Die antike Judenfeindschaft am Beispiel des Tacitus 1.

Einleitung: Die Idee für diesen Artikel entstand während eines Vortrags, den ich in der Arbeitsgruppe Fachgeschichte während der DGV-Tagung am 1.Oktober 2009 in Frankfurt am Main hielt. In diesem Text beschäftige ich mich mit dem ethnographischen Judenexkurs des römischen Historio- und Ethnographen (Gaius) Publius Cornelius Tacitus. In seinem Geschichtswerk „Historiae“ (auf Deutsch „Historien“) beschäftigt sich Tacitus mit der römischen Geschichte vom Beginn des Bürgerkriegs des Jahres 69 bis zum Ende des Kaisers Domitianus im Jahr 96 nach Christus. Leider sind nur die ersten vier Bücher vollständig und der Anfang des fünften Buches erhalten, womit nur das sogenannte „Vierkaiserjahr“ abgedeckt ist, also das Jahr 69. Im fünften Buch steht von Kapitel 1 bis 13 der sogenannte Judenexkurs, auf den ich in diesem Artikel eingehe. Ich möchte in diesem Text die Frage klären, ob Tacitus ein antisemitischer Autor war. An Quellen benutze ich einerseits gedruckte Bücher, die es im Handel zu kaufen gibt und andererseits Informationsseiten im Internet, besonders aus der Enzyklopädie Wikipedia. 2. Der Ursprung des jüdischen Volkes und die verkehrte Welt der Juden Der Judenexkurs des Tacitus: es war bei römischen Historikern wie Tacitus üblich in ihre Geschichtswerke (von denen Tacitus zwei geschrieben hat, nämlich die „Annalen“, welche die Zeit von 14 bis 69 nach Christus behandeln, d.h. ab dem Tod des Kaisers Augustus bis zum Ende Neros und die „Historien“, welche die Zeit vom Ende Neros bis zu Domitians Ende im Jahr 96 nach Christus besprechen) sogenannte völkerkundliche Exkurse einzubauen, um den Leser nicht nur zu über fremde Völker und Kulturen mit denen die Römer im Kontakt standen informieren, sondern es sollte dem Leser auch eine Pause gegönnt und er sollte unterhalten werden (vgl. Tacitus Annalen IV, 33 und Trüdinger 1918, 146, 166-170, Bloch 2002, 11-14, 167170, 181-185, 221-223). Das erste Kapitel des Judenexkurses geht auf die historische Situation ein: wir befinden uns im Jüdischen Krieg, der bereits unter dem Kaiser Nero im Jahr 66 begonnen hatte. Anfangs befehligte der römische General Vespasianus die Truppen, die den Aufstand niederschlagen sollten und er übergab das Kommando schließlich an seinen Sohn Titus (vgl. Tacitus Historiae V, 1, 10 und 11). Der Krieg endete im Jahr 70 nach Christus mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem, die aber nicht mehr im Text des Tacitus behandelt wird, da vom 5.Buch der Historien nur der Anfang erhalten ist (vgl. http://www.christenund-juden.de/html/tacitus.htm und http://www.christen-und-juden.de/index.htm?html/gierlich.htm). Im 2.Kapitel gibt Tacitus den Grund für diesen Exkurs an: bevor er vom Untergang Jerusalems berichtet, möchte er die Geschichte der Juden erzählen. Er geht der römischen ethnographischen Tradition folgend so vor, dass bei der ethnographischen Beschreibung fremder Völker bestimmte Topoi abgearbeitet wurden, wie Ursprung, Erklärung des Volksnamens, Bewaffnung, Begräbnisform, u.a. (vgl. Trüdinger 1918, 175 und Bloch 2002, 143-144) zuerst auf den Ursprung, lateinisch origo, der Juden ein und benennt 6 verschiedene Möglichkeiten für die Herkunft der Juden: a) die Juden waren kretische Flüchtlinge, die nach Libyen flohen, b) sie waren ägyptische Flüchtlinge, die in benachbarte Länder flüchteten c) sie waren äthiopische Flüchtlinge, d) sie flohen aus Assyrien (heute in etwa der Irak) in die Gebiete des heutigen Israel und Syrien, e) das Volk der Solymer, das bereits bei Homer erwähnt wird, gründete Jerusalem, und die letzte Variante schließlich steht im 3.Kapitel: f) sie waren ägyptische Flüchtlinge, die von Pharao Bocchoris in die Wüste vertrieben wurden. Tacitus bevorzugt die letzte Variante, da die meisten Autoren diese als richtig ansahen. Er berichtet, dass in der Zeit des Pharao Bocchoris eine Seuche in Ägypten wütete. Der ägyptische Pharao ließ das AmmonOrakel befragen und dies empfahl die Kranken in die Wüste zu treiben, um das ägyptische Volk zu schützen und die Kultbräuche, die in Vergessenheit geraten waren, wieder herzustellen. Deswegen seien die Aussätzigen vertrieben worden. In dieser Situation trat ein gewisser Moyses (in der Bibel Moses genannt) auf und übernahm die Führung der Flüchtlinge. Er sagte ihnen, dass sie weder den Göttern noch anderen Menschen vertrauen sollten. Hier zeigt sich bereits das Motiv der Misanthropie, die so oft den Juden vorgeworfen wurde. Tacitus berichtet, dass die Juden geeint seien im Hass auf andere und nur einander unterstützen würden und allen Nichtjuden feindlich gesinnt sein. Der Vorwurf des Menschenhasses wird bei Tacitus (vgl. Tacitus „Annalen“, XV, 44) auch auf die Christen angewandt, wie ich in einem anderen Artikel geschrieben habe: http://ethnologie.blog.de/2009/12/04/tacitus-christen-7512407/. Moses führt die Flüchtlinge zu mehreren Wasserquellen, wobei ihm eine Herde Wildesel den Weg wies. Nach einer Wanderung von sieben Tagen erreicht das Volk schließlich das gelobte Land Judäa und gründet die Hauptstadt Jerusalem, wo der Tempel des Judentums stand. Im 4.Kapitel bespricht Tacitus die Gesetze und Einrichtungen, die Moses einführte: „Moses führte, um sich das Volk für die Zukunft zu sichern, neue und denjenigen der übrigen Menschheit entgegengesetzte Riten ein. Unheilig ist dort alles, was bei uns heilig ist, erlaubt wiederum ist bei ihnen, was für uns unzüchtig ist“ (vgl. Tacitus, „Historien“ V,4). Moses begründet also ein neues Volk, das nur sich selbst glich (vgl. Tacitus „Germania“, 4). Tacitus führt hier bereits das Motiv der verkehrten Welt der Juden ein (vgl. Bloch 2002, 91 und 170-176) und er behauptet, dass Moses dem Volk Bräuche gab, die dazu dienten, es an ihn zu binden und damit seine Machtposition, die er in der

Krisensituation erlangte hatte, zu erhalten und abzusichern. Die Kultbräuche der Juden stehen, laut Tacitus, im Widerspruch zu denen aller anderen Völker, so opfern sie Widder und Stiere, was bei den Ägyptern als Frevel angesehen wird (vgl. Bloch 2002, 91-92), sie essen kein Schweinefleisch, Fasten, essen ungesäuerte Brote, halten den Sabbat und das Sabbatjahr ein, alles Dinge, die für einen Römer unverständlich waren (vgl.http://www.christen-und-juden.de/html/tacitus.htm). Nach Tacitus Darstellung essen die Juden kein Schweinefleisch, da die Schweine den Aussatz übertrugen wegen dem ja sie aus Ägypten vertrieben wurden. Er behauptet, dass die Juden häufig fasten, da sie dadurch die Erinnerung an die Hungersnot während ihrer Wüstenwanderung am Leben erhalten. Den Sabbat halten die Juden, laut Tacitus, ein, da ihre Wüstenwanderung sieben Tage gedauert habe und sie die Erinnerung daran am Leben erhalten müssten. Die Kultbräuche stehen im Zusammenhang mit dem Auszug aus Ägypten und werden damit begründet (vgl. http://www.christen-und-juden.de/html/tacitus.htm). Im 5.Kapitel behandelt Tacitus die jüdischen Sitten und er drückt ausdrücklich seine Ablehnung und auch Abscheu gegenüber diesen aus: („Diese Riten (…) rechtfertigen sich durch ihr Alter; die übrigen Einrichtungen, verkehrt und schändlich, erlangten durch ihr Verkehrtsein Geltung“ (Tacitus, „Historien“, V 5, zitiert nach Bloch 2002, 93). Erneut wird das Judentum in Gegensatz gesetzt zu den anderen Religionen der damals bekannten Welt. Tacitus kommt wieder zu sprechen auf die Treue gegenüber den Mitgliedern des eigenen Volkes, den Hass auf alle anderen Völker. Die Abgrenzung von Nichtjuden exemplifiziert er an den Essgewohnheiten und der Sexualität: laut Tacitus essen die Juden nur mit ihresgleichen und sie pflegen keinen Geschlechtsverkehr mit Nichtjüdinnen. Die bei den Juden praktizierte Beschneidung der Männer erklärt Tacitus damit, dass sie anders sein wollten als alle anderen Völker. Die Juden töten seiner Meinung nicht die Nachgeborenen (damit sind Kinder gemeint, die in einer späteren Beziehung geboren wurden oder wenn die Eltern schon große Kinder habe und im höheren Alter noch weitere Kinder geboren wurden) und sie zeichen sich im Kampf durch Todesverachtung aus, da sie ja auf das Leben nach dem Tode hoffen konnten. Von hier kommt Tacitus zu den Bestattungsriten, die er mit den ägyptischen vergleicht, denn wie die Ägypter bestatten auch die Juden ihre Toten und verbrennen sie nicht. Der Totenkult und die Vorstellung der Unterwelt sind identisch mit den ägyptischen Konzepten. Im Gegensatz zu den Ägyptern, die viele Tiere als Gottheiten verehren, beten die Juden laut Tacitus jedoch nur einen einzigen Gott anbeten, der nur in ihrer geistigen Vorstellung existiert und den man nicht mit Bildern darstellen kann. Den Abschnitt der Kultbräuche abschließend, möchte ich noch mal Tacitus zitieren: „die Sitte der Juden ist schäbig und abgeschmackt.“ Im 6. und 7. Kapitel behandelt Tacitus die Geographie des Landes, worauf ich jedoch nicht weiter eingehen werde, da es für diesen Text nicht relevant ist. In diesen ersten Kapiteln ist deutlich Tacitus Ablehnung, gar Hass und Abscheu für das Judentum und die Juden zu erkennen (vgl. Müller 1997: 438-439, Schmal 2009, 59, http://www.christen-und-juden.de/html/tacitus.htm). Und es ist nichts von seinen Grundsätzen zu erkennen „ohne Gehässigkeit und Parteilichkeit" (vgl. Müller 1997, 440 und Tacitus „Annalen“ I,1) oder „sachgetreu und glaubwürdig“ (vgl. Tacitus „Agricola“, 10) schreiben zu wollen. Diese für die Juden unvorteilhafte Darstellung steht im Gegensatz zu der überwiegend positiven Darstellung der Germanen (vgl. Tacitus "Germania") und Briten (vgl. Tacitus "Agricola"). In den Kapiteln 8 bis 10 fasst Tacitus die Geschichte des jüdischen Volkes von den Assyrern bis zur Erzählgegenwart zusammen. Unter anderem berichtet er, dass der seleukidische König Antiochos versuchte die Juden zu Griechen zu machen, doch "dieses in allem ekelerregende Volk zum Bessern zu wandeln, daran hinderte ihn der Krieg mit den Parthern" (vgl. Tacitus "Historien", 8). Als Ursache für den jüdischen Krieg bezeichnet Tacitus die schlechte Regierung der römischen Ritter und Freigelassenen, die nach König Herodes Tod die Macht ausübten. Sie waren grausam und regierten mit Willkür (vgl. Tacitus "Historien", V 9) und verursachten daher den Aufstand, der zum Jüdischen Krieg der Jahre 66 bis 70 führte. In Kapitel 10 führt er Feldherrn und späteren Kaiser Vespasianus ein, der von Nero nach Judäa geschickt wurde, um den Aufstand zu ersticken. Das 11. bis 13.Kapitel konzentrieren sich dann auf die Vorbereitungen für den Sturm Jerusalems. Es werden die starken Befestigungsanlagen erwähnt, sogar der Tempel war von einer Befestigungsanlage umgeben (vgl. Tacitus "Historien", V 12). Im 13.Kapitel geht Tacitus auf Vorzeichen für den Untergang Jerusalems ein, wie den Auszug der Götter aus dem Tempel, die nach seiner Darstellung, auf die kommende Herrschaft der Flavier (Vespasianus, Titus und Domitianus) hinweisen, jedoch von den Juden falsch verstanden wurden. Und er erwähnt auch die Wehrhaftigkeit und Kampfentschlossenheit der Bevölkerung der Stadt, denn es standen Männer und Frauen zum Kampf bereit. Wir lesen von den Vorbereitungen der Römer für die Erstürmung Jerusalems. In den verlorenen Teilen der Historien wird Tacitus wahrscheinlich von der Zerstörung Jerusalems und des Tempels berichtet haben. 3. Der judenfeindliche Diskurs vor Tacitus: a) Hekataios von Abdera war ein griechischer Geschichtsschreiber und Philosoph, der um 300 vor Christus lebte. Er lebte zeitweise in Ägypten und schrieb eine Ägyptische Geschichte. Als Quelle verwende ich Diodorus Siculus (1.Jahrhundert vor Christus) „Bibliotheca“. Er geht in Band 40, 3 1-8 (vgl. Bloch 2002, 44, Josephus „Gegen Apion“ I,22 f., II, 4) auf Hekataios ein und berichtet von einer pestartigen Krankheit, die aus den folgenden Gründen entstand: da einerseits viele Fremde in Ägypten lebten und andererseits die ägyptischen Kultbräuche sich im Niedergang befanden und es häufig zu Mischehen mit Ausländern kam. Daher befahl der Pharao die Fremden zu vertreiben und es zog ein Teil nach Griechenland (unter der Führung von Danaos und Kadmos) und ein Teil nach Judäa unter der Leitung des Moses. Er führte bei ihnen

eine asoziale und fremdenfeindliche Lebensweise ein, die entstand aufgrund der Erfahrung der Vertreibung aus Ägypten. Besonders standen die Begräbnis- und Heiratssitten im Gegensatz zu allen anderen Völkern. Es wurde die Hauptstadt Jerusalem gegründet, der Tempel dort gebaut und weitere Städte entstanden. Ebenfalls entstanden die Gesetze, religiösen Riten und Einrichtungen. b) Manetho (erste Hälfte des 3.Jahrhunderts vor Christus) war ein ägyptischer Hohepriester. Als Quellen benutze ich hier „Gegen Apion“ (Flavius Josephus, I, 14, 26-33, II, 2) und Stingelin und Thiede (2002, 39-44). Manetho spricht nicht von den Juden, sondern von den Hyksos, die vom 18. bis zum Anfang des 16.Jahrhundert Ägypten beherrschten, einem Hirtenvolk aus Asien. Er berichtet davon, dass nach ihrer Niederlage eine Gruppe Hyksos in Ägypten blieb und dass sie einen Aussatz hatten, der von Schweinen auf sie übertragen wurde. Der Pharao Amenophis ließ die Kranken abziehen in ihre alte Hauptstadt Auaris im Nildelta, doch es kam zum Krieg mit den Hyksos, die sich Verstärkung aus Judäa holten und 13 Jahre lang Ägypten ausplünderten, die Tempel zerstörten und die heiligen Tiere töteten. Zu dem Anführer der Aussätzigen schwang sich ein Priester namens Osarsiph aus, der seinen Namen auf Moyses änderte. Er führte neue Kultbräuche ein, lehrte die Juden den Menschenhass und sie handelten frevelhaft auf seine Anweisung hin, indem sie die heiligen Tiere der Ägypter schlachteten wie Widder und Stiere. Erst 13 Jahren konnten die Fremden nach Judäa vertrieben werden und die alten Kultbräuche der Ägypter wurden wiederhergestellt. Laut Thiede und Stingelin und Gierlich (vgl. Thiede und Stingelin 2002, 44 und http://www.christen-und-juden.de/index.htm?html/gierlich.htm) ist die Vermischung von Juden und Hyksos damit zu erklären, dass für die Ägypter alle Invasoren und Eindringlinge aus Asien kamen und sie alle als negativ angesehen wurden. Da wären zu nennen die Assyrer, Babylonier, Perser, Hyksos und andere. Auf jeden Fall vertritt auch Manetho die Idee der Vertreibung der Juden aufgrund der Krankheit. c) Lysimachos (2. oder 1.Jahrhundert vor Christus) war ein griechischer Grammatiker und Mythograph, der vor allem in Alexandria lebte. Er wird behandelt in Flavius Josephus „Gegen Apion“ (vgl. I, 34 f, II,2 und 14) und Thiede und Stingelin (vgl. 2002, 44-47). Er schreibt, dass unter dem Pharao Bocchoris die Juden hungerten und in die Tempel flohen. Sie hatten einen Aussatz und diese Krankheit gaben sie so an die Ägypter weiter. Aufgrund dieser Seuche brach eine Dürre in Ägypten aus. Der Pharao ließ das AmmonOrakel befragen und dieses riet dazu die Gottlosen und Unheiligen in die Wüste zu treiben, die Krätzigen und Aussätzigen jedoch zu versenken. Die Tempel sollten von allen Unheiligen gereinigt werden. Moses schwang sich zu Anführer der Vertriebenen auf. Er sagte ihnen, dass sie niemanden gut behandeln und sie die Tempel ausplündern sollten. Schließlich zogen sie nach Judäa und gründeten ihre Hauptstadt Hierosyla, was laut Tempelraub bedeutet. Die Hauptstadt wurde später in Jerusalem umbenannt. d) Diodorus Siculus geht in seinem Werk „Bibliotheca“ Band 34, 1,1-5 auf Poseidonios (135 - 51 vor Christus), den griechischen Philosophen und Geschichtsschreiber ein, der unter anderem auch über die Juden schrieb. Er berichtet davon wie im 2.Jahrhundert vor Christus der seleukidische Herrscher Antiochos Jerusalem belagerte und seine Berater ihm dazu rieten die Bevölkerung auszulöschen, denn die Juden würden sich einerseits nicht mit anderen Völkern vermischen und seien andererseits gegenüber allen anderen menschenfeindlich und gottlos. Da sie nach seiner Meinung den Göttern verhasst waren, wurden die Kranken, die einen weißen Hautausschlag oder Lepra hatten, aus Ägypten vertrieben. Von dort aus zogen sie in die Gegend von Jerusalem. Die jüdische Bevölkerung sich, nach dieser Darstellung, durch Menschenhass und exklusive Tischsitten aus. Moses, der zum Anführer der Juden wurde, organisierte sein Volk und gab ihnen Bräuche gegeben, die menschenfeindlich und frevelhaft waren. Der König beschloss jedoch nicht auf seine Berater zu hören und verschonte die Juden. Dies ist ein weiteres Zeugnis für die antike Judenfeindschaft. e) Apion lebte im 1.Jahrhundert nach Christus. Quellen: Flavius Josephus „Gegen Apion“ II, 1-14, Thiede und Stingelin 2002, 51-57. Er war ein alexandrinischer Grammatiker, der im Jahr 40 nach Christus eine jüdische Delegation nach Rom anführte und dabei negativ über die Juden sprach. Er berichtet, dass ein anderer seleukidischer König, Antiochos Epiphanes im Tempel Jerusalems einen gefangenen Griechen vorfand, der von den Juden gemästet wurde, um ihn dann nach einem Jahr zu töten und seine Eingeweide zu verspeisen. Apion kritisiert an den Juden, dass sie ihre Haustiere lebendig opfern, kein Schweinefleisch essen und die Beschneidung praktizieren, um sich so von anderen Völkern zu unterscheiden. Er berichtet von einem Eselskopf im Tempel, was angesichts des jüdischen Anikonismus ein Widerspruch zu sein scheint. Hierzu später mehr. f) Chairemon, ein ägyptischer Priester und Stoiker wird in Flavius Josephus „Gegen Apion“ I, 32f. besprochen. Er berichtete, dass dem ägyptischen Pharao Amenophis die Göttin Isis im Traum erschienen sei und sie ihm dazu geraten habe Ägypten von den Kranken zu reinigen. Daraufhin habe der König die Juden vertrieben. Die Anführer der Vertriebenen waren Moyses und Joseph. Sie taten sich mit anderen Vertriebenen zusammen und es sei erst dem Sohn und Nachfolger des Königs, Messenes, gelungen die Fremden zu vertreiben. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Idee der Vertreibung des jüdischen Volkes aus Ägypten aufgrund der Krankheit ein Topos ist und als solcher von Tacitus übernommen wurde. Bis heute wirkt dieser

Topos noch fort, wie man in antijüdischen Pogromen in Mittelalter und Neuzeit, den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten und der Vernichtung von 6 Millionen Juden sehen kann, was unter anderem mit besagter angeblicher Krankheit der sie ausgesetzt seien und/oder die sie verbreiteten, begründet wurde (vgl. http://www.christen-und-juden.de/index.htm?html/gierlich.htm). Die angebliche Menschenfeindlichkeit der Juden, die auf ihren exklusiven Sitten und Kultbräuchen basiert, ist ein weiterer Topos innerhalb des antijüdischen und antisemitischen Diskurses. Die Juden werden bei den obigen Autoren als ein gottloses Volk dargestellt, dass den Göttern verhasst ist und daher von verschiedenen Nachbarvölkern immer wieder vertrieben wurde. Tacitus übernimmt unkritisch die Vorstellungen dieser ägyptisch-griechischen Autoren und verarbeitete sie in seinem Judenexkurs auf kunstvolle Weise (vgl. Bloch 2002, 167-170, 183-185 und 221-223). Die Welt der Juden wird bei Tacitus und anderen Autoren als eine verkehrte Welt dargestellt, denn sie stehe im Widerspruch zu allen anderen Völkern der damaligen Zeit (vgl. Bloch 2002, 170-176, 221-223). Auf einen Punkt, der widersprüchlich erscheint, gehe ich noch kurz ein, bevor ich zum vierten und letzten Kapitel dieses Artikels komme: in Tacitus Historien V, 4, 2 wird davon gesprochen, dass die Juden im Tempel von Jerusalem einen Eselskopf aufgestellt hätten, jedoch fand Pompeius (vgl. Tacitus Historien V, 9,1), der als erster Römer den Tempel betrat, kein Bildnis vor. Bloch erklärt dies damit, dass die Bilderlosigkeit des Tempels und der Eselskopf beide für die Leere des jüdischen Kultes stehen und daher bewusst von Tacitus angeführt werden (vgl. Bloch 2002, 159). 4. Zusammenfassung: ist Tacitus ein Antisemit? Zuerst möchte ich erläutern, was unter den Begriffen Antisemitismus und Antijudaismus zu verstehen ist. Beide Begriffe beziehen sich auf den Oberbegriff der „Judenfeindlichkeit (auch Judenhass, Judenfeindschaft, gegebenenfalls Judenverfolgung) bezeichnet eine pauschale Ablehnung der Juden und des Judentums.“ (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Judenfeindlichkeit). Der Antijudaismus bezeichnet die Ablehnung der jüdischen Religion, während der Antisemitismus die pauschale Ablehnung und Hass auf die Juden aus sozialen, wirtschaftlichen, ethnischen, nationalistischen und rassistischen Gründe bedeutet. In der extremen Form des Nationalsozialismus führte dieser zur Vernichtung der Juden in den Konzentrationslagern. Der Antisemitismus als soziale und politische Bewegung entstand in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Einer der wichtigsten Vertreter des Antisemitismus rassistischer Ausprägung war Wilhelm Marr, der von 1819 bis 1904 lebte. Seine wichtigste Schrift war „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum – Vom nichtconfessionellen Standpunkt aus betrachtet“, die im Jahr 1879 erschien und die Grundlagen des rassistischen Antisemitismus legte. Mehr zu Wilhelm Marr unter http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Marr. Wenn wir diese Ausführungen betrachten und Tacitus Judenexkurs auf diese Begriffe hin untersuchen, dann können wir den Text nicht als antisemitisch bezeichnen, sondern er ist antijudaistisch. Tacitus Ablehnung der Juden bezog sich vor allem auf das Judentum, d.h., auf die jüdische Religion. Er sah in der erfolgreichen jüdischen Proselytenbewegung (d.h., der Bekehrung von Mitgliedern anderer Religionen zum Judentum, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Proselyten) seiner Zeit eine Bedrohung der Strukturen der römischen Gesellschaft. Was diese Meinung betrifft, teilte er die Anschauungen der gebildeten Schicht des Römischen Reiches seiner Zeit (vgl. Menahem Stern 1984, Seite 1-5). Die literati, also die Gebildeten, seiner Zeit teilten die antijüdischen Vorurteile des Tacitus. Er versuchte mit seinem Text die jüdische Religion auszulöschen, denn diese widersprach seinen moralischen Anschauungen (vgl. Müller 1997, 432, Thiede und Stingelin 2002, 72, 76). Er wollte die Wurzel der jüdischen und christlichen Religion auslöschen und vertrat die Ansicht, dass die Zerstörung des Tempels in Jerusalem ein wichtiger Schritt dafür sei (vgl. Thiede und Stingelin 2002, 76). Tacitus Text ist ein Vorläufer des Antisemitismus und wurde von den Vertretern dieser Bewegung und besonders den Nazis zu propagandistischen Texten und als Rechtfertigung ihrer rassistischen Ideologie missbraucht (vgl. Thiede und Stingelin 2002, 72, Bloch 2002, 215-216). Dieses Thema werde ich in einem anderen Text behandeln, in dem ich auf die Germanenideologie und den Antisemitismus der Nationalsozialisten eingehe. Tacitus übernimmt die Darstellung ägyptisch-griechischer Autoren, die als Begründung für den Auszug der Israeliten aus Ägypten angaben, dass sie Aussätzige waren, die auf Geheiß des Pharaos vertrieben wurden. Die religiösen Bräuche der Juden stehen im Sinne dieser Darstellung im Gegensatz zu denen aller anderen bekannten Kulturen und sie sind daher schlecht und abzulehnen (vgl. http://www.christen-und-juden.de/html/tacitus.htm und http://www.christen-undjuden.de/index.htm?html/gierlich.htm). Tacitus übernahm in weiten Teilen die ägyptische Sicht auf die jüdischen Kultbräuche (vgl. das 4.Kapitel der Historien) und die Anschauungen griechischer Autoren, die judenfeindlich eingestellt waren (vgl. http://www.christen-und-juden.de/index.htm?html/gierlich.htm und den Abschnitt 4 dieses Textes). Bei Bloch finden wir eine andere Motivation für Tacitus Judenexkurs: er vertritt die Ansicht, dass erstens der Begriff des Antisemitismus ein Anachronismus und zweitens die Funktion des Exkurses eine rein literarische sei: Tacitus stellte den Untergang Jerusalems und des Tempels, als Mittelpunkt des Judentums, auf dem Hintergrund des unvermeidlichen Aufstiegs der Flavier dar. Daher ist der Judenexkurs eher eine Art Nekrolog auf eine untergehende Stadt, der Höhepunkt der dramatischen Beschreibung ist die Zerstörung des Tempels (vgl. Flach 1973, 229, Trüdinger 1918, 116 und 175, Bloch 2002, 167-170 und 221-223). Eine vollkommene andere Sicht der Juden und ihrer Religion findet sich in den ersten 5 Büchern der Bibel,

die im Judentum als Thora oder Tora bezeichnet werden, den 5 Büchern Mose. Im 1. Buch Mose wird die Welt von Gott geschaffen, im 2. Buch erfahren wir, dass die Israeliten von Ägypten als Sklaven ausgebeutet und unterdrückt wurden und auf göttlichen Befehl daher das Land verließen, um eine neue Heimat zu finden. In den Büchern 3 bis 5 finden sich die 10 Gebote, Anweisungen zum Fasten und zur Einhaltung des Sabbats, die jüdischen Gesetze und viele religiöse Bestimmungen. In der Bibel wird auch nicht von der Vertreibung aus Ägypten gesprochen, sondern vom Exodus, d.h., dem Auszug (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Auszug_aus_%C3%84gypten). Nach einer Wanderung von 40 Jahren erreichten die Israeliten schließlich das gelobte Land und erbauten Jerusalem und den Tempel, welcher bis zu seiner Zerstörung im Jüdischen Krieg (von 66 bis 70 nach Christus) durch Titus, den Sohn des Kaisers Vespasianus (69 bis 79 nach Christus), der Mittelpunkt der jüdischen Religion war. Titus selbst herrschte von 79 bis 81 und befehligte die Truppen während des Jüdischen Krieges ab dem Zeitpunkt, als sein Vater an ihn das Kommando abgab (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Tempel#Die_israelitischen_Tempel und http://de.wikipedia.org/wiki/J %C3%BCdischer_Krieg und Tacitus „Historien“ V,1 und 10-13). Um zum Abschluss dieses Textes zu kommen, denke ich, dass klar geworden ist, dass Tacitus zwar ein Vorläufer des Antisemitismus ist, jedoch selbst kein Antisemit war. Er vertrat einen antijudaistischen Diskurs, wie er in seiner Zeit in der gebildeten Schicht vorherrschte. 5. Literatur und Weblinks: - P. Cornelius Tacitus „Historien“, Lateinisch und Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Helmuth Vretska. 1984, Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart. - Publius Cornelius Tacitus „Sämtliche erhaltene Werke“. Überarbeitet von Andreas Schäfer. 2006, Magnus Verlag, Essen. - Flavius Josephus „Gegen Apion“. Übersetzt von Dr. Heinrich Clementz. 1995, Fourier Verlag, Wiesbaden - „Die Bibel oder die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der Übersetzung Martin Luthers“. 1984, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. - René S. Bloch „Antike Vorstellungen vom Judentum. Der Judenexkurs des Tacitus im Rahmen der griechisch-römischen Ethnographie.“ Historia Einzelschriften, Band 160. 2002, Franz Steiner Verlag, Stuttgart - Dieter Flach „Tacitus in der Tradition der antiken Geschichtsschreibung“. 1973, Verlag Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen - Gabriele Gierlich: http://www.christen-und-juden.de/html/tacitus.htm und http://www.christen-undjuden.de/index.htm?html/gierlich.htm - Klaus E. Müller „Geschichte der antiken Ethnologie“. 1997, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg - Stephan Schmal „Tacitus“. 2009, Georg Olms Verlag, Hildesheim - Menahem Stern „Greek and Latin authors on Jews and Judaism“. Band II, 1984,Publications of the Israel Academy of Science and Humanities – Section of Humanities, Jerusalem. - Carsten Peter Thiede und Urs Stingelin „Die Wurzeln des Antisemitismus. Judenfeindschaft in der Antike, im frühen Christentum und im Koran“. 2002, Brunnen Verlag, Basel - Karl Trüdinger „Studien zur Geschichte der griechisch-römischen Ethnographie“. 1918, Birkhäuser, Basel - Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Tempel#Die_israelitischen_Tempel http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdischer_Krieg http://de.wikipedia.org/wiki/Auszug_aus_%C3%84gypten http://de.wikipedia.org/wiki/Proselyten http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Marr http://de.wikipedia.org/wiki/Judenfeindlichkeit http://de.wikipedia.org/wiki/Antisemitismus#Antisemitismus

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