Dao De Ging

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Dao De
Ging
Laotse
Übersetzt und illustriert
von Peter Fritz Walter
1
Das Dao, das man lehren kann,
ist nicht das wahre Dao.

Der Name, den man nennen kann,
ist nicht der wahre Name.

Ohne Anhaftung ist das Leben lebenswert,
Weil Wunschdenken nur ins Äußere denkt.

Doch sind Inneres und Äußeres
von der selben Quelle.

Diese Quelle ist Dunkelheit genannt.

Mysterium der Dunkelheit,
Der Weg, der zu Verständnis führt.
2
Wenn man bestimmte Dinge schön findet,
Werden andere Dinge hässlich.

Wenn man bestimmte Dinge gut findet,
Werden andere Dinge schlecht.

Sein und Nichtsein erschaffen sich gegenseitig.
Schwer und Leicht geben einander Unterstützung.

Lang und Kurz definieren sich beidseitig.
Hoch und Niedrig hängen von einander ab.
Davor und Danach folgen aufeinander.

Daher handelt der Weise, ohne etwas zu tun
Und lehrt, ohne etwas zu sagen.

Dinge entstehen und er lässt sie geschehen,
Dinge verschwinden und er lässt sie gehen.

Er hat Dinge, ohne sie zu besitzen,
Er handelt, ohne etwas zu erwarten.

Und was er vollendet, vergisst er.
Darum besteht es fort.
3
Die Anbetung von Helden führt dazu,
Dass Menschen sich machtlos fühlen.
Die Anbetung von Besitz führ dazu,
Dass Menschen zu stehlen beginnen.

Der Weise führt, indem er
den Geist der Menschen
entleert und ihre Bäuche füllt,
indem er ihre Ambitionen schwächt
und ihre Entscheidungskraft stärkt.

Er hilft ihnen, alles, was sie wissen
und was sie begehren, gehen zu lassen
und schafft Konfusion in denen,
die glauben, alles zu wissen.

Halte ein—und alles wird
ins rechte Lot kommen.
4
Das Dao ist wie ein Brunnen,
aus dem man schöpft,
während er unerschöpflich ist.

Es ist wie ewige Leere,
die schwanger ist mit unendlichen Möglichkeiten.

Es ist versteckt, aber immer gegenwärtig.

Ich weiß nicht, wer es gebar.
Es ist älter als alle Götter.

5
Das Dao ist unparteiisch.
Es bringt Gutes und Schlechtes hervor.

Der Weise ist unparteiisch.
Ihm sind Heilige und Sünder gleich.

Das Dao ist wie eine Luftpumpe.
Es ist leer aber unglaublich effizient.

Je mehr man es nutzt, umso mehr bringt es hervor.
Je mehr man redet, umso weniger versteht man.

Bleib’ auf dem Mittelweg.
6
Das Dao wird Große Mutter genannt:
leer aber unerschöpflich,
Gebärt es unendliche Welten.

Es ist immer präsent in uns
Und wir können es nutzen auf jedwede Art.
7
Das Dao unendlich, ewig,
Warum ist es außerhalb der Zeit?

Es wurde niemals geboren,
also kann es niemals sterben.

Warum ist es unendlich?
Es verlangt nach nichts,
und ist daher allen verfügbar.

Der Weise bleibt zurück,
daher ist er anderen voraus.

Er haftet sich nicht an,
daher gehört ihm alles.

Weil Gelassenheit seine Tugend ist,
ist er wahrhaft in Frieden.
8
Das höchste Gut ist wie Wasser,
welches alle nährt, ohne sich dessen bewusst zu sein,
und welches niedere Orte nicht verschmäht.
Daher ist Wasser wie das Dao.

Wohnt möglichst nahe der Erde,
Denkt möglichst nahe der Einfachheit,
Löst Konflikte möglichst fair und grosszügig,
Regiert, ohne dominieren zu wollen,
Tut beruflich das, was Euch Freude bringt,
Praktiziert Geistesgegenwart im Familienleben.

Wenn Ihr Euch zufrieden gebt im bloßen Sein
und Euch weder mit anderen vergleicht,
noch mit anderen wetteifert,
werden alle Euch respektieren.
9
Füllt Euren Napf bis zum Rande,
und er wird überlaufen.

Schärft Eure Messer ohne Unterhalt,
und sie werden stumpf sein.

Rennt hinter Geld und Sicherheit her,
Und Angst wird nie aus Euren Herzen weichen.

Seid Euch sicher, dass andere Euch zustimmen,
Und Ihr werdet ihre Gefangene sein.

Vollendet das Werk, doch dann tretet zurück.
Das ist der einzige Weg zur Gelassenheit.
10
Könnt Ihr den rastlosen Geist stillen
und mit der ursprünglichen Ganzheit bleiben?

Könnt Ihr Euren Körper so biegsam erhalten,
wie der eines neugeborenen Kindes?

Könnt Ihr Eure inneren Bilder reinigen,
bis sie nur noch Licht sehen?

Könnt Ihr die Menschen lieben und sie führen,
Ohne ihnen Euren Willen aufzuzwingen?

Könnt Ihr die lebenswichtigsten Angelegenheiten
so leiten, dass sie sich selbst regulieren?

Könnt Ihr Abstand nehmen von Eurem Geist
und dahin gelangen, alles zu verstehen?

Gebären und ernähren,
Haben ohne zu besitzen,
Handeln ohne Erwartungen,
Führen ohne Kontrolle auszuüben:
das ist wahre Tugend.
11
Wir fügen Speichen zusammen für ein Rad,
aber es ist die Leere in der Mitte,
die dem Nutzen des Wagens dient.

Wir fügen Knet zusammen für einen Krug,
aber es ist die Leere in der Mitte,
die dem Nutzen des Kruges dient.

Wir hämmern Holz zusammen für ein Haus,
aber es ist die Leere in der Mitte,
die dem Nutzen der Bewohner dient.

Wir arbeiten mit Sein,
aber es ist Nichtsein, das uns Nutzen bringt.
12
Zuviel Farbe blendet das Auge,
Zuviel Geräusch betäubt das Ohr,
Zuviel Geschmack ermattet die Sinne,
Zuviel Denken schwächt den Geist,
Zuviel Verlangen bricht das Herz.

Der Weise kontempliert die Welt ohne Urteil,
Denn er vertraut seiner eigenen Wahrheit.
Er erlaubt es den Dingen, zu kommen und zu gehen.
Sein Herz ist offen wie der Himmel.
13
Erfolg ist so gefährlich wie Versagen,
Hoffnung ist so hohl wie Angst.

Was meine ich damit?
Ob Ihr die Leiter hoch steigt oder hinab,
Seid Ihr doch niemals sicher.

Wenn Ihr hingegen
mit zwei Füssen auf dem Boden steht,
Könnt Ihr Euch im Gleichgewicht halten.

Warum ist Hoffnung so hohl wie Angst?
Hoffnung und Angst sind Phantome,
Die Euer egozentrisches Denken gebärt.
Wenn Ihr ohne Ego denkt, was habt Ihr zu fürchten?

Euer wahres Ego ist die Welt.
Akzeptiert sie so, wie sie ist.
Liebt die Welt wie Euer Ego;
dann nährt Ihr Alles-Was-Ist.
14
Schaut aus, doch nichts ist zu sehen.
Höret hin, doch nichts ist zu hören.
Reicht aus, doch nichts ist zu fassen.

Oben, kein Licht.
Unten, kein Dunkel.
Nahtlos und ohne Namen
geht es Heim ins Nichtsein.

Alle Formen sind Form,
Alle Bilder sind Bild,
Alle Konzepte sind Konzept.

Da ist kein Anfang und kein Ende,
und alles Wissen nicht wissend genug;
aber ohne zu wissen, könnt Ihr mit ihm sein,
wenn Ihr mit Gelassenheit lebt.

Seid immer mit den Anfängen,
Bleibt treu dem Anfängergeist:
das ist der Urgrund von Weisheit.
15
Die alten Weisen waren tief und feinsinnig.
Ihre Weisheit war ein Fass ohne Boden.
Sie kann mit Worten nicht beschrieben werden;
wir können nur über ihre äußere Erscheinung reden.

Sie waren behutsam wie jemand, der einen
gerade überfrorenen Fluss überquert,
mit dem wachen Sinn eines Kriegers im Feindesland.
Höflich als Gast waren sie, und fein im Umgang wie
schmelzendes Eis, skulptierbar wie ein grober
Holzklotz, empfänglich wie ein Tal, und klar
wie ein Glas Wasser.

Habt Ihr die Geduld zu warten, bis der Flugsand
in Euch sich gesetzt hat und Eure Wasser klar sind?
Könnt Ihr stillehalten, bis richtiges Handeln sich
spontan ergibt?

Dem Weisen kommt es nicht auf Erfüllung an,
Er verlangt nach nichts und erwartet nichts,
Er lebt im Jetzt, und alle Dinge
sind ihm willkommen.
16
Leeret Euren Geist von allen Gedanken.
Lasst Euer Herz in Frieden sein.
Seid gewahr der Verwirrung aller Wesen,
Aber kontempliert ihre Rückkehr zur Klarheit.

Jedes einzelne Wesen im Universum
Kehrt zu seinem Ursprung zurück.
Rückkehr zur Quelle ist wahre Gelassenheit.

Wenn Ihr nicht zur Quelle zurück gelangt,
Werdet Ihr in Konfusion und Sorge verweilen.
Wenn Ihr einseht, von wo ihr kommt,

Werdet Ihr ganz von selbst tolerant werden,
Teilnahmslos und amüsiert,
Gütig wie eine Großmutter,
und würdig wie ein König.

Wenn Ihr am Wunder des Dao teilhabt,
Könnt Ihr mit allem, was das Leben bringt,
zurecht kommen, und wenn der Tod kommt,
seid Ihr bereit!
17
Wenn der Weise regiert, sind die Menschen kaum
gewahr, dass er existiert.
Nachgerade so gut ist ein Führer, der geliebt wird,
weniger gut einer, der gefürchtet wird.
Am schlimmsten einer, der verachtet wird.

Wenn Ihr den Leuten nicht vertraut,
Macht Ihr sie weniger vertrauenswürdig.

Der Weise redet nicht, er handelt.
Wenn sein Werk getan ist,
sagen die Menschen, ‘Erstaunlich: wir haben
es alles allein vollbracht!’

18
Als das große Dao in Vergessenheit geriet,
Kamen Gutheit und Frommheit hervor,
Als die Intelligenz des Körpers ertaubt war,
Traten Scharfsinn und Wissen hervor.
Als es umhin war mit Frieden in der Familie,
Redeten alle groß daher von wegen Familienliebe,
Und als das Land schließlich ins Chaos stürzte,
Wurden Patrioten die Herrscher.
19
Hinweg mit Heiligkeit und Weisheit,
und die Menschen werden hundert Mal
glücklicher sein;

Hinweg mit Moral und Gerechtigkeit,
und die Menschen werden richtig handeln;

Hinweg mit Fleiss und Profit,
und es wird keine Diebe mehr geben.

Wenn diese drei nicht genug sind,
Bleibt einfach im Zentrum des Kreises
Und lasst alles von selbst geschehen.
20
Haltet das Denken an, und Eure Probleme
verschwinden; welcher Unterschied zwischen Ja und
Nein, zwischen Erfolg und Versagen?

Heißt Ihr etwas gut, nur weil andere es richtig finden?
Meidet Ihr etwas, nur weil andere es meiden?

Ihr seid einfach lächerlich!

Da sind sie alle so festlich erwartungsvoll,
Während mich das alles nichts angeht,
Teilnahmslos schaue ich drein,
Wie ein Baby, das noch nicht lächeln gelernt hat.

Alle haben sie das, was sie brauchen,
Während ich nichts besitze.
Ich einzig wandere umher wie ein Nomade.
Wie ein Idiot bin ich, mit leerem Kopf.

Alle sind sie so hell erwacht,
Während mein Geist dunkel ist;

Alle sind sie so scharfsinnig,
Während ich stumpfsinnig bin;

Alle haben sie einen Zweck im Leben,
Während ich den meinen nicht kenne.

Ich bin eine Welle auf dem Ozean,
Wie Wind blase ich umher, ziellos.
Ich bin nicht wie sie, gewöhnliche Butter,
Ich trinke von der Brust der Großen Mutter.
21
Der Weise hält seinen Geist eingestimmt auf das Dao.
Das gibt ihm sein Charisma.

Das Dao ist unermesslich, wie kann sein Geist im
Einen sein damit? Weil er frei ist von Konzepten und
Schablonen.

Das Dao ist dunkel und bodenlos.
Wie kann es ihm Charisma geben?
Weil er es zulässt.

Das Dao war vor der Zeit und vor dem Raum,
Es ist einfach, weder im Sein, noch im Nichtsein.

Wie kann ich wissen, dass das so ist?
Ich schaue in mich selbst, und erkenne es.
22
Wenn Ihr ganz und heil werden wollt,
Bleibt mit Eurer Zersplitterung;

Wenn Ihr aufrecht gehen wollt,
Bleibt mit Eurem Buckel;

Wenn Ihr Fülle sucht,
Bleibt mit Eurer Leere;

Wenn Ihr Wiedergeburt wünscht,
Bleibt mit Eurem Tode.

Wenn Ihr alles besitzen wollt,
Gebt allen Besitz auf.

Der Weise residiert im Dao
und ist daher Vorbild für alle Wesen.
Da er sich nicht aufspielt,
sehen alle sein Licht.
Da er sich nichts zu beweisen hat,
vertrauen die Menschen seinen Worten.
Da er sich selbst kennt,
erkennen sich die Menschen in ihm.
Da er keine Ziele hat,
ist er in allem erfolgreich.

Als die alten Weisen sagten, ‘Wenn Ihr alles besitzen
wollt, gebt allen Besitz auf,’ so haben sie das nicht
einfach so daher gesagt. Denn nur wenn das Dao
durch Euch wirkt, könnt Ihr wirklich Ihr selbst sein.
23
Sagt alles frei heraus, aber dann schweigt.
Seid wie die Kräfte der Natur:
Wenn’s bläst, ist da nur Wind,
wenn’s regnet, ist da nur Regen,
wenn die Wolken verschwinden,
ist die Sonne wieder da.

Wenn Ihr Euch dem Dao öffnet,
seid Ihr eins mit dem Dao
und es kann durch Euch wirken.

Wenn Ihr Euch der Einsicht öffnet,
seid Ihr eins mit der Einsicht,
und sie kann Euch zu Nutzen sein.

Wenn Ihr Euch dem Verlust öffnet,
seid Ihr eins mit dem Verlust,
und könnt ihn akzeptieren.

Öffnet Euch dem Dao,
traut Euren natürlichen Reflexen,
und alles wird gut sein.
24
Wer auf den Zehenspitzen steht,
hat keinen guten Stand.

Wer nach vorn stürmt,
kommt nicht weit.

Wer vor Erfolg strahlt,
beschattet sein eigenes Licht.

Wer sich selbst definiert,
weiß nicht wirklich, wer er ist.

Wer Macht über andere ausübt,
ist selbst machtlos.

Wer mit seiner Arbeit verhaftet ist,
wird nichts Bleibendes zustande bringen.

Wenn Ihr im Einen sein wollt mit dem Dao,
Tut, was Ihr zu tun habt, aber dann last los!
25
Etwas Formloses und Perfektes existierte
vor der Geburt des Universums.
Es ist erleuchtet. Leer. Unendlich.
Ewig präsent.
Es ist die Mutter des Universums.
Da ich keinen besseren Namen weiß,
Nenne ich es das Dao.

Es fließt durch alle Dinge,
ist inwendig und auswendig, und
bringt alle Dinge zu ihrem Ursprung zurück.

Das Dao ist groß.
Das Universum ist groß.
Die Erde ist groß.
Der Mensch ist groß.
Diese sind die vier großen Mächte.

Der Mensch folgt der Erde.
Die Erde folgt dem Universum.
Das Universum folgt dem Dao.
Das Dao folgt sich selbst.
26
Das Schwere ist die Wurzel des Leichten.
Das Unbewegliche ist die Wurzel des Beweglichen.

So reist der Weise den ganzen Tag lang,
ohne überhaupt sein Haus zu verlassen.

Was auch immer Wundervolles er sieht,
So bleibt er doch gegründet in sich selbst.

Warum sollte der Herrscher des Landes
herumlaufen, wie ein Narr?

Wenn Ihr Euch umherblasen lasst,
verliert Ihr die Verbindung mit Euren Wurzeln.

Wenn Ihr rastlos seid,
Verliert Ihr die Verbindung mit Eurem Selbst.
27
Ein guter Reisender fixiert keine Pläne im voraus
und es kommt ihm nicht darauf an, anzukommen.

Ein guter Künstler lässt sich durch seine Intuition
leiten, wo immer sie ihn auch hinführt.

Ein guter Wissenschaftler hat sich von Konzepten
befreit und hält seinen Geist offen für das, was da ist.

So ist der Weise allen verfügbar und weist keinen
zurück. Er ist bereit, alle Situationen zu nutzen und
wird nichts verschwenden.

Dies nennt man, das Licht verkörpern.

Was ist ein guter Mensch anders, als der Lehrer für
den schlechten Menschen?

Was ist ein schlechter Mensch anders, als die Arbeit
eines guten Menschen?

Wenn Ihr das nicht versteht, werdet Ihr fehl gehen,
wie intelligent Ihr auch immer seid.
Das ist das grosse Geheimnis.
28
Kennet das Männliche, aber haltet zum
Weiblichen: wiegt die Welt in Euren Armen.
Wenn Ihr die Welt wahrhaft in Euch aufnehmt,
Wird das Dao immer mit Euch sein
Und Ihr werdet wie kleine Kinder sein.

Kennet das Weiße, aber haltet zum
Schwarzen: seid ein Muster für die Welt.
Wenn Ihr ein Muster seid für die Welt,
wird das Dao in Euch stark sein
und es wird nichts geben, dass Ihr nicht tun könnt.

Kennet das Persönliche, aber haltet zum
Unpersönlichen: akzeptiert die Welt, wie sie ist.
Wenn Ihr die Welt so nehmt, wie sie ist,
wird das Dao in Euch leuchten und Ihr werdet
zu Eurem wahren, primären Selbst zurückkehren.

Die Welt geht aus der Leere hervor,
wie Teller und Schalen aus einem Holzblock.
Der Weise kennt die Teller und Schalen,
Aber er verbleibt mit dem Holzblock:
so kann er alle Dinge gebrauchen.
29
Wollt Ihr die Welt verbessern?
Ich denke, es ist nicht möglich.

Die Welt ist heilig,
Sie kann nicht verbessert werden.

Wenn Ihr es versucht,
werdet Ihr sie ruinieren.

Wenn Ihr sie wie ein Objekt behandelt,
werdet Ihr sie verlieren.

Es gibt eine Zeit, um voraus zu sein,
eine Zeit, hintan zu sein,
eine Zeit, in Bewegung zu sein,
eine Zeit, in Ruhe zu sein,
eine Zeit, stark zu sein,
eine Zeit, erschöpft zu sein,
eine Zeit, sicher zu sein,
eine Zeit, in Gefahr zu sein.

Der Weise sieht die Dinge, wie sie sind,
ohne sie kontrollieren zu wollen.
Er lässt sie ihren eigenen Weg gehen,
und bleibt im Zentrum des Kreises.
30
Wer sich bei der Menschenführung auf das Dao
verlässt, wird nichts erzwingen wollen,
noch auch seine Feinde mit Waffengewalt
niederzwingen.

Denn jeder Kraft steht eine Gegenkraft gegenüber.
Gewalt, auch wenn sie gut intentioniert ist,
Schlägt immer auf sich selbst zurück.

Der Weise tut seine Tagwerk, dann hält er inne.
Er versteht, dass das Universum sich selbst regelt
und dass, Dinge erzwingen zu wollen, gegen den
Strom des Dao geht.

Da er an sich selbst glaubt,
braucht er andere nicht zu überzeugen.

Da er zufrieden in sich schwingt,
braucht er die Anerkennung anderer nicht.

Weil er sich selbst akzeptiert,
Akzeptiert ihn die ganze Welt.
31
Waffen sind die Werkzeuge der Gewalt:
alle rechtschaffenen Männer verabscheuen sie.

Waffen sind die Werkzeuge der Angst:
ein rechtschaffener Mann kommt ohne sie aus,
ausgenommen bei direkter Notwendigkeit,
weil er angegriffen wird; aber auch dann wird er sie
nur mit der grössten Zurückhaltung einsetzen.

Frieden ist sein höchster Wert.
Wenn der Frieden erschüttert wurde,
wie kann er sich zufrieden geben?

Seine Feinde sind keine Ungeheuer,
sondern Menschen wie er selbst.
Er wünscht ihnen kein Leid,
noch macht es ihm Freude,
den Sieg zu erlangen.

Wie könnte er in Freude siegen
und Spass haben am Hinschlachten von Menschen?

Er geht sehr gefasst in den Kampf,
mit Sorge und wahrem Mitgefühl,
als ob er zu einem Begräbnis ginge.
32
Das Dao ist unvorstellbar.
Kleiner als ein Elektron,
birgt es in sich unzählbare Galaxien.

Wenn starke Männer und Frauen
sich im Tao zentrieren könnten,
wären alle Dinge in Harmonie;
die Welt würde zum Paradies,
alle Menschen wären in Frieden,
weil das Gesetz in ihren Herzen
verankert sein würde.

Namen, Formen und Konzepte
sind transitorisch. Seid Euch im Klaren,
dass Eure Institutionen ihre Grenzen haben.
Wenn Ihr einzuhalten wisst im rechten Moment
könnte Ihr jede Gefahr bannen.

Alle Dinge haben im Dao ihre Erfüllung,
so wie alle Flüsse ins Meer fliessen.
33
Es ist intelligent, andere zu kennen.
Es ist weise, sich selbst zu kennen.
Andere zu meistern ist Errungenschaft,
sich selbst zu meistern ist wahre Stärke.

Wenn Ihr einsähet, wieviel Ihr habt,
wäret Ihr wahrhaft reich.

Wenn Ihr zentriert bleibt
und den Tod mit ganzem Herzen umfangt,
werdet Ihr Unsterblichkeit erlangen.
34
Das grosse Dao ist überall in seinem Fluss.
Alle Dinge gehen aus ihm hervor,
obwohl es sie nicht erschafft.
Es ist voll am Werk, um Nutzen zu tun,
aber es fragt nicht um Lohn und Dank.
Es nährt unendliche Welten,
aber es haftet sich nicht an sie an.

Da es mit allen ist, versteckt in ihren Herzen,
müssen wir es als bescheiden ansehen.
Da alle Dinge in ihm verschwinden
und es allein fortdauert in allem Tod,
können wir es grossartig nennen.
Es ist sich seiner Grösse jedoch nicht bewusst,
und das ist seine wahre Grösse!
35
Wer im Dao sein Zentrum hat,
kann sich ohne Gefahr bewegen.
Sogar im Schmerz wird er sich der
Universalharmonie klar bewusst sein,
weil sein Herz in Frieden ist.

Musik oder der Geruch von guter Küche
sind Labsal und Freude für die Menschen,
aber über das Dao zu reden ist monoton
und riecht nach nichts.

Wenn Ihr Euch nach ihm umschaut,
ist nichts zu sehen.
Wenn Ihr Eure Ohren nach ihm spitzt,
ist nichts zu hören.
Wenn Ihr es nutzt,
ist es unerschöpflich.
36
Wenn Ihr etwas zusammenpressen wollt,
müsst Ihr es erst sich ausdehnen lassen.
Wenn Ihr etwas loswerden wollt,
müsst Ihr es sich in Fülle entfalten lassen.
Wenn Ihr etwas haben wollt,
müsst Ihr erst erlauben, es zu geben.
Dies nennt man die subtile Erfahrung
der Natur der Dinge.

Das Weiche überkommt das Harte.
Das Langsame überkommt das Schnelle.
Lasst Eure Arbeitsweisen im Dunkeln.
Zeigt den Menschen nur die Resultate.
37
Das Dao selbst handelt nicht,
Aber durch es vollendet sich alles.

Wenn kraftvolle Männer und Frauen
im Dao ihr Zentrum fänden,
würde sich die Welt wie von selbst verändern,
in ihrem natürlichen Herzschlag.
Die Menschen wären zufrieden
mit ihrem täglichen Leben, ihrem Alltag,
in Harmonie, und frei von Anhaftung.

Wo keine Anhaftung ist,
sind alle Dinge in Frieden.
38
Der Weise hat keinen Durst nach Macht,
daher ist er wahrhaft mächtig.
Gewöhnlichen Menschen geht es um Macht,
und daher haben sie nie genug davon.

Der Weise tut nichts,
doch lässt er nichts unvollendet.
Gewöhnlichen Menschen geht es um Geschäftigkeit,
und daher lassen sie viele Geschäfte unvollendet.

Der liebenswerte Mensch tut etwas,
aber etwas anderes bleibt unvollendet.
Der gerechte Mensch tut etwas,
aber vieles andere bleibt unvollendet.
Der moralische Mensch tut etwas,
aber wenn keiner darauf reagiert,
rollt er die Ärmel hoch und gebraucht Gewalt.

Wenn das Dao verloren ist, bleibt die Güte.
Wenn die Güte verloren ist, bleibt die Moral.
Wenn die Moral verloren ist, bleibt Ritual übrig.
Ritual ist die Hülle wahren Glaubens,
der Anfang vom Chaos.

Darum ist der Weise an Tiefe, nicht an
Oberflächlichkeit interessiert,
an der Frucht, nicht an der Blume.
Er hat keinen eigenen Willen.
Er ist im Jetzt verhaftet
und frei von aller Illusion.
39
In Harmonie mit dem Dao,
ist der Himmel wolkenlos und geräumig,
die Erde kraftvoll und reich,
und alle Kreaturen koevolvieren,
zufrieden jedes in seiner Art,
sich selbst endlos wiederholend,
sich endlos neu gebärend.

Wenn der Mensch ins Dao eingreift,
wird der Himmel verfilzt,
die Erde ausgebeutet,
das Gleichgewicht fällt in sich zusammen,
und Spezies werden ausgerottet.

Der Weise hat Einsicht in Teilwahrheiten,
weil er die ganze Wahrheit versteht.
Er ist konstant in Bescheidenheit.
Er schimmert nicht wie ein Juwel,
und lässt sie formen vom Dao,
roh und gewöhnlich wie ein Stein.
40
Rückkehr ist die Bewegungsrichtung des Dao,
Nachgeben ist der Weg des Dao.

Alle Dinge gehen aus dem Sein hervor.
Das Sein geht aus dem Nichtsein hervor.
41
Wenn ein nobler Mensch vom Dao hört,
wird er sich sogleich davon formen lassen.

Wenn ein gewohner Mensch vom Dao hört,
wird er es halbwegs glauben, halbwegs zweifeln.

Wenn ein dummer Mensch vom Dao hört,
wird er laut darüber lachen..

Wenn er nicht lachte darüber,
wäre es nicht das wahre Dao.

So ist denn gesagt:
Der Weg zum Licht erscheint im Dunkel,
der Weg nach vorn erscheint als Rückkehr,
der direkte Weg erscheint lang,
wahre Macht erscheint schwach,
wahre Unschuld erscheint befleckt,
wahre Charakterfestigkeit erscheint schwankend,
wahre Klarheit erscheint als Zwielicht,
grosse Kunst erscheint gekünstelt,
die grösste Liebe erscheint gleichgültig,
die grösste Weisheit erscheint infantil.

Das Dao ist nirgends zu finden,
doch es nährt und vollendet alle Dinge.
42
Das Dao gebärt Eines.
Eines gebärt Zwei.
Zwei gebären Drei.
Drei gebären alle Dinge.

Alle Dinge stehen mit dem Rücken zum Weiblichen
gewandt, dem Männlichen gegenüber.
Wenn das Männliche und das Weibliche sich
ergänzen, sind alle Dinge in Harmonie.

Gewöhnliche Menschen hassen die Einsamkeit,
aber der Weise nutzt sie,
indem er sein Alleinsein voll akzeptiert,
denn er weiß, dass er eins ist mit dem ganzen
Universum.
43
Das liebenswerteste Element in der Welt
überkommt das barschste Element in der Welt.
Das, was ohne Substanz ist, vermag in Dinge
einzudringen, die keine Öffnungen haben.
Das zeigt den Wert von Nichthandeln.

Unterrichten, ohne Worte zu gebrauchen,
Unternehmen, ohne zu handeln,
das ist der Weg des Weisen.
44
Ruhm oder Integrität: was ist wichtiger?
Reichtum oder Glücklichsein: was hat mehr Wert?
Erfolg oder Versagen: was ist destruktiver?

Wenn Ihr bei anderen Eure Erfüllung sucht,
werdet Ihr niemals erfüllt sein.
Wenn Euer Glücklichsein vom Geld abhängt,
werdet Ihr niemals glücklich mit Euch selbst sein.

Begnüget Euch, mit was Ihr habt;
findet Gefallen an der Art, wie Dinge sind.
Wenn Ihr einseht, dass es an nichts fehlt,
wird Euch die ganze Welt gehören.
45
Wahre Perfektion erscheint unvollkommen,
aber sie ist ganz und gar sich selbst.
Wahre Fülle erscheint leer,
doch ist sie völlig im Jetzt.

Wahre Charakterfestigkeit erscheint verfehlt,
Wahre Weisheit erscheint als Narrheit,
Wahre Kunst erscheint ungekünstelt.

Der Weise erlaubt den Dingen, einfach zu sein.
Er formt Situationen, wie sie sich ergeben.
Er geht aus dem Weg
und lässt das Dao für sich selbst sprechen.
46
Wenn ein Land im Einklang ist mit dem Dao,
produzieren die Fabriken Lastwagen und Traktoren.
Wenn ein Land gegen des Strom des Dao geht,
wird Kriegsmunition vor den Städten gehortet.

Es gibt keine größere Illusion als Angst,
keine größere Sünde, als defensiv zu reagieren,
keine größere Malaise, als einen Feind zu haben.

Wer jedoch die Angst durchschaut ist,
geht sicher durchs Leben.

47
Ohne Eure Tür zu öffnen,
könnt Ihr Euer Herz öffnen der Welt.
Ohne aus dem Fenster zu schauen,
könnt Ihr das Wesen des Dao erblicken.

Je mehr Ihr wisst,
umso weniger versteht Ihr.

Der Weise kommt an, ohne zu verlassen,
sieht das Licht, ohne hinzuschauen,
und vollendet, ohne etwas zu tun.
48
Im Streben nach Wissen,
wird jeden Tag etwas hinzugefügt.
Im Streben nach dem Dao,
wird jeden Tag etwas weggelassen.

Weniger und weniger werdet Ihr Dinge
nach Eurem Willen gestalten,
bis Ihr schließlich im Nichthandeln endet.

Wenn nichts getan wird,
Bleibt nichts unvollendet.

Wahre Meisterschaft wird erreicht,
indem man den Dingen ihren Lauf lässt.
Sie kann nicht erreicht werden durch Einflussnahme.
49
Der Weise hat keinen eigenen Geist.
Er arbeitet mit dem Geist aller Menschen.

Er ist gut zu denen, die gut sind.
Er ist gut auch zu denen, die nicht gut sind.
Das ist wahre Güte.

Er vertraut denen, die vertrauenswürdig sind,
Er vertraut auch denen, die vertrauensunwürdig sind.
Das ist wahres Vertrauen.

Der Geist des Weisen ist wie Raum,
doch das verstehen die Menschen nicht.
Sie schauen zu ihm auf und warten.
Er behandelt sie wie seine eigenen Kinder.
50
Der Weise überlässt sich dem,
was jeder Moment bringt.

Er weiß, dass er sterben wird,
und er hat nichts, an dem er festhält:
keine Illusionen im Geiste,
keine Widerstände im Körper.

Er denkt nicht über sein Handeln nach;
es fließt aus dem Inneren seines Wesens.

Er hält mit nichts zurück im Leben:
darum ist er bereit für den Tod,
wie jemand, der bereit ist für den Schlaf
nach einem guten Arbeitstag.
51
Jedes Wesen im Universum
ist Ausdruck des Dao.

Es kommt spontan ins Sein;
unbewusst, perfekt, frei,
nimmt es einen Körper an,
und lässt Umstände ihn vollenden.
Darum ehrt jedes Wesen spontan das Dao.

Das Dao gebärt alle Dinge,
nährt sie, unterhält sie,
sorgt für sie, tröstet sie, schützt sie,
führt sie an ihren Ursprung zurück.

Erschaffen ohne zu besitzen,
Handeln ohne zu erwarten,
Führen ohne sich einzumischen,
das ist es, warum die Liebe zum Dao
in der Natur aller Dinge liegt.
52
Am Anfang war das Dao.
Alle Dinge springen aus ihm hervor,
Alle Dinge kehren zu ihm zurück.

Um den Ursprung zu finden,
findet die Spur der Erscheinungen.
Wenn Ihr die Kinder erkennt,
und die Mutter findet,
werdet Ihr ohne Sorge sein.

Wenn Ihr Euren Geist verschließt durch Urteilen
und mit Euren Anhaftungen im Geschäft steht,
werden Eure Herzen in Sorge verweilen.

Wenn Ihr Euren Geist frei haltet von Urteilen,
Und Euch nicht durch Eure Sinne verführen lässt,
werden Eure Herzen Frieden finden.

In die Dunkelheit zu schauen ist Klarheit,
Nachzugeben ist Stärke.

Nutzt Euer Licht und kehrt zum
Ursprung des Lichtes zurück.
Das nennt man die Praxis der Ewigkeit.
53
Der große Weg ist leicht,
doch ziehen die Menschen die Seitenwege vor.
Seid gewahr, wenn Dinge aus dem Gleichgewicht
geraten, bleibt fest im Zentrum des Dao.

Wenn reiche Spekulanten prosperieren,
während Bauern ihr Land verlieren,
wenn Regierungsbeamte Geld für Kanonen
ausgeben, statt für Kuren,
wenn die Oberschicht extravagant und
unverantwortlich lebt, während die Armen das letzte
Hemd am Leib verlieren—
all das ist Raub und Chaos
und nicht im Einklang mit dem Dao.
54
Wer seine Wurzeln im Dao hat,
wird nicht entwurzelt werden.
Wer im Dao verankert ist,
wird nicht davon getragen.
Sein Name wird in Ehren gehalten
von Generation zu Generation.

Lasst das Dao präsent sein in Eurem Leben
und Ihr werdet authentisch sein.
Lasst es präsent sein in Euren Familien
und Eure Familien werden in Blüte stehen.
Lasst es präsent sein in Euren Ländern
und Eure Ländern werden Beispiel sein
für alle anderen Länder.
Lasst es präsent sein im Universum,
und das Universum wird singen.

Wie kommt es, dass ich das weiß?
Indem ich nach innen schaue.
55
Wer in Harmonie mit dem Dao ist,
ist wie ein neugeborenes Baby.
Seine Knochen sind weich, seine Muskeln schwach,
aber doch ist sein Griff stark.
Es weiss noch nichts von der Union
zwischen Mann und Frau,
doch kann sein Penis aufrecht stehen,
so jung und frisch ist seine Vitalität.
Es kann sich die Lungen aus dem Leib schreien
den ganzen Tag über, und doch wird es
keine kratzende Stimme haben,
so sehr ist es in Harmonie.

Die Macht des Weisen ist die eines Babys.
Er lässt alle Dinge kommen und gehen,
ohne Anstrengung, ohne Anhaftung.
Er erwartet keine Resultate:
daher ist er niemals enttäuscht.
Da er niemals enttäuscht ist,
wird sein Geist ewig jung bleiben.
56
Wer weiß, redet nicht.
Wer redet, weiß nichts.

Schließt Euren Mund,
betäubt Eure Sinne,
stumpft Eure Schärfe ab,
macht Eure Knoten auf,
erweicht Euren Blick,
lasst Euren Flugsand sich setzen.
Das ist der Urgrund der Dinge.

Seid wie das Dao!
Man kann ihm nicht nahe kommen,
noch kann man von ihm weg streben,
begünstigt oder verletzt werden,
geehrt oder in Schande gebracht werden.
Es gibt sich ständig selbst auf,
und das ist genau der Grund,
warum es fort besteht.
57
Wenn Ihr große Führer sein wollt,
Müsst Ihr lernen, dem Dao zu folgen.
Gebt Eure Versuche auf, Kontrolle zu erlangen.
Gebt detaillierte Pläne und Konzepte auf,
und die Welt wird sich selbst regieren.

Je mehr Verbote es gibt,
umso mehr verlieren die Menschen ihre Tugend.
Je mehr Waffen es gibt,
umso mehr verlieren die Menschen ihre Sicherheit.
Je mehr staatliche Unterstützung es gibt,
umso mehr verlieren die Menschen ihre Autonomie.

Darum sagt der Weise:
Ich lasse Gesetze dahingehen,
und die Menschen werden wieder ehrlich.
Ich lasse Wirtschaftstheorien dahingehen,
und die Menschen werden wieder reich.
Ich lasse Religion dahingehen,
und die Menschen werden wieder heiter.
Ich lasse alles öffentliche Gut dahingehen,
und das Gute wird wieder zum Imperativ.
58
Wenn ein Land mit Toleranz geleitet wird,
fühlen sich die Menschen gut und sind ehrlich.
Wenn ein Land mit Oppression geleitet wird,
fühlen sich die Menschen unterdrückt und
sie werden schlau und hinterhältig.

Wenn der Wille zur Macht an der Tagesordnung ist,
und hohe Ideale herrschen, geht alles den Bach
hinunter und die Resultate sind armselig.
Macht die Menschen bequem,
und Ihr legt den Grundstein für Elend.
Macht die Menschen moralisch,
und Ihr legt den Grundstein für Laster.

Daher ist der Weise zufrieden,
den Menschen als Beispiel zu dienen
und wird ihnen nicht seinen Willen aufzwingen.
Er ist wie ein gespitzter Bleistift, aber er sticht nicht,
er ist rund heraus, aber biegsam und mild,
er ist strahlend, aber ohne zu blenden.
59
Um ein Land gut zu leiten,
Ist nichts besser als Mäßigung.

Das Wasserzeichen eines mäßigen Mannes
ist die Freiheit von seinen eigenen Vorstellungen.
Tolerant wie der Himmel,
allgegenwärtig wie die Sonne,
gewichtig wie ein Berg,
biegsam wie ein Baum im Winde
hat er kein Ziel in Sicht
und nutzt alles, was seines Weges kommt.

Nichts ist ihm unmöglich.
Weil er sich an nichts klammert,
kann er für die Wohlfahrt der Menschen sorgen
wie eine Mutter für ihr Kind sorgt.
60
Ein großes Land zu führen
ist wie einen kleinen Fisch zu braten.
Wenn man ihn zuviel herumstößt
in der Pfanne, wird er total zerzaust.

Zentriert Euer Land im Dao
und das Böse wird keine Macht haben.
Nicht, dass es nicht da wäre,
aber Ihr könnt ihm aus dem Weg gehen.

Setzt dem Bösen nichts entgegen
und es wird von selbst verschwinden.
61
Wenn ein Land große Macht erlangt,
wird es wie das Meer: alle Flüsse ergiessen sich darin.
Je mehr Macht es erlangt, umso bescheidener muss
es sein.

Bescheidenheit heißt, ins Dao zu vertrauen,
also darauf zu verzichten, defensiv zu reagieren.

Eine grosse Nation ist wie ein großer Mann:
Wenn er einen Fehler macht, sieht er ihn ein.
Wenn er ihn einsieht, gibt er ihn zu.
Nachdem er ihn zugegeben hat, korrigiert er ihn.

Er sieht die, die ihm Fehler nachsagen, als
wohltätige Lehrer an. Seinen Feind hält er für seinen
eigenen Schatten.

Wenn eine Nation im Dao verankert ist,
wird sie ihr Volk gut nähren, ohne sich in seine
Angelegenheiten zu mischen.

So wird sie ein Licht für alle Nationen der Welt sein.
62
Das Dao ist das Zentrum des Universums,
Schatztruhe für den guten Menschen,
Fluchtort für den schlechten Menschen.

Durch gut gewählte Worte mag man Ehre erhalten,
Durch gute Taten mag man Respekt gewinnen,
aber das Dao steht über jeder Wertvorstellung
und niemand kann es vollenden.

Wenn ein neuer Führer gewählt wurde,
steht ihm nicht zur Verfügung
mit Eurem Reichtum und Euren Kenntnissen.
Stattdessen lehrt ihn, das Dao kennen zu lernen.

Warum haben die alten Weisen das Dao so hoch
geachtet? Weil, wenn Ihr eins seid mit dem Dao,
Ihr finden werdet, was Ihr sucht.
Und wenn Ihr einen Fehler macht, ist es Euch
vergeben.

Das ist der Grund, warum jeder das Dao liebt.
63
Handelt, ohne etwas zu tun:
arbeitet ohne Anstrengung.

Stellt Euch das Kleine als groß vor
und das Wenige als viel.

Geht Probleme an, so lange sie frisch sind,
und vollendet die große Aufgabe
durch eine Serie von kleinen Aktionen.

Der Weise masst sich nicht das Große an,
so erzielt er wahre Größe.

Wenn er auf ein Problem stösst,
lässt er nach und gibt sich ganz hin.

Es ist ihm nicht am Wohlbefinden gelegen,
darum haben Probleme keine Macht über ihn.
64
Das Verwurzelte ist leicht zu nähren.
Das Präsente ist leicht zu korrigieren.
Das Fragile ist leicht zu brechen,
das Kleine ist leicht zu zerstreuen.

Verhindert Schwierigkeiten, bevor sie sich auftun,
bringt Dinge in Ordnung, bevor sie existieren.
Die riesenhafte Pinie wuchs aus einer winzigen Saat.
Die weite Reise wird mit dem Boden unter den Füßen
angetreten.

Wenn Ihr hastig nach vorn strebt, versagt ihr.
Wenn Ihr Dinge besitzen wollt, verliert Ihr sie.
Ein Projekt zur Vollendung zu zwingen, heißt,
Dass Ihr das ruiniert, was fast reif war.

Darum handelt der Weise in der Weise,
dass er allen Dingen ihren Lauf lässt.

Er ist am Anfang so ruhig und gefasst, wie am Ende.
Er besitzt nichts, und hat deshalb nichts zu verlieren.
Was er erstrebt ist Nicht-Anhaftung,
was er lernt ist, das Gelernte zu verlernen.
Er erinnert die Menschen an das, was sie immer schon
waren.
Er liegt auf nichts wert, als das Dao.
Daher kann er für alle Dinge sorgen.
65
Den alten Weisen kam es nicht darauf an,
die Menschen zu erziehen; sie sagten ihnen
mit liebenswürdiger Geste, nichts zu wissen.

Es ist schwer, Menschen zu führen,
die glauben, alle Antworten zu haben.
Wenn Menschen wissen, was sie nicht wissen,
Können sie ihren eigenen Weg finden.

Wenn Ihr lernen wollt, zu führen,
vermeidet es, schlau oder reich zu erscheinen.
Die einfachste Haltung ist die klarste.
Wenn Ihr Euch mit einem einfachen
Leben zufrieden gebt, könnt Ihr alle Menschen
zu ihrer wahren Natur hinführen.
66
Alle Flüsse fließen ins Meer,
weil es niedriger ist als sie.
Bescheidenheit gibt ihm die Macht.

Wenn Ihr die Menschen führen wollt,
Müsst Ihr Euch unter sie begeben.
Wenn Ihr ein Leitstern sein wollt,
Müsst Ihr lernen, den Menschen zu folgen.

Der Weise ist über den Menschen,
aber keiner fühlt sich bedrückt.
Er geht vor den Menschen her,
aber keiner fühlt sich herumgeschubst.
Die ganze Welt ist ihm dankbar.
Da er mit niemandem im Wettstreit steht,
kann keiner mit ihm wetteifern.
67
Manche sagen, dass meine Lehre Unsinn ist.
Andere finden sie unrealistisch und unpraktisch.
Aber für die, die in sich selbst geschaut haben,
ist dieser Unsinn vollkommen sinnvoll.

Und die, die meine Lehre in die Tat umgesetzt haben,
werden feststellen, dass meine Philosophie tiefe
Wurzeln im täglichen Leben hat.

Es sind eigentlich nur drei Dinge, die ich unterrichte:
Einfachheit, Geduld und Mitgefühl.
Diese drei sind Eure größten Schätze!

Mit Einfachheit im Denken und Handeln,
kehrt Ihr zum Urgrund Eures Seins zurück.

Geduldig mit Euren Freunden und Feinden,
stimmt Ihr Eurer Wesen mit dem Wesen
aller Dinge ab.

Mitgefühl empfindend mit Euch selbst,
versöhnt Ihr alle Wesen miteinander.
68
Der beste Athlet hat das Wohl des Gegners im Auge.
Der beste General denkt im Geist seines Feindes.
Der beste Geschäftsmann dient der Gemeinschaft.
Der beste Fürst folgt dem Willen des Volkes.

Alle handeln sie im Geist des Miteifers, nicht des
Wetteifers; nicht dass sie nicht wissen, was Wetteifer
ist, sondern ihr Eifer ist spielerisch.

Darin sind sie wie Kinder, die in Harmonie sind
mit dem Dao.
69
Generäle haben ein Motto:
‘Statt einen Erstschlag zu wagen, ist es besser
abzuwarten und zu sehen, was vor sich geht.
Statt auch nur einen Meter vorwärts zu stürmen,
ist es besser einen Kilometer zurück zu weichen.’

Das nennt man auch vorangehen, ohne voran zu
kommen, zurückschlagen, ohne Waffen zu
gebrauchen.

Die größte Niederlage im Kampf ist die, die auf
der Geringschätzung des Feindes beruht.
Das ist so, weil Geringschätzung des Feindes gleich
ist mit der Unterschätzung seiner Macht.
Wenn Ihr das tut, zerstört Ihr Eure drei Schätze*
und werdet damit selbst ein Feind.

Wenn zwei große Mächte sich konfrontieren,
wird der Sieg der Seite zufallen, der es gelingt
nachzugeben.

*Siehe §67
70
Meine Lehre ist einfach zu verstehen
und einfach in die Tat umzusetzen.

Aber Eurer Verstand allein kann sie nicht fassen,
und wenn Ihr sie nur intellektuell anzuwenden sucht,
werdet Ihr fehlschlagen.

Meine Lehre ist älter als die Welt.
Wie könnt Ihr sie verstehen lernen?

Wenn Ihr mich verstehen wollt,
schaut in Eure eigenen Herzen!
71
Nichtwissen ist wahres Wissen.
Der Glaube zu wissen ist eine Krankheit.
Erst stellt fest, dass Ihr krank seid:
dann könnt Ihr zur Heilung gelangen.

Der Weise ist sein eigener Arzt.
Er hat sich von allem Wissen geheilt.
Daher ist er wirklich heil und ganz.

72
Wenn die Menschen sich nicht mehr wundern,
wenden sie sich Religionen zu.
Wenn sie ihr Selbstvertrauen verloren haben,
fangen sie an, nach Führung zu fragen.

Daher tritt der Weise zurück,
um die Menschen nicht zu verwirren,
und unterrichtet, ohne zu lehren,
denn dann braucht niemand
etwas zu lernen.
73
Das Dao kennt keinen Stress.
Es siegt ohne zu wetteifern.
Es antwortet, ohne ein Wort zu sagen.
Es kommt an, ohne gerufen zu sein.
Es vollendet, ohne einen Plan zu haben.

Sein Netz umspannt die ganze Welt.
Obwohl seine Maschen gross sind,
Lassen sie doch nichts durchschlüpfen.

74
Wenn Ihr einseht, dass alle Dinge im Wandel sind,
werdet Ihr Euch an nichts anhaften wollen.
Wenn Ihr einseht, dass der Tod nicht Ende ist,
werdet Ihr alles zu Ende bringen können.

Die Zukunft bestimmen zu wollen, bedeutet,
den Platz des Großen Weltschreiners einzunehmen.
Wenn Ihr die Werkzeuge des Weltschreiners stehlt,
Riskiert Ihr, Euch die Hand abzuschneiden.
75
Wenn die Steuern zu hoch sind,
verhungern die Leute.

Wenn die Regierung sich in alles einmischt,
verlieren die Menschen ihre Initiative..

Handelt zum Wohle der Menschen!
Vertraut ihnen; lasst sie ihre Geschäfte tun.
76
Wir wurden alle weich und biegsam geboren;
und im Tode sind wir alle hart und steif.

Pflanzen sind grün und zart geboren,
und im Tode sind sie braun und zerbrechlich.

Wer steif und inflexibel ist,
geht beim Tod in die Schule.

Wer weich und nachgiebig ist,
geht beim Leben in die Schule.

Das Harte und Steife wird zerbrochen werden.
Das Weiche und Nachgiebige wird überleben.
77
Wenn wir schauen, wie das Dao in der Welt agiert,
sehen wir, dass es wie das Spannen eines Bogens ist.
Das obere Ende ist nach unten gebogen;
das untere Ende spannt sich nach oben hin.

Es gleicht Überfluss und Mangel einander an,
sodass perfektes Gleichmaß die Folge ist.
Es nimmt hinweg von dem, was zuviel ist
und gibt zu dem, das mangelt.

Wer in Kontrolle sein will,
und seine Macht zu schützen sucht,
geht gegen das Dao, denn solche Menschen
nehmen von denen, die in der Not sind,
und geben denen mehr, die viel zu viel haben.

Der Weise gibt und hört nicht auf zu geben,
denn seines Reichtums ist kein Ende.

Er handelt, ohne etwas zu erwarten,
ist erfolgreich, ohne Verdienst zu haben,
und weiß, dass er gewöhnlich ist wie alle.
78
Nichts in der Welt ist so weich und schmiegsam
wie Wasser, und doch gibt es nichts, das besser ist,
das Harte und Unbeugsame nieder zu zwingen.

Das Weiche überkommt das Harte,
das Nachgiebige überkommt das Starre.
Jeder weiß, dass das so ist,
aber wenige haben ihr Handeln
danach ausgerichtet.

Daher bleibt der Weise gelassen
während alle anderen in Sorge sind.
Das Böse kann nicht in sein Herz dringen.

Weil er zu helfen aufgab,
ist er der Menschen größte Hilfe.

Wahre Worte erscheinen paradox.
79
Versagen ist Gelegenheit.
Wenn Ihr andere anklagt,
ist kein Ende der Klage.

Daher erfüllt der Weise seine Pflicht
und kümmert sich um seine eigenen Fehler.
Er tut das, was getan werden muss,
und verlangt nichts von anderen.
80
Wenn ein Land weise regiert wird,
sind seine Bewohner zufrieden.
Sie haben Lust am Tagwerk ihrer Hände
und verlieren keine Zeit damit,
arbeitssparende Maschinen zu erfinden.

Da sie ihre Heimstätten lieben,
haben sie an Reisen kein Interesse.
Da mögen einige Wagen und Boote sein,
aber sie gehen nirgendwo hin.
Da mögen Waffenarsenale sein,
aber niemand gebraucht sie.

Die Menschen essen mit Vergnügen,
lieben es, mit ihren Familien zu sein,
und verbringen die Wochenenden in ihren Gärten,
Anteil nehmend an dem, was in der Nachbarschaft
vor sich geht.

Und obwohl das Nachbarland so nahe ist,
dass man die Hähne krähen und die Hunde bellen
hört, bleiben sie doch zuhause und werden
sehr alt, ohne es jemals bereist zu haben.
81
Wahre Rede ist niemals eloquent,
eloquentes Gerede ist niemals wahr.

Weise Menschen haben nichts zu beweisen,
solche, die argumentieren, sind nicht weise.

Der Weise hat keinen Besitz.
Je mehr er für andere tut,
umso glücklicher ist er, je mehr er
anderen gibt, umso reicher ist er.

Das Dao nährt, ohne aufzuzwingen,
indem er nicht dominiert, regiert der Weise.
Über dieses
Buch
Das Dao De Ging—auch Tao Te
King oder Daodejing geschrieben
—ist eines der meist-übersetzten
Bücher der Weltliteratur. Es ist hier
dargeboten in einer Fassung, die
auf jeden philosophischen
Kommentar bewusst verzichtet und
den Text so einfach und prägnant
wie möglich hält.

Es war wohl ein Glück, dass ich
selbst das Dao De Ging niemals in
deutscher Übersetzung las, und mir
daher meinen Geist frisch erhalten
konnte.

Erst nach Veröffentlichung dieses
Bandes entdeckte ich die bekannte
deutsche Übersetzung von Richard
Wilhelm, und es fiel mir auf, dass die Sprache, in der
er das Buch darbietet, doch recht geschraubt klingt
für den modernen Leser.

Es ist eine typisch ‘philosophische’ Sprache, mit viel
Wortklauberei, aber es ist meines Erachtens nicht die
Sprache, die den Geist von Laotse wiedergibt. Denn
dieser Geist ist knapp und prägnant, er weiss genau,
was er sagen will, und er sagt das, was er denkt, in der
bestmöglichen ökonomischen Weise.

Alles, was Zierrat ist in der Diktion muss daher
gnadenlos weggestrichen werden, sodass sozusagen
das Skelett der Gedanken durchscheint. Ich würde
daher meinen, dass die Übersetzung von Richard
Wilhelm zuviel philosophischen (und philologischen)
Ballast in den Text bringt.

Ob man nun mit neuerer philologischer Forschung
annimmt, das Dao De Ging sei nicht nur von Laotse,
sondern ist von einer Reihe von daoistischen Weisen
verfasst worden, lag es nicht in der Natur der
Daoisten, lange Rede zu machen. Eines ihrer
bekannten Mottos war denn auch ‘Langer Rede,
kurzer Sinn.’ Das habe ich hier berücksichtigt, und es
wird auffallen, dass meine Übersetzung erheblich
kürzer ist, als die der meisten deutschen Sinologen.

Der Begriff des Dao ist grundlegend für das
Verständnis der altchinesischen Philosophie. Wie der
Autor es selbst sagt in der ersten Strophe ist es
nutzlos, das Dao mit Worten definieren zu wollen. Es
kann nur umschrieben werden. Meist spricht man von
einem Pfad oder Weg, einem Prinzip, einer Methode,
einer Doktrin, einer Ordnung. Es mag auch Matrix
oder Struktur nahelegen, und wird gewöhnlich mit der
Realität des Universums gleich gesetzt.

Die Natur in der Philosophie von Laotse und anderer
Daoisten hat nichts, aber auch garnichts mit dem zu
tun, was westliche Philosophie unter Natur verstand.
Der Ansatz ‘Mensch zu Natur’ war von Anfang an ein
integrativer, nicht ein subordinativer: die Natur ist
nach altchinesischem Denken dem Menschen
gleichgeordnet, nicht untergeordnet. Manche
Passagen im Dao De Ging legen gar die Vermutung
nahe, dass für die Daoisten die Natur dem Menschen
übergeordnet war.

Bezeichnend für daoistische Schriften allgemein ist,
dass sie die Natur gleichsam als Metapher sehen für
das Dao. Es werden oft Vergleiche angestellt, die
nahelegen, wie sehr die Natur doch im Einklang ist
mit dem Dao. Das wird beispielhaft deutlich an der
Art und Weise, wie Laotse die Natur des Wassers
beschreibt. In einer Strophe heisst es, dass die
Tatsache, dass Flüsse ins Meer fliessen seinen Grund
darin habe, dass das Meer niedriger liege als sie
selbst.

Die Niedrigkeit von Wasser, seine Tendenz, immer
den niedrigsten Punkt zu finden und zu füllen, führt
also zu Vermehrung. Damit wird symbolisch
ausgedrückt, dass das Dao die fördert, die sich vor
anderen erniedrigen—ohne sich dabei zu demütigen
—und die benachteiligt, die sich vor anderen erhöhen
—ohne sich damit zu bescheiden, auf gleicher Höhe
zu sein mit ihnen.

Im Gegensatz zur hellenischen Philosophie war
Daoismus keinesfalls dialektisch-spekulativ. Auch
würden die alten Weisen das Buch keineswegs als
‘heilig’ bezeichnet haben, obwohl der Geist, der aus
ihm strahlt, durchaus ein natürlich erhabener,
religiöser Geist ist.

Trotz der Wahrscheinlichkeit, dass das Buch
verschiedene Autoren hat, wird es heute als ein
einheitliches philosophisches Gedankengebäude
angesehen.

Dafür spricht neben dem Wortmaterial die
durchgehaltene Thematik, welche alle Bereiche des
täglichen Lebens umfasst, und der nichts
Menschliches fremd ist.

Ganz besonderer Schwerpunkt wird gelegt auf
Führung, Menschenführung und Staatsführung, also
Management und Politik.

Die einzelnen Paragraphen erscheinen vor diesem
Hintergrund als Ausarbeitungen bestimmter
Einzelthemen, doch wird schnell klar, dass es sich hier
um Variationen eines einzigen Themas handelt.

Das Wertsystem, das hier durchschimmert, ist
erfrischend konträr zu dem der heute führenden
grossen Nationen. Es ist ein Wertsystem, das das
Weibliche ganz und gar umfasst und integriert, das
die Natur respektiert, und das den Menschen so
nimmt, wie er nun einmal ist. Es ist ein Wertsystem,
das dem des Moralismus und der Heuchelei eine
volle und deftige Absage erteilt.
Der Stil ist geprägt von Gegensatzpaaren, und
Widersprüche sind nicht wegdenkbar, denn
manchmal erreicht die philosophische Konzentration
des Textes seine Grenzen.

Das haben frühere Interpretationen oft verschwiegen,
für mich war es jedoch ein Punkt, der klar offen zu
legen war. Philosophie und tägliches Leben können
nicht voll und ganz vereinbart werden, denn wenn
man das erstrebt, würde man dem subtilen Zweck des
Dao entgegenwirken.
Über den Autor
Parallel zu einer Karriere im internationalen Recht in
Deutschland, der Schweiz und den Vereinigten
Staaten, richtete Dr. Peter Fritz Walter (Pierre) sein
Interesse auf Kunst, Kochkunst, Astrologie,
Klavierspiel und Komposition, Kinderpsychologie,
Psychoanalyse, Philosophie und Sozialwissenschaften.

Schon als Schüler schrieb Pierre Essays und wurde
Schulbester im Essayschreiben, sowie anerkannt
wegen seiner Tätigkeit als Begründer und
Herausgeber des Schulmagazins.

Er war auch Klassenbester im Zeichnen und in der
Musik, und wählte zwei Jahre vor dem Abitur Religion
ab und entschied sich für Philosophie. Zu dieser Zeit,
im Alter von 16 Jahren, las er Plato, Aristoteles, Hegel,
Sartre, Heidegger und Nietzsche, und wählte
Hermann Hesse als seinen Abiturschriftsteller. Er las
alle seine Werke und sein Referat über Hesse fürs
Abitur bekam besondere Auszeichnung.
Nach Abschluss seiner beiden Staatsexamen in
Jurisprudenz an der Universität des Saarlandes und
einem Masterstudiengang (LL.M.) in Europäischer
Integration am Europa Institut derselben Universität,
1982, wurde Pierre an der Rechtsfakultät der
Universität Genf für ein Doktorat im internationalen
Recht zugelassen.

Die Doktorarbeit über die kritische Frage einer
Beweislastverteilung bei der Immunität von Staaten,
legte er im Dezember 1987 erfolgreich ab. Sowohl die
umfangreiche Schrift selbst, als auch die Soutenance
de thèse waren in französischer Sprache.

Daraufhin setzte Pierre seine Psychologiestudien an
der Universität Genf fort und interviewte eine Anzahl
von Psychotherapeuten in Lausanne und Genf im
Hinblick auf eine beabsichtigte Psychoanalyse, die er
schliesslich in Lausanne mit einem amerikanischen
Hypnotherapeuten, einem direkten Schüler von
Milton H. Erickson, absolvierte.

Parallel zur Therapie arbeitete Pierre an der
Erweckung seines inneren Kindes und schrieb darüber
ein Buch in englischer Sprache, ein Essay in deutscher
Sprache, und produzierte ein Audiobuch.

Im Jahre 2012 kooperierte er für einen Artikel über
das Thema ‘Inneres Kind im Geschäftsleben’ für das
israelische Frauenmagazin Globes, der in der
Hebräischen Ausgabe des Magazins veröffentlicht
wurde.
Bereits 1990 fand Pierre die Methode des
wissenschaftlichen Gebets, die von Dr. Joseph
Murphy entwickelt worden war, und die Murphy in
seinem Buch Die Macht Ihres Unterbewusstseins
(1962) dargestellt und erklärt hatte, und die sein
Psychiater als kompatibel mit der Therapie
gutgeheißen hatte.

Im Jahre 1986 traf Pierre in Paris mit der französischen
Kindertherapeutin Françoise Dolto (1908–1988)
zusammen und interviewte sie in ihrer Wohnung in
der Rue Saint-Jacques.

Eine lange Korrespondenz folgte auf ihr Treffen,
welches die Hauptthemen ihres Dialoges zum Inhalt
hatte: Autonomie des Kindes, Ursachen der
Pädophilie, und Doltos vehemente Befürwortung
einer neuen Strafgesetzgebung, die einverständliche
sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und
Kindern ausser Strafe stellt.

Im Jahre 2002 wurde Pierre von den Éditions
Gallimard in Paris kontaktiert und um Zustimmung der
Veröffentlichung des Briefwechsels gebeten. Pierre
gab seine Zustimmung und der Band erschien 2005
bei Gallimard in Paris.

Ebenfalls im Jahre 1986 unterhielt Pierre einen
Briefwechsel mit dem amerikanischen Psychiater Dr.
Alexander Lowen (1910–2008) über Fragen seines
Erziehungsprojekts. Die lapidare Antwort Lowens war
gewesen, dass jedes Erziehungsprojekt und jede
Schule nur so gut sein können, wie die Erzieher, die
darin arbeiten. Der Austausch mit einer Anzahl von
Kinderpsychologen und Psychiatern und war für Pierre
zu dieser Zeit ein wichtiger Stimulus für seinen
grundlegenden Berufswechsel.

Er vertiefte daraufhin denn auch seine Kenntnisse der
Psychoanalyse von Sigmund Freud, von Wilhelm
Reich, von Carl Gustav Jung, und der Transaktionellen
Analyse (TA). Pierre wurde Mitglied der Association
Suisse d’Analyse Transactionnelle.

Von 2005 bis 2010 las Pierre mehr als 200 Fachbücher
in englischer Sprache, und rezensierte mehr als 100
davon. Sie sind auf auf Amazon.com frei publiziert,
und diese Publikationen sind nicht abgeschlossen,
sondern wachsen weiter.

Im Jahre 2015 realisierte Pierre seine erste
Gesamtproduktion. Es ist ‘Ödipus Suite,’ in deutscher
Sprache und war Pierres erster Versuch, ein Thema in
literarischer und radiophoner Weise in einer einzigen
Publikationen zu präsentieren.

Pierre ist zweisprachig Deutsch-Französisch und
bezeichnet sich selbst als ein Francoallemand sowohl
sprachlich als von der kulturellen Ausrichtung.

Pierre spricht, schreibt und unterrichtet in Englisch als
seine vierte Sprache nach Deutsch, Latein und
Französisch.
Er liest Originaltexte für seine Forschung auch in
Spanisch, Italienisch, Portugiesisch und Holländisch.

Durch seinen fast zwanzigjährigen Asienaufenthalt in
Südostasien hat er darüber hinaus Kenntnisse des
Indonesischen, des Thai, des Kambodschanischen,
des Chinesischen und des Japanischen.

Pierres Bücher, Publikationen und Medien sind alle
von ihm selbst produziert worden, einschließlich
Audio- und Videoproduktion, und Produkt Design.

Pierre nutzt das Apple Mac OS, mit einem Mac Pro
und einem Macbook Pro für seine Arbeit.

Pierre ist geschieden und lebt seit 2004 als freier
Schriftsteller in Phnom Penh, Kambodscha.
Persönliche
Anmerkungen

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