zur Geruchslöschung aufmerksam. Als Regression ins Präverbale ist die induzierte - olfaktorische Halluzination sprachlos und archaisch: Als Wiederholung einer frühen Interaktionsepisode besteht sie aus sensorischen „Wahrnehmungs-Affekt-Handlungsmustern", die anders nicht erinnert oder mitgeteilt werden können und als noch nicht symbolisierte, d.h. unbewältigte sensorische Affekte zur Wiederholung drängen (Domes 1994, 191-192). Innere und äussere Wirklichkeiten Irritation, Zweifel, Regressions- und Angstabwehr angesichts olfaktorischer Empfindungen ohne eindeutigen („wirklichen") Auslöser stellen bei Therapeuten den Wirklichkeitscharakter dieser subjektiven Sensationen in Frage. Spitzer diskutiert diese Fragestellungen angesichts halluzinatorischer Eindrücke ausführlich: Wahrnehmen und urteilendes Erkennen sind als sprachgebundene Vorgänge untrennbar miteinander verbunden (Spitzer 1988, 25). Da jede Wahrnehmung „aus einer sinnlichen Komponente, die einerseits die spezifische Sinnesqualität, andrerseits die Empfindungen enthält, ... und einer rein intellektuellen Komponente, die die Verarbeitung der sinnlichen Faktoren seitens des Intellektes darstellt" (Goldstein 1913, 503), sind halluzinatorische Erscheinungen grundsätzlich von Sinnestäuschungen als Fehlwahrnehmung objektiver physikalischer Gegebenheiten unterscheidbar (Spitzer 1988, 282), wenngleich optische, akustische, gustatorische, olfaktorische und taktile Sinnesqualitäten unterschiedlich gut auf ihren Bezug zu existenten physikalischen Phänomenen überprüfbar sind. Zwangsläufig führt dies zu Fragen des „subjektiven" versus „objektiven" Realitätsurteils und innerhalb der „subjektiven" Realität dazu, dass Halluzination irrealer Phänomene und Wahrnehmungen physikalisch-realer Ereignisse als gleichermassen real anzusehen sind (Spitzer 1988, 283). Im psychotherapeutischen Kontext stellt sich darüber hinaus die Frage nach der Fähigkeit zur Realitätsprüfung, d.h. der Fähigkeit, im Realitätsurteil subjektive und objektive Elemente zu trennen. Hinsichtlich der Psychodynamik des Patienten gibt diese Konfusion einen ersten Hinweis darauf, dass es sich weniger um eine Übertragungsneurose, eher um Formen einer Übertragungspsychose oder Übertragungsperversion handeln

3

54

55

könnte (Denzler 1991). Bezüglich der Voraussetzungen des Therapeuten findet sich in der psychiatrischen Literatur zunächst der Hinweis, dass bereits Goldstein (1908, 1092-1094) ein „getrübtes Bewusstsein" als notwendige Bedingung der Halluzinationen beschrieb und Spitzer (1988, 288-290) ähnliche Angaben über eine determinierende „Einengung" des Bewusstseins (Bresowsky), eine „Störung des Gegenwartsbewusstseins" (Wendt), „veränderte Wachbewusstseinszustände" (Scharfetter), eine „Bewusstseinstrübung" (Gross et al.) zusammenstellt. Zu untersuchen bleibt folglich, wie hier Aussen- und Innenwahrnehmung des Therapeuten interagieren, ob und in welcher Form „unterschwellige Reize jenseits des Bewusstseins" anstelle der beherrschenden bildlich-visuell Phantasietätigkeit (Arlow 1969, 895-898) auch zu einer olfaktohschen Stimulierung des Wahrnehmungs- und Erinnerungssystems und entsprechenden Geruchsempfindungen beim Therapeuten führen können. „Organphantasien" von Aggression und Abwehr Der Beziehungsaspekt der olfaktorischen Wahrnehmung impliziert, dass dem Geruch als Objekt des Begehrens wie der Angst ein mehr oder weniger symbolischer libidinöser Charakter eigen ist (Brill 1932; Bromberg und Schilder 1934; Connoly und Gittleson 1971), denn die olfaktorische Erfahrungswelt bringt das Subjekt über aggressive wie angenehme oder erregende Geruchseigenschaften in Beziehung zum Objekt seiner Lust, seiner Abwehr wie seines Begehrens (Ey 1973, 251). „Unbewusste Phantasien beziehen sich zuerst auf Körper und repräsentieren Triebziele, die auf Objekte gerichtet sind ... Diese Phantasien sind zuerst die psychischen Repräsentanzen libidinöser und destruktiver Triebe" (Isaacs 1948, 96) und verwenden Körpersensationen visueller, akustischer, kinästhetischer, visceraler, olfaktorischer, gustatorischer und haptischer Wahrnehmungen. Margolin (1953) verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff der„fantasyoffunction" für die psychische Repräsentanz der Organfunktionen bzw. -Störungen oder des Organs selbst: Die verdrängten „Organphantasien" kehrten als psychophysiologische Äquivalente von Affekt oder Stimmung wieder zurück (De Boor 1964, 669-670), da sie „zur Abwehr wie zur Wunscherfüllung und zu Angstinhalten ausgearbeitet" werden (Isaacs 1948, 96)4. Literarische Phantasien von Aggression und Abwehr Einen interessanten literarischen Essay über den Zusammenhang olfaktorischer Wahrnehmung mit Aggression, Abwehr und sozialer Interaktion findet sich in dem Parfüm-Roman, der .Geschichte eines Mörders' von Süskind. Die Eigenschaf4 Die Zitate von Isaacs folgen den Übersetzungen von Pohlen und Wittmann (1980).

ten der Dinge und Eigenheiten wie Stimmungen von Personen lassen sich dort von Jean-Baptiste Grenouille „erschnüffeln":
Ein schauerliches Duftkonglomerat aus Afterschweiss, Menstruationsblut, feuchten Kniekehlen und verkrampften Händen, durchmischt mit ausgestossner Atemluft ...: schauerlich in seiner nebulösen, unkonturierten, übelkeitserregenden Ballung und doch schon unverkennbar menschlich (Süskind 1985, 238).

Düfte ermöglichen Grenouille die Erzeugung von Erinnerungen wie die Orientierung; zugleich dient ihm seine Wahrnehmungsfähigkeit dazu, sich des Anderen „im ganzen zu bemächtigen" (Süskind 1985, 239), ihn seinen Duft einsaugend zu töten, sich andererseits durch „einen Unauffälligkeitsgeruch, ein mausgraues Duftkleid für alle Tage, bei dem der käsigsäuerliche Duft des Menschen ... noch vorhanden war" zu schützen (Süskind 1985, 231) oder Gegengerüche zur Abwehr anderer einzusetzen. Aggression und Abwehr: Die Klinik Zum Auftreten olfaktorischer Störungen in der Psychotherapie, der Thematik fraglichen Aggressionsverhaltens, seines Duftes und seiner Abwehr einige Passagen aus den Behandlungsnotizen zur hochfrequenten Psychotherapie eines forensischpsychiatrischen Patienten mit einem pädophilen Tötungsdelikt:
Vignette 2 5. Stunde: Heute kommt der Patient merkwürdig riechend, dies keineswegs aufdringlich-schweissig, vielmehr mit einem penetranten Eigengeruch nach einer Mischung aus Penatencreme und Fisch. Als ich ihm gegenübersitze, verändert sich dieser Eindruck, verflüchtigt sich dieses Gefühl des Nicht-Riechen-Könnens ... 8. Stunde: ... Er habe als Hilfsarbeiter auf dem Friedhof Gräber abstechen und auch Beerdigungen beiwohnen müssen. Trotz der im Grunde traurigen Angelegenheit habe er eine Neugier verspürt. Der Patient lächelt merkwürdig entstellt als blitze ein Grinsen auf. Als atme mich etwas an, berichtet er weiter von einer fast nekrophil anmutenden Neugier, einem sonderbar emotionslosen morbiden Interesse ... 20. Stunde: ... Der Rest der Stunde ist ein eher ermüdendes Schweigen, unterbrochen von einigen wenigen lapidaren Bemerkungen, die ich nicht mehr erinnere. Während sich der Patient die Haare aus der Stirn streicht, habe ich plötzlich ein sich aufdrängendes Bild Adolf Hitlers vor Augen ... mit dem gleichzeitigen Gefühl eines süss-sauren, widerwärtigen Geruchs nach abgestanden-schweissigem Urin ... 21. Stunde: ... Ich hatte vor der Stunde Mühe, mich auf ihn einzulassen, was jedoch zunächst wieder vorbei war. Der Patient kam wieder sehr grinsend in die Stunde, grimassiert zu Anfang stark vor sich hin und schnüffelt auf merkwürdige Art in der Luft, als wolle er sich vergewissern (?). Auch heute kommt mir wiederholt Hitler in den Sinn, insbesondere dann, wenn er sich die schwarze Haarsträhne aus der Stirn
-Q 01

56

57

streicht. Dazu dieser säuerliche Eindruck, ein beissend scharfer, penetrant süsslicher Geruch von Fäkalien. Der Patient berichtet davon, es sei „unerträglich" ... 26. Stunde: ... Er fände es „unmöglich", dass er vom Stationspersonal mit Urin bespritzt worden sei. Ich habe den Eindruck, dass der Patient von den Affekte des Leidens, ßenachteiligt-Werdens, Sich-unerträglich-Fühlens wie dissoziiert ist, sie berichtet, nicht aber erlebt; zugleich wirkt er gelegentlich fast belustigt bzw. genüsslich aggressive Themen ausbreitend. Ein schwuler, penetranter Geruch ... Am Ende dann wieder abgrenzende Äusserungen, mit denen er geradezu arrogant-bissig „aus dem Gebüsch kommt"; ich phantasiere das Wesen im Film „Allen", das die Astronauten anspringt, und empfinde einen klebrigen gallig-scharfen Fäkalien-Urin-Geruch ...

„Schnüffeln": Versuch zur Nekrophilie Hier ergeben sich im forensisch-psychiatrischen Kontext interessante Hinweise der Kasuistik zu dieser sonst „durch Verdrängung verloren gegangenen koprophilen Riechlust für die Auswahl des Fetisch" (Freud 1905a, 54 Fn 3), indem hier kurzfristig die Bedeutung des regressiv aufblitzenden Riechens für die Wahl des pädophilen Sexualobjekts angedeutet wird. Ähnliche Querverbindungen lassen sich zu den Ausarbeitungen Fromms zur menschlichen Destruktivität, insbesondere zur Nekrophilie als bösartiger Aggression, finden: Neben den beruflichen Interessen für Leichen und Orte des Todes (Leichenhallen, Friedhöfe usw.) oder verwesende Dinge beschreibt Fromm die Vorliebe, ja offenkundige Freude nekrophiler Menschen für schlechte Gerüche von Kot, Urin, Verfaulendem, auch stinkenden Toiletten usw. Diese Faszination gebe ihnen das Aussehen von „Schnüfflern" (Fromm, 1973, 308), was nicht selten auch ihre Mimik präge und sie so aussehen liesse, „als ob sie ständig einen schlechten Geruch riechen würden. Wer zum Beispiel die vielen Bilder von Hitler genauer betrachtet, kann leicht diesen schnüffelnden Ausdruck in seinem Gesicht erkennen". Daneben könne er nicht richtig lachen: „Sein Lachen ist in Wirklichkeit eine Art Grinsen; es ist unlebendig, es geht im das Befreiende und Fröhliche des normalen Lachens ab" (Fromm 1973, 308).- Grunberger stellt das Naserümpfen als „typische Geruchsmimik" in den Kontext der aggressiven Abwehr narzisstisch gestörter Patienten, die hiermit i.S. einer projektiven Identifikation auf den „unreinen" Anderen reagieren, der „die Projektion der Analität in sich aufgenommen hat" (Grunberger 1984, 121). „Geruchshülle": Ein psychoanalytisches Paradigma Wie die psychotherapeutische Literatur sind auch psychiatrische Resultate vorwiegend auf das Sehen und Hören bezogen, sodass es sich angesichts dieser - für die Ausgangsfragen noch wenig zufriedenstellenden - Forschungsergebnisse anbietet, statt der Wahrnehmungsorgane einen Untersuchungsfocus auf die Haut als Kontaktorgan mit (Geruchs-)Drüsen zu legen. Hier entwickelte Anzieu (1985) das Konzept des überwiegend aus einer Hülle von Berührung und Lauten konstituierten psychischen „Haut-Ich". Für die Haut wie das entstehende Haut-Ich beschreibt Anzieu (1985, 60-61) die Funktionen einer bewahrenden Tasche, einer schützenden Grenzfläche, eines Ortes und primären Werkzeugs der Kommunikation und der Entstehung bedeutsamer Beziehungen sowie einer reizaufnehmenden Oberfläche. Er gibt u.a. folgende Kasuistik:

Wie sich erkennen lässt, handelt es sich um einen schwer gestörten, hochambivalenten Patienten. In der Institution als äusserst widerwärtig empfunden und „therapieunfähig" stigmatisiert, induzierte er in seiner - hinter der hochaggressiven Abwehr im stationären Alltag nicht mehr wahrnehmbaren - panischen Angst vor Rache, Vergeltung, Vernichtung eine spezifische Übertragungs-Gegenübertragungs-Dynamik (Blankenburg-Winterberg 1988). So ging es bei diesem Patienten in dieser Behandlungsphase grundlegend zunächst darum, dass jede Empathie als stellvertretende Introjektion störungsbedingt begrenzt sein und als empathische Erfahrung auch unausweichlich .danebenliegen' muss. Das Schweigen in der gemeinsamen Langeweile wurde bei der Gegenübertragungsanalyse nicht nur als Widerstand verstanden (Neuzner 1984, 277-278), sondern auch als Ausdruck eines Symbiosewunsches des Patienten und einer Form diffus-polymorpher Gemeinsamkeit, als gleichzeitige regressive Verführung ins Präverbale, ins Strukturlose einer Geruchswelt, die auch als phantasmatische sexuelle Beziehung zu verstehen ist (Ey 1973, 258). Zu dieser polymorph-perversen Begehrenswelt gehörte, hervorgerufen durch das introjizierte Trauma (Küchenhoff 1990, 19), eine in den Objektbeziehungen des Patienten reinszenierte sadomasochistische Dialekt von basaler Kontaktsuche/Beziehungsantwort und panischer Kontaktangst/Beziehungsabwehr, was sich im Rahmen der Station und Institution als fruchtlos-aufreibende Wiederholung von beharrlich-forderndem Hilfeappell, als verfolgendem Aggressor erlebtem Gegenüber und verzweifelt-kontraphobischer Gegenaggression des Patienten widerspiegelte. Anders ausgedrückt: „Die .Symbiose' ist der Zufluchtsort des überforderten Säuglings" Domes 1994, 77). Die unterschiedlichen halluzinatorischen Geruchsmissempfindungen verwiesen als psychotische Gegenübertragung im Kontext der olfaktorisch evozierten Assoziationen (Bromberg und Schilder 1934) gerade auf diese zunächst verborgene brisant-aggressive Abwehrdynamik des Patienten und den reziproken Gegenübertragungswiderstand des Therapeuten.

58

59

Vignette 3 „Der persistierenden Rachsucht (des Patienten Getsemani; d. Verf.) draussen entsprach, dass er in den Sitzungen weiterhin angepasst blieb, er war voll guten Willens, suchte respektvoll um meine Deutungen nach und bestätigte sie sofort, vorbehaltlos und ohne sich die Zeit zu lassen, überhaupt darüber nachzudenken. ... Es gab zwar eine andere, bezüglich ihrer sinnlichen Stärke allgegenwärtige Äusserung, jedoch wusste ich nicht, wie ich als Psychoanalytiker damit umgehen sollte: Getsemani roch manchmal stark, und dieser Geruch war um so unangenehmer, als er sich mit dem Duft der Eau de Toilette mischte, ... wahrscheinlich - so vermutete ich - um die Zeichen starken Schwitzen zu überdecken. Diese Eigenart des Patienten führte ich einmal auf seine biologische Konstitution, dann auf seine soziale Herkunft zurück. Dies war mein erster Gegenübertragungswiderstand: nämlich zu meinen, dass das allergegenwärtigste Material der Sitzungen nichts mit der Psychoanalyse zu tun habe, da es weder verbalisiert wurde noch sichtbaren Kommunikationswert hatte" (Anzieu 1985, 233).

Psychotherapeutische Wahrnehmungsschulung Offensichtlich handelt es sich bei den Geruchsmissempfindungen um ein eher seltenes Vorkommen, bei dem die diesbezügliche Wahrnehmungsbereitschaft des Psychotherapeuten eine Rolle spielt. Beeinflusst wird dies zunächst durch die methodische Konzentration auf primär ausschliesslich verbales Material des Patienten, das sekundär durch visuelle Wahrnehmungen seines Verhaltens sowie kognitive und assoziative/introspektive Prozesse des Therapeuten ergänzt/und weitergeführt, dabei in den Termini „Einsicht", „Verständnis" usw. reflektiert wird. Die hiermit verbundene Einengung auf audiovisuelle Wahrnehmungen, kognitive Verarbeitungen und effektive Selbstwahrnehmungen impliziert zwangsläufig eine „Wahrnehmungsabwehr" anderer Sinnesreize, indem in einem „sensorischen Register" als einer Anzahl extrem kurzfristiger Gedächtnisspeicher eine entsprechend Selektion vorgenommen wird (Bowlby 1980, 75-76 Fn 4). Dies entspricht einer professionell bedingten/gewollten Deaktivierung bestimmter psychophysiologischer Subsysteme, einer „Wahrnehmungabwehr" im Dienste der attentiven Konzentration und ggf. partiellen kognitiven Loslösung (Bowlby 1980, 90-94). Entsprechend verfügen Therapeuten - trotz der Hinweise Freuds auf den traumatischen Kontext von Geruchswahrnehmungen und -erinnerungen (Freud 1895, 173) sowie auf die Übertragungaspekte von Geruchshalluzinationen (Freud 1905b, 236) - auch nicht über ein therapeutisches Paradigma zur Einordnung dieser irritierenden Wahrnehmungen, denn, „was nie Gegenstand des eigenen Erlebens war und ist, vermag ich beim anderen nicht wahrzunehmen" (Loch 1965, 42^43). So beschreibt Anzieu (1985, 238), er habe erst „durch die Bildung eines notwendigen Teilstücks einer psychoanalytischen Theorie, nämlich der Auffassung von einer geschlossenen, aufdringlichen, porösen, absondernden Geruchshülle als einer besonderen Variation dieses Begriffs vom Haut-Ich" seine Gegenübertragung bearbeiten können. Zumindest wird angesichts der „gerade bei Psychotherapeuten weitverbreitete(n) Scheu vor der .physischen Nähe von Arzt und Krankem'" (Siefert 1983, 218) der Geruchssinn „für die Berichtigung und dauernde Korrektur der Diagnose kaum noch benutzt" (Groddeck 1931, 220). Gerade in der Arbeit mit hauptsächlich psychotisch funktionierenden Patienten aber erhält die nicht-verbale Kommunikation einen besonderen Stellenwert. Sie ist so wichtig, dass der Therapeut „eine spezielle Sensibilität" für derartige Gegenübertragungen besitzen muss, da die Therapierbarkeit von psychotisch erkrankten oder borderline-gestörten Patienten „im gleichen Ausmass von der Fähigkeit des Analytikers abhängt" (Denzler 1991, 339-340). Insofern bliebe nachzufragen, inwieweit dieser blinde Fleck in der analytischen Wahrnehmung (Freud 1912, 382) nicht iatrogen weil ausbildungsbedingt ist.

Anhand dieses ersten Gegenübertragungswiderstands und des zweiten der Langeweile und Lähmung wird dem Therapeuten schliesslich deutlich, dass er den Patienten im doppelten Wortsinn „kaum noch ... riechen konnte". In der weiteren Untersuchung des Phänomens beschreibt er zunächst ein olfaktorisches Haut-Ich, eine in sich weder geschlossene noch feste Geruchshülle: „Sie ist durchlöchert an zahlreichen Stellen, die den Hautporen entsprechen und die mit kontrollierbaren Sphinktern versehen sind; durch diese Löcher schwitzt das Zuviel an innerer Aggressivität durch eine reflektorisch, automatische Entladung, die dem Denken keinen Raum lässt, um sich einzuschalten" (Anzieu 1985, 236).Die Gegenübertragungsanalyse machte deutlich, a) dass der Therapeut im Zusammenhang mit medizinischen Naseneingriffen wohl eine „organisch begründete Anosmie" (Freud 1895, 173) als persönlichen Widerstand hatte, der „zur Abstumpfung und zur Besetzung meiner olfaktorischen Sensibilität" führte; b) dass - „beruhend auf dem Fehlen einer psychoanalytischen Theorie der Geruchswelt" - ein epistemologisch bedingter Widerstand vorlag; c) dass es sich beim Therapeuten des weiteren um den Widerstand gegen das Übertragungsangebot des Patienten handelte, ihn als Wiederbelebung einer Urphantasie (Laplanche und Pontalis 1964) in eine gemeinsame Geruchshülle einzuschliessen (Anzieu 1985, 238). Im Anschluss an die bisherigen Erörterungen sind zwei miteinander verschränkte Themen von Interesse: a) die Bereitschaft/Disposition des Therapeuten zur Geruchswahrnehmung und b) deren Funktion/Bedeutung/Spezifität im Rahmen der Gegenübertragung.
3 J3

60

61

Psychotherapeutische Wahrnehmungsdispositionen Parallel hierzu sind Psychotherapeuten aber auch zur „gleichschwebenden" Aufmerksamkeit aufgefordert, zu einer inneren Grundhaltung also, die das eigene Unbewusste dem Unbewussten des Patienten zuwendet. Diese Wahrnehmungsbereitschaft des eigenen Unbewussten als empfangendem Organ dient der unbefangenen und voraussetzungslosen Begegnung mit dem latenten Material des Patienten.
Vignette 4 wahrend der Behandlung eines 51jährigen Angstpatienten, der wegen seiner massiven Angstanfallen in die Therapie kam, geht es in einer Phase des Katathymen Bilderlebens (KB) insbesondere um die Auseinandersetzung mit dem äusserst brutalen, aber idealisierten Vater des Patienten. Im Tagtraum bleibt der Patient oft wie erstarrt stehen, in einem „zu klein gewachsenen Mantel" und wartet auf „Erlösung". Die Therapeutin riecht in diesen wiederkehrenden Sequenzen mehrfach einen fäkalen Geruch, den sie zunächst für real hält, dann als eigene Geruchsmissempfindung vom „Scheiss, den er wieder mit reinbringt", identifiziert. In der 31. Sitzung notiert sie sofort nach dem Einstellen des KB-Motivs ,Kindheitshaus' ihre „sehr reale und irritierende" Wahrnehmung einer abebbenden, dann wiederkommenden fäkalen Geruchswolke und die Assoziation „Hier riecht's wieder nach Scheisse". Der Patient selbst imaginiert im KB, wie er zunächst auf den Vater ratlos wartend vor dem Rohbau dieses Hauses steht, dann eine „ungeheure Ruhe" erlebt und geniesst - eine Ruhe „wie früher nach Schlägen". Etwa 10 Sitzungen später beschreibt der Patient minutiös, wie er in diesem Haus vom Esstisch weg in die Garage gehen musste, dort festgebunden und „bestialisch verprügelt" wurde. Seine Assoziation ist, als Erwachsener in die Garage gegangen und den Vater „zusammengeschissen" zu haben.

keit auch durch andere Sinnesreize, „seien sie optischer, akustischer, gustatorischer oder olfactorischer Art", bedingt sein kann (Mensel 1966, 293-294). Die passiv-reizoffene Komponente der „gleichschwebenden" Aufmerksamkeit kann daher durchaus auch eine veränderte Kontrolle der „Wachinstanzen" beeinhalten, wie sie als Entstehungsbedingung für halluzinatorische (Geruchs-)Wahrnehmungen beschrieben werden (Delay und Pichot 1967, 64). Insofern nimmt der Therapeut eine durchaus dialektische Haltung ein, in der er - auf einer unbewussten Ebene einerseits passiv etwas in sich eindringen, sich empathisch berühren lässt, um dies andererseits aktiv emotional teilnehmend mit seinem unbewussten Fühlen und Denken abzutasten, zu erkunden (Racker 1959, 40), - auf der bewussten Ebene sich zuhörend auf bestimmte Wahrnehmungen konzentriert, ggf. störende Wahrnehmungen abwehrt und um ein analytischsynthetisches Verstehen bemüht ist. Dies impliziert ggf. auch, dass der für die Halluzinationen schizophrener Patienten beschriebene Filterdefekt vorbewusster kognitiver Prozesse (Frith 1979, 229-230) in der introspektiven Haltung des Psychotherapeuten als gezielt nicht-selektive Offenheit für sonst unbewusst ablaufende, jedoch dem Bewusstsein zugängliche automatische Prozesse (Frith 1979, 233) wiederzufinden ist. Denn erst diese Haltung ermöglicht eine olfaktorische Wahrnehmungsstörung als Unterbrechung der „gleichschwebenden" Aufmerksamkeit, dies in Entsprechung zur Störung der freien Assoziation beim Patienten. Pohlen und Wittmann (1980, 57-58) machen unter Bezugnahme auf Devereux (1967) darauf aufmerksam, dass ein „Grundmissverständnis analytischer Wahrnehmungsweise" darin liege, sich eine störungsfreie Wahrnehmung sichern zu wollen: „Der Gegensatz von .gestörter' Wahrnehmung ist nicht .ungestörte' Wahrnehmung, sondern die Verleugnung der Störung". Insofern sind Art und Intensität der Störung nicht nur davon abhängig, sondern auch Hinweis darauf, „welcher spezifische Triebkonflikt - mit welchen spezifischen Triebfixierungsstellen und deren Besetzungshöhe - im aktuellen Dialog evoziert wird". Projektion - Introjektion - Inkorporation Neben den Voraussetzungen des Settings und des Therapeuten stellt sich somit die Frage nach den Patienten, die derartige Wahrnehmungen induzieren. Indem sich die olfaktorische Halluzination des Therapeuten in den Phantasmen des Imaginären auflöst (Ey 1973, 263), wird ihre Tiefenstruktur Cstructure profonde') ersichtlich: Intensität und Fremdheit des Geruchs reaktivieren primitivste sensorische Gefühlserfahrungen, in denen die (Geruchs-)Welt in das Subjekt eindringt und Wahrnehmen/Fühlen gleich Riechen ist.5 Hier wird insbesondere anhand der

Pohlen und Wittmann (1980, 50) „gehen davon aus, dass sich ,Empathie' dadurch konstituiert, dass die Lebensgeschichte des Analysanden in den Analytiker .hineinragt' und bei ihm eine .Störung' provoziert. Diese .Störung' zeigt sich in der Wahrnehmung bestimmter Stimmungen, Körperbefindlichkeiten oder Phantasien an. Damit ist keine hierarchische Reihenfolge gemeint; die Wahrnehmung auf einer dieser Dimensionen schliesst vielmehr die Wahrnehmung von Residuen der anderen Dimension mit ein. Bei einer gekonnten Wahrnehmung oszilliert die Aufmerksamkeit zunächst auf allen Stufen." Tatsächlich lässt sich psychophysiologisch eine deutliche Korrelation zwischen gesteigerter Aufmerksamkeit und Wachheit mit einer unspezifischen Aktivitätszunahme im Bulbus olfactorius nachweisen, wobei die Steigerung der Aufmerksam* Für die Überlassung der Fälle zu den Vignetten 4, 5 und 6 danke ich meiner Kollegin Rita Fehr, Bielefeld, deren Diskussionsbeiträge entscheidend zu dieser Arbeit beitrugen.

62

63

2. Fallvignette wird deutlich, dass es sich um einen schwer gestörten Patienten und - wie auch in der 3. Fallvignette ersichtlich - um Formen der Projektion (als „Zurücktreiben des Triebes") 6 wie der projektiven Identifikation handelt. Wenn zuvor von die über das Körperinnere assimilierend erfolgenden „Invagination" der Aussenobjekte gestreift wurde, so hat diese entscheidenden Anteil an der Inkorporierung früher Traumata. Das Erinnerungsbild" ist in diesen frühen Phasen an eine noch rudimentären psychischen Apparat gebunden (Küchenhoff 1990, 17), dessen körperliche Erlebnisstrukturen über die Mund- und Nasenöffnungen als paradigmatischem Ort eines olfaktorischen Inkorporationsprozesses (Derrida 1976, 43) zu Einverleibungen der traumatischen Erfahrungen führen: „Sie sind im Aufbau des Leibes, der Wahrnehmung, des Bewusstseins im doppelten Sinne .aufgehoben', sie wirken strukturbildend, sie sind Struktur, aus ihr sind sie nicht wieder zu verflüssigen" (Küchenhoff 1990, 18). Diese Subjekt-ObjektFusion bedingt auch, dass die spätere, sprachabhängige Introjektion noch nicht möglich ist. Zunächst erfolgt eine Einverleibung des identitätsbildend-traumatischen Phantasmas über Mund und Nase (Derrida 1976, 44), dessen Metaphorisierung im Körper über den Leib7 nach aussen hin als Demetaphorisierung erscheint (Kobbe 1994). Für viele Borderline- und Psychosezustände beschreibt Rosenfeld (1987, 213), ihre traumatische Erfahrung und Auseinandersetzung mit widersprüchlichen, verwirrenden Gefühlen und Gedanken komme bei primitiven projektiven Identifizierung auch in einer „osmotischen Kommunikation" zum Ausdruck. Denn verschiedene Typen der projektiven Identifikation gehören nach Steiner (1975) als primitive Kommunikation und bei Berücksichtigung der verschiedenen Sinne, „durch die die Projektion vollzogen wird - Gerüche, Töne, Geschmacksvarianten sowie die Geschwindigkeit, mit der die Projektion wirkt" (Rosenfeld 1987, 251-252), zu unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Geruchs„osmose": Die phantasmatische Beziehung Dieses Kommunikationssystem entfalte in der Therapie einen „osmotischen Druck", führe als Vorläufer der Projektion (Tustin 1981) zu einem „ÜberfHessen" primordialer Sinnesempfindungen, präverbaler (hier deodoranter) Mitteilungen auf den Therapeuten und zur reziproken Ängstigung des Patienten, „dass ein Teil der heimlichen psychischen Prozesse des Analytikers in ihn eindringt und schwere
5 Dies wird bspw. im französischen Verb „senr/r" deutlich, das etymologisch mit „sens", dem Wahrnehmungs- aber auch Bedeutungssinn, verbunden ist und in folgenden Bedeutungen verwendet wird: 1. fühlen/empfinden, 2. wahrnehmen/merken/einsehen, 3. vorhersehen/ahnen, 4. riechen, 5. stinken/ übel riechen, 6. sich fühlen im Original: „repulsion de la pulsion" (Ey 1973, 253). Damit ist der hier angesprochene Leib ein anderer als nur der Körper selbst: Er ist das leibhaftige Leben im Gegensatz zum funktionalen Körper (Goldschmidt 1988, 16).

6 7

Zerstörungen anrichtet" (Rosenfeld 1987, 252). Als phantasmatische Beziehung lebt die Interaktion insofern von den Beiträgen des Therapeuten, als der Patient in dieser regressiven Phase analog zum Säugling „nicht phantasierend, sondern sensomotorisch-affektiv denkt und erlebt" (Domes 1994, 213) und die Übertragung einer Beschreibung Goldbergs (1979) folgend „durch den Körper des Analytikers hindurchgeht". Für diese schwer gestörten Patienten ist das zuvor von Anzieu dargelegte Paradigma des olfaktorischen Haut-Ich als weder in sich geschlossene noch feste Geruchshülle auch insofern plausibel, als Physisches und Psychisches beim Säugling zwar nicht restlos identisch, so doch eine anfängliche Einheit waren (Winnicott 1965, 62). Das Ich wird damit zur psychisch repräsentierten Körperfläche, ist „also keine physisch-dingliche ,Fläche', sondern das Destillat, die Quintessenz einer Fläche sozusagen: eine Fläche aus Seelenmaterie" (Bittner 1986, 722). Als phantasmatische Wiederholung einer pathogenen Interaktion der frühen Kindheit verweisen diese Therapiesequenzen auf die frühere Projektion unbewusster Phantasien der Mutter auf das Kind. Hier nun droht die Entstellung der Beziehung des Patienten zum Therapeuten als phantasmatischem Objekt dadurch, dass der Patient/das Kind als Adressat und Träger der unbewussten Phantasien und Affekte nun seinerseits zum „phantasmatischen" Kind (Lebovici 1983, 131) wird, dessen wahres Selbst sich gegen Übergriffe der Mutter/des Therapeuten verteidigt (Domes 1994, 201). Diskutiert und untersucht werden muss hinsichtlich der Gegenübertragungsanalyse also auch, welche Gegenübertragung dieser Übertragung vorausgeht, d.h. ob und inwieweit in der Patient-Therapeut-Interaktion u.U. eine Übertragung unbewusster Phantasien oder Affekte des Therapeuten stattfindet bzw. induziert wird.Zugleich stützt dieses Modell die Vermutung, durch das „Überfliessen" könne auch die Illusion ursprünglicher Einheit (Feiton 1985), wie sie in der 2. Kasuistik als phantasmatischer Symbiosewunsch diffus-polymorpher Gemeinsamkeit beschrieben wurde, herzustellen versucht werden. Es ist eine symbiotische Phantasie, die aus den frühen pathologischen Beziehungen, keineswegs einer normalen Symbiosephase des Patienten herrührt und als „Flucht in die Symbiose" zu verstehen ist (Domes 1994, 77). Denn jenseits des Symbolischen bildet auch diese (gemeinsame?) präverbale Geruchserfahrung jene Art „imaginären Klebstoff, der Analysant und Analytiker aneinander bindet" (Widmer 1990, 156), gerade hierüber jene Angst bindet, wie sie aus als gefährlich empfundener Selbständigkeit des Patienten entsteht (Domes 1994, 76). Das Übertragungsangebot an diese Patienten könnte demzufolge in der Tat in der von Benedetti (1991, 204-206) beschriebenen „Osmose" bestehen, in der Therapeut einen Teil der negativen inneren Objekte des psychotisch strukturierten Patienten identifikatorisch übernimmt, um im psychotischen Übertragungsgeschehen eine affektive Entlastung anzubieten und durch die Wiederholung einen neuen Prozess nachträglicher Symbolisierung in Gang zu setzen bzw. zu steuern.

64

65

Psychotische Übertragung - Übertragungsperversion Wesentlich erscheint in diesem Zusammenhang, dass es bei den hier behandelten olfaktorischen Übertragungsphänomenen nicht immer um eine psychotische Übertragung handeln muss. Zu untersuchen bliebe bspw. für das Fallbeispiel 2 auch, ob es sich um eine spezielle Form der Übertragungsperversion handelt (Denzler 1991, 342). Denn diese stellt -wie die Kasuistik andeutet -eine Regression auf ein polymorph-perverses Strukturniveau dar. Das heisst, diese olfaktorischen Übertragungs-Gegenübertragungs-Phänomene sind Ausdruck einer Urwiederholung sensorischer Affekte aus pathogenen frühkindlichen Beziehungen und nicht von Abwehrmechanismen auf einem erwachsenen Strukturniveau: „Es ist eine Übertragung, in der das phantasmatische Objekt nicht mehr allein der Analytiker ist, sondern auch seine Funktion, oder besser gesagt: der analytische Prozess. Die Analyse ist wie ein Fetisch, der das Gefühl von Ganzheit und libidinöser Befriedigung garantiert" (Denzler 1991, 342-343). Verfolgt man das Fallmaterial im Kontext der Fachliteratur zu olfaktorischen Missempfindungen, so findet sich offensichtlich häufig eine paranoid-traumatisierte Entwicklung, z.T. situativ eine panisch-geängstigte Grundstimmung dieser bedrohten Patienten (Videbrech 1966), mit der die Selbst-XFremd-Wahrnehmung des Therapeuten korrespondiert. Als psychotische wie als pervertierte Übertragung gefährden die Fremdheit wie die affektive Intensität den Therapeuten derart, dass er u.U. einerseits nicht mehr frei assoziieren, andererseits nicht mehr i.S. der Realitätsprüfung verlässlich denken kann, weil seine Denkabläufe durch das, „was Bion (1967) den Angriff auf die Verbindungen (,attacks on linking') nennt", gestört werden (Denzler 1991, 345). Denn im Präverbalen öffnet sich die bis dahin geschlossene Abwehrstruktur, da die phantasmatische olfaktorische Anmutung als Öffnung der psychotischen Struktur des anderen ein Moment der Angst ist.
Vignette 5 Es handelt sich um die KB-Therapie einer 53jährigen Patientin, die wegen einer depressiven Störung mit zwanghaften Verarbeitungsmechanismen in Behandlung gekommen ist. In der Vorgeschichte finden sich ein sexueller Missbrauch im Alter von etwa 3 Jahren sowie fortgesetzte körperliche Misshandlungen und tödliche Bedrohungen, z.B. mit einer Axt, durch den alkoholabhängig-gewalttätigen Vater. Die Mutter wird als negierende Mutter („neglecting mother") charakterisiert. Etwa in der 150. Behandlungsstunde verspürt die Patientin beim Erinnern frühen Materials „etwas unaussprechlich Bedrohliches". Im KB zum Thema .Selbstbild' imaginiert die Patientin ihr Alter ego (Bianca), wobei die Therapeutin eingangs flüchtig einen fäkalen Geruch wahrnimmt. Nach einer bedrohlichen Sequenz, in der sich die Patientin im KB alleingelassen mit ihrer Angst konfrontiert erlebt, folgt eine Altersregression: In der Imagination ist Bianca nun 3 Jahre alt, streichelt Schwäne, macht Purzelbäume auf der Wiese. Die Patientin selbst ist keineswegs entspannt, sondern mit

den Händen unruhig, und die Therapeutin riecht zunächst einen „krassen Mundgeruch", dann eine „fäkale Wolke".

Bei der Gegenübertragungsanalyse erinnert die Therapeutin zunächst ihre Assoziation („Vor Angst in die Hose machen") zur Bedrohung: Der Geruch liess sich als „Angstgestank" verstehen, über den der Therapeutin olfaktorisch die „unaussprechliche" Angst und Bedrohung mitgeteilt wurde. In der Übertragung ist dieses Geruchsphänomen eine Form phantasmatischen Agierens analog zum angstbedingten und angstabwehrenden „Agieren von etwas noch Unaussprechlichem" in der Übertragungsperversion (Denzler 1991, 432).
Vignette 6* Einige Stunden später berichtet dieselbe Patientin eingangs von einem Engegefühl am Hals, als wenn sie etwas würge. Im KB erfolgt eine Altersregression: Sie liegt klein im Kinderbett, fühlt grosse Hände, die Hände des Vaters, um den Hals. Bei der Frage an die Patientin „Was können Sie sehen?" nimmt die Therapeutin einen fäkalen Geruch wahr. Auf die Frage „Was können Sie riechen?" beschreibt sie: „Es riecht stickig". Als sie im KB mit dem Würgegefühl konfrontiert wird, nimmt die Patientin die Hände des Vaters weg - und der Geruch verschwindet.

Im Fall der missbrauchten Patientinnen liegen die von Popella und Greger (1965, 177) beschriebenen Faktoren der Vulnerabilität und Insuffizienzgefühle sicherlich vor: Sie empfinden sich vermutlich auch als beschmutzt, besudelt, gezeichnet, was sich u.a. als projektive Wahrnehmung stinkender Gerüche manifestiert und auf den sexualsymbolischen Charakter8 der Geruchsmissempfindung des Therapeuten gerade bei diesen Patienten verweist. Denn diese in die Welt des Gegenüber „hinüberfliessenden" Gerüche beinhalten und versinnbildlichen die traumatische, grenzverletzende sexuelle Erfahrung wie das gedemütigte, beschmutzte Selbsterleben der Patienten: Erst recht gilt nun die Anmerkung Freuds (1930, 466) über die genital erzeugten „starken Geruchsempfindungen, die vielen Menschen unerträglich sind und ihnen den Sexualverkehr verleiden". Als der Verwerfung unterliegende, als u.U. präverbal und präsymbolisch noch von keiner symbolischen Umschrift verarbeitete Traumen gehören sie zu den unbewältigten, passiv erlittenen, körpernahen sensorischen Affekterlebnissen (Domes 192). Diese müssen aktiv wiederholt und im allgemeinen agiert werden, weil sie anders nicht erinnert oder ausgedrückt werden können, doch zeigt sich, dass manche dieser frühen mentalen Repräsentationen als „präsymbolische psychobiologische Aufzeichnungen" in Einzelfällen auch anders erinnert, urwiederholt und kommuniziert werden.
8 Hierzu merkt Ey (1973, 258 Fn 2) an, die phallische Symbolik der Nase und die sexuelle Symbolik der Gerüche seien miteinander verbunden (Book 1971).

66

67

Schluss: Dialyse und Symbolisierung Die in dieser „osmotischen" Kommunikation zumindest zeitweilig bzw. partiell aufgehobene Subjekt-Objekt-Differenzierung beinhaltet die Gefahr von Depersonalisationsphänomenen und entsprechend massiven Bedrohungs-A/erfolgungsängsten. Auch um diese Konfusion zu beheben bzw. ihr vorzubeugen, bedarf es einer nachträglichen Symbolisierung. Das Ziel ist, dem Patienten die Unterscheidung von dem, was zu ihm gehört, von dem, was zum Therapeuten gehört, als innere und äussere Welt zu trennen (Denzler 1991, 340). Darüber hinaus aber kommt dem rezipierenden Therapeuten u.U. eine nicht nur Realität klärende Filterfunktion zu, wie sie Benedetti (1991, 194) metaphorisch widergibt: „Die .verdorbene' Lymphe des Kranken wird durch einen dialytischen Prozess .entgiftet', wird von der .psychischen Lymphe' des Therapeuten gereinigt." Mit den flüchtigen Geruchsmissempfindungen begegnen sich Therapeut und Patient in einem passager psychotisch strukturierten Übergangsraum: In ihm fallen in der Terminologie Lacans die drei Register des Realen, Imaginären und Symbolischen zusammen, wenn sich in der olfaktorischen Halluzination „das Nicht-Bejahte, Verworfene, der Mangel im Symbolischen und die Unbestimmtheit des Realen zeigen" (Widmer 1990, 152). Voraussetzung hierfür ist allerdings, so Pohlen und Wittmann (1980, 60), „das tatsächliche Loslassen der eigenen inneren Objekte im aktuellen Wahrnehmungsprozess. Es ist das Loslassen der eigenen inneren Objekte; dieses Loslassen ruft eine Angst hervor, die Angst aus der Interferenz, aus dem Rhythmus mit den eigenen primären Objekten herauszufallen". Zugleich aber leitet diese - gemeinsame - Erinnerung einer ursprünglichen Erfahrung als dialektisch verschränkte präverbale und verbale Phantasie situativ die hoffnungsvolle Inszenierung einer - zunächst olfaktorisch noch völlig unstrukturierten - Gegenwelt als rudimentären Kern einer „Gegenwelt des Möglich-Neuen" ein.

Literatur ADLER, M. (1979): Physiologische Psychologie. Biologische Grundlagen von Erleben und Verhalten. Teil II: Spezielle Funktionssysteme. Enke, Stuttgart Anzieu, D. (1991 [1985]): Das Haut-Ich. Suhrkamp, Frankfurt a.M. ARLOW, J.A. (1969): Phantasie, Erinnerung und Realitätsprüfung. In: Psyche 22 881-899 BENEDETTI, G. (1991): Todeslandschaften der Seele. Psychopathologie, Psychodynamik und Psychotherapie der Schizophrenen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen BION, W.R. (1984 [1967]): Attacks on Linking. In: Bion, W.R. Second Thoughts. Maresfield, London 93-109 [zitiert nach Denzler (1991) a.a.O., 345]
3 -O 01

BITTNER, G. (1986): Vernachlässigt die Psychoanalyse den Körper? In: Psyche 40 709-734 BOOK, H.E. (1971): Sexual implications of the nose. In: Compreh. Psych. 12 5, 450-455 BOWLBY, J. (1991 [1980]): Verlust, Trauer und Depression. Fischer, Frankfurt a.M. BRILL, A.A. (1932): The sense of smell in the neurosis and psychosis. In: Psychoanalytic Quarterly 1, 7-42 BROMBERG, W.; SCHILDER, P. (1934): Olfactory imagination and olfactory hall. In: Arch. Neuro-Psych. 32, 467-492 CARROL, (1989 [1896]): Alice im Spiegelland. Goldmann, München CONNOLY, F.H.; GITTLESON, N.L. (1971): The relationship between delusion of sexual changes and olfactory and gustatory hall in schizophrenia. In: Brit. J. Psychiatry 119, 443^144 CORBIN, A. (1984 [1982]): Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs. Wagenbach, Berlin DE BOOR, C. (1965 [1964]): Strukturunterschiede unbewusster Phantasien bei Neurosen und psychosomatischen Krankheiten. In: Psyche 18, 664-673 DELAY, J.; PICHOT, P. (1971 [1967]): Medizinische Psychologie. DTV/Thieme, Stuttgart DENZLER, B. (1991): Übertragung ohne Grenze oder die Grenzen der Übertragung. In: Zeitschr. f. psychoanal. Theorie und Praxis VI 3, 335-347 DERRIDA, J. (1979 [1976]): FORS. Die Winkelwörter von Nicolas Abraham und Maria Torok. In: Abraham, N.; Torok, M. 1976: Kryptonymie. Das Verbarium des Wolfsmanns. Ullstein, Frankfurt a.M./Berlin/Wien 6-58 DEVEREUX, G. 1967: Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. Hanser, München (o.J.) DEVEREUX, G. (1984 [1972]): Ethnopsychoanalyse. Die komplementaristische Methode in den Wissenschaften vom Menschen. Suhrkamp, Frankfurt a.M. DORNES, M. 1994: Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Fischer, Frankfurt a.M. 1994 DUNCKER, H.; KULHANEK, F. (Hrsg.) (1987): Syndromatik der Neurosen und Psychosen. Schwarzeck, München ELIAS, N. (1990 [1969]): Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Zweiter Band: Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. Suhrkamp, Frankfurt a.M. , ENGEN, T.; ROSS, B.M. (1973): Long-term memory of odorswith and without verbal descriptions. In: J. exp. Psychol. 100: 2, 221-227 EY, H. (1973): Traite des hallucinations. Tome 1. Masson, Paris FELTON, J. (1985): Persönliche Mitteilung [zitiert nach: Rosenfeld, H.A. (1990) a.a.O., 249-255 Fn 4, 372-376] FREUD, S. (1895 [1955]): Studien über Hysterie. In: GW l. Imago, London 75-312

68

69

FREUD, S. (1955 [1905a]): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. In: GW V. Image, London 27-145 FREUD, S. (1955 [1905a]): Bruchstück einer Hysterie-Analyse. In: GWV. Imago, London 161-286 FREUD, S. (1955 [1909]): Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. In: GW VII. Imago, London 379-^68 FREUD, S. (1955 [1912]): Ratschläge für den Arzt in der psychoanalytischen Behandlung. In: GW VIII. Imago, London 375-387 FREUD, S. (1955 [1930]): Das Unbehagen in der Kultur. In: GW XIV. Imago, London 419-506 FRITH, C.D. (1979): Consciousness, information processing and schizophrenia. In: Brit J. Psychiat. 134, 225-235 FROMM, E. (1974 [1973]): Anatomie der menschlichen Destruktivität. DVA, Stuttgart GATTAZ, W.F.; HAAS, F. (1982): Eigengeruchshalluzinose und die Geruchstrugwahrnehmungen bei endogenen Psychosen. In: Fortschr. Neurol. Psychiat. 50, 67-72 GOLDBERG, L. (1979): Remarks on the transference-countertransference in psychotic states. In: Int J. Psycho-Anal. 60, 347-356 GOLDSCHMIDT, G.-A. (1988): Quand Freud voit la mer. Freud et la langue allemande. Buchet/Castel, Paris GOLDSTEIN, K. (1908): Zur Theorie der Hallucinationen. In: Arch. Psychiat. 44, 584-655 und 1036-1106 GOLDSTEIN, K. (1913): Weitere Bemerkungen zur Theorie der Halluzinationen. In: Z ges. Neurol. Psychiat. 14, 502-544 GRIMM, J.; GRIMM, W. (1991 [1854]): Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Band 1-33. DTV, München GRODDECK, G. (1983 [1931]): Massage. In: Groddeck, G. (1983) Krankheit als Symbol. Schriften zur Psychosomatik. Fischer, Frankfurt a.M. 218-225 GRUNBERGER, B. (1988 [1984]): Von der Reinheit. In: Grunberger, B. 1988: Narziss und Anubis. Die Psychoanalyse jenseits der Triebtheorie Band 2. Verlag Internat. Psychoanalyse, München/Wien 111-131 HABECK, D. (1965): Beitrag zur Geruchshalluzinose mit Beziehungswahn. In: Arch. Psychiat. ges. Neurol. 207, 315-320 HENSEL, H. (1966): Allgemeine Sinnenphysiologie. Hautsinne, Geschmack, Geruch. Springer, Berlin/Heidelberg/New York ISAACS, S. (1948): The nature and function of phantasy. In: Int J. Psychoanal. 29, 73-97 JAYNES, J. (1988 [1976]): Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammen bruch der bikameralen Psyche. Rowohlt, Reinbek

KLAGES, W.; KLAGES, l. (1964): Zur Psychologie und Psychopathologie des Geruchssinnes. In: Arch. Psychiat Neurol. 205, 37-48 KLAGES, W.; KLAGES, L; A.M. ANIS (1967): Zur Psychopathologie des Geruchssinnes im Rahmen schizophrener Psychosen. In: Arch. Psychiat. Neurol. 209, 161-173 KOBBF., U. (1995 [1994]): Die vertikale Richtung der narzisstischen Apokalypse. In: WsFPP 2, 1 (in Vorbereitung) LAPLANCHE, J.; PONTALIS, J.-B. (1964): Fantasme originaire, fantasmes des origines, origine du fantasme. In: Les temps modernes 215, 1833-1868 LEBOVICI, S. (1986 [1983]): Bemerkungen zum Begriff der phantasmatischen Interaktion. In: Logner, H. (Hrsg.) Psychoanalyse heute. Festschrift zum 60. Geburtstag von Harald Leupold-Löwenthal. Orac, Wien 121-138 LOCH, W. (1965): Voraussetzungen, Mechanismen und Grenzen des psychoanalytischen Prozesses. Huber, Bern MACFARLANE, A. (1974): Olfactation in the development of social preferences in the human neonate. In: Ciba (Eds.) Parent-lnfant-lnteraction. Ciba Foundation Symposium 33 (New Series). Eisevier, North Holland 103-117 MARGOLIN, S.G. (1953): Genetics and dynamic psychological determinants of pathophysiological processes. In: Deutsch, F. (Hrsg.) The psychosomatic concept in psychoanalysis. Intern. Univ. Press, New York [zitiert nach de Boor (1964) a.a.O., 669-670] NOGU£, J. (1936): Essai d'une description du monde olfactif. In: J. de Psychologie, 230-275 [zitiert nach Ey (1973) a.a.O., 250] POHLEN, M.; WITTMANN, L. (1980): „Die Unterwelt bewegen" Versuch über Wahr nehmung und Phantasie in der Psychoanalyse. Syndikat, Frankfurt a.M. POPELLA, E.; GREGER, J. (1965): Geruchswahn und Geruchshalluzinose. In: Psychiat. Neurol., Basel 149, 171-181 RACKER, H. (1982 [1959]): Übertragung und Gegenübertragung: Studien zur psychoanalytischen Technik. Reinhardt, München/Basel REIK, TH. (1990 [1948]): Hören mit dem dritten Ohr. Die innere Erfahrung eines Psychoanalytikers. Fischer, Frankfurt a.M. ROSENFELD, H.A. (1990 [1987]): Sackgassen und Deutungen: Therapeutische und antitherapeutische Faktoren bei der psychoanalytischen Behandlung von psychotischen, Borderline- und neurotischen Patienten. Verlag Internat. Psychoanalyse, München/Wien RUBERT, S.L.; HÜLLENDER, M.H.; MEHRHOF, E.G. (1961): Olfactory hallucinations. In: Arch. Gen. Psychiat. 5, 121-126 bzw. 313-318 SCHÄFER, M.L. (1983): Zur Phänomenologie abnormer Leiberlebnisse. In: Psychiatra clin. 16, 378-390 SCHAFER, R. (1970): The psychoanalytic vision of reality. In: / Psych-Anal. 51, 279-297

70

71

SCHARFETTER, C. (1985): Allgemeine Psychopathologie. Thieme, Stuttgart SCHNEIDER, K. (1980): Klinische Psychopathologie. Thieme, Stuttgart SIEFERT, H. (1983): Editorische Vorbemerkung. In: Groddeck, G. a.a.O., 218 SPITZER, M. (1988): Halluzinationen. Ein Beitrag zur allgemeinen und klinischen Psychopathologie. Springer, Berlin/Heidelberg/New York SÜSKIND, P. (1985): Das Parfüm. Die Geschichte eines Mörders. Diogenes, Zürich TODD, J. (1955): The syndrome of Alice in Wunderland. In: Canad. M.AJ. 73, 701-704 TUSTIN, F. (1989 [1981]): Autistische Zustände bei Kindern. Klett, Stuttgart VIDEBECH, T. (1966): Chronic olfactory paranoid syndromes. In: Acta Psychiatrica Scandinavica 42, 183-213 WALTER, K. (1962): Über mitweltabhängige Eigengeruchs-,,Halluzination" mit Beziehungswahn. In: Nervenarzt 33, 325-326 WIDMER, P. (1990): Subversion des Begehrens. Jacques Lacan oder Die zweite Revolution der Psychoanalyse. Fischer, Frankfurt a.M. WINNICOTT, D.W. (1974 [1965]): Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Kindler, München

72

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful