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Psychotherapie im Maßregelvollzug -

Eine ethische Springprozession


VonDipl.-Psych. Ulrich Kobbe, Lippstadt*

Zusammenfassung: Psychotherapie psychisch kranker Rechtsbrecher unterliegt äu-


ßerst widersprüchlichen systemimmanenten Bedingungen. Ethische Fragen betreffen
die Verantwortbarkeit von Psychotherapie, Probleme bedingter Freiwilligkeit, gefährde-
ter Arbeitsbündnisse, therapeutischer Diskretion, in Frage gestellter Abstinenz und
Funktion(alität) des Therapeuten. Die explizite/implizite Werte Vermittlung stellt An-
sprüche an die Professionalität des Therapeuten, seinen reflektierten Umgang mit der
Archaik des ,bös-kranken' Patienten und den hiermit verbundenen Straf- und Racheim-
pulsen. Individualisierung, Reduzierung des Delinquenten auf das Psychologische, Dis-
ziplinierung und psychosoziale Machtausübung gefährden die Behandlung, die zugleich
institutionsbedingte Artefakte mitbehandeln und innerhalb des Anstaltsrahmens einen
Freiraum des Widerspruchs, der exzentrischen dritten Position schaffen muß. Hieraus
ergeben sich kritische Fragen an die Therapieziele.

l. Prolog

Was bleibt von den ethischen Grundsätzen und Prämissen, die jeder Psycho-
therapie eigen sind? Hieran ethische Fragen zu richten, also meta-ethisch das
11 Neben den „Grundsätzen für das Leben und Arbeiten in den v. Bodelschwinghschen
Anstalten Bediel", die schon mehrere Jahre in Anwendung sind, ist als Ergebnis eines
längeren Klärungsprozesses zu nennen: Von,aktivierender Pflege' bis,Zuwendung'. Die
Henriettenstiftung auf dem Weg zu einer Corporate Identity, Hannover 1991.
" Überarbeiteter Vortrag auf der 6. Eickelborner Fachtagung zu Fragen der Forensi-
schen Psychiatrie.

WzM, 44. Jg., S. 213-126, ISSN 0043-2040 213


© Vandenhoeck & Rucrecht IOOT
System Psychotherapie im Maßregelvollzug und seine systemimmanenten antasten, der mir im Maßregelvollzug behandlungsmotiviert erscheint und
Bedingungen kritisch und mit philosophischer Skepsis zu hinterfragen, ist Ziel dies auch von sich sagt?
dieses Vortrags. Insofern geht es weder um die Begründung noch um die Recht-
fertigung moralischer Prinzipien oder gesetzter Handlungsziele, also nicht um
Fragestellungen der Moralphilosophie, der sittlichen oder der normativen 4. Arbeitsbündnis
Ethik - mir geht es darum, mich dogmatisch-undogmatisch philosophisch
nachdenkend über mich/uns selbst zu belehren: Im Sinne der (Auf-[Forderung Die (Un-)Freiwilligkeit des Patienten in der forensischen Psychiatrie wirft
von Marx, Philosophen hätten die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern auch die Frage nach dem Arbeitsbündnis auf: Das Einverständnis, auch bei
auch zu verändern (Marx 1958, 535), läßt philosophische Ethik „also das, Schwierigkeiten auf dem Behandlungswege weiterzugehen, ist es in dieser
worüber sie nachdenkt, nicht, wie es ist. Sie mischt sich ein" (Spaemann 1989, Form herstellbar? Wann aber gerät es in Gefahr? Und: Wie reduzierbar dürfen
n). die basalen Erwartungen an ein solches Bündnis sein? Ist es ethisch, sog.
gefährliche Patienten aufgrund des fehlenden Minimalvertrauens auf seilen
des Therapeuten, daß diese Patienten bestimmte Basisregeln einhalten, nicht
2. Psychotherapie und Verantwortung zu behandeln? Oder verstößt es vielmehr gegen die Menschenwürde, statt
dessen durch das Gitter hindurch miteinander Gespräche zu führen? Der Ge-
Zunächst: Drewermann (1982) schreibt, Psychotherapie an sich sei ethisch- sprächspartner dürfte nicht ,böswillig' sein, heben Kamiah und Lorenzen
moralisch nicht zu rechtfertigen. Der Mensch wird in der Nachfolge Darwins, (1967, 188) hervor, was aber hier zumindest nicht ausgeschlossen ist. Wird da
Marx' und Freuds nicht mehr metaphysisch begründet, sondern setzt sich im nicht Psychotherapie noch mehr als sonst zur Exklusivware stilisiert, nämlich
Sinne Hegels „List der Vernunft" selbst [Hegel 1807), d.h. er geht über meta- als eben „nicht boshaftes, nicht ironisches, nicht aggressives Eingehen auf den
physische Setzungen hinaus. Die Psychotherapie befindet sich so laut Drewer- anderen" (Schneider 1973, 143)? D.h. zur Luxusware des ersehnten und rar
mann „mit dem einzelnen gewissermaßen im Zustand der Anklage" (Schrenk gewordenen „menschlichen, verständnisvollen, unverstellten Kontakts"?
1976, 150) und ist gezwungen, eine ethische Haltung zu entwickeln, die allein
im Selbstverständnis des Menschen begründet ist (Hoffe 1985, 27). „Worauf
eigentlich vertraut die Psychotherapie, wenn sie den einzelnen anhält, sich 5. Psychoterrorpiei
selber zu vertrauen?" fragt Drewermann (1982, 94).
Nun rechtfertigen wir Psychotherapie nicht nur dennoch als mit der Men- „Je verdinglichter, abstrakter und unmenschlicher die gesellschaftlichen
schenwürde vereinbar, als statthaft und verantwortbar. Sie ist vielmehr auch Verkehrsformen werden, je mehr indessen die psychische Verelendung zu-
im Sinne existentialistischer Philosophie und Psychotherapie, im Sinne einer nimmt, umso größer wird auch die Nachfrage", schreibt Schneider. Ist es unter
Ethik der Aufklärung, im Sinne einer marx'schen Philosophie des Protests derartigen Extrembedingungen statthaft, Patienten quasi zur Behandlung zu
„gegen die Entfremdung des Menschen, gegen den Verlust seiner selbst und verführen, d.h. ihren Widerstand, ihre angstvolle Abwehr vor Klärung eben
seiner Verwandlung in ein Ding" (Fromm 1980, 7) als eine Grundlage zur nicht zu respektieren, sondern zu unterlaufen? Da bleibt in diesem Spannungs-
Verwirklichung der menschlichen Würde zu verstehen. feld von Psychotherapie und Terror in der totalen Institution die Frage, ob sich
Die Psychotherapie nun selbst - sie hat bestimmte Grundbedingungen oder sog. Probebehandlungen, deren Scheitern oder Abbruch ursächlich dem Patien-
Grundhaltungen, die in Institutionen und erst recht im Maßregelvollzug er- ten zugeschrieben wird und für ihn unter Umständen die Umkehr der Voll-
hebliche Variationen und Deformationen erleiden. streckungsreihenfolge, Strafhaft also, bedeutet, ob sich diese experimentellen
Behandlungen nicht verbieten (Kobbe 1992, 10). Stellen sie nicht entweder
Psychotherapie-Versuche gegen die - erzwungene - Wahl des Patienten (Sartre
3. Freiwilligkeit 1962, 71711.) oder aber eine zu große Ungeduld des „therapeutischen" oder
„erzieherischen Ergeizes" dar (Freud r9i2)? Hinrichs arbeitet in einem Aufsatz
Die Prämisse der Freiwilligkeit des Patienten anzusprechen mag banal er- über „indirekte Formen iatrogener Gewalt in der klinischen Pychiatrie" die
scheinen. Patienten im Maßregelvollzug sind zwangsuntergebracht, erdulden/ Provokation, die aggressive Versuchung des Therapeuten durch diese Patien-
erleiden einen Freiheitsentzug, den sie durch ein Sich-Einlassen auf Therapie ten heraus. Sie mobilisieren die ihm unbewußten Äquivalente, bezieht doch
verkürzen könn(t)en. Darüber hinaus: Zumindest zum Zeitpunkt der Straftat, die Versuchung, den Erfolg reaktiv herbeizuführen, Zwang oder Gewalt in der
die zur Unterbringung führte, waren sie in ihrer Schuldfähigkeit erheblich Psychotherapie mit ein (Hinrichs 1988, 169).
eingeschränkt oder schuldunfähig; bedeutet dies auch,unfrei' in der hypotheti-
schen Wahl zwischen Impulskontrolle und Ausleben des - bösen - Handlungs-
impulses (Fromm 1986, 179)? Und was bedeutet dies für die Entscheidung für
oder gegen eine Therapie? Wie sehr darf ich jemanden psychotherapeutisch

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6. Veisuch(ung)ssituationen ihrerseits eine Behördenakte ist, die ggf. von anderen Therapeuten eingesehen
oder an diese weitergegeben wird, auf deren Grundlage externe Gutachter
Was also wird aus den Patienten, die nicht sofort als ,therapierbar' einge- Prognosegutachten erstellen. Einerseits also bedarf es der Verlaufsdokumenta-
schätzt werden, die beispielsweise allzu leicht als ,therapieresistent',, therapie- tion aus Behandlungsgründen, andererseits aber erwartet gerade die Institution
unfähig' oder als ,refraktär' stigmatisiert und ausgegrenzt werden? Wieviel dasselbe aus Gründen, die in der Zwangsunterbringung liegen. Das Führen sog.
Geduld und welch unter Umständen vorsichtiges Abtasten des anderen brin- Zweitakten - es ist nicht statthaft. Und dennoch muß der Psychotherapeut
gen wir auf und lassen wir zu? Wieviel Chance geben wir und gibt die repressive verhindern, daß Intimitäten des Patienten aktenkundig werden, jederzeit und
Struktur einer Maßregelvollzugseinrichtung den sog. schwierigen Patienten? über fahre hinaus zugänglich sind. Denn sonst greift Bürokratie katalogisie-
D. h. denen, die als psychisch Kranke und als Straftäter ohnehin schon zweifach rend/klassifizierend/registrierend in die persönliche Biographie des Menschen
etikettiert sind, die schon immer durch das psychosoziale Netz gesiebt wur- ein und erdrückt so das Individuum.
den? Zudem - die Psychotherapie soll ,Besserung' bewirken, geht also mit ein in
Wie vertreten wir, wenn unser Behandlungsauftrag und -impetus nur dahin- die Bewertung und Kriterien im Rahmen von Stellungnahmen, Beurteilungen
gehend zu verwirklichen ist, daß als Kehrseite der Erfolgsmedaille aus dem über Therapiefortschritt, Gefährlichkeit und Vollzugslockerungen. Wieviel
ursprünglich unzurechnungsfähigen psychisch kranken Rechtsbrecher ein bei kann der Therapeut, wieviel darf er hier mitteilen? Nicht aus juristischen
erneuter Straffälligkeit zurechnungsfähiger Straftäter geworden ist? Ein Gründen, was auch schon schwer genug zu beurteilen ist, sondern aus Gründen
ethisch-moralisches Dilemma, das Psychotherapeuten im Maßregelvollzug des Persöiilichkeitsschutzes, der therapeutischen Verschwiegenheit und Dis-
letztlich nicht auflösen können (Kobbe 1992). kretion. Hier üben wir den Spagat zwischen strukturell-zusammenfassender
Beschreibung und inhaltlich-detaillierter Information.

7. Hoffnung
9. Funktion(alität)en
Ein weiteres Merkmal und eine im Maßregelvollzug wohl unerläßliche Vor-
aussetzung für Psychotherapie ist die Hoffnung der Therapeuten, der Patient Mit der Erwähnung von Stellungnahmen, vom Maßregelvollzug als Behörde
könne nach der/durch die Therapie ein zufriedeneres/normaleres Leben füh- stellt sich die nächste Frage: Als was tritt der Psychotherapeut dem Patienten
ren. Es ist eine Philosophie des „Noch-Nicht" wie des „Real-Möglichen" im gegenüber? Etwa - wie Wagner (1989) formuliert - „als Repräsentant einer
Sinne des Prinzips Hoffnung von Block (1973). Die meisten unserer Patienten Behörde" und keineswegs „als Person mit subjektiven Rechten", so daß thera-
jedoch können von sich aus nur hoffnungslos-depressiv gestimmte Sichtwei- peutische Handlungen „aus rechtlicher Sicht nichts anderes als Verwaltungs-
sen haben angesichts eines bisherigen, als permanentes Scheitern und als maßnahmen" wären? Als funktionales Subjekt also, das einer dritten Partei,
chancenlos erlebten Lebens. So wird der Psychotherapeut zum Hoffnungsträ- dem Staat beispielsweise, verpflichtet ist (Goldberg 1980, 28]? Oder dennoch
ger für den Patienten, wird Hoffnung nicht über das eigene Wissen des Patien- als autonom entscheidendes, kritisches Individuum, das in der Lage und befä-
ten um Möglichkeiten von einem erfüllten Leben vermittelt, sondern durch die higt ist, eine sog. exzentrische Position einzunehmen? Eine Position also, die
Zuversicht des Therapeuten. Wann aber schlägt diese in Illusionsbildung um? darin begründet ist, daß eine reflektierte Position der Neutralität des Therapeu-
Wieviel Hoffnung darf und kann ich Patienten machen? Insbesondere denen, ten unabdingbar ist. In der kafkaesken Welt der forensischen Psychiatrie (Beck
die aufgrund der Schwere ihrer Störung und ihrer Deliktdynamik als schwer 1988, 53, 85) aber entzündet sich auch das System der Anstalt an einem
therapierbar gelten? Dieser für die Therapie entscheidende Wirkfaktor Hoff- autonomen Therapeuten, der nach den Erfahrungen Mannonis nur soweit
nung aber „läßt sich verstärken, krude ausgedrückt, manipulieren", warnt toleriert werde, wie er sich dem System, das die Psychotherapie entfremde,
Hoffmann (1989, 116). Er warnt davor, daß weder die vor falschen Hoffnungen unterwerfe: Der Anstaltsrahmen, in dem sich Psychotherapie entfalten müsse,
schützende Distanz noch die bewußt Verantwortung übernehmende und Zu- „gefährdet fast immer ihre eigenen, unerläßlichen Existenzbedingungen"
versicht wie Skepsis äußernde Haltung als „ethisch-sauberer Ausweg" oder gar (Mannoni 1973, 2,32). Hier also die Frage: Wie frei, wie unabhängig ist der
„ethischer Weißmacher" geeignet sei! Therapeut in seinen Entscheidungen, dies speziell im Rahmen der Institution?
Und: Wie authentisch ist er im Sinne einer persönlichen Begegnung [Levinas
1986, 64-71)?
8. Diskretion

fede Psychotherapie basiert auf dem Prinzip der Diskretion, der Verschwie- 10. Abstinenz
genheit des Therapeuten. Der Patient kann absolut auf seine Integrität vertrau-
en, er muß es können. Im Maßregelvollzug aber sind die Behandlungsnotizen Diese Fragestellung wiederum rührt an das Prinzip der Abstinenz, das eben-
und Aufzeichnungen nur allzu schnell Bestandteil der Krankengeschichte, die falls zu den (auch ethisch begründeten) Fundamenten von Psychotherapie

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12,9-13°), was machen wir dann mit dem kranken Rechtsbrecher, der dem essenlagen" deformiert und „ausgestattet mit abgeleiteter oder geborgter Auto-
strafenden Staat und uns als seinen Repräsentanten entgegenhält:,Meine Seele rität und unter Berufung auf sie, sich an ,Entmündigungs- und Domestizie-
gehört mir!'? rungsprojekten'" beteiligt (Basaglia u. a. 1980, o. S.)? Als „Techniker der Sozial-
Er kann sich immerhin auf Feuerbach, auf die freiheitliche Denktradition wissenschaften" folglich, der zum „Legitimationsbeschaffer" (Ziebura 1988,
der französischen Revolution und auf Artikel i des Grundgesetzes berufen. Auf 21), zum „Legitimationsagenten" sozialer Kontrolle geworden ist und der so
was berufen wir uns ? Auf die Maxime des ,nil nocere' = niemandem zu schaden dienstfertig die Kluft zwischen der Ideologie des Krankenhauses als Einrich-
im Eid des Hippokratesl Auf die Erklärung von Hawaii „gegen den Mißbrauch tung zur Heilung und der Praxis des Krankenhauses als Ort des Ausschlusses
der Psychiatrie" (1977)? Auf den Besserungsauftrag des Strafgesetzbuches? Auf und der Gewalt verschleiern hilft?
die Behandlungsdefinitionen und -garantien im Maßregelvollzugsgesetz?
Und selbst wenn wir lauter und mit hehren Absichten psychotherapeutisch
tätig werden wollen: Wann gerät diese Arbeit durch Beobachtung, Problemati- 16. Psychosoziale Machtausübung
sierung, Introspektion und Deutung zur Psychologisierung des Alltags des
Patienten, zum Psychoterror in allen Lebensbereichen? Dies ist zwar für totale „Besteht nicht der einzige Dienst, den er verrichtet, darin, daß er Mächt und
Institutionen üblich, jedoch wohl kaum im Sinne einer Ethik, die die Achtung Gewalt ausübt, die ihm übertragen wurden, um eine , Gewalt' zu zähmen, die
und den Schutz der Menschenwürde, d.h. das Respektieren des freien Willens man nicht einzuschätzen weiß? Und sind jene Macht und jene Gewalt nicht
des Patienten beinhaltet. Dieser total(itär)en Struktur ebenso total Therapie schon in den Mitteln enthalten, die ihm die Psychiatrie als Wissenschaft zur
entgegenzusetzen, könnte/sollte die Aufhebung der kustodialen Bedingungen Gewährleistung der Kontrolle und zugleich der Zustimmung dessen, dem
ermöglichen (Kobbe 1989); wann aber schlägt diese Therapeutisierung der Gewalt angetan wird, zur Verfügung stellt?" Basaglia und Basaglia-Ongaro
Anstalt um? Wann potenziert sie nur noch deren Totalität, indem sie selbst (1980,14) fragen noch weiter: Es sei doch „grotesk und tragisch, daß Intellektu-
zum machtvoll-repressiven Instrument wird (Strasser 1984, 190)? elle, indem sie sich an die Institutionen der Macht anbinden, unter dem Schein
der Hilfeleistung die Opfer der Macht vollends entwaffnen: In der Pose des
Samariters geben sie ihnen den tödlichen Kuß" (Basaglia/Basaglia-Ongaro
14. Individualisierung 1980, 22). Wie also steht es mit unserer psychotherapeutischen Bereitschaft,
uns in den Dienst staatlicher Autorität nehmen zu lassen, uns „gleichsam
Neben dem Vorwurf der Psycho(patho)logisierung von Delinquenten! und/ selber ent-verantworten zu wollen" (Bastian 1990, 1145)?
oder Alltagsverhalten (Strassei 1984, 30, 145 ff.) muß sich Psychotherapie auch
mit dem Vorhalt auseinandersetzen, sie sei ,individualistisch'. Ein solcher
Vorwurf muß erst recht die Behandlung psychisch kranker Straf täter betreffen, 17. Artefaktbewäkigung
werden auch hier anscheinend das Delinquente und das Soziale auf das Psycho-
logische reduziert. Nun haben wir es in der Tat mit konkreten Individuen und Abgesehen von dieser Legitimationsfuiiktion nach außen bleibt auch die der
nicht mit dem abstrakt-isoliert-menschlichen Individuum im Sinne der Kritik Rechtfertigung nach innen: Stationäre Psychotherapie und erst recht die im
Marx'in der 6. These über Feuerbach (Marx 1958, 5 34) zu tun, so daß nur in der Maßregelvollzug droht immer wieder zur Auseinandersetzung über die Unter-
individuellen Therapie die Entfremdung durchbrochen werden kann, in der die bringungsbedingungen zu degenerieren bzw. zur Behandlung von Unterbrin-
menschlichen Beziehungen versteinert sind (Caruso 1972,, 59-61). Zugleich gungsartcfakten zu geraten (Kobbe 1992, 2). Dur Verweis auf den Eigenantcil,
aber bleibt - mit Caruso (1972,172-173)- dieser Lösungsversuch des individu- die Mitverantwortung des Patienten mag unter Umständen sinnvoll und thera-
ell-allgemeinen menschlichen Konflikts insofern,absurd', als der Psychothera- peutisch sein, hat jedoch keineswegs immer seine Berechtigung. Wie "lange
peut „unermüdlich am Individuum flickt" und auch seine ideologischen Kriti- lassen sich die realen Bedingungen, die doch in die psychotherapeutische
ker „nichts anderes tun, als an der zerrissenen Menschheit zu flicken". Situation hineinragen, effektiv ausklammern? Und: Muß dies nicht auf Kosten
der Lebenswirklichkeit des Patienten gehen und seine vielleicht ohnehin ge-
störten Realitätsbezüge noch mehr beeinträchtigen? Wenn Patienten dann
15. Disziplinierung zum Ausagieren, zur ungezielten Entladung aggressiver Affekte auf der Hand-
lungsebene neigen, ist dies dann Ausdruck von individueller Pathologie oder
Hier noch einmal zurück zur Frage der Autonomie des Therapeuten: Wer ist dies einfühlbar, vielleicht als zwar anarchischer, aber doch ,gesunder' Pro-
kann er für sich wie für die Patienten als Angestellter im Maßregelvollzug sein ? test gegen ohnmächtige Verhältnisse? Wenn Patienten aus Platzgründen, aus
Fungiert er als Sozialisationsagent mit dem Auftrag, die „Disziplin des Wil- Personalmangel im Einzelzimmer bleiben oder nicht von der einen auf die
lens" zu stärken oder „psychiatrische Traktier-Methoden" (Schrenk 1976,147) nachfolgende Station verlegt werden können - dann schlägt die Stunde der
einer „moralischen Behandlung" (Castel r979J anzuwenden? Als sog. Intellek- psychotherapeutischen Durchhalteideologie. Wiederholung von früheren
tueller also, der durch „Anbindung und Selbstanbindung an individuelle Inter- Frustationserlebnissen, Durcharbeiten alter Konflikte mit Vcrsagungs- und

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Willkürentscheidungen, erneute Konfrontation mit Vaterrepräsentanzen, nun degradieren und ihm damit dem Weg zur eigenen Selbstfindung und Selbstver-
j a . . . , aber wie leicht geraten derartige Erklärungen und Deutungen zum euphe- antwortlichkeit als Voraussetzung aller wirklichen Resozialisierung versper-
mistischen Legitimierungs- und motivationalen Rettungsversuch? ren", indem „aus dem Ordnungsstörer ... die Ordnungsmarionette" würde
K o r i 8 2 i ?

i8. Psychotherapie und Institution


20. Therapieziel Autonomief
Entfremden nicht das enge Verhältnis zur Macht der Institution einerseits
und zur Betroffenheit wie Archaik des Patienten andererseits den Psychothera- Und dennoch bleibt die Frage nach Integration und Anpassung als Therapie-
peuten beide? Sicher: In dieser bedingten wie Doppelzugehörigkeit mag er ja ziel, nach dem Zwingen in die Wieder-Regelhaftigkeit (Knoll 1985,117) und ist
eine dritte, eine autonome Position gewinnen, in der er als selbständiges das Recht auf Faulheit weiterhin ein - wie Benz (1983, 9) es formuliert -
Individuum und als nicht-funktionales Subjekt erlebt werden kann; doch für „ethisch wie pädagogisch gleichermaßen anstößiges Thema". Reicht es und ist
oder gegen wen schließt er in Konfliktsituationen sein Arbeitsbündnis? Mit es statthaft, den Patienten dazu zu befähigen, die alternative Wahl zwischen
Lacan (1975, 2:0) ist Psychologie lediglich „das Vehikel von Idealen", indem verschiedenen Lebenswelten, zwischen angepaßt-integriertem versus rand-
die Psyche „nur Pate" steht, wenn es um ihren Rang als akademische Wissen- ständig-exzentrischem Zukunftsentwurf in relativer Autonomie zu treffen?
schaft geht. Das Ideal aber sei „Sklave der Gesellschaft". So leiste Psychologie Andererseits jedoch: Ist dieses Therapieziel individueller Autonomie im Maß-
Handlangerdienste, beute sie die Psychoanalyse und Freud aus, so daß jene regel Vollzug erlaubt und gerechtfertigt? Es geht ggf. weit über die Vorausset-
primitive „Art Interesse, dem sich die Psychologie in unserer Gesellschaft als zungen des § 67 d Abs. 2 des Strafgesetzbuches hinaus, dessen Formulierung
Dienerin anbietet, seinen Schnitt" mache (Lacan 1975, 2,11). Mannoni (1973, lediglich voraussetzt, der Patient müsse in der Lage sein, außerhalb des Maßre-
91) lehrt uns, das Einpassen des Rahmens der Psychotherapie in den überlap- gelvollzugs keine rechtswidrigen Taten mehr zu begehen.
penden institutionellen Rahmen der psychiatrischen Anstalt könne nur dann
zum Erfolg führen, wenn das institutionelle Milieu „flexibel genug ist, die
Breschen, die der Patient in dem institutionellen Rahmen zu schlagen versucht 21. Therapieziel (Selbst-)Disziplinierung!
ist, hinzunehmen."
Und im Einwand hier gegen: Darf ein Psychotherapeut sich auf derart ver-
kürzte Behandlungsziele einlassen? Auf Vorgaben, die nur Verhaltenskontrolle
19. Therapieziel Verhaltensnormi und -korrektur mit disziplinierendem Charakter zu erfordern scheinen, hierbei
unter Umständen aber dem Leid und Leiden des Patienten in keiner Weise
In der Tat geht es der Gesellschaft, der Justiz, dem Maßregelvollzug ja darum, gerecht werden {Kobbe 1992, 12)? Entscheidet man sich hiergegen, darf man
Gefahr abzuwenden, d.h. „Konflikten vorzubeugen, Unruhe abzuwenden, Dis- dann im Maßregelvollzug weitertherapieren, obwohl das juristische Behand-
sens zu entschärfen, kurz, die ,Normalisierung' der Verhältnisse voranzutrei- lungsziel erreicht ist? Also juristisch ungerechtfertigten Freiheitsentzug gegen
ben" (Basaligia und Basaligia-Ongaw 1980, 22). Welche Rolle nimmt hier der psychotherapeutisch notwendige Fortsetzung stationärer Behandlung abwä-
Psychotherapeut in dieser institutionell-gesellschaftlich angelegten Nahtstel- gen?
le ein? Welche Werte und Normen kann, darf, soll und/oder muß er vertreten? Ist Autonomie durch Loslösung und Individuation nicht auch „verinnerlich-
Wie bürgerlich integriert muß er, wie alternativ darf er sein? Was ist für ihn te Gewalt als innere Freiheit", d.h. Fähigkeit zur Selbstdisziplinierung (und
abweichendes Verhalten, was Verhaltensnorm? Konkret scheint dies doch in -entfremdung), um äußerer Disziplinierung zu entgehen, und insofern illusori-
den Kriterien und versteckten Vorgaben juristischer Praxis auf: Fester Wohn- sche ,Freiheit'? Welche Freiheitsideologie der quasi „imaginären Überzustän-
ort, ordentliches Aussehen, regelmäßige Arbeit, kurz: „das Beibringen von digkeit" des Individuums für sich und welche Normalitätskonzepte sozialer
Regelmäßigkeit, Gehorsam, Arbeit" (Caste.1 1979, 102 — 109) sind Basisbedin- und psychischer Selbstbestimmung durch Anpassung verfolgt Psychotherapie
gungen für Beurlaubung, Entlassung, erfolgreiches Durchlaufen der Bewäh- mit dem Versuch, der Ausgeliefertheit an Lebensbedingungen durch die Erlan-
rungszeit. Muß dies auch Therapieziel sein? Ist diese verordnete Form ver- gung von Selbstkontrolle zu entkommen?
meintlicher Freiheit dann nicht - wie Korff meint - wieder legalistisch deter-
miniert als „Welt einer Moral, die keine Zweifel mehr zuläßt und in der alles
nahtlos aufzugehen scheint. Mögliche Konflikte sind bereits kasuistisch aufge- 22. Epilog
schlüsselt und vorweg geregelt oder autoritativ gelöst. Gewissenskompetenz
reduziert sich auf peinlich genaue Erfüllung des vom Gesetz Geforderten" Viele Fragen und kaum Antwort, werden Sie denken. Statt dessen nichts als
(Korff 1985,13). Würde nicht eine derartige -mißverstandene-Maßnahme den Dilemmata, d. h. Situationen kognitiver Dissonanz und emotionaler Zwiespäl-
Patienten als Individuum „zu einem reinen Funktionsobjekt der Gesellschaft tigkeit/Zerrissenheit. Soll man derartiges mitmachen, aushaken? Bleibt die

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Alternative des Flüchtens oder Standhaltens, so scheint es zumindest zunächst mann, Psychologie und Moraltheologie, Bd. i: Angst und Schuld (1981), Matthias Grüne-
- doch entpuppt sich auch dies als Scheinalternative. Ob wir dableiben und uns wald, Mainz 1989, insbes. 92-94,- M. Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des
auseinandersetzen; ob wir weggehen und uns distanzieren; ob wir dableiben, Gefängnisses, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.Main 1977; S. Freud, Rat-
aber in die innere Emigration flüchten - wir sind zur Wahl gezwungen, werden schläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung (1912), in: Ges. Werke,
in jedem Falle schuldig und müssen diese Schuld ertragen. Denn: „Wenn keine Bd. VIII, 375-387; E. Fromm, Das Menschenbild bei Marx (r96 r), Europäische Verlagsan-
Behandlung stattfindet, wird das Krankenhaus zum Gefängnis" (Castel u.a. stalt, Frankfurt a. Main 1980; ders., Psychoanalyse und Ethik. Bausteine zu einer huma-
1982, 115). nistischen Charakterologie (1947), Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986; G.
Wenn dem so ist, dann scheint nur ein bewußter Umgang mit unserer W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes (1807), Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main
r 975; R- Hinrichs, Indirekte Formen iatrogener Gewalt in der klinischen Psychiatrie, in:
Verführbarkeit und den verführenden Autoritäten und Strukturen das Stand-
Psychiat. Prax. 15 (1988), H. 5, 165-170; O. Hoffe, Strategien der Humanität. Zur Ethik
halten möglich und ethisch verantwortbar zu machen. Der Therapeut ist öffentlicher Entscheidungsprozesse (1975), Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt
genötigt, „sich auch selber zum Gegenstand seiner Untersuchung machen zu a. Main 19851 S. O. Hoffmann, Die Beziehung von Arzt und Patient aus der Sicht eines
können: An ihm selber bedürfen Abwehrniechanismen der Aufklärung, aber Psychotherapeuten. Anmerkungen zur Frage der Werte und der Menschenwürde in der
auch (der), Einsicht in seine faktische Ohnmacht" (Kiovoza und Schneidet Psychotherapie, in: G. M. Borsi (Hrsg.), Die Würde des Menschen im psychiatrischen
1986, 41). Mit diesem Selbstzweifel aktiv umzugehen, bedeutet ethische Fra- Alltag, Verlag für Medizinische Psychologie, Göttingen 1989, i r -22; K. Horney, Neue
gen des Maßregelvollzugs und die „Situation der unvermeidlichen ethischen Wege in der Psychoanalyse (r951), München o.J.; W. Kamiah/P. Lorenzen, Logische
Selbstüberforderung" (Sloterdijk] in der Tat nicht nur hier und heute als Mode Propädeutik, Mannheim 1967; U. Kobbe, Alltag in der Zwangsunterbringung. Der tota-
oder als Teil eines bundesdeutschen Ethik-Booms sozusagen alibihaft als „mit- len Institution mit totaler Milieutherapie begegnen, in: DKZ 42 (1989), H. 4, 212—220;
ders., Psychotherapie im Maßregelvollzug. Diskursive Bemühungen zwischen Ein-
marschierende Gegenkapelle" (Beck 1988,57) zu thematisieren, sondern auch schluß, Zwang, (Wieder)Anpassung, Emanzipation und Selbstbestimmung (1992), in: M.
weiterhin zu bewegen. Hermer (Hrsg.), Wege zu einer klinikorientierten Psychotherapie, Landschaftsverband
Dies wohl wissend, daß es die Ethik im Maßregelvollzug nicht geben kann, Westfalen-Lippe, Münster 1992; W. Koiff, Wie kann der Mensch glücken? Perspektiven
daß es also bei Fragen bleiben muß. der Ethik, Piper Verlag, München 1985-, A. Kiovoza/Chr. Schneider, Anmerkungen zum
Das ist gewiß gewagt und nicht zufriedenstellend, doch konnte ich mir in Verhältnis von psychoanalytischer Technik und Sozialpsychologie, in: fragmente.
meiner Rolle als Philosoph eigener professioneller Praxis, der - so Marquard Schriftenreihe zur Psychoanalyse 22 (1986), 29-48; /. Lacan, Die Stellung des Unbewuß-
(1990, 165) — "nicht Experte ist, sondern Stuntman des Experten", waghalsig ten (1960/1964), in: J. Lacan, Schriften II, Walter, Olten/Freiburgi.Br. 1975, 205-230,- /.
sein. Ein philosophisch-skeptischer £Xskurs bleibt dieser Vortrag allemal, doch Laplanche//.-B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, Bd. i und 2, Suhrkamp
ist diese Skepsis - um Marquard weiter zu zitieren - „konsequent gemachte Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. Main 1972; E. Levinas, Ethik und Unendliches. Ge-
spräche mit Philippe Nemo, Edition Passagen, Graz/Wien 1986; M. Mannoni, Der Psych-
Verzweiflung. Die nicht konsequent gemachte Verzweiflung bleibt nur Ver- iater, sein Patient und die Psychoanalyse, Walter Verlag, Olten/Freiburg i.Br. r973; O.
zweiflung . . . Die konsequent gemachte Verzweiflung hingegen ist die Schule Marquard, Grenzreaktionen. Haß als Kehrseite der Brüderlichkeit, in: E. Herdieckerhoff
der Wahrnehmung des vorhandenen Positiven, die allerdings Mut verlangt: u.a. (Hrsg.), Hassen und Versöhnen. Psychoanalytische Erkundungen, Vandenhoeck &
z.B. den Mut, angesichts der überall flottierenden Haßbereitschaften auch die Ruprecht, Göttingen 1990, 165-171; K. Marx, Thesen über Feuerbach (1888), in: Marx
kleinen Remedien nicht zu verachten" (Marquard 1990,171). Engels Werke, Bd. 3, Dietz Verlag, Berlin 1958, 533-535; E. Neumann, Tiefenpsychologie
und neue Ethik (1948), Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.Main 1985,- IV. Welt-
kongreß für Psychiatrie, Erklärung von Hawaii: Gegen den Mißbrauch der Psychiatrie,
in: Deutsches Ärzteblatt 48 (1977), 2872-2873; Th. Reik, Hören mit dem dritten Ohr,
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