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Hintergrund

:
Marokko
Nr. 52 / 08. September 2015

Gemäßigte Islamisten gelten als Gewinner der Lokalund Regionalwahlen in Marokko
Andrea Nüsse

Zusammenfassung
Die Regierungspartei PJD konnte vor allem in den urbanen Zentren punkten –
und der Opposition Großstädte wie Fes, Casablanca oder Agadir abnehmen. Obwohl sie bei den Mandaten in den Kommunalwahlen nur auf Platz drei kam,
kann sie doch die spektakulärsten Zugewinne verbuchen. In den neu zugeschnittenen Regionen, denen die Zentralregierung im Rahmen einer Regionalisierung
mehr Kompetenzen übergeben will, liegt die islamistische Partei dagegen mit
Abstand vorn. Damit geht sie auch als Favorit in die Parlamentswahlen im September 2016.

Hintergrund: Marokko Nr. 52 / September 2015

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Die Auswertung der gleichzeitig organisierten
Lokal- und Regionalwahlen in Marokko vom 4.
September ist komplex - aber das Ergebnis ist
eindeutig: Die gemäßigte Islamistenpartei PJD,
welche unter Premierminister Abdelilah Benkirane einer Koalitionsregierung vorsteht, ist der
große Sieger. Sie hat insgesamt die meisten
Stimmen erhalten, auch wenn sie bei der Zahl
der kommunalen Mandate insgesamt nur auf
dem dritten Platz liegt. Bei den wichtigen Regionalräten der 12 Regionen ist die PJD dagegen
der Sieger mit 25 Prozent der zu vergebenen
Regierungschef Benkirane (PJD) bei Wahlkampfveranstaltung
Sitze. Während die Opposition auf dem Land, wo
traditionelle Strukturen vorherrschen, ihre Position teilweise verteidigen konnte, hat die PJD in fast
allen größeren Städten gepunktet: Spektakulär und symbolisch sind die Siege in Fez, Casablanca oder
Agadir, wo die Islamisten die absolute Mehrheit erringen konnten. Denn diese wichtigen Städte waren
traditionell über Jahrzehnte fest in der Hand anderer politischer Formationen. Auch Tanger und
Marrakesch könnten nun von einem islamistischen Bürgermeister regiert werden. Damit ist die Partei
der Lampe (das Wahlsymbol der PJD auf dem Wahlzettel, der auch für Analphabeten lesbar sein muss)
auch in der Favoritenposition für die im September 2016 anstehenden Parlamentswahlen.
Besondere Bedeutung dieser Wahlen
Diese Lokal- und Kommunalwahlen hatten eine besondere Bedeutung. Einmal waren sie der erste
Stimmentest seit 2011, als die marokkanische Monarchie auf den Arabischen Frühling mit der überfälligen Verfassungsänderung und Parlamentswahlen reagierte, in denen erstmals die stärkste Partei den
Regierungschef stellen durfte – in diesem Falle die islamistische PJD.
Zugleich stand bei den Lokal- und Regionalwahlen mehr auf dem Spiel als früher: Die sogenannte
„fortgeschrittene Regionalisierung“, die im Frühjahr 2015 in Gesetze gefasst wurde, sieht die Möglichkeit vor, dass größere administrative und wirtschaftliche Kompetenzen vom Zentralstaat an die Regionen abgegeben werden – wenn dies nötig ist und wenn die politischen Institutionen dort für „reif“
genug befunden werden. Damit kommt den Regionalräten und ihren Präsidenten zukünftig mehr Bedeutung zu.
Insgesamt waren die Wähler aufgerufen, knapp 32.000 Mandate bei den Lokalwahlen und 678 Sitze
bei den Regionalwahlen zu besetzen. Die Wahlbeteiligung lag offiziell bei 53,67 Prozent und damit
ähnlich hoch wie bei den Lokalwahlen 2009. Allerdings wird die Zahl der abgegebenen Stimmen in
Marokko nicht prozentual zur wahlberechtigen Bevölkerung gerechnet, sondern im Verhältnis zu den
Wahlberechtigten, die sich zuvor in Wählerverzeichnisse eingetragen hatten. Im Verhältnis zu den
Wahlberechtigen liegt die Wahlbeteiligung nach Rechnungen oppositioneller Gruppen damit nur bei
knapp 30 Prozent.

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Politisch aufschlussreich ist, dass die Wahlbeteiligung der Bewohner der umstrittenen Westsahara im
Süden des Landes überproportional hoch war: Sie lag über 60 Prozent. Dieses Gebiet, das von Marokko
nach dem Abzug Spaniens übernommen wurde, ist international umstritten, viele Gruppen fordern die
Unabhängigkeit. Die hohe Wahlbeteiligung kann als Zeichen gesehen werden, dass viele Bewohner
eine größere Autonomie, wie sie das marokkanische Königshaus zugesagt hat und welche nun vielleicht realisiert wird, annehmen.
Interessant sind außerdem folgende Ergebnisse der Wahlen:
1.
Dank der per Verfassung vorgeschriebenen Frauenquote und Frauenlisten konnten Frauen ihren
Anteil mit 6673 Sitzen mehr als verdoppeln.
2.
15.028 Kandidaten wurden auf kommunaler Ebene erstmals in ein politisches Amt gewählt –
damit ist die Hälfte aller lokalen Mandatsträger neu in dem Geschäft. Auf regionaler Ebene sind etwa
ein Drittel der Gewählten erstmals gewählt.
Dies lässt auf eine Erneuerung der politischen Gepflogenheiten hoffen, denn Politiker und Politik genießen in Marokko extrem niedrige Zustimmungs- und Vertrauenswerte. Auch die Abwahl von traditionellen Schwergewichten wie dem Vorsitzenden der historischen Istiqlal-Partei, Hamid Chabat, als
Bürgermeister von Fes, zeigt, dass die Wähler das traditionelle Gebaren vieler Politiker nicht mehr
hinnehmen. Chabat wird vielfach als eine Art Mafioso bezeichnet, der laut polternd seine Gegner persönlich angreift, ansonsten aber Transparenz und Ernsthaftigkeit in seiner Arbeit vermissen lässt.
Die meisten Mandate auf kommunaler Ebene holte die Partei für Authentizität und Modernität (PAM),
die der engste Vertraute des Königs als Gegengewicht zur islamistischen PJD geschaffen hatte (8855
Sitze oder 21,2 Prozent der kommunalen Mandate). Sie hat den unausgesprochenen Rückhalt der Administration und des Palastes, ist bisher allerdings eher eine lose Formation von Personen sehr unterschiedlichen politischen Hintergrundes. Ob daraus eine wirkliche politische Partei wird, bleibt abzuwarten. Sie sollte vor allem den weiteren Vormarsch der PJD stoppen, was ihr aber nicht gelungen ist.
Die historische Unabhängigkeitspartei Istiqlal, die sich gesellschaftlich konservativ zeigt, wurde bei
den Kommunalwahlen Zweiter.
Die liberalen Partnerparteien
Die liberalen Partnerparteien der Stiftung konnten
sich teilweise behaupten, mussten aber auch herbe
Niederlagen einstecken: Am besten schnitt bei den
Lokalwahlen das Rassemblement des Indépendants
(RNI) ab, der seine Position mit 14,8 Prozent der
Stimmen und 4408 Mandaten leicht steigern konnte
(2009: 13,1 Prozent). Der RNI liegt damit insgesamt
an vierter Stelle.
Das Mouvement Populaire (MP) kommt mit 9,5 Prozent und 3007 Mandaten an fünfter Stelle.
Generalsekretär des Mouvement Populaire Laenser

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In der Parteizentrale der Partnerpartei Mouvement Populaire (MP)

Und die Union Constitutionelle (UC) mit 4,8 Prozent und 1498 Mandaten auf Platz acht. Allerdings verlor die UC ihre Hochburg Casablanca an
die Islamisten. Der nun abgewählte Bürgermeister Casablancas, Mohammed Sajed war erst Ende
April zum Vorsitzenden der Union Constitutionelle gewählt worden und hat damit die Erneuerung
der verstaubten Partei gerade erst begonnen. Bei
dem von Skandalen geplagten Mouvement Populaire musste der starke Mann der Partei und
ehemalige Sport- und Jugendminister, Mohammed Ouzzine, eine herbe Niederlage einstecken.
Er wurde in seinem traditionellen Heimatwahlkreis abgewählt.

Unterschiede Stadt und Land
Dabei ist auffällig, dass auch die liberalen Partnerparteien eher in ländlichen Gebieten erfolgreich
waren, wo traditionell lokale Honoratioren aufgestellt und gewählt werden. Das Mouvement
Populaire kann außerdem in Berbergebieten
punkten. Aber es hat beispielsweise Rabat verloren, wo es noch bei den Kommunalwahlen 2009
die stärkste Partei war.
Die PJD dagegen wurde die stärkste Kraft in fast
allen Städten. Daraus lässt sich ableiten, dass
die Wähler in den Städten sich weniger durch
traditionelle Verbundenheit, Stammeszugehörigkeit und den Einfluss von lokalen Honoratioren beeinflussen lassen. Sie scheinen empfänglicher für eine politische Partei im westlichen
Sinne und ein Parteiprogramm zu sein.

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MP im Wahlkampf

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Die Islamisten machen moderne Politik
Die PJD konnte ihre Mandate von 1531 kommunalen Mandatsträgern (2009) auf 5021 erhöhen, obwohl sie nicht in allen Wahlkreisen angetreten war. Das ist eine Steigerung von 232 Prozent. Insgesamt erhielt sie 15,94 Prozent der Mandate auf lokaler Ebene und belegt damit den dritten Rang. Bei
den noch wichtigeren Regionalwahlen steht die PJD dagegen an der Spitze mit 174 Sitzen (25,66 Prozent).
Möglicherweise hat der aktive Wahlkampf des
populären Regierungschefs Benkirane geholfen.
Allerdings ist bemerkenswert, dass Benkirane die
staatlichen Subventionen für Benzin und Diesel
komplett abgebaut hat – was die Bevölkerung
hart getroffen hat. Seine Popularität hat darunter offensichtlich nicht gelitten. Religion spielte
im Wahlkampf keine Rolle – das ist per Gesetz
untersagt. Die Wähler goutieren offensichtlich
den Politikstil der PJD: Keine oder kaum Korruptionsskandale, realistische Versprechen, Transparenz und Volksnähe, Kontakt mit der Bevölkerung auch zwischen den Wahlen, innerparteiliWahlaufforderung auf PJD-Facebook-Seite = die Partei der Lampe
che Demokratie und der Verzicht auf den Einkauf von Zugpferden fremder Couleur vor den
Wahlen. Das Phänomen der „Wanderung“ vor Wahlen betrifft fast alle anderen Parteien: Entweder
Parteimitglieder wechseln die Partei, um einen besseren Kandidatenplatz bei einer anderen politischen
Formation zu bekommen. Oder die Parteien locken einflussreiche Lokalgrößen kurz vor der Wahl mit
vorderen Listenplätzen – egal welcher Partei diese bisher angehörten. Selbst prominente Parteipolitiker wechseln vor Wahlen hemmungslos die Seiten. Auch nach den Wahlen haben bereits mehrere neu
gewählte Mandatsträger die Partei gewechselt, um Stimmenverhältnisse für die Wahl der Präsidenten
der Regionalräte zu verändern.
Auch hat die PJD mit Abstand den professionellsten Wahlkampf gemacht: In den Social Media ist die
Partei allgegenwärtig unterwegs und hebt sich darin von den anderen Parteien ab. Sie hat in den großen Städten riesige Wahlkampfveranstaltungen auf die Beine gestellt. Ein Kommentator erklärte den
Wahlsieg damit, dass die Wähler „Realpolitik“ zu schätzen wüssten: „Im Gegensatz zu den phantastischen Versprechen ihrer politischen Gegner, hat die PJD den Bürgern reinen Wein eingeschenkt. Die
anderen müssen ihren Stil verändern, denn das Volk hat begriffen: Mit Poesie macht man keine Wahlkampagne und regiert wird nicht mit Prosa.“
Die anderen Parteien haben nun ein Jahr Zeit, um ihre Schlüsse aus den Wahlergebnissen zu ziehen.
Im September 2016 stehen die Parlamentswahlen an.
Andrea Nüsse ist FNF-Projektleitern für Marokko und Algerien (Bildmaterial: FNF-Projektbüro Rabat).

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Bereich Internationale Politik
Referat für Querschnittsaufgaben
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