Auszug aus dem Buch

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ZU FRÜH ALT und ZU SPÄT WEISE

In der Geschichte von Sündenfall und der Vertreibung aus dem Garten Eden lebten Adam und Eva für alle Zeiten vor, was uns zu Menschen macht: Neugier, Schwäche und ein Verlangen des einen nach dem anderen, das selbst unsere Treue Gott gegenüber in den Schatten stellt. Was machte diese Frucht, diesen Apfel, so unwiderstehlich, dass er es wert schien, ein Leben der vollkommenen, nackten, unsterblichen Glückseligkeit für eines aufzugeben, das von Scham bestimmt ist und in dem wir unser Brot im Schweiße unseres Angesichts essen müssen? In mancher Hinsicht stellt der normale Verlauf der menschlichen Entwicklung die Langfassung der Geschichte vom Sündenfall dar. Die Kindheit ist eine Folge von Enttäuschungen, die uns eine Illusion nach der anderen raubt, bis de kindliche Arglosigkeit dem Glauben an die raue Wirklichkeit weicht. Nach und nach lassen wir den Nikolaus, das Sandmännchen, den Glauben an die Vollkommenheit unserer Eltern und an unsere eigene Unsterblichkeit hinter uns. An die Stelle der tröstlichen Gewissheit solch kindlicher Vorstellungen tritt dank Adam und Eva das Gefühl, dass unser Leben ein Kampf ist, voller Schmerz und Verlust und mit schlimmem Ausgang. Da ist es eigentlich erstaunlich, dass wir nicht völlig den Mut verlieren, sondern immer weiter versuchen, unserer kurzen Erdenzeit so etwas wie Glück zu entlocken. Unter all den Mitteln, mit denen wir das versuchen, gibt es eines, mit dem wir diesem Ziel näher kommen, nämlich indem wir als Mann und Frau aneinander „hangen“ und ein Fleisch sind, wie es in der Genesis heißt. Im Tagebuch von Adam und Eva legt -Mark Twain- Eva nach der Vertreibung die Worte in dem Mund: „Wenn ich zurückblicke, ist der Garten mir nur noch ein Traum. Er war wunderschön, überaus schön, zauberhaft schön. Jetzt ist er verloren, und ich werde ihn nicht wieder sehen. Der Garten ist dahin, aber ich habe ihn gefunden und bin zufrieden.“ Niemand kann wie ich alle Tage vor den Trümmern zerbrochener Liebe stehen, ohne einen etwas zynischen Blick für die Mechanik der Partnerwahl zu bekommen. War dieser Mensch, frage ich dann, ein ganz anderer, als Sie zum Schluss kamen, dass Sie Ihr Leben mit ihm verbringen wollten und dass er der Vater Ihrer Kinder werden sollte? Bestand nicht der Hauch eines Zweifels an seiner Treue, seiner Beständigkeit, seiner Liebe zu Ihnen? Die unweigerlich auf diese Frage folgende Diskussion offenbart immer und immer wieder die Oberflächlichkeit und Dummheit unserer jüngeren Jahre. Vielleicht liegt es daran, dass wir ohne größere Vorbilder aufwachsen. Es geraten wahrhaftig nicht viele ins Schwärmen, wenn von Bekundungen der Zuneigung und Verbundenheit zwischen ihren Eltern die Rede ist. Zu der Frage, ob Liebe Bestand haben kann, fallen eher zynische Worte, und die beruhen auf Beobachtungen an der älteren Generation. Wenn zwei sich ineinander verlieben, wird das von allen für ganz selbstverständlich gehalten und bedarf keiner Erklärung. Was uns zueinander hinzieht, ist geheimnisvoll und unerklärlich, das weiß doch jeder. Da gibt es die körperliche Anziehungskraft, gemeinsamen Interessen, eine Wellenlänge, die einfach verbindet und die beiden den Entschluss fassen lässt, ihr Leben miteinander zu verbringen. Ringsum nicken alle dazu und so schreitet man zu der ebenso aufwändigen wie kostspieligen Zeremonie, mit welcher der Beginn dieses gemeinsamen Lebens gefeiert wird. Im umgekehrten Fall aber, wenn es vorbei ist mit der Liebe, besteht ein ausgesprochen starker Erklärungsbedarf: Was ist passiert? Wer ist schuld? Wieso habt ihr das nicht auf die Reihe gebracht? Die Antwort: Wir haben uns halt nicht mehr geliebt, reichen nicht aus. Wenn ich mit anhöre, was ältere Menschen nach fünfzig , sechzig und mehr Ehejahren auf die Frage nach dem „Geheimnis einer erfolgreichen Ehe“ sagen, scheint eine hohe Toleranz gegenüber Langeweile und Überdruss auf der Hitliste ganz oben zu stehen. Schlafmittel wie „Wir sind nie im Streit schlafen gegangen oder das rechte Maß in allen Dingen verraten eine

Philosophie, die eher aufs Überleben als auf Lebenslust zugeschnitten ist. Eine sich erneuernde und deshalb nicht endende Liebe ist da anscheinend nicht vorgesehen. Wenn uns die Geschichte von Adam und Eva und der verscherzten göttlichen Gnade etwas sagen will, dann wohl dies: dass die Vereinigung zweier Menschen uns die größte Entschädigung für alle Bürden des Menschseins bietet- für Zwang zu beschwerlicher Arbeit für die „Disteln und Dornen“, für das lebenslange Wissen um unsere Sterblichkeit. Das also hatte die verborgene Frucht an sich, dass ihr Genuss den Zorn Gottes wert sein konnte:“ Der Garten ist dahin, aber ich habe ihn gefunden und bin zufrieden“