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Hintergrund

:
Armenien

Nr. 57 / 17. September 2015

Verharren in Stagnation und Resignation
Peter-Andreas Bochmann

Zusammenfassung
Die wenigen Nachrichten aus dem kaukasischen Land, die nach draußen dringen –
100. Genozid-Jahrestag, Proteste gegen Strompreiserhöhungen, Tote an der Grenze zu Aserbaidschan oder in Nagorny-Karabach – beschreiben nicht den Gesamtzustand des Landes: Inmitten der Legislaturperiode bereitet der Präsident ein Verfassungsreferendum vor, das ihm auch nach seiner zweiten Amtszeit die Macht
sichern soll. Die Wirtschaft entwickelt sich derweil negativ. Durch die schwelenden Konflikte mit den Nachbarn Aserbaidschan und Türkei sind die Handelswege
weitgehend abgeschnitten. Viele Menschen haben Armenien schon verlassen oder
haben es noch vor. Immer mehr Armenier haben das Vertrauen in die Zukunft ihres
Landes verloren und verfallen in Resignation.

Hintergrund: Armenien Nr. 57 / September 2015

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„Du willst wohl auch zum Rockkonzert nach Eriwan fahren?“, fragt der georgische Geldwechsler in
Tiflis am Vortag. Selten hätte er so viele armenische Dram eingetauscht wie in diesen Tagen. Es ist der
Morgen des 24. April – der Völkermordgedenktag, ein Nationalfeiertag in Armenien und Höhepunkt
der Gedenkfeierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Genozids, zu dem sich auch der französische Präsident François Hollande sowie der russische Präsident Wladimir Putin angesagt haben. Und eben auch
die amerikanische Alternative-Metal-Band „System of a Down“ zum ersten Konzert der Band mit armenischer Abstammung in Eriwan auf dem zentralen Platz der Republik.
Die Einreise nach Armenien erfolgt, wie meistens, problemlos. Nach Durchblättern des Passes mit der
obligatorischen Frage, was man denn irgendwann einmal in Aserbaidschan gemacht hätte, erreicht
man das Land, dass vor einigen Jahren vom „Forbes Magazine“ als die zweitaussichtsloseste Volkswirtschaft der Welt nach Madagaskar bezeichnet wurde.
Nach einigen Kilometern erreicht man Alawerdi, eine Provinzstadt, noch etwa 170 Kilometer von der
armenischen Hauptstadt Eriwan entfernt.

Baufälliges Einkaufszentrum UNIVERMAG in Alawerdi

Zur Sowjetzeit war Alawerdi ein bedeutender Industrie- und Bergbaustandort. Zahlreiche apokalyptisch anmutende Industriebrachen zeugen von diesen Zeiten. Inzwischen haben Tausende Einwohner
die Stadt verlassen, die Zurückgebliebenen kämpfen irgendwie ums Überleben. Wie Liana, die im ehemaligen UNIVERMAG (russ.: Kaufhaus) an einem kleinen Stand Spielzeug überwiegend aus chinesischer Produktion verkauft. Ihre Auslage ist mit Planen überdeckt, um die Waren vom durch die Decke
dringenden Regen zu schützen. „Für mich ist heute ein ganz normaler Arbeitstag“, erzählt die 28jährige Mutter von zwei Kindern: „Klar ist das Gedenken an den Völkermord wichtig, aber irgendwie
muss ich meine Familie durchbringen und kann mir keinen freien Tag erlauben.“ Ihr Mann arbeite in
Russland und könne aufgrund des massiven Rubelverfalls kaum mehr Geld in die Heimat schicken:
„Anstatt in Eriwan große Gedenkfeierlichkeiten zu veranstalten, sollte die Regierung sich besser um
die sozialen Probleme der Bevölkerung kümmern. Wenn ich könnte, würde ich das Land verlassen.“
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So wie Liana spielen viele junge
Armenier – wenn
sie sich nicht
schon auf den
Weg
gemacht
haben – mit dem
Gedanken,
das
Land zu verlassen.
Umfragen ergaben, dass bis zu
80 Prozent der
jungen Armenier
beabsichtigen, das
Land zu verlassen.
Ziele sind die
USA, Europa und
Russland,
alles
Länder mit einer
millionenstarken
armenischen
Diaspora.

"Erinnern und Fordern" - ein Vergissmeinnicht
als Symbol zum Gedenken an den Völkermord

Industriebrachen zeugen von besseren Zeiten

Am Straßenrand steht Aram, sein altersschwacher Lada hat eine
Panne. An der Heckscheibe ein Aufkleber mit einem Vergissmeinnicht, das Symbol des Gedenkens an den Völkermord, dass
einem überall in Armenien begegnet. Er werde bald seinen
Wehrdienst antreten müssen, erzählt er, und dies beschäftige
ihn mehr, als die Gedenkveranstaltungen im fernen Eriwan und
die Diskussionen um den Genozid. Ein Familienangehöriger sei
in Karabach vor einiger Zeit bei einem Schusswechsel verwundet worden.

Zwei Stimmen, die durchaus stellvertretend die Stimmung junger Menschen in Armenien widerspiegeln.
Die letzten Parlamentswahlen fanden in Armenien 2012 statt. Die Halbzeitbilanz kann mit allgemeiner Stagnation umschrieben werden. Präsident Serzh Sargsyan und seine Republikanische Partei
sitzen fest in allen Satteln. Es gelang zwar dem Oppositionsbündnis Armenischer National Kongress
(ANC - Mitglied von ALDE) seine Kräfte zu bündeln und in den Parlamentswahlen vom Mai 2012 sieben Mandate zu erringen, jedoch haben weder die Präsidentschaftswahlen im Februar 2013 noch die
Kommunalwahlen im Mai 2013 eine wesentliche Veränderung in der politischen Landschaft nach sich
gezogen oder zumindest in Gang gesetzt.

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Obwohl die Wahlen in Armenien von der internationalen Gemeinschaft als generally welladministered bewertet wurden, wiesen Berichte lokaler NROs auf eine Vielzahl von Wahlmanipulationen hin. Diese für den postsowjetischen Raum typischen Mechanismen der Wahlmanipulation beinhalten die Kontrolle über administrative Ressourcen sowie den Zugang zu Medien und Information.
Inhaltliche Schwäche, Uneinigkeit und Rivalitäten innerhalb der Opposition trugen ihren Teil zu den
Ergebnissen bei.
Im August dieses Jahres unterbreitete Staatspräsident Serzh Sargsyan dem Parlament den Vorschlag
einer Verfassungsreform, die einen Übergang von der momentanen Präsidialrepublik zu einem parlamentarischen System vorsieht. Politische Beobachter und Teile der Opposition vermuten hinter diesem
Schritt den Versuch des Präsidenten, seine Macht auch über den laut Verfassung auf zwei Amtszeiten
begrenzten Zeitraum zu sichern und ab 2018 das Amt des mit erheblichen Kompetenzen und Machtfülle ausgestatteten Ministerpräsidenten anzustreben. Über diese Verfassungsänderungen muss das
Volk entscheiden. Ein entsprechendes Referendum soll noch in diesem Jahr stattfinden. ANC bereitet
gegenwärtig eine Kampagne gegen die Verfassungsreform vor.
Die Konflikte mit den Nachbarstaaten Aserbaidschan und Türkei schwelen weiter vor sich hin. Eine
Öffnung der Grenzen zu den beiden Nachbarstaaten ist nicht in Sicht.
Armeniens Wirtschaft ist nach wie vor wenig diversifiziert und wird von zahlreichen „Oligopolen“ –
mit einer starken Verflechtung zur Politik – beherrscht. Ca. die Hälfte des Jahresbudgets Armeniens
speist sich aus Transferzahlungen der im Ausland lebenden Armenier. In der aktuellen Krisenzeit sind
aber auch diese rückläufig.
Korruption zieht sich durch alle Bereiche von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zudem ist Armenien
aufgrund der unpassierbaren Grenzen zu Aserbaidschan und der Türkei nahezu isoliert. Die einzigen
verbleibenden Transportrouten verlaufen über
den nördlichen Nachbarn Georgien und den
südlichen Nachbarn Iran. Die Arbeitslosenrate
ist – nach inoffizieller Schätzung – enorm hoch
und führt zu hoher Arbeitsmigration. Dies hat
einen starken Bevölkerungsschwund zur Folge:
Armut und Perspektivlosigkeit, aber auch staatliche Willkür und Bürokratie sind weitere wesentliche Gründe.
Soziale Proteste flammen immer wieder auf,
größere zuletzt im Juni dieses Jahres, als es der
– gemeinhin recht duldsamen und innenpolitisch eher desillusionierten – Bevölkerung reichte. Auslöser der Proteste war eine angekündigte Wenige Tage nach den Massenprotesten gegen Strompreiserhöhungen: Nur noch wenige Demonstranten harren vor der Oper aus
Strompreiserhöhung
des
Energieversorgers
Electric Networks of Armenia (ENA), einer 100-prozentigen Tochter des russischen Energiekonzerns
Inter RAO UES, der in Armenien praktisch eine Monopolstellung einnimmt. Die zuständige staatliche
Regulierungskommission hatte einem ENA-Antrag zugestimmt, die Preise um etwa 20 Prozent anzuheben. Ein Schock für viele Armenier, die schon jetzt nicht mehr wissen, wie sie über die Runden
kommen sollen.
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Trotzdem ließen die Proteste einschlägige russische Medien „Maidan“-Regie-Anweisungen nach angeblichem Kiewer Vorbild aus den USA vermuten. Es erinnere, so die Stimmen, vieles an die antirussischen Revolutionen in anderen postsowjetischen Ländern.
Nach einem zwischenzeitlichen Abebben der Proteste in den Sommermonaten begannen diese Mitte
September erneut. Es kam zu zahlreiche Verhaftungen nach der Blockade einer zentralen Straße in
Armeniens Hauptstadt.
Armenien hatte lange mit der EU über ein Assoziierungsabkommen verhandelt und überraschend dann
doch den Beitritt zur Eurasischen Union bekannt gegeben, ohne dass es zu großem Widerspruch in der
armenischen Gesellschaft gekommen war. Es herrscht ein breiter Konsens in der Bevölkerung, dass ein
gutes Verhältnis zu Russland als Sicherheitsgarant im Konflikt mit Aserbaidschan sowie politischem
Verbündeten und größtem Handelspartner nötig sei. Im Parlament stimmte selbst die Opposition einschließlich der liberalen Partei mehrheitlich für den Beitritt zur Eurasischen Union. Ein Akt der Staatsräson sei das.
Dass die sich zuspitzende Gesamtsituation im Land sich nicht in politischen Demonstrationen entlädt,
ist für Außenstehende schwer nachvollziehbar. Alexander Iskandaryan, Direktor des „Caucasus Institute“ in Eriwan erklärt dies so: „Es gibt keine Protestkultur im Lande. Die Oppositionsparteien sind nicht
in der Lage, die Probleme in die Politik einzubringen oder bei Demonstrationen eine Führungsrolle zu
übernehmen. Das zeigt das Manko des politischen Systems – politische Kanäle werden nicht genutzt,
um Probleme zu thematisieren. Dies hängt auch mit mangelndem Vertrauen der Bevölkerung in alle
politischen Lager zusammen. Es fehlt an Methodologien, Strategien und Erfahrung.“
Ähnlich schätzte Stepan Gregoryan, Leiter des „Analytischen Zentrums für Globalisierung und regionale Zusammenarbeit“, einer in Eriwan ansässigen NRO die Situation im Sommer ein: „Es waren nur wenige Oppositionspolitiker bei den jüngsten Demonstrationen zu sehen und die überwiegend jungen
Demonstranten wollten sie auch nicht dort haben, es mangelt an Vertrauen. So war es auch nicht
verwunderlich, dass, als verschiedene Gruppierungen innerhalb der Demonstranten beim Versuch, die
Proteste weiter zu thematisieren, sich uneinig wurden, es zur Spaltung und Streitigkeiten kam. Kurze
Zeit später waren die Demonstrationen vorbei.“

NATO-Ausbildung in Georgien mit armenischer Beteiligung

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Armenien, das Land der Widersprüche –
es sind zwei Parallelwelten, die einem in
Armenien be-gegnen: Verfallene Kleinstädte, menschenleere Dörfer und dann
die Hauptstadt Eriwan. Ein auf wenige
Quadratkilometer begrenzter „anderer
Stern“, mit Konsumtempeln aller Art,
zahlreichen Markengeschäften, hochpreisigen Cafés und Restaurants sowie
Nobel-Karossen mit meist jugendlichen
Fahrern. „Germany Trade & Invest“ beziffert den auf die Hauptstadt entfallenen Anteil des landesweiten Einzelhandelsumsatzes auf 83 Prozent.

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Ebenso in der Außenpolitik: Auf der einen Seite die bedingungslose Nähe zu Russland mit tausenden
im Land stationierten russischen Soldaten, die unter anderem die Grenze zum Nato-Mitglied Türkei
sichern, auf der anderen Seite armenische Soldaten, die an Nato-Ausbildungskursen im Nachbarland
Georgien teilnehmen.
Ein Land vor massiven Umbrüchen oder ein Land, das in der Stagnation und Resignation verharrt?
Momentan wohl eher letzteres, wenn man das Vertrauen der Bevölkerung in die politischen Akteure
aller Art betrachtet. Europa muss es gelingen, die Chancen einer europäischen Perspektive aufzuzeigen. Dafür wünscht sich Tevan Poghosyan, der für die Heritage-Fraktion (die als einzige gegen den
Beitritt zur Eurasischen Union stimmte) im armenischen Parlament sitzt, mehr Unterstützung und
Sensibilität von europäischer Seite im Verständnis der armenischen Mentalität: „Ich habe es mitunter
schwer, die Vorzüge einer Annäherung an die Europäische Union zu vermitteln, wenn von dort im Bewusstsein der meisten Armenier immer der erhobene Zeigefinger gleichgeschlechtlicher Toleranz in
Richtung Armenien kommt. So wichtig das Thema auch ist, dies führt nicht zwingend dazu, dass in
erster Linie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte mit Europa verbunden werden...“
Peter-Andreas Bochmann ist FNF-Projektleiter für den Südkaukasus.
Bildmaterial: FNF-Projektbüro Tiflis
Impressum
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF)
Fachbereich Internationales
Referat für Querschnittsaufgaben
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