Friedrichs letzter Weg

Friedrich sitzt in seiner Zelle und wartet darauf, dass er zu seinem letzten Weg abgeholt wird. Doch seine Gedanken sind nicht bei dem, was ihm unabwendbar bevorsteht, nein, sie sind bei seiner Freundin, mit der er bald wieder vereint sein wird. Sobald sich die Tür öffnet, wird dies geschehen. Friedrichs Schicksal begann mit der Grundgesetzänderung, die den umfassenden Einsatz der Bundeswehr im Inneren ermöglichte. Das vorher heftig umstrittene Gesetz wurde nach dem Ausbruch von Unruhen schnell und einstimmig von Bundestag und Bundesrat parallel an dem selben Tag beschlossen. Noch am Abend dieses Tages rief die Bundesregierung den Ausnahmezustand aus und hob im gleichen Zug alle Freiheitsrechte der Bürger auf. Am nächsten Tag wurde aus den Unruhen, die sich an den Massenentlassungen und der folgend schnell steigenden Arbeitslosigkeit entzündeten, ein Flächenbrand. Die Abschaffung des Kündigungsschutzes und die allgemeine Halbierung der Löhne, die als Maßnahmen für mehr Beschäftigung und Wohlstand auf den Weg gebracht wurden, führten zu Demonstrationen mit teilweise schweren Ausschreitungen. Die anhaltende Diskussion über den Vorschlag der Arbeitgeberverbände, die Sklaverei, verharmlosend als »Initiative für Arbeit durch Leibeigenschaft« umschrieben, für Langzeitarbeitslose einzuführen, war der Funke, der das Fass zum explodieren brachte. Die Bevölkerung füllte die Straßen und forderte den Rücktritt der Regierung, sowie die Auflösung aller an den Gesetzen beteiligten Palmarmente. Nachdem die Auseinandersetzungen immer mehr an Gewalt zunahmen und den Steinen Brandsätze folgten, setzte die Regierung ihren neugeschaffenen Trumpf ein. Panzer rollten durch die Straßen und die wütende Menge wurde durch den Einsatz schwer bewaffneter Infanterie zurückgedrängt. Einer dieser Infanteristen war Friedrich. Vor einem halben Jahr als Wehrpflichtiger eingezogen, hatte er sich bereits auf seine Entlassung gefreut. Diesen Tag wollte er zusammen mit seiner Freundin Katharina feiern. Doch durch die Ausrufung des nationalen Notstandes wurde die Wehrpflicht auf unbestimmt Zeit verlängert und Reservisten zu den Waffen gerufen. Friedrich stand in seiner Reihe und dachte nur an Katharina, nach der er sich so sehr sehnte. Die Woge der unzufriedenen Menschen brandete gegen die Reihen der Soldaten. Die Demonstranten forderten die Soldaten auf, ihre Waffen niederzulegen und sich mit dem Volk zu solidarisieren. In der vordersten Reihe der Demonstranten entdeckte Friedrich Katharina. Sein Herz schlug schneller. »Kathi!« rief er und winkte aufgeregt. »Friedrich?« rief Katharina zögernd zurück. »Friedrich!« Sie drängelte sich durch die Menschenmenge, auch Friedrich verließ seine Reihe und lief auf sie zu. Hinter ihm löste sich ein Schuss und Katharina blieb wie von einem Blitz getroffen stehen. Ihr weißes Shirt färbte sich rot. Sie fiel nach hinten und schlug in dem Augenblick auf dem Boden auf, an dem Friedrich sie erreichte. »Zurück ins Glied, Soldat!« brüllte ein Offizier, der seine rauchende Pistole auf Friedrich richtete. »Sofort!« Friedrich war nie ein guter Schütze gewesen, doch der einzige Schuss, den er abgab, traf und der Kopf des Offiziers zerplatzte wie eine herabfallende Melone auf der

Straße. Noch bevor Friedrich sich von Katharina verabschieden konnte, trafen ihn die Kolben der Sturmgewehre seiner Kameraden und Dunkelheit nahm Besitz von ihm. Der Prozess, den man ihm machte, war kurz und hätte keiner rechtstaatlichen Prüfung standgehalten. In einem reinen Schauprozess wurde er wegen Befehlverweigerung und Tötung eines Vorgesetzten zum Tode verurteilt. Niemand interessierte, was Friedrich dazu veranlasst hatte, er wurde nicht einmal angehört. Obendrein erklärte ihn das Militärgericht für das Massaker verantwortlich, das er durch seine Tat verursacht haben sollte. Durch die Eskalation der Lage habe sich der Befehlshaber genötigt gesehen, den Schießbefehl zu erteilen. Friedrich wurde so auch der Tot von mehr als zweitausend Zivilisten angelastet. Doch das alles interessierte Friedrich nicht mehr, für ihn war sein Leben sinnlos und leer geworden. Heute ist der Tag der Hinrichtung. Friedrich wird aus seiner Zelle geholt und auf den Hinrichtungsplatz geführt, wo das Exekutionskommando bereits auf ihn wartet. »Hast du noch etwas zu sagen?« fragte der Offizier, der Friedrich die Augen verbindet, harsch. Friedrich schüttelt stumm seinen Kopf. Als der Befehl an die Schützen ergeht, anzulegen, flüstert er noch ein letztes mal: »Kathi,« bevor die Kugeln seinen Körper durchsieben.

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©2005 Dirk Schulte am Hülse
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