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Hintergrund

:
Russland
Nr. 47 / 12. August 2015

Regionalwahlen 2015 – Ausschluss von Opposition
Julius von Freytag-Loringhoven & Louise von Wallmoden

Zusammenfassung
Am 13. September 2015 finden in zahlreichen russischen Regionen Wahlen von
Gouverneuren und Regionalparlamenten statt. Doch bereits einen Monat vor der
Wahl steht fest, dass profilierte Oppositionszusammenschlüsse um die liberale
Republikanische Partei Russlands – Partei der bürgerlichen Freiheit (RPRPARNAS) und um die liberale Partei „Bürgerinitiative“ von der Wahl ausgeschlossen bleiben. Die Partei „Jabloko“ bleibt die einzige liberale Oppositionspartei, die
zu den Wahlen zugelassen ist. Dass im Juli 2015 unerwartet in Moskau das Büro
der wichtigsten unabhängigen russischen Wahlbeobachtungsorganisation „GOLOS“ (dt.: „Stimme“), genauso wie die Privatwohnungen ihres Führungspersonals,
durchsucht wurde – vorgeblich wegen Steuerfragen – kann als weiteres Zeichen
der Nervosität der Behörden vor den Wahlen gedeutet werden.

Hintergrund: Russland Nr. 47 / August 2015

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Die Rahmenbedingungen im Jahr 2015
Seit 2014 ein neues Wahlgesetz in Kraft trat, können Kandidaten nicht im Parlament vertretener Parteien nur an Wahlen teilnehmen, wenn sie eine bestimmte Anzahl an Unterschriften in ihren Wahlbezirken gesammelt haben. Einzige Ausnahme dabei bleibt die liberale Partei „Jabloko“, die bei den
Dumawahlen 2011 über 3% erhalten hatte und deshalb regulär, auch ohne Unterschriften, an den
Wahlen teilnehmen darf. Um die Chancen einer erfolgreichen Teilnahme zu steigern, schlossen sich
mehrere demokratische Parteien und Kandidaten zusammen. [Siehe: Brennpunkt: Russland (212015)]. Der bekannte Oppositionelle Alexey Navalny und seine Partei „Fortschritt“ hatten sich für die
Wahl mit RPR-PARNAS zusammengeschlossen. Auch die aus der Protestbewegung von 2011/2012
entstandene liberale „Partei des 5. Dezember“, die Libertäre Partei Russlands sowie die liberalkonservative Partei „Demokratische Wahl“ waren der Koalition beigetreten. Kurz nach der Gründung
hatte sich eine zweite Koalition um die Partei „Bürgerinitiative“ des ehemaligen Wirtschaftsministers
Andrey Nechaev abgespalten, unterstützt von einer Reihe von bekannten liberalen (Vladimir Ryzhkov
und Maxim Katz) und sozialdemokratischen (Dimitri und Gennadi Gudkov) Oppositionspolitikern. Beide
Koalitionen planten in den meisten Regionen miteinander zu kooperieren, genauso wie mit der Partei
„Jabloko“. Und beide Koalitionen versuchten ihre Mittel entsprechend eigener regionaler Stärken zu
bündeln. Das Bündnis um PRP-PARNAS konzentrierte sich auf vier Regionen (Kaluga, Kostroma,
Magadan und Novosibirsk), das Bündnis um die Partei „Bürgerinitiative“ allein auf Kaluga und
Magadan. In den vergangenen Wochen wurden in diesen Regionen entsprechend fleißig Unterschriften gesammelt. Doch nun wenige Wochen vor der Wahl scheinen die letzten Hoffnungen auf eine
Teilnahme zu schwinden. In allen genannten Fällen wurden die gesammelten Unterschriften der Bewohner, die für eine Registrierung und Teilnahme an den Wahlen notwendig sind, von den jeweils
zuständigen Wahlkommissionen nicht anerkannt.
Kaluga – Autostadt an der Oka in Zentralrussland
In Kaluga wurden von der regionalen Wahlkommission weder die Unterschriften von RPR-PARNAS
noch die der „Bürgerinitiative“ anerkannt. Die Partei PRP-PARNAS kündigte daraufhin an, nicht an der
Wahl teilzunehmen. Es wurden insgesamt 6.300 Unterschriften gesammelt, von denen 2.500 gefälscht
zu sein schienen. Vertreter beider Wahlbündnisse beschuldigten Kreml-nahe Aktivisten, sich dem
Wahlkampfstab angeschlossen zu haben, um gezielt und systematisch Unterschriften zu fälschen.

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Kostroma – Heimat der Romanows an der Wolga
Der bekannte liberale Politiker Andrey Pivovarov
aus St. Petersburg wurde als Leiter des Wahlkampfstabes von RPR-PARNAS in Kostroma im
Juli verhaftet. Seine Haftstrafe von zwei Monaten deckt den gesamten Zeitraum des Wahlkampfes ab. Ihm wird vorgeworfen, sich illegal
Zugang zu Personaldaten verschafft zu haben.
Laut Pivovarovs Anwälten seien jedoch bei der
Verhaftung einige Fehler unterlaufen. Dem Angeklagten wurde nicht mitgeteilt, was genau
der Grund der Anklage sei. Das Gericht entschied zudem, ihn auch nicht auf Kaution auf
Andrey Pivovarov, Facebook-Seite
freien Fuß zu setzen. Ein breiter Aufruf russischer
Intellektueller und Politiker Pivovarov freizulassen wurde bislang noch nicht beantwortet. Der Vizepräsident von Liberal International Markus Löning
(FDP) fordert, Pivovarov unmittelbar auf freien Fuß zu setzen: „Die Verhaftung von Andrey Pivovarov
passt in das Bild von Schikanierung und Behinderung liberaler Politiker, die sich in Russland an Wahlen beteiligen. Er ist unter dubiosen Vorwürfen mitten im Wahlkampf verhaftet und eingesperrt worden. Wieder einmal werden in Putins Russland Wahlkämpfer unter Druck gesetzt und verfolgt. Das
widerspricht den von der russischen Verfassung garantierten Rechten und den Verpflichtungen Russlands aus seiner Mitgliedschaft im Europarat, freie und faire Wahlen abzuhalten. Ich fordere die russischen Behörden auf, die Rechte ihrer Bürger auf freie Meinungsäußerung und freie Wahlen zu achten
und zu schützen und Andrey Pivovarov unmittelbar auf freien Fuß zu setzen." Wolfgang Gerhardt, der
Vorstandsvorsitzende der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, verlangte Pivovarovs Freilassung mit den Worten: „Der unbegründete Freiheitsentzug ohne Prozess des liberalen Oppositionspolitikers Andrey Pivovarov, und das mitten im Wahlkampf, wirft ein schlechtes Licht auf die russischen
Behörden. Ich fordere die Behörden in Kostroma auf, die von der russischen Verfassung garantierten
Rechte auf freie Wahlen sowie einen fairen Prozess zu wahren und zu respektieren und Andrey
Pivovarov unmittelbar aus der Haft zu entlassen!“
Magadan – Eisfreier Hafen im Nördlichen Pazifik
In der Region Magadan im Fernen Osten Russlands wurden weder die Unterschriftensammlungen von
RPR-PARNAS noch die der „Bürgerinitiative“ anerkannt. Beispielsweise wurden 25 der 614 Unterschriften für Georgy Alburov, Kandidat für die Magadaner Regionalwahlen und Mitarbeiter in Navalnys Stiftung gegen Korruption, aberkannt. Ein Unterschriftensammler soll in seinem Fall die Unterschriften gefälscht haben, indem er Wählern 300 Rubel für ihre Unterschriften bot. In Magadan wurde
daraufhin von RPR-PARNAS eine Beschwerde gegen die Wahlkommission eingereicht, um den Fall,
wenn nötig, vor Gericht entscheiden zu lassen. Oppositionelle Aktivisten planen zudem eine Kampagne gegen Vertreter der regierenden Partei „Einiges Russland“. Alburov schrieb Anfang August in seinem
Blog: „Jeder Bewohner der Region Magadan soll wissen, dass die Region von teuflischen Betrügern
regiert wird, die ihre Mandate kaufen, und den Versuch ehrliche Vertreter zu wählen verhindern.“

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Nowosibirsk – Metropole Westsibiriens
In der drittgrößten Stadt Russlands wurde die RPR-PARNAS-Liste von der Wahlkommission abgelehnt, weil nach offiziellen Angaben 1.487 der 11.682 gesammelten Unterschriften ungültig gewesen
seien. Entsprechend fehlten 470 Unterschriften, um sich für die Wahl registrieren zu können. Die
meisten der für ungültig erklärten Unterschriften seien nicht in einer Datenbank der regionalen Gliederung des „Föderalen Migrationsdienstes“ (FMS) erkannt worden. Leonid Volkov, Leiter der Wahlkampagne des Bündnisses in Nowosibirsk, schrieb daraufhin in seinem Blog: „Die Datenbank war veraltet
und voll von Fehlern, doch die Behörden lehnten alle Erklärungen und Begründungen ab. Es gebe keinen Grund, dem FMS nicht zu glauben.“ Volkov schrieb zudem: „Wenn die Datenbank zum Beispiel
Informationen über eine Person enthält, deren Pass von der UdSSR ausgestellt worden ist, und wir
eine neuere Nummer in unserer Unterschriftenliste haben, ist das unser Fehler oder eurer?“. Darauf sei
von der Stelle geantwortet worden, dass die Daten des FMS korrekt und aktuell seien. Der Wahlkampstab verdächtigte zudem einige Unterschriftensammler, gezielt die Unterschriften gefälscht zu haben.
Diese Anklage von Unregelmäßigkeiten wurde von den Behörden jedoch RPR-PARNAS vorgeworfen.
Der Behördensprecher Vladimir Markin verlautbarte: „Die Ermittlungsbehörde in Nowosibirsk überprüft
die Klage eines Bürgers Nikiforov, er habe kein Honorar für das Sammeln von Unterschriften erhalten.
Wir ermitteln wegen Betrugs. Und wir werden prüfen, ob die Partei PARNAS der Wahlkommission in
Nowosibirsk absichtlich gefälschte Unterschriftenlisten vorgelegt hat.“ Die Kandidaten Egor Savin und
Sergei Boyko sowie der Wahlkampfleiter Leonid Volkov traten daraufhin aus Protest in den Hungerstreik, welcher am vergangenen Sonntag aus gesundheitlichen Gründen beendet werden musste, als
Sergei Boyko in eine Intensivstation verlegt wurde.
Bewertung der Geschehnisse im Vorfeld der Regionalwahlen 2015
Oppositionsführer aller betroffenen Oppositionsparteien, angefangen mit Mikhail Kasianov und Alexey
Navalny, machen den Kreml für die enormen Schwierigkeiten bei den Regionalwahlen verantwortlich.
Der Wunsch, die Opposition so stark wie möglich an der Teilnahme an den Wahlen zu hindern, sei
daher leicht zu erklären. Navalny drückte das so aus: „Der Kreml fürchtet Wahlen zu jedem Zeitpunkt.“ In der Moscow Times vom 10. August 2015 sagte der unabhängige Politikwissenschaftler Dimitry Oreshkin in Hinblick auf die Situation in Nowosibirsk: „Die Hilfsmittel von (Vladimir) Churov
(dem Vorsitzenden der russischen Zentralen Wahlkommission, der schon seit 2011 beschuldigt wird,
Wahlergebnisse im Sinne des Kremls zu fälschen) sind nicht endlos.“ Im Juli wurden bereits die Büros
von GOLOS, der größten und wichtigsten unabhängigen Wahlbeobachtungsorganisation Russlands,
und die Privatwohnungen ihrer Leitung durchsucht und eine Reihe von Dokumenten und Computern
beschlagnahmt, angeblich um in einem Steuerverfahren aufzuklären. Dass aber der Druck auf unabhängige Wahlbeobachter zu einem solchen Zeitpunkt steigt, ist kein gutes Zeichen. Andrey Buzin,
Direktor von GOLOS, erklärte zu den Vorkommnissen in den genannten Regionen recht nüchtern: „Es
ist recht schwierig, die Stimmen (bei den Wahlen) zu verfälschen, denn das wäre ein Verbrechen. Die
Ablehnung der Registrierung (aufgrund einer unzureichenden Nummer von Unterschriften) dagegen ist
der einfachste Weg.“ Laut Buzin habe die Koalition keine Chance, solange die veraltete BürgerDatenbank des FMS weiterhin genutzt werde, denn mit ihren fehlerhaften und veralteten Datensätzen
wurde wiederholt Oppositionskandidaten die Teilnahme an Wahlen verweigert.

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Unabhängig davon, welche Datensätze zur Überprüfung angelegt würden, zeige der rabiate und kompromisslose Umgang mit den unabhängigen Partei-Gruppierungen, wie groß die Nervosität der russischen Behörden vor jeder Form von Opposition und Unabhängigkeit geworden ist. Auch das harte Vorgehen gegen GOLOS scheint darauf hinzudeuten, dass man sich im Kreml über die im Juni 2015 gemessene Rekordzustimmungsrate des Präsidenten von 89% angesichts der beginnenden Wirtschaftskrise nicht so sicher zu sein scheint.
In seinem letzten Interview beim Radiosender „Echo Moskvy“ am 27. Februar 2015 sagte der ermordete liberale Oppositionspolitiker Boris Nemtsov, Co-Vorsitzender von RPR-PARNAS: „Wir glauben, dass
eine Reihe von politischen Veränderungen essentiell sind, um Ordnung im Land einkehren zu lassen
und die Krise bewältigen zu können. Insbesondere sind ehrliche Wahlen mit natürlich auch der Teilnahme der Opposition essentiell und ein Ende der Zensur.“

Julius von Freytag-Loringhoven ist Projektleiter der FNF für Russland und Zentralasien mit Sitz in
Moskau.
Louise von Wallmoden ist Praktikantin im Moskauer Büro der FNF.

Impressum
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF)
Bereich Internationale Politik
Referat für Querschnittsaufgaben
Karl-Marx-Straße 2
D-14482 Potsdam

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