Report I usenet und Recht

Holger Bleich, Joerg Heidrich

Saugstation Usenet
Die Musikindustrie kämpft er bittert gegen Usenet-Anbieter
Weil sie in Tauschb ör sen erw ischt werden können, zieht es immer mehr Musik-Downloader zu den Binary-Grupp en des Usenet. Der Verkauf von Zugängen zum alte hrwü rdigen Internet -Dienst boo mt und lockt geschäftst ücht ige Anbi eter auf den Markt, di e den schnellen Euro wittern. Derw eil hat die Mu sikindustrie die Gefahr erkannt und feuert aus allen juristischen Rohr en gegen die Betreiber.

Zugänge von meist US-amerikanischen oder holländischen Usenet-Server-Betreibem umdeklariert und durchgereicht. Der vom Nutzer verursachte TrafflC kostet den Anbieter dann et..... a beim beliebten Prov ider Highwinds Med ia pr o GByte zwisc hen fü nf und zehn Cent. Der Nutzer zahlt d afü r zwischen SO Cent und einen Euro - da kommt eine lohnende Marg e zusammen.

Klagewege
Dassdie meist im Ausland firmierenden deu t · sehe Anbieter großen Zulauf haben, wurmt n die Musik- und Filmindust rie enorm. Tatsächlich hat sie nämlich wohl kaum eine Chance, an Nutzungsprotokolle der Oownloader zu kommen, sofern diese überhaupt von den US-amerikanischen Vorleistungsanbietem erstellt werden. Ein Tat nachweis durfte sich folgl ich nicht führen lassen - egal ob (>5 sich lediglich um OO.....nload s dreh t oder ob man d ie Uploa de r erwischen wi ll. Wer n ur urheberrechtlich geschützte Dateien herunt erlädt, ohne sie we iterz uverb reite n, macht sich üb erdi es zwar schade nsersatz pflichtig. bege ht abe r kein e Strafta t. Erm ittlung en vo n Behö rde n, die erweiterte Auskunftsbefug nisseg egen über d en Provide rn hätt en, scheinen deshalb nahe zu ausgeschlossen. Weil also die Nutz er n icht angreifbar sind , geraten zunehmend die Zugangsanbieter selbst in die Schusslinie: Im laufenden Jahr 2007 sind bereits fünf Verfah ren der Musikindustrie gegen Betreiber von usenet-zugängen auf landgericht-Ebene bekannt geworden. Die Verwertungsgesellschaft GEMA gi ng bisla ng gegen zwei Anbiete t vor , die bekannte Rechtsanwaltskanz lei Rasch klagte dreimal fü r Un ternehmen aus der M usikb ranche. GEMA u nd Anw alt ( Jeme ns Rasch scheinen das l andgericht Hamburg als Ort de r Klage zu bevorzugen. was kein Wunder ist: Die dortige Urheberr echtskammer unter Vorsitz von Richter Bolko Rachow fährt eine besonders rig ide une pro Rechtemhaber. Sie hat bisher in zwei Entscheidungen useretAnbieter in die Haftung für über ihren Zugang angebotene MP3-Tracks genommen. Im ersten Verfa hren gegen useoext im Februar 2007 (Az. 308 0 32/07) spielte allerdings die extrem aggressive Werbung des Anb ieters eine entscheidende Rolle. So hatte sich useoest als Alternative zu Tausch bö rsen dargestellt u nd damit geworben, .Zugriff auf r or en beur äq e, Videos, MP3s, Software, Games oder Erotikin halte in u ngeahnte r Dime nsio n" zu ermöglichen . Der Anbieter ist n ach Ansicht des Geric hts un ter anderem deshalb Störer anzusehen, .....eil "er die Möglichkeit vo n Urheberrechtsverletzunge n gesehen und sogar .....erbend herausgestelh" habe . Zudem habe Usenext trotz er folgter Hin.....eise durch die Musikindustrie keine hinreichende Vorsorge getroffen, dass es nicht zu .....etteren Verletzungen kommen konnte. Die Tätigkeit eines useoet-xneeters ver glich das landgericht ohne nähe re Begrün-

D

ie Angst geht um unter den Tauschbörsennutzern. Mit Massenabmahnungen demonstriert die Musikindustne derzeit. dass sie in der lage ist. P1P-Sauger über die IP-Adresse aufzuspüren und ihnen empfindlich in den Geldbeutel zu Iassen. Planform en, die eine ano ny me Nutzung ermöglichen würden, erwiesen sich b isher als u nprakti kabe L Verschle ieru ngsdienste wie TOR b remsen de n Up- u nd Do wn load aus. Wer also n icht erwisc ht werden will, hält Ausschau nach Alternativen zu eDo nkey, rorrenr und Co. In diese Bresche springen seit einiger Zeit Anbteter von U5enet-Zugangen. Das useoet, eigentlich ein fast in VerCJe'Ssenheit geratenes Relikt aus der Urzeit des Internet. erlebt daher hierzulande momentan eine Renaissance. Nachdem das Unternehmen Aviteo mit seinem Angebot usenext de n Anfang gemacht hatte, sp rossen Usenet-Zugangsanbieter wie Pilze aus dem Boden. Abgerechnet wird nach Traffic -Au fkom men. Ein Fünf-<iiga byte-Download kostet etwa b is zu fü nf Eu ro, de r Downlo ad eines Dvü-rmaq es bei sp ielswei se ist also kein eswegs ein Schnäppc hen. Die Anbieter, deren Web-Auftritte sich fr ap pant ähneln, we rben dafür mit "hundertprozent iger Anonymität· und .mallimalem Doweloed-Speed", spre-

chen also die Bedürfnisse der verunsicherten P1P·Nutzer an. Dabei bemühen sie sich kaum Z\l verbergen, dass (>5 hau pts.ächlich um den
Download von urheberrechtlieh geschütztem Mate rial geht: .Mehr als 300 I erabyte an Videos, Games, MP3s u nd Eroti kinha lten w arten darauf, herun terqetaden zu werden", gibt etwa Firstload auf seine r Homepag e an.

Schnelles Geld
Auch ander e Aspekte lassen an der Seriosität

von so mancher der aggr(>5siv werbenden Firmen zweifeln. useoeet etwa fiel immer wieder du rch fehlerha ft versandte Mahnungen auf und durch .T(>5tzugänge", die sich vom Anwender unbeme-rkt in langfristige Abon nements verwandelten. BeiAlphaload erfährt der Nutzer erst du rch Studium der aJlgefnet-. nen Geschäftsbedi ngungen (AGB), d ass der . Gratis-Testzugang" bei Überschreitung eines ge ring bemesse nen Traffic-Lim its koste n pfli chtig .....ird. laut Impressu m be tr eibt die Schweize r Walea Gm bH d en Dienst. Tatsächlich weisen aber di e AGB in Richtung der Berliner Mainp ean Gm bH, welc he in d er Verga nge nheit haupt säch lich du rch Abzoc ke m it tee ren Dialern aufgefa llen ist . Ähnlich .....ie bei Dialern lockt auch beim Angebot von Usenet-Zugängen das schnelle Geld, denn die Investitionen halten sich Angaben auf so gegen den in Grenzen : Entmancher Anbieter-Hornepage verfügt soweit uns bekannt keines der neuen Unternehmen über eine eigene Server-Infrastru ktur, auch der Pionier usenest nich t . Es werd en led iglich

r:~~:='~~~~~~~~~••~~•••IS~ ~~~:~~:::::::::~__, e
• L

Der US-am erikanische Usenet ·Pro vid er Hig hwi nds bietet im Rahmen seines Vorlei st ungsprodu kts " Wind Tun nel" Zugriff auf seine Serv erfarmen, von dem die me isten d eutschen regen Gebrauch m achen.

ers

useoet-aesenee

80

c't2007,Heft18

Report I useoet und Recht

dung mit der eines Hosting-Providers. Diese um strittene Einordnung hatte die xcnseqoenz, dass sich userext ähnlich wie ein Forenbetreiber nur auf die stark eingeschränkte PrivHegierung des Paragrafen 10 'retemediengeseu (TMGI berufen kann. Würde man dagegen den Zugang als Accen-Provider eino rdnen . woW r durchaus einiges spricht, SO hatte dies zur Folge. dass der Anbieter nach Paragraf 8 TMG fü r nur durc h seine Netze geleite te Informat ionen so gut wie niema ls hahen wü rde, insbesondere nicht im vorlit'genden Fall.

Der Anbieter Usepi rat gab dem Druck der GEMA nach und schloss Anfang Aug ust seine pforten.

über seine Server vorgehal tene Informationen und Dateien zu un ierbinden.

... oder Caching?

Zugang, Hosting, ...
Seine Rechtsprechung hat das l andgericht Hamburg in einem zweiten Fall im Juni 2007 bestätigt (At. 308 0 325/ 07). Anders als bei usenext kon nt e die Kammer diesmal nich t mit der retnertscn en Werbu ng arqume nt ieren, weshalb sie ein en Schritt weit er gi ng: Dem neuen Urteil zufo lge hattet der Bettetber eines Usenet-Zugangsdienstes grund sauhch als Mitstörer für d ie im usenet begangenen u rhebe rrecbtsvenetrunqen. Erneut ordnete das Gericht den Betreiber als Host·Provider ein. Begründet wurde dies lapidar damit, da ss es sich bei der Speicherungsfrist von 30 Tagen, die ein Usenet-Beitrag nach Erhalt üblicherweise auf den Sen/ern be renlieqt, um einen langen Zeit raum handele, der eine Einordnung des Betrejbee etwa als ZugangsProvider nicht meh r rechtf erti ge. Bei d ieser Argumentation übersieht das Gericht allerdings die Tatsache. dass auch Zugangs -Provioer abgerufene . Inhalte im Proxy-Cecbe über längere Zeiträume bereit hall en. Seine Unkennt nis der t echnischen Gegebenhe ite n bewies das Gericht in einem anderen Zusammenhang: Nach Ansic ht der Hamburger Richt er ist der u senet .Anbteter nämlich techn isch und rechtlich in der lage, die Rechtsverlet zung zu un te rbinden . Er habe unmittelbaren Zug riff auf seinen Sero ver und die dort gespeicherten Inh alt e. Dies ist schon d eshalb unzutreffend . weil die meisten useoet -Anbteter wie erwähnt lediglich Zugänge von Dienstleistern wiederverkaufen. Doch selbst wenn der Anb iete r eigene Newsserver betreiben würde. ware es technisch kaum möglich, einzelne Messages mit urheberrechtlich ge schülzten lnhalten dauerhah zu filtern. Es bliebe lediglich die Option, ganze Newsgruppen zu blocken. Dies wiederum würde dem Nutzer viele ganz leg ale Newspostings vorenthalten . Auf derselben urue wie das l G Hambu rg argumentierte auch das lG Düsseldorf im Mai 2007 (At. 120 151/07) : Da es der usenet-Provide r Elbracht Computer Dnnen wi llentlich ermögliche, eine Musikdatei ins Internet zu stellen un d so eine Rechtsverletzu ng zu begehen, biete er damit eine Plattform mit den . infrast rukt urellen Voraussetzungen für Rechtwerletzunqen". Hierfür hafte er als Hcstmq-Provider, da es ihm technisch und recht lich mög lich sei. eine Rechtsverletzung durch

Zu einem gänzlich anderen Ergebnis als die Kollegen aus Hamburg und Dusseldo rt kamen allerdings d ie Rich ter des Landqericht s München I in ihrem Urt eil vom 19. April 2007 (703950/07), obwo hl es sich um denselben Provid er wie in Dusseldorf handelte. Danach ist es einem Usenet-Zugangs· dienst technisch weder möglic h noch zumut bar. eine nochmalige Bereit stellung eines Mu siktitels über das Usenet zu verhinde rn. Statt den Anbieter als Host-Provider einzuordnen. nimmt die Kammer eine Stellung als . c eching-Provider" an. Die Zwischenspetcherung d iene lediglich dazu. die Übermittlung der fremd en Information an andere Nutzer auf deren Anfrage effizienter zu gestalten. Dies sei die typische Konstellation VOfl Servern. die wie bei Usenet-Anbie tern - in periodischen Abständen automatisie rt ganze Fes tpla ttenbereiche fremder Server kopieren oder vom Nutzer abgerufene Seiten speichern. Auch eine Mitstörerhahung sahen d ie Mün chener Richt er als nicht gegeb en an. Diese setze die Verletzu ng vo n Prüfungspfli chten voraus, deren Umfang sich danach bestimme, ob und inwieweit dem als Stö re r in Anspruch Genommenen den Umstanden nach eine Prüfung zuzum ut en ist. In diesem Zusam menhang konn te die Mu sikindu stri e nicht nachweisen, dass eine geeigne te Filtersotrwe re existiert, mit der d ie anf allenden Datenmengen zeitna h und zuverlässig nach der streitgt'genständlichen Musikdatei durchsucht werden können , Es sei dem Provider nicht zuzumuten. den Datenverkehr h ändisch zu überprüfen beziehungsweise seinen Zugang ganz abzuschalten , erklärte das Gericht .

.._--

._..

--- -

--- .-.. . .
-' :=.:-

-

Fazit
Sämtliche der genannten Urteile sind nicht rechtskräftig, sondern werden im zweiten Halbjahr 2007 die jeweils zuständigen Oberlandesgerichte beschäft igen . Schon jetzt ist aber klar, dass d ie Mu sikindu st rie es geschafft hat, ein Damokl esschwert über den deutschen Usenet -Zugangsanbiet ern aufzuhängen, Die GEMA m acht e in ihre n Ver· füg ung santrägen bisher mindest ens 100 Recht sverletzungen gelt end. Als Konseque nz entst eht ein St reitwe rt von mehr als 500 000 Euro. der dann das Kostenri siko für die Anbieter in d ie Höhe treibt .

längst raufen sich die betroffenen unternehmen t rotz Kcnkunenzsrtuatioo in Krisensitzungen zusammen. um gemeinsam ju ristische Abwehrstrategien zu entwickeln. Der Kampf durfte an Schärfe gewinnen: Aus den Sctulftsätzen der Musikind ustril"-Vertreter wird deutlich, dass sie die Anbieter nicht mehr nu r als Mitstörer betrachten, sondern bald dazu übergehen könnten. einen qewerbsmäßigen Urheberrechtsbruch aruunehmen. Und dann würde sich die Auseinandersetzu ng in den st rafrec htlich relevanten Berei<h vertagern. der im Falle von Verurteil ungen sogar mit Haftstrafen verbunden sein kann. Wie lange sich die Zuga ngsanb iete r ihre teu re Gegenwe hr leisten wollen, ist un klar. Schon je tzt geben einige ent nervt auf: Die Bet reiber des Diensts Usepira t hatt en nach eine r Abm ahnu ng der GEMA zu näc hs t erfo lglos versuch t. einen Filt er gege n de n Download der vo n der Verwe rtungsgeseIlscbatt mon ierte n Dateien einzurichten , Anfang August schließlich machte man den laden d icht, ähn lic h w ie bere its zuvor Excressrced. Ge-genuber c't kündigte auch die Bald & Speer GbR. die bislang unter useüat.de und 8in load .de als Usenet-Provider aufgetreten ist, ihren Rückzug an: . Die SChließung resultiert nicht zuletzt aus der überau s aggressiven vcrcebeoswerse seitens der Musikindustrje, durch die wir unsere wirtschahliche Existenz bedroht sahen. Weder Prozesskosten noch etwaige utopisch hohe Schadensersatzansprüche waren im Falle einer Niederlage vor Gericht auch nur ansecwel se zu verkraften gewesen -. erklärte RouVi!n Bald. Nach wie vor siegessicher gibt sich Usenext-Chef Oliver Stang l. Man werde im St reit mi t der Musikindustrie hart bleiben und auch den Gang vor den Bundesgericht shof nich t scheuen, us eoeet sei allerdi ngs dan k der mit Abstand höchsten Nut zerzahl der einzige deutsche Anbietet, der sich dauerhaft eine solche Auseinandersetzung leisten könne. munkeln 8ranchen-lnsider. (hob) c:t

c't 2007, Heh 18

81