You are on page 1of 8

Hintergrund

:
Südost- und Ostasien

Nr. 58 / 18. September 2015

Besetzen oder aufschütten? China schafft sich neues
Territorium im Südchinesischen Meer
Armin Reinartz & Noemi Hehl

Zusammenfassung
China sorgt durch den Bau künstlicher Inseln für erneute Spannungen im Südchinesischen Meer. Der schwelende Regionalkonflikt scheint von einer friedlichen
Lösung weit entfernt. Weder eine multilaterale Vereinbarung zwischen China und
den ASEAN-Staaten, noch die Klage der Philippinen vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag versprechen eine schnelle Lösung. Stattdessen ist ein militärisches Aufrüsten und verstärkte Bündnispolitik aller Akteure zu beobachten.

Hintergrund: Südost- und Ostasien Nr. 58 / September 2015

|1

Chinas rasante Maßnahmen zur Landgewinnung verschärften in den letzten Monaten erneut den Disput über Territorialfragen im Südchinesischen Meer. Rund 800 Hektar Land schuf China innerhalb der
letzten zwei Jahre auf Korallenriffen, die Teil der umstrittenen Spratly-Inselgruppe sind. China sieht
die Inselgruppe zusammen mit rund neun Zehnteln des Südchinesischen Meeres als sein nationales
Territorium an und weist jede Kritik an den Baumaßnahmen mit genau dieser Argumentation zurück.
Hau Chunyin, Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, erklärte im März: “Chinas reguläre
Konstruktionsaktivitäten auf unseren eigenen Inseln und in unseren eigenen Gewässern sind legal,
angemessen und gerechtfertigt.”
Luftbilder zeigen, wie China durch die Aufschüttung von Sand auf Korallenriffen mehrere künstliche
Inseln kreierte. Auf dem Fiery-Cross-Riff entstand eine Landebahn, die mit 3.000 Metern lang genug
für sämtliche Flugzeugtypen der chinesischen Luftwaffe ist. Satellitenbilder, die Mitte Juli aufgezeichnet wurden, zeigen Aktivitäten auf der Insel Subi, die auf den Bau einer weiteren Landebahn schließen
lassen (siehe hierzu: https://twitter.com/Diplomat_APAC/status/643424238645460992/photo/1).
Scharfe Kritik an Chinas Baumaßnahmen kam von den USA, die China vorwerfen, durch die Ausweitung seiner Militärpräsenz die Konflikte im Südchinesischen Meer erneut anzuheizen. China erklärte,
die Baumaßnahmen dienten nicht nur dem Schutz Chinas, sondern sollten dem Land zudem ermöglichen, seine internationalen Verpflichtungen im Umweltschutz, der Meeresforschung, der Seenotrettung, dem Katastrophenschutz und der Wetterbeobachtung besser erfüllen zu können. Ein
hoher Beamter der Volksbefreiungsarmee beschuldigte die USA, das Thema „absichtlich
und wiederholt aufzubauschen”, um „das chinesische Militär zu beschmutzen und regionale Spannungen zu dramatisieren.” Als Grund
hierfür sieht er die Absicht der USA, eine
Rechtfertigung für einen eigenen, verstärkten
militärischen Einsatz im südchinesischen Meer
zu suchen. Erst im Mai forderte die chinesische Marine ein US-amerikanisches Aufklärungsflugzeug vom Typ P8-A Poseidon bei
ASEAN Mitgliedsstaaten, Spratly-Inseln, Paraceleinem Überflug der künstlichen, chinesischen
Inseln, Quelle: FNF-Vietnam
Inseln auf, das Gebiet umgehend zu verlassen.
Der Pilot weigerte sich allerdings der achtmal
wiederholten Anweisung zu folgen mit dem Hinweis, man befände sich in internationalem Luftraum.
Der Verteidigungsminister der USA, Ashton Carter, betonte nach dem Vorfall, dass „die Vereinigten
Staaten überall, wo es internationales Recht erlaubt fliegen, segeln und agieren werden, so wie es USamerikanische Truppen überall auf der Welt tun. Amerika sowie seine Alliierten und Partner in der
Region werden sich nicht davon abschrecken lassen, diese Rechte auszuüben […] Schließlich erlaubt
die Umwandlung eines Unterwasserfelsens in einen Flugplatz nicht einfach Souveränitätsrechte und
die Einschränkung des internationalen Flug- und Schiffsverkehrs.”

Hintergrund: Südost- und Ostasien Nr. 58 / September 2015

|2

China treibt die Nachbarn zurück in die Arme der USA
Die USA unterstützen in der Region traditionell vor allem die Philippinen, deren schwache Marine sich
wieder zunehmend auf den mächtigeren Partner verlässt. Nachdem der Einfluss und die Präsenz der
USA auf ihre ehemalige Kolonie Philippinen lange Zeit als zu groß empfunden und einvernehmlich
über die Jahre reduziert wurde, wird nun sogar der in den 1990er Jahren geschlossene Subic-BayMarinestützpunkt wieder verstärkt vom amerikanischen Militär genutzt.
Auch im Falle Vietnams ist eine Annäherung gegenüber dem alten Feind USA, wenn auch eingeschränkter, zu beobachten. Was auf den ersten Blick und mit der Erinnerung an die Bilder von Napalm
zerstörten Dörfern überraschen mag, erscheint logischer, wenn man die direkte Nachbarschaft und
Historie Vietnams und Chinas bedenkt. In Vietnam sind die Hegemonie des imperialen Chinas und der
letzte, blutig zurückgeschlagene Einmarsch des übergroßen Nachbarn im Norden von 1979 nicht vergessen.
Nicht zuletzt das Vorgehen Russlands gegenüber der als Einflussspähre begriffenen Ukraine als Beispiel internationaler Politik im 21. Jahrhundert dürfte bei Chinas kleineren Nachbarn die Suche nach
einem mächtigen Verbündeten befeuert haben. Innenpolitisch sind die Beziehungen zu China umstritten und auch die gewaltsamen Ausschreitungen vietnamesischer Arbeiter im letzten Jahr, verdeutlichen, welche politische Brisanz das Thema in Vietnam birgt.
Die begründen ihre Allianzen und Aktionen in Asien mit der Sicherung der Freiheit der Schifffahrt. Dies
wird auch in der oben zitierten Aussage Carters deutlich. Zudem haben die USA ihre Strategie angepasst: Anstelle eines Netzes aus eigenen, dauerhaften Militärstützpunkten in der Region ist ein Ansatz
getreten, bei dem die Basen befreundeter Staaten wie Vietnam durch deutlich engere militärische
Kooperation für amerikanische Marineeinheiten bei Bedarf nutzbar sind.
Liegt Chinas Zukunft auf dem Meer?
Die Militärparade zur „Feier des 70. Jahrestages des Siegs des Chinesischen Volkes im Widerstand gegen die japanische Aggression & weltweit antifaschistischen Krieges“, wie der Zweite Weltkrieg im
chinesischen Propagandajargon heißt, war ein neuer Höhepunkt in der Zurschaustellung chinesischer
Militärmacht. Insbesondere die dort präsentierten neuen Raketen vom Typ Dongfang-21D, die auch als
„Carrier Killer“ bezeichnet werden und über 1.400 Kilometer Reichweite haben, gelten als gegen die
US-Präsenz in der Region Ost- und Südostasien gerichtet.
Angesichts der chinesischen Aufrüstung im Südchinesischen Meer, die gemäß des Kabinettsbeschlusses in Peking ein offensiveres Handeln der Marine und Luftwaffe sowie einen Ausbau der Atomstreitkräfte umfassen soll, hat die USA die Anzahl an Kampfflugzeugen in der Region in den letzten Monaten demonstrativ erhöht. Außerdem stellten sie in Aussicht, verstärkt Militärschiffe in das Südchinesische Meer zu schicken. Chinas Marine ist bereits mit zahlreichen Schiffen vor Ort. Die 2013 groß zelebrierte Anschaffung des ersten chinesischen Flugzeugträgers bleibt aber aufgrund technischer Merkmale und der chinesischen Marinestruktur nach wie vor von geringem militärischem Wert.
Chinas gesteigerte Marineaktivität wird nicht nur in den südlichen Gewässern deutlich. Die erste Operation chinesischer Militärschiffe vor der Küste Alaskas während eines Besuchs des amerikanischen
Präsidenten kann als gezieltes Muskelspiel betrachtet werden. Indien sieht irritiert auf chinesische
Marinebewegungen im indischen Ozean und am Horn von Afrika scheint relativ unbemerkt von der
Weltöffentlichkeit die erste stationäre chinesische Militärpräsenz außerhalb des eigenen Territoriums
zu entstehen.
Hintergrund: Südost- und Ostasien Nr. 58 / September 2015

|3

Die Territorialstreitigkeiten im südchinesischen Meer bergen jedoch sicher, neben dem direkten Konflikt mit Japan um die Djaoyu/Senkaku Inseln, das größte Risiko für einen ausufernden Konflikt mit
globalen Auswirkungen.
Der große Insel-Run
Auch wenn China bislang kaum Zurückhaltung in seinen Aktivitäten im Südchinesischen Meer zeigt,
schlägt es in seinen Verlautbarung auch vereinzelt diplomatischer Töne an. So versicherte China zum
Beispiel im Juni, die Landgewinnung sei fast beendet, und bot anderen Nationen in der Region die
gemeinsame Nutzung der neuen chinesischen Außenposten an. Die Staatliche Kommission für Entwicklung und Reform veröffentlichte zudem die Pläne für die weitere Bebauung der künstlichen Inseln
in den Spratlys. Geplant sind unter anderem Leuchttürme, Rettungsstationen, Ankerplätze für Fischerboote, Infrastruktur zur drahtlosen Navigation, Einrichtungen für maritime Sicherheit und Kommunikation, Wetterstationen, maritime Beobachtungsstationen und wissenschaftliche Forschungszentren.
In Bezug auf Fischfang und Umweltschutz blieb China bislang allerdings die Erklärung schuldig, wie
die Aufschüttung und Betonierung der für das maritime Ökosystem wichtigen Riffe einen positiven
Beitrag leisten (siehe hierzu: https://twitter.com/CSIS/status/641934663640940544/photo/1).
Es wird angenommen, dass China zudem über entsprechendes Gerät seine bislang schwachen Aufklärungsfähigkeiten zur situational awareness in dem Gebiet ausbauen will, um sich umfänglich über die
Bewegung anderer Marineeinheiten informiert zu wissen. Auch wenn Experten von einer Konsolidierungsphase im chinesischen Vorgehen sprechen, so wird dies doch auch als wichtiger Schritt zur mittel- bis langfristigen Möglichkeit zur Einrichtung und Durchsetzung einer Luftraumüberwachungszone
(ADIZ) gesehen.
China betreibt zwar die extensivsten Baumaßnahmen auf den Spratly-Inseln, ist aber bei weitem nicht
die einzige Nation, die auf diese Weise versucht ihre Ansprüche im Südchinesischen Meer zu bestärken. Vietnam verfügt über insgesamt 48 Außenposten auf den Spratly-Inseln, die Philippinen über
acht, Malaysia über fünf und Taiwan über einen. Jeder dieser Staaten hatte zudem bereits eine Landebahn auf den Spratly-Inseln erbaut, bevor China 2014 mit der Konstruktion seiner Landebahn auf dem
Fiery-Cross-Riff begann. Vietnam begann 1976 den Bau der ersten Start- und Landebahn auf den
Spratly-Inseln. Sie ist heute mit 550 Metern Länge die kürzeste Landebahn auf den umstrittenen Inseln und kann nur von kleinen Transport- und Überwachungsflugzeugen angeflogen werden. Die 1.000
Meter lange Landebahn der Philippinen auf der Thitu-Insel, die knapp 1.200 Meter lange Landebahn
Taiwans auf Itu Aba, sowie Malaysias knapp 1.370 Meter lange Landebahn auf dem Swallow-Riff bieten zusätzlich die Kapazitäten für Kampfflugzeuge. Chinas Landebahn auf dem Fiery-Cross-Riff ist mit
3.000 Metern die längste und ermöglicht allen Flugzeugtypen des chinesischen Militärs Start und
Landung. Dies ist ein wichtiger Faktor, da damit die Stationierung mit Nuklearraketen bestückter
Bomber möglich ist. Zudem wird vermutet, dass China auf dem Subi-Riff bereits eine weitere Startund Landebahn konstruiert.
Bis 2014 war Vietnam im Bereich der Landgewinnung auf den Spratly -Inseln am aktivsten; doch Chinas rasante Baumaßnahmen stellen die Bemühungen der anderen Nationen in den Schatten. Am deutlichsten wird die Ungleichheit der Beteiligten beim Vergleich der philippinischen Sierra Madre mit
Chinas künstlichen Inseln. Bei der Sierra Madre handelt es sich um ein altes Kriegsschiff, das während
des zweiten Weltkriegs und des Vietnamkriegs Teil der US-amerikanischen Flotte war und nach der
Übernahme durch das philippinische Militär 1999 mit Absicht auf der Second-Thomas-Untiefe auf
Grund gesetzt wurde.
Hintergrund: Südost- und Ostasien Nr. 58 / September 2015

|4

Seither dient es einigen wenigen Soldaten als Außenposten und soll die Ansprüche der Philippinen auf
den Spratly Inseln sichern. Die Versorgung des rostenden Schiffswracks erfolgt über den Seeweg oder,
wenn patrouillierende chinesische Kriegsschiffe dies verhindern, per Luftbrücke.
Etwas komfortabler haben es die rund einhundert Zivilisten, die auf der Insel Pag-Asa die Stellung
halten. Die philippinische Regierung stellt ihnen Häuser, Strom und einige Lebensmittel zur Verfügung
und das kleine Dorf verfügt über eine Grundschule. Der Einsatz von Zivilisten im Streit um die Vorherrschaft im Südchinesischen Meer ist ein beliebtes Mittel zur Sicherung der Souveränität über die umstrittenen Inseln.
Patriotischer Tourismus
Vietnam kündigte zum Beispiel im Juni an, Kreuzfahrtschiffe zu den Spratly-Inseln zu schicken. Die
Debutkreuzfahrt soll sechs Tage dauern und zur „Wiederbelebung des Nationalstolzes und des Bewusstseins der Bürger für die heilige maritime Souveränität des Landes” beitragen, wie es in der offiziellen Ankündigung hieß. Geht es nach vietnamesischen Plänen sind die Kreuzfahrten erst der Anfang
einer touristischen Erschließung der Inseln. In Zukunft sollen Touristen die Inseln auch per Flugzeug
erreichen können.
Doch Vietnam ist nicht der Erfinder des patriotischen Tourismus in den Gewässern des umkämpften
Meeres. China organisiert bereits seit Mai 2013 Kreuzfahrten zu den ebenfalls umstrittenen ParacelInseln. Bis zu zweimal im Monat bringt die Coconut Princess patriotische Bürger von der Insel Hainan
zu der Inselgruppe im Südchinesischen Meer, die von China, Vietnam und Taiwan beansprucht wird
und seit 1974 vollständig von der VR China besetzt ist. Auf dem Programm steht neben Tauchen,
Schnorcheln und Schwimmen vor allem eines: Flagge zeigen. Die Passagiere besuchen außerdem ein
Fischerdorf, dessen Einwohner für ihre Anwesenheit auf den Inseln finanziell entlohnt werden.
China schickt aber nicht nur Fischer und Touristen in die Gebiete des umstrittenen Meeres, sondern
verfügt auch über eine Art maritime Bürgerwehr. Dabei handelt es sich um Fischerboote, deren Besatzungen auch für militärische Einsätze trainiert werden, um die chinesische Marine zu unterstützen. Zu
ihren Aufgaben gehören neben der Seenotrettung auch Aktivitäten wie das Sammeln von Daten, der
Transport von Baumaterialien oder das Ansteuern von Inseln zur Souveränitätserklärung. Einige der
Schiffe sind auch auf Konfrontationen mit Kriegsschiffen vorbereitet, aber vor allem sorgen die zahlreichen Fischerboote für eine hohe chinesische Präsenz in den umstrittenen Gewässern des Südchinesischen Meeres. Die Beteiligung von Zivilisten an diesem Konflikt stellt mögliche Gegner Chinas vor
ein Problem: Was tun, mit Schiffen die halb zivil, halb militärisch sind? Eine Fischfangflotte, die zufällig in den Weg eines Trägerverbandes kommt, könnte zu mehr als zu einer kleinen Unannehmlichkeit
werden. Wie zu Zeiten des kalten Krieges ist davon auszugehen, dass auch zivile Schiffe die Augen
und Ohren für militärische Bewegungen sind.
Papiere ohne Zähne
Diplomatische Lösungsansätze blieben bisher ohne Ergebnis. Die 2002 zwischen den ASEAN-Staaten
und China vereinbarte Declaration on the Conduct of Parties in the South China Sea (DOC) wartet immer noch auf die Umwandlung in einen verbindlicheren Code of Conduct for the South China Sea
(COC). Beim letzten, offiziell neunten Treffen in Tianjin, China, im Juli dieses Jahres konnten die Vertreter der Staaten Südostasiens und Chinas keine nennenswerten Fortschritte erreichen. Während China wenig Interesse an einem Code of Conduct zu haben scheint, sind die ASEAN Staaten in dieser Angelegenheit gespalten.
Hintergrund: Südost- und Ostasien Nr. 58 / September 2015

|5

Einige Staaten würden es bevorzugen, die Konflikte zu Gunsten ihrer guten Beziehungen mit China zu
ignorieren. Zudem haben nicht alle ASEAN-Staaten Ansprüche im Südchinesischen Meer. Lediglich
Vietnam, die Philippinen, Brunei, Malaysia und Indonesien erheben Ansprüche, wobei Vietnam und die
Philippinen am aktivsten in der Verteidigung derselben sind. Die restlichen ASEAN-Staaten Kambodscha, Laos, Myanmar, Thailand und Singapur sind nicht unter den Konfliktparteien.
Der Versuch der philippinischen Regierung, China auf juristischem Wege zurückzudrängen, kommt
ebenfalls nur langsam voran. 2013 leitete sie eine Klage vor dem Internationalen Gerichtshof in Den
Haag ein und nun muss über die Zuständigkeit des Gerichts entschieden werden. Darüber, wie die
Chancen für die Philippinen stehen, scheiden sich die Geister. Selbst wenn die Philippinen die Zuständigkeit des Gerichts beweisen könnten und das Gericht zu Gunsten der Philippinen entscheiden würde,
hätte es keine Möglichkeit die Entscheidung durchzusetzen. China lehnt das Verfahren grundsätzlich
ab und zeigt keine Bereitschaft, daran teilzunehmen. Sein Argument ist, dass Fragen der Souveränität
nicht unter das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (SRÜ), auf dessen Basis die Philippinen klagen, fallen. Allerdings basiert die Klage der Philippinen auf der Frage ob die Spratlys und das
Scarborough-Riff über eine ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) verfügen können, was im Gegensatz zu Territorialfragen unter die Gerichtsbarkeit des SRÜ fällt. Die AWZ erstreckt sich 200 Seemeilen
von der Küste eines Küstenstaates und garantiert das Alleinnutzungsrecht in Bezug auf wirtschaftliche
Ausbeutung des Gebiets. Unter dem SRÜ existiert für Riffe und Felsen, die bei Flut unter der Wasseroberfläche liegen keine Souveränität, sie können somit auch keine ausschließliche Wirtschaftszone
haben. Ob Inseln dagegen eine AWZ haben können, hängt von der Auslegung des Artikel 121(3) des
Seerechtsübereinkommens ab. Generell lässt sich aber sagen, dass künstlich erschaffene Inseln nicht
die gleiche juristische Bedeutung wie natürlich entstandene Inseln haben und deshalb unter dem SRÜ
kein Recht auf eine ausschließliche Wirtschaftszone bedingen. Die Philippinen hoffen deshalb auf eine
Entscheidung zu ihren Gunsten.
Weitere Punkte der philippinischen Klage stellen die aus Chinas Sicht historischen Souveränitätsrechte
über das Südchinesische Meer in Frage und beschuldigen China, durch seine extensiven Landgewinnungsmaßnahmen und Überfischung die regionale maritime Umwelt geschädigt zu haben.

Hintergrund: Südost- und Ostasien Nr. 58 / September 2015

|6

China dagegen führt als Argument gegen das Verfahren an, dass die Philippinen durch die einseitige
Klage seine Verantwortungen unter der Declaration on the Conduct of Parties in the South China Sea
nicht einhält. Diese besagt, dass „die betreffenden Parteien ihre territorialen und gerichtlichen Konflikte durch […] freundschaftliche Beratungen und Verhandlungen zwischen den direkt betroffenen
souveränen Staaten” lösen sollen. Allerdings ist gemeinhin anerkannt, dass die Deklaration gesetzlich
nicht bindend ist. Zudem zeigten sich China und auch die Philippinen wenig verhandlungswillig.
Die Grenzen der Geschichte
Allgemein beharren alle Konfliktparteien auf ihren jeweiligen Ansprüchen. Vietnam beansprucht die
kompletten Spratlys sowie die Paracel-Inselgruppe für sich und begründet dies mit Hilfe historischer
Dokumente, die die vietnamesische Herrschaft über die Inseln seit dem 17. Jahrhundert nachweisen
sollen. Auch China beansprucht die vollständigen Spratly- und Paracel-Inselgruppen, sowie das Scarborough-Riff mit der Begründung, sie liegen innerhalb der “Neun-Strich-Linie”, die rund neun Zehntel
des Südchinesischen Meeres zu chinesischem Territorium erklärt. Die weitreichenden chinesischen
Ansprüche wurden das erste Mal 1947 bekannt, als eine Karte mit den vermerkten Souveränitätsansprüchen vom chinesischen Innenministerium veröffentlicht wurde. Die Ansprüche basieren laut China
auf der historischen Herrschaft Chinas über das Südchinesische Meer. Taiwans Ansprüche entsprechen
denen der VR China, betreffen also ebenfalls den größten Teil des Südchinesischen Meeres einschließlich der Spratly- und Paracel-Inselgruppen. Wie genau sich die beanspruchten Souveränitätsrechte
allerdings gestalten, haben die beiden Staaten bislang nicht genauer ausgeführt, und auch konkrete
Koordinaten wurden bis heute nicht angegeben.
Hintergrund: Südost- und Ostasien Nr. 58 / September 2015

|7

Die Philippinen sehen große Teile der Spratly-Inseln als ihr Territorium an und bestehen ansonsten auf
ihrer ausschließlichen Wirtschaftszone, die das Scarborough-Riff einschließt, das ebenfalls von China
und Taiwan beansprucht wird. Die Ansprüche Malaysias, Indonesiens und Bruneis begrenzen sich auf
die Teile der Spratly-Inselgruppe, die sich in den jeweiligen ausschließlichen Wirtschaftszonen der
Staaten befinden. Wie sehr die Konfliktparteien auf ihren Positionen beharren zeigt sich auch in ihren
unterschiedlichen Bezeichnungen des Südchinesischen Meeres. Während der chinesische Name als
„Südmeer“ übersetzt werden kann, sprechen die Vietnamesen vom „Ostmeer“und die Philippinen legen
auf die Bezeichnung „Westphilippinisches Meer“ großen Wert.
Die Schlafwandler des 21. Jahrhunderts - und Europa schaut nur zu
Eine nachhaltige Lösung des Konflikts scheint in weiter Ferne. Grundsätzlich kann keine der beteiligten Parteien einen militärischen Konflikt wollen. Die Kosten, unabhängig vom Ausgang des Konflikts,
wären für alle Seiten immens. Auf den internationalen Handelsrouten, die durch die umstrittenen Gewässer führen, werden jährlich Güter im Wert von geschätzten fünf Billionen US-Dollar transportiert.
Chinas und Japans Exportwege nach Europa und Energieversorgungsrouten verlaufen durch das Gebiet. Selbst ein temporärer, lokaler militärischer Konflikt würde der Weltwirtschaft massiv schaden.
Doch der Vergleich zu den „Schlafwandlern“ vor dem Ersten Weltkrieg wird nicht ohne Grund des
Häufigeren gezogen.
Die Europäer haben den Konflikt bislang, trotz der Implikationen für Weltpolitik und globaler Wirtschaft, ignoriert und den USA die Rolle als alleinige Alternative zur chinesischen Hegemonie und internationale Unterstützung überlassen. Dabei täten die Europäer gut daran, sich aktiv für eine Stärkung multilateraler Konfliktlösungsmechanismen und internationalen Rechts einzusetzen, um diese
Instrumente zu einem Modell der Zukunft auf weltweiter Ebene zu machen. Wenn im Südchinesischen
Meer alleine die Logik vom Recht des Stärkeren entscheidet, könnte dies zum einen traurigeren Wegweiser für die Zukunft und die mögliche Irrelevanz europäischer Vorstellungen zur Entwicklung der
Welt im 21. Jahrhundert werden.
Armin Reinartz ist Analyst im FNF-Regionalbüro Südost & Ostasien, Bangkok (Twitter: @Armin_Rz).
Noemi Hehl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im FNF-Büro Vietnam mit Sitz in Hanoi.
Weiterführende Links:
China – der große Gewinner in der Ukraine?
Proteste in Vietnam gegen China, 2014

Impressum
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF)
Fachbereich Internationales
Referat für Querschnittsaufgaben
Karl-Marx-Straße 2
D-14482 Potsdam
Hintergrund: Südost- und Ostasien Nr. 58 / September 2015

|8