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Hintergrund

:
EU
Nr. 54 / 11. September 2015

Zerreißprobe Flüchtlingskrise - Zwei Momentaufnahmen
und das Ringen der Politik um eine Lösung
Hans H. Stein, Håvard Sandvik, Borek Severa, Charles du Vinage, Markus Kaiser

Zusammenfassung
Europa steht in mitten der größten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg.
Trotzdem wurde bislang kein Sondergipfel aller EU Staats- und Regierungschefs
einberufen, um gemeinsame Lösungen für die Krise zu erarbeiten. Immerhin treffen sich am 14. September alle Innen- und Justizminister der EU in Brüssel. Allein
in den ersten drei Monaten des Jahres 2015 sind insgesamt 185 000 Asylbewerber
in die EU angekommen. Im Vergleich mit dem ersten Quartal 2014 bedeutet das
eine Erhöhung von 86 Prozent.* Ausgelöst vor allem durch den Bürgerkrieg in Syrien steht Europa vor einer seiner größten Herausforderungen seit dem Ausbruch
der Europäischen Staatsschuldenkrise. Die Europäischen Liberalen haben klare
Lösungsansätze für die Krise, auf nationaler Ebene gibt es aber auch im eigenen
Lager unterschiedliche Meinungen, wie man sie am besten bewältigt. Trennlinien
treten wieder auf zwischen alten und neuen, nördlichen und südlichen Mitgliedsstaaten. Was muss geschehen, um die Krise zu bewältigen?

*Eurstat, Pressemitteilung „Asyl in der EU im ersten Quartal 2015“
http://ec.europa.eu/eurostat/documents/2995521/6888001/3-18062015-CP-DE.pdf/5a819c5c-6c72-4a90-bf5be5456610ffda

Hintergrund: EU Nr. 54 / September 2015

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Griechenland – 1.500 Dollar für fünf Kilometer
Wer möchte, der kann sich derzeit auf Lesbos, Chios, Samos oder Kos auf eine der Uferpromenaden
setzen, einen Eiskaffee schlürfen und Menschen beim Flüchten zusehen. Was vor ein paar Wochen
noch im Schutz der Dunkelheit stattfand, geschieht mittlerweile ganztägig und unter den Augen der
Öffentlichkeit. In kurzer Folge nähern sich meist kleine Boote der griechischen Küste, halten fünfzig
Meter Abstand zum Ufer und laden ihre „menschliche Fracht“ ab. Während Menschen mit Säcken und
Plastiktüten hastig zum Strand schwimmen, ist am Horizont bereits das nächste Boot auszumachen.
Und so wiederholt sich das Schauspiel, oftmals mehrere dutzend Mal am Tag. Polizisten schauen teilnahmslos zu ebenso wie Touristen oder Einheimische.
Rund tausend Menschen, die für ihre Überfahrt bis zu 1.500 Dollar bezahlen, landen auf diese Weise
täglich in der Europäischen Union – und müssen alsbald erkennen, dass ihre Odyssee noch nicht vorüber ist. „Den meisten Flüchtlingen ist inzwischen bereits vor ihrer Ankunft in Griechenland bewusst,
dass sie hier nicht bleiben können“, erklärt Moawia Ahmed, Vorsitzender des griechischen Dachverbandes „Forum of Migrants“: „Griechenland ist eine Durchgangsstation, kein Ziel. Niemand möchte
hier bleiben.“
Wer Bilder aus einem der überfüllten
Auffanglager auf den griechischen
Inseln sieht, wo hilfsbereite Griechen
Brot und Milch durch die Zäune reichen, damit einige der Säuglinge wenigstens für ein paar Minuten aufhören zu schreien, oder aus Athen, wo
mehrere tausend Menschen in Parks
unter freiem Himmel campieren und
von Anwohnern zum Waschen in ihre
Häuser gelassen werden, der versteht,
warum es die Menschen weitertreibt.
„Die Flüchtlinge werden momentan
ihrem Schicksal überlassen und der
griechische Staat hofft, dass sich das
Problem irgendwann irgendwie von
selbst lösen wird“, erklärt der gebürtige Ein Gummiboot mit 50 Flüchtlingen kommt auf der griechischen Insel Kos an /
Bildrechte: Thomas Andre Syvertsen (Norwegian Red Cross)
Sudanese Moawia Ahmed, der vor über
dreißig Jahren als Student nach Griechenland kam. „Das Versagen des Staates ist eklatant.“
Wer es per Schlauchboot auf eine der griechischen Inseln und von dort nach Athen geschafft hat, für
den bieten sich zwei Alternativen: die wohlhabenderen Flüchtlinge versuchen, von Igoumenitsa an der
griechischen Westküste nach Italien überzusetzen; die mittellosen strömen nach Norden, um über die
ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien und Serbien in eines der Länder zu gelangen, in denen
Flüchtlinge zumindest eine kleine Zukunftsperspektive für sich sehen. Die Länder des Balkans gehören
noch nicht dazu.

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Serbien – drei Tage für 500 Kilometer
Der Duft eines frischen Burek durchzieht die Luft, wenn man vom Belgrader Bahnhof hinunterschreitet
nach Savamala. Dies ist eigentlich ein Stadtteil im Umbruch, in dem die kleinen, einstöckigen Häuschen moderner Architektur weichen. Nun hat sich in den vergangenen Wochen auch dieses Bild wieder gewandelt. In einem Innenhof sammeln freiwillige Helfer Thunfischkonserven, Zahnbürsten, Binden und Windeln. Alles, was die täglich 3.000 Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan für die
im Schnitt drei Tage, die sie auf der 500-Kilometer-Strecke durch Serbien bleiben, so eben benötigen.
Drei Zentren hat das Land eingerichtet: Zwei Lager in Presevo (Südserbien) und eines in Kanjiza (Nordserbien). Doch führt kaum ein Weg an Belgrad vorbei. Hier soll in Kürze ein weiteres Auffanglager entstehen.
Serbien stellt den Neuankömmlingen eine
medizinische Erstuntersuchung zur Verfügung, bietet sanitäre Einrichtungen und eine
Grundverpflegung an. Auf dem Westbalkangipfel in Wien wurde das vergleichsweise
arme Land mit seinen sieben Millionen Einwohnern dafür ausdrücklich gelobt. Dennoch
leben die Flüchtlinge in Belgrad zwischen
Haupt- und Busbahnhof in zwei Parks. Der
Staat ist zwar durch Tankwagen mit Trinkwasser, einigen Verwaltungsbeamten und
Polizisten präsent, doch sind es hauptsächlich Bürgerinitiativen, die sich verantwortlich fühlen und für die Flüchtlinge sammeln.
Ebenso engagiert sich die kleine islamische
Gemeinde Belgrads. Die Bajrakli-Moschee in
der Altstadt bietet auch Beratungen in arabischer Sprache.

Belgrad - In Bedarfszelten warten die Flüchtlinge auf ihre
Weiterreise / Foto: FNF Serbien

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Die Bajrakli-Moschee in Belgrads Altstadt ist eine erste Anlaufstation für
Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan / Foto: FNF Serbien

Der Balkan war immer schon eine Migrationsroute.
Daher verläuft der Diskurs in Serbien auch gänzlich
anders als in Deutschland. Im Zuge der Jugoslawienkriege kam es hier zu bedeutenden Bevölkerungsverschiebungen und „ethnischen Säuberungen“. Binnenflüchtlinge transformierten bestehende Sozialgefüge,
gerade in den Hauptstädten Belgrad und Zagreb. In
Bosnien-Herzegowina gibt es auch zwanzig Jahre
nach dem Abkommen von Dayton noch „displaced
persons“, wie der UNHCR dokumentiert. Trotz, oder
vielleicht wegen dieser Erfahrungen ist die öffentliche
Stimmung auf Hilfe ausgerichtet. Zwar versuchen
rechte Splittergruppen, öffentlich Stimmung gegen
die Flüchtlinge zu machen, indem sie den Bau einer
Mauer im Süden Serbiens fordern, doch gelten diese
Stimmen den Medien eher als exotisch und nur deshalb überhaupt als berichtenswert.
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Die serbische Regierung nutzt die öffentliche Stimmung, um Pluspunkte gegenüber der EU zu sammeln. Da das Land nicht Ziel-, sondern nur Transitland für Flüchtlinge ist, versucht es mit seinen begrenzten Mitteln dazu beitragen, dass die Passage möglichst sicher ist. Allerdings benötigt Serbien,
zumal wenn die Temperaturen sinken, hierzu Zelte und sanitäre Einrichtungen. Ärzte, die die Erstuntersuchung der Flüchtlinge durchführen, wenn sie die Grenze aus Mazedonien überschritten haben,
fehlen in anderen Teilen des Landes.
Angekommen in der EU der verschiedenen Geschwindigkeiten
In den Ankunftsländern zeigt sich die Zivilgesellschaft in diesen Tagen von ihrer guten, ja besten Seite.
In Deutschland begrüßen Bürgerinnen und Bürger täglich Neuankömmlinge mit Begrüßungspaketen
und Bannern. Auf Island fordern mehr als 11.000 Bürger der kleinen Inselnation die Regierung auf,
mehr Flüchtlinge aufzunehmen als bisher zugesagt.1 In der EU-Hauptstadt Brüssel selbst bringen Belgier und EU-Expats Lebensmittel und Zelte zu den Flüchtlingen, die im Park übernachten müssen.
Auch wenn sich die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten noch nicht auf einen gemeinsamen Kurs verständigen konnten, hat sich die europäische Zivilgesellschaft bislang der Lage gewachsen gezeigt. Das
bürgerschaftliche Engagement wird daher ausdrücklich in einem 10-Punkte Papier der Freien Demokraten zur Bewältigung der Flüchtlingskrise hervorgehoben.2 Jetzt ist es wichtig, auch von Seiten der
Politik zu zeigen, dass die Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Hilfsbereitschaft nicht alleine stehen.
Die Ankunft hunderttausender Flüchtlinge in Europa ist ein Test für die Grenzen der Solidarität in der
Europäischen Union. Die deutschen Liberalen fordern einen europäischen Verteilungsschlüssel für
Flüchtlinge. Ähnlich wie der Königsteiner Schlüssel in Deutschland Flüchtlinge auf die Bundesländer
verteilt, sollten auch in Europa ankommende Flüchtlinge europaweit verteilt werden.3 Einen solchen
Vorschlag macht nun auch die EU-Kommission, wofür EU-Kommissionspräsident Juncker in seiner
„State of the European Union“ am 9. September eindringlich warb. Doch der Kommissionsvorschlag
wird sicher im Kreis der Mitgliedstaaten kontrovers diskutiert werden wie ein Blick auf die Lage selbst
in von Liberalen regierten Ländern vermuten lässt.
Niederlande
Die Niederlande werden von einer Koalition aus der liberalen „Volkspartij voor Vrijheid en Democratie“
(VVD) mit Premierminister Mark Rutte und der sozialdemokratische „Partij van de Arbeid“ (PvdA) regiert. In den letzten 12 Monaten wurden 21.000 Flüchtlinge in den Niederlanden aufgenommen,
10.000 weniger als im halb so großen Österreich.4 Im Mittelpunkt der niederländischen Politik steht
bislang die Hilfe in den Krisengebieten, wie VVD-Fraktionsvorsitzender Halbe Zilstra bekräftigte: „Wir
haben immer gesagt, wir brauchen sichere Häfen in der Konfliktregion, damit die Leute nicht nach
Westeuropa müssen“.

1

Helen Regan (1. September 2015) „Thousands of Icelanders Have Volunteered to Take Syrian Refugees Into Their Homes”
in TIME Magazine http://time.com/4018241/iceland-syria-refugees/
2
FDP (26. August 2015) „10 Punkte für eine bessere Flüchtlings- und Einwanderungspolitik“
http://www.fdp.de/sites/default/files/uploads/2015/08/27/12015-08-26-prae-10-punkte-fluechtlingspolitik.pdf
3
„10 Punkte für eine bessere Flüchtlings und Einwanderungspolitik“, s. 4
http://www.fdp.de/sites/default/files/uploads/2015/08/27/12015-08-26-prae-10-punkte-fluechtlingspolitik.pdf
4
Eurostat (16 June 2015) „Asylum Quarterly Report“ http://ec.europa.eu/eurostat/statisticsexplained/index.php/Asylum_quarterly_report
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Einen europäischen Verteilungsschlüssel lehnt Regierungschef Mark Rutte bislang im Unterschied zu
seinem sozialdemokratischen Koalitionspartner und auch der liberalen oppositionellen D66 ab. Allerdings deutete Rutte Anfang September mit seiner Äußerung, man müsse die niederländische Asylpolitik „völlig neu überdenken“, eine mögliche Kurskorrektur an.5
Dänemark
Ähnlich wie die niederländische VVD lehnt die dänische „Venstre“, die seit der Parlamentswahl im Juli
eine Minderheitsregierung stellt und von dem eigentlichen Wahlsieger, der populistischen „Dänischen
Volkspartei“ (DF), im Parlament gestützt wird, einen europäischen Verteilungsschlüssel ab. Der Sprecher für Asylfragen Marcus Knuth (V) macht die Position von „Venstre“ wie folgt deutlich: „Wir wollen
nicht, dass Brüssel die Kompetenzen dafür bekommt, Asylanten in Europa zu verteilen, es ist nämlich
eine nationale Frage. Brüssel soll nicht entscheiden, wer oder wie viele Asylanten nach Dänemark
kommen“. Diese Äußerung steht in einer langen „Tradition“ Dänemarks, bei innenpolitischen Fragen
eine „opt out-Klausel“ aus europäischen Einigungen zu wählen. Das Land hat in den vergangenen 15
Jahren – und damit auch unter sozialdemokratischen Regierungen - eine eher restriktive Asylpolitik
betrieben.6
Finnland
In Finnland gibt es erstmals eine liberal-konservative Regierung unter Einbeziehung der nationalistisch-populistischen Partei „Wahre Finnen“, die seit Jahren die „nationale Karte“ spielt und der Aufnahme von Ausländern in Finnland ablehnend gegenüber steht. Während der liberale Premierminister
Sipilae ankündigte, ab dem kommenden Jahr in seinem Privathaus Flüchtlinge aufnehmen zu wollen,
bekräftigte er zugleich, die Verteilungspläne der EU sollten auf freiwilliger Basis durchgeführt werden.7
Belgien
In Belgien, wo ebenfalls ein liberaler Premierminister die Regierung führt, wurde im letzten Jahr eine
Koalitionsregierung mit der flämisch-nationalistischen „Nieuw-Vlaamse Alliantie“ (N-VA) gebildet.
Staatssekretär Theo Francken (N-VA) will nur dann mehr Flüchtlinge in Belgien akzeptieren, wenn
auch die osteuropäischen Mitgliedsstaaten mehr Flüchtlinge aufnehmen. Weder das liberale „Zentrum“ in Finnland noch die belgischen Liberalen in der „Mouvement Reformateur“ (MR) oder „Open
VLD“ suchen Streitthemen, die ihre Koalitionsregierungen aufs Spiel setzen könnten. Deshalb scheint
die MR in der Asyl- und Flüchtlingsfrage sehr zurückhaltend zu sein, während die Open VLDVorsitzende Gwendolyn Rutten deutlich machte, sie glaube nicht an „die, die alle syrische Flüchtlingen
aufnehmen möchten“.8 Sie alle scheinen auf einer nüchternen Konsenslinie in der Flüchtlingspolitik
bleiben zu wollen, aus Furcht, eine Polarisierung könne die Regierungszusammenarbeit gefährden.

5

Volkskrant (4. September 2015) „Rutte wil 'dominante bijdrage' aan vluchtelingendebat“
http://www.volkskrant.nl/politiek/rutte-wil-dominante-bijdrage-aan-vluchtelingendebat~a4135780/
6
Venstre (2015) „Venstre, Asylreform, Styr på tilstrømningen“
http://www.venstre.dk/_Resources/Persistent/493b72968c29627f4feb34e9de24a4f4ba874f7d/150609-Asylreform.pdf
7
http://www.spiegel.de/politik/ausland/fluechtlinge-finnischer-premier-sipilae-bietet-eigenes-haus-an-a-1051582.html
8
Nico Schoofs und Pieter Blomme (29. August 2015) „Gwendolyn Rutten over de taxshift en de asielcrisis“ in Die Tijd
http://www.openvld.be/?type=nieuws&id=1&pageid=82211
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Zentraleuropa und das Baltikum
Auch liberale Parteien in Mitteleuropa und im Baltikum bezeichnen die gegenwärtige Asyl- und
Flüchtlingspolitik in der EU als chaotisch und konzeptionslos. Die von liberalen Parteien geführten
Regierungen in Estland und Slowenien wollen keine verpflichtenden Quoten zur Aufnahme von
Flüchtlingen akzeptieren und sind lediglich bereit, einige Dutzend Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak
freiwillig aufzunehmen. Es herrscht die Befürchtung, dass die heute als vorübergehend deklarierten
Quoten zu einem Dauerinstrument der EU-Asylpolitik werden könnten. Das überwiegend katholische
Polen will wiederum nur christliche Flüchtlingsfamilien Zuflucht gewähren. Die unkontrollierte Migration sieht der liberale tschechische Vizepremier Andrej Babis gar als Bedrohung für Europa, wenn
selbst ein klassisches Einwanderungsland wie Australien Flüchtlinge in internationale Gewässer zurückbringe.
Wenig zielführend ist aber so manche Stimme aus dem Westen Europas, die mitteleuropäische und
baltische Staaten pauschal der Fremdenfeindlichkeit oder des Rassismus bezichtigt. In Tschechien
wurden nach 1989 fast 200.000 Vietnamesen erfolgreich integriert. In mehreren Ländern leben Zehntausende Ukrainer, darunter viele Kriegsflüchtlinge. Während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien
wurden Tausende Flüchtlinge von den postkommunistischen Staaten Mitteleuropas aufgenommen. Die
Tatsache, dass sich so viele Bürger in den neuen EU-Ländern gegen die Aufnahme von islamischer
Flüchtlinge aussprechen, ist nicht zuletzt auf zahlreiche Medienberichte zurückzuführen, in denen die
gescheiterte Integration und die daraus resultierenden Konflikte mit muslimischen Zuwanderern geschildert werden.
Verpflichtenden Quoten für die Verteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU werden in Mittel- und
Osteuropa als eine Verlegenheits- und keine dauerhafte Lösung empfunden, so lange die sozialen
Standards für Asylbewerber in den 28 Mitgliedsstaaten derart unterschiedlich sind. Selbst wenn die
neuen EU-Länder die zugewiesenen Flüchtlinge aufnähmen, müsse damit gerechnet werden, dass diese innerhalb kürzester Zeit weiter nach Deutschland zögen, weil sie dort eine bessere materielle und
soziale Absicherung erwarte. Die globale Finanzkrise hatte zudem wesentlich gravierendere Folgen auf
die Wirtschafts- und Soziallage der Bürger in Mittel- und Osteuropa. Dies rechtfertigt jedoch in keiner
Weise das provokative Verhalten der ungarischen Regierung, das größtenteils innenpolitisch motiviert
ist. Solange sich Premierminister Viktor Orban auf seine mächtigen Förderer innerhalb der europäischen Schwesterpartei, der CDU und EVP, verlassen kann, wird sich wenig ändern. Da Ungarn nach
Griechenland und Italien am stärksten von der Flüchtlingswelle betroffen ist, müsste gerade Orban an
einer abgestimmten europäischen Lösung der Flüchtlingskrise interessiert sein.
Liberale Lösungsansätze für die Flüchtlingskrise
Die Europäische Union fängt – trotz anders lautender Kritik – bei
Asyl- und Flüchtlingsfragen nicht bei Null an. Seit den frühen
2000er Jahren hat die Kommission – zuletzt unter Federführung der
damals noch für Innenpolitik zuständigen schwedischen liberalen
Kommissarin Cecilia Malmström - immer wieder Rechtsvorschriften
vorgelegt, die auf die Schaffung eines Gemeinsamen Europäischen
Asylsystems abzielten. Europäisches Parlament und Rat haben diese
Rechtsvorschriften Stück für Stück verabschiedet. Die letzte dieser
Rechtsvorschriften ist im Juli 2015 in Kraft getreten.
Grafik: FNF

Hintergrund: EU Nr. 54 / September 2015

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Damit verfügt die Europäische Union über gemeinsame Normen für die Aufnahme von Asylsuchenden,
für einen würdevollen Umgang sowie für die Bearbeitung der Asylanträge. Es gibt gemeinsame Kriterien, anhand derer die unabhängigen nationalen Justizsysteme bestimmen können, ob eine Person
Anspruch auf internationalen Schutz hat. Allerdings – und da liegt der Pferdefuß – müssen diese Normen jedoch auch in der Praxis in den Mitgliedstaaten angewandt und eingehalten werden. Dies ist
eindeutig noch nicht der Fall.9 Die europäischen Rechtsvorschriften müssen von allen Mitgliedstaaten
angewandt werden – dies sollte in einer Union, die auf Rechtstaatlichkeit basiert, eigentlich selbstverständlich sein.
Gemeinsame Asylstandards sind wichtig, reichen aber nicht aus, um die derzeitige Flüchtlingskrise zu
bewältigen. Die Kommission hat bereits im Mai eine umfassende Europäische Migrationsagenda vorgelegt, die aber bei den Mitgliedstaaten auf ein geteiltes bis ablehnendes Echo stieß. Deshalb kündigte Kommissionspräsident Juncker in seiner „State oft he European Union“ am 9. September ein neues
Maßnahmenpaket an, über das die Innen- und Justizminister auf ihrem außerordentlichen Rat am 14. September
beraten werden. Dieses Paket enthält eine Reihe von Initiativen, die von den Freien Demokraten in Deutschland,
aber auch von der ALDE-Fraktion im Europäischen Parlament vorgeschlagen wurden.
Als Notmaßnahme sollen insgesamt 160 000 Flüchtlinge,
die sich gegenwärtig in Griechenland, Italien und Ungarn
aufhalten, auf die übrigen Mitgliedstaaten verteilt werden.
Diese Maßnahme entspricht auch den Forderungen der
FDP und der liberalen ALDE-Fraktion, die für einen gerechten Lastenausgleich in der Europäischen Union plädieren.
Langfristig setzt sich die Kommission für einen permanenten Verteilungsschlüssel für Flüchtlinge in Europa ein, was
ebenfalls eine Hauptforderung der ALDE-Fraktion und der
FDP ist.

Zafhari Armand ist erst 14 Jahre alt und ganz alleine
in Griechenland angekommen. Zafhari stammt aus
Afghanistan und ist über den Iran in Richtung Europa
geflüchtet / Bildrechte: Thomas Andre Syvertsen
(Norwegian Red Cross)

Asylantragsverfahren sollen künftig beschleunigt werden, indem man eine gemeinsame EU-Liste von
sicheren Herkunftsländern erstellt. Mit Hilfe dieser Liste könnten Mitgliedstaaten die Asylverfahren
von Antragstellern aus Ländern, in denen das Leben als sicher gilt, beschleunigen. Es ist davon auszugehen, dass das für alle Länder gilt, die laut einstimmigem Beschluss des Europäischen Rates die
grundlegenden Kopenhagener Kriterien für eine EU-Mitgliedschaft erfüllen - vor allem in Bezug auf
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechte. Das sollte auch für die anderen potenziellen Kandidatenländer des Westbalkans gelten angesichts ihrer Fortschritte hin zum Kandidaten-Status. 10 Allerdings kann eine solche Liste Asylbewerbern aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, der ehemaligen
jugoslawischen Republik Mazedonien, dem Kosovo, Montenegro, Serbien und der Türkei nicht das
Grundrecht auf Asyl nehmen.

9

Noch vor dem Sommer sah sich die Kommission gezwungen, eine erste Reihe von 32 Vertragsverletzungsverfahren einzuleiten, um die Mitgliedstaaten an die Einhaltung ihrer Zusagen zu erinnern; eine zweite Reihe von Verfahren wird in Kürze
folgen.
10
Eine etwaige Wiedereinführung der VISA-Pflicht für Personen aus den Balkanländern stößt dagegen auf großen Widerstand.
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Doch sie ermöglicht es, den nationalen Behörden, sich auf diejenigen Flüchtlinge zu konzentrieren, die
wesentlich wahrscheinlicher Asyl erhalten, insbesondere jene aus Syrien.
Der EU-Kommissionspräsident plädiert, ebenso wie die deutschen Liberalen, dafür, „dass Asylbewerbern erlaubt wird, zu arbeiten und Geld zu verdienen, während ihre Anträge bearbeitet werden“.11
Juncker fordert eine Überprüfung des sog. Dublin II-Abkommen, wonach Asylanträge in dem Land
bearbeitet und beschieden werden sollen, in dem der Antragssteller Boden der EU betritt. Für 2016
kündigt er ferner ein „gut konzipiertes Gesetzespaket für legale Zuwanderung“ an.
Ebenso wie die Liberalen will der Kommissionspräsident FRONTEX als europäischer Grenzsicherungsbehörde weiter stärken. Es bleibt zu hoffen, dass die Mitgliedsstaaten sich jetzt nicht wieder versagen,
wenn es um neue Bewilligungen für eine der wichtigsten EU-Behörden geht.
Alles in allem beinhalten die von Juncker vorgestellten Initiativen zahlreiche Forderungen, die Liberale
in Deutschland und auf europäischer Ebene aufgestellt haben. Allerdings werden diese nur mit Zustimmung der 28 Mitgliedstaaten beschlossen und umgesetzt werden können. Und hier ist noch viel
Überzeugungsarbeit zu leisten, auch in Ländern, die von Liberalen regiert werden. So bekannte die
ALDE-Sprecherin für Migrationsfragen Cecilia Wikström: „ I pray that the EU-leaders may finally have
woken up to the challenges ahead of us and that the European Council will take action…”
Jean-Claude Junckers Appel ist daher eindeutig: „Wir brauchen mehr Europa in unserer Asylpolitik. Wir
brauchen mehr Union in unserer Flüchtlingspolitik.“ Der Historiker und Publizist Alexis du Tocqueville
bringt es auf den Punkt: „Der Mensch bleibt in kritischen Situationen selten auf seinem gewohnten
Niveau. Er hebt sich darüber oder sinkt darunter". In diesen Worten steckt vielleicht auch die Lösung
für die Flüchtlingskrise – der Zerreißprobe Europas.
Hans H. Stein ist Regionalbüroleiter Europäischer und Transatlantischer Dialog (ETAD) der FNF,
Håvard Sandvik European Affairs Manager und Dr. Borek Severa Repräsentant für Mitteleuropa und
Baltische Staaten, Charles du Vinage leitet das Projekt Westbalkan und Markus Kaiser ist FNF-Project
Manager für Griechenland.

Impressum
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF)
Fachbereich Internationales
Referat für Querschnittsaufgaben
Karl-Marx-Straße 2
D-14482 Potsdam

11

Jean-Claude Juncker (9. September 2015) „Lage der Union 2015: Zeit für Ehrlichkeit, Einigkeit und Solidarität“
http://europa.eu/rapid/press-release_SPEECH-15-5614_de.pdf
Hintergrund: EU Nr. 54 / September 2015

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