Risikofaktor Privatpatient: Elisabeth Riepings Rezension zu „Diagnose: unbezahlbar“ von Sybille Herbert

18. Februar 2007 Hier hat eine kritische Frau ein informatives Buch geschrieben und unterliegt doch der Annahme, je teurer und neuer, desto besser. Das könnte man in Frage stellen. Die Mißbildungen durch Contergan waren eine Epidemie bei den Kindern von Privatpatientinnen, die gegen Schlafstörungen, immerhin eine relativ harmlose Krankheit, das Tollste und Neueste bekamen, was sich gerade auf dem Markt tummelte. Eben Contergan. Wer wurde zuerst Opfer der augenblicklichen Brustkrebsepidemie? Das waren die Töchter reicher Leute, die mit der Flasche die künstliche Säuglingsernährung bekamen, verseucht mit einem Rinderleukämie-Virus, der in der Frau nicht Leukämien macht, sondern sich in ihren Brustkrebszellen wiederfindet. Wer wurde voll von der letzten Brustkrebswelle getroffen? Die gut versicherten Frauen, die gegen Beschwerden der Wechseljahre mit Gestagenen versetzte Hormonersatz-Tabletten bekamen. Diese Hormone aktivieren das Rinderleukämie-Virus nämlich noch. Seit sie weniger verordnet werden, geht die Rate zum ersten mal wieder leicht zurück. Für die gesetzlich versicherten Patienten prüft ein Institut der Kassen, ob bestimmte Medikamente für die Kranken überhaupt sinnvoll und sicher sind. Für die Privatpatientinnen gibt es so ein Institut nicht. Ich würde ihnen raten, von Pillen, die für die gesetzlich Versicherten nicht bezahlt werden, die Finger zu lassen. Dann würden ihnen viele schreckliche Krankheiten erspart bleiben. Reichtum kann nämlich auch ein Risiko sein. Auch Irinotecan, das angeblich Leben verlängernde Medikament, dass der 79-jährigen Krebspatientin als Zweitbehandlung nicht genehmigt wurde, ist in dem Sinne kein Medikament, sondern etwas, was bis jetzt vergeblich als Medikament getestet wird. Es ist nicht gezeigt, dass es das Leben verlängert. Sicher sind nur die Nebenwirkungen bekannt: Dauerdurchfälle bis zum Darmdurchbruch. Die hätte ihr die weise Entscheidung der Krankenkasse erspart. Sie hat sie ja trotzdem genommen, weil ihr damit eine ein- bis zweijährige Lebensverlängerung in Aussicht gestellt wurde. Im Ergebnis war sie in weniger als vier Monaten tot und hatte tatsächlich die schrecklichen Nebenwirkungen, die für Irinotecan typisch sind. Das heißt, sie verbrachte diese letzten Wochen nicht mehr zu Hause, sondern unter Qualen im Krankenhaus. Mit dem Herceptin, im Moment der Traum aller Brustkrebspatientinnen, lebt man in der Praxis zwar ca. im Schnitt vier Monate länger, hat aber auch mehr Hirnmetastasen, denn das Herceptin ist so groß, das es nicht durch die Blut-Hirnschranke geht. Da kann man sich dann fragen, wie verbringt man die gewonnene Zeit. Bewusstlos am Tropf? Dann die beschichteten Stents, die auch nur die Privatpatienten bekommen, wie Herbert

schreibt. Sie stehen mittlerweile in Verdacht, Herzattacken auszulösen. Das ist, was oft bei Innovationen herauskommt: Wirkung und Nebenwirkung. Es gibt auch gute Neuerungen. Deshalb ist es durchaus von Vorteil, wenn eine Institution wie dieses geschmähte Institut der Krankenkassen sich die Vor- und Nachteile ansieht. Denn was durch das Buch klar wird, ist die Belastung der Ärzte durch eine ungeheure Bürokratie. Sie haben mit Sicherheit keine Zeit, den Nebenwirkungen aller Neuerungen nachzuforschen. Man sollte das Buch lesen, damit man versteht, was in den Praxen läuft, und wie wenig Zeit die Ärzte, die ja oft selbst auf diese Neuerungen reinfallen, für ihre Information haben. Deshalb sind sie und ihre Kinder ja oft selber Opfer und von Erkrankungen wie Brustkrebs oder Contergan besonders betroffen. Aber man sollte im Auge behalten, dass mehr nicht besser ist und man nicht jeder neuen Pille wie den süßeren Früchten in Nachbars Garten hinterher hechten sollte. Man könnte auf den Nase landen.