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Biologische Invasionen.

Eine Herausforderung zum
Handeln?
Ziele und Ergebnisse der ersten Berliner NEOBIOTA-Tagung
Ingo Kowarik & Uwe Starfinger
Institut für Ökologie, TU Berlin, Rothenburgstr. 12, 12165 Berlin, kowarik@tu-berlin.de

1. Hintergrund
Biologische Invasionen sind ein weltweites
Problem. Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen, die sich aufgrund menschlicher Mithilfe außerhalb ihrer Entstehungsgebiete ausbreiten, gelten als ein
wesentlicher Gefährdungsfaktor der Biodiversität. Sie verursachen zudem Kosten
in Milliardenhöhe. In einem erdgeschichtlichen Wimpernschlag wurden in der
Neuzeit räumliche Barrieren überwunden,
die seit Beginn des Tertiärs Bestand hatten. Die evolutionären Konsequenzen
sind unabsehbar. Die bekannten Probleme
haben jedoch bereits im Übereinkommen
über die Biologische Vielfalt von 1992 zu
einer völkerrechtlich verbindlichen Regelung geführt. Artikel 8h enthält die Verpflichtung “soweit wie möglich und sofern
angebracht, ... die Einbringung nichtheimischer Arten, welche Ökosysteme, Lebensräume oder Arten gefährden, [zu] verhindern, diese Arten [zu] kontrollieren oder
[zu] beseitigen”. Die hieraus resultierende
Verpflichtung zum Handeln ist auch für
Deutschland bindend. Sie bedeutet für
Politik und Wissenschaft gleichermaßen
eine Herausforderung.
Hinsichtlich des Stellenwertes der
Invasionsproblematik scheint es zwischen
Mitteleuropa und vielen anderen Teilen
Welt erhebliche Unterschiede zu geben.

Der in den Viktoriasee eingesetzte Nilbarsch (Lates niloticus) hat mehr als hundert
endemische Fischarten ausgerottet. Im
südlichen Afrika belasten eingeführte Gehölze den bereits angespannten Wasserhaushalt und gefährden die einzigartige
Fynbos-Vegetation. Solche und viele andere Fälle sind verstärkt seit Anfang der
1980er Jahre dokumentiert worden
(SCOPE-Programm zur “Ecology of Biological Invasions”; Drake et al. 1989). Im
nachfolgenden “Global Invasive Species
Programme” (GISP) werden seit 1997 Anstrengungen zur Identifikation problematischer Arten sowie zu Gegensteuerungsmaßnahmen international koordiniert.
In Deutschland reicht die invasionsbiologische Forschung weit in die erste Hälfte
des 19. Jh. zurück. In der naturgeschichtlichen Tradition werden bis heute Veränderungen der Floren und Faunen durch
neue Arten detailliert registriert. Arbeiten
über die ökologischen und ökonomischen
Konsequenzen sind dagegen seltener. Trotz
hervorragender Fallstudien fällt die summarische Einschätzung der Problemlage
schwer. Bislang scheint in Deutschland
keine Art durch eine eingeführte Art ausgerottet worden zu sein. Ob dies jedoch auch
für Taxa unterhalb des Artniveaus gilt, ist
bereits fraglich. Sicher ist, dass auch in
Deutschland Lebensgemeinschaften in
ihrer Zusammensetzung und Struktur
erheblich durch die Ausbreitung von Pflan-

In: Kowarik, I. & Starfinger, U. (Hrsg.) 2002: Biologische Invasionen.
Herausforderung zum Handeln? NEOBIOTA 1: 1-4

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und anwendungsorientiert arbeitende Wissenschaftler. Oktober 2000 eine Tagung mit dem Titel “Biologische Invasionen: Herausforderung zum Handeln” statt. Die Einsicht. sofern sie nötig und sinnvoll sind. Als Voraussetzung hierfür müssen die Auswirkungen biologischer Invasionen verstanden und bewertet werden. jedoch selbst bei auffälligen Arten noch nicht in Gänze verstanden. Kowarik & U. müssen Veränderungen durch nichteinheimische Organismen und ihre Folgen bekannt sein. Weiter sind die Erfolgs2 aussichten von Gegenmaßnahmen zu prüfen. Daraus ergaben sich die vier Hauptziele der Tagung: – Analyse und Bewertung der Auswirkungen biologischer Invasionen auf verschiedenen ökologischen Ebenen – Identifikation von Arten. terrestrische. die Ökosysteme oder deren Teile bedrohen. zur Gefährdung oder Bereicherung der Tier. die im gesellschaftlichen Diskurs zu finden sind. Naturschutzfachleute und Juristen trafen aufeinander. Artikel 8 h der Biodiversitätskonvention enthält darüber hinaus ein Abwägungsgebot. Die Bekämpfung nichteinheimischer Arten ist in vielen Gebieten Alltagsgeschäft. Der Erfolg ist häufig jedoch sehr beschränkt. Ausbringung und Ausbreitung solcher gebietsfremder Tier. der Einführung. Sie waren mit ersten Ergebnissen bereits unmittelbar nach der Tagung vorgelegt worden (Kowarik & Starfinger 2001). Sie wurde daher in mehrfacher Beziehung interdisziplinär angelegt: Grundlagen. bis 7. im Naturschutzrecht trotz vorhandener Bestimmungen jedoch noch nicht. hatte ein Jahr zuvor zur Gründung der . Naturschutz und Reaktorsicherheit gefördert. ob Gegenmaßnahmen angemessen oder übertrieben sind – die Beantwortung solcher Fragen bis hin zur gesetzlichen Regelung baut auf normativen Grundlagen auf. dass zumeist sektoral arbeitende Spezialisten im Bereich der invasionsbezogenen Forschung und Praxis nur gemeinsam zu einer realistischen Einschätzung des Stellenwertes biologischer Invasionen in Deutschland und der notwendigen Konsequenzen gelangen können.und Pflanzenarten (Neobiota) entgegenzuwirken. 2.I. Internationale Erfahrungen wurden durch eingeladene Spezialisten eingebracht. Ziele der Tagung Deutschland hat sich mit der Ratifizierung der Biodiversitätskonvention verpflichtet. war das Hauptziel der Berliner Tagung. Andere ökosystemare Folgen sind wahrscheinlich. Der vorliegende Band versammelt die Langfassung der Beiträge zu dieser Tagung. Botaniker und Zoologen. Um die Anforderungen aus der Biodiversitätskonvention erfüllen zu können. Rechtliche Regelungen sind vor allem im Pflanzenschutzrecht etabliert. Starfinger zen und Tieren verändert worden sind. Hierzu einen Beitrag zu leisten. Ob sie jedoch negativ oder positiv zu bewerten sind. limnische und marine Systeme wurden behandelt. Das Programm enthielt insgesamt 27 Vorträge und 25 Poster.und Pflanzenwelt führen. Vor diesem Hintergrund fand vom 4. Sie wurde vom Institut für Ökologie der TU Berlin für die Arbeitsgemeinschaft NEOBIOTA organisiert und vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt. da Maßnahmen nur einzuleiten sind. die allgemein oder in bestimmten Situationen problematisch sind – Aufzeigen und Evaluierung von Gegensteuerungsmöglichkeiten – Identifikation von Forschungsdefiziten. Ergänzend sind Abstracts weiterer Beiträge aufgenommen worden.

tu-berlin. Die AG NEOBIOTA versteht sich als Initiative für theoretische und angewandte Forschung und auch als eine Beratungsstelle für Politik und Gesellschaft. die aus der Ausbringung und Aus3 . in der im zweijährigen Rhythmus über Fortschritte und neue Herausforderungen diskutiert werden soll. Die Folgetagung findet im Oktober 2002 in Halle statt. Am 9. April 1999 haben 25 Ökologen in Berlin eine „Arbeitsgemeinschaft biologische Invasionen“ mit dem Kurznamen NEOBIOTA gegründet und Ingo Kowarik zum Sprecher gewählt. ökologischen und nutzungsbezogenen Daten zugänglich sein. Der Bezugsraum der Arbeitsgemeinschaft ist Mitteleuropa. um laufende Invasionsprozesse besser zu verstehen und zukünftige frühzeitig erkennen zu können. Zwischen angenommenen und belegten Auswirkungen biologischer Invasionen besteht eine beträchtliche Diskrepanz. um die Folgen ausgewählter Taxa auf verschiedenen raum-zeitlichen Maßstabsebenen und die ihnen zugrundeliegenden Mechanismen herauszuarbeiten. Zur Veröffentlichung gelangen Tagungsberichte oder Monographien mit invasionsbiologischem Schwerpunkt. inwieweit Invasionsprozesse von menschlichen Einflüssen gesteuert sind. Neben Untersuchungen zu bekannten Schlüsselarten sollten verstärkt Folgen untersucht werden. Wesentlicher Ansatz hierbei ist die integrative. Auswirkungen und zugrundeliegende Mechanismen. Dabei sollten ökologische. Die Berliner NEOBIOTA-Tagung war Auftakt einer Tagungsserie. Zum Vorkommen von Neobiota bestehen viele Daten. Beziehungen zwischen verschiedenen Trophiestufen und die Frage. Ergebnisse der Berliner Tagung: Was ist zu tun? Invasionsarten und Invasionsmechanismen.de/~neobiota). Neobiota ist ein neuer “umbrella term”. Der vorliegende Tagungsband bildet zugleich den Auftakt der neu begründeten Schriftenreihe NEOBIOTA. Aufgrund der Artenvielfalt vieler Gruppen besteht bei Tieren ein erheblicher Nachholbedarf. genetischen. disziplinenübergreifende. der die Gesamtheit der nichteinheimischen Taxa ohne Wichtung ihrer systematischen Stellung oder taxonomischen Rangstufe wertneutral und international kompatibel bezeichnet (genauere Definition im Beitrag von Kowarik in diesem Band). genetische und ökonomische Konsequenzen betrachtet werden. Der bei dieser Gelegenheit neu gefundene Terminus Neobiota ist auch ein Ausdruck des integrativen Ansatzes der Arbeitsgemeinschaft. Sie ist ein Publikationsorgan für Arbeiten aus den Bereichen der allgemeinen und angewandten Invasionsbiologie. Dauerflächenanalysen und Monitoringprogramme sind wesentliche Ansätze für das Verständnis und die Vorhersage von Invasionsprozessen. Die Untersuchungen zur Ausbreitung von Neobiota sollten fortgeführt werden.Vorwort Arbeitsgemeinschaft NEOBIOTA geführt. Vorhandene Daten sollten systematisch ausgewertet und in Datenbanken mit taxonomischen. wobei die internationalen Bezüge angesichts der weltweit organisierten invasionsbiologischen Forschung und Praxis unverzichtbar sind (nähere Informationen unter www. chorologischen. Hierzu zählen neben artspezifischen und umweltbezogenen Merkmalen genetische Prozesse. Invasionsbestimmende Mechanismen und Faktoren sollten gezielt untersucht werden. Ebenso fehlen Übersichten zu Hybriden bei Pflanzen und Tieren. Hier sind detaillierte Studien notwendig. Wissenschaft und Praxis verbindende Annäherung an die verschiedenen invasionsbiologischen Fragestellungen. 3.

Poggendorf. Il-Ki Choi. Goetz Rheinwald zustande gekommen. L. B. Erprobung und Validierung von Management-Maßnahmen besteht ein großer Optimierungsspielraum. Bekämpfungen von Neobiota sind häufig wenig erfolgreich. Yoganathan & S. Clauss. Bei der Organisation und Durchführung haben nahezu alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Fachgebietes Pflanzenökologie sowie weitere Kollegen des Instituts für Ökologie der TU Berlin mitgewirkt: U. Kowarik & U. H. Udo Bohn ein jederzeit ansprechbarer Partner war. in dem Dr. Zielkonflikt zwischen Saatgutverkehrsgesetz und Bundesnaturschutzgesetz bei der Ausbringung gebietsfremder Pflanzen). Naturschutz. Seitz. R. J. M. Zerbe. S. – John Wiley & Sons. Hierbei sollten entgegen der gängigen Praxis eine Kosten-Nutzen-Analyse und eine Prüfung der Erfolgsaussichten vorgeschaltet werden. U. K. H. A. F. IPPC) sowie bei sekundären Ausbringungen innerhalb Deutschlands. Toronto. die ein wesentlicher Steuerungsfaktor von Invasionsprozessen sind. Bartz. . Heimann. Starfinger (Eds. G. Meißner. Literatur Drake. Der Band wäre in seiner jetzigen Form jedoch nicht ohne den engagierten. Ihre Validierung wird dadurch erschwert. R. Beiträge des vorliegenden Bandes sind von Mitgliedern des Herausgeberbeirats und weiteren Experten begutachtet worden. Kowarik. Williamson (Eds. Ch. Trippler. Kähler. 1989): Biological invasions. Ihm gebührt der Dank für das Gelungene. Eine weitere Aufgabe besteht im Abgleich der Ziele verschiedener Gesetze (z. Vater. Kalhoff. Heink. M. Hierfür bietet das Bundesnaturschutzgesetz mit dem Genehmigungsvorbehalt für die Ausbringung gebietsfremder Pflanzen und Tiere ein erfolgverspre4 chendes Steuerungsinstrument. Gladitz. Maurer. A. J. M. F. I. Roloff. Kniesche. Langner. I. der die Schriftleitung der Schriftenreihe Neobiota übernommen hat. Kuznik. Angesichts beschränkter Erfolgsaussichten von Bekämpfungen sollten präventive Maßnahmen Vorrang haben und auf zwei räumlichen Ebenen ansetzen: bei Ersteinführungen an der Grenze Deutschlands (z. Chichester. N. Bethge. G. Bonn. T.. Lagies. J. di Castri. H. Dehnen-Schmutz.a Challenge to Act? – BfN-Skripten 32. im Rahmen des internationalen Pflanzenschutzrechts. Peschel. Singapore. Kruger. New York. Ökologen und Vertretern betroffener Landnutzungen erarbeitet werden. Brande. H. Dank Tagung und Tagungsband wären ohne Unterstützung zahlreicher Institutionen und Personen nicht zustande gekommen. Grandy. dass der Ausgangszustand. 2001): Biological Invasions in Germany . Entsprechende Ansätze sollten interdisziplinär von Ökonomen. B.I. Starfinger breitung gebietsfremder Herkünfte und Kultursippen einheimischer Arten erwachsen. 104 pp. Bangert. A. R. Yeon Mee Lee. Intae Choi. F. Besondere Defizite bestehen bei der ökonomischen Bewertung. Hinz. die Maßnahmen und ihr Erfolg meist nicht dokumentiert werden. Bei der Entwicklung. & U. Evolutionäre Konsequenzen biologischer Invasionen sollten auch mit molekularbiologischen Methoden erhellt werden. A global perspective. S. Mooney. Küster. für verbliebene Fehler tragen die Herausgeber die Verantwortung. W. fachkundigen und vor allem auch geduldigen Einsatz von Dr. Für die finanzielle Förderung von beidem bedanken wir uns beim Bundesumweltministerium und beim Bundesamt für Naturschutz. Sukopp. K. B. Auch die TU Berlin hat die Tagung unterstützt. Wolter. P. Falk.. U. G.. Darius. Vorbeugung und Gegensteuerung. Brisbane. B. K. Schümann. G. J. Koch. M. Barnert. A. Zur Bewertung biologischer Invasionen sind geeignete Ansätze zu entwickeln und zu erproben. Die Bekämpfung individuenstarker Populationen sollte in der Regel auf das Eindämmen lokaler Konflikte konzentriert werden. K. J. Rejmánek & M. Bundesamt f. Darüber hinaus fehlen umweltpsychologische Untersuchungen zur Wahrnehmung von Invasionsphänomenen. F. Böhner. Matz. Groves.