Hannes - ein perfektes Verbrechen

Hannes versteht die Welt nicht mehr. Wegen Mordes ist er verurteilt worden, er soll einen Menschen getötet haben, etwas was er nie in seinem Leben tun würde. Doch die Staatsanwaltschaft sah das anders und auch das Gericht folgte dieser Ansicht, ebenso die Öffentlichkeit, die einen Schuldigen präsentiert bekommen wollte. Der einzige und, ihrer Ansicht nach, unwiderlegbare Beweis, den die Staatsanwaltschaft vorlegte, waren DNA-Spuren, die am Tatort gefunden wurden. Spuren, die aus dem an den Zigarettenstummeln, die neben der Blutlache der Leiche lagen, haftenden Speichel extrahiert wurden. Ein Abgleich mit der umfassenden DNA-Datenbank, die im Zuge der allgemeinen Kriminalitätsbekämpfung angelegt wurde, ergab, dass das Genmaterial von Hannes stammte. Weitere offensichtliche Spuren gab es auf dem, schon seit Tagen gefrorenen, Boden keine, eine Suche im weiteren Umkreis hielten die Ermittler aufgrund der Zigarettenstummel für unnötig. Von Seiten der Polizei wurde die Ermittlungsakte geschlossen und für die Staatsanwaltschaft, das Gericht und die aufgewühlte Öffentlichkeit stand fest: Hannes war der Täter. Für den Tatabend hatte Hannes kein Alibi, niemand hatte ihn zur Tatzeit gesehen. Was auch klar war, Hannes hatte sich im Fernsehen einen Film angesehen, so wie über zwei Millionen anderen Menschen im Lande auch. Die fünfte Wiederholung in zwei Jahren, aber ein guter Film bleibt gut und sehenswert, so hatte Hannes gedacht. Es war sein letzter Film in Freiheit gewesen. Wäre er an diesem Abend, so wie sonst, in die Kneipe gegangen, wäre er ein Riesenproblem ärmer und die Polizei einen unaufgelösten Fall reicher. Dass er das Opfer gar nicht gekannt hatte und auch niemand ihn je in der Nähe des Tatorts gesehen hatte, wurde nur strafverschärfend ausgelegt, aber nie hinterfragt. Die Presse hatte sich auf den Fall gestürzt und forderte, dass „die unberechenbare Bestie“ für immer „weggesperrt“ werden müsste. Ein Boulevardblatt hatte sogar gefordert, für solch eine Bluttat wieder die Todesstrafe wieder einzuführen. Alle hatten sich ihm abgewandt, seine Freunde, Kollegen und auch seine Familie. Kein Mensch wollte mehr etwas mit ihm zu tun haben, man leugnete Hannes oder mied ihn. Selbst sein Anwalt schien ihm aus dem Wege zu gehen. Das Urteil war hart, Hannes wurde zu lebenslänglicher Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteil. Zacharias erfuhr das Urteil aus den Zwanzig-Uhr-Nachrichten. Er nahm einen Schluck Whisky, lehnte sich entspannt zurück und grinste. Der Prozess war gut für ihn verlaufen, irgendein armer Kerl ist für den Mord an seiner Frau verurteilt worden und er, der trauernde Witwer, genoss vollkommen unverdächtig das Mitgefühl der Bevölkerung. Und natürlich auch seine neugewonnene Freiheit, nach der er sich schon seit langem gesehnt hatte. Nicht zu vergessen, dass er die Kosten einer Scheidung gespart hatte, die ihn sonst ruiniert hätte. Sich aus einer Kneipe ein paar ausgedrückte Zigaretten zu besorgen war nicht schwer gewesen. Zacharias musste nur darauf achten, dass sie alle von der selben Person stammten, er sie nicht berührte und kalt lagerte. Am nächsten Abend verließ Zacharias heimlich sein Büro und lauerte seiner reichen, aber ungeliebten Frau im Wald auf. Er kannte ihre Angewohnheit, am Abend einen Spaziergang durch das nahegelegene Wäldchen zu machen, und hatte nie vergessen, sie in der Öffentlichkeit immer wieder besorgt auf die Gefahren hinzuweisen. Als

wenn er sich wirklich Gedanken um sie gemacht hätte. Er ergriff einen starken Ast und schlug mit aller Kraft zu. Seine Frau stürzte augenblicklich zu Boden und unter ihrem Körper bildete sich auf dem Frostboden schnell eine große Blutlache. Zacharias verteilte noch schnell die Kippen und kümmerte sich dann wieder um sein Alibi. Offiziell war er immer noch in der Firma, die Bilder der Überwachungskamera hatte er vorsorglich schon einmal manipuliert. Zu diesem Zeitpunkt würde die Aufzeichnung zeigen, wie er sich aus der Küche einen Kaffee holt. Am späten Abend meldete er dann in scheinbarer Sorge seine Frau als vermisst und suchte zusammen mit den eingetroffenen Polizisten den Wald ab. Dort fanden sie seine Frau und Zacharias spielte eindrucksvoll den schockierten Ehemann. Ebenso wie sein herzergreifender Abschied bei der Beerdigung, von der die Presse bis ins kleinste Detail berichtete. Der Schauspielunterricht in seiner Jugend hatte sich bezahlt gemacht. Genauso wie seine Verbindungen zur Staatanwaltschaft, ein alter Freund hatte ihm auf einer Feier erzählt, dass DNA-Spuren am Tatort immer dem Täter zugeordnet und nicht weiter hinterfragt werden. Der nachfolgende Prozess wird eigentlich nur noch als eine Formsache angesehen, auf die die Richter bestehen. Sonst würde die gesellschaftliche Stellung des Richters herabgesetzt, so befürchten sie und das wolle man sich auch nicht bieten lassen. Ansonsten war die Verurteilung ein reiner Automatismus. Wichtige Informationen für Zacharias, auf denen er seinen Plan aufbaute. Zacharias lachte. Er hatte das System ausgenutzt und das perfekte Verbrechen begangen. Perfekt für ihn.

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©2005 Dirk Schulte am Hülse
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