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Fokus Menschenrechte

Nr. 21 / August 2015

Mit Eigentumsrechten gegen Hoffnungslosigkeit
Landkonflikte und Vertreibungen in Kambodscha
Khim Sophanna
Landkonflikte sind ein zentrales Problem in Kambodscha. Die Ursachen sind vielfältig, eine baldige Beilegung des Konfliktes ist nicht gegeben. Beobachter schätzen, dass die Regierung circa 20–30 Jahre für die
Vergabe offizieller Landzertifikate an alle Landbesitzer benötigen wird. Ein umfangreiches Landvermessungsprogramm, inklusive Lösungsmechanismen, sollte initiiert werden, um die wiederkehrenden Landkonflikte und daraus resultierende Zwangssiedlung und Zwangsvertreibung zu beenden.

Zusammenfassung
Konflikte um Land in Kambodscha sind ein akutes
Problem. Aufgrund der Schreckensherrschaft durch
die Khmer Rouge und der durch Vietnam eingerichteten sozialistischen Regierung von 1979-1989
wurde das Recht auf Privateigentum erst 1993
in der liberalen Verfassung wieder verankert. Der
Kampf um mehr Landbesitz, auf legale oder illegale
Weise, weitet sich aus. Die Einführung der wirtschaftlichen Landkonzessionen verschärfte diesen
Konflikt. In den meisten Fällen können vor allem
arme und ohnehin marginalisierte Bürger keine
ausreichenden Beweise oder offizielle Landzertifikate vorweisen. Landkonflikte, Zwangsvertreibung
und Zwangsumsiedlung werden weiter akute Konfliktthemen bleiben. Aus diesem Grund halten Vertreter von NROs einen inklusiven Konfliktlösungsansatz für notwendig.

Historische Hintergründe
Seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1953 gab es
in Kambodscha Privateigentum, auch in den ländlichen Gebieten. Nach dem Putsch in März 1970 versank das Land in politischen Unruhen und wurde in
den Vietnamkrieg hineingezogen. Dann erlangten die
Roten Khmer Anfang 1975 die Macht und begannen
das Land im ultraorthodox kommunistischen Sinne umzuwälzen. Gleich nach ihrem Sieg wurden alle
Stadtbewohner (Hauptstadt, Provinz- und Kreisstädte)
auf das Land zwangsumgesiedelt. Von dieser größten
Massenzwangsumsiedlung in der Geschichte Kambodschas waren mehr als zwei Millionen Bewohner
(von sieben Millionen Gesamtbevölkerung) betroffen.
Die Stadtbewohner wurden zu Zwangsarbeitern auf
dem Land und sollten Landwirtschaft und Bewässerungsanlagen aufbauen. Geld, Märkte, Universitäten
und sämtliches Privateigenturm wurden verboten. In
diesem Prozess verloren etwa 1,7 Millionen Menschen

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ihr Leben durch Exekution, Zwangsarbeit, Hunger und
Krankheit.
Mit der Unterstützung der Vietnamesischen Armee
wurde im Januar 1979 das Regime von Pol Pot vertrieben. Die von Vietnam neu gegründete Regierung
der Volksrepublik Kampuchea (1979–1989), die das
Land Richtung Sozialismus nach dem Sowjetischen
Model aufbauen wollte, führte zuerst Kollektiveigen-

Zwangsvertreibung – Worum geht es?
Das Büro der Kommission für Menschenrechte definiert Zwangsvertreibung als “unfreiwilligen Entzug
von Häusern und Land, direkt oder indirekt durch
den Staat organisiert. Es handelt sich um die effektive Eliminierung der Möglichkeiten eines Individuums oder einer Gruppe in einem bestimmten Haus,
Wohnort oder Gebiet zu leben und den organisierten (im Falle der Umsiedlung)oder nicht-organisierten (ohne Umsiedlung) Fortzug der vertriebenen
Personen oder Gruppe in andere Gebiete”.
tum und dann schrittweise Privateigentum wieder ein.
Durch die kollektive Nutzung vom Land stagnierte die
landwirtschaftliche Produktion und mit ihr die gesamte Wirtschaft. Dies führte dazu, dass die Regierung
später gezwungen war, Land an Bauern zu verteilen,
ohne eine ausreichend rechtliche Grundlage für Privateigentum geschaffen zu haben. Mit dem Abzug
der Vietnamesen 1989 und der Wiedereinführung
der Marktwirtschaft wurde dann offiziell Grund und
Boden an die Bevölkerung verteilt. Nach dem Pariser
Friedensabkommen 1991 und der Gründung des zweiten Königreichs 1993 wurde eine liberale Verfassung
erarbeitet und erlassen. In dieser Verfassung sind Pluralismus, Demokratie, Marktwirtschaft und Privateigentum fest verankert.
Seit der Abschaffung der Planwirtschaft sowie der
Wiedereinführung der Marktwirtschaft und von Privateigentum erfreut sich Kambodscha eines beständigen Wirtschaftswachstums. Anfangs wurde diese
Entwicklung durch sofortige Hilfsprogramme, dann
durch den allgemeinen Wiederaufbau gestützt. Zwischen 2000 und 2010 wuchs die Wirtschaft im Schnitt
jährlich um zehn Prozent. Vor dem Hintergrund dieses
Wirtschaftswachstums verteuerten sich zunehmend
die Grundstückspreise. Selbst nach der Weltwirtschaftskrise 2009–2011 wächst die kambodschanische Wirtschaft beständig 6–7%. Die wichtigsten

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Zweige sind der Bausektor, die Bekleidungsindustrie,
der Tourismus und die Landwirtschaft.

Die gegenwärtige Situation
2001 verabschiedete das Parlament ein neues Landgesetz. In diesem Gesetz werden drei Eigentumsarten
aufgeführt: Staatseigentum, Kollektiveigentum und
Privateigentum. Nach Schätzung der Regierung gibt es
insgesamt mehr als sieben Millionen Grundstücke, die
Landzertifikate benötigen. Gegenwärtig sind bereits
mehr als drei Millionen Eigentumstitel vergeben worden. Allerdings haben noch etwa die Hälfte der Landbesitzer keine Dokumente erhalten, die ihr Eigentum
rechtlich absichern. Sie besitzen meistens sogenannte
„weiche Eigentumstitel“, also Bescheinigungen, die
bislang nur von der jeweiligen Lokalverwaltung anerkannt sind. Die sogenannten „harten Eigentumstitel„
könnten nur durch die Behörden auf Provinzebene
bzw. das nationale Ministerium für Landverwaltung,
Stadtplanung und Konstruktion ausgestellt werden.
Es wird geschätzt, dass etwa 20% der Bevölkerung
Kambodschas „Landlose“ sind. Gründe dafür sind der
demographische Druck, Landverkauf zur Deckung von
Behandlungskosten im Krankheitsfall, da weder ein
soziales Netz noch ein funktionierendes Krankenver-

Die Opfer der Zwangsvertreibung sind oft hilflos und haben
nur selten persönliche und rechtliche Möglichkeiten ihr Eigentum zu schützen. Foto: CCIM, Kambodscha.

sicherungswesen existieren sowie Landverkauf wegen
Armut, oder Landverkauf aufgrund anderer sozialer
Probleme. Nicht zuletzt sind auch Zwangsvertreibungen ein Grund für die hohe Anzahl der Landlosen.
Durch das stetige wirtschaftliche Wachstum steigen
auch die Preise für Grund und Boden bestständig. Der
Kampf um mehr Landbesitz, auf legale oder illegale
Weise, weitet sich aus. Besonders in den dünn besie-

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delten Gebieten im Norden und Nordosten des Landes,
sowie auch in der Hauptstadt Phnom Penh wird der
Druck größer. Die lokalen Bewohner greifen zunehmend auf Rodungen der umliegenden Wälder zurück,
um sich Landbesitz anzueignen. Dies geschieht sowohl
mit als auch ohne Bewilligung der lokalen Behörden.
Dazu äußerte Ministerpräsident Hun Sen: „Wir haben im Moment viele Landkonflikte, da der Grundstückspreis zu hoch ist.“
Zu der generellen Problematik kam seit Anfang 2000
noch die Einführung der wirtschaftlichen Landkonzession (Economic Land Concession, ELC) hinzu. Diese ermöglicht es lokalen und ausländischen Firmen,
Land für agro-industrielle Plantagen bis zu 99 Jahre
zu pachten. Der Pachtpreis liegt zwischen einem und
zehn USD pro Hektar. Seit der Einführung haben mehr
als 200 Firmen etwa drei Million Hektar Land auf diese
Art und Weise von der Regierung gepachtet. In vielen
Fällen wurde die Zahlung von Schmiergeld an korrupte Beamte in Zusammenhang mit dem Abschluss solcher Pachtverträge bekannt, welche die Erteilung der
Konzessionen von den zuständigen Ministerien (Landwirtschaft, Umwelt usw.) absicherten. Die bestehende
Nutzung und Besitzverhältnisse der entsprechenden
Landflächen wurden meist nicht erörtert oder geprüft.
Nach Einschätzung von namhaften Menschenrechtsorganisationen wie Licadho und Cambodian Center for

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Am 3. Mai 2015 besuchte Sam Rainsy, Vorsitzender
der Oppositionspartei (Cambodia National Rescue Party,

Proteste der ehemaligen Anwohner Borei Keilas, einem Bezirk in Phnom Penh. Foto: CCIM, Kambodscha.

CNRP) eine Gruppe von landlosen Bauern im Kreis
Chhlong in der Provinz Kratie. “Wegen wirtschaftlicher Landkonzessionen, die die Regierung großen Firmen angeboten hat, wurden mehr und mehr Bauern
wie sie von ihrem Land vertrieben.”, so Sam Rainsy. Er
führte fort, dass die ELC Politik der Regierung viele Familien in “eine hoffnungslose Situation” geführt habe.
Landkonflikte sind zum chronischen Problem geworden. Fast täglich versammeln sich Betroffene in Phnom Penh oder auf dem Land, um Proteste gegen die
verantwortlichen Firmen zu organisieren. Die Konflikte können in drei Kategorien eingeteilt werden.
• Konflikte zwischen Bauern aus der lokalen
Bevölkerung mit ELC Firmen
• Konflikte zwischen Bauern aus der lokalen Bevölkerung mit einflussreichen Geschäftsleuten
und Politikern
• Konflikte zwischen Bauern aus der lokalen Bevölkerung mit korrupten lokalen Behörden

Gewaltsames Vorgehen gegen friedlichen Protest ehemaliger Anwohner des Boeung-Kak-See.
Foto: CCIM, Kambodscha.

Es gibt sechs Hauptursachen für die Landprobleme:

Human Rights (CCHR) sind mehr als 500.000 Kambodschaner direkt oder indirekt von Konflikten um Land
betroffen. Allein in den ersten drei Monaten 2014 gab
es etwa 2.000 betroffene Familien von denen viele
zwangsumgesiedelt wurden.
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• unvollständige Berichte der lokalen Behörden
über die Verfügbarkeit von Land an die verantwortlichen Ministerien
• Die Vergabe von Grundstücken an ELC Firmen
wird unter unzureichender Begutachtung und
Bewertung der tatsächlichen Landnutzung vor
Ort durchgeführt

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• Illegale Abholzung und Landbesitznahme von
bewaldeten Flächen in formalem Staatsbesitz
durch lokale Anwohner und einflussreiche
Personen
• Mangelende Transparenz in der Verwaltung
vom Staatseigentum
• Schwache Judikative
• Korruption
In den meisten Fällen fallen arme und ohnehin marginalisierte Menschen Gewaltanwendung, Vertreibung
und Zwangsumsiedlung zum Opfer, da sie keine ausreichenden Beweise oder offizielle Landzertifikate vorweisen
können. Ihnen stehen einflussreiche Geschäftsleute gegenüber, die ihre Dokumente häufig
durch korrupte Praktiken erhalten haben.

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eine interministeriale Kommission unter der Leitung
eines Vize-Premierministers eingesetzt. Dieses Gremium wurde auch auf der Provinzebene eingesetzt.
Im Parlament und im Senat sind nun die Menschenrechtsausschüsse, neben allgemeinen Menschenrechtsfragen, auch für Landbeschwerden zuständig.
Beide zuständige Ausschüsse werden von der Opposition geleitet. Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen wie ADHOC, LICADHO, Cambodian Center for Human
Rights (CCHR) usw. sind seit Jahren in diesem Bereich
aktiv, um betroffenen Personen, Gruppen sowie Familien rechtlich oder aus der Not zu helfen.

Um diese Probleme zu lösen hat
die Regierung mit eigenen Mitteln sowie mit technischer und
finanzieller Unterstützung der
Geberländer und Geberinstitutionen wie Finnland (Finnmap),
Deutschland (GIZ) und der Weltbank umfangreiche Programme
zur Erstellung von Landzertifikaten durchgeführt. Bis zum 30.
November 2014 wurden mehr Proteste der Gemeinschaft vom Boeung-Kak-See, vor der Zwangsuvertreibung im nördals 3,8 Millionen Landzertifikate lichen Teil der Hauptstadt Phnom Penh angesiedelt. Foto: CCIM, Kambodscha.
(von insgesamt sieben Millionen) für die Bevölkerung ausgestellt. Da aber etwa für
Künftige Perspektive
die Hälfte der Grundstücke in Kambodscha noch keine
Landkonflikte, Zwangsvertreibung und Zwangsumoffiziellen Dokumente ausgestellt wurden, bleibt posiedlung werden weiter akute Konfliktthemen bleiben,
tentieller Sprengstoff für Konflikte um Land erhalten.
solange Korruption in der Vergabe weiter gängige PraWegen Korruption und Zwangsvertreibung im Fall des
xis bleibt. Regierung und Geberinstitutionen bemühen
Boeung-Kak-Sees hat die Weltbank ihre umfangreisich, Landbemessungsprogramme voranzutreiben und
chen Unterstützungsprogramme bereits 2010 eingeLandzertifikate zu vergeben. Beobachter spekulieren,
stellt. Dennoch erlies die Regierung im Jahr 2012, ein
dass mit dem jetzigem Tempo die Regierung ca. 20–30
Jahr vor den Nationalwahlen, die Direktive 001 des
Jahre benötigen wird, um für alle Landbesitzer offiMinisterpräsidenten. Ihr Ziel war Land für Bauern in
zielle Landzertifikate vergeben zu können. Chak Soden Konfliktgebieten zu vermessen und Landtitel zu
pheap, Exekutive Direktor von CCHR, befindet einen
vergeben, wobei tausende Studenten eingesetzt wurinklusiveren Ansatz zur Lösung der Landkonflikte und
den.
Landwegnahme für notwendig. So schrieb sie an den
Ministerpräsidenten Hun Sen Anfang 2014: “Ich glauDerzeit sind einige kambodschanische Institutionen
be, dass die Regierung und verantwortliche Ministerimit der Lösung der Landkonflikte beauftragt. So wurde
en für den Prozess relevante, inklusive und öffentliche
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Konsultationen mit allen betroffenen Gemeinden und
zivilgesellschaftlichen Akteuren organisieren sollten,
um die Politik zur Landsituation in Kambodscha zu
diskutieren und Lösungen zu finden.”

Schlussfolgerung

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Die Opfer sind arme und schwache Bevölkerungsgruppen. Ein umfangreiches Landvermessungsprogramm
und inklusive Lösungsmechanismen sollten initiiert werden, um die wiederkehrenden Landkonflikte
und daraus resultierende Zwangsumsiedlungen und
Zwangsvertreibungen zu beenden.

Zwangsvertreibung und Zwangsumsiedlung wird ein
zunehmend ernsteres Problem für Kambodscha. Die
einflussreichen Leute in Wirtschaft und Kreisen des
Militärs bleiben wegen ihrer nahen Verbindung zur
führenden Volkspartei von strafrechtlicher Verfolgung
unbehelligt.
Khim Sophanna ist Programm-Direktor im Kambodscha-Projekt der FNF

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