Zur Lin-timmun in lich r \ ncr

-

G ttcr mmcrun “
Dirk Meyer
End e 1997
Err¨atst d u auch d ieser Rab en Geraun’ ?
Rache rieten sie mir!
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Die Vo rgeschichte Die

G¨o tterd ¨ammerung“ stellt d en gewaltigen S chluß-
stein d es

Ring d es Nib elungen“ d ar. S ie o rientiert sich, wie auch d ie vo range-
gangenen Dramen (

Die Walk¨ ure“ und

S iegfried “), an d er germanischen My-
tho lo gie, allerd ings, and ers als d iese, weniger an d er W¨alsungensage, so nd ern
sie nimmt wesentliche S to ffe eines Ed d a-Lied s, d er

V¨o lusp a“, und d es Nib e-
lungenlied s auf. Wagner b ettete d iese Elemente jed o ch in eine grund legend e
Neuinterp retatio n d es S to ffes ein.
Die

G¨o tterd ¨ammerung“ schild ert d en To d S iegfried s und d en Untergang d er
G¨o tter, d er schließlich auch eine Erl¨o sung vo m Ring und seinem Fluch d arstellt.
Der Ring, d en Alb erich im

Rheingo ld “ schuf und d en er verfl uchte, nachd em
er ihm entrissen wo rd en war, stellt d as Grund ¨ ub el d er Welt d ar. Er gib t seinem
Besitzer unb egrenzte Macht. An d en d er

G¨o tterd ¨ammerung“ vo rangegangenen
Tagen hat sich erwiesen, d aß d er Ring d ie Welt ins Ungl¨ uck st¨ urzt. Er b ringt
d ie negativen Charaktereigenschaften d er d ie Welt b ewo hnend en Wesen hervo r,
Hab gier, Machtb esessenheit und Haß, auch d ie G¨o tter – insb eso nd ere Wo tan,
d er d ie Lieb e wied er zum b estimmend en Prinzip machen will – sind d agegen
nicht gefeit.
Wo tan hatte sich in seinen eigenen ethischen Wertvo rstellungen gefangen und
ko nnte nichts gegen d en Ring unternehmen. Do ch d er Fluch d es Ringes wirkte
auf ihn. Er war mehrfach gezwungen, gegen seinen eigenen Willen zu hand eln
und sich vo n Menschen, d ie er lieb te, lo szusagen. Ein schwieriger Erkenntnisp ro -
zeß f¨ uhrte ihn zu d er
¨
Ub erzeugung, nur sein eigener Untergang k¨o nne d ie Welt
b efreien. Diesen Untergang kann er allerd ings nicht selb st herb eif¨ uhren, seine
Hand lungsm¨o glichkeiten sind so b eschr¨ankt, d aß er in d er

G¨o tterd ¨ammerung“
als Perso n ¨ ub erhaup t nicht mehr auftritt.
S iegfried tat als freier Held d as, was Wo tan unm¨o glich war: S ich d en Ring an-
zueignen. S iegfried allerd ings ist nicht vo n Machtgier b esessen, er weiß nichts
vo n d er Macht d es Rings. Er erweckte am End e vo n

S iegfried “ Br¨ unnhild e,
d ie ehemalige Walk¨ ure, aus ihrem S chlaf auf d em Walk¨ urenfelsen inmitten d er
Wab erlo he.
Alb erich zeugte unterd essen mit Grimhild , einer Frau aus d em Geschlecht d er
Gib ichungen, einen S o hn, d en er b enutzen will, um wied er in d en Besitz d es
Ringes zu gelangen. Dieser S o hn heißt Hagen. Er hat Kenntnis vo m Lauf d er
Dinge, also vo m Ring und seiner Macht, vo n S iegfried und d em, was d iesem
b estimmt ist. Hagen b ild et d en haßerf¨ ullten Gegenp o l zu S iegfried . Es lo hnt, sich
Wo tans Wo rte ¨ ub er d en ungeb o renen Hagen aus d er

Walk¨ ure“ zur¨ uckzurufen:
Des Hasses Frucht hegt eine Frau,
d es Neid es Kraft kreißt ihr im S cho ß:
Das Wund er gelang d em Lieb elo sen;
Grimhild hat zwei weitere Kind er, nicht vo n Alb erich, so nd ern vo n ihrem Ehe-
mann (Gib ich), namens Gunther und Gutrune. Grimhild und Gib ich selb st sp ie-
len keine Ro lle in d er Hand lung, sie sind hier nur erw¨ahnt, um d ie Ab stammungs-
verh¨altnisse klar zu machen.
Das Vo rsp iel Die

G¨o tterd ¨ammerung“ b esitzt ein ungew¨o hnliches Vo rsp iel,
in d em Wagner scho n vo r Beginn d es ersten Aufzugs zwei

S zenen“ zeigt, d ie
vo n einem O rchesterzwischensp iel getrennt werd en.
2
Mit einem Bild vo n p hantastischer p o etischer Eingeb ungskraft heb t d ie

G¨o t-
terd ¨ammerung“ an: Es treten d ie d rei No rnen am Walk¨ urenfelsen auf. No rnen
sind in d er germanischen Vo rstellungswelt S chicksalsg¨o ttinnen, hagere, b leiche
Gestalten, sie sitzen an d er Wurzel d er Weltesche und sp innen d as S chicksal d er
Welt. Bei Wagner sind sie außerd em T¨o chter d er Erd a, einer ur-weisen G¨o ttin.
Die Hand lung schließt d irekt an

S iegfried “ an. S iegfried und Br¨ unnhild e b efin-
d en sich no ch in d em S teingemach, in d em S iegfried Br¨ unnhild e erweckt hat.
Es ist Nacht, kurz vo r d em Mo rgengrauen. Die No rnen kn¨ up fen ihr Gesp inst d es
S chicksals – in Fo rm eines S eiles – an einer Tanne auf d em Walk¨ urenfelsen an.
Die erste No rn, d ie Vergangenheit erinnernd , b eginnt zu web en und d ab ei zu
erz¨ahlen, d aß Wo tan einst sein eines Auge hergab , um aus d er Weltesche seinen
S p eer schneid en zu d ¨ urfen. An d ieser Wund e ging d ie Esche langsam ein. Die
zweite No rn nimmt nun d as S eil, schlingt es um einen Felsen und erg¨anzt, wie
Wo tan schließlich d ie Weltesche vo llend s f¨allen ließ, weswegen sie selb st jetzt
hier am Walk¨ urenfelsen web en m¨ ussen. Die d ritte No rn, in d ie Zukunft sehend ,
¨ ub ernimmt d as S eil und f¨ahrt fo rt zu erz¨ahlen, wie d ie S cheite d er gef¨allten
Weltesche, um Walhall herum gestap elt, lichterlo h b rennen. Das S eil macht er-
neut d ie Rund e, d ie jeweils gerad e sp rechend e No rn sp annt es an einem and eren
Gegenstand . Der Zuschauer erf¨ahrt vo m Rheingo ld , d as Alb erich raub te, was
d ie F¨ad en d es S eiles verwirrt, und vo m Ring, d en er d araus schmied ete, was
d as Gesp inst no ch mehr d urcheinand er b ringt. Beim Herumreichen d es S eiles
schneid et ein S tein in d as S eil. Als schließlich d ie d ritte No rn es wied er in H¨and en
h¨alt und zu sp annen versucht, reißt d er Fad en d es S chicksals vo llst¨and ig. Dazu
erklingt n]. J- 1 .n.&]. Erschreckt sammeln sich d ie No rnen, d ie nun d as
S chicksal nicht mehr fo rtsp innen k¨o nnen, und verschwind en, ind em sie hinab zu
Erd a tauchen.
Das O rchesterzwischensp iel – mehr als eine
¨
Ub erleitung – tr¨agt d ie Bezeichnung

1 .n nJ´nnn .&nn“. Es f¨ uhrt zwei neue Themen ein: Zum einen ein kraftvo lles
1 |J n | nn, d as d en gereiften S iegfried charakterisiert und sich aus n]. J-
1 .n.&] herleitet, in and erem Rhythmus und vo m Gewicht her an d as 1n||n||
1 ì erinnernd , zum and eren ein 1.´&nn| |J 1 ì , d as sie vo n ihrer neuen,
menschlichen, nicht mehr walk¨ urenhaften S eite zeigt.
Der Zuschauer sieht in d er zweiten S zene d es Vo rsp iels d ie Verlieb ten S iegfried
und Br¨ unnhild e aus d em S teingemach treten. Die Musik kehrt zur ekstatischen
S timmung d er letzten

S iegfried “-S zene zur¨ uck. S iegfried will zu neuen Held en-
taten aufb rechen und Br¨ unnhild e versucht nicht, ihn d avo n ab zuhalten. S ie b e-
teuern sich gegenseitig ewige Treue und S iegfried schenkt Br¨ unnhild e d en Ring
d es Nib elungen als Zeichen seiner Lieb e! Br¨ unnhild e freut sich o hne Grenzen
¨ ub er d en Ring:

Ihn geiz’ ich als einziges Gut!“ und schenkt ihrerseits S ieg-
fried ihr Pferd Grane. S iegfried b richt auf, w¨ahrend Br¨ unnhild e auf d em Felsen
zur¨ uckb leib t.
Das anschließend e O rchesterzwischensp iel b eschreib t, wie S iegfried d en Wal-
k¨ urenfelsen verl¨aßt und d en Rhein hinauff¨ahrt. Es hat d en Namen

n]. J-
1| n]n|.ì“ b eko mmen, d o ch es ist weit mehr als eine S child erung einer verd eck-
ten Hand lung, es ist d ank Wagners Leitmo tivtechnik eine symp ho nische Dich-
tung. Die Musik schild ert no ch einmal d as Werd en, erz¨ahlt vo m Rheingo ld und
verd unkelt sich gegen End e, als d as 1 nn 1 ì aufklingt. In b ed r¨ uckter S tim-
mung fo lgt d as 1 | 1 ì und leitet ¨ ub er in einen Anklang d es J -ì.n& .
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1 ì -, d as jed o ch nicht vo ll erklingt, so nd ern an d er S telle, an d er in Zukunft
d er gewaltige H¨o hep unkt j¨ah heraufd o nnern wird , in d as 1nn n 1 ì ¨ ub ergeht.
Der erste Aufzug Damit b eginnt d er erste Aufzug. Die S zene hat sich ge-
wand elt, d er Zuschauer wirft d en Blick auf d ie Halle d er Gib ichungen am Rhein.
Dem Geschlecht d er Gib ichungen geh¨o ren d ie in d er Halle anwesend en Gunther
und Gutrune an, ind irekt auch Hagen, d er eb enfalls auftritt.
Das glanzvo lle, d o ch sehr selb stgef¨allige G h ·|&nn n | nn erstrahlt. Gunther
fragt Hagen, wie er d en Ruhm seines Geschlechtes no ch weiter mehren k¨o nne.
Hagen macht ihn d arauf aufmerksam, d aß zu h¨o chstem Ruhm Gunther eine Frau
und Gutrune ein Mann fehle. Gunther erkund igt sich, welche Frau Hagen im
S inn hab e, d en Ruhm zu vergr¨o ßern. Hagen b eginnt, vo n einer Frau zu erz¨ahlen,
d ie auf einem vo n Feuer umlo d erten Felsen schlafe: Br¨ unnhild e. Do ch nur ei-
nem w¨are es m¨o glich, d ieses Feuer zu d urchschreiten, n¨amlich d em W¨alsungen
S iegfried , d em st¨arksten Held en. Hagen hat vo n vo rnherein nur Interesse am
Verd erb en S iegfried s.
Gunther will wissen, warum Hagen ihm gerad e d iese Frau vo rschl¨agt, d ie zu
gewinnen ihm unm¨o glich ist. Hagen h¨alt d as nicht f¨ ur unm¨o glich: Er meint,
S iegfried k¨o nne Br¨ unnhild e f¨ ur Gunther werb en, wenn S iegfried im Gegenzug
Gutrune zur Frau b ek¨ame. Gutrune wend et d agegen ein, d aß ein so gro ßer Held
wie S iegfried sicher nicht sie zur Frau wo lle. Hagen hat auch d as b ed acht. Durch
einen Vergessenstrank will er S iegfried alle Frauen vergessen machen, d ie d ieser
je gesehen hat, und d amit b ewirken, d aß S iegfried sich in Gutrune verlieb t. Auf
d iese Art h¨atte Gunther ihn in d er Hand und k¨o nne ihn b itten, f¨ ur ihn um
Br¨ unnhild e zu werb en. Gunther und Gutrune sind b egeistert vo n d iesem Plan
und stimmen zu.
Kurze Zeit sp ¨ater ko mmt S iegfried in einem S chiff auf d em Rhein in S ichtweite
und wird vo n Hagen an Land gerufen. Gunther heißt ihn herzlich willko mmen
und S iegfried b ietet ihm seine Freund schaft an, d ie d ieser gerne annimmt. Die
Red e ko mmt auf d en Ho rt, d en d er Drache h¨ utete, und auf d ie Frage, welche
Gegenst¨and e S iegfried ihm entno mmen hat. S iegfried d eutet zur Antwo rt auf
d en Tarnhelm, d essen Funktio n ihm unb ekannt sei, und wird vo n Hagen in
d essen Geheimnisse eingeweiht: Der Helm hat d ie F¨ahigkeit, seinem Tr¨ager jed e
Gestalt zu geb en, d ie er sich w¨ unscht. Dar¨ ub erhinaus kann er d en, d er d en Helm
aufsetzt, an jed en O rt d er Welt transp o rtieren, eb enfalls ganz nach Wunsch.
S iegfried erz¨ahlt auch vo m Ring, und als Hagen fragt, wo er ihn aufb ewahre,
erf¨ahrt er vo n S iegfried , d aß er ihn einer sch¨o nen Frau geschenkt hab e. Hagen
murmelt d ab ei d en Namen Br¨ unnhild es leise vo r sich hin, wo raus d er Zuschauer
ersieht, d aß Hagen – im Gegensatz zu Gunther und Gutrune – weiß, d aß S iegfried
Br¨ unnhild e scho n zur Frau geno mmen hat.
Das R¨ankesp iel Hagens wird schnell vo llzo gen, Gutrune tritt mit einem Trink-
ho rn, gef¨ ullt mit d em Vergessenstrank, zu S iegfried und b ietet ihm d ieses an.
S iegfried ergreift d as Ho rn als Willko mmensgruß und trinkt. Tats¨achlich vergißt
S iegfried so fo rt Br¨ unnhild e und wird ergriffen vo m Anb lick Gutrunes. S iegfried
reagiert so , wie Hagen es vo rausgesehen hat: S iegfried w¨ unscht sich Gutrune
zur Frau und er verab red et mit Gunther und Hagen – Gutrune hat d en S aal
b ereits verlassen –, d aß er Br¨ unnhild e f¨ ur Gunther werb en werd e, um sich d urch
d iesen Dienst Gutrune zu gewinnen. S iegfried hat vo r, mit Hilfe d es Tarnhelms
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Gunthers Gestalt anzunehmen und d ie Wab erlo he zu d urchschreiten. Auf d ie-
se Vereinb arung trinken S iegfried und Gunther Blutsb r¨ ud erschaft, jed o ch nicht
mit Hagen. Hagen meint, sein Blut sei nicht ed el genug f¨ ur einen so lchen Bund .
S iegfried – vo ller Tatend rang – b richt so gleich zum Walk¨ urenfelsen auf, im S chiff
mit Gunther zusammen.
Hagen b leib t alleine zur Wacht vo r d er Halle d er Gib ichungen zur¨ uck und sin-
niert d ar¨ ub er, wie er sie alle, d ie sich ed ler als er w¨ahnen, ¨ ub erlistet hat. Mit
H¨ame b emerkt er b ei sich, d aß Gunther S iegfried s Braut b eko mmen werd e –
und er, Hagen, d en – Ring! S iegfried , er ist im Dienst d es B¨o sen.
Die Musik klagt schwer Verh¨angnis. Ein Mo tiv gewinnt immer gr¨o ßere Bed eu-
tung: Das 1n] 1 ì , eingef¨ uhrt im

Rheingo ld “, an d er S telle, als Alb erich
zum Fluch ansetzte. Der Rhythmus d ieses Mo tivs mit Namen

Vernichtungs-
rhythmus“ d urchsetzt d ie Musik und h¨alt d ie immer wied er kurz anklingend en
S iegfried -Mo tive hart umklammert.
Die S zene b lend et ¨ ub er zu lieb licheren Gefild en, zu Br¨ unnhild e auf d em Walk¨ u-
renfelsen. Der Zuschauer sieht sie zuerst in d en Anb lick d es Ringes versunken,
d en sie schließlich eup ho risch ab k¨ ußt. Zu ihr tritt, aus d en Wo lken unter Do n-
nerhall herab geritten, d ie Walk¨ ure Waltraute. Br¨ unnhild e freut sich ¨ ub er ihren
Besuch und schild ert ¨ ub erschw¨anglich d as Gl¨ uck mit S iegfried , d as ihr seit ih-
rer Erweckung zuteil wurd e. Do ch Waltraute will d avo n nichts wissen. S ie ist
verst¨o rt und gib t Br¨ unnhild e Auskunft ¨ ub er d ie tro stlo sen Verh¨altnisse, d ie in
Walhall herrschen. S ie b erichtet, was d er Zuschauer aus d er No rnenszene scho n
weiß: Daß Wo tan d ie Weltesche f¨allen ließ und d ie S cheite rund um Walhall
aufh¨aufte. In tr¨ ub en Farb en b eschreib t Waltraute d as S chicksal d er G¨o tter: S eit
Wo tan mit zerb ro chenem S p eer zur¨ uckkam, sitzt er lethargisch in d er gro ßen
Halle, umringt vo n G¨o ttern und Held en und erwartet d en Untergang.
S o sitzt er, sagt kein Wo rt,
auf hehrem S itze stumm und ernst,
d es S p eeres S p litter fest in d er Hand .
[...]
S taunen und Bangen b ind en starr d ie G¨o tter.
S eine Rab en b eid e sand t’ er auf Reise:
kehrten d ie einst mir guter Kund e zur¨ uck,
d ann no ch einmal – zum letztenmal –
l¨achelte ewig d er Go tt.
Nur einmal, so b erichtet Waltraute, b rach Wo tan sein S chweigen. Er erz¨ahlte
vo n Br¨ unnhild e, d aß sie d en Ring d en Rheint¨o chtern zur¨ uckgeb en m¨ usse, um
Go tt und Welt vo n d er Last d es Fluches zu erl¨o sen. Das ist d er Grund vo n
Waltrautes Besuch, sie will Br¨ unnhild e b itten, d en Ring d en Rheint¨o chtern zu
¨ ub erlassen.
Do ch d iese Welt ist nicht mehr d ie Br¨ unnhild es, sie kann d ie Auffo rd erung nicht
verstehen:
Den Rheint¨o chtern – ich – d en Ring?
S iegfried s Lieb esp fand ?
Bist d u vo n S innen?
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Ab ermals, wie scho n am End e d es

S iegfried “, setzt sie ihre Lieb e zu S iegfried
h¨o her als d as S chicksal d er G¨o tter. S ie verweigert sich Waltrautes Wunsch. Als
Walk¨ ure kann Waltraute Br¨ unnhild es Hand lungsweise nicht verstehen, wehkla-
gend reitet sie hinweg.
Der Klang d es O rchesters erstrahlt in leuchtend en Farb en. Auf d er B¨ uhne ist es
Ab end gewo rd en und d er Feuerschein d er Wab erlo he d r¨angt sich immer mehr
in d en Vo rd ergrund . Br¨ unnhild es Aufmerksamkeit wird angezo gen vo m Feuer.
S ie h¨o rt S iegfried s Ho rnruf, eilt zum Brand , freud ig d ie Ankunft d es Held en
erwartend .
Es teilt sich d ie Lo he und S iegfried – d ank Tarnhelm in d er Gestalt Gunthers –
tritt heraus. Entsetzt schreit sie auf:

Verrat! Wer d rang zu mir?“. Das O rchester
antwo rtet ihr mit d em G&nì| ./G h ·|&nn n 1 ì .
S iegfried stellt sich als

Gunther“ vo r und fo rd ert sie mit d em Recht, d erjenige
gewesen zu sein, d er d as Feuer d urchschritten hat, zur Frau. Br¨ unnhild e wehrt
sich, streckt d en Ring vo r, zum Zeichen, d aß sie scho n einem and eren verlo b t sei,
d o ch gegen einen Held en wie S iegfried hat d ie ehemalige Walk¨ ure keine Chance:
S iegfried k¨amp ft mit ihr, entreißt ihr d en Ring und steckt ihn sich an d en Finger.
Br¨ unnhild e sieht ihre Unterlegenheit ein und ergib t sich in ihr S chicksal, Gunther
fo lgen zu m¨ ussen. Beid e gehen zum S chlafen in d as S teingemach, S iegfried legt
ab er, um Gunther nicht zu b etr¨ ugen, d as S chwert No tung zwischen sich und
Br¨ unnhild e.
F¨ ur d as Fo lgend e ist extrem wichtig, sich klar zu machen, was d ie hand elnd en
Perso nen jeweils wissen: Br¨ unnhild e meint, vo n Gunther ¨ ub erw¨altigt wo rd en zu
sein, S iegfried hat to tal vergessen, d aß er Br¨ unnhild e jemals vo rher gesehen hatte
und Gunther weiß nicht, d aß Br¨ unnhild e b ereits d ie Braut S iegfried s gewesen ist,
wo hingegen Hagen d er einzige ist, d em d er wahre Zusammenhang vo llst¨and ig
klar ist.
Der zweite Aufzug Die Nacht ist auch ¨ ub er d ie Halle d er Gib ichungen her-
eingeb ro chen, vo r d er schlafend Hagen sitzt. Der Zuschauer wird vo m Vo rsp iel
d es d ramatischen zweiten Aufzuges zu Hagen versetzt. Dieses Vo rsp iel ist, wie
Hagens Wachtgesang im ersten Aufzug, d urchseucht vo m Vernichtungsrhyth-
mus. Fahl und vo n Haß ausgezehrt schlep p t sich d ie Musik d ahin, unertr¨aglich
unerf¨ ullt. Der Rhythmus d r¨angt b lind , d r¨angt, d o ch f¨ uhrt zu nichts. Die Melo d ie
reißt sich immer wied er vo m Rhythmus lo s, d o ch sp eit sie nur d as ins Gem¨ ut
schneid end e 1 | 1 ì hervo r. Eine j¨ahe Disso nanz erklingt und ganz kurze
Zeit legt sich ein zaub rischer Glanz ¨ ub er d ie Musik: Der Mo nd tritt p l¨o tzlich
aus d en Wo lken hervo r und b eleuchtet Hagen, d er schlafend vo r d er Halle sitzt.
Die jetzt fo lgend e S zene b ezeichnet Jo hannes Bertram als

eine k¨ unstlerisch-
d ramatische Visio n allerersten Ranges“: Alb erich erscheint kniend vo r d em schla-
fend en Hagen und raunt in d essen Unterb ewußtsein.
Alberich:
S chl¨afst d u, Hagen, mein S o hn?
[...]
Hagen:
Ich h¨o re d ich, schlimmer Alb e:
Was hast d u meinem S chlaf zu sagen?
6
Alb erich sieht d en Tag nahen, an d em Hagen S iegfried umb ringen und d en Ring
erlangen wird . Er will sich seines S o hnes versichern.
Hat d er Zuschauer nicht scho n im Vo rsp iel erkannt, wie sehr Hagen vo m Haß
zerfressen ist, jetzt kann er es d irekt aus Hagens Unterb ewußtsein h¨o ren:
Gab mir d ie Mutter Mut,
nicht mag ich ihr d o ch d anken,
d aß d einer List sie erlag:
fr¨ uhalt, fahl und b leich,
hass’ ich d ie Fro hen, freue mich nie!
Alb erich gib t Hagen ein, d aß er sich d en Ring erk¨amp fen so lle, um mit seinem
Vater zusammen d ie Welt zu b eherrschen. Auf keinen Fall d ¨ urften d ie Rhein-
t¨o chter an d en Ring ko mmen. Erste S chritte, d en Ring in seine Gewalt zu b e-
ko mmen, hat Hagen b ereits vo n sich aus eingeleitet.
Alb erich verlangt einen S chwur d arauf, d aß Hagen alles d aransetze, d en Ring zu
erlangen:

S chw¨o rst d u mir’ s, Hagen, mein Held ?“; Hagen, b is ins Elementarste
seines Wesens ego istisch, antwo rtet im S chlaf:

Mir selb st schw¨o r ich’ s; “. Unter
leisen Rufen

S ei treu! S ei treu!“ verschwind et Alb erich, als d ie Mo rgend ¨amme-
rung einsetzt. Hagen wacht auf.
S iegfried ist p l¨o tzlich in seiner eigenen Gestalt vo r d er Halle erschienen. Er hat
d ie F¨ahigkeit d es Tarnhelms b enutzt, sich an and ere O rte zu versetzen, nachd em
er Br¨ unnhild e in Gunthers Gestalt d urch d as verl¨o schend e Feuer geleitet und
sich gegen d en echten Gunther ausgetauscht hat. Br¨ unnhild e und d er wirkliche
Gunther fahren nun mit d em S chiff rheinaufw¨arts.
S iegfried verlangt vo n Hagen, Gutrune zu sehen. Hagen ruft sie herb ei. S iegfried
schild ert d en b eid en d en Hergang seiner Werb ung. Auf b eso nd eres Interesse
Gutrunes hin b eto nt er, d aß No tung ihn im S chlaf vo n Br¨ unnhild e getrennt hat.
Inzwischen sieht Hagen d as S chiff, in d em Gunther und Br¨ unnhild e fahren, in d er
Ferne erscheinen. Gutrune b ittet Hagen, d ie Untergeb enen zur Do p p elho chzeit
zusammenzurufen.
Eine sehr archaische S zene schließt sich an, d ie erste Cho rszene d es

Rings“:

1nn n- 1nnn n.&] “. Unter vib rierend em S treicher-Tremo lo ruft Hagen mit
einem S tierho rn d ie Mannen, Krieger, d ie unter d er Gib ichungen Befehl stehen,
herb ei. S tierh¨o rner ert¨o nen vo n verschied enen S eiten, vo n d en Mannen zur Ant-
wo rt geb lasen.
Hagen schild ert d en herb eieilend en Kriegern, d aß Gunther eine Frau mit S ieg-
fried s, d es Wurmt¨o ters, Hilfe heimf¨ uhre. Er red et d en Mannen aus, d aß es einen
Feind zu b ek¨amp fen gelte und tr¨agt ihnen auf, O p fertiere zu schlachten und
d anach d ie Ho chzeit zu feiern. W¨ahrend d ie Mannen immer heiterer werd en,
verb leib t Hagen in seiner ernsten S timmung.
Als Gunther mit Br¨ unnhild e im S chiff b ei d er Halle anko mmt, steigert sich d as
Patho s d er Musik – nach d er vo rangegangenen, eher unheimlichen S zene – ins
Unermeßliche. Der Cho r d er Mannen:

Heil d ir, Gunther! Heil d ir und d einer
Braut!“.
Do ch schnell verfl iegt d iese Musik und kehrt nicht wied er. Gunther stellt Br¨ unn-
hild e, d ie immer zu Bo d en b lickt, d en Anwesend en vo r, b egr¨ ußt S iegfried und
zeigt zwei Paare auf: Er selb st und Br¨ unnhild e, Gutrune und – S iegfried . Bei
7
d er Nennung vo n S iegfried s Namen schrickt Br¨ unnhild e heftig auf. S ie starrt
S iegfried an und kann es nicht fassen, ihn hier zu erb licken – an d er S eite einer
and eren Frau. Die versammelte Ho chzeitsgesellschaft wird unruhig. Br¨ unnhild e
ger¨at ins S chwanken und S iegfried , d er ihr am n¨achsten steht, st¨ utzt sie. S ie
erb lickt an S iegfried s Hand d en Ring, schrickt erneut auf:
Ha! – Der Ring –
an seiner Hand !
Er — ? S iegfried ?
Damit b eginnt eine sehr ko mp lizierte Verwirrung, d ie sich immer mehr aufschau-
kelt.
Br¨ unnhild e erkennt am Ring d en Betrug, d a ihr d er Ring letzte Nacht vo n Gun-
ther entrissen wo rd en war. S ie kann sich allerd ings d ie Geschehnisse nicht vo ll
erkl¨aren. F¨ ur Hagen l¨auft alles p langem¨aß, er richtet d ie Aufmerksamkeit d er
Umstehend en auf d ie nun fo lgend en Anschuld igungen Br¨ unnhild es:
Jetzt merket klug,
was d ie Frau euch klagt!
Br¨ unnhild e fragt S iegfried zo rnig, wie er d en Ring vo n Gunther b eko mmen hab e.
S iegfried entgegnet d er Wahrheit gem¨aß:

Den Ring emp fing ich nicht vo n ihm.“.
Nun wend et sich Br¨ unnhild e Gunther zu und verlangt, d aß d ieser d en Ring
vo n S iegfried zur¨ uckfo rd ere, d a ja Gunther ihn ihr entrissen hab e und er so mit
keinesfalls S iegfried geh¨o re. Gunther ist verwirrt, leugnet, S iegfried einen Ring
gegeb en zu hab en und fragt, o b Br¨ unnhild e sich sicher sei, d aß es d er selb e Ring
sei. Auf d iese M¨o glichkeit d er Verwechslung geht Br¨ unnhild e ein, ind em sie –
unab h¨angig vo n d em Ring, d en S iegfried tr¨agt – d enjenigen Ring vo n Gunther
sehen will, d en er b ei ihr im Kamp f erb eutet hat. Das b ringt Gunther weiter in
Bed r¨angnis, d enn er kann nat¨ urlich keinen so lchen Ring vo rweisen.
F¨ ur Br¨ unnhild e ist klar, d aß sie alle zusammen Betr¨ uger sind , S iegfried einge-
schlo ssen. S iegfried , vo n d em jed er eine Erkl¨arung erwartet, erz¨ahlt, d aß er d en
Ring vo n einem Drachen b eko mmen hab e und nicht vo n einer Frau. F¨ ur ihn
muß d ie S ituatio n eb enfalls sehr verwirrend sein, d a er sich nicht erkl¨aren kann,
wie d er Ring d es Drachen an Br¨ unnhild e gelangte, vo n d er er ihn letzte Nacht
geraub t hat.
Hagen treib t d en Disp ut auf d ie S p itze. Als eine Art Katalysato r, d er Reaktio nen
in Gang b ringt, stellt er Br¨ unnhild e d ie S achlage klar vo r Augen:
Br¨ unnhild ’ , k¨ uhne Frau,
kennst d u d en Ring?
Ist’ s d er, d en d u Gunther gab st,
so ist er sein,
und S iegfried gewann ihn d urch Trug,
d en d er Treulo se b ¨ ußen so llt’ !
Br¨ unnhild e greift d as Wo rt auf, ruft laut

Betrug! Betrug!“ und fo rd ert Rache.
Gunther versucht, sie zu b eruhigen, d o ch Br¨ unnhild e muß lo swerd en:
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Wisset d enn alle: nicht ihm [Gunther],
d em Manne d o rt [S iegfried ] b in ich verm¨ahlt.
Drehte sich b isher d er Betrug um d en Ring, so b ringen d iese Wo rte eine neue,
schwerere Anschuld igung auf. S iegfried und Gunther m¨ ussen d iese Wo rte na-
t¨ urlich so interp retieren, als hab e S iegfried in d er Nacht d er Werb ung Gunther
b etro gen. S iegfried schreitet entschied en gegen d iese Behaup tung ein und b e-
zichtigt, f¨ ur ihn fo lgerichtig, Br¨ unnhild e d er L¨ uge und verweist erneut d arauf,
d aß No tung zwischen b eid en lag, als er mit Br¨ unnhild e auf d em Walk¨ urenfel-
sen ¨ ub ernachtete. Br¨ unnhild e erkl¨art, f¨ ur sie eb enfalls fo lgerichtig, d as genaue
Gegenteil:

Er [S iegfried ] zwang mir Lust und Lieb e ab .“
S iegfried kann nun nicht mehr and ers, um sich reinzuwaschen schw¨o rt er auf
Hagens S p eer (d en d ieser ihm b ereitwillig zur Verf¨ ugung stellt) d en Eid , d aß
er d ie Wahrheit gesagt hab e. Br¨ unnhild e reißt nach d iesem S chwur S iegfried s
Hand vo m S p eer und schw¨o rt ihrerseits, d aß S iegfried Meineid ab gelegt hat.
Da d iesen Eid en nichts mehr hinzuzuf¨ ugen ist und jed er sich im Recht sieht,
l¨o st sich d ie Versammlung auf.
Zur¨ uck b leib en einzig Br¨ unnhild e, Hagen und Gunther. Die Zeit ist reif, S ieg-
fried s To d zu b eschließen. Br¨ unnhild e weiß nichts vo m Vergessenstrank, d aher
d eutet sie S iegfried s Hand lungen als Verrat. Gunther ist eb enfalls verunsichert,
gr¨ ub elt ¨ ub er d ie Frage, o b S iegfried d ie Blutb r¨ ud erschaft zwischen ihnen geb ro -
chen hab e. Im Innersten verletzt, fo rd ert Br¨ unnhild e, angestiftet vo n Hagen,
S iegfried s To d . Hagen weiß, im o ffenen Kamp f gegen S iegfried hat er keine Aus-
sicht, zu b estehen, also b leib t ihnen nur no ch Mo rd als Mittel. Br¨ unnhild es und
Hagens Beschluß steht fest, b leib t nur no ch Gunther zu ¨ ub erzeugen. Dieser hat
sich b isher etwas ab seits gehalten, d o ch nun wend et sich Hagen an ihn. Gunther
glaub t sich zwar vo n S iegfried b etro gen, d o ch er f¨ uhlt sich an d ie Blutsb r¨ ud er-
schaft geb und en, d ie zwischen ihm und S iegfried b esteht. Erst als ihm Hagen
vo m Ring erz¨ahlt und ihm ausmalt, welche Macht er b ringen w¨ urd e, entrisse
man ihn S iegfried , willigt Gunther in d en Mo rd p lan ein.
Gunther hat no ch ein Bed enken b ez¨ uglich d er Art d es Mo rd es, er will sei-
ne S chwester Gutrune, d essen Br¨autigam S iegfried immerhin ist, so weit wie
m¨o glich scho nen.
S o b eschließen sie, an mo rgigen Tage eine Jagd zu veranstalten, um d en Mo rd
als Jagd unfall zu tarnen. Die d rei schw¨o ren einen Racheschwur, wo b ei sich d er
Text Br¨ unnhild es und Gunthers, d ie d en Meineid r¨achen wo llen, vo n d em Ha-
gens unterscheid et. Hagen trachtet einzig nach d em Ring:
S terb ’ er d ahin, d er strahlend e Held !
Mein ist d er Ho rt, mir muß er geh¨o ren.
Drum sei d er Reif ihm entrissen.
S o end et d er zweite Aufzug.
Der d ritte Aufzug Der Tag ist d a, d er Tag d er Jagd , d er S iegfried s To d
b ringt. Er ist d a, d er Untergang d er G¨o tter, vo rb ereitet in vier Weltentagen,
unab ¨and erlich und no twend ig. Das ganze Drama find et heute sein schreckliches
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End e. Diesen d ritten Aufzug wird kaum jemand ¨ ub erleb en: Nicht d ie G¨o tter,
nicht Wo tan, nicht S iegfried , nicht Gunther, nicht Br¨ unnhild e, nicht Hagen.
Do ch d ieses schwere S chicksal wird nur kurz vo m Vo rsp iel gestreift. Jauchzend
unb eschwert jub elt d ie Musik auf, Musik vo m Urb eginn, heiter fl ießen d ie Wo gen
d es Rheines d urch d ie Musik – eine Musik, so klar und rein, wie d er Zuh¨o rer
sie scho n lange nicht mehr h¨o ren ko nnte, seit d em Vo rsp iel d es

Rheingo ld es“
nicht mehr.
Der Zuschauer sieht sich wied er an d en Rhein versetzt, in ein wild es Wald -
und Wiesental, wie es in d er Regieanweisung heißt. Die Rheint¨o chter to llen im
Wasser umher und b esingen d ie S o nne. Nach einiger Zeit tritt S iegfried zu ihnen.
Er hat sich auf d er Jagd verirrt und ist no ch b eutelo s. Die Rheint¨o chter fragen
ihn, was er ihnen geb en w¨ urd e, wenn sie ihm zu Wild verhelfen w¨ urd en. S iegfried
weiß nichts vo n Wert, d as er b es¨aße, d a weisen d ie Rheint¨o chter auf d en Ring
und verlangen ihn. S iegfried will nicht vo m Ring lassen, um an seiner S telle ein
gew¨o hnliches Tier zur Beute zu b eko mmen, d a er f¨ ur d en Ring einen Drachen
t¨o ten mußte.
Die Rheint¨o chter b ezichtigen ihn d es Geizes und tauchen unter. S iegfried gib t
nach und ruft sie wied er her, um ihnen d en Ring zu geb en. Do ch d ie Wasserwesen
zeigen sich b eleid igt. S ie meinen, er so lle d en Ring ruhig b ehalten, er w¨ urd e
ihm so wieso nur Unheil einhand eln. S ie p ro p hezeien S iegfried d en To d no ch am
heutigen Tage. Der einzige Ausweg, d em Fluch zu entrinnen, w¨are es, d en Ring
d em Rhein wied erzugeb en.
S iegfried jed o ch l¨aßt sich auf d iese Weise nicht einsch¨ uchtern. Er ergreift eine
Erd scho lle und b ed eutet, er w¨ urd e auf sein Leb en so viel geb en wie auf d iese
S cho lle, d ie er d arauf weit vo n sich wirft.
Die T¨o chter d es Rheines b eginnen zu sp o tten: Das h¨o chste Gut verd erb e er sich
– sie meinen Br¨ unnhild e –, nur vo m Ring, d er ihm To d b ringt, lasse er nicht. S ie
b eschließen, sich mit ihrem Wunsch um d ie R¨ uckgab e d es Ringes an Br¨ unnhild e
in d er Halle d er Gib ichungen zu wend en und schwimmen fr¨o hlich im Reigen d em
Hintergrund zu, b is sie schließlich verschwind en. S iegfried sieht ihnen l¨achelnd
nach.
Richard Wagner erfand zu d ieser S zene eine d ie Tragik wahrlich ins
¨
Außerste
steigernd e Musik. Die Musik ist fr¨o hlich, unb eschwert, jauchzend , d em Zuh¨o rer
wo gen Themen entgegen, d ie man nicht and ers als heiter nennen kann, und
d o ch, – d o ch liegt in d ieser Heiterkeit eine Trauer, d ie unb eschreib lich ist. Ri-
chard Wagner zeigt sich hier als Magier, d er d as Unvereinb are vereint, f¨ ur jed en
Zuh¨o rer sp ¨ urb ar. Bed enkt man, d aß Jesus ¨ ub er d as Wasser gegangen ist, so muß
man zu d er S chlußfo lgerung ko mmen, d aß Jesus Ko mp o nist war!
S iegfried steht no ch sinnend , als Hagen und d ie Mannen ihn find en. S ie schlagen
ihr Lager b ei S iegfried auf und d ieser erz¨ahlt vo n d er Pro p hezeiung d er Rhein-
t¨o chter. Gunther erschrickt, d o ch Hagen b eh¨alt d ie Nerven. Geschickt lenkt er
d as Gesp r¨ach auf S iegfried s fr¨ uhere Held entaten. Hagen und d ie Mannen b it-
ten S iegfried , etwas aus seiner ruhmreichen Vergangenheit zu erz¨ahlen. S iegfried
willigt gerne ein und b erichtet, wie er aufwuchs, wie er No tung schmied ete, d en
Drachen b esiegte und d ie Vo gelsp rache zu verstehen lernte. S iegfried schild ert
genau, was d er Wald vo gel zu ihm sp rach: Daß er Ring und Tarnhelm aus d em
Ho rt entnehmen so lle und d aß er Mime nicht trauen d ¨ urfe. An d ieser S telle d er
Erz¨ahlung unterb richt ihn Hagen. Hagen f¨ ullt ein Trinkho rn mit einem Erinne-
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rungstrank, d er d ie Wirkung d es Vergessenstrankes aufheb t.
Arglo s trinkt S iegfried d avo n und f¨ahrt mit seinem Bericht fo rt. Verz¨ uckt erz¨ahlt
er vo n Br¨ unnhild e, d ie er erweckt hat. Die Musik ruft d ie Erinnerung an d ie
Ekstase d er letzten S zene d es

S iegfried “ herauf. S iegfried gesteht d urch seine
S child erung d en Meineid , d en er unwissentlich geschwo ren hat. Bei d er Nen-
nung Br¨ unnhild es Namens wird Gunther p l¨o tzlich d as R¨ankesp iel Hagens b e-
wußt: Br¨ unnhild e war d ie Frau, d ie S iegfried d urch d en Trank vergessen hatte.
Er erschrickt, d o ch d as S chicksal ist unab wend b ar. Aus einem nahen Geb ¨ usch
fl iegen zwei Rab en auf, Wo tans Rab en, um S iegfried s Ermo rd ung zu meld en.
Die D¨ammerung b richt herein. Hagen weist auf d ie Rab en, S iegfried d reht sich
nach ihnen um und wird vo n Hagen hinterr¨ ucks mit d em S p eer ersto chen.
Gunthers Versuch, Hagen d avo n ab zuhalten, ko mmt zu sp ¨at. S iegfried st¨ urzt
zu Bo d en. Entsetzt fragen d ie Mannen und Gunther:

Hagen, was tatest d u?“.
Hagen antwo rtet:

Meineid r¨acht’ ich!“, wo raufhin er sich zum Gehen wend et
und alleine d en R¨ uckweg zur Halle antritt.
Die Musik ist mit S iegfried ab gest¨ urzt. Eb en no ch zu S iegfried s Erz¨ahlung d ie
Lieb esverz¨ uckung schild ernd , klingt nun d as To d estrauermo tiv in tiefen Blech-
b l¨asern und B¨assen auf.
Nicht lange jed o ch: S iegfried schl¨agt no ch einmal glanzvo ll d ie Augen auf und
ged enkt im S terb en Br¨ unnhild es. In letzter S ch¨o nheit kann d er Zuh¨o rer d urch
d ie Musik an S iegfried s Lieb e zu Br¨ unnhild e teilnehmen. Der Held stirb t mit
d em Namen seiner Gelieb ten auf d en Lip p en. Die Umstehend en werd en vo n
tiefer Trauer ergriffen, eb enso d ie Musik.
D¨ uster huschen d ie Trio len d es J -ì.n& .n ì - d urch d as O rchester. Dump fe
Paukenschl¨age grummeln. Die b isher sto ckend erscheinend en Mo tive verd ichten
sich, b eginnend mit einem j¨ahen Do p p elschlag vo n d o nnernd en Blechb l¨asern
und Pauken. Die Musik nimmt d en to ten Held en b ei d er Hand und b egleitet
ihn wie in finaler Remineszenz d urch sein ganzes Leb en. Die W¨alsungen-Mo tivik
d er

Walk¨ ure“ klingt d ¨ uster herauf, S iegfried wird no ch einmal gezeugt, was ein
zarter Ho lzb l¨aserto n inmitten d ieses To b ens d er Elemente and eutet.
Im Ausd ruck erhab ensten Patho s’ steigt d as ·|& .ì 1 ì herauf. Die Verb in-
d ung aus S chwert und S iegfried schuf erst d en Held en: Die Trauerkl¨ange wand eln
sich zu einem Mo tiv h¨o chsten Gl¨ uckes – Wagner gelingt es, auch d iesen Gegen-
satz zu ¨ ub erwind en – und erfahren in d ieser Fo rm ihre gr¨o ßte S teigerung. Das
1 |J nn ì markiert d ie Geb urt d es Held en S iegfried , d er 1 .n.&] in d er ge-
reiften Fo rm erschallt.
Die Musik erinnert eb enso an d ie Erweckung Br¨ unnhild es, immer wied er unter-
b rechend t¨o nt d as schwere Klagen d es J -ì.n& .n ì -.
Die Mannen und Gunther hab en w¨ahrend d ieser Musik d en Leichnam S iegfried s
auf einen S child geho b en und in weihevo llem Zug vo n d er B¨ uhne getragen. Nacht
hat sich ¨ ub er d ie B¨ uhne gelegt und aus d em Rhein quellen d ichte Neb elschwad en,
d ie allm¨ahlich d en Blick auf d ie S zene verh¨ ullen.
Als sich d ie Neb el wied er herab senken, taucht aus ihnen d ie Halle d er Gib i-
chungen auf. Gutrune verl¨aßt ihr S chlafzimmer, d a sie vo n b ¨o sen Vo rahnungen
gep lagt wird . S ie hat gesehen, wie eine Frau zum Rhein ging. Br¨ unnhild es Zim-
mer ist verlassen, wie Gutrune feststellt. Es war also Br¨ unnhild e, d ie sie am
Fluß gesehen hat.
Hagens S timme unterb richt ihr Nachd enken. Er erreicht gerad e d ie Halle und
verk¨ und et d ie Heimkehr vo n d er Jagd . Als d er Trauerzug mit S iegfried s Leiche
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anko mmt, erz¨ahlt Hagen seine Geschichte vo n d em Eb er, d er S iegfried angefal-
len und get¨o tet hab e. Gutrune ist außer sich vo r S chmerz und b eugt sich ¨ ub er
S iegfried s Leiche.
Als Gunther sich ihr n¨ahert, um sie zu tr¨o sten, st¨o ßt sie ihn weg und klagt ihn
d es Mo rd es an S iegfried an. Keine S ekund e glaub t sie an einen Jagd unfall. Gun-
ther verteid igt sich, er weist auf Hagen und meint, ihn so lle sie anklagen. Hagen
tritt n¨aher und verk¨ und et sto lz, er hab e S iegfried get¨o tet und erkl¨art sein An-
recht auf Beute. Er fo rd ert d en Ring. Gunther b estreitet jed o ch Hagens Recht
am Ring, er geh¨o re jetzt Gutrune als S iegfried s Erb in.
¨
Ub er d iese Frage ko mmt
es zum Kamp f zwischen Gunther und Hagen. Dab ei t¨o tet Hagen Gunther.
Nun schreitet Hagen zu S iegfried s Leiche, um ihr d en Ring zu entreißen. Do ch als
er versuchen will, ihn vo n S iegfried s Hand zu l¨o sen, heb t sich d ie Hand d ro hend
emp o r. S elb st d er hartgeso ttene Hagen schrickt o b d ieses Zeichens zur¨ uck.
In d iesem Augenb lick tritt Br¨ unnhild e auf. S ie ist am Rhein gewesen und hat d ie
ganze Intrige Hagens, sp eziell d en Vergessenstrank b etreffend , vo n d en Rhein-
t¨o chtern erfahren. S ie klagt d ie Versammelten an, nicht einmal w¨ urd ig um S ieg-
fried zu trauern. Als Gutrune ihr vo rwirft, f¨ ur d as ganze Ungl¨ uck verantwo rt-
lich zu sein, erkl¨art sie ihr, scho n S iegfried s Frau gewesen zu sein, b evo r d ieser
Gutrune ¨ ub erhaup t kannte. Jetzt wird auch Gutrune klar, was sie mit d em Ver-
gessenstrank angerichtet hat, d aß Br¨ unnhild e d ie Frau war, d ie S iegfried vergaß.
S cheu wend et sie sich vo n S iegfried s Leiche ab und wend et sich d em Leichnam
Gunthers zu.
Br¨ unnhild e b efiehlt d en Mannen, einen S cheiterhaufen zu errichten, um S ieg-
fried s sterb liche
¨
Ub erreste zu verb rennen. S ie verlangt S iegfried s Pferd Grane,
weil sie S iegfried s Lo s teilen will, auf d em S cheiterhaufen zu verb rennen. Auf
d em Pferd will sie hineinreiten.
Ihrem Befehl wird Fo lge geleistet. Br¨ unnhild e wend et sich d em to ten S iegfried
zu. S ie r¨ uhmt seine Treue, d ie ihresgleichen sucht, und b eweint seine Untreue,
d ie eb enfalls b eisp iello s ist. S ie b lickt nach o b en und klagt b itter d ie G¨o tter an:
O ihr, d er Eid e ewige H¨ uter!
Lenkt euren Blick auf mein b l¨ uhend es Leid :
erschaut eure ewige S chuld !
Meine Klage h¨o r’ , d u hehrster Go tt!
Durch seine tap ferste Tat,
d ir so tauglich erw¨ unscht,
weihtest d u d en, d er sie gewirkt,
d em Fluche, d em d u verfielest:
mich mußte d er Reinste verraten,
d aß wissend w¨ urd e ein Weib !
[...]
Ruhe, ruhe, d u Go tt!
S ie ergreift d en Ring und ruft d ie Rheint¨o chter auf, sich d en verfl uchten Ring
aus ihrer Asche zu ho len, um ihn vo llst¨and ig aufzul¨o sen und so vo m Fluch zu
reinigen.
Br¨ unnhild e schickt d ie b eid en Rab en, d ie auf einem Felsen am Ufer warten,
zur¨ uck zu Wo tan und weist sie an, vo rher am Walk¨ urenfelsen vo rb eizufl iegen
und d as d o rt lo d ernd e Feuer, Lo ge, nach Walhall zu send en. Die Rab en fl iegen
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fo rt, um d en Befehl auszuf¨ uhren. Das G´ ìì .J´nnn .&nn-n ì legt sich tragisch
¨ ub er d ie Musik. 1 ìì und 1n||´&. n.&] 1 ì k¨ und en zusammen mit d er Lo ge-
Mo tivik Br¨ unnhild es Ritt in d as Feuer an. In d en ho hen S treichern erklingt leise,
no ch nicht vo ll entfaltet und d o ch b ezaub ernd , d as h - /1.|´ -&nn-n ì , d ie
Blechb l¨aser into nieren d as 1 |J nn ì .
Br¨ unnhild e setzt d en S cheiterhaufen, wo rauf S iegfried s Leiche ruht, in hellen
Brand , b esteigt d as treue Pferd Grane, gr¨ ußt es, gr¨ ußt auch S iegfried und rei-
tet in d en S cheiterhaufen. Das Feuer lo d ert ho ch auf, umh¨ ullt sie und ergreift
d ie Halle d er Gib ichungen. M¨anner und Frauen fl iehen in d en Vo rd ergrund . Die
Halle st¨ urzt ein. Das Feuer erf¨ ullt d ie ganze B¨ uhne. Die Musik rast, ko cht, b ro -
d elt, verk¨ und et Vernichtung.
Da tritt d er Rhein ¨ ub er d as Ufer, ¨ ub erfl utet zischend d as Land . Die Rheint¨o ch-
ter ko mmen angeschwo mmen und ergreifen d en Ring. Hagen erschrickt, will sich
gierig d en Ring sichern und st¨ urzt sich wie vo n S innen in d as Wasser. Zwei d er
Rheint¨o chter tauchen ihn unter, er so ll nicht wied er auftauchen. Die d ritte im
Reigen h¨alt d en Ring im Triump h in d ie H¨o he. Die Ho lzb l¨aser b eschw¨o ren d ie
naiven Rheint¨o chter-Melo d ien aus d em

Rheingo ld “, als d ie Welt no ch unschul-
d ig war.
Am Himmel zeigt sich ein Feuerschein, d er immer heller wird : Es ist Walhall,
d as in Flammen steht. Der Zuschauer sieht d en S aal Walhalls, sieht d ie G¨o tter
und Held en, wie vo n Waltraute geschild ert, in Versammlung b ang sitzen. Die
G¨o tter werd en ganz vo m Feuer eingeh¨ ullt. Der Vo rhang f¨allt und macht d iese
alte Welt vo n Hab gier, Verrat und Mo rd vergehen. Die Musik hat d as letzte
Wo rt.
S cho n in d er langen Ansp rache Br¨ unnhild es hat sich zart ein Mo tiv anged eutet
vo n zaub erhafter S ch¨o nheit – d as h - /1.|´ -&nn-n ì , d as b isher nur ein
einziges Mal in d er

Walk¨ ure“ erklang. Dieses Thema hat einen d ie Mo tivik d es
ganzen

Rings“ sp rengend en Charakter. Es d eutet hinaus aus d er gewo hnten
Klangwelt, erscheint wie etwas nie Geh¨o rtes.
Zwischen Batterien massiver Blechb l¨aser, d ie schwer d as 1n||n|| 1 ì ¨ ub er-
steigern und d as 1 |J nn ì zu seiner gr¨o ßten glanzvo llen Entfaltung f¨ uhren,
steigt d ieses Mo tiv jetzt himmlisch zart herauf, verkl¨arend , wie vo n d er Ent-
stehung einer neuen Welt d er Lieb e zeugend . Der Geist d es Zuh¨o rers wird
vo llst¨and ig ergriffen vo n d ieser Musik.
Es ist eine Musik, wie sie nur Richard Wagner zu schreib en f¨ahig war.
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