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WORT UND WISSEN

Was bleibt übrig?

Hans Kessler: Evolution und Schöpfung in zieht, leidet nun aber daran, dass völlig unklar ist,
neuer Sicht. Butzon & Bercker, Kevelaer 2009, was Gott eigentlich als Schöpfer tut. Aussagen dar-
221 Seiten. über sind verschwommen. Kessler sagt auf ein und
derselben Seite (S. 153), Gott mache, „dass die Din-
Was für ein Wirklichkeitsverständnis bleibt übrig, ge sich selber machen“ (Teilhard de Chardin), dass
wenn folgende drei Sichtweisen ausgeschlossen die Evolution dabei aber auch ihre eigenen Wege
werden: gehe, auch „Umwege und Abwege“. Was tut Gott
1. Gott erschafft den Kosmos und die Lebewesen also? Er sei der Urgrund alles Seins, aus dem alles
direkt durch sein Wort (klassischer Kreationismus), hervorgeht (S. 125), er sei in allem „ganz tief verbor-
2. Gott lenkt oder programmiert zielgerichtet die gen als das, was allem Sein verleiht“ (S. 127). Das All
Evolution (Ansatz des „Intelligent Design“), und jedes Wesen werde von ihm „umfangen“, „be-
3. Evolution verläuft ohne jede Zielorientierung als jaht/geliebt“ und „erfüllt/durchatmet“ (S. 130). Als
rein natürlicher, gesetzmäßig beschreibbarer Prozess. Designer, der ein fertiges Design schaffe, dürfe man
Gegen alle drei Sichtweisen wendet sich Hans Kes- Gott dabei aber nicht denken (S. 132). Es gebe eine
sler. Was er selber vertritt, beschreibt er zwar wort- ständige „Interaktion zwischen Gott (als ermögli-
reich, inhaltlich aber diffus. Doch der Reihe nach. chendem Grund) und den (freigegebenen) Geschöp-
fen“ (S. 134) – so geht es mit vielen ähnlichen For-
Inhalt. Kessler beginnt sein Buch mit „Missdeutun- mulierungen weiter (z. B. S. 148, 149, 151f.: „tasten-
gen“ des Schöpfungsgedankens durch Kreationisten de Interaktion“, 158: „göttlich ermöglichte Selbst-
und Naturalisten und distanziert sich dabei auch vom überschreitung“; nach Rahner, 159f.: Gott als der
Ansatz des „Intelligent Design“. Es folgt ein Kapitel innere Grund der Eigendynamik der Geschöpfe, 161:
über die Aussageabsicht der biblischen Schöpfungs- dialogisches Wirken von innen her). Es gibt nach
texte, dann eine kritische Auseinandersetzung mit Kessler also sehr wohl eine Interaktion, also eine
dem „harten, weltanschaulichen Naturalismus“. Zwei Handlung, aber worin besteht sie? Der Design-An-
weitere Kapitel befassen sich mit dem christlichen satz, der mit zielgerichtetem Wirken Gottes rechnet,
Verständnis von Gott, Schöpfung und Evolution und wird von Kessler abgelehnt; er akzeptiert vielmehr
mit der „Evolution im Rahmen des Schöpfungsglau- das „naturwissenschaftlich-evolutionstheoretische
bens“. Konzept der ‚Selbstorganisation’“ (S. 160). Was ist
Eine Botschaft dieses Buches lautet, dass Schöp- also Gottes Rolle? Einerseits wird eine rein natürli-
fung und Evolution problemlos miteinander harmo- che Evolution bejaht, andererseits soll sich darin auch
nieren würden. Evolution lasse sich nicht nur zwang- Gottes Schöpfung zeigen – ein Spagat, der nicht
los vom christlichen Schöpfungsglauben her verste- gelingt, was in einem späten Eingeständnis ehrli-
hen, sondern bekomme in seinem Rahmen „sogar cherweise auch gesagt wird: „Wie das Zusammen-
eine besondere Plausibilität“ (S. 146, 160; weshalb spiel zwischen dem transzendent-immanenten Gott
das so sein soll, bleibt allerdings unklar). Das „krea- und den Geschöpfen … zu denken sein könnte, weiß
tionistische“ Schöpfungsverständnis sei eine Perver- ich auch nicht“ (S. 162). Das ist in der Tat der Ein-
sion des biblischen Schöpfungsglaubens. Gott greife druck, der sich dem Leser über viele Seiten hinweg
nicht ins Geschehen ein. Die Evolution sei ein „fort- aufdrängt.
währendes vermitteltes Schöpferwirken Gottes“ (S. Dies sei an weiteren Beispielen erläutert. Kessler
152). schreibt: „[D]ie Evolution selbst wird als von Gott
ermöglicht verstanden und, soweit ihre Prozesse für
Widersprüchliche Aussagen zum schöpferi- Gottes Ziele und Einfluss offen sind, als sein andau-
schen Wirken Gottes. Das Verständnis einer erndes Schöpferwirken“ (S. 146, Hervorhebung im
Schöpfung, die sich in der Evolution irgendwie voll- Original). Das ist in mehrfacher Hinsicht seltsam: Es
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wird von einem Einfluss und Zielen Gottes gespro- Geschöpfen auch nicht ihre Kreativität (wie S. 157
chen; beides wird an anderer Stelle aber ausgeschlos- behauptet), im Gegenteil: diese hat Gott durch sein
sen, da Gott nicht wie ein Designer wirke (s. o.) – schöpferisches, kreatives Wirken selbst in den Men-
abgesehen davon, dass Evolutionsprozesse keine schen hineingelegt.
Ziele haben. Ebenfalls merkwürdig ist, dass die Evo-
lutionsprozesse anscheinend nur teilweise für Got- Die Bedeutung biblischer Schöpfungsaussagen.
tes Wirken offen sind („soweit…“); sind sie also teil- Viele Behauptungen zu den biblischen Schöpfungs-
weise außerhalb seiner Kontrolle? Allein dieser Satz aussagen erscheinen ebenfalls wenig begründet, so
zeigt beispielhaft das Dilemma, das entsteht, wenn zum Beispiel die Auffassung, der erste Satz der Bibel
man eine natürliche Evolution und gleichzeitig Got- spreche von eine „mitgehenden Anfang, der dauernd
tes souveränes Schöpferwirken akzeptieren will. Wo anwesend ist“ (S. 147). Textlich wird dies vom Autor
würde es „klemmen“, wenn Gott in der Evolution nicht weiter begründet, es scheint eher eine existen-
nicht wirkte? Wenn Evolution ohne Gott wirklich tiale Interpretation zu sein, wie sie besonders seit
ablaufen würde, wäre Evolution ein rein natürlicher Bultmann bekannt ist; Kessler vertritt sie auch an
Prozess. Wenn es aber nicht „klemmt“, ist Gott über- anderen Stellen (s.u.). Weiter zieht er als Verständ-
flüssig (allenfalls im deistischen Sinne als erster Be- nisschlüssel Schöpfungsmythen der altorientalischen
weger denkbar). In einer voll verstehbaren natürli- Umwelt heran, woraus die Besonderheiten des bibli-
chen Evolution kann „Schöpfung“ bzw. der Schöp- schen Schöpfungsverständnisses ermittelt werden
fungsbegriff nur das fünfte Rad am Wagen sein. sollen (S. 49f., 56). „Im Anfang“ (Gen 1,1) sei nicht
Weiter schreibt der Autor: „Gott zwingt die Din- zeitlich gemeint, sondern als „mitgehender“ Anfang
ge nicht in eine bestimmte Richtung, er eröffnet (S. 55). Das ist kein Ergebnis der Auslegung, sondern
Möglichkeiten und gibt Leithorizonte vor, lädt ein, eher in den Begriff hineingelesen. Der erste Satz der
wirbt, lockt …“ (S. 161). Was bedeutet all dies ange- Bibel sei Ergebnis eines Lern- und Denkprozesses (S.
sichts der bekannten Evolutionsmechanismen, de- 56ff.). Von göttlicher Offenbarung ist dagegen bei
nen bekanntlich keinerlei Zielorientierung inne- Kessler nicht die Rede. Gen 1 habe nicht die Funk-
wohnt? Solche Charakterisierungen des Schöpfungs- tion zu erklären, wie die Dinge entstanden sind (S.
handelns Gottes erscheinen inhaltsleer. Die Versu- 61), die Erwähnung der Arten solle nur das Gewollts-
che, Zufall und Zweck zusammenzubringen (S. ein der Vielfalt zum Ausdruck bringen (S. 62); die
164ff.), misslingen; Kessler versucht dies mit gänz- ursprünglich rein pflanzliche Nahrung wird als „Sehn-
lich unpassenden Vergleichen1 und durch eine rhe- suchtstraum“ bezeichnet (entgegen der Wendung
torische Frage (S. 167)2 zusammenzubringen. „und es geschah so“ in Gen 1,30) – das sind willkür-
Seltsam ist auch folgende Argumentation (S. 153): liche Behauptungen des Autors, für die er keine exe-
Wäre Gott ein Designer, müsste man ihm alles Un- getischen Begründungen gibt. Wenn die biblischen
vollkommene zuschreiben, er wäre dann ein „Pfu- Autoren das so hätten sagen wollen, wie Kessler
scher“, der „seinen Job miserabel“ erledige (Steve meint, wären sie auch damals dazu in der Lage gewe-
Jones). Wäre das etwa anders, wenn er durch Evolu- sen. Die Paradieserzählung (Gen 2,4ff.) wolle sagen,
tion schafft; gingen dann die (vermeintlichen!) Un- dass es so sein müsste, nicht wie es war (S. 65), da-
vollkommenheiten nicht auf sein Konto? Wenn nein, gegen beschreibe Gen 3 die faktische Situation. Auch
verläuft Evolution also doch autonom. das ist willkürlich in die Texte hineingelesen. Letzt-
lich ist Kessler davon motiviert, biblische und wis-
Der Einwand, dass ein eingreifender Gott zu ei- senschaftliche Aussagen strikt auseinanderzuhalten;
nem Glied in der Kette innerweltlicher Ursachen er versucht, eine Entflechtung durchzuführen: „Es
„herabgesetzt und verendlicht“ (S. 157) werde, geht macht wenig Sinn, die Bibel so zu verstehen, als stün-
an der Sache vorbei. Es geht um die Frage, ob Gott de sie mit der wissenschaftlichen Forschung in ei-
am Anfang durch sein Wort geschaffen hat und ob er nem Wettbewerb um die Beantwortung derselben
eingreifen und sich der Naturprozesse bedienen kann, Fragen“ (S. 75). Und warum nicht? Wenn aber Gott
statt ihnen gleichsam unterworfen zu sein. Ein an- der Schöpfer ist, hat alles einen Bezug zu Gott, auch
fängliches Hervorbringen durch das Wort nimmt den die Wissenschaft. Die Entflechtungsthese, ein schied-
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lich-friedlicher Trennungsversuch von Glauben und allenfalls erahnen, biblisch begründet wird diese
Wissen, funktioniert nicht. Behauptung jedenfalls nicht.
Ein zweiter fundamental wichtiger Aspekt des
Oberflächliche Kritik anderer Auffassungen. christlichen Glaubens wird ebenfalls übergangen;
Die Position des „Intelligent Design“ wird nur ober- nämlich, dass der Mensch Sünder (also von Gott
flächlich beschrieben und weit unter Wert verkauft, getrennt) und daher verloren ist; deshalb benötigt er
etwa wenn gesagt wird, man wolle „Gott aus angeb- einen Retter: Jesus Christus, der „gekommen ist, um
lichen Lücken wissenschaftlicher Welterklärung be- zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19,10).
weisen“ (S. 35, ähnlich S. 46). Belege dafür werden Davon leben Christen! Warum aber wurde Gottes
nicht vorgebracht, kein Wunder, denn diese Behaup- Sohn Mensch, litt für uns und starb am Kreuz? Diese
tung ist falsch. Es macht auch keinen guten Eindruck, Frage wird nicht einmal gestellt, und sie stellt sich
dass der britische Naturtheologe Paley (um 1800) auch nicht, wenn Evolution wahr ist. Denn der
von Kessler nicht korrekt zitiert wird, weil daran Mensch ist in diesem Fall lediglich deshalb „Sün-
deutlich wird, dass das Original nicht herangezogen der“, weil er auf evolutivem Wege dazu wurde (wenn
wurde (S. 21). Man merkt an vielen Stellen, dass man überhaupt noch von „Sünde“ sprechen will).
Kessler über den Design-Ansatz kaum informiert ist. Jesus als Retter hat dann keinen Platz mehr, und er
Als ziemlich unkritisch erweist sich Kessler in der kommt als solcher auch in Kesslers Buch nicht vor.
Beurteilung evolutionärer Hypothesen, etwa wenn Die vermeintliche Harmonisierung von Schöpfung
er die Entstehung von Linsenaugen als gut belegt und Evolution hat also einen hohen Preis: Zentrale
darstellt (S. 40); wenn er meint, genetisch begründe- biblische Aussagen über Gott als Schöpfer und Jesus
te Stammbäume würden gut zu den fossil begründe- Christus als Retter gehen verloren.
ten Verläufen passen (S. 41) oder wenn er innovative
Sprünge durch Veränderung eines einzigen Gens für Reinhard Junker
nachgewiesen hält (S. 42). All dies trifft nicht zu.3
Anmerkungen
Gottes Eingreifen nach dem biblischen Zeug-
nis. Kritisch anzumerken ist auch, dass Wichtiges 1 Zum Beispiel: „Oder wenn ich in einem völlig dunklen Zim-

fehlt, das in einer Zusammenschau von Evolution mer nach dem Lichtschalter suche, kann ich diesen Zweck
und Schöpfung berücksichtigt werden muss: Viele nur dadurch erreichen, dass ich lange genug scheinbar plan-
konkrete biblische Aussagen über Gottes Schöpfungs- los herumtaste und irgendwann zufällig den Schalter treffe“
handeln (im AT und im NT) werden nicht bedacht. (S. 165). Als Analogie zur Evolution ist das ungeeignet, weil
hier massiv Teleologie im Spiel ist.
Natürlich ist es einerseits richtig, dass Gott bestän-
2 „Warum sollte Gott nicht durch die Gesetze der Natur, auch
dig die Schöpfung erhält und in der Schöpfung wirkt,
aber andererseits sehen wir auch Gottes Eingreifen durch die den Zufall steuernden Wahrscheinlichkeitsgesetze,
und also auch durch manche Zufälle in der Natur wirken?“
in die Schöpfung, nicht zuletzt und gerade in Jesus
(S. 167) Abgesehen davon, dass Wahrscheinlichkeitsgesetze
Christus. Gott ist zwar in der Schöpfung verborgen, nichts steuern, beantwortet diese rhetorische Frage nichts.
er hat sich aber auch in unserer Welt mit konkreten 3 Ullrich H, Winkler N & Junker R (2006) Zankapfel Auge.
Taten offenbart. Und daraus ergibt sich ein wichtiger Stud. Int. J. 13, 3-14 (http://www.si-journal.de/jg13/heft1/
Schlüssel zum biblischen Schöpfungsverständnis. In sij131-1.html); Richter S & Sudhaus W (2004) Kontroversen
Kesslers Buch ist das kein Thema. Warum das „krea- in der Phylogenetischen Systematik der Metazoa. Sitzungs-
tionistische“ Schöpfungsverständnis, das genau auf bericht der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin
diesen Aspekt abhebt, eine Pervertierung der bibli- N.F. 43, 1-221; Junker R (2008) Evo-Devo. http://www.
schen Schöpfungslehre sein soll, kann man als Leser genesisnet.info/schoepfung_evolution/e41266.php