Das Dao der

Staatsführung
und Strategie
(Huainanse)
©2015 Peter Fritz Walter.
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Set in Avenir and Trajan Pro

Designed by Peter Fritz Walter

ISBN 978-1-514684-56-6

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Literary Collections / Asian / Chinese

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Das Dao der
Staatsführung
und Strategie
Huainanse
Lehren der alten Weisen

Übersetzt und illustriert
von Peter Fritz Walter
1
In einer geordneten Gesellschaft
kann ein Narr wenig anrichten.

In einer chaotischen Gesellschaft
kann ein Weiser wenig ausrichten.

2
Das Dao verantwortlich zu machen für all die
Unreinheit in unserer Welt ist wie wenn man ein
Einhorn zwischen zwei Pfählen einpferchte und dann
von ihm zu verlangte, einen Marathon zu rennen.

Sperrt einen Affen in einen Käfig, und er wird sich wie
ein Schwein benehmen, nicht weil er dumm ist,
sondern weil ihm der Platz fehlt, seine Talente zu
zeigen.

3
Auch weise Führer müssen Gelegenheiten abpassen.
Günstige Umstände müssen zur rechten Zeit genutzt
werden. Bloßes Wissen reicht dazu nicht aus.
4
Der Weise verlässt den Pfad und findet den Weg.
Narren klammern sich an den Pfad und kommen vom
Weg ab.

5
Die essentielle Funktion einer Regierung ist, für die
Sicherheit des Volkes zu sorgen.

Die Sicherheit des Volkes hängt davon ab, dass für
seine Bedürfnisse gesorgt wird.

Eine Regierung ist effektiv nur dann, wenn sie dem
Volk nicht zuviel von seiner Zeit stiehlt.

Effektivität wiederum erfordert konstanten Verzicht
auf übertriebene Erwartungen.

Erwartungen in gesunden Grenzen zu halten,
erfordert eine Rückkehr zu unserer wahren Natur.

Rückkehr zu unserer wahren Natur erfordert, dass das,
was Zuviel ist, gemindert wird.

Die Last des Angehäuften zu mindern erzeugt
Offenheit. Offen zu sein bedeutet, innerlich gefasst zu
sein. Innere Fassung ist ein Fundament des Dao.
Offenheit ist das Haus des Dao.
6
Die, welche andere führen wollen, müssen in der Lage
sein, Sieger zu finden.

Die, welche Sieger sein wollen, müssen in der Lage
sein, ihre innere Stärke zu realisieren.

Die, welche innere Stärke realisieren wollen, müssen
in der Lage sein, die Kraft ihrer Gegner zu ihrem
Vorteil zu nutzen.

Die, welche die Kraft ihrer Gegner zu ihrem Vorteil
nutzen, müssen in der Lage sein, die Herzen anderer
Menschen zu gewinnen.

Die, welche die Herzen anderer Menschen gewinnen
wollen, müssen in der
Lage sein, sich selbst zu
führen.

Die, welche sich selbst
führen wollen, müssen in
der Lage sein, flexibel zu
bleiben.
7
Die alten Staatsführer haben nicht zur Befriedigung
ihrer persönlichen Angelegenheiten den Staat regiert.

Die alten Weisen haben nicht wegen Faulheit
niedrige Positionen in der Gesellschaft
eingenommen.

Staatsführung wurde etabliert, damit nicht die Starken
die Schwachen bedrängen und eine Mehrheit Gewalt
über eine Minderheit ausübt, damit nicht die
Schlauen die überrumpeln, die einfach von Geist sind,
damit die Mutigen nicht die Feigen angreifen, damit
die Menschen nicht ihr Wissen für sich behalten, ohne
es zu lehren, und damit keiner sich bereichert, ohne
andere teilhaben zu lassen an seinem Reichtum.

Also war Staatsführung ein Mittel, für Gleichheit und
Einheit zu sorgen.
8
Dem Weisen ist kein Berg zu hoch
und kein Fluss zu breit, wenn es um
die unbequeme und undankbare
Aufgabe geht, sich mit Staatsführung
auseinander zu setzen.

Er tut dies nicht für Geld oder um Ansehen zu
gewinnen, sondern weil es ihm darum geht,
der Welt nützlich zu sein und Handlungsweisen
abzuschaffen, die Menschen Schaden bringen.

Geschichten über die weisen alten Könige sagen,
dass Shennong sorgenbetrübt, Yao nur ein Strich in
der Landschaft, Shun sonnenverbrannt, und Yu
hornhäutig war.

Wenn wir uns diese alten Weisen anschauen, so sehen
wir, dass auch Weise Sorgen haben und dass sie
wahrhaft hart arbeiten für das Gemeinwohl.

9
Wenn sich Menschen führen lassen, so folgen sie
nicht dem, was ihre Führer sagen, sondern dem, was
sie tun.
10
Wenn Gesetze gemacht werden,
und Belohnungen ausgesetzt werden,
so wird dies die Sitten der Menschen
doch nicht ändern, denn ohne Ehrlichkeit
hat es alles keinen Zweck.

11
Staatsführung muss eine spirituelle Grundlage haben.
Weniger gut ist es, schädliches Verhalten unmöglich
zu machen. Am wenigsten effektiv ist es, die Guten zu
belohnen und die Bösen zu bestrafen.

12
Wie eine Waage unparteiisch ist, wenn sie Gewichte
wiegt und eine gerade Linie Gebiete gerecht von
einander abgrenzt, so hat ein Herrscher Macht dann,
wenn er das Recht ohne persönliche Vorlieben
anwendet.

13
Das Gesetz setzt die Grenzen und bestraft. Wenn die
Menschen bestraft werden, ohne zornig zu werden, so
ist das im Sinne des Dao. Wenn das Dao respektiert
wird, brauchen Menschen keine Politik.
14
In alter Zeit war es leicht, die Menschen mit kleinen
Belohnungen zu motivieren, und Strafen für Betrug
waren relativ mild, wenn sie prompt angewandt
wurden.

Und Menschen, die prompt waren, anderen Gutes zu
tun, hielten ihre Ausgaben gut in Schach.

Aber auch die, die grosse Vermögen verdienten,
erweckten nicht die Habgier anderer.

15
Strafen und Geldbußen können menschliches
Verhalten nicht ändern; gleichsam können
Hinrichtungen und Massaker betrügerisches Verhalten
nicht verhindern. Nur spirituelle Einflussnahme kann
das Verhalten von Menschen wirksam ändern.

16
Strenge Gesetze und grausame Strafen sind keine
Hilfsmittel für einen König im Amt.
17
In alter Zeit, unter weiser Staatsführung, waren die
Gesetze recht liberal und Vermögensstrafen leicht zu
tragen. Die Gefängnisse waren leer, jeder hielt sich an
denselben Verhaltenskodex, und niemand war auf
Betrügereien aus.

Später jedoch sah das ganz anders aus. Die Herrscher
waren raubgierig ohne Ende, und ihre Vasallen waren
falsch und heuchlerisch.

Das einfache Volk war arm und miserlich und ständig
miteinander im Streit. Sie arbeiteten sich zugrunde
und kamen niemals zu etwas. Schlaue Betrüger traten
dann hervor, und es gab viele Diebe und Räuber.

Vorgesetzte und Untergebene misstrauten einander,
Befehle wurden nicht ausgeführt, Regierungsbeamte
handelten dem Dao zuwider.

Den Grundsätzen entfremdet, gaben die Beamten
sich dummen Vergnügungen hin, und gaben weniger
Lob, als sie Strafen austeilten.

Diese Art der Staatsführung führte zu mehr Chaos
überall.
18
Viele Intellektuelle in unserer Gesellschaft sind vom
Dao abgekommen; sie denken, Manieriertheit und
Pflichtbewusstsein seien genug, um das Land zu
leiten. Man kann mit ihnen nicht über die Kunst der
Staatsführung reden.
19
Wenn Herrscher zu schlau sind, sind ihre Vasallen zu
hintertrieben. Wenn Herrscher zu obsediert sind mit
tausend Interessen und Zeitvertreib, sind ihre Vasallen
zu gekünstelt und manieriert. Wenn Herrscher zu stolz
sind, sind ihre Vasallen rastlos und unzufrieden. Wenn
Herrscher zuviel verlangen vom Volk, werden ihre
Vasallen streitlustig.

Wenn Ihr das nicht an der Wurzel zu ändern sucht und
Euch nur mit den Zweigen des Baumes abgebt, so ist
das so, als wolltet ihr einen Raum reinigen, indem ihr
Staub aufwirbelt, oder ein Feuer zu löschen trachtet,
indem ihr mit hoch brennbarem Gehölz darin
herumfuchtelt.

Darum hält der Weise seinen Einflussbereich begrenzt
und seine Geschäfte leicht zu handhaben.

Der Weise ist wohltätig, ohne darauf abzuzielen, man
vertraut ihm, ohne dass er Reden halten müsste, und
er hat Erfolg, ohne danach zu streben. Er ist einfach
und tugendhaft, und aufrecht gegenüber allen.

Jeder folgt ihm, wie man dem Echo eines Klanges
nachfolgt, wie das Spiegelbild den Konturen einer
Form folgt.

Was der Weise vollbringt, hat eine solide Grundlage.
20
Wenn Staatsführer ihr Land in den Ruin treiben, laufen
sie Gefahr, unter der Hand anderer zu sterben, oder
sich allgemeinem Gelächter auszusetzen.

Der Grund dafür ist immer, dass sie ihr Verlangen und
ihre Begierden nicht im Zaum halten können.

21
In alter Zeit war die Staatsführung milde und die
Menschen hatten genug zu essen. Die Herrscher
dienten dem Gemeinwohl und ihre Minister waren
loyal. Eltern waren wohlwollend und Kinder
gehorsam. Jeder handelte liebevoll, und es gab
keinen Hass.
22
In der Zeit der alten Kriege wurden junge Männer
nicht getötet und alte Männer nicht gefangen, aber
was damals als gerecht galt, findet man jetzt
abscheulich. Was in alter Zeit Teil der Ordnung war, ist
jetzt Teil des Chaos.

Stammesführer im Altertum haben weder
Belohnungen noch Strafen ausgesetzt, aber das Volk
handelte dennoch rechtens. Jetzt aber sind die, die
herrschen, nur noch durch Gesetze fähig, Ordnung zu
halten.

Ein alter Staatsführer brachte den Aufstand einiger
Stämme einfach dadurch nieder, dass er einen
Kriegstanz inszenierte; aber jetzt sieht es so aus, dass
die, die Polizeiaktionen durchführen, die Starken und
Gewalttätigen nur noch mit Waffengewalt in die Knie
zwingen können.
23
Im Lauf einer einzigen Generation mögen sich sowohl
Friedensrecht als auch Kriegsrecht in ihrer relativen
Beziehung wandeln, denn es gibt Zeiten wo das eine
oder das andere mehr Bedeutung hat.

Jetzt jedoch ist es so, dass die Kriegsführer gegen die
Kultur handeln, und die Kultivierten die Kriegstreiber
als Barbaren schimpfen. Die Anhänger des
Friedensrechts und des Kriegsrechts bekämpfen
einander, nicht wissend, dass ihre jeweiligen
Funktionen zu bestimmten Zeiten nützlich sind.
24
Individuelle menschliche Intelligenz allein reicht nicht
aus; die Künste des Dao sind als Kollektivintelligenz
Teil des öffentlichen Lebens.

Wenn die Gesellschaft ihre Funktionalität verloren hat,
werden Gesetze über den Zaun geschlagen und die,
die sie brechen, werden hart bestraft. Überall redet
man von Verantwortlichkeit, und die, welche ihrer
Verantwortung nicht nachkommen können, sind im
Nachteil. Die Anforderungen an den Bürger werden
so sehr hochgeschraubt, dass man die, welche nicht
in der Lage sind, sie erfüllen zu können, einfach
hinrichtet.

Wenn das Volk solcherart unter Druck gesetzt wird,
werden die Menschen schlau und pfiffig, um ihre
Herrscher übers Ohr zu hauen, und begehen Betrug,
um einen Ausweg aus der Sackgasse zu finden. Dann
sind auch die härtesten Gesetze und Strafen nutzlos,
denn sie haben nicht genügend Macht. Darum sagt
ein altes Sprichwort, ‘Wenn Vögel nicht mehr aus
noch ein wissen, hacken sie aufeinander nieder, wenn
Stiere nicht mehr aus noch ein wissen, spießen sie
einander auf, und wenn Menschen nicht mehr aus
noch ein wissen, werden sie falsch und trügerisch.’
25
Erleuchtete Berater können Staatsführer kritisieren,
wenn sie sehen, dass diese falsch handeln, denn es ist
ihnen gleich, wenn man sie dafür blamiert.

Sie geben Weisen den Vorrang, denn sozialer Status
ist ihnen gleich.

Sie geben denen, die in Not sind, denn ihre eigene
Armut ist ihnen gleich.
26
Beamten in hohen Positionen zollt man Respekt,
wenn sie unparteiisch sind und es ihnen nicht auf den
persönlichen Vorteil ankommt. Sie mögen ehrbar
sein, das heißt aber nicht, dass sie weise sind.

Grundbesitzer, die ehrlich und ohne Tricks ihre Güter
verwalten, zollt man Respekt. Sie mögen respektvoll
sein, das heißt aber nicht, dass sie intelligent sind.

Wenn der Staat das Volk ohne Brutalität regiert, und
wenn Intellektuelle die Staatsführer nicht in Zorn
bringen mit ihren Ideen, können alle Klassen der
Gesellschaft gleichermaßen prosperieren, und
Aufrührer finden keinen Anlass, Unruhe zu stiften.

27
Heute verbieten die Moralisten das Verlangen, ohne
überhaupt erst einmal herauszufinden, warum wir
Menschen bestimmte Verlangen haben; sie verbieten,
was Menschen genießen, ohne zu wissen, warum der
Mensch Genuss liebt. Das ist etwa so, wie wenn man
einen Fluss mit seinen bloßen Händen aufzustauen
versucht.

Moralisten können den menschlichen Willen nicht
brechen, aber sie können das verbieten, was die
Menschen wollen; sie können nicht verhindern, dass
Menschen sich Vergnügungen hingeben, aber sie
können bestimmte Aktivitäten,
verbieten, denen sich die
Menschen hingeben.

Auch dann, wenn Strafe die
Menschen dazu bringt, Angst
zu haben, wenn sie stehlen, so
kann diese Angst doch nichts
daran tun, den Menschen das
Verlangen zu stehlen zu
nehmen.

28
Staatsführer sind im Amt, um
Gewalt zu verhindern und
Aufruhr zu unterdrücken.

Jetzt aber ist es so, dass sie die
Macht des Volkes dazu nutzen,
selbst zu rauben und zu
plündern.

Sie sind wie Tiger mit Flügeln—
sollte man sie nicht eliminieren? Wenn Ihr Fische in
einem Teich aufzieht, müsst Ihr den Ottern ein Ende
machen; wenn Ihr Vieh aufzieht, müsst ihr Wölfen ein
Ende machen—und wieviel mehr ist dies wahr, wenn
Ihr Menschen aufzieht!
29
Wenn die Herrscher zu milde sind, werden die
Unverdienten belohnt und Kriminellen geht es gut.

Wenn die Herrscher zu hart sind, werden die
Verdienten zurückgewiesen und die Unwissenden
werden hingerichtet.

Herrscher, die beide Extreme vermeiden, geben dem
Volk, ohne Dank zu erwarten, und sie strafen ohne
Hass und Vergeltungsdenken.

30
Wenn Gewässer trübe sind, sterben die Fische. Wenn
Regierungen brutal sind, rebellieren die Menschen.

Halbherzigkeit findet keine Resonanz unter
Menschen, wohingegen Herzlichkeit viele gewinnt.

31
Der Weise tut gut, in dem er das tut, was die
Menschen lieben; er verhindert Unheil dadurch, dass
er das unterdrückt, was die Menschen fürchten.

Er gibt einem Menschen Verdienst, und alle loben ihn.
Er bestraft einen anderen und alle respektieren ihn.
Daher ist Verdienst billig und Strafe angemessen.
32
Wenn Weise in hohen Positionen sind, mag das Volk
die Art ihres Regierens, wenn sie in niedrigen
Positionen sind, mag das Volk ihre Ideen.

Wenn gewöhnliche Menschen in hohen Positionen
sind, hat das Volk keinen Moment der Rast.

33
Der Militärchef von Wei fragte einen seiner Minister,
was es sei, das ein Lande in den Ruin treibe? Der
Minister antwortete, ‘Viele Siege in vielen Kriegen.’

Der Herrscher antwortete, ‘Ein Land kann sich doch
glücklich schätzen, viele Siege in vielen Kriegen
errungen zu haben—warum sollte es das in den Ruin
treiben?’

Der Minister sagte daraufhin, ‘Wenn ein Krieg auf den
anderen folgt, wird das Volk schwach; wenn sie immer
wieder Siege erzielen, werden Herrscher hochmütig.
Wenn hochmütige Herrscher ein schwaches Volk
regieren, so geht das in den meisten Fällen so aus,
dass das Land im Ruin endet.
34
Ein alter Gelehrter trug eine große Lade mit Büchern
mit sich herum.

Auf dem Wege traf er einen Bettelmönch, der ihm
sagte: ‘Regierungsbeamte müssen auf Änderungen
der Umstände zeitig reagieren.

Diejenigen, die die Umstände kennen, müssen
flexibel bleiben.

Bücher sind das Produkt von Worten.

Worte sind das Produkt derer, die Wissen erlangt
haben. Daher sammeln solche, die wirklich wissen,
keine Bücher.’
35
Als der Jin-Staat in den Chu-Staat einmarschierte,
trafen die Fürsten von Chu zusammen und legten
dem König die Situation auseinander, damit er den
Befehl zum Angriff gäbe.

Doch der König sagte, ‘Der Jin-Staat hat uns nicht
angegriffen zu der Zeit des letzten Königs; dass sie es
nun tun, muss dann doch mein eigener Fehler sein.
Wie sollten wir uns in dieser schandvollen Lage
verhalten?

Der König neigte seinen Kopf und weinte; dann
verbeugte sich vor den Fürsten des Landes.

Als die Jin-Armee das erfuhr, sagten die Generäle,
‘Der König und seine Fürsten nehmen die Schande
auf sich selbst, und der König hat sich demutsvoll vor
seinen Fürsten verneigt. Solch großmütige Menschen
sollten wir nicht angreifen.’

In derselben Nacht kehrte die Armee um und trat den
Rückzug an.

Darum sagte Laotse, ‘Wer die Schande auf sich selbst
nimmt, ist zum Staatsführer geboren.’
36
Einst wurde ein Weiser befragt, welcher von sechs
Generälen im Amt als erster geschlagen würde.

Der Weise kam sofort mit dem Namen einer der
Generäle hervor und der Fragesteller wunderte sich,
warum gerade der?

Der Weise sagte, ‘In seinem Amt wird Brutalität als
Wachsamkeit angesehen, Ausschweifungen setzt man
mit Erleuchtung gleich, und Grausamkeit gegenüber
Untergebenen hält man für Loyalität.’

Darum sagte Laotse, ‘Wenn eine Regierung
unsichtbar und zurückhaltend ist, sind die Menschen
rein und ohne Falsch; wenn aber die Regierung das
Volk ausspioniert, sind die Menschen voller Gier.’
37
Wenn frühere Regime falsche Sozialpolitik machten,
müssen wir sie aufgeben, was sie aber gut machten,
sollten wir fortsetzen. Bräuche und Kultur waren nie
konstant; daher formen Weise Bräuche und Kultur,
statt ihnen zu folgen.

38
Die Bücher der alten Könige vorzulesen ist nicht so
gut, als ihren Worten zu lauschen.

Ihren Worten zu lauschen ist nicht so gut, als das zu
tun, was sie sagten.

Das zu tun, was ihre Worte aufgaben, ist nicht so gut,
als zu verstehen, warum sie es sagten.

Daher [sprach Laotse], ‘das Dao, das man
aussprechen kann, ist nicht das wahre Dao.’
39
Gesetze und Konventionen sind die Werkzeuge jeder
guten Regierung, aber sie sind nicht, was Regierung
konstituiert.

40
Die meisten Menschen lassen sich blenden von
großen Namen und hoher Reputation. Wenige nur
sehen die Realität der menschlichen Natur.

41
Ein Land zu führen ist gerade so, wie einen Garten zu
pflegen; jätet das Unkraut—das ist alles.

42
Die Mode, allerlei Manieren und hundert Bräuche
haben nichts mit der menschlichen Natur gemein; sie
sind rein äußerlich.

Die menschliche Natur ist harmlos und unschuldig,
aber sie ändert sich, wenn sie tief in Gewohnheiten
verhaftet ist. Wenn das der Fall ist, vergessen die
Menschen ihre Ursprünge und menschliches Sein wird
zu menschlichem Schein.
43
Jemanden um Feuer zu bitten, ist nicht so gut, als
selbst Feuer zu machen; von jemandem abzuhängen,
der Wasser schöpft vom Brunnen ist nicht so gut, als
selbst einen Brunnen zu bauen.

44
Der Geist überkommt selbst die höchsten Berge; er
kann durch Flüsse und Ozeane dringen, ohne nass zu
werden. Er ist nicht zu groß, um durch ein Nadelöhr
zu kommen, und nicht zu klein, und Himmel und Erde
zu füllen.

Wer das nicht versteht, mag wohl reich und mächtig
sein und er mag in einer Kultur leben, die sich durch
grossartige intellektuelle und literarische Aktivität
auszeichnet, aber all das wird ihm nichts nützen, die
Welt zu regieren, denn um das zu tun muss der
Mensch seinen Geist verstehen lernen.

45
Wer politisch an die Macht kommt, hat wenig eigenes
Besitztum, aber viel Verantwortung für das Besitztum
anderer. Daher hat er wenig Kontrolle über das
Eigene, doch viel Kontrolle über das gemeine Ganze.
46
Herrliche Terrassen und stolze Pavillons sind dem
erleuchteten Staatsführer nicht von Nutzen, wenn das
Volk obdachlos ist. Der beste Wein und das zarteste
Fleisch sind ihm keine Nahrung, wenn sein Volk
hungert.

47
Nahrung ist die Grundlage des Volkes; das Volk ist die
Grundlage des Landes; das Land ist die Grundlage
seines Herrschers.
48
Die Gesetze der alten Könige waren gerecht und
ökologisch. Sie verboten es Jägern, ganze Herden zu
schlachten oder Jungtiere zu fangen, und Fischern,
ganze Teiche leer zu fischen.

Fallen und Netze durften nur zu bestimmen Zeiten
des Jahres ausgelegt werden; Bäume durften nicht
gefällt werden, solange Blätter auf den Ästen waren;
Felder durften nicht abgebrannt werden, bevor die
Insekten in ihren Winterschlaf gingen.

Schwangere Tiere und Muttertiere während der
Stillzeit durften nicht getötet werden; ebenso war
verboten, Eier aus Vogelnestern zu stehlen, und
Fische, die kleiner als eine Fusslänge waren, durften
nicht gefangen werden.

49
Die Langlebigkeit einer Nation beruht auf der
Wohltätigkeit und Gerechtigkeit ihrer Regierung.

Die Langlebigkeit der Menschen in einer Nation
beruht auf ihrer Tugendhaftigkeit im Alltag.

Eine Nation ohne Gerechtigkeit wird vergehen, auch
wenn sie noch so groß ist. Menschen ohne Güte
werden verwundet werden, auch wenn sie mutig sind.
50
Der Staatsführer ist der Geist seines Staates. Wenn
dieser Geist ordentlich ist, ist das Volk ruhig, wenn er
chaotisch ist, ist das Volk aufgewühlt.

Ein ordentlicher Geist ist es, was alle Glieder in einem
Körper einander vergessen lässt. So vergessen auch in
einem ordentlichen Staat der Herrscher und die
Minister einander.

51
Große Einfachheit ist formlos; das Dao hat kein Maß.
Daher ist der Himmel rund, ohne einen Kompass zu
benötigen, und die Erde gerade, ohne mit dem Lineal
gemessen worden zu sein.

52
Hier ist das Dao der Staatsführung. Herrscher sind
nicht brutal, Regierungsbeamte keine Plage fürs Volk,
Intellektuelle keine Heuchler und Künstler nicht
dekadent.

Wenn das Dao jedoch verloren ist, jubeln die
Rädelsführer einander hoch, indem sie sich allerlei
Lobpreisungen geben, während die kultivierten
Bürger einander geheuchelte Ehre erweisen.
53
In einem Staat, der das Dao missachtet, ist die
Literatur langatmig und konfus, und Schriftsteller
überbieten einander in Sophistereien, weil sie
glauben, das sei Weisheit.

Ihre endlosen Hirngespinste ermangeln der Kohärenz
und haben keinerlei positiven Einfluss auf die soziale
Ordnung.

So sind auch die Bräuche einer solch dekadenten
Gesellschaft spitzfindig und betrügerisch darauf aus,
das Nutzlose in schöne Gewänder zu kleiden.

Wenn eine Gesellschaft dem Dao folgt, sind auch die
einfachen Bürger ehrenhaft und unbestechlich. Wenn
sie jedoch vom Dao abkommt, wird die soziale Elite
zu einer Räuberbande, der kein Gesetz Einhalt
gebieten wird.
54
Feuerholz wird nicht im Wald verkauft, und Fische
nicht am Ufer des Teiches, weil es genug davon gibt.

Wenn also Fülle die Verlangen mindert, so werden
Neid und Konflikt vermieden.

55
Die weisen Könige der alten Zeit verhielten sich so,
dass die Gefühle des Volkes nicht verletzt wurden.
Und während diese Könige sich bieder ihren vielen
Vergnügungen hingaben, so war doch das Volk in
Frieden.

Die späteren grausamen Könige haben gerechten
Menschen den Zugang zum Erfolg versagt und sie zu
Kriminellen erklärt. Auch diese Könige gaben sich
ihren Vergnügungen hin, aber alles lief auf den Ruin
des Staates hinaus.

Wenn Wille und Widerwille an Macht gewinnen, fallen
Ordnung und Chaos auseinander.
56
In neuerer Zeit erheben Regierungen hohe Steuern
auf Jagen, Fischen, und Handel. Fischbrutstätten
wurden geschlossen, nirgends kann man mehr seine
Netze auswerfen, nirgends kann man mehr pflügen.

Das Volk leistet Sklavenarbeit, und sie sind finanziell
erschöpft von den hohen Steuern. Sie haben nichts zu
essen in ihren Häusern und Reisenden wird nichts
angeboten. Die Lebenden bekommen keine
Unterstützung, die Toten keine Beerdigungen.

Männer verkaufen ihre Frauen und Kinder, um den
hohen Anforderungen der Regierenden gerecht zu
werden, aber trotz des Druckes, den man auf sie
ausübt, können sie ihr Los nicht erfüllen.

57
Eine degenerierte Gesellschaft ist charakterisiert
durch Expansionspolitik und Imperialismus und den
Beginn von ungerechten Kriegen, in welchen sie
unschuldige Zivilisten abschlachten und dadurch das
Erbe der alten Weisen mit Füßen treten.

Grosse Nationen gehen in die Offensive, kleinere
Länder sind in Abwehrstellung. Das Vieh, das Bauern
nährte, wird weggetrieben, ihre Kinder kommen in
Gefangenschaft, ihre Gebetsstätten werden zerstört
und ihre Besitztümer werden konfisziert.
Blut fließt über tausende von Kilometer und die
Felder sind übersät mit Skeletten—all das, um das
Verlangen von habgierigen Herrschern und
Regierungen zu befriedigen.

Doch das ist nicht der Zweck des Militärs, denn es ist
dazu da, Gewalt zu unterbinden, nicht um Gewalt zu
säen.
58
Die Kunst der Staatsführung besteht darin, Pflichten
ohne Hintergedanken erfüllen, zu unterrichten, ohne
Reden zu halten, ruhig und friedvoll zu sein, ohne Fehl
gleichbleibend zu handeln und bestimmte Aufgaben
zu delegieren, wie es Brauch ist, sodass Projekte ohne
Stress vollendet werden können.
59
Ein guter Reiter vergisst sein Pferd nicht; ein guter
Schütze vergisst seinen Bogen nicht; ein guter
Herrscher vergisst sein Volk nicht.

Wenn die Regierenden das Volk lieben und
wohlwollend sind, folgen ihnen alle nach. Auf der
anderen Seite rebellieren sogar Kinder gegen
unliebsame und abusive Eltern.

Etwas ist eminent wichtig in der Welt, aber es ist nicht
Macht und Status. Die Welt hat großen Reichtum,
aber er besteht nicht in Gold oder Juwelen. Das
Leben ist voller Kraft, aber es kann nicht an der Länge
der Jahre gemessen werden.

Wirklich wichtig ist, dass Ihr an die Quelle des Geistes
gelangt und zurückkehrt zu Eurer wahren Natur.

Wenn Ihr mit Euren Gefühlen im Einklang seid, dann
seid Ihr wirklich reich. Wenn Ihr die Spaltung zwischen
Tod und Leben versteht, dann ist Euer Leben wirklich
erfüllt.
60
Wer das Dao wirklich versteht ist nicht nur auf sich
selbst fixiert, sondern mit der ganzen Welt
verbunden.

Wenn Ihr das Dao des Himmels erkennen wollt, dann
beobachtet die zyklische Natur der Jahreszeiten.

Wenn Ihr das Dao der Erde erkennen wollt, dann
erforscht, welche Art von Bäumen auf ihr wachsen.

Wenn Ihr das Dao der Menschen erkennen wollt,
dann lasst sie das haben, was sie erstreben.

61
Wenn Ihr ein Netz in den Vogelflug werft, nur eine
Masche des Netzes wird einen Vogel fangen. Doch
wenn Ihr ein Netz mit nur einer Masche macht, werdet
Ihr keinen Vogel fangen.

Wenn Ihr des Morgens auf den Markt geht, so rennt
Ihr, wenn Ihr des Abends auf den Markt geht, so geht
Ihr gelassen, weil Euer Verlangen nach Nahrung
nachgelassen hat.
62
Das Dao des Herrschers ist rund, immer zu sich selbst
findend, mit nährendem spirituellen Einfluss, offen
und selbstlos, harmonisch, immer im Hintergrund,
niemals an der Frontlinie.

Das Dao des Ministers ist vierkantig, das bedenkend,
was rechtens ist, Mittel und Wege findend und
Vorschläge zum Handeln machend, um Aufgaben mit
geistiger Klarheit zum Erfolg zu bringen.

Daher, wenn der Herrscher und seine Minister in
unterschiedlicher Weise handeln, besteht Ordnung,
wenn sie in gleicher Weise handeln, besteht
Unordnung.

Wenn sie so handeln, wie ihre eigenen Prinzipien es
erfordern und so ihren Verantwortlichkeiten
nachkommen, können Vorgesetzte und Untergebene
in harmonischer Weise zusammenarbeiten.
63
Menschen haben körperliche und geistige
Limitierungen. Daher erfüllt der Körper die Position
und der Geist die Aufgabe, die es zu meistern gilt.

Wenn Menschen einer Position gewachsen sind,
sehen sie sie nicht als eine Last an; wenn sie eine
Aufgabe zu meistern imstande sind, finden sie es
nicht schwierig, sie auszuführen.

64
Staatsführer müssen vorsichtig sein, wen sie ins Amt
setzen. Wenn die richtigen Beamten Verantwortung
tragen, ist das Staatswesen geordnet; dann ist das
Verhältnis von Vorgesetzten und Untergebenen
harmonisch, Beamte sind freundlich und das Volk ist
loyal.

Wenn die falschen Beamten Verantwortung
übernehmen, ist das Staatswesen in Gefahr; dann ist
das Verhältnis von Vorgesetzten und Untergebenen
mit Spannung und Konflikt erfüllt, Beamte sind voller
Zorn, und das Volk ist in Aufruhr und Unordnung.

Das bedeutet letztlich, dass eine einzige Ernennung
eines einzigen Beamten lebenslangen Aufruhr im
Staat hervorrufen kann.
65
Wenn Untergebene nicht das von ihren Herrschern
bekommen, was sie wollen, können die Herrscher
auch vom Volk nicht das bekommen, was sie wollen.

Es muss daher Gegenseitigkeit herrschen im
Verhältnis von Staatsführern zu ihren Bürgern; dann
geben letztere ihrem Staat all ihre Kraft und dienen
ihren Herrschern, welche ihrerseits das Volk für diese
Hingabe ehren und achten.

So ist denn ebenfalls wahr, dass Herrscher
unwürdigen Vasallen keine Belohnungen austeilen
werden, wie auch von letzteren nicht erwartet werden
kann, dass sie unwürdigen despotischen Herrschern
ihre Stütze verleihen.

Wenn Herrscher
dem Volk einen
Segen geben, der
ihm nicht wahrhaft
zugute kommt, so
ist das als ob man
von Weizen
erwartet, ohne
Regen zu wachsen
—eine
Unmöglichkeit.
66
Wenn verdienstlose Individuen belohnt werden und
Ehrentitel an solche verliehen werden, die würdelos
sind, werden Beamte ihren Dienst vernachlässigen
und profitgierige Schlauköpfe werden schnell nach
oben gelangen.

Wenn Bürger willkürlich hingerichtet werden, und
ehrbare Individuen bestraft werden, werden die
Tugendsamen nicht ermuntert, Gutes zu tun und
Bösewichte begehen Verrat am Volk mit leichtem
Herzen.

In einem weisen Staat werden nur solche hingerichtet,
die nachweislich Verbrechen begangen haben, und
auch das ohne jedes Rachedenken vonseiten der
Regierung. Andererseits werden verdienstvolle Bürger
belohnt, dies aber gleichermaßen ohne persönliche
Einmischung des Herrschers.

Die also, welche hingerichtet werden, haben dann
ihrerseits keinen Hass auf den Herrscher, weil sie von
der Strafe für das Verbrechen im voraus Bescheid
wussten. Gleichermaßen werden die, welche belohnt
wurden, diese Belohnung nicht dem Herrscher
danken, weil sie wissen, dass ihre Verdienste es waren,
die die Belohnung nach sich zog.

Das bedeutet, allgemein gesprochen, dass in einem
geordneten Staatswesen die Bürger wissen, was ihnen
geschieht.
67
Nützliche Vorschläge sollten nicht zurückgewiesen
werden, nur weil sie von solchen in niederen
Positionen kommen, noch sollte man Vorschlägen
folgen, die nutzlos sind, aber von hohen Beamten
gemacht wurden.

Richtig oder falsch hängt nicht von sozialem Status
ab.

Weise Herrscher hören auf das, was ihre Minister
ihnen sagen: wenn deren Pläne nützlich sind, ist ihre
Position nicht von Belang; und wenn, was sie
vorschlagen, machbar ist, kommt es nicht darauf an,
wie es gesagt wird.

Ignorante Herrscher geben dem Vorzug, was von ihrer
eigenen Sippe kommt, und ihrem Freundeskreis, auch
wenn diese Menschen falsch und lügenhaft sind. Sie
sind darüber hinaus unfähig, die Meriten bei Fremden
oder solchen von niederem Rang zu erkennen.

Wenn Vorschläge gemacht werden, achten sie nicht
auf den Inhalt der Rede, sondern auf die Art und
Weise, wie alles vorgebracht wird, und das kleinste
Fehlverhalten wird bestraft als sei es ein
Kapitalverbrechen.

Solches Verhalten ist als ob man die Ohren zuhält
beim Hören von Musik, oder die Hand auf die Augen
legt, wenn man man ein Gemälde anschaut.
68
Wenn Menschen, das was ihnen selbst nicht von
Nutzen ist, anderen nutzbar machen, so hat das
Verdienst.

Wenn ein Narr davon rennt, und einer folgt ihm, so
rennen beide wohl in die gleiche Richtung, aber sie
tun das zu verschiedenen Zwecken.

Wenn ein Mann am ertrinken ist, und ein anderer folgt
ihm ins Wasser, um sein Leben zu retten, so sind
beide im Wasser, aber zu verschiedenen Zwecken.

69
Die Handlungsweisen oder Vorschriften einer früheren
Generation oder eines historischen Zeitalters bei der
Staatsführung anzuwenden, ist wie die Geschichte
vom Reisenden im Boot, dessen Säbel plötzlich über
Bord ging und der deswegen eine Kerbe ins Boot
schnitzte an der Stelle, wo der Säbel ins Wasser fiel.

Als er dann an Land kam und später am Abend das
Boot betrachtete, schaute er die Kerbe an, fand aber
den Säbel nicht darunter.

Wenn das Seil zu kurz ist, kann es nicht genutzt
werden, um Wasser aus einem tiefen Brunnen zu
ziehen—das zeigt, dass die Mittel der Aufgabe
angemessen sein müssen
70
Recht und Gesetz basieren auf Gerechtigkeit; letztere
ist in jeder Gemeinschaft von Nöten. Was aber der
Gemeinschaft zugute kommt, vibriert mit den Herzen
der Menschen. Das ist die Essenz der Staatsführung.

Wer diese Grundlage versteht, wird kein Problem
haben mit den Umständen, und wer das Essentielle
versteht, wird sich nicht zu sehr um die Details
bekümmern.

Recht fällt nicht vom Himmel, noch schießt es aus der
Erde. Es entwickelt sich unter Menschen und führt zur
Besserung von Verhaltensweisen.

Darum sehen die, welche gerecht leben, auch das
Gerechte in anderen; diejenigen aber, die ungerecht
leben, sehen in anderen nur das Grobe und Falsche.

Diese Regel gilt für alle Schichten der Gesellschaft,
auch für den Herrscher selbst. Was dem Volk verboten
ist, muss es auch dem Herrscher sein.

Ein Staat im Ruin ist kein solcher, der eines Herrschers
ermangelt; aber es ist wohl einer, der bar jedes Rechts
ist. Oder aber das Recht wird verbogen, oder einfach
nicht angewandt. Das kommt der Rechtlosigkeit
gleich.

Darum müssen Herrscher das Recht stützen, in dem
ihr eigenes Verhalten rechtens ist und ihnen also eine
Modellfunktion zukommt. Dann werden ihre Befehle
im ganzen Land befolgt werden.

Konfuzius sagte, ‘Wenn Menschen rechtens handeln,
folgen ihnen andere, ohne dazu aufgefordert worden
zu sein; wenn sie aber Unrecht tun, folgen ihnen
andere nicht, auch wenn sie dazu gezwungen werden.

Wenn Herrscher sich also ihren eigenen Gesetzen
unterwerfen, werden ihre Direktiven befolgt werden
von der ganzen Nation.
71
In einem idealen Staat werden solche von hohem
Rang nicht leichter bestraft, und solche von niederem
Rang nicht härter bestraft.

Rechtsbrecher werden bestraft, auch wenn sie
anderweit gute Menschen sind, und solche, die das
Recht beachten, werden nicht bestraft, auch wenn sie
anderweit nutzlose Seelen sind.

Das ist das Dao des öffentlichen Lebens. Es ist offen,
während das Dao des privaten Lebens geschlossen
ist.

72
In alter Zeit wurden Vorarbeiter eingesetzt, um der
Nachlässigkeit von Arbeitern entgegen zu wirken; und
Herrscher wurden ins Amt gesetzt, um der Willkür von
Vorarbeitern entgegen zu wirken.

Das Recht stützte sich auf die soziale Ordnung, und
die Werte von Pflichtbewusstsein und Gerechtigkeit,
um zu verhindern, dass die Herrscher willkürlich
handelten.

Das Dao der Staatsführung erfordert, dass Menschen
davon abgehalten werden, nur ihren eigenen
Verlangen zu folgen, denn dies bringt Ordnung
hervor.
73
Das Dao der Staatsführung stützt sich nicht auf
Handeln, sondern auf das Unterlassen von Handeln.

Was ist damit gemeint? Es bedeutet, dass der Weise
nicht aus Gründen seiner Rangstellung handelt, dass
der Wohltäter anderen nicht hilft aus Gründen sozialer
Stellung, und dass Mutige keine Gewalt anwenden
aus Gründen ihrer gesellschaftlichen Machtposition.

Das kann man auch Nichthandeln nennen.
74
Wenn Wohltätigkeit übertrieben wird, ist Schwachheit
die Folge. Dem Schwachen fehlt es an Würde.

Wenn Strenge übertrieben wird, ist Brutalität die
Folge. Dem Brutalen fehlt es an Feinheit.

Wenn Genuss übertrieben wird, ist Ausschweifung die
Folge. Dem Ausschweifenden fehlt es an Autorität.

Wenn Strafe übertrieben wird, ist Grausamkeit die
Folge. Dem Grausamen fehlt es an Freunden.

75
Wenn sie sehen, dass die Nachgiebigen und
Uneigennützigen ständig im Nachteil sind, werden
solche, die das Dao nicht kennen, hart und gewaltsam
reagieren. Wenn sie aber sehen, dass die Harten und
Gewalttätigen im Nachteil sind, werden sie
nachgiebig und uneigennützig handeln.

Sie handeln unterschiedlich, weil sie keine festen
Grundsätze haben. In ihrer Konfusion handeln sie als
eine Folge dessen, was sie im äußeren Leben sehen.
Darum ermangelt ihr Leben einer festen Grundlage.
76
Was richtig ist in einem Fall, mag nicht richtig sein in
einem anderen Fall. Was falsch ist in einem Fall mag
nicht falsch sein in einem anderen Fall.

Also sind richtig und falsch doch situationsbedingt.
Nichts kann falsch sein in einer rechten Sache. Aber in
einer faulen Sache kann nichts richtig sein.
77
Es ist jetzt Mode, den Moralisten zu spielen und groß
daher zu reden von wegen den alten Zeiten. Aber das
ist alles Falschheit, denn solche Leute tun nicht, was
sie predigen.

Sie kritisieren unsere neuere Zeit, ohne jedoch mit zu
helfen, die Gesellschaft zu
reformieren.

Also tun sie genau das, was sie
kritisieren.

Daher mögen sie wohl all ihre
Macht und Intelligenz einsetzen in
ihrem Tun und Treiben, aber ihre
Strategien haben keinen sozialen
Nutzen.

Sie mögen noch so viel wissen und
noch so viel Redegewandtheit
besitzen, aber sie sind überflüssig
im Großen und Ganzen.
78
Jeder Narr kann einen Aufruhr unterdrücken und das
eigene Überleben sichern. Weise Staatsführer tun
mehr als das, und sie unterlassen es tunlichst, dem
Volk nutzlose Gesetze über den Kopf zu hauen oder
dummen Reden ihr Ohr zu leihen.

79
Geburt und Reife erfordern die vitale Energie von
Harmonie. Darum ist das Dao der Weisen breit, wohl
aber herausfordernd, streng, wohl aber gütig,
liebenswert, wohl aber von der Leber gesprochen,
mächtig, wohl aber menschlich.

Was zu hart ist bricht, was zu weich ist, wird in Falten
gelegt. Daher sind Weise auf dem Mittelweg
zwischen Härte und Weichheit, an der Wurzel des
Dao.

80
Es gibt drei Gefahren im Leben. Die erste ist, zu viele
Privilegien zu haben und zu wenig Tugend. Die zweite
ist, einen hohen Rang einzunehmen, ohne hohes
Talent zu besitzen. Die dritte ist, ein hohes Gehalt
einzustreichen, ohne dafür gearbeitet zu haben. So
also mögen manche ‘durch Verlust gewinnen und
durch Gewinn verlieren.’
81
Etwas sehr Begehrenswertes mag sich wohl als
schädlich erweisen, während etwas, das dazu
verwendet wird, anderen zu schaden, sich zu deren
Nutzen herausstellen mag.

Es ist sehr wichtig, die Dialektik von Wohltat und
Schaden zu untersuchen, und was wirklich oder nur
dem Schein nach Unheil oder Heil bedeutet.

So mag denn auch grosses Lob demjenigen, der es
erhält, zum Schaden sein, während Kritik der Person
geholfen hätte.

82
Jeder strebt danach, Probleme zu lösen; doch weiß
niemand so recht, wie man das Entstehen von
Problemen verhindern kann.

Es ist leichter, das Aufkommen von Problemen zu
verhindern, als sie zu lösen, wenn sie einmal
entstanden sind.

Aber da die meisten Menschen keine Ahnung haben
von alledem, ist es besser, darüber gar nicht erst zu
reden.

Denn wer dem Dao folgt, reagiert instinktiv richtig in
jeder Lage, und wird daher Unheil abwenden.
83
Im Einklang mit der Natur zu handeln nennt man das
Dao. Im Einklang mit dem Himmel zu handeln nennt
man Tugend.

Wenn Einklang mit der Natur nicht mehr auf der
Tagesordnung ist, redet man groß von Humanität.
Wenn das Dao nicht mehr befolgt wird, redet man
groß von Pflichtbewusstsein.

Wenn also Humanität und Pflichtbewusstsein auf der
Tagesordnung sind, ist das ein Zeichen dafür, dass
man dem Dao keinen Wert mehr beimisst. Und wenn
Rituale und Musik hoch im Rang stehen, ist die
Einfachheit des Dao verloren gegangen.
84
Kultivierte Menschen werten Gerechtigkeit als ihr
höchstes Gut. Wenn sie ihre Gerechtigkeit einbüßen,
verliert ihr Leben seinen Sinn.

Unkultivierte Menschen folgen hingegen nur ihren
Verlangen. Wenn sie ihre Verlangen einbüßen, verliert
ihr Leben seinen Sinn.

Daher fürchten kultivierte Menschen den Verlust von
Gerechtigkeit, während unkultivierte Menschen den
Verlust von materiellen Gütern fürchten.

Indem man beobachtet, was Menschen fürchten, kann
man herausfinden, ob sie kultiviert oder unkultiviert
sind.
85
Reich sind die Belohnungen der Großmütigen; groß
ist das Unheil, das die Hasserfüllten bedrängt.

Es gab niemals Menschen, die wenig hinweg gaben,
doch viel erhielten, noch solche, die Hass hinweg
gaben, ohne Unheil zu ernten.

Der Weise kann daher sehen, welche Art von
Schicksal ein Mensch sich anzieht, ganz einfach indem
er ein Auge hat auf das Handeln dieses Menschen.

86
Das Dao des Weisen ist wie ein Weinkrug an einer
Weggabelung; jeder Wanderer kann sich je nach
seinem Durst mehr oder weniger Wein heraus
scheffeln.

Daher ist es gleich, ob man nur einen Menschen für
seine Sache gewinnt, oder Hunderte.
87
Einer der alten Könige warnte, ‘Seid jeden Tag
wachsam und umsichtig. Niemand stolpert über einen
Berg, viele jedoch fallen vornüber, weil sie einen
Ameisenhaufen übersehen haben.’

Es ist eben die Tatsache, dass Menschen kleine
Probleme und subtile Details übersehen, dass sie
nachher so viel Reue haben.

Sich um Probleme zu kümmern, erst wenn sie
entstanden sind, ist so wie ein Kranker, der erst dann
zum Arzt gehen, wenn er fast gestorben ist.

88
In einer verwirrten Nation erhalten solche, denen man
zujubelt, Belohnungen, auch wenn sie diese
keinesfalls verdient haben.

In einer degenerierten Nation sind die, die das meiste
Land besitzen und die höchsten Ämter bekleiden an
der Quelle des Elends der Massen, weil sie die
Vitalkraft des Volkes aussaugen, indem sie lediglich
der Befriedigung ihrer Gier und ihrer tausend
Vergnügungen nachstreben.
89
Lasst alle ihrer Natur nachstreben, in ihren Häusern
sicher und zufrieden sein, und ihre Leben nach ihrem
Gusto zu leben.

Wenn das beachtet wird, kann man gar bei den
Ungeschulten starkes Talent finden, und Schwächen
bei den Genies.

90
Pferde kann man nicht dazu nutzen, schwere Lasten
zu tragen; Ochsen kann man nicht zur Jagd auf Hasen
verwenden.

Blei kann man nicht dazu nutzen, Säbel herzustellen,
Bronze kann man nicht zum Bau von Schiessbogen
verwenden.

Eisen kann man nicht dazu nutzen, Boote zu bauen,
und Holz kann man nicht in der Töpferei verwenden.

Also nutzt alle Dinge für ihren rechten Zweck, und für
das, wozu sie sich eignen, dann werdet Ihr einsehen,
dass sie alle gleichen Wert besitzen.
91
Die harmonische Freude und die friedvolle Ruhe der
alten Weisen war ein Ausdruck ihrer inneren Natur,
während sie das Dao im täglichen Leben realisierten.

So ist es allgemein, dass die Natur sich nur im Leben
voll realisieren kann, und Leben hat dann seinen
Charme, wenn die Natur voll darin aufgeht.

92
Weise reagieren auf Sein mit Nichtsein, indem sie
ohne Fehl das Daseinsmuster aller Dinge und aller
Lebewesen erkennen. Sie leben ihre Leben mit
ruhiger Freude und einem Geist ohne Gedanken.
Daher sind sie allen Dingen nahe, ohne doch mit
ihnen verhaftet zu sein.
93
Der Verstand ist der Herrscher des Körpers, während
der Geist der Schatz des Verstandes ist.

Wenn man den Körper überfordert, bricht er
zusammen. Wenn man den Geist überfordert,
erschlafft seine Schärfe.

Weise respektieren den Körper, den Geist, und den
Verstand; daher sind sie sehr auf der Hut, in Extreme
jedweder Art zu fallen.

94
Kultivierte Menschen können auch in einer
chaotischen Gesellschaft ihre Tugend erhalten,
während sie wohl ihre unerschöpfliche Weisheit für
sich behalten müssen und ins Grab tragen.

Die Welt weiß nichts von ihrem Dao, und sie weiß es
nicht zu schätzen, dass Weise schweigen in solchen
Umständen.
95
Weise nutzen den Verstand. Mit Unterstützung des
Geistes vollenden sie alles, was sie tun. Daher ist ihr
Schlaf traumlos und sie erwachen jeden Morgen ohne
Sorge.

Weise überkommen den Verstand, während
gewöhnliche Menschen stolz darauf sind, wenn es
ihnen gelingt, ihre Habgier zu zähmen.

Weise Menschen handeln sinnvoll, gewöhnliche
Menschen handeln sinnlos.

Sinnvolles Handeln ist im Einklang mit der Natur und
es basiert auf Pflichtbewusstsein, Effektivität und
Nichtanhaftung.

Sinnloses Handeln basiert auf Abhängigkeit von
sinnlichen Erfahrungen und emotionaler Impulsivität,
ohne sich den problematischen Folgen bewusst zu
sein.
96
Klein sind die Menschen, denen es an konstantem
Handeln ermangelt und denen Regelmäßigkeit fremd
ist.

Mittelmäßig sind die Menschen, die nur eine Sache
verstehen und ausführen können.

Weise sind die Menschen, die intuitiv alles verstehen
und die ihre Fähigkeiten genau kennen und daher
bestens nutzen können.
97
Wenn auf einem Fluss ein leeres Boot ein mit
Passagieren gefülltes Boot rammt und zum Sinken
bringt, so werden die Passiere wohl betroffen sein,
aber sie werden keinen Hass empfinden.

Wenn aber in dem zweiten Boot auch nur ein
Passagier ist, und er auf die Warnrufe der Passagiere
des ersten Bootes nicht reagiert, so kann er sich auf
rüde Vorwürfe gefasst machen.

Der Grund, warum die Passagiere im ersten Beispiel
keinen Hass empfanden, ist, dass das zweite Boot leer
war. Der Grund für ihren Ärger im zweiten Beispiel ist
die Tatsache, dass das zweite Boot mit Passagieren
gefüllt war.

Nehmt dies als eine perfekte Metapher dafür,
welchen Vorteil es Euch bringt, innerlich leer zu sein,
wenn ihr die Welt bereist. Denn wer sollte Euch
kritisieren können?
98
Nehmt die Welt nicht zu ernst, und Euer Geist wird
keine Bürde empfinden. Nehmt nichts zu schwer, und
Eurer Verstand wird nicht verwirrt werden. Seht Tod
und Leben mit gleicher Gelassenheit an, und Euer
Herz wird keine Furcht kennen.

99
Perfekter Adel braucht keine Titel.
Perfekter Reichtum braucht keine Besitztümer.

100
Die, welche viel Wert legen auf ihr Wissen, sind wie
die Speichen eines Rades, doch der Nutzen des
Rades besteht in der Leere seinem Zentrum.

Der Weise legt größeren Wert auf Leere, als auf Fülle,
größeren Wert auf Nichtwissen, als auf Wissen, und
daher kann er sich auf einen Pfeiler stützen, den man
nicht umstürzen kann, und kann Wege gehen, die
man nicht blockieren kann.

Er folgt den Weisungen der universalen Regierung
und kommt immer ans Ziel. Das Leben kann seinen
großen Verstand nicht erfüllen und der Tod kann
seinen Geist nicht verdunkeln.
101
Gewöhnliche Begierden schwächen die Vitalenergie.
Anziehung und Abneigung schwächen den Geist.

Wenn Ihr sie nicht schnell genug los
werden könnt, werden Euer Wille und Eure
Energie Tag für Tag geringer.

Wenn Ihr genauer hinschaut, werdet Ihr
feststellen, dass all Eure Vorlieben und
Abneigungen lediglich äußerlicher Art
sind.

Wahres Glück werdet Ihr erst dann
empfinden können, wenn Ihr mit dem
zufrieden seid, was Ihr habt.

Wer dankbar ist für das, was er besitzt, wird
nicht nach Extravaganzen streben und
einen frugalen Lebenswandel nicht als
schlechtes Los erachten.
102
Wenn Ihr die immensen Ausmaße des Universums
bedenkt, können Leben oder Tod Euch nicht
bedrängen.

Wenn Ihr die Harmonie des nährenden Lebens
bedenkt, werdet Ihr Euch nicht Sorgen machen über
weltlichen Erfolg.

Wenn Ihr das Glücklichsein des noch ungeborenen
Lebens bedenkt, könnt Ihr keine Angst haben vor
dem Tod.
103
Wenn Ihr nicht mit Euch selbst im Einklang seid, wäre
Euch nicht damit geholfen, einen ganzen Kontinent zu
haben als Wohnfläche und alle Menschen darauf als
Eure Bediensteten, denn das wäre immer noch nicht
genug, um Euch zufrieden zu stellen.

104
Wer einmal dahin gelangt ist, an nichts mehr
Vergnügen zu finden, wird feststellen, dass er dann
alles genießen kann. Da es nichts gibt, an welchem er
nicht Gefallen finden kann, wird er wahrhaft glücklich
sein.

105
Wer das Dao wirken lässt in seinem Leben, ist frei und
unerschöpflich; wer dagegen auf Gerissenheit setzt,
wird hart arbeiten, ohne es zu etwas zu bringen.

Gerissenheit bringt Gefahr, denn wer seine Talente
ohne Stütze des Dao einsetzt, wird nur Frustration
erleben.
106
Zu viele Verlangen schwächen den Gerechtigkeitssinn.
Zu viele Ängste schwächen die Weisheit und den Mut.

107
Schränkt das ein, was Ihr besitzt, und Ihr seid auf alles
gefasst. Seid gemäßigt in dem, wonach es Euch
verlangt, und Ihr werdet alles haben, was Ihr braucht.

108
Wer Bestimmtheit erstrebt, muss sie mit Flexibilität
ausgleichen; wer Stärke will, muss sie mit Schwachheit
präservieren.

109
Wenn Ihr gegen niemanden seid, kann niemand
gegen Euch sein.

110
Wenn Euer Geist Euch leitet, wird ihm der Körper
gehorchen; wenn Eurer Körper Euch leitet, wird Euer
Geist darunter leiden, ihm zu gehorchen.
111
Wenn das spirituelle Licht in Formlosigkeit bewahrt
wird, erreichen Vitalität und Energie ihre volle Stärke.

Dann sind die Augen klar, aber nicht, um etwas zu
sehen; dann sind die Ohren scharf, aber nicht, um
etwas zu hören. Dann ist der Geist klar, aber nicht, um
damit zu denken.

Wenn Vitalität in die Augen strahlt,
ist die Sicht klar; wenn sie in die
Ohren strahlt, ist das Gehör scharf;
wenn sie in den Mund strahlt, ist
die Rede präzise; wenn sie in den
Geist strahlt, sind die Gedanken
von durchdringender Originalität.

112
Wenn Aufgaben im Einklang mit
dem Dao ausgeführt werden, so
werden sie nicht vom Dao getan,
sondern vom Dao bezahlt.
113
Wenn es Euch um weltlichen Gewinn geht, das Dao
der Selbstkultivierung jedoch vergesst dabei, dann
könnt Ihr Euren Körper nicht präservieren, noch
irgendein Territorium sichern.

Daher, wenn Ordnung nicht unter friedvollen
Umständen abgesichert wird, so werden die
Regierenden in Gefahr sein.

Wenn Verhaltensweisen nicht abgesichert werden,
solange sie nicht falsch sind, werden die, die dem
Ruhm nachjagen, gebrochen werden.

114
Persönliche Vorlieben haben keinen Platz im Dao der
öffentlichen Angelegenheiten.

Vorlieben und Abneigungen können die Kunst der
Staatsführung nicht beeinflussen.

So können Angelegenheiten erledigt werden, ohne
dass jemand sich deswegen brüstet und Aufgaben
können gelöst werden, ohne dass man weiß, wer es
tat.
115
Das größte Vermögen ist, ohne Probleme zu leben.
Der größte Profit ist, keine Verluste zu machen

Menschliches Handeln mag bereichern oder
verarmen, kreieren oder zerstören, wohltätig sein
oder Schaden bringen.

All diese Verhaltensweisen sind gefährlich für den, der
dem Dao folgt.

116
Die Energie des Himmels ist unsere höhere
Seelennatur. Die Energie der Erde ist unsere niedere
Seelennatur.

Beobachtet sie, verliert sie nicht aus dem Blick, und
Ihr werdet die Einheit mit dem Himmel erlangen.
117
Das Dao ist formlos.

Liebenswürdigkeit ist unabhängig von
Familienbanden, Eloquenz bedarf keiner Stimme,
Bescheidenheit hat nichts mit Unterwürfigkeit
gemein, und großer Mut hat nichts von Tücke.

Wenn Ihr diese fünf Einsichten nicht vernachlässigt,
seid Ihr eins mit dem Dao.

118
Wenn wahrhaft liebenswerte Menschen geben, so ist
dies Güte, aber wenn sie nichts geben, ist es auch
Güte.

Wenn wahrhaft lieblose Menschen geben, so ist dies
keine Güte, und wenn sie nichts geben, ist es auch
keine Güte.
119
Der Geist ist die Quelle des Wissens. Wenn der Geist
klar ist, ist das Wissen klar.

Wissen ist das Kapital des Herzens; wenn Wissen
objektiv und unparteiisch verwandt wird, ist das Herz
in Frieden.

120
Solange Ihr nach Leere strebt, könnt Ihr nicht leer
sein. Leer zu sein, ohne zu erstreben, leer zu sein ist
etwas, das spontan kommt—wenn es kommt.

121
Ihr könnt keine Tauben verwenden, um Instrumente zu
stimmen, und Ihr könnt Gesetze nicht von solchen
ausarbeiten lassen, die die Grundlage von Ordnung
und Unordnung nicht kennen.

Gleichermaßen ist es essentiell, die Klarheit
unabhängigen Urteils zu besitzen, bevor Ihr daran
geht, dem Dao zu folgen.
122
Wenn Ihr nur einen Quadratzentimeter eines Ochsen
seht, könnt Ihr nicht wissen, dass er größer ist als eine
Ziege. Nur wenn Ihr die ganze Größe der Tiere seht,
könnt Ihr berechnen, wie verschieden sie sind.

123
Wenn Ihr Euren Fokus nur auf die Schwächen der
Menschen richtet, ohne ihre Stärken zu erkennen,
werdet ihr kaum verdienstvolle Menschen finden,
auch wenn Ihr die ganze Welt danach absucht.

124
Dinge hängen von einander ab, um etwas Volles und
Ganzes zu bilden. Wenn zwei Menschen ertrinken,
kann keiner dem anderen helfen; aber wenn einer
festen Boden unter den Füßen hat, kann er etwas tun,
um den anderen zu retten.

So ist es auch in der Staatsführung. Solche, die sozial
auf dem gleichen Niveau sind, können einander nicht
regieren, denn dies erfordert, dass sie verschieden
sind voneinander.
125
Herausforderndes und trügerisches Verhalten
kommen beide von Stolz. Jemand, der wahrhaftig ist,
ist glücklich und gemäßigt und er tut das, was er tut
so natürlich wie ein Vogel singt, oder ein Bär, der sich
ausstreckt. Worauf sollte er auch stolz sein?

126
Die heutigen Gelehrten habe keine Ahnung vom Dao
oder dem Wert der Tugend: sie erforschen die Spuren
von Ereignissen der Vergangenheit, nur um darüber
endlos zu debattieren. Sie mögen wohl gelehrt und
scharfsinnig sein, aber deswegen sind sie nicht vor
geistiger Verwirrung gefeit.

127
Räumt den Wein vom Tisch und bringt die Musik zum
Schweigen, und plötzlich glaubt Ihr, es fehle Euch
etwas.

Warum ist das so?

Das ist so, weil Ihr dem Äußeren und Äußerlichen den
Vorzug gebt vor dem Inneren und Innerlichen, statt
Euer Inneres und Innerliches dazu zu nutzen, das
Äußere und Äußerliche angenehm zu gestalten.
128
Es gibt unendlich viele Dinge zu sehen, zu hören oder
zu schmecken; es gibt so viele Seltenheiten von
fremden Ländern, und kuriose Sehenswürdigkeiten,
aber all das belämmert den Geist, destabilisiert die
Vitalenergie und blockiert den ruhigen Fluss des Chi.

Die Vitalenergie gehört dem Himmel an, der
physische Körper gehört der Erde an. Wenn diese
Energie den Körper im Tode verlässt, wo ist dann das
Selbst?

Das, was den Körper mit Leben füllt ist selbst
unsterblich, obwohl das, was es hervorbringt, dem
Tode unterliegt.

Das, was alle Dinge transformiert und reformiert,
bleibt sich selbst immer gleich, obwohl das, was es
transformiert, stetem Wandel unterliegt.

129
Solchen, die im Gefängnis sitzen, erscheinen die Tage
lang, solchen, die dem Tod nahe sind, erscheinen die
Tage kurz. Die Tageslänge hat also ihr eigenes Mass,
hier erscheint sie lang, dort kurz.
130
All Euer Glück und all Euer Unglück haben ihre
Wurzeln in Euch selbst. Der Weise ist nicht auf Lob
aus, und er geht Kritik nicht aus dem Weg. Er ist
einfach aufrichtig und ehrlich, und solchermaßen trägt
er dazu bei, dass alle Falschheit verschwindet.

131
Wenn Ihr Euch nicht vor Euch selbst versteckt, braucht
Ihr Euch auch nicht vor anderen zu verstecken.

132
Große Menschen sind gelassen, frei von Verlangen,
ruhig, und frei von Sorge.

Ruhig und freudig sein ohne Stolz ist das Rezept für
ein erfülltes und harmonisches Leben.

133
In allem Äußeren sollt Ihr mit dem Fluss gehen,
innerlich aber sollt Ihr Eurer wahren Natur treu
bleiben. Dann werden Eure Augen nicht geblendet
und Eure Ohren nicht betäubt, und Eure inneren
Organe sind voller Vitalität, während Euer Geist frei
ist, im Reich der Reinheit seine Erfüllung zu finden.
134
Wenn Euer Aufnahmevermögen klein ist, ist Eure
Wahrnehmung des Lebens ebenso klein. Wenn Euer
Aufnahmevermögen groß ist, ist auch Euer
Bewusstsein groß und umfassend.

135
Wir mögen eine Haarspitze sehen, aber einen Donner
überhören; wir mögen einer Melodie lauschen, aber
übersehen einen Berg.

Warum ist das so? Ein kleine Unaufmerksamkeit kann
in einer großen Kopflosigkeit enden.

136
Menschen neigen dazu, dem Wert zuzumessen, was
sie gut zustande bringen können, und dem Wert
abzusprechen, für das sie kein Talent besitzen.

So sind sie doch alle befangen in dem, was sie Wert
zumessen und fern gehalten von dem, das sie als
wertlos ansehen.

In Wahrheit geben sie dem Wert, was Form hat und
sprechen dem den Wert ab, das formlos ist.
137
Den alten Weisen kam es nicht darauf an,
die Menschen zu erziehen; sie sagten ihnen
mit liebenswürdiger Geste, nichts zu wissen.

Es ist schwer, Menschen zu führen,
die glauben, alle Antworten zu haben.
Wenn Menschen wissen, was sie nicht wissen,
Können sie ihren eigenen Weg finden.

Wenn Ihr lernen wollt, zu führen,
Vermeidet es, schlau oder reich zu erscheinen.
Die einfachste Haltung ist die klarste.
Wenn Ihr Euch mit einem einfachen
Leben zufrieden gebt, könnt Ihr alle Menschen
zu ihrer wahren Natur hinführen.
138
Wenn andere Menschen Euch auf Eure Fehler
hinweisen, seid Ihr ihnen böse deswegen; aber wenn
ein Spiegel Euch Eure Hässlichkeit zeigt, haltet ihr ihn
für einen guten Spiegel.

Wenn Menschen mit anderen umgehen können, ohne
ihr Ego dazwischen zu schieben, so werden alle
keinen Schaden finden durch den Umgang.

139
Die Augen, die Ohren, und der Gaumen wissen nicht,
was zu nehmen und was zu lassen ist; wenn der Geist
sie regiert, finden sie ihre angemessene Funktion.

Von diesem Punkt aus gesehen wird es dann klar, dass
man Verlangen nicht einfach ablegen kann, aber es ist
möglich, Selbstregulierung zu entwickeln, was
sexuelle Aktivität anbelangt, Maß zu halten beim
Konsum, die Emotionen in Schach zu halten und
angemessen zu handeln.

140
Wer sich äusserlich verschönt, verletzt das Innere; wer
in Gefühlen schwelgt, schadet dem Geist, wer schön
daher redet, versteckt seine wahre Natur. Solche, die
sich geschraubt benehmen, verhindern ihr Wachstum.
141
Wer sich groß tut mit guten Taten, tut sich auch groß
mit schlechten Taten, denn beides ist nicht mit dem
Dao im Einklang.

Wer vom Dao aus handelt, tut Gutes in unauffallender
Weise, ohne sich darum zu bemühen, es geschickt zu
tun.

Idealerweise kultivieren Menschen ihren Umgang und
halten ihre guten Taten versteckt; sie sind großzügig
und humanitär, ohne die Welt davon wissen zu lassen.

142
Wer große Ansprüche erhebt, bekommt wenig. Wer
große Ansichten hat, besitzt wenig Wissen.

143
Manche suchen das Dao jenseits aller vier Meere,
ohne es zu finden, andere haben es in ihren Körpern,
ohne sich dessen bewusst zu sein.
144
Man kann das Dao nicht von anderen erhalten; es
entspringt dem eigenen Selbst. Wenn Ihr Euch selbst
aufgebt, um von anderen Wohltaten zu erhalten,
entfernt Ihr Euch vom Dao.

145
Wenn Ihr Euch den Umständen anpasst und Extreme
vermeidet, werdet Ihr nicht auf falsche Pfade
gelangen.

Wenn Ihr Eurer eigenen Natur folgt und Klarheit
erlangt, werdet Ihr Euer wahres Wesen erhalten
können.
146
Wenn die innere Vitalität verloren geht, und Rede und
Handeln nur am Äußeren ausgerichtet sind, wird man
zum Sklaven aller Dinge.

Wenn der Menschen Rede aggressiv wird und ihr
Verhalten trügerisch, so ist das so, weil sie ihr Heil nur
im Äußeren suchen.

Ihre Lebenskraft verringert sich dann und mag sich
erschöpfen, während ihr Handeln an der Oberfläche
der Dinge bleibt. Daher setzt geistige Verwirrung ein,
und das mag dann wohl ihr ganzes Leben erschüttern.

Sie haben ihr Leben nicht auf feste Prinzipien gestützt
und rennen vulgären Vergnügungen nach.

Ihre Entscheidungen werden nicht ausgeführt, da es
ihnen an konstantem Handeln fehlt, und innerlich
fehlt es ihnen an Klarheit. Daher sind sie rastlos und
zögern, wenn entschiedenes Handeln erforderlich ist.
147
Die menschliche Natur wird entwickelt durch tiefe
Gelassenheit und Leichtigkeit des Wesens; Tugend
wird entwickelt durch harmonische Freude und offene
Selbstlosigkeit.

Wenn Äußerlichkeiten Euch innerlich nicht berühren,
wird Eure Natur von allein zu ihrer besten Fassung
gelangen. So könnt ihr durch die Entwicklung Eurer
wahren Natur, und indem ihr tugendvoll bleibt, das
Dao verkörpern.

Wenn das so ist, wird Euer Blut frei fliessen, und die
Energie Eurer inneren Organe wird nicht blockiert
werden, wenn Ihr altert. Glück und Unglück können
Euch beide nicht berühren, Lob und Tadel prallen an
Euch ab. So könnt Ihr das höchste Gut erreichen.

148
Wenn Ihr Euch schon über Mückenstiche beklagt, wie
wollt Ihr dann die Kraft haben, mit den wirklichen
Gefahren für die menschliche Natur zurande zu
kommen?
149
Wenn der Geist weder in Sorge ist, noch in Freude, ist
die grösste Tugend erreicht. Erfolg zu haben, ohne
sich zu ändern ist die größte Gelassenheit. Ohne
Verlangen zu leben ist die größte Leere.

Gleichmut bedeutet, dass man weder Vorlieben noch
Abneigungen hegt. Und innere Reinheit heißt, dass
man mit äußerlichen Dingen nicht verhaftet ist.

Wer diese fünf Aufgaben meistert, kann spirituelle
Erleuchtung erlangen.

Daher, wenn Ihr das Äußerliche durch die Kraft des
Innerlichen regelt, werdet Ihr unbefleckt bleiben. Das
ist so, weil alles, was innerlich möglich ist, auch
äußerlich erzielbar ist.

Innere Erleuchtung führt zum Frieden in Euren
Organen und Ruhe in Euren Gedanken, Stärke in
Euren Muskeln, und gutem Nutzen Eurer Augen und
Ohren. Dann ist Eure Wahrnehmung klar und Euer
Verständnis groß, dann seid Ihr fest und stark, ohne
schnippisch zu werden.

Gelassen und unbekümmert seid Ihr die Stärksten in
der Welt. Feinsinnig und responsiv könnt Ihr in
Bewegung kommen, wenn es sein muss, innerlich
immer ruhig und undurchschaubar.
150
Gelegenheiten sind in ständigem Wandel. Wer zuerst
kommt, ist zu früh, wer zuletzt kommt, ist zu spät.

Sonne und Mond laufen in geregelten Bahnen, der
der Mensch aber weiß nicht, mit Zeit umzugehen.

Daher ist dem Weisen ein wenig Zeit mehr wert, als
ein großer Diamant, denn Zeit ist schwer zu finden
und leicht zu verlieren.

151
Vorlieben und Abneigungen sind Ausschweifungen
des Geistes. Verlangen ist eine Last auf der
menschlichen Natur.

Trauer, Freude und Ärger führen alle zu Krankheit.
Wenn einer zu viele Vorlieben und Abneigungen hat,
wird er Unglück erleben.

152
Als König Yu in ein Land kam, wo alle Leute nackt
herumliefen, zog er seine Kleider aus, und zog sie
wieder an, als er das Land verliess.
153
Gute Schwimmer ertrinken, gute Reiter fallen—beide
haben ihre Vorlieben zu weit getrieben.

Wer das Dao erreicht, fürchtet weder Schwierigkeiten
noch wird er Triumph feiern, wenn er Erfolg hat.
154
Wenn ein Widerspruch besteht zwischen dem Dao
und der Persönlichkeit, führt das dazu, dass all das,
was die Persönlichkeit ausmacht, der Verwirklichung
des Dao hinderlich ist.

Daher, wenn in einer Gesellschaft große Namen in
Ehre gehalten und große Töne gespuckt werden, ist
sie sicher auf dem Weg der Dekadenz.

155
Der Weise sieht Wandel sowohl in Bewegung als auch
in Ruhe, er gleicht Geben und Nehmen aus, bringt
Vorlieben und Abneigungen ins richtige Verhältnis
und harmonisiert den Ausdruck von Freude und
Ärger.

Wenn Ruhe und Bewegung im Gleichmaß sind,
werden keine Probleme entstehen. Wenn Geben und
Nehmen ausgeglichen sind, wird kein Tadel
aufkommen. Wenn Vorlieben und Abneigungen im
Gleichgewicht sind, wird keine Angst aufkommen.
Wenn Freude und Ärger maßvoll sind, wird es keinen
Konflikt geben.

Daher sind solche, die im Einklang mit dem Dao sind,
auf der Hut, das zu nehmen, was nicht rechtens ist,
während sie glücklichen Umständen nicht
widerstreben. Sie werfen das nicht weg, was sie
haben und wollen nichts von anderen.

156
Wo Lob ist, ist auch Tadel nicht fern.
Wo Gutheit ist, ist auch das Böse nicht fern.

Profit ist der Anfang von Verlust, und Glück ist der
Vorläufer von Unglück.

Nur solche, die nicht auf Profit aus sind, werden auch
keinen Verlust erleiden.

Nur solche, die nicht auf Segnungen aus sind, werden
auch keine Niederlagen erleiden.
157
Wer gut im Geben ist, ist auch gut im Nehmen.
Wer viel Belohnung bekommt, hat auch viele
Ressentiments.

Nur, wer sich nicht anhaftet, kann sich mit Himmel und
Erde in Einklang bringen und Ordnung in seinem
Leben schaffen.

Den Ruhm wird er anderen überlassen.

158
In alter Zeit waren kultivierte Menschen nicht an
hohen Ämtern interessiert; sie lebten einfache Leben
und bekleideten gesellschaftlich niedere Positionen.

Ruhm war nicht etwas, dem sie nachstrebten, und vor
Ambitionen hüteten sie sich.

Daher konnten sie das Dao verkörpern und ihre
Armut bekümmerte sie nicht, weil eben Profit kein
Ansporn für sie war.
159
Der Weise tut Gutes, aber er kann nicht sicher sein,
immer nur Glück und Freude zu erfahren. Er tut nichts
Böses, aber auch das kann ihm nicht ständige Freude
sichern.

Wenn das Glück ihm lächelt, so nimmt er es hin, aber
da er es nicht einlud, ist er nicht auf seinen Erfolg
stolz.

Wenn das Unglück ihm grollt, so nimmt er es hin, aber
da er es nicht einlud, reut ihn sein Handeln nicht.

160
Wer sich selbst kennt, ist unbestechlich. Wer Leben
und Tod versteht, hat keine Gefahren zu fürchten.

161
Auch wenn Ihr alles Wissen der Welt habt, wenn Ihr
die menschliche Natur verkennt, seid Ihr nicht weise.

Auch wenn Ihr alle Liebe der Welt in Euren Herzen
habt, wenn Ihr die Menschheit nicht liebt, seid Ihr
nicht wohltätig.
162
Der Weise erlebt zunächst Widerstand, dann aber
Harmonie.

Der Narr erlebt zunächst Vergnügen, dann aber
Trauer.

163
Im allgemeinen denkt der Mensch, im Recht zu sein,
aber wenn Ihr es einmal praktisch testet, stellt Ihr fest,
dass es in vielen Fällen falsch ist.

Hier ist genau der Punkt, wo sich die Weisheit von der
Dummheit scheidet. Der Weise weiß, wenn er im
Recht ist, der Dumme vermutet es nur.

164
Der Weise geht den Weg des Himmels, und erfüllt
damit die spirituellen Anforderungen. Er ist nicht mit
Konventionen verheiratet und das Urteil gewöhnlicher
Menschen hat keinen Einfluss auf ihn.

165
Weise verbünden sich nicht mit Menschen, sie
scheiden sich aber auch nicht von Menschen.
166
Wenn der Weise Gutes tut, so tut er es nicht, um
Ruhm und Ehre zu erlangen, und dennoch wird er
Ruhm und Ehre erhalten.

Der Weise hat keine Hoffnung, Profit und Gewinn zu
erlangen, und dennoch wird sein Handeln Profit und
Gewinn nach sich ziehen.

Das ist so, weil der Weise sich im Klaren ist, was Glück
und Unglück anzieht, während gewöhnliche
Menschen nicht den Anfang sehen, noch das Ende.
167
Der Weise versteckt seine guten Taten und hält seine
Wohltätigkeit anonym.

168
Der Weise nutzt Menschen nicht zu seinem Vorteil,
und er lässt seine Verlangen nicht die Harmonie mit
anderen stören.

Daher wird er sich nicht im Glück verlieren, noch im
Unglück seinen positiven Geist verloren geben.

169
Der Grund, einen Ledermantel im Sommer zu tragen
ist, dass es zu heiß dafür ist. Der Grund, keinen Fächer
im Winter zu brauchen liegt darin, dass es ohnehin
schon kalt genug ist.

Der Weise isst im Einklang mit der Größe seines
Bauches, er wählt Kleider, die der Größe seines
Körpers angemessen sind, so dass der Notwendigkeit
Genüge getan ist—mehr ist nicht von Nutzen.

Wer die Welt führen möchte, muss dies tun können,
ohne die Welt zu seinem eigenen Nutzen
auszubeuten. Wer Ruhm erreichen möchte, muss dies
tun können, ohne etwas Extravagantes zu tun.
170
Wenn Ihr die menschliche Natur und das menschliche
Schicksal wahrhaft verstündet, wäret Ihr ganz von
selbst liebenswert und gerecht, und Auf und Ab im
Leben würden Euch nicht stören.

Wenn nichts den Geist belämmert, könnt Ihr brillante
Klarheit erlangen. Gelassen, ohne Vorlieben, ohne
Anhaftung, könnt Ihr dann mit allem in ruhiger Art
zurecht kommen, und seid gefeit vor der Korruption
der Sinnlichkeit.

Dann kann Rhetorik Euren Geist nicht in Unruhe
bringen, und Schönheit kann Euch nicht beeinflussen.

Dann seid Ihr nicht die Beute von Intellektuellen und
tyrannische Herrscher können Euch nicht
einschüchtern.

Das ist die Freiheit solcher, die im Dao schwingen.
Über dieses
Buch
Der vorliegende Band ist eine
Sammlung von Auszügen aus einem
recht umfangreichen Weisheitsbuch
des alten China.

Die Nummerierung der einzelnen
Strophen oder Weisheitssprüche
wurde der Übersichtlichkeit halber
hinzugefügt, ist aber im Original
nicht erhalten. Dies gilt natürlich
auch für die kunstvolle
Anreicherung des Textes mit
chinesischer Kalligraphie und
Landschaftsmalerei im poetischen
Stil des alten China.

Desweiteren wurden manche Strophen des Buches,
die im Original aufeinander folgen, in einem
Paragraph zusammengefügt, weil sie inhaltlich
zusammen gehören. Man mag mir diese Freiheit
verzeihen, aber sie dient dem Lesen des Textes in
moderner Sprache, und dies umso mehr, als die
chinesische Sprache von jedweder Sprache des
Westens fundamental abweicht, da sie kontextuell ist
und multiple, wenn nicht gar sehr verschiedene
Übersetzungen rechtfertigt.

Andererseits enthält das Buch aber auch viele
Strophen, die einfach Wiederholungen sind, oder es
werden Bemerkungen in manchen Strophen gemacht,
die völlig außerhalb des Kontextes stehen. Das mag
seinen Grund darin haben, dass dieses alte Buch über
die Kunst der Staatsführung nicht nur einen Autor hat,
sondern dass zumindest acht Autoren daran
mitgewirkt haben.

Während man beim Dao De Ging (Tao Te King),
welches ich in deutscher Übersetzung bereits
veröffentlicht habe, daran zweifeln mag, ob es wirklich
nur von Laotse verfasst wurde—und die philologische
Forschung ist denn heute überwiegend der Meinung
dass auch das Dao De Ging von einer Mehrzahl von
Autoren verfasst wurde—so kamen solche Zweifel
beim Huainanse gar nicht erst auf. Es wurde von einer
Anzahl von daoistischen Gelehrten verfasst, die im
Dienst des Königs von Huainan standen, einem
kleinen Fürstentum im China der Han Dynastie, im
zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Der König war Kunst und Literatur sehr ergeben und
sein Hof war ein beispielhafter kultureller Schauplatz,
als acht daoistische Meister mit diesen Lehren
auftraten.

Obwohl es einem schnell klar wird beim Lesen dieses
Textes, dass diese Schriftsteller stark beeinflusst
waren von den Klassikern von Laotse und Tschungtse
bis hin zu Konfuzius, so ist der Fokus des Werkes doch
ein recht anderer, denn es geht hier einzig allein um
Staatsführung, Sozialpolitik, und politische Strategie,
und nicht um allgemeine Philosophie im Sinne von
Laotse oder Tschungtse, oder Ethik und Moral im
Sinne der konfuzianischen Lehre.

Zu beachten ist weiterhin, dass die Werke von Laotse
und Tschungtse von den bürgerkriegsartigen
Zuständen des beginnenden Feudalismus geprägt
waren, während die Meister von Huainan in einer Zeit
der Rekonstruktion lebten, nachdem für einige
Hundert Jahre Bürgerkrieg geherrscht hatte im
ganzen China. Daher fällt auf, dass diese Lehren und
Einsichten viel mehr positives Denken und viel
weniger Zynismus enthalten, als die der alten
Daoisten, die in turbulenten Zeiten ihre Bücher
schrieben.

Ganz wie andere daoistische Schriften, so dient auch
das vorliegende Buch der Kontemplation, und wurde
nicht mit dem Ziel verfasst, eine jedwede Ideologie zu
propagieren.

Obwohl der Fokus des Werks auf der Kunst der
Staatsführung liegt, so wird dieses Thema doch sehr
breit behandelt, denn es geht um so verschiedene
Fragen wie Organisation des Staates, Beziehungen
zwischen Menschen, und solchen zwischen Beamten
und Bürgern, Erziehung, Wirtschaft, Bräuche,
Tierhaltung, bis hin zu ethischen Fragen, die den
Herrscher und seine Minister anbetreffen.

Es fällt auf, dass die Verfasser des Buches eine Vision
vom Staat haben, die erstaunlich pluralistisch
anmutet, obwohl ich nicht der Meinung anderer
Übersetzer bin, dass dies eine ‘egalitäre’ Vision war.

Es wird doch sehr deutlich gemacht im Text, dass
Egalität kein Prinzip von Regierung sein kann, weil
Gleiche nicht über Gleiche regieren können, und also
Ungleichheit der Bürger die Voraussetzung für jedes
geordnete Staatswesen ist. Dazu gehört auch, dass es
eine soziale Hierarchie gibt, welche sich in der
hierarchischen Struktur der Regierung selbst
widerspiegelt.

Weiterhin fällt auf, dass die Autoren das Ideal eines
geordneten und fortschrittlichen Staatswesens
herausstellen und von degenerierten, unordentlichen
und dekadenten Gesellschaften abzugrenzen suchen.
Dies mag man durchaus als verschiedene Stufen in
der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins
ansehen.

Ganz besonders wird herausgestellt, dass in allen
Fragen der Staatsführung Wert gelegt werden muss
auf Ausgeglichenheit und Harmonie, wie dies auch für
den menschlichen Körper gilt, und die Interaktion von
Menschen mit ihrer natürlichen Umwelt.
Negativ stellen die Autoren Aggressivität und
Habgier als die menschlichen Schwächen dar, die der
Integrität des Staatswesens am schädlichsten sind.

Das umfangreiche Werk enthält Gedanken über Krieg
und Frieden, Staat und Gesellschaft, und Weisheit. In
der vorliegenden Ausgabe wurden die speziellen
Anmerkungen zur Kriegsführung ausgelassen, da sie
meiner Meinung nach viel prägnanter von Sun Tsu in
seinem Buch von der Kunst der Kriegsführung
ausgeführt wurden.

Auch von den Weisheitssprüchen wurden nur einige
wenige hier eingefügt, da sie sehr an das Dao De
Ging erinnern, dort aber weitaus besser und
prägnanter formuliert wurden.
Über den Autor
Parallel zu einer Karriere im internationalen Recht in
Deutschland, der Schweiz und den Vereinigten
Staaten, richtete Dr. Peter Fritz Walter (Pierre) sein
Interesse auf Kunst, Kochkunst, Astrologie,
Klavierspiel und Komposition, Kinderpsychologie,
Psychoanalyse, Philosophie, und
Sozialwissenschaften.

Schon als Schüler schrieb Pierre Essays und wurde
Schulbester im Essayschreiben, sowie anerkannt
wegen seiner Tätigkeit als Begründer und
Herausgeber des Schulmagazins.

Er war auch Klassenbester im Zeichnen und in der
Musik, und wählte zwei Jahre vor dem Abitur Religion
ab und entschied sich für Philosophie. Zu dieser Zeit,
im Alter von 16 Jahren, las er Plato, Aristoteles, Hegel,
Sartre, Heidegger und Nietzsche, und wählte
Hermann Hesse als seinen Abiturschriftsteller. Er las
alle seine Werke und sein Referat über Hesse fürs
Abitur bekam besondere Auszeichnung.

Nach Abschluss seiner beiden Staatsexamen in
Jurisprudenz an der Universität des Saarlandes und
einem Masterstudiengang (LL.M.) in Europäischer
Integration am Europa Institut derselben Universität,
1982, wurde Pierre an der Rechtsfakultät der
Universität Genf für ein Doktorat im internationalen
Recht zugelassen.

Die Doktorarbeit über die kritische Frage einer
Beweislastverteilung bei der Immunität von Staaten,
legte er im Dezember 1987 erfolgreich ab. Sowohl die
umfangreiche Schrift selbst, als auch die Soutenance
de thèse waren in französischer Sprache.

Daraufhin setzte Pierre seine Psychologiestudien an
der Universität Genf fort und interviewte eine Anzahl
von Psychotherapeuten in Lausanne und Genf im
Hinblick auf eine beabsichtigte Psychoanalyse, die er
schliesslich in Lausanne mit einem amerikanischen
Hypnotherapeuten, einem direkten Schüler von
Milton H. Erickson, absolvierte.

Parallel zur Therapie arbeitete Pierre an der
Erweckung seines inneren Kindes und schrieb darüber
ein Buch in englischer Sprache, ein Essay in deutscher
Sprache, und produzierte ein Audiobuch.
Im Jahre 2012 kooperierte er für einen Artikel über
das Thema ‘Inneres Kind im Geschäftsleben’ für das
israelische Frauenmagazin Globes, der in der
Hebräischen Ausgabe des Magazins veröffentlicht
wurde.

Bereits 1990 fand Pierre die Methode des
wissenschaftlichen Gebets, die von Dr. Joseph
Murphy entwickelt worden war, und die Murphy in
seinem Buch Die Macht Ihres Unterbewusstseins
(1962) dargestellt und erklärt hatte, und die sein
Psychiater als kompatibel mit der Therapie
gutgeheißen hatte.

Im Jahre 1986 traf Pierre in Paris mit der französischen
Kindertherapeutin Françoise Dolto (1908–1988)
zusammen und interviewte sie in ihrer Wohnung in
der Rue Saint-Jacques.

Eine lange Korrespondenz folgte auf ihr Treffen,
welches die Hauptthemen ihres Dialoges zum Inhalt
hatte: Autonomie des Kindes, Ursachen der
Pädophilie, und Doltos vehemente Befürwortung
einer neuen Strafgesetzgebung, die einverständliche
sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und
Kindern außer Strafe stellt.

Im Jahre 2002 wurde Pierre von den Éditions
Gallimard in Paris kontaktiert und um Zustimmung der
Veröffentlichung des Briefwechsels gebeten. Pierre
gab seine Zustimmung und der Band erschien 2005
bei Gallimard in Paris.
Ebenfalls im Jahre 1986 unterhielt Pierre einen
Briefwechsel mit dem amerikanischen Psychiater Dr.
Alexander Lowen (1910–2008) über Fragen seines
Erziehungsprojekts. Die lapidare Antwort Lowens war
gewesen, dass jedes Erziehungsprojekt und jede
Schule nur so gut sein können, wie die Erzieher, die
darin arbeiten. Der Austausch mit einer Anzahl von
Kinderpsychologen und Psychiatern und war für Pierre
zu dieser Zeit ein wichtiger Stimulus für seinen
grundlegenden Berufswechsel.

Er vertiefte daraufhin denn auch seine Kenntnisse der
Psychoanalyse von Sigmund Freud, von Wilhelm
Reich, von Carl Gustav Jung, und der Transaktionellen
Analyse (TA). Pierre wurde Mitglied der Association
Suisse d’Analyse Transactionnelle.

Von 2005 bis 2010 las Pierre mehr als 200 Fachbücher
in englischer Sprache, und rezensierte mehr als 100
davon. Sie sind auf auf Amazon.com frei publiziert,
und diese Publikationen sind nicht abgeschlossen,
sondern wachsen weiter.

Im Jahre 2015 realisierte Pierre seine erste
Gesamtproduktion. Es ist ‘Ödipus Suite,’ in deutscher
Sprache, und war Pierres erster Versuch, ein Thema in
literarischer und radiophoner Weise in einer einzigen
Publikationen zu präsentieren.

Pierre ist zweisprachig Deutsch-Französisch und
bezeichnet sich selbst als ein Francoallemand sowohl
sprachlich als von der kulturellen Ausrichtung.
Pierre spricht, schreibt und unterrichtet in Englisch als
seine vierte Sprache nach Deutsch, Latein und
Französisch.

Er liest Originaltexte für seine Forschung auch in
Spanisch, Italienisch, Portugiesisch und Holländisch.

Durch seinen fast zwanzigjährigen Asienaufenthalt in
Südostasien hat er darüber hinaus Kenntnisse des
Indonesischen, des Thai, des Kambodschanischen,
des Chinesischen und des Japanischen.

Pierres Bücher, Publikationen und Medien sind alle
von ihm selbst produziert worden, einschließlich
Audio- und Videoproduktion, und Produkt Design.

Pierre nutzt das Apple Mac OS, mit einem Mac Pro
und einem Macbook Pro für seine Arbeit.

Pierre ist geschieden und lebt seit 2004 als freier
Schriftsteller in Phnom Penh, Kambodscha.
Persönliche
Anmerkungen