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UNIVERSITÄT LEIPZIG INSTITUT FÜR POLITIKWISSENSCHAFT

Die deutsche Entwicklungshilfe in Afghanistan
Eine Untersuchung anhand des Rentenökonomischen Ansatzes von Hartmut Elsenhans unter Zuhilfenahme des Sensitivitätsmodells von Frederic Vester

Magisterarbeit im Fach Politikwissenschaften: Erster Betreuer: Dr. Rachid Ouaissa Zweiter Betreuer: Prof. Dr. Hartmut Elsenhans

Leipzig, den 15. Juni 2008

Abgegeben von:

Thomas Roth Kantstrasse 49 04275 Leipzig thomas.michael.roth@gmx.de

1 1. 2. Einleitung ........................................................................................................................... 2 Theoretische Grundlagen und Überlegungen..................................................................... 4 2.1 Rentenökonomische Theorie von Elsenhans.................................................................... 4 2.1.1 Entwicklungsziel: Kapitalismus................................................................................ 4 2.1.2 Ausgangslage: Rentenökonomie ............................................................................... 7 2.1.3 Möglichkeitsraum von Entwicklung ......................................................................... 9 2.2 Das Sensitivitätsmodell von Vester................................................................................ 11 3. Analyse............................................................................................................................. 16 3.1 Systembeschreibung - Afghanistan geographische, wirtschaftliche und polithistorische Standortbestimmung............................................................................................................. 16 3.2 Mustererfassung - Variablen des sozioökonomischen Systems Afghanistan ................ 30 3.2.1 Variablensatz des Systems Afghanistan.................................................................. 31 3.2.2 Kriterienmatrix:....................................................................................................... 46 3.2.3. Einflussmatrix ........................................................................................................ 46 3.2.4. Rollenverteilung: .................................................................................................... 48 3.3 Interpretation und Bewertung – Teilszenarien der Entwicklungshilfe in Afghanistan .. 49 4. 5. Zusammenfassung............................................................................................................ 57 Literaturangaben............................................................................................................... 59

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1. Einleitung
Mit dem Begriff der „vernetzten Sicherheit“, der mir bei einem studienbegleitenden Praktikum bei der Bundesakademie für Sicherheitspolitik begegnet ist und der in Verbindung mit dem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan verstärkt medial Verbreiterung gefunden hat, ist die Verbindung von militärischen, zivilen, außen- und innenpolitischen Sichtweisen, Methoden und Instrumenten gemeint. Dabei wird immer mehr nach einer Stärkung der zivilen Komponente des Begriffes gefordert, doch findet, meiner Meinung nach, in der Regel die militärische Komponente stärkere Beachtung. Zwar wird der Einsatz humanitärer Hilfe bzw. dessen Erhöhung in Umfang und Intensität stets gefordert, doch wird um seine Ausgestaltung, dem Wie? Warum? Wofür?, weniger heftig und differenziert diskutiert. Während darüber gestritten wird, ob Tornados eingesetzt werden sollen oder ob 3500 Soldaten ausreichend sind, scheint eine Einigkeit darüber zu bestehen, wie die zivile Komponente dieses Engagements auszusehen hat. Ein wenig überspitzt formuliert heißt dies konkret, mehr Mädchenschulen, mehr Krankenhäuser, mehr Elektrizität und Wasser. Und da in Afghanistan weltweit das meiste Mohn angebaut wird, alternative Anbaumethoden für die Bauern. Angeregt von diesen rein subjektiven Beobachtungen unserer medialen Wirklichkeit entstand das Interesse, die zivile Komponente von vernetzter Sicherheit am Beispiel der deutschen Entwicklungshilfe in Afghanistan näher zu untersuchen. Das bedeutet nicht, dass die Frage nach dem Erfolg einzelner Projekte oder Programme der Entwicklungshilfe in Afghanistan zur Debatte steht, sondern vielmehr welche Faktoren, die für die Entwicklung eines Landes wie Afghanistan ausschlaggebend sind, diese fördern oder hemmen. Der Fokus meiner Arbeit liegt also in der Darstellung eines effektiven Wirkverbundes unterschiedlichster Faktoren für die Entwicklung und der Frage welche Folgen das Instrumentarium der deutschen Entwicklungshilfe in Afghanistan in diesem Wirkverbund hat. Zur Untersuchung dieses effektiven Wirkverbundes müssten verschiedene Aspekte betrachtet werden. Erstens sollte geklärt werden, woran das Ergebnis des Wirkverbundes gemessen wird. D.h. zu welchem Ziel sollte Entwicklung führen und welche Faktoren und Einflussgrößen sind dafür notwendig? Zweitens sollten die Bedingungen, in der sich die Entwicklung abspielt analysiert werden. D.h., wie sieht die Ausgangslage des sozioökonomischen Systems Afghanistan aus? Drittens sollten die effektiven Möglichkeiten des Wirkverbundes, der die Entwicklung beeinflussenden Faktoren, aufgezeigt werden. Um den Rahmen

3 dieser Arbeit nicht zu sprengen, sollte eine Methode angewendet werden, die auch mit wenigen Informationen ein komplexes System abbilden kann. Zur Untersuchung des Wirkverbundes der vielfältigen Faktoren, die für die erfolgreiche Entwicklung eines Wirtschaftssystems bedingend sind, orientiere ich mich in meiner Arbeit an dem von Hartmut Elsenhans in seinem Aufsatz „Eklektizismus zur Erreichung von Kohärenz“ (Elsenhans 1997) beschriebenen Ansatz, der sich genau diesen Fragen nach dem Entwicklungsziel von unterentwickelten Wirtschaftssystemen, ihrer Ausgangslage und den effektiven Wegen vom einen zum anderen widmet. Hierbei berücksichtigt Elsenhans den Zusammenhang von ökonomischen, politischen und sozialen Faktoren in den Wirtschaftssystemen an sich und in der sie umgebenden globalen Situation. Dabei definiert Elsenhans bestimmte Variablen und ihre gegenseitige wirtschaftliche und politische Beeinflussung, die bei der politökonomischen Betrachtung eines Wirtschaftssystems ausschlaggebend sind. Mit Hilfe dieser Variablen ist es möglich die politökonomische Situation in Afghanistan zu beschreiben. Ergänzend zum Ansatz von Elsenhans wird das biokybernetische Planungs- und Analysemodell von Frederik Vester hinzugezogen. Vester berücksichtigt Variablen, die mir im Zusammenhang dieser Arbeit wichtig erscheinen und die die Variablen von Elsenhans ergänzen sollen. Zudem bietet das Modell von Vester ein Handlungsmuster an, um das komplexe Themengebiet der sich gegenseitig beeinflussenden Variablen überschaubar zu gestalten. Zunächst stelle ich in Kapitel zwei die Methodik der Arbeit vor, indem ich den Ansatz von Hartmut Elsenhans und das Modell von Frederic Vester vorstelle. Dabei soll der Dreiklang von Entwicklungsziel, Ausgangslage und den effektiven Wegen dazwischen konkretisiert und die Ansatzpunkte von Entwicklungshilfe identifiziert werden. D. h. Wie sollte das politökonomische System Afghanistan nach der Entwicklung aussehen, wie sieht es jetzt aus und welchen vernünftigen Möglichkeitsraum hat die deutsche Entwicklungshilfe. In Kapitel drei, dem analytischen Teil der Arbeit, untersuche ich mit Hilfe der beschriebenen Methode das politökonomische System Afghanistan. Aufbauend auf die Ergebnisse dieser Untersuchung, wird dann beleuchtet, wie die deutsche Entwicklungshilfe in Afghanistan wirkt.

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2. Theoretische Grundlagen und Überlegungen
2.1 Rentenökonomische Theorie von Elsenhans Der rentenökonomische Ansatz von Hartmut Elsenhans erweist sich für die vorliegende Studie aus verschiedenen Gründen als besonders geeignet. Erstens liegt dem Ansatz eine theoriepluralistische Herangehensweise zu Grunde, die die Neoliberale Schule, die neue endogene Wachstumstheorie sowie Begriffe aus der Dependenztheorie und ihre neoklassische Umdefinition mit einschließt. Des Weiteren wird auf der neoklassischen Konvergenztheorie und der Zielsetzung der Modernisierungstheorie aufgebaut. Damit ist Elsenhans Ansatz nicht eindimensional und bedenkt sowohl politische als auch ökonomische Faktoren. Zweitens eignet sich der Ansatz, weil er politökonomische Systeme mit wenigen Variablen und ihrem interdependenten Zusammenwirken beschreiben kann und damit für die Erfassung eines komplexen Systems auch im Rahmen dieser Arbeit möglich ist. Drittens sind die Variablen in ihrer Begrifflichkeit so definiert, dass sie einen Modellierungsspielraum auf der konkreten Fallbeispielebene zulassen, ohne damit ihre Erklärungskraft und die von ihnen beschriebenen Wirkzusammenhänge zu verlieren. Viertens liefert der Ansatz eine klare Zielformulierung von Entwicklungspolitik, die eine Bewertungsblaupause für die Analyse des konkreten Fallbeispiels Afghanistan liefert. Im Folgenden werde ich drei Teile der Theorie von Elsenhans darstellen, da diese die theoretische Grundlage meiner Arbeit bilden. Dazu gehört erstens die Darstellung des Zielmodells für Entwicklung, zweitens die Beschreibung der Variablen, die bei Elsenhans die Ausgangslage in unterentwickelten Wirtschaften kennzeichnen und drittens die Vorstellung der von Elsenhans vorgeschlagenen Wege zur Überwindung von Unterentwicklung mit besonderem Fokus auf die Entwicklungshilfe.

2.1.1 Entwicklungsziel: Kapitalismus Hartmut Elsenhans Zielmodell von Entwicklung ist ein sich selbst tragendes, marktwirtschaftliches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Bedingungen dieses selbst tragenden Wirtschaftssystems, d.h. ohne massive staatliche Eingriffe in Wirtschaftsstrukturen und –abläufe, sind erstens Beseitigung von Marginalität, zweitens inländische Produktion von Investitionsgütern und dadurch drittens Teilnahme am technischen Fortschritt.

5 Elsenhans verwirft die gemeinsame Annahme der Marxistischen und der Neoklassischen Theorie, „dass menschliche Arbeitskraft stets wenigstens so produktiv sei, dass sie bei Subsistenzeinkommen einen Surplus erwirtschaftet.“ (Elsenhans 1995, S.140) „In beiden Theorieansätzen werden bei ausreichend niedrigen Preisen von Arbeit die Arbeitsmärkte geräumt, weil annahmegemäß das Grenzprodukt von Arbeit über den Reproduktionskosten liegt.“ (Elsenhans 2001, S.136) Die Räumung des Arbeitsmarktes bewirkt eine Steigerung der Löhne, die wiederum bewirkt in einem wirtschaftlichen Zirkulationsprozess, eine Arbeitsverknappung und darauf folgende höhere Löhne, mit dem Resultat der gestiegenen effektiven Nachfrage, d.h. Kaufkraftzunahme. Nachfrage aber, besonders Massennachfrage, ist nach Elsenhans ein Engpassfaktor und Motor der Wirtschaft zugleich. Erst die effektive, mit Kaufkraft ausgestatte Nachfrage gibt Impuls zur Investition und damit zum Sparen, zur Kapitalakkumulation und dadurch wiederum zur Investition und zu Profit. In unterentwickelten Wirtschaftssystemen tritt aber der Fall auf, dass die Grenzproduktivität unter den Reproduktionskosten liegt. Die Gründe dafür werden im Verlauf dieser Arbeit näher erläutert. Die Arbeiter, die davon betroffen sind, nennt Elsenhans Marginale. Bei der Existenz von Marginalen kann kein Prozess der Arbeitsverknappung beginnen. Dies hat zwei Gründe. Erstens können Marginale, ohne Gewalt, keine Einkommenssteigerungen aus eigener Kraft erzwingen, denn sie können definitionsgemäß mit keiner Arbeitsniederlegung drohen, da sie wirtschaftlich keinen Überschuss produzieren und somit nach marktwirtschaftlicher Rationalität überflüssig sind. Zweitens können selbst die produktiv eingesetzten Arbeiter keine Einkommenssteigerung durchsetzen, da sie durch Marginale ausgetauscht werden können. So zeigt Elsenhans am Beispiel südasiatischer Arbeiter, dass diese erkannt haben, dass allein die Arbeitsniederlegung wenig effektiv ist. Sie haben die Form des Streiks an die Umstände angepasst neben der Arbeitsniederlegung zusätzlich die Verkehrswege gesperrt, um ihren Forderungen effektiven Nachdruck zu verleihen. (Elsenhans, 1997, S.12) Eine homogene Massennachfrage kommt bei Bestehen von Marginalität nicht zu Stande. Der Prozess, der zu Investitionen führt, besonders in die Investitionsgüterindustrie, kommt nicht in Gang. Damit wird schon die zweite Bedingung des selbst tragenden Wirtschaftswachstums angesprochen: die Nettoinvestitionen in die inländische Investitionsgüterindustrie. Diese setzt sich selbst verstärkende Multiplikatoreffekte frei, zum einen Schaffung zusätzlicher Einkommen außerhalb der Konsumgüterindustrie, zum anderen Verknappung des Arbeitsangebots und damit Marktmacht von Arbeit, was wiederum zu höheren Löhnen und mehr effektiver Nachfrage führt und somit schneller zum selbst tragenden Wirtschaftswachstum.

6 Der Aufbau der inländischen Investitionsgüterindustrie und eine homogene Massennachfrage sind auch eine Voraussetzung der dritten Bedingung des selbst tragenden Wirtschaftswachstums, die Teilnahme am technischen Fortschritt. „Wenn Massenproduktion die Grundlage für die Steigerung der Kapitalproduktivität und damit für die Erhöhung des Performanz-Kosten-Verhältnisses bei Maschinen ist, dann wird eine egalitäre Gesellschaft [und damit homogene Massennachfrage] günstige Voraussetzung für die Entwicklung von Technologie bieten.“ (Elsenhans 2006, S.13) Teilnahme am technischen Fortschritt bewirkt des Weiteren zukünftige inländische Wettbewerbs- und Investitionsmöglichkeiten. Diese wiederum sind für die Akquirierung von Überschuss über den Markt, also Profit, essentiell. Nach Elsenhans führt dies zu einer weiteren zentralen Kennzeichnung einer marktwirtschaftlichen Ordnung. In einem solchen System ist der einzig legitime Weg die Aneignung des gesellschaftlich produzierten Überschusses zu akquirieren über den Markt. Diese Form der Aneignung, also Profit, führt zu gesellschaftlichen Konsequenzen und beruht auf ebensolchen Bedingungen. Konsequenzen ergeben sich aus dem Charakter und dem Entstehen des Profites. Profit ist der Nettoinvestition gleichzusetzen. Besonders Nettoinvestitionen in die Investitionsgüterindustrie erweitern, über die dort gezahlten Löhne, die Nachfragemenge und erlauben den Konsumgüterherstellern einen Aufschlag auf ihre Herstellkosten zu erheben. Diesen Profitaufschlag nehmen auch die Industriegüterproduzenten vor, sonst würde es sich für sie mehr lohnen in der Konsumgüterindustrie zu arbeiten. Konkurrenz unter den Investitionsvorhaben zwingt wiederum zum wirtschaftlichen Einsatz des Profites. Dies führt bei den Konsumgüterherstellern zu einem Zwang zur Re-Investition in Maschinen, die leistungsfähiger oder gleichwertig gegenüber ihren Konkurrenten sind. Bei den Investitionsgüterherstellern zwingt Konkurrenz dazu, in technischen Fortschritt zu investieren, der ebenso mindestens auf Höhe der Konkurrenz sein sollte. In den sich selbst tragenden, marktwirtschaftlich organisierten Wirtschaftssystemen existiert ein systemimmanenter Zwang zur Investition, denn nur so kann Profit akquiriert werden. Die Bedingung auf dem dieser Zwang zur Investition fußt, ist die gesellschaftliche Einigung auf nur diese Art der Überschussaneignung. Diese Einigung setzt wiederum ein ausbalanciertes Machtgleichgewicht zwischen Privilegierten und Nichtprivilegierten, bzw. zwischen Arbeit und Kapital, voraus. In einem System, in dem Marginalität besteht, ist jedoch ein solches Machtgleichgewicht kaum vereinbar. Anders formuliert bedeutet dies, dass in einem System, in dem Marginalität besteht, ein sich selbst tragendes Wirtschaftswachstum, d.h. ein kapitalistisches System, nicht möglich ist. Somit ist, diesen durch Marginalität geprägten

7 Wirtschaftssystemen, die nicht kapitalistisch organisiert sind, der Weg zur Entwicklung eines Massenwohlstandes verbaut. 2.1.2 Ausgangslage: Rentenökonomie Unterentwickelte Wirtschaftssysteme sind nach Elsenhans durch Marginalität, Rente und Staatsklasse gekennzeichnet. Marginalität ist auf eine „niedrige durchschnittliche Produktivität der Arbeit“ (Elsenhans 1997, S.5) in dem landwirtschaftlichen Sektor zurückzuführen. Begrenzte Flächen an guten Böden, kein bzw. geringer Einsatz des Faktors Kapital, hier insbesondere Dünger, Wasser und Landmaschinen, und ein Bevölkerungswachstum, das nicht durch „bewusstes Reproduktionsverhalten beschränkt wird“, führen zu einer „Marginalitätsfalle“ (Elsenhans, 2001aa, S.137). Denn bei stetiger Zunahme des Faktors Arbeit und bei gleichzeitigem Konstanthalten der Faktoren Boden und Kapital, tritt das klassische Ertragsgesetz in Kraft. Im klassischen Ertragsgesetz gibt es bei partieller Faktorvariation eine optimale, d.h. maximale Outputmenge bzw. Ertrag, die bei weiterem Einsatz des partiellen Faktors, hier Arbeit bzw. ein weiterer Landarbeiter, abnimmt. Bevor aber die Gesamtoutputmenge fällt, fällt zuerst die Outputmenge, die der letzte Arbeiter erwirtschaftet. Ab diesem Punkt fällt die Grenzproduktivität. Fällt sie unter das Niveau der Reproduktionskosten, können in einem marktwirtschaftlich organisierten System diese Arbeiter nicht mehr beschäftigt werden. Elsenhans nennt diesen Übergang „Marginalitätsschwelle“ (Elsenhans 2001, S. 136) In einem vorkapitalistischen Wirtschaftssystem werden alle, die unter der Marginalitätsschwelle liegen, in Produktion von Luxusgütern für die Privilegierten eingesetzt. Diese Produktionsweise wird durch das Auftreten von kapitalistischen Ländern gefährdet, weil nun für die Privilegierten die Möglichkeit besteht, den angeeigneten Überschuss nicht für die Dienstleistungen und Produkte der Marginalen zu verwenden, sondern auf dem Weltmarkt zu veräußern und dafür technologisch komplexere Luxusgüter und -dienstleistungen aus dem kapitalistischen Ausland zu erwerben. Das führt dazu, dass die Marginalen nun „marginalisiert“ (Elsenhans 1997, S.5) werden, d.h. dass sie aus dem formalen Produktionsapparat hinausfallen und somit sämtliche Lebensgrundlage verlieren. Es entsteht ein informeller Wirtschaftssektor, in dem diese Marginalisierten täglich ums Überleben kämpfen und keine Perspektive über den Tag hinaus haben. Eine Möglichkeit der Marginalen nicht in diesen lebensbedrohlichen Zustand zu geraten, ist sich Patronage- und Klientelnetzwerken der Privilegierten anzuschließen. „An dieser Marginalitätsschwelle gibt es einen allerdings in seiner Höhe nicht ableitbaren Überschuss der Landwirtschaft, so dass marginale Arbeitskräfte durchaus ernährt werden können, sofern die den Überschuss kontrollierende Klasse bereit ist, dies aus nichtökonomischen Gründen zu tun, z.B. im Rahmen eines gesellschaftlichen Paktes. Jede Art von

8 Transfer wird aber erfordern, dass die begünstigten Arbeitskräfte keine Bedrohung der etablierten Gesellschaft darstellen. Wie immer die Verhaltensvorschriften im einzelnen lauten mögen, wird doch Willfährigkeit und Gehorsam ein grundlegendes Element ihrer Beziehung zu Überschuss aneignenden Klasse sein, so dass dieses Verhältnis als Klientelismus oder Patronage bezeichnet werden kann. Gleichzeitig haben die Patrone Zugang zum Überschuss mit politischen Mechanismen, nämlich Macht.“ (Elsenhans 2001b, S.38) Dieser Sozialvertrag besteht hauptsächlich, wie oben angemerkt, aus politischen Gründen, die wiederum zweierlei Ursachen, das Vorhandensein von Rente und die sie politisch abschöpfenden Staatsklasse, haben. Elsenhans bezeichnet Rente als eine Einnahmequelle der Privilegierten, die mit politischen Mitteln abgeschöpft wird und die deshalb nicht dem systemimmanenten Zwang einer Marktwirtschaft unterliegt, d.h. dem Zwang das Geld erneut wirtschaftlich zu investieren, um eine dauerhafte Einnahmequelle zu sichern. Die Dauerhaftigkeit von Renten ist nicht von ihrem wirtschaftlichen Verwendungszweck abhängig, sie können investiert oder konsumiert werden. Sie unterliegen aber einem Zwang zur politischen Investition, die sich nicht nach marktwirtschaftlicher Wirtschaftlichkeit richtet, sondern nach politischem Machterhalt. Die Art und Weise dieser politischen Investitionen, richtet sich sehr stark nach der Art der Rente und den landesspezifischen Gegebenheiten, wie z.B. ethnisch heterogene Bevölkerung, politisches System, etc. und ist in einer großen Bandbreite vorhanden. „Renten lassen sich unter Ausschaltung wirtschaftlichen Wettbewerbs (z. B. durch Protektionismus, Marktreservierung und/oder Marktzugangsbeschränkungen) und im Rohstoffsektor (durch die Aneignung von Differentialrenten) erzielen, aber auch durch den Einsatz moderner Technologien (Aneignung von Produktivitätsfortschritten), in Staatsbetrieben mit monopolistischer Preisbildung sowie (wie Hirschman bereits aufzeigte) in Form von Entwicklungshilfezahlungen. Die Rente lässt sich dann durch einen politischen Prozess innerhalb der Eliten (um-)verteilen.“ (Fuhr 2000, S.213) Genau so vielfältig sind die politischen Ausgestaltungsmittel ihrer Kontrolle. Den Zugang zu der Kontrolle und Ausbeutung der Rente geschieht jedoch meistens über die Staatsmacht bzw. die staatlichen Institutionen. Somit bildet sich um den Staat eine politische Klasse, die Staatsklasse, der die Besetzung und Behaltung der Ämter oberstes Ziel ist. In der Regel hat die Staatsklasse am Aufkommen einer finanziell von ihr unabhängigen und finanzstarken Kapitalistenklasse kein Interesse. Um die politische Macht zu erhalten, pendelt die Staatsklasse zwischen einer Politik der Selbstprivilegierung und dem Zwang zur Legitimation. Dazu gehört vor allem der Aufbau von Patronage- und Klientelnetzwerken, die den politischen Machterhalt sichern. Die Patronage- und Klientelnetzwerke bilden einen neuen Sozialvertrag. Es geht nicht mehr um die Produktion von Luxusgütern für die Privilegierten durch

9 die Marginalen, sondern der Sozialvertrag sichert einerseits der Staatsklasse die Legitimation und andererseits den Marginalen den Lebensunterhalt. Diese Patronage- und Klientelnetzwerke sind im Rahmen von Segmenten aufgebaut, die sich meistens entlang von ethnischen und kulturellen Bruchlinien einer Gesellschaft ziehen. Elsenhans ist jedoch der Meinung, dass die ethnischen und kulturellen Bruchlinien zwischen den Segmenten dann keine Rolle spielen, wenn genug Renteneinnahmen vorhanden sind, um die Netzwerke zu finanzieren. Erst wenn die Einnahmequellen versiegen, versucht jedes Segment sich die verbleibenden Einnahmen zu sichern. Den Zusammenhang von Rentenflüssen und dem Machtkampf der Segmente veranschaulicht Ouaissa am Beispiel Algeriens, wo es zu periodischen politischen Kämpfen kommt, die abhängig von dem Auf und Ab des Ölpreises beeinflusst werden. (Ouaissa, 2004)

2.1.3 Möglichkeitsraum von Entwicklung Da die Staatsklasse in solchen Systemen den wirtschaftlichen und politischen Hebel, wie oben aufgezeigt, in der Hand hat, sind Entwicklungswege vom Verhalten der Staatsklasse abhängig. Bei einer progressiven Ausrichtung der Staatsklasse zeigt Elsenhans mehrere Wege auf wie Marginalität beseitigt und industrielle Entwicklung eingeleitet werden kann. Als erste Möglichkeit nennt Elsenhans die Durchsetzung einer egalitären Bodenreform. Der Agrarsektor in unterentwickelten Ländern spielt eine herausragende Rolle, da typischerweise mehr als 50 % der Arbeitsfähigen darin beschäftigt sind, dieser aber nur 25 % des Bruttoinlandproduktes (BIP) ausmacht. Hier anzusetzen verspricht eine große Wirkung. Eine gleichmäßige Verteilung des Bodens an alle Familien wirkt sich sowohl auf die Beseitigung von Marginalität als auch auf die industrielle Entwicklung positiv aus. Eine egalitäre Bodenreform verschiebt das Problem von Marginalität aus dem öffentlichen Bereich in den privaten, denn die Marginalitätsschwelle wird durch die Reform nicht angehoben. Es herrscht immer noch eine geringe Grenzproduktivität, nur trifft nun sie jede Bauernfamilie. Die Arbeitszeit pro zugeteiltem Feld besteht nun aus einer produktiven Arbeitszeit, oberhalb der Reproduktionskosten, in der der Großteil des Ertrages erwirtschaftet wird und einer weniger produktiven Arbeitszeit, so genannter „marginalen Arbeitszeit“ (Elsenhans 1997, S. 23), in der zwar immer noch notwendiger Überschuss produziert wird, aber mit einem höheren Arbeitsaufwand für einen geringeren Ertrag. Trotzdem verbessert eine egalitäre Bodenreform die Lage der Marginalen, denn sie stattet sie mit Verhandlungsmacht aus, da sie nun nicht mehr auf Klientelbeziehungen angewiesen sind. In Bezug auf die industrielle Entwicklung entfaltet eine egalitäre Bodenreform folgende Wirkungen. Erstens bieten die Bauern bzw. Mitglieder aus Bau-

10 ernfamilien ihre Arbeitskraft, die oberhalb der marginalen Arbeitszeit auf den Feldern liegt, zu Löhnen unter ihren Reproduktionskosten an. Somit sind die Löhne für meist ungelernte Arbeit, in der Regel Fabrikarbeit, sehr gering, was zu Phänomenen wie „ländlicher Industrialisierung“ (Elsenhans 1997, S.24) und verstärkte Arbeitsmigration führt. Zweitens kommt es aufgrund eines annährend gleichen Einkommens in der Bevölkerungsmehrheit zu einer Homogenisierung der Nachfrage. Einer Nachfrage die vornehmlich einfache Haushalts- und Konsumgüter betrifft, die es nun industriell zu produzieren lohnt. Einen ähnlichen Effekt auf die Nachfrage haben Subventionen von Marginalen bzw. Marginalisierten. Die englischen Armengesetzte aus dem 18. Jahrhundert vor Augen, erläutert Elsenhans, dass eine Besteuerung von Kapitaleinkommen, die genutzt wird damit die Arbeitslosen subventioniert werden, meist in Form von öffentlicher Arbeit, ebenso zu einer Ausstattung der Marginalen mit Kaufkraft führt und somit zu einer Bildung von Massennachfrage nach einfachen Konsumgütern. Ein weiterer Weg Marginalität zu beseitigen ist der technische Fortschritt, der die Grenzproduktivität in der Landwirtschaft anhebt. Dabei schränkt Elsenhans ein, dass lediglich die Art von technischem Fortschritt gemeint ist, der die Nachfrage nach Arbeitskräften in der Landwirtschaft fördert und nicht die Produktivität der schon produktiven Arbeiter anhebt. Zwar steigt in beiden Fällen der Überschuss in der landwirtschaftlichen Produktion, im letzteren Fall jedoch bleiben die Marginalen weiterhin ohne Beteiligung an diesem. Ein weiteres Feld der Handlungsmöglichkeiten in einem System mit einer progressiven Staatsklasse ist der Einsatz einer flexiblen Zoll-, Handels-, Währungs- und Industriepolitik. Sowohl eine exportorientierte Industrialisierung als auch eine binnenmarktorientierte Industrialisierung versprechen, laut Elsenhans, einen Erfolg. Zentrale Bedingung für den Erfolg ist eine wirkungsvolle Währungspolitik, mit einer exportfördernden schwachen Währung.(Elsenhans 2000, S.252) Solch eine Politik kann am Besten durchgeführt werden, wenn die Ernährung der Bevölkerung mindestens zum Selbsterhalt gewährleistet ist, d.h. ohne auf Devisen angewiesen zu sein. Des Weiteren empfiehlt sich eine Zollpolitik, die den Aufbau einer eigenen Investitionsgüterindustrie vom Weltmarkt abschottet und damit den Binnenmarkt fördert. Bei einer rigiden Ausrichtung der Staatsklasse, bleibt für die Entwicklungshilfe, die aus dem Ausland kommt, immer noch eine Möglichkeit Marginalität zu beseitigen und Entwicklung anzustoßen. Hierfür schlägt Elsenhans die Installation künstlicher Industrien vor, um den Marginalen ein Einkommen jenseits der Staatsklasse zu sichern. (Elsenhans 2001, S. 144) Auch damit könnte eine homogene Massennachfrage, durch Erhöhung des Einkommens,

11 geschaffen und somit ein entscheidender Impuls zur industriellen Entwicklung gesichert werden.

2.2 Das Sensitivitätsmodell von Vester Elsenhans Ansatz, den ich oben, in den für diese Arbeit wichtigsten Punkten, dargestellt habe, bietet ein Erklärungsmodell für die Analyse der Probleme in unterentwickelten Ländern. Dies liefert auf der inhaltlichen Ebene der Arbeit griffige Variablen, die bei der Analyse eines unterentwickelten Wirtschaftssystems wichtige Muster erkennen lassen. Zudem zeigt Elsenhans einen Lösungskorridor auf, in dem möglicherweise Entwicklung zustande kommt. Auf der analytischen Ebene möchte ich jedoch Elsenhans Ansatz mit dem biokybernetischen Planungsmodell, auch Sensitivitätsmodell, von Frederic Vester ergänzen, weil es ein Handwerkszeug bietet, mit dem komplexe, nichtlineare Systeme gehandhabt werden können. Dazu gehört in erster Linie die Visualisierung von, in einem gegenseitigen Wirkverbund stehenden, Einflussgrößen. „Dem systemischen Vorgehen im Allgemeinen und der Simulation im Besonderen gelingt die Darstellung und das Sichtbarmachen von komplexen Sachverhalten. Die Einsicht in die Art und Weise beziehungsweise das Muster der Systemzusammenhänge wird hier anschaulich vermittelt, die Transparenz von Wirkungen und Nebenwirkungen innerhalb eines Systems beträchtlich erhöht. Insgesamt führt dies zu einem besseren Verständnis des Systemverhaltens, insbesondere ist es durchaus in der Lage, beim Beobachter „Aha-Effekte“ oder sogar Betroffenheit auszulösen. Anders als in üblichen Simulationsverfahren sind die hinter den Bewertungen, Zuständen und Wirkungsbeziehungen stehenden Prämissen und Leitbilder jederzeit transparent und abrufbar.“ (Steinbrecher, 1998, S.326) Für die Analyse eines Systems nennt Vester bedingende Kriterien, die bei der Überprüfung am Fallbeispiel erfüllt sein sollten. Damit stellt das Modell sicher, dass eine einseitige Systemmodellierung ausgeschlossen wird, weil hinreichende Variablen vorhanden sind. Durch die Fokussierung auf diese Kriterien bietet sich auch der Vorteil, ein komplexes System für die Analyse verknappen zu können. Anders formuliert, mit wenigen Variablen können die wichtigsten Muster in einem System erkannt und dargestellt werden. „In der Tat dürfte man wohl schon ein weitaus getreueres Abbild und Funktionsbild eines realen Systems bekommen, wenn man mit 20 sorgfältig ausgesuchten Schlüsselvariablen und deren Vernetzung arbeitet statt wie bisher mit lediglich drei oder vier willkürlichen Größen oder gar mit nur einer Hauptvariable wie dem wachsenden Bruttosozialprodukt.“ (Vester, 1997, S.46)

12 Hier ist es wichtig zu betonen, dass inhaltlich die Variabeln von Elsenhans bei der Suche nach den Schlüsselvariablen, sprich Marginale, Rentenquelle, Staatsklasse, Produktionssystem, und Machtverhältnisse, den Weg weisen wird. Ein weiterer Vorzug von Vesters Planungsmodell ist ihre vernetzte Herangehensweise, die die Gefahren linearen Denkschemata bei der Diagnose von komplexen Systemen auszuschließen versucht. Vester erkennt mehrere Gefahrenquellen, die sich bei der Diagnose ergeben können. Erstens spricht Vester das Problem einer zu starken Fokussierung auf Ausschnitte des zu untersuchenden Systems an. Dies kann die mangelhafte Zielerkennung betreffen. Damit meint er, dass bei der Zieldiagnose ein System, ohne die Betrachtung auf einer Metaebene, abgetastet wird. Dabei wird ein Problem nach dem anderen gesucht und behoben, ohne deren Zusammenwirken zu kennen. Dieses „Reparaturdienstverhalten“ (Vester, 1997, S.25) kann manchmal mehr Schaden anrichten, als es Hilfe leisten würde. „Infolge ihrer Vielfältigkeit, Vernetztheit und Dynamik hilft es nicht mehr weiter, Probleme in kleine überschaubare Teilprobleme aufzuspalten und deren Lösungen dann je für sich zu perfektionieren. So entstehen dann oft Lösungen, die am Ende nicht mehr zusammenpassen. Es gilt vielmehr, erfolgreiches Handeln gerade unter Berücksichtigung hoher UmfeldKomplexität (strukturell und dynamisch) und Intransparenz der Rahmenbedingungen zu ermöglichen beziehungsweise zu sichern.“ (Steinbecher, 1998, S. 307) In ähnlicher Weise stellt sich ein zweiter Gefahrenaspekt dar, nämlich das Sammeln hoher Datenmengen, die in keinem Zusammenhang stehen oder ohne diese mit dem Gesamtsystem zu verknüpften. Dabei lässt sich das Muster des Systems nicht erkennen. Bei dieser Art der Schwerpunktbildung können leicht Nebenwirkungen der gegebenen Lösungsmöglichkeiten übersehen werden, die gravierend für die Funktionen des Systems sein können. Eine dritte Gefahr des linearen Problemlösens ist bei Vester die „Tendenz zur Übersteuerung“ (Vester, 1997, S.25). Nach zögerlichem Eingreifen, wird häufig stark nachgesteuert, wenn bemerkt wird, dass sich im System nichts tut. Bei den ersten unbeabsichtigten Nebenwirkungen besteht die Tendenz das Eingreifen vollkommen zu unterlassen. Eine vierte Gefahr des nicht vernetzten Problemlösens ist „die Tendenz zu autoritärem Verhalten. Die Macht, das System verändern zu dürfen und der Glaube, es durchschaut zu haben, führen zum Diktaturverhalten, das jedoch für komplexe Systeme völlig ungeeignet ist. Für diese ist ein „anschmiegsames Verhalten“, welches mit dem Strom schwimmend verändert, am wirkungsvollsten.“ (Vester, 1997, S. 25) Vester plädiert aus den oben genannten Gründen für die Anwendung seiner Methode, die in verschiedenen Arbeitsschritten versucht, die Komplexität eines Systems erfassbar zu machen. Vester stellt vier Stufen der Vorgehensweise bei der Diagnose dar, die im Folgenden beschrieben werden. Die erste Stufe ist die Systembeschreibung. Der erste Arbeitsschritt

13 der Systembeschreibung ist das Sammeln und Erfassen so vieler Variablen des Systems wie möglich. Dies geschieht nach Vester am Besten in einem in einem „brain storming“, in dem Experten des Systems alle relevanten Einflussgrößen, sprich Variablen des Systems, erfassen (Vester 1997, S. 26). In dieser Arbeit habe ich das Expertenwissen aus der Literatur über Afghanistan zu erfassen versucht und mich an den, von Elsenhans vorgeschlagenen, Variablen in unterentwickelten Systemen orientiert. In einem zweiten Schritt wird dieser Variablensatz durch eine Kriterienmatrix einer Prüfung auf Systemrelevanz unterzogen. In der Kriterienmatrix zählt Vester achtzehn für eine Systembeschreibung notwendige Themenbereiche auf. Er unterteilt diese wiederum in sieben „Lebensbereiche“ und acht „Kategorien“, die die Variablen annehmen können. Die unten stehende Tabelle bietet eine Übersicht: Tabelle: Kriterienmatrix
Lebensbereiche Bevölkerung Wirtschaft Raum Befinden Ressourcen Infrastruktur Innere Ordnung und Organisation Kategorien Materie Energie Information Flussgröße Strukturgröße Zeitliche Dynamik Räumliche Dynamik; Öffnung des Systems durch Input Öffnung des Systems durch Output von Innen steuerbar von Außen steuerbar

Hierfür muss der Variablensatz die oben genannten Grundkategorien und Lebensbereiche abdecken. Die Überprüfung anhand der Kriterienmatrix dient zwei Zielen. Erstens wird damit ein ausgewogener Variablensatz erstellt und zweitens können Variablen, die in manchen Lebensbereichen öfters vorkommen zusammen gesehen werden. D.h., dass die Menge der erhobenen Daten reduziert werden kann, da eine Zusammenschau möglich ist. Die zweite Stufe in Vesters Sensitivitätsmodell ist die Mustererfassung. Erster Schritt der Mustererfassung ist die Erstellung einer so genannten „Einflussmatrix“ (Vester 1997, S. 27). In diesem auch „Papiercomputer“ (Vester 1997, S. 30) genannten Arbeitsschritt wird die direkte Wirkung der Variablen aufeinander untersucht. Die Wirkung einer Variable auf die andere wird antizipiert und bewertet. Die Bewertung wird in einer Übersicht festgehalten, die angibt, wie die Einflussgröße der einen Variablen auf die andere ist. Aus diesen einzelnen Bewertungen lassen sich in der Gesamtschau Eigenschaften der Variablen ableiten. Diese Eigenschaften teilt Vester in zwei Kategorien. Die erste Kategorie unterteilt die Variab-

14 len nach der Wirkung, die sie auf andere Variablen haben in: hochaktiv, aktiv, leicht aktiv, neutral, leicht reaktiv, reaktiv, stark reaktiv. Die zweite Kategorie unterteilt die Variablen nach der Wirkung, denen sie ausgesetzt sind in: hochkritisch, kritisch, leicht kritisch, neutral, schwach puffernd, puffernd, stark puffernd. Der zweite Schritt der Musterfassung sieht wiederum eine zweidimensionale Matrix vor, in der die Variablen anhand ihres Einflussindexes eingeordnet werden, um damit ihre Rolle im System zu beleuchten. „Die Verteilung der Variablen in dieser Matrix vermittelt einen sehr unmittelbaren Eindruck von der Art des Systems und vor allem von der Qualität der Variablen im System.“ (Vester 1997, S 31) Die Eckwerte dieser zweidimensionalen Matrix sind „aktiv-reaktiv“ und „kritisch-puffernd“ (Verster 1997, S. 34). Die Matrix besteht aus 50 Feldern, in die die Variablen anhand der ermittelten Indizes eingeordnet werden. Das Ergebnis dieser Rollenverteilung im System ist die Ermittlung des Einflussindexes. „Der Einflussindex gibt den in der Matrix bildlich dargestellten Sachverhalt mathematisch berechnet in Aktivwerten (Aktivsumme), Passivwerten (Passivsumme), als Produkt (Aktivmal Passivsumme) und als Quotienten (Aktivsumme durch Passivsumme) wieder.“ (Vester 1997, S. 31) Der dritte Schritt der Musterfassung ist die Gesamtdarstellung der vernetzten Variablen anhand von Regelkreisen. Um die Regelkreise darzustellen, wird die inhaltliche Wirkung der Variablen aufeinander, d.h. ob die Variable und damit ihre Bestandsgröße positiv oder negativ von anderen Variablen beeinflusst wird, erfasst und bewertet. Die dritte Stufe in Vesters Sensitivitätsmodells ist die Interpretation und Bewertung der Systemvernetzung. Der erste Schritt auf dieser Stufe sieht vor, handhabbare Teilszenarien aus dem Gesamtgefüge zu lösen und einer Wenn-Dann-Prognose zu unterziehen. Hierbei wird untersucht wie das System auf die Veränderung von Variabel reagiert. Die vierte Stufe in Vesters Sensitivitätsmodells ist die Systembewertung, die durch die Identifizierung der Schlüsselvariablen und Vorschläge von Alternativen des Systemverhaltens, d.h. einer Eingreifstrategie in das vorhandene System, gekennzeichnet ist. Dabei orientiert sich Vester an acht biokybernetischen Systembewertungsregeln, bei deren Befolgen die Überlebensfähigkeit des Systems steigt. Die unten stehende Tabelle von Jörg Volkmann, die er von Vester übernommen und modifiziert hat, fasst die acht biokybernetischen Regeln noch einmal zusammen.

15 Tabelle 1: Grundregeln der Biokybernetik (Volkmann 2006, S. 6)
Biokybernetische Grundregel Dominanz der negativen Rückkopplung über die positiven Beschreibung Positive Rückkopplungen sind Selbstverstärkungsmechanismen. Sie bringen Dinge zum Laufen. Negative Rückkopplungen wirken stabilisierend, indem sie Amplituden von Schwankungsbewegungen innerhalb eines Toleranzbereiches eingrenzen Der Durchfluss von Energie und Materie ist langfristig konstant. Dies verringert den Einfluss von Irreversibilitäten und das unkontrollierte Überschreiten von Grenzwerten. Austauschbarkeit erhöht die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit von Systemen.

Unabhängigkeit der Systemfunktion vom quantitativen Wachstum Funktionsorientierung statt Produktorientierung, z.B. -Nutzung des Jiu-Jitsu-Prinzips - Mehrfachnutzung von Produkten, Funktionen und Organisationen - Recycling - Symbiose - Biologisches Design von Produkten, Verfahren und Organisationsformen durch Feedbackplanung

Die Bewertungsregeln werden in dieser Arbeit keine Anwendung finden. Ich möchte mich bei der Strategiefindung für die Entwicklung des afghanischen Wirtschaftssystems vorwiegend an Elsenhans Entwicklungsstrategien orientieren, die ich im obigen Kapitel beschrieben habe, da die Zielformulierung für Entwicklung aus Elsenhans Theorie abgeleitet ist und Vesters Bewertungsregeln allgemeiner gehalten sind.

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3. Analyse
3.1 Systembeschreibung - Afghanistan geographische, wirtschaftliche und polithistorische Standortbestimmung

Geographie, Topographie und menschliche Siedlungsstruktur Das heutige Afghanistan liegt am Kreuzpunkt zwischen Zentralasien, Südostasien und der Ostgrenze des so genannten „Greater Middel East“ und ist dementsprechend von mehreren Ländern umrandet. Im Nordwesten grenzt es an Turkmenistan ab. Im Norden und Nordosten grenzt es an Usbekistan, Tadschikistan und in einem kleinen Grenzstreifen an China. Östlich und Westlich hat es mit Pakistan die längste Grenze des Landes. Im Westen grenzt es an den Iran. Mit 647,500 km² ist Afghanistan fast doppelt so groß wie Deutschland. Die Topographie des Landes prägt die Lebensbedingungen im Land entscheidend, denn sie erlaubt nur in einigen Gegenden menschliche Siedlungen. Afghanistan gehört zum iranischafghanischen Hochland, dessen nördliche und südliche Gebirgsketten im Nordosten zum Hindukusch zusammenführen. Dies führt zu einer Zergliederung oder Kammerung des Landes in sehr gebirgige Gebietsteile im Zentrum Afghanistans sowie im Nordosten, im Grenzgebiet zu Pakistan, China und Tadschikistan und in etwas flachere wüstenhafte Gebietsteile im Westen und im Süden des Landes. Im Nord-Nordwesten des Landes befindet sich die baktrische Tiefebene, die durch den Grenzfluss Amu Daria durchflossen wird. Afghanistan liegt im zentralasiatischen Trockengürtel und ist geprägt durch ein sehr trockenes Wüstenklima, in dem die Verfügbarkeit von Wasser begrenzt ist und vor allem von der Regenzeit im Winter abhängt. Aus diesem Grund befinden sich die meisten Siedlungen an den großen Flüssen des Landes, die aus den Bergen mit Wasser gespeist werden. So ergeben sich vier wichtige Siedlungsräume entlang des Kabul, des Amu Daria, des Helmand und des Hari Rud. Entlang des KabulFlusses, der über das Indus-System in das Arabische Meer fließt, befindet sich das KabulBecken, in dem die Hauptstadt liegt. Aus dem Kabul-Becken hinaus führt gen Osten über den Kybar-Paß bei Jalalabad eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen ins Nachbarland Pakistan und in die Indus-Tiefebene. In südwestlicher Richtung führt aus dem Kabul-Becken die alte Zentralroute des Karavanenhandels zwischen Indien und Persien über das Arghandab-Tal und das Helmand-Tal mit der Stadt Kandahar und dann in nordwestlicher Richtung schwenkend in das Tal des Hari Rud nach Herat. Das Kabul-Becken war und ist somit sowohl für die Landwirtschaft als auch für den Handel bedeutend. Im oberen Helmand- und Arghandab-Tal und um Herat liegen zwei weitere bedeutende Siedlungsräume in Afghanistan. Auch hier läuft

17 eine alte und bedeutende Karavanenstrasse, die Seidenstrasse, entlang des Grenzflusses Amu Daria, der die Grenze zu Usbekistan und Turkmenistan bildet. Hier in der baktrischen Tiefebene liegt das vierte Siedlungszentrum mit den Städten Mazar-i-Sharif und Kundus. In diesen Siedlungszentren leben ca. 29 Millionen Menschen, bei einem Bevölkerungswachstum von 2,5 %. (Bertelsmann, 2007) Dabei ist Afghanistan eine junge Gesellschaft, denn 40 % der Afghanen sind jünger als 15 Jahre. (Library of Congress, Country Profile 2006) Die Afghaninnen gebären in Schnitt 6,5% Kinder. (Bertelsmann, 2007) Demgegenüber ist die Kindersterblichkeit sehr hoch. Die Lebenserwartung der Afghanen liegt bei 45 Jahren.(Bertelsmann, 2007)

Wirtschaftsstruktur Im Landwirtschaftssektor sind ca. 75% der arbeitsfähigen Bevölkerung beschäftigt, das sind ungefähr 5 Millionen von ca. 8 Millionen Arbeitsfähigen. (Bertellsmann 2008) Der Agrarsektor trägt aber nur mit 50% bis 30 %, je nach Wetter zum Bruttoinlandsprodukt bei. (Ward et. All., 2008, S. 12) Ca. 12 % des Landes sind potentiell landwirtschaftlich nutzbar, das sind 7,5 Millionen Hektar. Davon können ca. 60 % bewässert werden, davon noch mal 20 % können zwei Ernten im Jahr eintragen. Von dieser Fläche wird jedoch nach fast 30 Jahren Krieg nur ca. die Hälfte bestellt. Trotz erstaunlicher Steigerungen der Erntemenge, so verdoppelte sie sich zwischen 2001 und 2007, ist Afghanistan immer noch auf Nahrungsmittelimporte angewiesen, da die Produktivität in der Landwirtschaft sehr gering ist. (UN 2007) „Landwirtschaftliche Anbaumethoden sind in Afghanistan vorwiegend auf künstliche Bewässerung angewiesen, während andere kaum nutzbare Gebiete im Wesentlichen nur der nomadischen Viehzucht offen stehen. Die Landwirtschaft ist durch den Gegensatz eines intensiven Ackerbaus in Flussoasen und durch extensive und saisonale Weidewirtschaft in weiten Teilen des Landes bestimmt.“ (Kreutzmann 2006, S.198) Die Verteilung von Grund und Boden weisen auf den ersten Blick einen eher egalitären Charakter auf. Die Eigentumsverhältnisse teilen sich in einen hohen Anteil an kleinbäuerlichem Eigentum, von ungefähr zwei Drittel der Erntefläche und einem Drittel Großgrundbesitzstrukturen, vor allem im Westen und Norden des Landes, auf.

„Die Eigentumsverhältnisse an den Schlüsselressourcen Wasser und Boden sind in einem Land, in dem drei Viertel der Bevölkerung direkt oder indirekt von der Landwirtschaft leben, von zentraler Bedeutung.“ (Kreutzmann 2006, S. 198) Wenn man die zwei Drittel der Erntefläche betrachtet, die von Kleinbauern bewirtschaftet werden, so ist der durchschnittliche Landbesitz in Afghanistan 14 Jerib groß, das sind 2 Hektar. Ca. 70 % der in der Landwirtschaft Beschäftigen besitzen auch eigenes Land. Bei genaue-

18 rer Betrachtung lässt sich eine Teilung der Gesellschaft in wohlhabende Haushalte, Haushalte knapp über der Marginalitätsschwelle, Subsistenzbauern und marginalen Haushalten sichtbar. Bei dieser flächenmäßigen Verteilung des Landes kommt noch hinzu, dass die Bodengüte und die Frage ob das Land bewässert oder nicht bewässert ist, zwar von Bedeutung ist, jedoch in einer Durchschnittsbetrachtung nicht mit einfließt. Die Wohlhabenden bewirtschaften im Durchschnitt 28 Jjerib und machen ungefähr ein Drittel der Landeigentümer aus. Die Subsistenzbauern bewirtschaften im durchschnitt 8,2 Jeribs und stellen ungefähr 48 % der Landeigentümer dar. Die Marginalen bewirtschaften gar kein eigenes Land und stellen ungefähr 28 % der in der Landwirtschaft Beschäftigten. (Mansfield 2004, S.16) Abgesehen von den Eigentumsverhältnissen, sind die „Betriebsgrößen hingegen überwiegend kleinteilig, da auch Großgrundeigentum bei näherem Hinsehen in eine Vielzahl ausgegliederter Pachtbetriebe zerfällt. Regionale Unterschiede sind hinsichtlich Teilbau- und Pachtstrukturen zu berücksichtigen. Staatliche Großbetriebe im Norden Afghanistans stellen eine Ausnahme von der weitgehend privatwirtschaftlich organisierten Landwirtschaft dar. Der Norden des Landes diente als Experimentier- und Expansionsfeld. So ist auch die 1940 erfolgte Einführung des Zuckerrübenanbaus mit deutscher Hilfe zu verstehen.“ (Kreutzmann 2006, S. 201) Die häufigste Form der Beschäftigung von Landlosen oder Landarbeitern sind Pachtverträge. Diese können aber in ihren Konditionen sehr stark variieren. Ein Grund hierfür ist der Verschuldungsgrad der Pächter. Abgesehen von der Tatsache, dass sie kein eigenes Land bewirtschaften, spricht noch ein Indiz dafür bei dieser Gruppe von Marginalen zu sprechen und nicht nur von armen Landarbeitern: der Überschuldungsgrad und die Art der Schulden von ländlichen Haushalten. Zwar weißen Klijn und Pain in ihrer Studie nach, dass alle drei Schichten von ländlichen Haushalten informelle Kredite nachfragen, doch ist die Aussicht den Kredit zurückzuzahlen bei der ärmsten Schicht eher illusorisch.(Klijn/Pain 2007, S.48) Sie sind meistens nicht in der Lage ausreichend Einkommen zu erwirtschaften, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Dafür nehmen sie informelle Kredite auf, um diese Einkommensquelle zu schließen. Somit geraten sie in eine abhängige Lage zu ihrem Gläubiger, der nicht pünktliche Rückzahlung und Zinsen erwartet, sondern meist Arbeitsleistung und politische Unterstützung. „Afghanistan without doubt can be characterised as an environment of extreme risk and insecurity. Under such conditions the poor seek protection through the maintenance of and investment in patronclient relations, which reinforce positions of dependency, as illustrated in the Ghor examples of contract labour. This protection system however reduces their longterm choices—The Faustian Bargain—where future prospects are traded against survival and security in the present. In economic terms the poor are risk averse: they sharply discount the future for the immediate present and emphasise loyalty over voice in the absence of exit options. These are elements of the context that undoubtedly contribute to the investment in so-

19 cial relations and the maintenance of informal credit practices, although how this plays out may be variable according to context and socio-economic status.” (Klijn/Pain 2007, S.48) Die Strukturen der Großgrundbesitzer sind mit „Herrschaftsstrukturen verbunden, die sich aus den Eliten der Stämme, der Fürstenfamilien und auch den Familien religiöser Würdenträger ableiten. In jüngster Zeit sind ökonomisch einflussreiche Schichten wie städtische Händler und bewaffnete Kommandeure hinzugekommen, die von Gewaltwirtschaft und Drogenhandel profitieren. Ihren Einfluss machen sie sichtlich geltend, indem sie sowohl in den Handel als auch in Landbesitz investieren. (Kreutzmann 2006, S.201)

Damit kommen wir zu den Produkten der Landwirtschaft. Zum Großteil werden auf den afghanischen Feldern Nahrungsmittel, hauptsächlich Weizen, für den eigenen Bedarf angebaut. Daneben spielt auch die Viehwirtschaft eine bedeutende Rolle. Nahrungsmittel und weiterverarbeitet Produkte aus der Viehwirtschaft werden auch für regionale Märkte und für den Export angebaut. Die Landwirtschaft trägt mit der Ausfuhr von frischen Früchten, Trockenfrüchten,, Heilpflanzen sowie Häuten und Fällen mit 45 % zum selbst produzierten Export bei. (bfai 2008) Erfolgsreichstes Produkt der Landwirtschaft ist jedoch der Schlafmohnanbau, mit einem geschätzten Exporterlös von 3 Milliarden. Dollar. Die Produktion des Schlafmohns hat sich seit dem Sturz der Taliban 2001 verzehnfacht. Von 800 Tonnen zu 8000 Tonnen Rohopium. „The UN Office on Drugs and Crime (UNODC) reported that in 2007 Afghanistan produced 93% of the world’s opium, on 193,000 hectares with a potential production of 8,200 metric tons. In February 2008, in its winter rapid assessment survey as to what is likely to happen this year, it essentially said “about the same.” (Schneider 2008, S. 1) Schlafmohn, der illegal produziert und vertrieben wird, ist mittlerweile das wichtigste afghanische Exportprodukt und hat zum Aufbau weiter verarbeitenden Chemielaboren, einer kleinen Chemieindustrie gewissermaßen. (Mansfield 2005, S. 37) In diesen Chemielaboren wird Opium zu Heroin weiter verarbeitet. Das ist, könnte man sagen, das einzige Gebiet, in dem Afghanistan einen technischen Fortschritt verzeichnet und in der Wertschöpfungskette höher gerückt ist. Der Drogenanbau und der Drogenhandel zeichnen sich durch geographische, politische und sozioökonomische Komponente aus. Die politische Komponente kennzeichnet sich in der Abwesenheit von staatlichen Dienstleistungen, insbesondere Sicherheit. Der Drogenanbau in Afghanistan konnte sich erst im Krieg als Industriezweig etablieren und ist kein freier Markt, sonder wird von Kriegsfürsten und Drogenhändlern beherrscht. Die geographische

20 Komponente, dass Drogenanbaugebiete meistens infrastrukturell schlecht oder nicht erschlossenen sind korreliert mit der politischen insofern, dass Drogenanbau nur in Gebieten möglich ist, die den staatlichen Sicherheitsorganen entzogen sind oder diese durch Korruption eingebunden sind. “Anecdotal evidence that many officials at all levels in government are involved in or benefiting from drugs” (Byrd, Ward 2004, S. 9) Das heißt auch, dass der Drogenanbau oft in Gebieten stattfindet, die für die staatlichen Organe schwer zugänglich und kontrollierbar sind oder schwer kontrollierbar sind, weil die Bevölkerung diesen gegenüber feindlich eingestellt ist. Das Letztere ist in der Helmand Provinz, eines der größten Anbaugebiete, der Fall. Dort ist die geographische Zugänglichkeit zwar gegeben, doch die Bevölkerung, in der Mehrzahl Paschtunen, bildet eine der Hochburgen des Widerstandes gegen die ausländischen Truppen. Daneben gibt es Provinzen, die keine Zentren des Widerstandes sind, in der aber die staatliche Kontrolle aus geographischen Gründen erschwert ist, wie z.B. Badakhshan und Ghor. Zu diesem Wirtschaftszweig, der sich in Krisenzeiten etablieren konnte, passt auch, dass die Opportunitätskosten zum Drogenanbau, der mit wenig Infrastruktur auskommt, relativ gering sind. Auch die Beschaffenheit von Schlafmohn, der mit weniger Wasser auskommt als andere Getreidesorten, tut sein Übriges. Gerade in Afghanistan, wo Wasser insbesondere auf wenig erschlossenen Anbaufeldern Mangelware ist.. Dazu lässt sich Rohopium unkompliziert lagern und durch sein viel kleineres VolumenErtrag Verhältnis auch leichter transportieren. (Mielke 2006, S. 209ff.) Ein Beweis dafür, dass die oben genannten Gründe die Drogenökonomie begünstigen, zeigt, dass es in anderen Gegenden Afghanistans nicht zum Anbau von Mohn kommt, weil Alternativen durch gute biologische Konditionen, eine bessere Infrastruktur, egalitäre Landverteilung und die Verfügbarkeit von Arbeitskräften gering ist. “Firstly, in contrast to Balkh and Helmand, the Kunduz irrigation system suffers less water scarcity. Moreover, a rising water table downstream biophysically restricts opium poppy cultivation. Secondly, in the better-drained areas, the availability of water allows for the cultivation of both rice and cotton, which offer good returns. Kunduz has long had a labour deficit, attracting migrant labour from elsewhere. It also has a history of food security and relative land-access equality. These factors all point to an absence of the key drivers that have fuelled opium poppy cultivation elsewhere.” (Mansfield/Pain 2006, S.12) Die sozioökonomische Komponente des Drogenanbaus und –handels wiederum besteht in einer Kette von (Abhängigkeits-) Verhältnissen zwischen Kleinbauern, Kleinpächtern, Landarbeitern, Aufkäufern, Landeigentümern, lokalen Machthabern, Großhändlern und hohen Regierungsvertretern. Das Verhältnis bzw. der Vertrag zwischen Kleinpächtern bzw. Kleinbauern und den Aufkäufern gestaltet sich ähnlich wie ein informeller Kredit. Byrd und Ward ge-

21 hen von ca. 350000 Kleinpächterhaushalten aus, die Drogen anbauen. (Byrd/Ward 2004, S.5) Ein (niedriger) Festpreis, meist die Hälfte des Preises, den die Ernte auf dem Markt einbringen könnte, wird schon vor der Saat festgemacht und ausbezahlt. In diesem Zahlungssystem, „salaam“ genannt, übernimmt zwar auch der Käufer ein Risiko, er bekommt eventuell seine Ware nicht, aber im Fall einer Missernte ist der Bauer trotzdem verpflichtet seine Schuld zu begleichen. (Mansfield 2004, S. 38) Dies kann schnell in ein Schuldverhältnis führen, besonders dann, wenn der Bauer von Schlafmohn der marginalen Schicht angehört und ohnehin unter dem Subsistenzminimum produziert, keine Möglichkeit zu Tilgung hat. “UNODC survey data suggest a higher proportion of poppy farmers than others took out loans in 2003, in larger amounts, and poppy farmers tend to have more accumulated debt from previous years. Small farmers tend to cultivate poppy more intensely than large farmers.” (Byrd, Ward 2004, S.9) Zwar erhält der Bauer, der Mohn anbaut von dem Aufkäufer bis zu zehn Mal soviel wie für eine legale Getreidesorte, aber diesen Einnahmen stehen Kosten gegenüber, die beim regulären Getreideanbau nicht anfallen. Ein Faktor, der die Ausgaben der Bauern, die Mohn anbauen, in die Höhe treiben, ist die Aufzucht des Mohns an sich. Mohn ist im Vergleich zu Weizen sehr arbeitsintensiv. Obwohl in der Regel auch Frauen und Kinder auf dem Feld mitarbeiten, reicht der Einsatz sämtlicher Familienmitglieder nicht. Hier zeigen sich wiederum empirisch die gesellschaftlichen Chancenunterschiede zwischen wohlhabenderen Haushalten und denen von Kleinpächtern. Es ist zu beobachten, dass Kinder von Kleinpächtern in den Saat- und Erntemonaten nicht in die Schule gehen, im Vergleich zu ihren reicheren Schulkollegen, die dies in der Regel weiterhin tun. Wegen der Arbeitsintensität im Mohnanbau ist es unerlässlich Landarbeiter für das Säen und das Ernten des Mohns einzustellen. Ca. 500000 Landarbeiter ziehen je nach Saat- und Erntezeitpunkt in die verschiedenen Mohnanbaugebiete und bilden eine noch ärmere Gruppe unter den Marginalen. Noch zwei weitere Faktoren treiben die Kosten für den Mohnanbau in die Höhe. Erstens eine Art Drogensteuern bzw. Bestechungsgelder an die lokalen Inhaber der Machtstrukturen, seien es Aufständische, Kriegsfürsten, Kommandeure oder sogar staatliche Angestellten. (Mansfield 2006b, S.5) Zweitens die Pacht an den Landeigentümer, von dem der Kleinbauer das Land pachtet, auf dem er Mohn anpflanzt, falls er kein eigenes oder nur wenig hat. Dabei erhält der Landeigentümer meistens ¾ der Ernte. „A few actors profit, while most have no say in the development of their own society.” (Rubin, 2000, S.1789) Die ca. 15000 Aufkäufer im Land verkaufen ihr Rohopium in Opium Bazars weiter an Großhändler. Diese lassen das Rohopium im Land zu Heroin weiterverarbeiten, lassen es über die Grenze schmuggeln und verkaufen es dort weiter. Diese Großhändler stehen auch in Verbin-

22 dung mit der nationalen Bürokratie, meist Distriktgouverneure und höhere Regierungsvertreter und lassen sich diesen Handel gewissermaßen Konzessionieren. Die einschlägigsten Handelsrouten verlaufen über den Iran Richtung Türkei und Balkan, die so genannte Balkanroute und über Turkmenistan, Usbekistan oder Tadschikistan Richtung Russland, die baltischen Staaten und Osteuropa, die so genannte Nördliche Route. Weitere Märkte sind in Pakistan, Indien und China. Die Wertschöpfungsspanne sieht zurzeit wie flogt aus: 100 US-Dollar pro Kg Rohopium, die der Bauer bekommt im Verhältnis zu 1000 USDollar pro Kg Rohopium, die der Großhändler auf iranischen Opium Bazars gezahlt bekommt. Dabei schwanken die Preise übers Jahr hinweg relativ stark, mit einem Minimum zur Erntesession und einem Maximum zur Saatzeit, und fallen seit ihrem Hoch 2004 mit 170 Dollar pro Kg wieder in Richtung des Niveaus der 90ziger Jahre des letzten Jahrhunderts mit 90 Dollar pro Kg. An diesem Preisverfall kann das makroökonomische Gewicht der Drogenindustrie unter anderem aufgezeigt werden. Dies war 2004 der Fall, als die Preise stark gefallen waren und vermutete 800 Millionen US$ an Einkommen für die Bauern verloren ging. Bei einem BIP von 6,2 Mrd. kann von einem makroökonomischen Schock gesprochen werden. Die Drogenindustrie sichert das Einkommen von Kleinbauern, Landarbeitern und anderen Arbeitern, die in der Drogenindustrie beschäftigt sind, erzeugt dadurch in Afghanistan Nachfrage. Mit dem dort gewonnenen Geld werden je nach Position in der Wertschöpfungskette Nahrungsmittel, Dienstleistungen, Konsumgüter, hochwertige Güter (wie Autos, Fernsehapparate usw.), Immobilien usw. erworben. Für 1/3 des BIPs verantwortlich ist die Drogenindustrie ein wichtiger Impulsgeber für andere wirtschaftliche Aktivitäten. Würde die Drogenökonomie mit in die offizielle Handelsbilanz hinzugerechnet, wäre diese ausgeglichen. Sie trägt zur Handelsbilanz ca. 1 Milliarde US$ jährlich bei. Von ihr gehen aber auch negative makroökonomische Aufwirkungen aus. Da Unmengen von Devisen ins Land geführt werden, kann die Drogenökonomie zur so genannten „Holländischen Krankheit“ führen. Dies ist in Afghanistan auch aufgrund der Entwicklungshilfegelder der Fall. „Afghanistan’s real exchange rate appreciated by an estimated 24% in 2001/02, 0% in 2002/03, and 13% in 2003/04. But aid and remittances also could have contributed to possible “Dutch disease” effect.” (Byrd, Ward 2004, S, 9) Weitere Gefahren sind, dass erstens die Regierung riskiert ihr internationals Ansehen und damit internationale Ressourcen zu verlieren, wenn sie in der Drogenbekämpfung nicht erfolgreich ist. Zweitens ist der Einbruch der Drogenökonomie in die ländliche Wirtschaft so stark dominierend, dass z.B. informelle Kredite, Pachtanbau sowie sozialer Status nur vergeben werden, wenn sie in Zusammenhang mit Mohnanbau stehen und somit fast alle gesell-

23 schaftlichen Strukturen durchdringt. Drittens wächst die Gefahr, dass die Drogenabhängigkeit im eigenen Land höher wird. "Limited data suggest an addiction rate of 0.6% in part of the country, but it could well be higher and rising.” (Byrd, Ward 2004, S. 9) Zahlen und Fakten zur afghanischen Industrie sind kaum vorhanden. Es lässt sich davon ausgehen, dass zwanzig Jahre Krieg eine verheerende De-Industrialisierung bewirkt haben. Die afghanische Industrie, die allerdings auch vor dem Krieg sehr gering war, basierte zum überwiegenden Teil auf dem Lebensmittelverarbeitendem Gewerbe. Dieses befand sich schwerpunktmäßig im Norden, um Masar-i-Sharif, Kundus und der Hauptstadt Kabul. (Fujimura, 2004, S. 109ff.) Erste zaghafte Versuche des erneuten Aufbaus der Konsumgüterindustrie stellen z.B. der Wiederaufbau der Zuckerfabrik in Baghlan oder der Wiederaufbau Fabrik zur Herstellung von Medikamenten in Kabul oder dem Einrichten von Industrieparks in Masar-i-Sharif, Herat und Kabul dar. (Böll 2007) Die Investitionsgüterindustrie besteht hauptsächlich in der Gewinnung von Energie und der Förderung von Rohstoffen. Dazu gehören Wasserkraftwerke, die den Krieg unbeschadet überstanden haben, Bergwerke, in denen Kohle gefördert wird, sowie Erdgasfelder. Weitere natürliche Ressourcen sind Vorkommen an Gas, Chrom, Kupfer, Eisen, Lapislazuli, Beryll und Salz. Gas, Kohle und Salz werden abgebaut. Weniger häufig kommen Gold, Silber und Uran vor. Öl wurde zwar entdeckt, aber noch nicht erschlossen. (Library of Congress – Federal Research Division Country Profile: Afghanistan 2005) Weiter werden in der Investitionsgüterindustrie Zuliefermaterial für die Bauwirtschaft produziert, wie z.B. Zement und Baustoffe. Diese haben stark von den akquirierten Geldern aus der Drogen- und Schmuggelwirtschaft profitiert.

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(Quelle:http://www.inwent.org/v-ez/lis/afghanistan/landnutzung_wirtschaft.jpg)

Der Dienstleistungssektor trägt 30% zum Bruttoinlandprodukt (BIP) bei. Auch hier gibt es einen Anteil von legaler und illegaler Wirtschaft. Zum legalen Teil, somit dem Teil, der in die offiziellen Statistiken einfließt, tragen schwerpunktmäßig die Baubranche, die Transportbranche und die Telekommunikationsbranche bei. (Böll 2007, S. 3) Der illegale Teil setzt sich aus dem Schmuggel von illegalen Waren zusammen. Dazu gehört der Schmuggel von zollfrei importierten Gütern, über Iran und Pakistan in diese Länder zurück. Dieser Reexport ist deshalb profitabel, weil Pakistan und Iran restriktive Importgesetzte haben. D.h. Waren aus Europa und Japan werden nach Iran und Pakistan importiert und dann in diese Länder zurück exportiert. Das ist möglich, da mit beiden Ländern ein Transit- und Handelsabkommen besteht, dass Afghanistan erlaubt zollfrei Waren über iranische und pakistanische Häfen einzuführen. (Rubin, 2000, S.1793) Ein weiteres illegales Geschäft ist das Schmuggeln von billigem iranischem Treibstoff. Dieser ist deshalb so günstig, weil Treibstoff im Iran staatlich subventioniert wird.

25 “Devastated Afghanistan has become both the world’s leading producer of opium (75% of world production in 1999) and a transport and marketing corridor where armed groups protect a region-wide arbitraging center where profits are made of policy-induced price differentials. The region in question includes Dubai, the world’s largest duty-free shopping mall; Pakistan, a state where the two ISIs–the Directorate of Inter-Services Intelligence and importsubstitution industrialization–have created a highly armed and corrupt society where economic interest in evading high tariffs and the imperatives of covert action combine to undermine enforcement of Fiscal rules and public order; Iran, where subsidized gasoline sells for three cents a liter;” (Rubin, 2000, S.1790) Die Gelder, die dem Staatssektor zufließen, akquirieren sich wie folgt. Das staatliche Budget wird überwiegend von Entwicklungshilfegeldern subventioniert. Sie machen 90 % des Budgets aus. (Waldman 2008, S.1)Das steuerliche Aufkommen ist mit 6,5% vom Bruttoinlandprodukt eins der niedrigsten Weltweit und zeigt die schwache, offizielle, staatliche Durchdringung. Seit 2001 bis 2008 sind ca. 15 Milliarden Dollar nach Afghanistan geflossen, die eigentlich staatliche Dienstleistung finanzieren und über teils über NRO’s abgewickelt werden und zu 40% wieder .zurück in die Ursprungsländer fließen. Teils über den Gewinn der mit Entwicklungshilfegeldern gemacht wurde, teil über die Gehälter der Berater. (Waldman 2008, S.1) Auswirkungen sind einerseits schwache staatliche Institutionen, andererseits eine parallele Bürokratie der inländischen Behörden mit den internationalen NRO’s und den supragouvernamentalen Institutionen, wie die Weltbank, die UN und ihre Institutionen. Allein in Kabul sind zum Beispiel an die 1000 NRO’s präsent. Der Zufluss von Entwicklungshilfegeldern hat zwei augenfällige Wirkungen. Auf der einen Seite bewirkt er, dass eine Unzahl von öffentlichen Leistungen bereitgestellt wird, wie Schulen, Krankenhäusern oder Infrastruktur. Auf der anderen Seite bewirkt die Konzentration der Entwicklungshilfe auf die wenigen städtischen Zentren, eine Verteuerung der Lebenshaltungskosten und durch die starke Nachfrage nach englisch sprechendem und ausgebildeten Personal der internationalen Institutionen und NRO`s, werden die gebildeten Afghanen den staatlichen Behörden abgeworben. Entwicklungshilfegelder, die über staatliche Kanäle fließen begünstigen andererseits Korruption und Misswirtschaft.

Aus all diesen Fakten lässt sich eine Strukturierung der afghanischen Wirtschaft erkennen, die abschließen noch einmal zusammengefasst wird. Die folgende Tabelle zum BIP in Afghanistan stellt eine Übersicht dar.

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BIP nach Entstehung (in %; 2005/06 *) Landwirtschaft Industrie Dienstleistungen Importzoll

39 25 34 3

*) Finanzjahr 21.3. bis 20.3.; Differenz durch Runden Quelle: Schätzungen der afghanischen Regierung (Böll

2007, S.3)

Wie aus der Tabelle zu erkennen ist, stellt die Landwirtschaft (ohne Schlafmohnanbau) den größten Beitrag zum BIP. Daneben folgen der Dienstleistungssektor und die Industrie. Daraus lässt sich folgern, dass Afghanistan ein unterentwickeltes, d.h. nicht industrialisiertes Agrarland ist. Aus der offiziellen Handelsbilanz geht hervor, dass Afghanistan Güter im Wert von 2 Milliarden US$ jährlich mehr importiert als exportiert. Nach Afghanistan werden überwiegend billige Konsumgüter des täglichen Gebrauchs aus Pakistan, Indien und China importiert. Dafür exportiert Afghanistan selbst produzierte Güter im Wert von 300 Millionen US$, wie Teppiche, Wolle und Trockenfrüchte. Der Reexport schlägt sich mit 1 Milliarde US$ zu Buche. Damit ergibt sich eine negative Handelsbilanz. Es lässt sich daraus folgern, dass der Drogenexport, Opium und das weiter verarbeitete Heroin, und die Gelder, die durch Korruption der ausländischen Entwicklungshilfe abgezweigt werden, die 2 Milliarden US$ negative Handelsbilanz finanzieren. Wahrscheinlich stellt der Anbau und Export von Drogen die größere Einnahmequelle dar, denn es fließen lediglich ca. 1,3 Milliarden US$ Entwicklungsgelder in das Land, von denen, so wollen wir doch hoffen einiges zur Entwicklungshilfe beiträgt.

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Bevölkerungsgruppen Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat. Eine Übersicht über die größten ethnischen Gruppen ihre Sprache und Konfession bzw. Religion bietet die untere Tabelle. Tabelle: Übersicht über die größten ethnischen Gruppen in Afghanistan, ihre vorherrschende Sprache und Religion
Ethnie Sprache Konfession Sunniten Sunniten Sunniten Schiiten Sunniten Schiiten Sunniten Sunniten

Paschtunen Paschtu Tadschiken Dari (= Persisch) Usbeken Hazara Aimaq Farsiwan Usbekisch Dari Dari Dari

Turkmenen Turkmenisch Belutschen Belutschisch Nurestani

Nurestani-Sprachen Sunniten

(Quelle: Orywal 1986, 70f.) Tendenziell gibt es eine Aufteilung der gesellschaftlichen Schichten in Afghanistan nach ethnischen Merkmalen. Von einer ethnisch begründeten Ober- Mittel- oder Unterschicht kann jedoch nicht gesprochen werden. Die Gründe für eine Schichtzugehörigkeit sind eher auf geographische oder wirtschaftliche Faktoren zurückzuführen. So sind z.B. die Hasaras durch ihre traditionellen Siedlungsgebiete im zentralen Hochland wirtschaftlich benachteiligt. Andererseits stellen die Paschtunen tendenziell die staatstragende Schicht. Gruppen der Paschtunen wiederum, wie z.B. die paschtunischen Kuchi-Nomaden leben aufgrund ihrer traditionellen Lebensweise und Einkommensart am Rande der Gesellschaft.1 Die zahlenmäßig größte und in der Geschichte Afghanistans dominanteste Gruppe bilden die Paschtunen, deren Stammesgebiete an der Pakistanischen Grenze bzw. im Grenzgebiet Pakistans zu Afghanistan liegen. Die zusammenhängenden Siedlungsgebiete der Paschtunen, die sunnitische Muslime sind und eine eigene dem persischen ähnelnde Sprache, das Paschtunische, haben, befinden sich im Süden und Osten Afghanistans sowie in angren1

Bei der Zusammenfassung der Bevölkerungsgruppen lehne ich mich an die Darstellungen dieser bei Bernd

Glatzer (Glatzer 2002) sowie Luc van de Goor und Mathijs van Leeuwen (Goor, Leeuwen, 2000).

28 zenden Teilen Westpakistans. Kleinere Enklaven gibt es in Kundus und im Westen Afghanistans. Die zweitgrößte Gruppe in Afghanistan bilden die Tadschiken. Das ist eine Sammelbezeichnung für persisch sprechende sunnitische Muslime. Sie stellten überwiegend die Mittelschicht, da sie häufig in den großen Städten lebten und historisch den Handel und das Gewerbe vor allem im Norden Afghanistans dominierten. Hier liegen auch ihre Hauptsiedlungsgebiete, die an Tadschikistan grenzen. Drittgrößte Gruppe sind die Usbeken, die schwerpunktmäßig an der Grenze zu Usbekistan siedeln. Die Usbeken sind ebenso sunnitische Muslime. Sie sprechen usbekisch. Die viertgrößte Gruppe sind die schon oben erwähnten Hazara, die Dari sprechen. Sie stellen die ärmste Bevölkerungsschicht im Land, weil sie im rauen zentralen Hochland leben, das mit natürlichen Ressourcen, wie gute Böden und ganzjährig Wasser tragenden, großen Flüssen zur intensiven Landwirtschaft spärlich ausgestattet ist. Sie sind Muslime schiitischer Glaubenrichtung und haben einen mongolischen Ursprung. Die restlichen Gruppen in Afghanistan sind geringerer Anzahl, die in politischer Hinsicht keine bedeutenden Gruppen mehr stellen. Darunter zählen sowohl andere Ethnien, wie die Aimaq, Farsiwan, Turkmenen, Belutschen und Nurestani, die alle der sunnitischen Glaubensrichtung angehören, als auch Angehörige anderer Glaubensrichtungen. Politisch betrachtet spielen zwar die ethnischen Zugehörigkeiten innenpolitisch eine gewisse Rolle, es gab jedoch historisch keine Tendenzen zu einer Sezession von Landesteilen, die überwiegend von einer Ethnie bewohnt werden, obwohl die Siedlungsgebiete der einzelnen Ethnien in der Regel die staatlichen Grenzen Afghanistans überschreiten. So erwähnt Glatzer, dass „sich bei näherem Hinsehen [die Volksgruppen] kulturell weit weniger voneinander unterscheiden, als es die oft beklagten ethnischen Differenzen erwarten lassen.“ (Glatzer 2002, S.85) Daraus lässt sich schlussfolgern, dass einerseits die eher regionale Ausrichtung der lokalen Eliten und ihrer Verankerung in den Dorf-, Tal- und Stammesstrukturen, die von der Kammerung des Landes stark begünstigt wird, stärker ausschlaggebend sind, als das Interesse an nationalen Strukturen. Andererseits sind die heutigen Grenzen Afghanistans Ergebnis historisch überregionaler Prozesse, auf deren Bildung die regionalen Eliten keinen Einfluss hatten, die aber fernerhin regional keine große Rolle spielen. Diese historischen Prozesse und ihr Wirken werde ich im Folgenden grob skizzieren und damit die allgemeine Systembeschreibung von Afghanistan abschließen.

Historische Pfade und ihre Wirkungen in die Gegenwart Zwei eigentlich widersprüchliche, geopolitische Phänomene kennzeichnen die afghanische Geschichte. Einerseits überregionale, ja transkontinentale Eingebundenheit und lokale

29 Zersplitterung. Diese Phänomene beherrschten Afghanistan, als es zur Gründung des ersten afghanischen Reiches 1747 durch Ahmed Shah Durrani führte. Dieser paschtunische Stammesführer schaffte es die zwei Phänomene zu durchbrechen. Er einigte die Stämme und entband Afghanistan aus der politischen Kontrolle durch benachbarte Reiche. Zuvor war die Region, in dem heute Afghanistan liegt, politisch in drei Teile gespalten. Die Teile gehörten unterschiedlichen Reichen und Machtblöcken an. Den Osten mit Kabul beherrschte das indische Reich der Moguln. Der Westen um Herat wurde vom persischen Reich unter den Safawiden beherrscht. Der Norden lag unter der Kontrolle usbekischer Fürsten. Das Afghanische Reich, das im 18 Jahrhundert das zeitweilig größte muslimische Reich war und weit über die heutigen Afghanischen Grenzen hinausreichte, überdauerte nur zwei Generationen. Dies weist auf die schwierige geopolitische Lage der Region und die schwierigen innenpolitischen Gemengelage. Der Stamm der Durrani, bzw. die Stammeseliten, vermochte es dem ungeachtet eine Zentralgewalt in der Region zu etablierten. Von 1747 mit Ahmed Shah Durrani bis 1973 mit dem letzten afghanischen König, Muhamad Zahir Shah, stellte der paschtunische Durrani Stamm den König in Kabul. Die Grenzen des Königreiches veränderten sich stets mit dem Auftreten neuer überregionaler Mächte. Auch nach innen gestaltete sich die Festigung der Zentralmacht als schwierig, weil die meisten Könige seit Durrani innere Aufstände und usurpierende Lokaleliten niederzukämpfen hatten. Unter den paschtunischen Stämmen musste ständig ein prekäres Gleichgewicht gehalten werden. Denn gerade die Kammerung des Landes, die oben beschrieben wurde, führte zu dieser schwachen Ausgestaltung der Zentralgewalt und zur Präsenz parallel existierender, dezentraler Herrschaftsstrukturen, mit starken regionalen Eliteschichten. Diese konnten erst wieder bei der Bedrohung durch eine äußere Macht, nämlich in Form der britischen Indienarmee 1839-42 im ersten aglo-afghanischen Krieg, vereinigt werden. Obwohl beide Invasionsversuche, einen zweiten Krieg gab es 1878-81, der britischen Indienarmee erfolgreich abgewehrt werden konnten, beugte sich der damalige afghanische Herrscher Mohammed Yakub, im Vertrag von Gudamak, dem britischen Druck und übergab die außenpolitische Vertretung Afghanistans an Großbritannien ab, akzeptierte somit einen halbkolonialen Status und erhielt dafür jährliche Zuwendungen. Hier zeigte sich wiederum der Kreuzpunktcharakter Afghanistans (Seidenstrasse, Transitland vom Arabischen Meer, Indischer Ozean nach Innerasien und zu den Ölquellen des Kaspischen Meeres), denn es geriet erneut in die Interessensphäre von mächtigen Reichen. Dafür machten die Zahlungen das Königshaus in Kabul unabhängiger von den lokalen Eliten. Durch die ausländischen Einnahmen konnte das Königshaus das Gewaltmonopol der lokalen Eliten

30 endgültig brechen. Damit verschwand diese Schicht aber nicht, sonder sie wandelte nur ihre Machtstruktur. Es entstand eine neue Mittelsmännerschicht, die nun eine Art Scharnierfunktion zwischen dem Staat und der vornehmlichen Dorfbevölkerung einnahm. Auf der einen Seite bildeten sie die reiche Oberschicht in den Dörfern, organisierten die wenigen Steuern und vor allem die Soldatenrekrutierungen für Kabul, auf der anderen Seite schützten sie ihre eigene Bevölkerung, wenn es einen zu starken staatlichen Zugriff auf die Ressourcen der Region ihres Verantwortungsbereiches gab. (vgl. Grevenmayer 2000) Versuche zur Etablierung eines modernen Staates, mit einer königstreuen Bürokratie misslangen. So wurde Amanullah Khan, der nach der Unabhängigkeit von England 1919 verstärkt versuchte hatte das Land zu modernisieren, 1929 gestürzt. Die Staatsmacht in Kabul war stets auf die regionalen Eliten angewiesen und versuchte nun diese in ihren Beamtenapparat einzubinden. Auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts änderte nichts an den zentralen Phänomenen, der überregionale Eingebundenheit und der regionale Zersplitterung. Im Gegenteil, die Situation verschärfte sich. Seit dem Einmarsch der Roten Armee 1979 bis heute ist jeder Versuch inländischer (Bürgerkriegsparteien, Taliban, Mujahedein) und ausländischer Kräfte (Russland und jetzt USA und die westliche Gemeinschaft) der Etablierung einer zentralen Staatsmacht nicht oder noch nicht gelungen.

3.2 Mustererfassung - Variablen des sozioökonomischen Systems Afghanistan Das Sensitivitätsmodell von Vester geht davon aus, dass mit wenigen Variablen ein hochkomplexes System abgebildet werden kann. Der Vorteil liegt, wie erwähnt, in der geringen Anzahl, und somit in der Übersichtlichkeit und Handhabbarkeit eines solchen Modells. Die Nachteile liegen demgegenüber in der Schwierigkeit die richtigen Variablen auszuwählen. (Bonkowski, Romp 1998, S. 9) Um die Auswahlmöglichkeit der Variablen einzuschränken werde ich in dieser Arbeit die Variablen nach drei Gesichtpunkten auswählen. Als Erstes gibt Vester mit der Kriterienmatrix in seinem Sensitivitätsmodell unbedingte Faktoren bzw. Themenbereiche vor, die von Variablen abgedeckt werden müssen. Dazu ist in dieser Arbeit als Zweites wichtig, auf den Fall Afghanistan speziell einzugehen. Diese ergeben sich aus der Systembeschreibung, die im obigen Kapitel vorgenommen wurde. Als drittes Korrektiv dient der Elsenhans’sche Ansatz, der wesentliche Systemvariablen vorgibt. Diese Dreifachbegründung der Variablen soll einerseits verhindern, nicht zu wenige Variable zu identifizieren und dadurch einseitig zu werden, anderseits die Anzahl der Variablen modellierbar zu halten.

31 An den sieben Lebensbereichen von Vester orientierend, werden zuerst die Variabeln, die die Akteure des Systems betreffen definiert. Daraufhin werden die Variablen der Wirtschaft, hier besonders die in Afghanistan typischen Rentenquellen bzw. Profitquellen einbezogen. Im Anschluss daran werden Variabeln zum Raum, den Ressourcen und der Infrastruktur Afghanistans aufgenommen, um dann auch Variablen der Humanökologie und der inneren Ordnung zu beachten. Im Folgenden werden die Variablen aufgelistet, die nach oben beschriebenen Gesichtspunkten, meiner Meinung nach, für das System Afghanistan von Bedeutung sind. Im Anschluss daran werden die einzelnen Variablen ausgearbeitet. Es wird begründet, weshalb die einzelnen Variablen in das Systemmodell einbezogen werden und wie sie sich konkret zusammensetzen. Zudem wird die direkte Wechselwirkung zu andern Variablen des Systems angesprochen sowie der proportionale und überproportionale Einfluss beschrieben. Im Anschluss an die Ausarbeitung der Variablen die Wechselwirkungen in einer Cross-ImpaktMatrix, einer Einflussmatrix dargestellt.

3.2.1 Variablensatz des Systems Afghanistan 1. Steigendes Bevölkerungswachstum Das Bevölkerungswachstum in Afghanistan ist als Variable wichtig. Ein hohes Bevölkerungswachstum ist nach Elsenhans ein Verstärker für das Auftreten von Marginalität. Das Bevölkerungswachstum in Afghanistan ist mit 2,9 % und mit 6,5 Kindern pro Frau eines der höchsten weltweit. Eine Veränderung des Bevölkerungswachstums wirkt auf die Variable Anzahl der Marginalen. Eine Verringerung des Bevölkerungswachstums würde den Überschuss an Arbeitskräften regulieren. Dieser Mechanismus betrifft auch die Variable Anzahl der Eigentümerbauern. Durch die Tradition der Erbteilung wird das Land auf die Kinder aufgeteilt, was wiederum dazu führt, dass bei vielen Kindern das Land zur Subsistenz nicht mehr beiträgt.

2. Anzahl der Marginalen Die Anzahl der Marginale ist die Schlüsselvariable in einem unterentwickelten Land. Wie oben erläutert, kann es zu einer selbst tragenden, industriellen Entwicklung nur kommen, wenn Marginalität beseitigt bzw. eingedämmt wird. D. h. die Anzahl der Marginalen ist eine Zielvariable für Entwicklung Aus der afghanischen Wirtschaftsstruktur geht hervor, dass all die von Elsenhans bedingenden Indikatoren für Marginalität in Afghanistan auftreten, sprich hohes Bevölkerungswachstum, geringe Produktivität in der Landwirtschaft, begrenzte land-

32 wirtschaftliche Ressourcen, Grenzproduktivität geringer als die Reproduktionskosten, es herrschen vermachtete Klientelbeziehungen. Unter Marginale können alle Kleinpächter, Kleinbauern und Landarbeiter gerechnet werden. Des Weiteren gibt es eine rasant wachsende urbane Marginalenschicht. Diese setzt sich zusammen aus zurückkehrenden Flüchtlingen aus dem Ausland und Binnenflüchtlingen. Beide Gruppen haben entweder ihr Land aus Kriegsgründen verloren oder sehen für sich keine Existenzmöglichkeit in der Landwirtschaft. Zur urbanen Marginalenschicht gehören auch Frauen und Kindern, die keine familiäre Gebundenheit haben und deshalb gesellschaftlich einen niedrigen Status einnehmen, in der Regel Witwen und Weisen. Diese sind auf die Hilfsprogramme und die Zuwendungen aus den Administrationen, seien sie von internationalen NRO’s oder der afghanischen Regierung, angewiesen. Diese Variable hat eine Wechselwirkung mit dem Bevölkerungswachstum, der Anzahl der produktiven Eigentümerbauern, der Entwicklungshilfe, mit (gut bezahlte) Arbeitsplätze in der Industrie, dem Lebensstandart. Das Wachsen der Marginalen erhöht das Stadt-Land Gefälle. Die Erhöhung der landwirtschaftlichen Nutzfläche kann Marginalität senken.

3. Anzahl der produktive Eigentümerbauern Bei dieser Variable handelt es sich sind um Bauern, die noch genügend Land haben, um ihre Selbstversorgung zu gewährleisten und die sich in keinen Schuld- und Abhängigkeitsverhältnissen befinden. Zwar sind auch solche Bauern in informellen Kreditnetzwerken eingebunden, mit dem Unterschied aber, dass sie meist eine Tilgungsmöglichkeit haben und im Notfall auf Substanz in Form von Land oder Vieh zurückgreifen können. (Klijn 2007, S.13) Diese Gruppe ist für die Entwicklung des Systems relevant, weil sie eine der anzustrebenden Zielschichten der marginalen Bevölkerungsgruppe darstellt. Die Variable hat folgende Wirkung. Der Erhöhung der Anzahl der produktiven Eigentümerbauern würde eine Reduzierung der Großgrundbesitzer bedeuten. Dies würde auch die Produktivität in der Landwirtschaft erhöhen, da sie im Wettbewerb zueinander stünden. Der Anteil der genutzten Flächen in der Landwirtschaft würde erhöht, ebenso der Lebensstandart. Das Stadt-Land Gefälle würde verringert werden.

4. Macht der Großgrundbesitzer oder Mittelsmänner Diese Variable betrifft die unterste Schicht der Staatsklasse. Die Entwicklung dieser Gesellschaftsschicht leitete sich in Afghanistan aus alten dezentralen Herrschaftsstrukturen heraus, die jedoch eine wichtige Mittlerfunktion zwischen der Zentralmacht in Kabul und den dörflichen Strukturen innehatten. Sie stellen die klassische lokale Elite dar. Diese Variable hat in

33 den ländlichen Bereichen Afghanistans eine wichtige, wirtschaftliche und politische Schlüsselstellung. Die Ausgestaltung dieser Variable, d.h. die Varietät von Machtausübung dieser Mittelmänner, ist je nach Region sehr unterschiedlich. (Glassner 2006, S. 53ff) Der Kernpunkt besteht in der Verantwortung für die dezentrale Gestaltung der Staatsklasse. Je nach Rahmenbedingung bzw. Verhalten dieser Variable, lässt sich eine Veränderung im positiven oder negativen Sinne für Entwicklung im Land ausgestalten. Die Handlungsmöglichkeiten eines solchen Mittelsmannes, wie sie z.B. bei Bernd Glatzer am Beispiel eines ‚khans’ beschrieben werden, zeigen auf, welche Wirkung von dieser Variablen ausgehen kann. „Wer solche Fähigkeiten im überdurchschnittlichen Maß besitzt und obendrein in der Lage ist, seinen Anhängern materielle Vorteile zu verschaffen, indem er ihnen externe Ressourcen zugänglich macht, wird traditionellerweise ‚khan’ genannt. Diese Ressourcen kann eine Straßensperre einbringen, an der von Reisenden Mautgebühren erpresst oder von Nomaden hohe Weideabgaben kassiert werden; ein ‚khan’ kann staatliche oder internationale Hilfsgüter einwerben und umverteilen, seinen Anhängern Jobs im nahen Straßenbau verschaffen, eine NRO ins Dorf holen oder den größeren Teil der amerikanischen Zuwendungen an seine Anhänger weitergeben, die er für seine Mithilfe beim‚Enduring Freedom’ erhält; es gibt also viele Möglichkeiten, Ressourcen ausfindig und nutzbar zu machen, um damit Klienten an sich zu binden. Der ‚khan’ wird gerufen, um Streit zu schlichten, und er fungiert als Sprecher seiner Anhänger.“ (Glatzer, 2005, S.88) Diese Variable beeinflusst die Anzahl der Marginalen, die Anzahl der Eigentümerbauern, die progressiven Kriegsfürsten sowie die Kabuler Regierung, dadurch die prekäre Sicherheitslage und den Stadt-Land Gefälle. Andererseits ist die Macht der Mittelsmänner, im Vergleich zu der nächst höheren Stufe der Staatsklasse, den Kriegsfürsten, geographisch und wirtschaftlich begrenzt, weil ihre Position sehr stark von der Landwirtschaft abhängig ist. “A different culture of dependency developed on the other side. Food production fell by half to two-thirds as Soviet counterinsurgency devastated the rural economy. This destruction not only impoverished the rural population but weakened the elites whose power depended on control of rural resources.” (Rubin 2000, S. 1793) Diese Variable ist abhängig vom ariden Klima und von der potentiellen landwirtschaftlichen Nutzungsfläche.

5. Einfluss der Drogenhändler (Großhändler, Kleinhändler) Diese Variable ist wichtig, weil sie für 1/3 des BIPs in Afghanistan verantwortlich ist. Die Zahl der Drogenhändler bewegt sich zwischen 15000 Kleinhändlern und 30 – 40 Großhändlern. (Byrd, Ward 2004, S.6) Drogenhändler agieren im illegalen Bereich und sind somit an der Beeinflussung mehreren Variablen des afghanischen Systems interessiert. Dazu gehören

34 eine prekäre Sicherheitslage, eine korrupte rentenabhängige Kabuler Regierungselite, eine hohe Anzahl von Marginalen, die den Drogenanbau und –Handel kostengünstig produzieren können, und der Schmuggel, denn damit teilen sie sich die Kosten des Transportes. Sie erhöhen damit das Stadt-Land Gefälle und die Korruption.

6. Macht der progressive Kriegsfürsten (Warlords) Diese Variable bezeichnet die regionalen Machthalter des afghanischen Staatsklassensystems. Sei besitzen, ähnlich den Großgrundbesitzern und Mittelsmännern, zivile und ökonomische Macht. Zudem verfügen sie über bedeutende militärische Machtmittel. Sie sind die Gewinner der letzen zwanzigjährigen Kriegsperiode. Zurzeit gibt es ca. 16 Warlords (Stand. Glazer 2002). Der Großteil von ihnen bildet seit 2001 die mächtigste Schicht in der Staatsklasse. Manche von ihnen, wie z. B. Gulbuddin Hekmatyar, haben sich jedoch nicht der Staatsklasse angeschlossen und ein Regierungsamt übernommen. Sie bilden den derzeitigen politischen und militärischen Widerstand im Land. Die Variable der Warlords ist von entscheidender Bedeutung. Sie und ihre Klientelnetzwerke sind die hauptsächlichen Nutznießer der Renteneinkommen im Land. Sie leiten Entwicklungshilfe, Konzessionieren den Drogenanbau, kontrollieren den Schmuggel oder nehmen Zölle ein. “Die ‘warlords’ unterscheiden sich von einfachen Kriegs- und Milizkommandanten dadurch, dass sie umfassende Macht in fast allen militärischen, zivilen und ökonomischen Bereichen einer Region ausüben.“ ….“In allen Fällen benötigen die ‚warlords’ finanzielle Einkünfte, um ihre Streitkräfte zu bezahlen. Meist sind dies Zolleinnahmen, die nicht an die Staatskasse abgeführt werden, Zwangsabgaben aus der Bevölkerung, Zuwendungen aus dem Ausland und Einnahmen aus Schmuggel und Drogenexport.“ (Glatzer 2005, S. 97) Aus dieser Position heraus ist diese Variable an einer prekären Sicherheitssituation und am Stadt-Land Gefälle interessiert, weshalb sie eine überregionalen Verkehrs- und Energieinfrastruktur behindert. Sie steht zudem in einer Wechselwirkung mit einer unabhängigen Unternehmensschicht, eine überregionale Verkehrs- und Energieinfrastruktur, der Prosperität des Drogenhandels und des Schmuggels.

7. Rentenabhängige Kabuler Regierungselite Diese Variable ist deshalb wichtig, weil sie die Führungsspitze der Staatsklasse darstellt. Sie setzt sich zusammen aus den Feldzugsgewinnern aus 2001. Dazu gehören die Führungsspitze der Nordallianz, die ihre Hausmacht im Norden von Afghanistan stützen und zurückgekehrte Exilafghanen um Hamid Karzai, die sich Teils auf paschtunische Stämme stützen und durch das Ausland gefördert werden. Diese Variable finanziert sich ähnlich, wie die Kriegsfürsten

35 durch Renteneinnahmen. Zentrale Einnahmequelle ist die Entwicklungshilfe, die von der Regierungselite kanalisiert wird. Durch Korruption, Aufblähung der Bürokratie und Misswirtschaft wird ein Teil der internationalen Entwicklungshilfegelder in Klientelnetzwerke umgeleitet. Neben der Entwicklungshilfe ist aber auch der Drogenhandel eine wichtige Einnahmequelle. Diese Variable ist eine wichtige Schlüsselvariable. Sie wirkt mit ihrer Sozial- und Förderungspolitik stark auf die Anzahl der Marginalen sowie die Anzahl der produktiven Eigentümerbauern, der Freie Unternehmer, der Grenzproduktivität in der Landwirtschat, der Produktivität in der Landwirtschaft, der Verkehrs- und Energieinfrastruktur und der sozialen Infrastruktur. Des Weiteren nimmt sie Einfluss auf die prekäre Sicherheit und auf die Korruption. Sie selbst wird beeinflusst von der Macht der Großgrundbesitzer und der Mittelsmännerschicht, von der Macht der Kriegsfürsten und der Korruption.

8. Freie Unternehmer Eine statistisch signifikante Schicht von Freie Unternehmern gibt es in Afghanistan nicht. Sogar das Vorhandensein freier Märkte ist in dem Land eingeschränkt. (vgl. Patterson 2006, S. 8) Es gibt zwar vereinzelte ausländische Investitionen, wie z.B. die Zuckerfabrik in Baghlan oder die CocaCola Abfüllanlage in Kabul, diverse Hotelketten usw., aber inländische Unternehmen von signifikanter Größe, die ausschließlich von Profit leben und nicht auch in illegale Geschäfte involviert sind, gibt es nicht. Einen freien Unternehmerischen Mittelstand ist nicht vorhanden. Diese Variable ist jedoch insofern wichtig, da sie eine Zielvariable von Entwicklung ist. Ein freies industrielles Unternehmertum würde (gut bezahlte) Arbeitsplätze schaffen und damit Arbeitsangebote für die Marginalen bereitstellen, würde Steuern zahlen und damit die Regierung unabhängig von Renteneinnahmen machen. Zudem würden Unternehmen im Landwirtschaftssektor die Produktivität, die Grenzproduktivität und die landwirtschaftliche Nutzfläche erhöhen. Ein freies Freie Freies Unternehmertum hätte ein Interesse am Senken der Korruption, weil es die Transaktionskosten senkt.

9. Landwirtschaftliche Grenzproduktivität Diese ist eine Variable, die der Ansatz von Elsenhans vorschlägt. Sie ist wichtig, da sie angibt, wann die Variable der Anzahl der Marginale steigen oder fallen kann. Die Grenzproduktivität gibt an, wie viel der zuletzt eingesetzte Arbeiter produziert. Je höher die Grenzproduktivität, desto mehr Arbeiter können gewinnbringend eingesetzt werden. Die Grenzproduktivität kann beeinflusst werden, indem der richtige technische Fortschritt eingesetzt wird, z. B. grüne Revolution. Im Fall Afghanistan hat der Anbau von Mohn die Grenzproduktivität e-

36 norm gesteigert, da erstens für die Produktion sehr viele Arbeiter eingesetzt werden müssen und zweitens Mohn einen sehr hohen Marktwert hat. Die Problematik in diesem Fall besteht darin, dass der Drogenmarkt illegal und nicht unter Bedingungen der freien Marktwirtschaft produziert und vermarktet wird, sonder stark vermachtet ist. Die Grenzproduktivität könnte gesteigert werden von Unternehmen, von der rentenabhängigen Kabuler Regierungselite, von Entwicklungshilfe, von Drogenanbau und -handel und von der Erhöhung der landwirtschaftlichen Nutzfläche.

10. Landwirtschaftliche Produktivität Diese Variable ist wichtig, da ihre Veränderung auf viele Variable einwirken würde. Die Produktivität der Landwirtschaft gibt die Produktivität pro Arbeiter an. In Afghanistan, wo 2/3 der Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt sind, ist diese Variable von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung. So konnte in den letzten sechs Jahren die landwirtschaftliche Produktionsmenge an Weizen durch die Modernisierung der Produktion und aufgrund guten Wetters, von 2 Millionen Tonnen auf 4, 6 Millionen Tonnen mehr als verdoppelt werden. Die Unabhängigkeit vom Weltmarkt konnte aber noch nicht erreicht werden, es werden immer noch 700.000 Tonnen für die Selbstversorgung benötigt. Diese Variable hat positive und negative Auswirkungen auf andere Variablen im System Afghanistan. Wenn die Produktivität erhöht wird, ohne dass die Grenzproduktivität steigt, steigt die Anzahl der Marginalen im Land. Andererseits kann sie einen positiven Einfluss haben, wenn gleichzeitig die Grenzproduktivität erhöht wird, d.h. wenn durch einen technischen Fortschritt oder strukturelle Umwandlungen mehr Arbeiter benötigt werden. Weiterhin kann die Steigerung der Produktivität sowohl eine Stärkung der produktiven Eigentumsbauern als auch der Macht der Großgrundbesitzer und Mittelsmänner und der Macht der Kriegsfürsten bewirken. Für die Beseitigung der Marginalität, ist bei dieser Variable, auf die genaue Art und Weise der Produktivitätssteigerung und ihrer Folgen zu achten.

11. Drogenanbau und Drogenhandel Diese Variable macht zurzeit 1/3 des BIPs in Afghanistan aus. Der Drogenanbau und –handel wirkt ambivalent auf die Anzahl der Marginalen. Einerseits ist durch die Erhöhung der Grenzproduktivität eine hohe Anzahl von Marginalen in eine profitable Beschäftigung gekommen und hätten, wenn es einen freien Drogenmarkt gebe, die Chance aus der Marginalität zu entkommen. Da jedoch der Drogenmarkt, wie oben gezeigt, vermachtet ist, ist dies in Afghanistan nicht eingetreten. So stieg die Marktnachfrage nach ungelernten Landarbeitern 2003

37 so stark an, dass ihre Arbeitskraft das Elffache mehr erbracht hat, als auf legalen landwirtschaftlichen Märkten. Daraufhin sanken die Preise für Schlafmohn wieder rapide. Dies lässt die Vermutung nahe, dass die Großhändler ein Teil ihrer Vorräte aufgelöst haben, um den Preis zu senken. (Byrd, Ward 2005, S.5) Der Drogenanbau und –handel wirkt außerdem noch auf die Korruption, Macht der progressiven Kriegsfürsten und die Erhöhung der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Wiederum würde der Drogenanbau durch die prekäre Sicherheitslage, durch gut bezahlte Arbeitsplätze in der Industrie, durch eine gute Verkehrs- und Energiestruktur, durch den Lebensstandart und durch die Korruption beeinflusst werden.

12. Schmuggel Die Variable Schmuggel stellt eine der Haupteinnahmen der progressiven Kriegsfürsten und etabliert somit deren Macht. Der Schmuggel hat eine starke Wechselwirkung mit der Variable Korruption Schmuggel wird zudem einerseits beeinflusst von der Kammerung des Landes, die ihn teilweise ermöglicht und andererseits durch die Zollgesetzgebung der Nachbarländer, die ihn überhaupt profitabel bzw. sinnvoll macht.

13. Entwicklungshilfe Die Variable Entwicklungshilfe ist in Afghanistan neben der Drogenökonomie und dem Schmuggel eine der Haupteinnahmequellen des Landes. Die Entwicklungshilfe setzt sich zusammen aus staatlichen und zivilgesellschaftlichen Zuflüssen. Diese Gelder werden in Afghanistan wiederum über zwei Kanäle verteilt. Erstens über die afghanische Administration und zweitens über die Organisationen der Entwicklungshilfegeber selbst. Diese Variable beeinflusst über seine Programme direkt die Anzahl der Marginalen und sie wirkt auf die Macht der Großgrundbesitzer- und Mittelsmänner, indifferent ob sie die Gelder nach Projektsinn weiterleiten oder in ihre Klientelnetzwerke verteilen. Im selben Stil wirkt Entwicklungshilfe Macht fördernd auf die Kriegsfürsten und die Kabuler Regierungselite. Des Weitern kann sie Unternehmen fördern, Grenzproduktivität und Produktivität in der Landwirtschaft steigern, landwirtschaftliche Nutzfläche steigern, zur Ausbeutung der Bodenschätze beitragen, Verkehrs- und Energieinfrastruktur sowie die soziale Infrastruktur ausbauen. Diese Maßnahmen können alle den Lebensstandard steigern. Ebenso kann durch Entwicklungshilfeprogramme die prekäre Sicherheit gesenkt werden. Demgegenüber kann die Entwicklungshilfe die Korruption stark fördern und indirekt negative Einflüsse auf die eben aufgezählten Variabeln haben. Diese Ambivalenz von Entwicklungshilfe führt dazu, dass die staatlichen Kanäle oft um-

38 gangen werden, was nach Rubin zu einer weitern Ambivalenz von Entwicklungshilfe führt, nämlich der Schwächung der ohnehin schwachen staatlichen Organe. “The way that we deliver aid in Afghanistan and in many other places actually undermines that effort because it puts the money largely outside of government channels and forces the government to divert a lot of its energy to responding to 60 different donors.” (Rubin 2008, S. 10) D.h., diese Variable kann aufgrund der finanziellen und strukturellen Stärke wichtige Impulse für die Entwicklung geben, diese aber auch hemmen. Aus diesem Grund ist die Ausgestaltung dieser Variable von enormer Wichtigkeit.

14. (gut bezahlte) Arbeitsplätze in der Industrie Der Variable, (gut bezahlte) Arbeitsplatze in der Industrie, ist eine Zielvariable von Entwicklung, wohl wissend, dass bei einer großen Anzahl von Marginalen keine gut bezahlten Arbeitsplätze entstehen können. Diese Variable wird durch eine Abnahe der Anzahl der Marginalen, durch ein florierendes Freie Freies Unternehmertum und weiteren essentiellen Rahmenbedingungen, wie gute Verkehrs- und Energieinfrastruktur, eine soziale Infrastruktur und wenig Korruption. Gut bezahlte Arbeitsplätze wirken Marginalität mindernd und den Lebensstandart erhöhend.

15. Kammerung des Landes Die Auswirkungen der Variable, Kammerung des Landes, kann ausschließlich durch eine gute Verkehrs- und Energieinfrastruktur verbessert werden. Sie selbst wirkt fördernd auf die Macht der Großgrundbesitzer und Mittelsmänner sowie die Macht der progressiven Kriegsfürsten, da sie deren Herrschaftsbereiche gegenüber dem Zugriff der Zentralregierung abschirmt. Sie fördert das Geschäft der Schmuggler, den Drogenanbau und –handel und erschwert die Entwicklungshilfe wie auch die Ausbeutung von Bodenschätzen. Des Weiteren führt sie zu einer Verteuerung der Verkehrs- und Energieinfrastruktur sowie der sozialen Infrastruktur. Letztendlich trägt sie zum Stadt-Land Gefälle bei.

16. Arides Klima Die Klimavariable ist wichtig, weil Afghanistan ein Agrarland ist. Der Landwirtschaftliche Sektor kann durch klimatische Veränderungen starken Schwankungen ausgesetzt sein. Besonders die Regenzeit im Winter entscheidet über die Höhe der Ernte im nächsten Jahr. Dadurch beeinflusst diese Variable direkt die Produktivität in der Landwirtschaft und den Drogenanbau und –handel, indirekt die Akteure, die in der Landwirtschaft tätig sind. Die Variable Arides Klima kann nicht direkt beeinflusst werden, muss jedoch in die Überlegung einließen,

39 zur Veränderung der Wirtschaftslage eventuell auf Wirtschaftszweige und Techniken zu setzen, die vom Wetter unabhängig sind.

17. Potenzielle Landwirtschaftliche Fläche Durch die vergangenen Kriegsunruhen, nutzt Afghanistan nur etwa die Hälfte seiner potentiellen landwirtschaftlichen Fläche. Diese Variable stellt eine Ressource dar, die ausbaubar ist. Würde dies geschehen, hätte diese Variable Auswirkungen auf folgende Variablen. Zum einen auf die Akteure der Landwirtschaft, denen mehr Land zur Verfügung stehen würde, das sie entweder als produktiver Eigentümerbauer bestellen können oder als Landarbeiter bei einem Großgrundbesitzer. In beiden Fällen erhöhen sich die Grenzproduktivität und damit der Bedarf an Arbeitskräften, Zudem erhöht sich die Produktivität von Landwirtschaft.

18. Potenzielle Bodenschätze Afghanistan verfügt über eine Anzahl von Bodenschätzen, die schon gefördert oder abgebaut werden bzw. der Abbau in Planung ist. Zu den Bodenschätzen, die im Land gefunden wurden, gehören Gas, Kohle, Lapislazuli und eines der größten Kupfervorkommen der Welt. Der Abbau von Rohstoffen hat die Eigenschaft in Entwicklungsländern Korruption zu fördern. Ohne Korruption und ihre Folgen, verstärkt der Abbau von Rohstoffen die Macht des progressiven Kriegsfürsten, in dessen Gebiet die Rohstoffe liegen wie auch die Kabuler Regierungselite. Wenn keine Korruption vorliegen würde, könnte es auch das afghanische Freie Freies Unternehmertum stärken und somit Arbeitsplätze in der Industrie bereitstellen.

19. Ausreichende Verkehrs- und Energieinfrastruktur Eine gut ausgebaute Verkehrs- und Energieinfrastruktur ist an sich Grundlage einer modernen Wirtschaft. Schon die Erstellung der Infrastrukturen würde Arbeitskräfte erforderlich machen, die die Anzahl der Marginalen senken würde. In Afghanistan ist die Verkehrs- und Energieinfrastruktur noch nicht ausreichend ausgebaut. Seit 2001 versucht die internationale Entwicklungshilfe und die afghanische Regierung diese Variable auszubauen. Trotzdem kann von einer Erschließung des Landes in dieser Hinsicht nicht gesprochen werden. Es sind nur ca. 6%-10% der Bevölkerung mit Strom versorgt (Böll 2007, S. 3). Diese Variable würde neben Senkung der Anzahl der Marginalen, den Lebensstandart heben, das Stadt-Land Gefälle vermindern, die Kammerung des Landes überwindbar machen und damit die Situation der produktiven Eigentümerbauern, da diese nun einen besseren Zugang zu Märkten hätten. Ein

40 selbständiges Freie Freies Unternehmertum würde ebenso dadurch gefördert. Der Drogenanbau wiederum würde vermindert werden.

20. Ausreichende Soziale Infrastruktur (Gesundheits- und Bildungsinfrastruktur) Die Bereitstellung von einer kleinstmöglichen Gesundheitsinfrastruktur ist essentiell für das Überleben und die Aufrechterhaltung eines minimalen Lebensstandards. Bildungsinfrastruktur trägt zwar nicht zum unmittelbaren Überleben bei, doch ist eine Grundbildung Vorraussetzung für jegliche Art moderner Entwicklung. So führt auch rudimentäre Bildung erfahrungsgemäß zu einer Verminderung des Bevölkerungswachstums. Die reduzierende Wirkung auf diese Variable, wirkt auch indirekt auf die Verminderung von Marginalität. Marginalität wird auch in direkter Wirkung gemindert, wenn (Aus-)Bildung zu einem produktiven Tätigkeitsbereich führt. Aus diesem Grund ist es eine für die Entwicklung ausschlaggebende Variable. In Afghanistan ist die Gesundheitsversorgung noch unzureichend. 75% der Bevölkerung haben Zugang zu Basisgesundheitsdiensten. Dieser Anteil konnte erst in den letzten Jahren erreicht werden und ist eine Folge erfolgreicher Entwicklungshilfe in diesem Bereich. In Afghanistan ist der Zugang zu Bildung seit 2001 für Jungen wie für Mädchen frei. Unter den Taliban gingen nur ca. 36% der Jungen und ca. 3% der Mädchen in die Schule. Auch diese Situation hat sich mittlerweile zum Besseren gewendet, mit einer Einschulungsquote von 56% und 4 Millionen Kindern, davon 1/3 Mädchen. Dennoch hat Afghanistan mit einer Alphabetisierung von 36% Alphabeten eine sehr niedrige Quote weltweit. Bei Frauen liegt diese mit 19,3% sogar am niedrigsten. (Rubin et. All. 2005, S.15) Wie oben schon erwähnt, wirkt sich die Soziale Infrastruktur auf die Hebung des Lebensstandards, die Verringerung des Bevölkerungswachstums und der Marginalität. Da nun verstärkt ausgebildetes Personal auf den Arbeitsmarkt drängt, können auch die Arbeitsplätze in der Industrie steigen.

21. Lebensstandard Lebensstandard ist eine Zielvariable im System, in der all die Entwicklungsindikatoren einfließen, die ein pursuit of happiness anzeigen können. BIP pro Kopf und HDI können dies wohl am Besten. Sie gilt es zu erhöhen. Mit der anderen wichtigen, zu verändernden Zielvariablen, nämlich Anzahl der Marginalen, steht die Variable Lebensstandard in einer direkten und einer indirekten Wechselwirkung. Steigt die Eine, heißt das in der Regel, die Andere ist gefallen. Wenn aber nur bei einem Teil der Bevölkerung der Lebensstandard gestiegen ist,

41 und nicht bei den Marginalen, bewirkt dieser Anstieg, wenn er bei einer ausreichenden Menge erfolgt ist, über deren Nachfrage, eine Verringerung der Marginalität.

22. Konfliktionäre Ethnische Heterogenität Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat und ohne die Variable ethnische Heterogenität nicht modellierbar. Doch an sich gibt es wie oben erwähnt, keine großen ethnisch-kulturellen Unterschiede. Die Machtsegmente der Staatsklasse verlaufen eher an regionalen als an ethischen Grenzen. Trotzdem versuchen immer wieder Akteure den ethnischen Unterschied zu politisieren und zu radikalisieren. Bestes Beispiel ist Rashid Dostum, der sich als Fürsprecher der Usbeken profilieren will. In dieser Hinsicht wirkt die Variable auf die Macht der Kriegsfürsten und einzelne Segmente in der Kabuler Regierungselite, indem sie ihnen Legitimation liefern.

23. Prekäre Sicherheit Die prekäre Sicherheit, in der sich Afghanistan befindet, ist eine weitere Variable ohne die, das Funktionieren des Systems nicht erklärbar wäre. So ist es seit dem Bruch des Gewaltmonopols der Taliban, das diese in ca. 85% des Landes innehatten, durch die westliche Koalition und die Nordallianz zu einer Verschlimmerung der prekären Sicherheit gekommen. Nicht nur, dass das Banditentum wieder aufgekommen ist, sondern auch der talibanisch-paschtunische Widerstand im Süden und Osten trägt zu einem massiven Sicherheitsdefizit bei. Dieses Defizit wirkt sich verheerend auf jegliche Form legalen Handelns aus. So leidet nicht nur der Aufbau eines freien Freie Freies Unternehmertums darunter, sondern auch der Ausbau der Verkehrs- und Energieinfrastruktur sowie der sozialen Infrastruktur, hier besonders Mädchenschulen. Zur prekären Sicherheit tragen auch die vielen Landminen bei, die noch im ganzen Land verlegt sind und einen Ausbau der landwirtschaftlichen Nutzfläche verzögern. Demgegenüber profitieren durch die Variable prekäre Sicherheit die Drogenhändler, die besser ihren Geschäften nachgehen können und die Macht der Kriegsfürsten, weil sie die Unsicherheit legitimiert noch eigene Milizverbände aufrechtzuerhalten. Die Wirkung auf die Kabuler Regierungselite ist ambivalent. Einerseits profitieren bzw. beziehen Teile von ihr Renten durch die illegalen Geschäfte, andererseits haben sie auch die Aufgabe diese illegalen Geschäfte zu unterbinden, was ihnen Reputation auf internationalem Parkett einbringt. Da jedoch die Korruption in einem prekären Sicherheitsfeld prächtig gedeiht, wird es der Kabuler Regierungselite schwer fallen diese Ambivalenz aufzulösen.

42 24. Stadt-Land Gefälle Glatzer bezeichnet in seiner Konfliktanalyse das Stadt-Land Gefälle als Bruchlinie der afghanischen Gesellschaft. (Glatzer 2003, S.13ff.) Dabei stellt er zwei Aspekte dieser Bruchlinie fest, die für das afghanische System von Bedeutung sind. Einerseits nimmt Kabul als Inbegriff der Stadt und als Regierungssitz eine zentrale Stellung ein, die den Rest des Landes als ländliche Peripherie erscheinen lässt. Andererseits gibt es ein Stadt-Land Gefälle im eigentlichen Sinne, das zwischen den vornehmlich Provinzstädten und dem echten Land, Dörfern, Kanal- und Talschaften, besteht. Dieser Unterscheid, der sich in der besseren Versorgung der Städte bemerkbar macht, mit allen Arten von Infrastruktur, staatlichen Leistungen und Entwicklungshilfe (Urban bias), kann für den sozialen Zusammenhalt und die Regierbarkeit entscheidend sein. So hat die Beseitigung des Stadt-Land Gefälles auf die Legitimation der Kabuler Regierungselite eine Wirkung, die ihre Legitimation verlieren würde, denn von einem solchen Gefälle profitiert die Macht der Kriegsfürsten wie auch die Großgrundbesitzer und Mittelsmännerschicht. Es erhöht auch die Anzahlt der Marginalen auf dem Land, da die Menschen dort von öffentlichen Leistungen eher ausgeschlossen und somit auf die Gunst der lokalen Machthaber angewiesen sind. In diesem Zusammenhang kann auch das NSP (National Solidarity Program) der Kabuler Regierung gesehen werden, das mit der direkten Zahlung von 20.000 Dollar an einen gewählten Dorfgemeinschaftsrat Hilfe bei der Umsetzung von Entwicklungsprogrammen verspricht. Die Regierung verspricht sich davon, dass die Bindung zwischen den Mittelsmännern und den Kriegsfürsten gelockert wird und sich damit die Verbindung dieser zur Regierung des Landes verstärkt wird.(Barnett et. All. 2005, S. 13)

25. Korruption Die Variable Korruption ist als Einkommensart der Staatsklasse in Afghanistan sehr ernst zu nehmen. Dabei kann die Beschaffung von Geldern über Korruption erstens die Abzweigung von Entwicklungsgeldern betreffen, zweitens den Aufbau einer aufgeblähten Bürokratie, drittens durch Bestechung, um den Handel mit Drogen und den Schmuggel zu ignorieren, so genannte Drogensteuern. Die Variable hat also eine starke Korrelation mit den Variabeln, Macht der Großgrundbesitzer und Mittelsmännerschicht, Macht der progressiven Kriegsfürsten, Einfluss der Drogenhändler, der prekäre Sicherheit und verstärkt die Rentenabhängigkeit der Kabuler Regierungselite. Des Weiteren besteht eine starke Wechselwirkung mit dem Drogenanbau und –handel und dem Schmuggel. Die Korruption wirkt sich negativ auf die Verkehrs- und Energieinfrastruktur aus, da die dafür vorgesehen Gelder aus staatlichen Quellen

43 kommen und oft veruntreut werden. Zudem wird noch die Wirkung der Entwicklungshilfe behindert

26. Zollgesetzgebung der Nachbarländer Diese Variable wird nur in das Systemmodell aufgenommen, da sie dafür verantwortlich ist den Schmuggel erst zu konstituieren. Sie wirkt also nur auf den Schmuggel.

44 Tabelle: Übersicht der wichtigen Variabeln im afghanischen Wirtschaftssystem
Nr. 01 Variablen Bezeichnung Steigendes Bevölkerungswachstum 02 Anzahl der Marginale • • Warum ist die Variable wichtig • Verstärker für das Auftreten von Marginalität Indikator für ein unterentwickeltes Wirtschaftssystem Wichtige Zielvariable für Entwicklung, die verändert bzw. beseitigt werden soll. 03 Anzahl der produktiven Eigentümerbauern • • Wichtige Zielvariabel für Entwicklung. Eine anzustrebende Zielschicht für Marginale 04 Macht der Großgrundbesitzer oder Mittelsmänner • • • • Wichtige Mittlerfunktion zwischen der rentenabhängige Kabuler Regierungselite und den dörflichen Strukturen. Nimmt eine wichtige, wirtschaftliche und politische Schlüsselstellung ein. 05 Einfluss der Drogenhändler (Großhändler, Kleinhändler) 06 Macht der progressiven Kriegsfürsten (Warlords) Erwirtschaften 1/3 des BIPs in Afghanistan Verfügen über bedeutende zivile, ökonomische und militärische Macht Ebene der Staatsklasse, die zu den hauptsächlichen Nutznießern von Renteneinkommen sind. 07 Rentenabhängige Kabuler Regierungselite • • Führungsspitze der Staatsklasse Wichtige Zielvariable für Entwicklung, denn über sie werden Entwicklungsgelder und Programme geleitet 08 Freie Unternehmer • Zielvariable für Entwicklung, das Mechanismen einer selbst tragenden marktwirtschaftlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems freisetzt 9 Landwirtschaftliche Grenzproduktivität 10 Landwirtschaftliche Produktivität • • • Wichtige Zielvariabel, weil über sie die Marginalität geändert werden kann. Wichtige Zielvariable, da 2/3 der afghanischen Bevölkerung von der Landwirtschaft leben. Zielvariable zur Entwicklung des Landes, die sowohl positive als auch negative Folgen haben kann. 11 Drogenanbau und Drogenhandel • • • • • Trägt zu 1/3 des BIPs in Afghanistan bei. Destabilisierender Faktor der freien Wirtschaft 12 Schmuggel Eine der Haupteinnahmen der progressiven Kriegsfürsten. Destabilisierender Marktwirtschaft. 13 Entwicklungshilfe Kann aufgrund der starken finanziellen ODA Gelder, NRO’s in Afghanistan Faktor der freien Ca. 1 Mrd. Dollar Ca. 3 Mrd. Dollar Einnahmen jährlich. Technischer Fortschritt, der Arbeitskräfte nicht überflüssig macht. Technischer Fortschritt Strukturelle Umwandlungen Unternehmen, die auf freien nicht vermachteten Märkten agieren und die im Wettbewerb stehen. Regierungsbeamte in Kabul Führungsspitzen der Nordallianz Exilafghanen um Hamid Kazai Kommandanten Regierungsbeamte auf Provinzebene Großhändler und Kleinhändler Erläuterung/Indikatoren 2,9 %Bevölkerungswachstum – eines der höchsten weltweit Personen, die weniger als ihr Subsistenzminimum erwirtschaften Landlose, Arbeitslose, Kleinpächter in Abhängigkeit Flüchtlinge Bauern mit genügend eigenem Land, das zu ihrer Subsistenz beitragen kann. und die in keinem Abhängigkeitsverhältnis stehen. ‚khan’‚malik’ oder ‚arbab’ = Dorf- oder Talschaftssprecher, Mullahs, usw. Regierungsbeamte auf Distriktebene

45
und strukturellen Stärke, wichtige Impulse für die Entwicklung geben, diese aber auch hemmen. 14 (gut bezahlte) Arbeitsplätze • • Wichtige Zielvariable der Entwicklung Arbeitsplätze, die zumindest das Subsistenzminimum gewährleisten. 15 Kammerung des Landes Beeinflusst die geopolitischen Gegebenheiten im Land. • • schlechte Infrastruktur erschwerte Kontrolle durch für staatliche Organe, besonders Sicherheitsorgane. 16 Arides Klima Afghanistan als Agrarland ist stark von den klimatischen Bedingungen abhängig. 17 Potenzielle Landwirtschaftliche Fläche • • Ausbaubare Ressource, die möglicherweise zusätzliche Arbeitskräfte schafft und damit die Marginalität senken kann. 18 Potenzielle Bodenschätze Ausbaubare Ressource in der Wirtschaft. Explorationsergebnisse, und Investitionsvorhaben 19 Ausreichende Verkehrs- und Energieinfrastruktur Wichtige Vorraussetzung einer freien Marktwirtschaft. Kilometeranzahl ganzjähriger Straßen; Quadratkilometer Jahresniederschläge, -Temperatur,

erster und zweiter Ordnung ausgebaute Flughäfen Stromversorgung, Wärmeversorgung

20

Ausreichende Soziale Infrastruktur (Gesundheits- und Bildungsinfrastruktur)

Voraussetzung zum unmittelbaren Überleben und für jede Art moderner Entwicklung.

-

75% hat Zugang zu Basisgesundheitsdiensen.

-

56% Einschulungsquote (1/3 Mädchen) hohe Zahl von Analphabeten Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, etc.

• 21 Lebensstandard • •

Wichtige Zielvariable für Entwicklung Indikator füreeine Erfolgreiche Entwicklung

22

Konfliktionäre Ethnische Heterogenität

Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat, der von Machthabern politisiert werden können.

-

Zugänge zu Segementen der Wirtschaft sind an ethischen Zugehörigkeiten nicht festzumachen.

23

Prekäre Sicherheit

• • • •

Wichtige Zielvariable der Entwicklung

-

Überfälle, Anschläge, Mord und Totschlag Landminen Unterschied von Lebensstandard StadtLand

24

Stadt Land Gegensatz

Beeinflusst die Machtverhältnisse im Land.

-

25

Korruption

Beeinflusst die Machtverhältnisse im Land Verhindert als Variable entscheidend die Entwicklung eines freien Wirtschaftssystems.

-

26

Zollgesetzgebung der Nachbarländer

Ermöglicht in hohem Maße den Schmuggel.

-

Exportverbote, Importquoten, etc.

46 3.2.2 Kriterienmatrix: Mit der Kriterienmatrix soll der oben erarbeitete Variablensatz auf Systemvollständigkeit und Systemrelevanz überprüft werden.
Lebensbereiche Ordnung/Organisation Physikalische Kategorie Dynamische Kategorie Systembeziehungen von außen Beeinflussbar von innen Beeinflussbar Räumliche Dynamik

öffnet durch Output

Zeitliche Dynamik

öffnet durch Input

Strukturgröße

Ressourceen

Bevölkerung x x x x x x x x x x

Infrastruktur

Information

Flussgröße

Wirtschaft

Befinden

Energie

Materie

Raum

Kriterien --> 1 steigendes Bevölkerungswachstum 2 Anzahl Marginale 3 Anzahl produktive Eigentümerbauern 4 Großgrundbesitzer 5 Drogenhändler 6 progressive Kriegsfürsten 7 kohärente Kabuler Regierungselite 8 Unternehmer 9 Grenzproduktivität der Landwirtschaft 10 Produktivität der Landwirtschaft 11 Drogenanbau und -handel 12 Schmuggel 13 Entwicklungshilfe 14 Arbeitsplätze in der Industrie 15 Kammerung des Landes 16 Arida Klima 17 landwirtschafliche Nutzfläche 18 Bodenschätze 19 Verkehrs- und Energieinfrastruktur 20 Soziale Infrastruktur 21 Lebensstandard 22 ethnische Heterogenität 23 prekäre Sicherheit 24 Stadt-Land Gegensatz 25 Korruption 26 Zollgesetzgebung der Nachbarländer

x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x

x x x x x x

x x x x x x x x x x x x

x

x

x

x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x

x

x x

x x x x x x x x x x x x x x

x

x x x x x x

x x x x x x x x x x

x x x x x x x

x x

x

Wie an der Tabelle ersichtlich ist, wurden alle „Lebensbereiche“ und „Kategorien“ abgedeckt. Dadurch ist, nach Vester, ein ausreichend, breit gefasster Variablensatz vorhanden, der die Vernetzung eines Systems modellieren kann. 3.2.3. Einflussmatrix Im Folgenden werden anhand einer Cross-Impact-Matrix die direkten Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Variablen des oberen Variablensatzes abgebildet. Diese Einflussmatrix basiert auf den oben erläuterten Überlegungen. Ziel dieser Matrix ist es den Charakter einzelner Variablen im System herauszufinden. Hierzu werden die Wirkungen nach folgender Werteskala bewertet. „Hierbei wird […] die Einflussstärke jeder Variablen auf alle anderen Variablen erfasst. Die jeweilige Frage lautet: ‚Hat eine Änderung in der Variable A potenziell (oder tatsächlich) einen direkten Einfluss auf Variable B?’ Die Bewertung erfolgt in einer 4-stufigen Skala (0 = kein Einfluss, 1 = schwacher, unterproportionaler Einfluss, 2 = deutlicher, proportionaler Einfluss, 3 = starker, überproportionaler Einfluss).“ (Volkmann 2006, S. 9)

47 Aus der so entstandenen Einflussmatrix lässt sich die Rolle der einzelnen Variable im System graphisch erfassen. Dieses geschieht über die rechnerische Zusammenfassung der oben verteilten Werte. Es ergeben sich daraus jeweils vier Zahlen pro Variable, die sich wie folgt erklären: „• Aktivwert (AS): Aus der Summe der Einflüsse einer Variablen auf die übrigen Variablen; zeigt, ob und wie stark eine Variable andere beeinflusst. • Passivwert (PS): Aus der Summe der Einflüsse der übrigen Variablen auf die betrachtete Variable; zeigt, wie stark die Variable beeinflussbar ist. • Aktiv-Passiv-Quotient (Q): Quotient aus Aktivsumme und Passivsumme zeigt, ob eine Variable eher einen aktiven (die aktiven Komponenten überwiegen deutlich die passiven), einen reaktiven (passive Komponenten überwiegen deutlich die aktiven), oder neutralen Charakter (aktive und passive Komponenten halten sich etwa die Waage) besitzt. • Produkt (P) aus Aktivsumme und Passivsumme: Verdeutlicht, wie stark eine Komponente überhaupt am System beteiligt ist. Je höher der Wert, desto kritischer ihr Charakter, je geringer ihr Wert, desto puffernder wirkt die Variable im System.“ (Volkmann 2006, S.10) Tabelle: Einflussmatrix:
W irkung vonauf --> 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26AS P 1 steigendes Bevölkerungswachstum x 3 2 0 1 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 1 1 0 1 0 0 0 9 108 2 Anzahl M arginale 2x 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 2 2 0 0 0 0 0 0 2 0 0 0 0 0 6 210 3 Anzahl produktiveEigentümerbauern 1 0x 2 0 0 0 0 0 2 0 0 0 0 0 0 2 0 0 0 2 0 0 2 0 0 10 210 4 M der Großgrundbesitzer &M änner acht ittelsm 0 2 2x 1 2 2 1 1 1 1 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 2 2 0 0 17 408 5 Einfluss Drogenhändler 0 2 2 1x 0 0 1 0 0 2 2 0 1 0 0 2 0 0 0 1 0 2 2 2 0 20 240 6 M progressiveKriegsfürsten 0 2 1 1 0x 2 1 1 2 2 2 2 0 0 0 0 0 2 0 0 2 2 2 2 0 26 754 acht 7 RentenabhängigeKabuler Regierungselite 0 2 2 1 2 1x 2 2 2 1 1 1 1 0 0 1 3 2 2 1 2 2 0 3 1 35 945 8 Unternehmer 0 2 0 1 0 0 2x 1 2 0 0 0 3 0 0 2 0 0 0 0 0 0 0 2 0 15 240 9 Grenzproduktivität der Landwirtschaft 0 3 2 0 0 0 0 0x 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 5 70 10 Produktivität der Landwirtschaft 0 1 2 2 0 2 0 0 1x 2 0 1 1 0 0 0 0 0 0 1 0 0 0 0 0 13 221 11 Drogenanbauund-handel 0 2 1 1 3 2 0 0 3 0x 1 0 0 0 0 2 0 0 0 0 1 0 2 3 0 21 504 12 Schmuggel 0 0 0 1 0 3 0 0 0 0 0x 0 0 0 0 0 0 0 0 1 0 0 0 3 1 9 144 13 Entwicklungshilfe 1 2 1 2 0 2 2 2 3 3 0 0x 0 0 0 3 2 3 3 3 1 2 2 2 0 38 418 14 gut bezahlteArbeitsplätzeinder Industrie 1 3 1 0 0 0 2 1 0 0 0 0 0x 0 0 0 0 0 0 3 0 0 2 0 0 12 168 15 Kammerungdes Landes 0 0 0 3 0 2 1 0 0 0 2 2 2 0x 0 1 2 3 3 0 0 1 2 0 0 24 96 16 Arides Klima 0 0 0 0 0 0 0 0 0 2 2 0 0 0 0x 1 0 0 0 0 0 0 0 0 0 5 10 17 ErhöhunglandwirtschaflicheNutzfläche 0 2 2 2 0 1 0 1 2 2 1 0 0 0 0 0x 0 0 0 0 0 0 0 0 0 13 221 18 AusbeutungvonBodenschätze 0 1 0 0 0 3 3 2 0 0 0 0 0 2 0 0 0x 0 0 2 0 0 0 3 0 16 176 19 Verkehrs- undEnergieinfrastruktur 1 2 2 0 0 2 2 2 0 0 2 0 0 2 3 0 1 2x 1 2 0 0 2 0 0 25 375 20 SozialeInfrastruktur 3 2 0 0 0 0 2 0 0 0 1 0 0 1 1 1 0 0 0x 3 0 0 0 0 0 11 132 21 Lebensstandard 2 2 0 0 0 0 1 0 0 0 2 0 0 0 0 1 0 0 0 0x 0 0 0 0 0 6 150 22 konfliktionäreethnischeHeterogenität 0 0 0 0 0 2 2 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 1 0 0 0x 0 1 1 0 7 49 23 prekäreSicherheit 0 0 1 2 2 2 2 3 0 0 2 2 2 1 0 0 2 1 2 1 1 1x 0 2 0 29 406 24 Stadt-LandGegensatz 1 2 0 2 2 1 0 0 1 1 0 0 0 0 0 0 0 1 1 1 0 0x 0 0 12 228 25 Korruption 0 0 0 3 3 3 3 0 0 0 3 3 1 0 0 0 0 0 2 0 1 0 2 0x 0 24 600 26 Zollgesetzgebungder Nachbarländer 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 3 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 2x 5 10 12 35 21 24 12 29 27 16 14 17 24 16 11 14 4 2 17 11 15 12 25 7 14 19 25 2 P S 75 17 48 71 167 90 130 94 36 76 88 56 345 86 600 250 76 145 167 92 24 100 207 63 96 40 Q x100

48 3.2.4. Rollenverteilung: Aus den Werten der Einflussmatrix lässt sich jetzt ableiten, welche Rolle die einzelnen Variablen im System annehmen und wie das System als Ganzes zwischen den vier Eckwerten, als aktiv, reaktiv, kritisch, und puffernd aufgestellt sind. Das Sensitivitätsmodell spricht den einzelnen Eckwerten verschiedene Rollen zu. „Aktive Variablen: Eine Variable dieser Kategorie ist als Steuerungsinstrument geeignet. Sie hat eine starke Wirkung in das System. Sie zu verändern, bewegt etwas. Aber sie wird vom System (den übrigen Variablen )nicht so stark beeinflusst, dass sie eine ungewollte Eigendynamik entwickelt. Reaktive Variablen: Eine Variable dieses Wirkungsbereichs ist als Systemindikator geeignet. Sie hat selber eine geringe Wirkung in das System, wird aber vom System stark beeinflusst. Deshalb kann man an ihr leicht ablesen, wenn sich im System etwas ändert Träge, puffernde Variablen: Diese Variablen charakterisieren sich sowohl durch geringe Wirkung als auch durch geringe Beeinflussbarkeit. Sie können deshalb gezielt in Regelkreisen eingebunden werden, um eine stabilisierende Wirkung zu erreichen. Kritische Variablen: Kritische Variablen sind als Motoren im System geeignet. Sie haben eine starke Wirkung in das System und werden vom System ebenso stark zurück beeinflusst. Ihre Veränderung kann deshalb zu unkontrollierten Aufschaukelungsprozessen führen.“ (Bühl,et.all. 2004, S. 20) Rollenverteilungsgraphik:
AS 50 6,5 Aktivsumme aktiv 6 5,5 5 4,5 4 Q-Wert 4 kritisch 945 P-Wert

45 3 7 40 13 754 2,5 35 15 6 30 25 1,5 25 23 19 5 11 4 8 18 16 10 22 9 5 26 puffernd 0 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 reaktiv Passivsumme 21 2 210 14 1 17 10 3 0,5 Q-Wert 24 12 neutraler Bereich 1 504

20

15

20

49

Bei Betrachtung der Rollenverteilungsgraphik kann festgestellt werden, dass das System eher puffernd gelagert ist, mit den meisten Variablen in der Mitte der Grafik. Dies bedeutet einerseits, dass der Vernetzungsgrad der Variablen untereinander nicht sehr hoch ist und auf der anderen Seite, die Steuerbarkeit des System eher gering. Trotzdem fallen ein paar Variablen in dieser Graphik auf. Es ist ersichtlich, dass die Variable rentenabhängige Kabuler Regierungselite als kritischste Variable heraussticht. Die Staatsklassenspitze hat sich als Motor des Systemmodels herausgestellt. Die Veränderung dieser Variablen hätte entscheidende Auswirkungen auf das System, da sie sehr viele andere Variable beeinflusst und im Gegenzug in einem Netz von Wirkungen verknüpft ist. Es wird ersichtlich, dass von ihrem Verhalten, dem Austarieren mehr oder weniger rentenabhängig zu sein, die Systemstabilität abhängt. Daneben stehen die Variablen progressive Kriegsfürsten und Korruption in einer ähnlich kritischen Rolle und die Einwirkung auf beide kann nicht beabsichtigte Folgen nach sich ziehen. Am anderen Ende der Skala, steht die Variable konfliktionäre ethnische Heterogenität, die stark puffernd wirkt, aber auch nicht sehr aktiv auf andere wirkt. Dies bedeutet, dass die ethnische Variable in dem System keine große Rolle spielt, zumindest keine sofortige Wirkung zeigt. In welchen indirekten Regelkreisen und Wirkungsgefügen sie eingebunden ist, lässt sich aus dieser Grafik nicht ableiten. Die Variablen Entwicklungshilfe und Kammerung des Landes weisen beide eine aktive, doch auch puffernde Funktion auf. Damit eigenen sich eigentlich beide dafür, das System zu verändern, da sie beide auf sehr viele Variablen wirken und selbst nicht so stark in Wechselwirkung ausgesetzt sind. Als ein Messfühler des Systems, hat sich die Variable Anzahl der Marginalen erwiesen, sie wirkt nicht viel auf andere ein, stellt aber selbst das Ziel vieler Wirkungen dar. An ihr kann der Zustand und die Veränderungen des Systems festgestellt werden.

3.3 Interpretation und Bewertung – Teilszenarien der Entwicklungshilfe in Afghanistan Auf dieser Stufe des Verfahrens angelangt, sieht Vester eigentlich vor, ein Wirkungsgefüge zu modellieren. Nachdem nun die direkten Wirkungen der Variablen und ihre Rolle bekannt sind, zielt das Wirkungsgefüge auf die Vernetzung der Variablen, also auf ihre Wirkung über andere Variablen hinweg. Die Verknüpfungen der Variablen werden deswegen in so genannten Regelkreisen dargestellt. Mit Wirkungspfeilen wird dabei die Wirkung der Variablen gekennzeichnet. Liegt

50 eine gleichsinnige Wirkung vor, d.h. wenn die Erhöhung der Ausgangsvariablen zu einer Erhöhung oder Verstärkung der Zielvariablen führt, wird ein durchstrichener Wirkungspfeil gezeichnet. Führt die Erhöhung der Ausgangsvariablen zu einer Verminderung der Zielvariablen, wird ein gestrichelter Wirkungspfeil gezeichnet. Wenn die Wirkung in beide Richtung gleichsinnig ist, spricht Vester von einem positiven Regelkreis. Ein negativer Regelkreis liegt vor, wenn gegenteilige Wirkungen, also zwei unterschiedliche Wirkungspfeile die Beziehung der Variablen kennzeichnen. Ein Beispiel für einen positiven Regelkreis stellt die Beziehung zwischen Bevölkerungswachstum und Marginalität dar. Je größer die Anzahl der Marginalen, desto höher ist für sie der Anreiz Kinder zu zeugen, damit wenigsten eines in den Genuss von Klientelbeziehungen kommen kann und somit zu Einkommen für alle. Je höher aber das Bevölkerungswachstum ist, desto mehr wächst der Druck auf die wenigen produktiv Beschäftigten. Die natürlichen Ressourcen und die zu verteilende Rente reicht nicht mehr aus und die Anzahl der Marginalen nimmt zu. Ähnliches lässt sich bei der Beziehung zwischen Korruption und Drogenanbau und –handel beobachten. Positive Regelkreise schaukeln sich gegenseitig hoch und haben eine destabilisierende Wirkung für das System. Sie sind aber auch ein Motor für Veränderung und Wachstum innerhalb des Systems. Ein Beispiel für einen negativen Regelkreis ist die Beziehung zwischen der Anzahl der Marginalen und der Entwicklungshilfe. Steigt die Anzahl der Marginalen, steigt auch die Summe der Entwicklungshilfe, was zu einer Verminderung der Anzahl der Marginalen führt. Dies wiederum führt zu einer Verminderung der Entwicklungshilfe. Wenn jedoch die Ursachen der Marginalität nicht beseitigt wurden und die Entwicklungshilfe lediglich wie eine zu kurze Rente gewirkt hat, steigt die Anzahl der Marginalen wieder, sobald der Entwicklungshilferegen aussetzt. Wenn keine Massennachfrage entsteht, können keine Massenproduktion und damit keine Massenarbeitsplätze und Masseneinkommen entstehen. In einem Wirkungsgefüge werden nun alle Variablen und ihre Beziehungen untereinander mit dieser Art Wirkungspfeilen dargestellt. Es entsteht ein Geflecht aus direkten Regelkreisen und indirekten Regelkreisen, also auch solchen, welche erst nach ein paar Stationen auf die Ausgangsvariable zurückwirken. Dominieren in einem System die negativen Regelkreise, so ist das System als Ganzes stabil. Dominieren in einem System die positiven Regelkreise, so zeigt dies erst einmal lediglich an, dass sich das System verändert. Führt diese Veränderung nicht zu einem neuen Zustand, in dem negativen Regelkreise dominieren, droht das System zu kollabieren.

51 Die Darstellung des gesamten Wirkungsgefüges des Afghanischen Systems würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Für die Beantwortung der Leitfrage: Welche Folgen das Instrumentarium der deutschen Entwicklungshilfe in dem Wirkverbund des afghanischen sozioökonomischen Systems haben kann, reicht es ein Teilszenario zu entwickeln. Dieses wird nach Vester aus dem Wirkungsgefüge generiert, indem eine Konzentration auf die Variablen vorgenommen wird, die es näher zu untersuchen gilt, d.h., die für die Beantwortung der Fragestellung relevant sind. „Bei der Entwicklung von Teilszenarien geht es darum, das Gesamtwirkungsgefüge weiter aufzugliedern und zu öffnen, um der internen Kybernetik näher zu kommen. Der Aufbau eines Teilszenarios und damit die Auswahl der Variablen aus dem Wirkungsgefüge fragt dazu weniger nach Hierarchie und Zugehörigkeit bestimmter Systemteile, sondern geht unmittelbar von konkreten Fragen aus, die von der Thematik der Systemuntersuchung her von besonderem Interesse sind. Trotzdem geht hier der Zusammenhang mit dem Gesamtsystem nicht verloren, da die Teilszenarien aus den Wirkungsgefügen der großen Teilmodelle entwickelt werden und sich zudem noch in manchen Punkten überlappen“ (Bühl 2004, S. 24) Kern des effektiven Wirkverbundes der Entwicklung fördert, ist die Beseitigung von Marginalität, so wie es auch Elsenhans vorschlägt. In der Rollenverteilung hat sich herausgestellt, dass die Variable Anzahl der Marginalen als guter Indikator für den Zustand des Systems dienen kann. Nach Elsenhans ist die Anzahl der Marginale eine Schlüsselvariable, deren Beseitigung sogar ein ganz anders, ein marktwirtschaftliches System anstoßen könnte. Zur Beantwortung der Frage, wie das deutsche Entwicklungshilfeinstrumentarium auf diese Variable einwirkt, unter Beachtung der mit dieser Variablen vernetzten anderen Variablen, werden nun folgende Teilszenarien konstruiert. Die Kernbestandteile dieser Teilszenarien setzen sich zusammen aus den Variablen Anzahl der Marginalen, Arbeitsplätze in der Industrie, Grenzproduktivität, rentenabhängige Kabuler Regierungselite, Drogenanbau und –handel, freie Unternehmer, Entwicklungshilfe, Verkehrs- und Energieinfrastruktur, Soziale Infrastruktur, Erhöhung der Landwirtschaftlichen Nutzfläche. Diese sind einerseits Variablen, die auf die Variable Anzahl der Marginalen wirken und durch sie beeinflusst werden - wie aus der Einflussmatrix ersichtlich. Andererseits sind mit den Variablen Entwicklungshilfe, Verkehrs- und Energieinfrastruktur, Soziale Infrastruktur und freie Unternehmer Variablen vorhanden, die die Wirkungsrichtung des deutschen Entwicklungshilfeinstrumentariums in Afghanistan widerspiegeln.

3.3.1. Teilszenario 1: Die deutsche Entwicklungshilfe in Afghanistan Die deutschen Entwicklungshilfeleistungen für Afghanistan unterteilen sich in die Bereiche, bilaterale Technische Zusammenarbeit, bilaterale Finanzielle Zusammenarbeit und multilate-

52 rale Finanzielle Zusammenarbeit. Der gemeinsame Etat hatte 2006 eine Höhe von 110 Millionen Euro. Diese Gelder verteilten sich mit 41 Millionen Euro für die Technische Zusammenarbeit, 27 Millionen Euro für die bilaterale Finanzielle Zusammenarbeit und 42 Millionen Euro für die multilaterale Finanzielle Zusammenarbeit. Für die Untersuchung ist die Technische Zusammenarbeit von besonderer Bedeutung, da hier das deutsche Entwicklungsinstrumentarium und die deutsche Entwicklungshilfeinstitutionen mit der Konzeption und ihrer Durchführung betraut sind. Bei der bilateralen und multilateralen Finanziellen Zusammenarbeit sind nicht die deutschen Entwicklungshelfer für Konzeption und Durchführung zuständig, obwohl versucht wird Bedingungen an die Verwendung zu knüpfen. Dazu gehören unter anderem gute Regierungsführung oder die Transparenz bei der Verwendung der Mittel. Verantwortlich für die Gelder der bilateralen Finanziellen Zusammenarbeit ist die Regierung in Kabul und für die multilaterale Finanzielle Zusammenarbeit sind es die internationalen Institutionen, wie UN, Weltbank, etc.. Da im Teilszenario keine Variable für diese Geber vorgesehen ist, kann nur die Wirkung der Mittel nachgezeichnet werden, die entweder zu deutschen Durchführungsorganisationen fließen oder der afghanischen Regierung überwiesen werden. Deutschland hat für seine Technische Zusammenarbeit in Afghanistan schwerpunktmäßig vier Aufgaben der Entwicklungshilfe übernommen.
• • • •

Energie (insbesondere erneuerbare Energien) Trinkwasserversorgung Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung (vor allem Einkommensschaffung) Grundbildung

Bei der Entwicklung der Energieversorgung wird vornehmlich in Kabul, den Städten in Nordafghanistan wie Kundus und Mazar-i-Sharif und in ländlichen Gebieten in Nordafghanistan gearbeitet. Besonderes Augenmerk wird auf die erneuerbare Gewinnung von Energie gelegt. Unter nachhaltiger Wirtschaftsentwicklung laufen Programme der Micro-Finanzierung, der Schaffung einer staatlichen Investitionsagentur, zur Förderung von in- und ausländischen Investitionen, und Programme zur Existenzgründerförderung. Bei der Implementierung der deutschen Entwicklungshilfekonzeptionen in das Teilszenario kann, wie oben erwähnt, auf die schon aufgestellten Variablen zurückgegriffen werden. Diese sind für die Aufgabenschwerpunkte Trinkwasserversorgung und Energiebereitstellung, die Variable Verkehrs- und Energieinfrastruktur. Für den Aufgabenschwerpunkt Grundbildung, die Variable Soziale Infrastruktur, die aus den beiden Komponenten Gesundheits- und Bildungsinfrastruktur besteht. Für den Aufgabenschwerpunkt Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung wird eine neue Variable Wirtschaftsförderung eingeführt.

53

Tabelle: Teilsszenario 1:

Soziale Infrastruktur Entwicklungshilfe

Verkehrs- u. Energieinf. Drogenanbau u. Handel

Anzahl der Marginalen Arbeitsplätze in der Ind. Rentenabängige Reg. Wirtschaftsförderung

Grenzproduktivität

Freie Unternehmen

Das Teilszenario mit den Variablen der deutschen Entwicklungshilfe weist neun Regelkreise, mit vier positiven Regelkreisen und fünf Negativen auf. Das Teilszenario als System ist somit stabil. Es sind jedoch nur fünf Regelkreise bei der Untersuchung der deutschen Entwicklungshilfe interessant. Die erste Wirkungskette geht von dem Drogenanbau und –handel aus. Steigt dieser, wirkt sich das fördernd auf die Korruption und somit auf die Renten und damit auf die Regierung in Kabul aus. Steigt die Rentenabhängigkeit der Staatsmacht, ist sie auf den Drogenanbau und –handel angewiesen und unternimmt nichts mehr gegen diesen oder ist sogar in den Drogenhandel verstrickt. Dies erhöht wiederum den Drogenhandel womit ein sich gegenseitig fördernder Prozess in Gang kommt. Der zweite Regelkreis läuft über drei Stellglieder. Erhöht sich die Entwicklungshilfe, hier die Entwicklungshilfe, die direkt an die Regierung in Kabul fließt, erhöht sich das Budget

54 der Regierung. Hier wird nun die Ambivalenz der Regierung, zwischen Legitimationszwang und Selbstbereicherung klar. Denn einerseits laufen jetzt über die regierungseigenen Entwicklungsmaßnahmen Regelkreise im System an, auf die ich gleich eingehe, aber andererseits wird ein Teil des Geldes umgeleitet. Dieser Teil finanziert nun wiederum die Teile, die sowieso in Drogenhandel und anderen Rentenökonomien tätig sind. Darum die erhöhende Wirkung auf die Drogenökonomie. Diese nun wirkt in zweifacher Hinsicht auf die Anzahl der Marginalen. Erstmals gibt es eine direkte gleichgesinnte Wirkung, also eine Erhöhung der Marginalenzahl durch die vermachtete Beziehung dieser Variablen untereinander. Zum Zweiten wirkt aber die Drogenökonomie auch vermindernd auf die Zahl der Marginalen, da der Drogenanbau die Grenzproduktivität erhöht und diese Variable eine nicht gleichgesinnte Wirkung auf die Anzahl der Marginalen ausübt. Dieser Umweg über die Grenzproduktivität und damit mit einer gewissen Verzögerung, ergibt eine positive Wirkung der Drogenökonomie auf die Beseitigung von Marginalität. Sie steht gegensätzlich direkten vermachteten Beziehung der Drogenbarone und Kriegsfürsten zu den Marginalen und gibt deshalb nicht den entscheidenden Durchbruch. Der dritte Regelkreis startet mit der Erhöhung der Entwicklungshilfe, hier nun in Form der technischen Hilfe, wie zum Beispiel Dünger oder verbesserte Bewässerungsmethoden, die zur Erhöhung der Grenzproduktivität führt. Höhere Grenzproduktivität führt zur Verringerung der Marginalen und das wiederum erfordert weniger Entwicklungshilfe. Der vierte Regelkreis, der die deutsche Entwicklungshilfe beleuchtet, verläuft über die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur. Die Verbesserung der Infrastruktur erhöht auch den Zugang der Marginalen zu Märkten und zu Energie. Damit senken sich für Sie die Opportunitätskosten, sich anderswo ein profitables Auskommen zu suchen. Investition in die Verkehrsund Energieinfrastruktur sind aber oft korruptionsanfällig und neigen zu Misswirtschaft. Diese Wirkung mindert nun den Effekt der deutschen Entwicklungshilfe. Im Weitern läuft die Wirkung, bis sie zu einer Absenkung der Marginalen führt, wiederum über Zeit verzögernde und manchmal auch Geld verschlingende Variablen. Der fünfte Regelkreis, der im Zusammenhang der deutschen Aufgabenschwerpunkte interessant ist, ist die Wirkung der Wirtschaftsförderung auf die Anzahl der Marginalen Verstärkte Wirtschaftförderung soll freie Unternehmen in die Lage versetzen Arbeitsplätze zu schaffen, und hier besonders in der Industrie. Diese Arbeitsplätze senken zuerst direkt, allein aufgrund ihres bestehen, die Anzahl der Marginalen und indirekt aufgrund der Nachfrage, die sie schaffen. Aber auch hier wird es schwierig freie Unternehmen zu finden, die sich auf den vermachteten Märkten in Afghanistan durchsetzten können. Des Weiteren gibt es auch hier

55 aufgrund der vielen Variablen dazwischen einen eher langsamen Effekt auf die Reduzierung der Anzahl von Marginalen.

3.3.2 Teilszenario 2: Der Vorschlag der Einführung einer künstlichen Industrie in Afghanistan Im nun folgenden zweiten Teil der Analyse eines Teilszenarios werde ich Elsenhans Modell der Etablierung einer künstlichen Industrie zur Reduzierung der Marginalen im oben beschriebenen Teilszenario nachzeichnen und seine Wirkungen antizipieren. Unter künstlicher Industrie versteht Elsenhans das Abwerfen von genau gekennzeichneten, fälschungssicheren Steinen über unbewohntem Terrain. Diese Steine werden dann an wenigen Aufkaufstellen wieder aufgekauft, um erneut gekennzeichnet und abgeworfen zu werden. Der Preis der Steine richtet sich danach, wie viel ein Mann an einem Tag einsammeln kann und wie hoch die Subsistenzkosten im jeweiligen Land sind. Der Kerngedanke besteht darin, den Marginalen unmittelbar ein Einkommen jenseits der Staatklasse zu verschaffen und mittelbar genügend Nachfrage zu erzeugen, um dadurch wirtschaftliche Entwicklung in Gang zu bringen. Im nachfolgenden Teilszenario wird die Variable künstliche Industrie die Variable Entwicklungshilfe ersetzten, um zu sehen in welche Wechselwirkungen und Regelkreise diese Variable eingebunden ist und wie sie sich auf die Anzahl der Marginalen auswirkt.

56 Tabelle: Teilszenario 2:

Soziale Infrastruktur

Drogenanbau u. Handel

Verkehrs- u. Energieinf.

Anzahl der Marginalen

Rentenabhängige Reg. Arbeitsplätze in der Ind. Künstliche Steine

Grenzproduktivität

Freie Unternehmen

Der erste Regelkreis ist der positive Regelkreis zwischen künstlicher Industrie und der Anzahl der Marginalen. Steigt die künstliche Industrie, fällt die Anzahl der Marginalen, steigen im Gegenzug die Anzahl der Marginalen, steigt die künstliche Industrie. Diese positive Rückkopplung besteht aus zwei negativen Wirkungspfeilen. In einem weiteren Regelkreis ist die künstliche Industrie mit der Anzahl der Marginalen verbunden. Durch die Einführung der künstlichen Industrie steigt die Grenzproduktivität für einfache Aufgaben. Damit steigen auch die Grenzkosten der Marginalen, die nicht in der künstlichen Industrie beschäftigt sind, da sie nun eine Wahl haben, damit Marktmacht, und am Arbeitsmarkt höhere, produktive Löhne durchsetzten können. Keinen Regelkreis, aber eine gegenseitige indirekte Beeinflussung, durch die Variablen Anzahl der Marginalen und Grenzproduktivität, schafft eine Spannung zwischen den Variablen Drogenökonomie und künstliche Industrie. Die Drogenökonomie muss nun um ihre Arbeitskräfte konkurrieren. Dies würde sich auf die Renteneinnahmen der rentenabhängigen Kabuler Regierungselite negativ auswirken.

57 Nach der Beobachtung dieses Teilszenarios, komme ich zu dem Schluss, dass die Etablierung einer künstlichen Industrie sich unmittelbarer auf die Beseitigung von Marginalität auswirkt als die Entwicklungshilfe. Des Weiteren erzeugt sie durch die Erhöhung der Grenzproduktivität einen mittelbaren Druck auf die Drogenökonomie. Diesen Druck konnte bisher noch kein Programm der Entwicklungshilfe ausüben, da das Verhältnis zwischen Arbeitsintensität und Ertragsverhältnis nicht an das der Drogenökonomie heranreicht. Dies wäre mit der künstlichen Industrie durchaus möglich.

4. Zusammenfassung
In dieser Arbeit habe ich versucht, auf Grundlage der theoretischen Überlegungen zur Entwicklungshilfe bei Hartmut Elsenhans und mit Hilfe des Sensitivitätsmodells von Frederic Vester, das Wirtschaftssystem in Afghanistan zu untersuchen und davon ausgehend darzustellen, welche Faktoren für die Entwicklung des Wirtschaftssystems in Afghanistan ausschlaggebend sind und welche Folgen die Instrumentarien der deutsche Entwicklungshilfe auf diese Faktoren haben. Nach Elsenhans sollte das Ziel jeder Entwicklung zur Ausgestaltung eines selbst tragenden Wirtschaftssystems führen. Ein selbst tragendes Wirtschaftssystem setzt sich zusammen aus einem sich immer weiter anstoßenden Wirtschaftskreislauf, der über Nachfrage, Investition, Fortschritt, Profit und den freien Markt gekennzeichnet ist. Das Problem in unterentwickelten Ländern besteht darin, dass dieser Kreislauf an diesen Eckpfeilern des Wirtschaftskreislaufs gestört sein kann. Es kann also keine Nachfrage vorherrschen, dadurch keine Investition in die Industrie des Landes geschehen, dadurch bedingt auch kein technischer Fortschritt stattfinden oder kein freier Markt vorhanden sein. In unterentwickelten Ländern herrscht deshalb, nach Elsenhans, Rentenökonomie, die sich durch Marginalität kennzeichnet und dem Bestehen einer Macht besetzenden Staatsklasse, die an einer freien Marktwirtschaft kein Interesse hat, da sie sich durch Renteneinnahmen finanziert. Elsenhans schlägt aus diesem Grund bei Entwicklungshilfe vor, zunächst bei der Verminderung von Marginalität anzusetzen. Dies kann seiner Meinung nach, durch eine egalitäre Bodenreform, die Steigerung der Grenzproduktivität durch technischen Fortschritt in den vorhandenen Wirtschaftssektoren, die Ankurbelung der Industrie durch eine angemessene Zoll-, Handels- und Währungsreform oder durch die Errichtung künstlicher Industrien geschehen. Nun besteht das Problem, dass bei jeglicher Veränderung eines Faktors möglicherweise Phänomene in den jeweiligen Wirt-

58 schaftssystemen angestoßen werden, die den systemimmanenten Zusammenhängen folgen, nicht jedoch von der Entwicklungshilfe intendiert waren. Bei der Frage nach den Folgen, die das Instrumentarium der deutschen Entwicklungshilfe in Afghanistan hat, geht es genau darum, eine solche Problematik zu überschauen. Aus diesem Grund wurde in dieser Arbeit das Sensitivitätsmodell von Frederic Vester angewendet, das die Überschaubarkeit solcher Folgen ermöglicht. Bei der genauen Analyse des Wirtschaftssystems Afghanistan konnte festgestellt werden, dass, auch nach der Definition von Elsenhans, Afghanistan ein wirtschaftlich unterentwickeltes Land ist, das geographische, politische und wirtschaftliche Besonderheiten aufweist, auf die eingegangen werden sollte. Im Analyseteil wurden diese Besonderheiten als Variablen identifiziert und dargestellt. Daraufhin wurden ihre Wirkung aufeinander in einer Einflussmatrix und ihr Wirkungsgefüge in einer Rollengraphik visualisiert. Aufgrund dieser Ergebnisse konnte ein Teilszenario herausgezogen werden, in dem die Variable der Marginalen, der Ansatzpunkt den Elsenhans für Entwicklungshilfe vorschlägt, im Fokus steht. In diesem Teilszenario wurden sämtliche Wirkungszusammenhänge, die direkt oder indirekt auf die Variable der Marginale wirken und die direkte und indirekte Wirkung, die von dieser ausgeht, beobachtet. Darin wurden auch die Instrumente der deutschen Entwicklungshilfe integriert und Folgen im Wirtschaftssystem Afghanistans antizipiert. Demgegenüber habe ich einen Vorschlag Elsenhans, die Etablierung einer künstlichen Industrie in Afghanistan, in das Teilszenario integriert und ebenso die Folgen dieser Maßnahme antizipiert. Das Ergebnis, dass sich daraus ergab, lässt sich wie folgt zusammenfassen. Die Folgen der deutschen Entwicklungshilfe in Afghanistan stellen sich ambivalent dar. Zwei kritische Faktoren sind nicht berechenbar. Dazu gehören die rentenabhängige Kabuler Regierungselite und das Verzögerungsmoment in der Wirkung der Programme auf die Beseitigung von Marginalität. Diese zwei kritischen Komponenten umgeht der Vorschlag Elsenhans, eine künstliche Industrie in Afghanistan zu etablieren. Einerseits wirkt eine künstliche Industrie unmittelbar auf die Zielvariable Marginalität und setzt andererseits indirekt die Entwicklungshemmenden Variablen wie Drogenanbau und –handel und dadurch die rentenabhängige Kabuler Regierungselite unter Druck. Unmittelbar erhöht die künstliche Industrie das Auskommen der Marginalen, das über den Reproduktionskosten liegt und mittelbar erhöht sie die Grenzproduktivität für einfachste Aufgaben. Damit setzt sie die Drogenökonomie, die ebenfalls auf Heerscharen von unausgebildeten Landarbeitern angewiesen ist, einem „fairen“ Wettbewerb aus.

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