Der Zusammenhang von Hans D.

Barbier
Seitenüberschrift: Wirtschaft - Ressort: Wirtschaft - Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2010, Nr. 39, S. 11

Was bestimmt den finanziellen Aufwand und die ökonomischen Kosten der Sozialpolitik? Die Politik sagt: "Es geht um den sozialen Zusammenhalt." Wenn das so wäre, dann wäre die in Deutschland praktizierte Sozialpolitik in der Tat ein Element und ein Instrument der "Sozialen Marktwirtschaft" Ludwig Erhards. Dem ist aber nicht so. Das Soziale an Ludwig Erhards Idee sind eben nicht die schiere Aufgehobenheit im Kollektiv und seine durch Zwangsabgaben finanzierten Fonds. In der Sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards bilden die Marktbeziehungen die Aufgehobenheit in einer Gesellschaft, die dank des Wettbewerbs keine dauerhaften Ausbeuterpositionen zu ertragen hat. Die praktizierte Sozialpolitik gehorcht - nicht immer, aber zu häufig - nicht dem Zusammenhalt der Bürger, sondern dem Zusammenhang von nicht angemessen kalkulierten Leistungen des Sozialstaats mit der jeweilig für opportun gehaltenen Wahlstrategie der Parteien. Mindestlohn und Rentengarantie sind Beispiele dafür, dass es der Politik häufig nicht um den sozialen Zusammenhalt geht, sondern eben um den Zusammenhang von Scheinsozialität und Erfolg am Wahltag. Einführung und Praxis des Mindestlohnes zeigen sehr deutlich, dass der Gesetzgeber und die Gewerkschaften nicht an die soziale Aufgehobenheit im Produktionsprozess des Marktes gedacht haben. Aufgehobenheit im Sinne der "Sozialen Marktwirtschaft" würde nicht nur Teilhabe an den Einkommensströmen bedeuten, sondern auch die Chance, relativ sicher auf die Beteiligung an der Produktion, also auf den Erhalt des Arbeitsplatzes setzen zu können. Gerade das leistet aber der Mindestlohn nicht, weil er als quasi-politische Größe - nämlich mehr durch politisches Kalkül bestimmt als durch das wettbewerblich bestimmte Rechenwerk der Märkte - dem Verhältnis zwischen Lohn und Beschäftigungschance nicht die für die Beschäftigungssicherung ausreichende Aufmerksamkeit gibt. Der Mindestlohn ist eine politische Größe, keine ökonomische. Für diejenigen, die im Prozess des Wettbewerbs ihren Arbeitsplatz verlieren, entpuppt sich der Mindestlohn als unsozial: Über den Verbleib im Produktionsprozess entscheidet nicht mehr das Lohngespräch zwischen Vertretern der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer, sondern das Ergebnis eines vom Machtkalkül geleiteten politischen und, wenn es opportun ist, auch bewusst marktfernen Prozesses der Bestimmung des Mindestlohnes. Nichts mit Ökonomie, nicht einmal mit Ökonomie im Gewande der Sozialpolitik hat auch die Entkoppelung der Rentenanpassung von der Lohnentwicklung zu tun. Aufgehobenheit im Sinne Ludwig Erhards würde bedeuten, dass die Rentner bei der Feststellung der Angemessenheit einer Rentenerhöhung sich nicht als Bettler vor den Haustüren der Arbeiter fühlen müssen. Als Arbeitnehmer haben die jeweils heutigen Rentner sich ihre Ansprüche erworben. Als dadurch immer noch der Produktionssphäre Verbundene nehmen sie teil an den wirtschaftlichen Erfolgen der Kollegen, die noch im Produktionsprozess stehen. Das ist eine andere Basis der intertemporalen Solidarität als die durch keine Ökonomie gestützte Formel: Bei steigenden Löhnen steigen die Renten, bei sinkenden Löhnen sinken die Renten nicht. Ludwig Erhard hat dem politisch gesteuerten System der Rentenversicherung skeptisch gegenübergestanden. An das Risiko der Aufhebung der Parallelität von Lohn- und Rentenentwicklung hat aber selbst der begnadete Politikverdächtiger wohl nicht gedacht. In der Sozialpolitik geht es nicht in erster Linie um den sozialen Zusammenhalt. Es geht allzu häufig um den politischen Zusammenhang zwischen schlecht begründeter Sozialpolitik und Wählerfang. Diese ganz und gar nicht-erhardianische Sicht seiner "Sozialen Marktwirtschaft" schimmert nun auch in Passagen des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zur angemessenen Unterstützung der Hartz-IV-Empfänger durch. Der Autor ist Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung.