Phasengeschwindigkeit

©2006 Dirk Schulte am Hülse
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Vernehmungsprotokoll AZ.93-10052007-1200 Datum: 21.05.2007 Uhrzeit: 10:15 Beamter: Kriminalobermeister Müller Vernommener: Wolfgang Brenneisen (Beschuldigter) Müller: Herr Brenneisen, Sie werden des organisierten Betruges zu Lasten der staatlichen Lottogesellschaft beschuldigt. Als Beschuldigter steht Ihnen ein Aussageverweigerungsrecht zu, wenn Sie aussagen, müssen Sie nicht die Wahrheit sagen. Haben Sie das verstanden? Brenneisen: Ja. Müller: Möchten Sie zur Sache aussagen? Brenneisen: Ja. Müller: Gut. Wie haben Sie und Ihre Komplizen, (Anmerkung: Irene Brenneisen (Ehefrau) / Dr. Alfred Göder) die Lottoziehungen manipuliert? Brenneisen: Gar nicht. Müller: Und wie erklären Sie, dass Sie und Ihre Komplizen in den letzten drei Monaten immer die 6 Richtigen tippten? Die Wahrscheinlichkeit für einen Sechser beträgt ungefähr 10
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Milliarden zu 1. Mehrmals hintereinander ist praktisch unmöglich. Brenneisen: Wir hatten einfach nur Glück, würde ich sagen. Das ist alles. Alfred hat so einen komischen Apparat gebaut, er meinte, dass sich das nie irren kann. Hab’ ich nie geglaubt. Jedenfalls hat er uns kurz vor Annahmeschluss die Zahlen am Handy gesagt. Irene hat dann angekreuzt und abgegeben. Fragen Sie ihn doch, ich habe keine Ahnung. Müller: Wie wurden die Gewinne verteilt? Brenneisen: Irene und ich die eine Hälfte, Alfred die andere. Müller: Und warum hat Herr Göder Sie und Ihre Frau zu Teilhabern seiner „sicheren“ Tippgemeinschaft gemacht? Brenneisen: Er hat gesagt, so würde es weniger auffallen. Außerdem mussten einige Plastikteile gefräst werden, das hab’ ich gemacht. Der kriegt so was nicht hin. Müller: Aufgefallen sind Sie trotzdem. Brenneisen: Ja, aber nur weil Irene mal wieder den Hals nicht voll kriegen konnte. Mit dem ersten Gewinn hätten wir alle ausgesorgt, aber nein, sie wollte mehr. Aber wir haben nichts manipuliert. Ehrlich nicht!
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Müller: Ist das alles, was Sie zu sagen haben? Brenneisen: Ja. Sie wollen mir nur etwas in die Schuhe schieben. Ich sage nichts mehr ohne Anwalt!

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Gesprächsprotokoll AZ.93-10052007-1200 Datum: 21.05.2007 Uhrzeit: 10:35 Teilnehmer: Kriminalobermeister Müller, Kriminalhauptmeisterin Schubert, Kriminalmeister Albrecht, Kriminalmeister Wichert Müller: Recht wenig, was der Brenneisen ausgesagt hat. Scheint so, als wenn er nur Mittäter war. Schubert: Bevor wir das beurteilen, sollten wir erst einmal seine Frau vernehmen. Werner, habt ihr bei der Hausdurchsuchung was gefunden? Wichert: Nein, nichts besonderes. Nur die Lottoscheine, bei denen ist immer nur ein Kästchen ausgefüllt. Als wenn sie gewusst hätten, welche Zahlen gezogen würden. Müller: Haben sie anscheinend auch. Die Frage ist nur, wie haben die das manipulieren konnten. Wurde der Notar überprüft? Albrecht: Ja, der ist sauber. Der macht seinen Job schon seit Jahren und aus seiner Familie ist auch niemand verschwunden. Seine Konten waren auch ok. Also, der Notar scheidet aus. Müller: Die anderen? Das Aufnahmeteam?

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Albrecht: Scheiden auch aus. Der Notar ist vor der Ziehung der letzte, der an dem Gerät dran ist. Schubert: Also warten wir das Verhör von Frau Brandeisen ab. Wann soll Göder vernommen werden? Müller: Heute nachmittag. Ich glaube er ist der Kopf der Bande. Albrecht: Wie kommst du nur darauf, Norbert? Weil er Doktor ist? Was eigentlich für einer? Schubert: Doktor der Physik. Der kann dich nicht krankschreiben. Albrecht (lacht): Schade! Wäre ganz praktisch. Müller: Jetzt mal ohne Witze. Marianne und ich werden gleich die Brenneisen verhören. Danach treffen wir uns wieder. Ihr beiden könnt mal nachfragen, ob es neues vom Ziehungsgerät gibt.

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Vernehmungsprotokoll AZ.93-10052007-1200 Datum: 21.05.2007 Uhrzeit: 10:50 Beamte: Kriminalobermeister Müller / Kriminalhauptmeisterin Schubert Vernommene: Irene Brenneisen (Beschuldigte) Müller: Frau Brenneisen, Sie werden des organisierten Betruges zu Lasten der staatlichen Lottogesellschaft beschuldigt. Als Beschuldigte steht Ihnen ein Aussageverweigerungsrecht zu, wenn Sie aussagen, müssen Sie nicht die Wahrheit sagen. Haben Sie das verstanden? Brenneisen: Ja, habe ich. Müller: Möchten Sie zur Sache aussagen? Brenneisen: Ja, das möchte ich. Müller: Frau Brenneisen, Ihr Mann sage aus, dass Sie nichts an den Ziehungen manipuliert hätten. Stimmt das? Brenneisen: Ja, das stimmt. Wir haben nur getippt. Müller: Wie lief denn das Tippen so ab?

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Brenneisen: Wolfi und ich waren immer 5 Minuten vor Annahmeschluss in einem Kiosk und warteten auf Alfreds Anruf. Der hat uns dann die Zahlen gesagt und wir haben die angekreuzt. Müller: Sonst nichts? Brenneisen: Nein. Woher Alfred die Zahlen hatte, weis ich nicht. Müller: Ihr Mann sagte, Herr Göder hätte einen komischen Apparat gehabt. Können Sie das bestätigen? Brenneisen: Keine Ahnung. Vielleicht in seiner Wohnung. Ich war dort nie. Müller: Was meinen Sie, Frau Brenneisen, warum hat Herr Göder Sie und Ihren Mann zu Teilhabern seiner „sicheren“ Tippgemeinschaft gemacht? Brenneisen: Er hat was von unauffällig gesagt, ich habe nicht so genau hingehört. Aber das Geld konnten wir gut brauchen. Müller: Woher kennen Sie Herrn Göder? Brenneisen: Der ist ’n Kollege von meinem Mann. Ich habe ihn mal auf einer Weihnachtsfeier getroffen.

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Müller: Frau Brenneisen, hatten Sie ein Verhältnis mit Herrn Göder?? Brenneisen (empört): Nein! Wo denken Sie hin? So eine bin ich nicht! Schubert: Das glauben wir auch nicht. Ist so eine Standartfrage. Müller: Warum haben Sie nach dem ersten Millionengewinn nicht aufgehört? Brenneisen: Warum sollten wir? Hat doch gut geklappt. Und Alfred meinte, das sei alles legal. Müller: Das sieht die Lottogesellschaft aber anders. Na gut, entscheiden tut einRichter. Ich danke Ihnen, Frau Brenneisen.

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Gesprächsprotokoll AZ.93-10052007-1200 Datum: 21.05.2007 Uhrzeit: 10:35 Teilnehmer: Kriminalobermeister Müller, Kriminalhauptmeisterin Schubert, Kriminalmeister Albrecht, Kriminalmeister Wichert Müller: Werner, Fritz, was ist mit dem Ziehungsgerät? Wichert: Ist ok. Keine Unstimmigkeiten. Schubert: Habe ich befürchtet. Müller: Schön Marianne, wenn du eine Idee hast, lass es uns wissen. (Anmerkung: Kriminalhauptmeisterin Schubert schüttelt Kopf.) Hat sonst jemand eine Idee? Albrecht: Können die nicht wirklich so ein Riesenglück gehabt haben? So unwahrscheinlich es ist, wäre es trotzdem nicht möglich? Müller: Dass sollen wir ja feststellen. Wichert: Wo wir beim Thema Wahrscheinlichkeit sind, es gibt doch diese Systeme, die auf Wahrscheinlichkeitsrechnung basieren. Vielleicht haben die das ausgerechnet?

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Schubert: Dann wäre ich schon lange reich. Ich habe ein Programm, das so arbeitet. Aber beide haben von einem Apparat gesprochen. Wurde so einer bei der Wohnungsdurchsuchung von Göder beschlagnahmt? Albrecht: Laut Bericht nicht. Aber wahrscheinlich hat niemand danach gesucht. Mehr nach Unterlagen und Hinweisen auf Beeinflussung der Ziehung. Müller: Wir sollten uns Göders Wohnung noch mal ansehen. Danach nehme ich mir ihn vor.

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Gesprächsprotokoll AZ.93-10052007-1200 Datum: 21.05.2007 Uhrzeit: 16:40 Teilnehmer: Kriminalobermeister Müller, Kriminalhauptmeisterin Schubert, Kriminalmeister Albrecht, Kriminalmeister Wichert Müller: So, Göder ist gleich dran. Was haben wir? Schubert: Nichts. Absolut nichts. Müller: Das ist schlecht. Was ist mit dem Apparat? Wichert: Ist ’n komisches Gerät. Macht alles keinen wirklichen Sinn. Aber unsere Techniker sind dran. Müller: Gibt es einen vorläufigen Bericht? Albrecht: Liegt auf deinem Tisch. Müller: Ok, dann bis morgen.

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Vernehmungsprotokoll AZ.93-10052007-1200 Datum: 21.05.2007 Uhrzeit: 17:00 Beamter: Kriminalobermeister Müller Vernommener: Dr. Alfred Göder (Beschuldigter) Müller: Herr Göder... Göder: Dr. Göder. Müller: Also, Herr Dr. Göder, Sie werden des organisierten Betruges zu Lasten der staatlichen Lottogesellschaft beschuldigt. Als Beschuldigter steht Ihnen ein Aussageverweigerungsrecht zu, wenn Sie aussagen, müssen Sie nicht die Wahrheit sagen. Haben Sie das verstanden? Göder: Ja. Müller: Möchten Sie zur Sache aussagen? Göder: Eigentlich gibt es nichts dazu zu sagen. Müller: Wieso nicht?

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Göder: Weil wir keinen Betrug begangen haben. Wenn man die richtigen Zahler getippt hat, hat man gewonnen. So läuft das. Ganz einfach. Müller: Prinzipiell schon. Aber nicht drei Monaten hintereinander. Göder: Hat die Lottogesellschaft etwa keine Lust zu zahlen? Müller: Herr Brenneisen hat ausgesagt, dass Sie ihm und Frau Brenneisen die Zahlen kurz vor Annahmeschluss per Handy durchgegeben haben? Göder: Richtig. Und ist das ein Verbrechen? Müller: Woher haben Sie die Zahlen? Göder (zeigt auf seinen Kopf): Daher. Müller: Herr Brenneisen hat behauptet, Sie hätten einen Apparat dafür gehabt. Göder: Ja, habe ich. Ich vermute, dass Sie und Ihre Kollegen bereits meine Wohnung durchsucht haben.

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Müller: Ja, haben wir. Und wir haben auch einen komischen Apparat gefunden. Göder (lacht): Ja, komisch dürfte der für fast alle auch sein. Für wenige andere genial. Müller: Wie soll ich das verstehen? Göder: Habe Sie schon Ihre Techniker darauf losgelassen? Müller: Die Untersuchungen laufen noch. Die vorläufige Beschreibung spricht von ein paar LEDs, Kunststoffblöcken und ICs. Über die Funktion steht dort nichts drin. Göder: Mal sehen, ob die dahinter kommen. Und jetzt können Sie mich wieder in meine Zelle zurückbringen. Ich möchte gerne Essen. Ach ja, wie lange werde ich noch in U-Haft bleiben müssen? Müller: Solange, bis die Ermittlungen zu Ende geführt sind. Dann wir erneut darüber entschieden. Göder: Na dann legen Sie sich mal ins Zeug. Ich möchte hier so schnell wie möglich wieder raus.

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Gesprächsprotokoll AZ.93-10052007-1200 Datum: 22.05.2007 Uhrzeit: 08:10 Teilnehmer: Kriminalobermeister Müller, Kriminalhauptmeisterin Schubert, Kriminalmeister Albrecht, Kriminalmeister Wichert Schubert: Moin, Jungs. Was gibt’s neues. Albrecht: Nichts Marianne. Gibt’s hier Kaffee? Müller: Göder sprach gestern sehr geheimnisvoll von seinem Apparat. Ich denke, wir sollten uns darauf konzentrieren. Schubert: Ist schlecht. Die Staatsanwaltschaft will etwas haben, sonst müssen wir die 3 freilassen. Müller: Halt sie hin. Ich werde mir noch mal den Doc vornehmen. Werner, neues von der Technik? Wichert: Nur eine Funktionsbeschreibung. Schreibtisch. Schubert: Was steht drin? Erzähl mal.

Liegt

auf

deinem

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Wichert: Eigentlich nur, dass eine LED in einen Kunststoffblock reinstrahlt und ein Sensor auf der anderen Seite alles wieder empfängt. Das geht dann in ein paar ICs zur Signalaufbereitung und dann wieder auf die LED. Und das ganze 36 mal. Irgendwie total sinnlos. Müller: Irgendeinen Sinn wird herausfinden, welchen.

es

schon

haben.

Wir

müssen

Wichert: Die Technik will daran nicht mehr weitermachen. Sie hätten besseres zu tun, sagen die. Schubert: Ob du noch was aus Göder rauskriegen kannst, Norbert? Versuch es doch einfach mal. Albrecht: Ich glaube nicht, dass der was sagen wird. So blöd, sich selbst zu belasten ist der bestimmt nicht. Müller: Göder hat gestern gesagt, dass einige wenige den Apparat genial finden würden. Was könnte das heißen? Ideen? Wichert: Dass wir uns auf das Teil einschießen und nichts finden. Albrecht: Keine Ahnung.

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Schubert: Also, Norbert, spricht noch mal mit Göder. Müller: Ok, mach’ ich. Treff in einer Stunde. Wichert: Nimm am besten Rosenstein von der Technik mit. Vielleicht kapiert der was. Müller: Werner, das war die bisher beste Idee heute.

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Vernehmungsprotokoll AZ.93-10052007-1200 Datum: 22.05.2007 Uhrzeit: 08:45 Beamter: Kriminalobermeister Müller Weiterer Teilnehmer: Dipl.-Ing. Bruno Rosenstein Vernommener: Dr. Alfred Göder (Beschuldigter) Müller: Dr. Göder, Dies ist mein Kollege Dipl.-Ing. Rosenstein von der Kriminaltechnik. Wir hätten noch eine paar Fragen an Sie. Göder: Nur zu. Müller: Es geht um Ihren Apparat. Göder: Lassen Sie mich raten. Sie wissen nicht wozu der gut sein soll, nicht wahr. Sie rätseln, haben aber keine Idee. Rosenstein: Stimmt. Göder: Dann will ich Ihnen mal weiterhelfen. Herr Rosenstein, sagt Ihnen * v = c² etwas? Rosenstein: Klar. Phase mal Ausbreitungsgeschwindigkeit gleich Quadrat der Vakuumlichtgeschwindigkeit. Und was hat das mit Ihrer Konstruktion zu tun?

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Göder: Das ist der einzige Hinweis, den ich gebe. Müller: Na, ja. Denn, danke erst einmal. Göder: Bitte. Wir werden uns bestimmt bald wiedersehen.

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Gesprächsprotokoll AZ.93-10052007-1200 Datum: 22.05.2007 Uhrzeit: 09:20 Teilnehmer: Kriminalobermeister Müller, Kriminalhauptmeisterin Schubert, Kriminalmeister Albrecht, Kriminalmeister Wichert, Dipl.-Ing. Bruno Rosenstein Müller: Herr Rosenstein, was können Sie uns zu dem Apparat sagen? Rosenstein: Schaltungstechnisch wird ein Signal optisch übertragen und zurückgekoppelt. Und zwar solange, bis der Strom abgeschaltet wird. Müller: Was könnte Göder mit seiner Formel gemeint haben? Rosenstein: Sie meinen * v = c²? Müller: Ja. Rosenstein: Phase mal Ausbreitungsgeschwindigkeit gleich Quadrat der Vakuumlichtgeschwindigkeit. Ein elektromagnetisches Signal hat eine Ausbreitungsgeschwindigkeit und eine Phasengeschwindigkeit. Im Vakuum als Idealfall sind beide gleich. In anderen Medien ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit niedriger, die Phase schneller, auch schneller als das Licht. Sonst fällt mir erst einmal nichts mehr dazu ein.

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Schubert: Ich habe mich gestern noch mit ein paar früheren Kollegen von Göder unterhalten. Albrecht: Aber Marianne. Du unterhältst dich mit uns fremden Männern? Schubert: Witzbold. Diese Laborheinis freuen sich doch, wenn sie sich mal mit einer Frau unterhalten können. Und gesprächig sind die auch. Göder wurde als genial, aber auch eigenbrötlerisch beschrieben. Sie erzählten, dass er immer von Zeit, Daten und Phasengeschwindigkeit gesprochen hätte. Rosenstein (nachdenklich): Zeit? Daten? Phasengeschwindigkeit? Müller: Sagt Ihnen das was? Rosenstein: Mal nachdenken... Ich glaube, ich weis was er meint. Wenn das stimmt, ist das wirklich genial. Schubert: Was meinen Sie? Rosenstein: Ich möchte das erst einmal verifizieren. Müller: Rosenstein, raus mit der Sprache. Schon eine Hypothese hilft uns.

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Rosenstein: Alles was sich schneller als das Licht bewegt, geht in die Vergangenheit. Das heißt, Göder könnte die Phase moduliert und so eine Information in die Vergangenheit geschickt haben. Albrecht: Wie, eine Information in die Vergangenheit geschickt haben? Rosenstein: So wie ein Brief, der ankommt, bevor er geschrieben wurde. Wichert (lacht): Wie bei meinen Rechnungen. Die kommen auch eher an, als ich sie bezahlt habe. Müller: Werner, lass den Quatsch. Herr Rosenstein, was wäre denn quasi der Brief dabei gewesen? Rosenstein: Die Phasenlage. Nur geht das nicht sehr weit zurück bei einem Durchlauf, die Leitungen sind zu kurz. Daher die Rückkopplung. Er schickt das Signal immer wieder ein kleines Stück in die Vergangenheit. 1µs, 2µs, 10µ, 1ms, 1s, 1 Minute, 1 Stunde. Immer schön in einer Schleife. Solange, wie nötig. Schubert: Würde das auch mit den Lottozahlen gehen? Rosenstein: Sicher. Daher auch die Anordnung mit 36 dieser Vorrichtungen. Mit 6 Stück kann man Zahlen von 0 bis 63 binär darstellen, und es werden 6 Zahlen gezogen. Die Superzahl hat ihn wohl nicht interessiert zu haben.
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Müller: Sie denken also, er hat die Zahlen in die Vergangenheit geschickt. Rosenstein. Eine Vermutung. Ich müsste das erst einmal prüfen. Schubert: Haben Sie erst einmal vielen Dank, Herr Rosenstein. Rosenstein: Bitte, dafür nicht. Wenn das Gerät tatsächlich funktioniert, haben wir völlig neue Möglichkeiten. Und was für welche! Müller: Ich werde noch mal mit Göder reden.

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Vernehmungsprotokoll AZ.93-10052007-1200 Datum: 22.05.2007 Uhrzeit: 10:00 Beamter: Kriminalobermeister Müller Vernommener: Dr. Alfred Göder (Beschuldigter) Müller: Nun, Herr Göder, ich glaube, wir kennen Ihr Geheimnis. Göder: Schön, da bin ich mal gespannt. Müller: Sie haben einen Weg gefunden, die Lottozahlen nach der Ziehung in die Vergangenheit zu schicken. Göder: Bingo! Der Kandidat erhält 100 Punkte. Müller: Sie geben also den Betrug zu. Göder: Welchen Betrug? Müller: Sie senden die für Sie bereits gezogenen Lottozahlen in die Vergangenheit, um dann einen Lottoschein mit diesen Zahlen auszufüllen und so zu kassieren. Göder: Ja und? Wo soll da der Betrug sein? Ist Hellseherei neuerdings strafbar? Vor allem, wenn sie zutrifft? Und wenn ich die Lottozahlen aus der gerade ausgespielten Ziehung habe, sind sie
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bereits öffentlich. Also gibt es auch keine Probleme wegen irgendeiner Geheimhaltung, die es ohnehin beim Lotto nicht gibt. Wo soll da etwas strafbares bei sein? Müller: Bei betrügerischer Absicht schon. Göder (lacht): Mich würde mal interessieren, wie die Staatsanwaltschaft von so einer Geschichte denkt. Und erst recht ein Richter. Müller: Das werden wir noch sehen.

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Gesprächsprotokoll AZ.93-10052007-1200 Datum: 22.05.2007 Uhrzeit: 10:55 Teilnehmer: Kriminalobermeister Müller, Kriminalhauptmeisterin Schubert, Kriminalmeister Albrecht, Kriminalmeister Wichert Müller: So, liebe Kollegen, Göder hat alles zugegeben. Er hat die Lottozahlen mit seinem Apparat in die Vergangenheit geschickt und die Brenneisens den Lottoschein ausfüllen lassen. Der Fall ist somit abgeschlossen. Bleibt nur noch der Bericht an die Staatsanwaltschaft, dann gehen die in den Knast. Schubert: Vergiss es Norbert. Ich hab’ schon mal bei der Staatsanwaltschaft vorgefühlt, die Geschichte werden die so nie vor Gericht bringen. Selbst wenn Rosenstein die Technik bestätigt, die sehen das als nicht strafbar an. Hellseherprivileg, sozusagen. Albrecht: Scheiße, was? Fall gelöst, Täter frei. Wichert: Wo sind nur die ganzen normalen Kriminellen hin? Schubert: Im Knast. Denen konnten wir auch was illegales nachweisen...

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Anmerkung des Autors: Ich weis, dass die Maschine aus physikalisch-technischer Sicht vollkommender Quatsch ist, aber die Idee ist einfach zu faszinierend...

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