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Hintergrund

:
Griechenland

Nr. 56 / 16. September 2015

Progressiv oder konservativ? – Mögliche Szenarien
zum Wahlausgang in Griechenland
Markus Kaiser

Zusammenfassung
Am Sonntag wählen die Griechinnen und Griechen ein neues Parlament – zum
vierten Mal seit 2012. Notwendig wurde dies durch den Rücktritt von Alexis
Tsipras als Ministerpräsident nach dem offenkundigen Verlust seiner Regierungsmehrheit bei den parlamentarischen Abstimmungen zum 3. Hilfspaket („Memorandum“). Die 25 SYRIZA-Abgeordneten um den ehemaligen Energieminister Panagiotis Lafazanis, die sich dem Pro-Memorandumskurs von Alexis Tsipras verweigerten, gründeten daraufhin die sozialistische und anti-europäische Partei der
„Volkseinheit“ (Laiki Enotita).
Ging Tsipras aufgrund seiner unverändert hohen Beliebtheitswerte unmittelbar
nach seinem Rücktritt davon aus, durch vorgezogene Neuwahlen erneut ein stabiles Mandat zu erhalten, ist dies drei Wochen später, aktuellen Umfragen zufolge
keinesfalls mehr sicher.

Hintergrund: Griechenland Nr. 56 / September 2015

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Folgende Optionen des Wahlausgangs sind denkbar, wohl aber unterschiedlich wahrscheinlich:
Zwei Szenarien, wenn SYRIZA stärkste Partei wird…
1.

… und die „Unabhängigen Griechen“ (ANEL) ziehen ins Parlament ein:

Wenn der Wähler der zuvor amtierenden Koalition aus linkspopulistischer SYRIZA und rechtspopulistischer ANEL den Auftrag zur Fortsetzung gibt, wird es schwer für Tsipras, sich dieser Möglichkeit zu
entziehen. Ob er an einer Fortführung dieser Koalition überhaupt interessiert wäre, darf bezweifelt
werden: Zu groß sind die Widerstände innerhalb der „Unabhängigen Griechen“, konstruktiv an der
Umsetzung der mit den europäischen Partnern vereinbarten Maßnahmen zu arbeiten. Die inhaltlichen
Auseinandersetzungen und Scherereien innerhalb dieser Koalition wären für Tsipras in etwa genauso
groß, wie sie es für ihn zuvor innerparteilich mit der „linken Plattform“ waren.
Möchte Alexis Tsipras zu einem eine Ära prägenden „Landesvater“ in der Tradition des „legendären“
Andreas Papandreou (PASOK) aufsteigen, muss er eine über vier Jahre stabile Regierung bilden. Dies
dürfte mit ANEL schwierig werden. Sollte die Fortsetzung einer Koalition rechnerisch möglich sein,
wird es ebenso schwierig, ihr zu entsagen.
Momentan liegt ANEL in den – in Griechenland immer mit einer Portion Skepsis zu genießenden –
Umfragen zwischen zwei und drei Prozent bei einer in Griechenland geltenden Drei-Prozent-Hürde.
2.

… und To Potami zieht ins Parlament ein:

Entweder mit oder ohne ANEL wäre eine Einbindung To Potamis („der Fluss“) in die Regierung ein Zeichen in Richtung Brüssel, einen pro-europäischen und kompromissbereiten Kurs fahren zu wollen. Die
erst 2014 gegründete Partei To Potami, die seit Januar 2015 im Parlament vertreten ist, trat in den
vergangenen Monaten in der ideologisch aufgeladenen innergriechischen Debatte um den Kurs des
Landes oftmals als einzige Stimme der Vernunft in Erscheinung.
Tsipras könnte sich so als progressiver Ministerpräsident geben und die – sicherlich nicht immer konfliktlos verlaufenden – Strukturreformen seinem Koalitionspartner To Potami zuschieben. Die wiederum dürften damit kaum ein Problem haben, vertreten sie doch offen eine Reformagenda, die über die
häufig ins Detail gehenden Vereinbarungen des Memorandums hinausgeht und die eine umfassende
Modernisierung Griechenlands zum Ziel hat. Die kleine aber bedeutende, gebildete und reformorientierte griechische Mittelschicht möchte To Potami in genau dieser Position sehen.
To Potami liegt kurz vor der Wahl in Umfragen zwischen 3,5 und fünf Prozent.

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Zwei Szenarien, wenn Nea Dimokratia stärkste Partei wird …
3.

… und eine „Große Koalition“ bildet:

Parteiführer Vangelis Meimarakis hat bereits angekündigt, im Falle eines Wahlsieges eine „Koalition
der Einheit“ mit Alexis Tsipras und SYRIZA bilden zu wollen. Die Griechinnen und Griechen hätten sich
klar für eine überparteiliche Kooperation zum Wohle Griechenlands ausgesprochen. „Sie möchten,
dass wir gemeinsam einen Plan für dieses Land entwickeln und zusammen ein ‚nationales Verhandlungsteam‘ [auf europäischer Ebene, MK] bilden“, so Meimarakis.
Tsipras erklärte noch am Montag in der TV-Debatte der beiden Parteiführer, nicht mit der Nea
Dimokratia zusammenarbeiten zu wollen: „Entweder wird es eine progressive, oder eine konservative
Regierung geben“, so Tsipras. Diese eindeutige Botschaft an die Wählerschaft, im Falle eines Wahlsieges nicht mit den Vertretern des „alten Systems“ zusammenarbeiten zu wollen, dürfte im Falle einer
Niederlage allerdings nicht mehr ganz so unumkehrlich sein.
Tsipras bestätigte bereits auf Nachfrage eines Journalisten, dass die „Chemie“ zwischen ihm und dem
als nüchtern und pragmatisch geltenden Meimarakis stimme. Meimarakis selbst dürfte an einer Zusammenarbeit interessiert sein, da sie ihm größtmögliche Stabilität verschafft und er so seine Position
als Vorsitzender der Nea Dimokratia, die noch immer tief zerstritten ist, festigt.
Die Nea Dimokratia liegt in den aktuellsten Umfragen gleichauf mit SYRIZA, höchstens jedoch zwei
Prozentpunkte hinter ihr.

Das griechische Parlament, die "Vouli" / Foto: FNF-Projekt Griechenland

4.

Dieses Szenario könnte den
unangenehmen Nebeneffekt
haben, dass die parlamentarische Opposition von der
neonazistischen Chrysi Avgi
(„Goldene
Morgenröte“)
angeführt würde. Dies spräche der Partei, gegen die
wegen der Bildung einer
kriminellen
Vereinigung
ermittelt wird, besondere
konstitutionelle Rechte zu.
Umfragen sehen sie mit
Werten zwischen sechs und
sieben Prozent als drittstärkste Partei.

… und eine Koalition der pro-europäischen Parteien bildet:

Falls Tsipras das Regierungsangebot von Vangelis Meimarakis nicht annimmt, wäre die Bildung einer
Koalition mit den pro-europäischen Parteien PASOK und To Potami die wahrscheinlichste Alternative.
Vordergründig wäre den europäischen Partnern mit einer solchen Regierung am meisten geholfen,
dürfte die Zusammenarbeit doch weitgehend reibungslos verlaufen.
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Es bliebe allerdings abzuwarten, inwieweit diese Regierung unter Beteiligung beider alteingesessenen
Volksparteien, die die Probleme des heutigen Griechenlands maßgeblich mitverantworten, an einer
tatsächlichen Reform des Staatswesens interessiert wäre. An eben diesen Reformen aber, die „ans
Eingemachte“ des griechischen Staatsaufbaus gehen, dürften weder Nea Dimokratia noch PASOK ein
allzu weit gehendes Interesse haben, da ihre Wählerklientel nach wie vor von den klientelistischen
Strukturen der Altparteien profitiert.
Sowohl PASOK als auch To Potami haben dieses Szenario nicht ausgeschlossen. Beide Parteien werden
auch aller Voraussicht nach ins Parlament einziehen. Es ist aber davon auszugehen, dass Meimarakis
zuerst Sondierungsgespräche mit Tsipras führen wird – falls diese nicht schon insgeheim laufen.
Markus Kaiser ist FNF-Projektmanager Griechenland.

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