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ZEIT ONLINE 21/2008 S. 20 [http://www.zeit.

de/2008/21/Kahn−21]

Bundesliga

"Blöd wäre, wenn da nichts ist"
Oliver Kahn beendet seine Karriere. Und wieder quält er sich mehr als
alle anderen diesmal mit der Frage: Was kommt?
Von Henning Sußebach

Die Frage an Oliver Kahn war, ob es ihm schwerfallen wird, bald nicht mehr OLIVER KAHN zu sein. Nun
macht er schmale Augen, wie er es zigmal in Interviews getan hat, und zieht zischend Luft ein, als würde er
unter Schmerzen um eine bedeutsame Antwort ringen. Um irgendetwas Großes, Bleibendes. Und dann sagt
er: "Nee."

"Nee", sagt er also und lacht zur Decke hinauf, knarzend, knatternd, auch das kennt man von ihm. Vielleicht
lacht Oliver Kahn, weil ihm die Antwort so leichtfällt. Vielleicht lacht aber auch OLIVER KAHN, mal wieder
voller Freude an der eigenen Lakonie. Es ist schwer auszumachen, wer gerade redet, wenn dieser Mann
spricht, Oliver Kahn, der Mensch, oder OLIVER KAHN, die öffentliche Person, die Marke, der Mythos.
Vermutlich weiß er das selbst nicht immer so genau.

Um das Verhältnis der beiden soll es gehen bei diesem Treffen im Frühjahr 2008, kurz bevor der Mensch die
Marke verlässt. Oliver Kahn ist ja nun auch schon oft erwähnte 38, sein erstes Spiel in der Bundesliga liegt
über zwanzig Jahre zurück, mehr als die Hälfte seines Lebens. Sein letztes Spiel ist: diesen Samstag. Der
Mann, der immer weitermacht, hört auf.
"Der Körper", sagt Kahn und zieht die Silben ganz lang, "der Körper ächzt jetzt doch ein bisschen."

Es ist acht Uhr abends, Kahn sitzt in der kühl−kargen Lobby des Sheraton Carlton Hotels in Nürnberg. Die
Bahnhofsödnis jenseits der Fensterfront könnte auch zu Hannover oder Frankfurt gehören, egal, von den
hermetischen Hotelwelten betrachtet, in denen ein Club wie der FC Bayern Quartier nimmt, sehen alle
Auswärtsstädte gleich aus. Ein Zug schrammt durch die Dämmerung, in der Hotelbar zerkauen Kahns
Kollegen Ribéry und van Buyten ein paar Nüsse und sichtbar auch die Langeweile. Kahn sagt gleich zu
Beginn, dass er Abende wie diesen nicht vermissen werde, "diese stääändigen Hotelaufenthalte, diese
stääändige Reiserei, diese stääändige Monotonie." Den Satz leiert er runter wie ein Gedicht, dessen er müde
geworden ist.

Auf die Minute pünktlich war Kahn im Foyer erschienen, geräuschlos, filigraner, als das Fernsehen ihn
wirken lässt, mit einem Händedruck auch, der sanfter ausfällt als erwartet. Es ist wohl sein Schicksal, dass
noch jede Nichtigkeit mit seinem Image abgeglichen wird. Zum Beispiel, dass er den Kellner um einen
Kamillentee bittet und nicht um einen isotonischen Durstlöscher. "Aber ohne Zucker!" Wenigstens das.

Muss man ihn noch vorstellen? Als Torwart und Titelsammler, als Rüttler und Rempler, als Bild−Titan und
Klinsmann−Opfer? Kahn ist den Deutschen ja nicht entgangen. Er war ihr Hassgeliebter. Und einen Sommer
lang der Rückhalt ihrer Volksseele jedenfalls dann, wenn der Gegner den Ball hatte, 2002 bei der
Weltmeisterschaft in Japan, wo Kahn zu KAHN wurde, weil er jeden Schuss hielt, nur nicht im Finale.

Vier Jahre später, bei der Weltmeisterschaft in Deutschland, wurde KAHN wieder zu Kahn, da haben noch
mal alle hingeschaut. Wir kennen das Babyblau seiner Trikots, wir kennen seine Spielfeldrand−Rhetorik, wir
kennen seine öffentliche Biografie, übervoll mit Ehrgeiz, Ehrungen und mancher Entgleisung. Und doch:
Streicht man die Zeitlupenerinnerungen, das Illustriertenwissen, die Vorurteile, den Respekt auch, dann ist das
Bild von ihm: fast leer. Als habe sich Oliver Kahn die meiste Zeit hinter OLIVER KAHN versteckt. Welcher
Mensch wird da im Augenblick des Abgangs zum Vorschein kommen?
Vor drei Jahren hätte sich Oliver Kahn beinahe gezeigt, auch damals gab er der ZEIT ein Interview. Wir trafen
uns morgens in einer Bäckerei in München−Grünwald, noch vor dem Training. Der Floskeln und Phrasen
müde, sprach er von Momenten der Angst im Leben eines Torwarts, von "so einem Druck in der Brust", von
seiner Sehnsucht, genießen zu können und einfach mal "ein Buch ohne Nutzen" zu lesen. Und er erzählte von
einem Albtraum, der ihn damals verfolgte. Er, Kahn, sitzt in der Kabine, "und draußen beginnt ein Spiel, FC
Bayern oder Nationalmannschaft, ich weiß es nicht. Die Kollegen sind schon auf dem Platz und rufen: Olli,
jetzt komm! Aber ich kann nicht aufstehen. Ich komme nicht weg. Und mein Tor ist leer. Furchtbar."

Kahn kämpfte damals um seinen Platz im Tor der Nationalelf, die WM 2006 war noch ein Ziel und nicht
Vergangenheit. Sein Manager gab das Interview nicht frei. Kahn rief damals noch einmal an und sagte mit
Bedauern: "Wir können das nicht vor meinem Karriereende drucken." Dann legte er auf und war fortan
wieder die entrückte Fernsehfigur.

Nun sitzt er da und sagt, er habe das "vergessen". Bei Oliver Kahn klingt das ein bisschen wie "vergeben".
Also dann, noch mal: Irgendwelche Albträume? "Nee", sagt Kahn, diesmal nicht zur Decke hin, sondern mit
Blickkontakt, "zurzeit träume ich gar nichts. Das ist neu. Das kenne ich gar nicht von mir."

Kahn wirkte in den vergangenen Wochen tatsächlich, als sei er in einer Art stabilem Schwebezustand. Als
kehre eine betagte Boeing 747 von ihrem allerletzten Langstreckenflug zurück, KAHN AIR, legendenschwer,
noch in der Luft zwar, aber schon in dieser Stille kurz vor dem Aufsetzen. Kahn weiß: Er ist gleich unten. Es
wird eine saubere Landung. Es gibt unter dem gravitätischen Geraune der Kommentatoren ja schon den
ersten Applaus.

Ist es schön, dass zum Abschied plötzlich alle so nett zu Ihnen sind?
"Och, ich persönlich brauch das nicht. Da merken jetzt halt einige Leute, dass ihnen OLIVER KAHN
vielleicht doch fehlen wird. Als Symbolfigur, die man entweder lieben oder hassen kann. In Schalke zum
Beispiel: Zum ersten Mal flogen keine Bananen! Da war es ganz still. Aber ich selbst? Ich neige nicht so zu
Wehmut."

Sagt das Kahn oder KAHN? Ist das nun eine Unverletzlichkeit, die aus Verletzlichkeit gewachsen ist? Muss
ein Mensch, der sich zwanzig Jahre lang vor lauter Siegermentalität jede Sentimentalität versagt hat, erst
lernen, wieder sentimental zu sein?

Kahn zögert einen Augenblick. "Ich glaube, ich muss erst einmal wieder lernen, in der Gegenwart zu leben."
Auch wenn "draußen" er deutet mit seinem Kinn zum Fenster , wenn draußen mancher den Eindruck hat,
dass er sich monumental−mechanisch durch all die Jahre und Turniere gefräst hat: "In meiner Wahrnehmung
ist die Zeit eher gerast. Aber das ist im Fußball typisch. Hast du ein Ziel erreicht, wird schon vom nächsten
gesprochen immer bist du in der Zukunft."

Die Gegenwart war ein knappes Gut in Kahns Karriere, gerade beim FC Bayern, wo ein Titel kaum mehr als
die Verpflichtung ist, ihn ein Jahr später zu verteidigen. Es sei alles so schnell gegangen, sagt Kahn, dass er
nicht mal wisse, wie viele Länderspiele er bestritten habe. Er hat auch seine Bundesligaspiele nicht gezählt
und schon vor Jahren mit dem Trikotsammeln aufgehört.

Oliver Kahn, stellt sich dann heraus, hat noch nicht mal einen Fotoapparat. "Ich habe das alles aus der Hand
gegeben", sagt er, "später werde ich das vielleicht bereuen."

Wenn man sein Leben derart aus der Hand gibt, wer ist man dann nach all den Jahren? Und wer glaubt man zu
sein? "Es ist wahnsinnig schwer, in diesem ganzen Trubel bei sich selbst zu bleiben", sagt Kahn. "Ich muss
sehen, was passiert, wenn ich nicht mehr Samstag Mittwoch Samstag im Tor stehe."

Abseits des Platzes, das weiß er, wird ihm keine seiner acht deutschen Meisterschaften helfen, keiner seiner
sechs Pokalsiege, keines seiner 86 Länderspiele und auch nicht die beiden Bambis, mit denen er in
Deutschlands Glamour−Kaste aufgenommen wurde. Er wird dann einfach wieder Oliver Rolf Kahn sein, so
steht es in seinem Personalausweis, geboren am 15. Juni 1969 in Karlsruhe von nun an nicht mehr Ronaldo
vor der breiten Brust, sondern viele leere Tage.
Aber wie fängt man an, aufzuhören?
"Vor zwei, drei Jahren habe ich mir das einfacher vorgestellt", sagt Kahn, "da habe ich gedacht: Dann hab ich
endlich Ruhe und kann machen, was ich will!" Doch Ruhe kann nach zwanzig Jahren Lärm und Mediengetöse
auch Angst machen. Kahn sagt, er rede seit einer Weile mit einem "Coach" darüber. "Dass Dinge entstehen
können wie Langeweile, Leere. Einerseits ist es ja wunderbar, dass dieses
Jedes−Jahr−Meister−werden−Müssen bald von mir abfällt. Das war wie so ein Riesenklotz, der auf mir
drauflag. Aber die Leere, die dann kommt, die muss ich aushalten lernen. In der Leere findet der Mensch zu
sich selbst und nicht, wenn er vor ihr davonläuft und sie mit falschen Dingen füllt. Mit Alkohol, Drogen,
Frauen."

Er sagt, er mache jetzt hin und wieder "bewusst herbeigeführte Nichtstu−Einheiten", und muss selber
schmunzeln über dieses typisch Kahnsche Wortkonstrukt. "Ich war neulich zwei Tage in Kitzbühel und habe
versucht, nichts zu tun. Sitzen. Gucken. Lesen. Wer zwanzig Jahre in diesem geordneten, geschlossenen
Leben gelebt hat und dann rausgeht, der hat Respekt vor dem, was draußen ist."

Das ist ein Satz, wie Gefangene ihn kurz vor der Entlassung sagen auch wenn Kahn ein
Fünf−Sterne−Häftling ist, hier in dieser Sheraton−Behaglichkeit, nicht zu bedauern, vielleicht aber auch nicht
zu beneiden, wenn man ehrlich ist. Denn wenn man ihn einfach mal reden lässt, ihm zuhört, ohne seine
Aussagen sofort mit Klischees abzugleichen, dann klingt aus fast jedem seiner Sätze Respekt vor der
Normalität, die ihm bevorsteht und zugleich Sehnsucht nach ihr. Neulich war Kahn in Paris und ist
gemeinsam mit seiner neun Jahre alten Tochter Katharina durch die Stadt gelaufen, "nicht Taxi gefahren,
nicht U−Bahn, gelaufen, gelaufen, gelaufen", als wollte er an einem Tag alles Verpasste nachholen.

Er hat, das erzählt Kahn an diesem Abend, hinter all dem Mondänen, das dem Profifußball zugeschrieben
wird, einen Alltag gelebt, der sich weitgehend in Badelatschen bestreiten ließ. "Der typischste Moment als
Fußballprofi ist in die Kabine kommen. Banal. Äußerst banal! Und in anderen Momenten irreal. Äußerst
irreal! Da kriegen junge Spieler wie der Schweini einen Prospekt mit den tollsten Autos hingelegt, es wird
alles getan und gemacht, egal, um was es geht", sagt er, und es wird klar: Wenn Oliver Kahn über
Mannschaftskameraden wie Bastian Schweinsteiger redet, über die Mittzwanziger von heute, dann meint er
auch sich, damals. "Zwischen zwanzig und dreißig hältst du das für normal, ohne jeden Gedanken." Immer ein
gemachtes Bett, immer ein geputztes Paar Schuhe, immer ein geregelter Tagesablauf. "Ab dreißig solltest du
merken: Das ist nicht alles, sonst wirst du als Mensch nicht ganz."

Sind das jetzt große Sätze für einen Bild−Titanen? Ist Kahn nun überraschend klug oder überführt er uns
bloß der eigenen Dummheit, weil wir tatsächlich geglaubt haben, es gebe nur diesen brüllenden, tobenden,
grienenden Torwart, wie ihn die Medien uns zeigten? Der deutsche Bildungsbürger in seiner unterschwelligen
Verachtung für Fußballprofis wäre jedenfalls überrascht, wenn er erführe, mit welchem Abstand Kahn sein
Leben als Sportler betrachtet und würde zugleich bemerken, wie stolz Kahn darauf ist. Wörter wie "banal"
und "irreal", Begriffe, die ihm gefallen, die ihm an ihm gefallen, wiederholt er gerne.

Vielleicht aber verrät das nur die Ernsthaftigkeit, mit der Kahn an sich selbst arbeitet, dieselbe Ernsthaftigkeit,
die ihn im Sport so weit gebracht hat "nämlich fast an die Wand", sagt er. Die Jahre um die
Weltmeisterschaft 2002, als selbst Oliver Kahn glaubte, OLIVER KAHN zu sein, waren sportlich seine
stärksten und menschlich seine schwierigsten. Seine Ehe zerbrach, sein Gesicht verzog sich. Er sah immer
öfter aus, als trage er eine Maske seiner selbst, die hinter den Ohren zu fest zugebunden war. Ein Gesicht voll
horizontaler Schlitze, Mund und Augen wie Schießscharten, die Stirn ein heruntergeklapptes Visier.

Man merkt, dass er einen langen Weg zurückgelegt hat und dies auch weiß, wenn er jetzt die Vokale ganz
lang zieht und sagt: "Die Titaaan−Phaaase! Waaaahnsinnig anstrengend! Nuuur noch Höchstleistung, Tag und
Nacht. Jeeede Parade der Beweis, dass ich noch der Titaaan bin!" Er ruft das in den Raum, hämisch zu sich
selbst. Oliver Kahn kann OLIVER KAHN mittlerweile ganz gut parodieren.

In Betrachtung seiner selbst beendet er seine Karriere, er wird ja dauernd dazu animiert, durch Gespräche wie
dieses. Er gibt den großen Zeitungen jetzt noch mal Interviews. Er hat ein Buch geschrieben; Titel: Ich. Erfolg
kommt von innen. Er hat sich von Premiere begleiten lassen für eine Serie namens Das Jahr Kahn, kleine
Doku−Filme, wie sie sonst nur ganze Nationalmannschaften bekommen. Kahn kriegt von den Medien, die
sich seiner in guten wie in schlechten Tagen bedient haben, derzeit einen aufwendigen Schlussakt inszeniert
und es scheint, als nutze er das, um die Deutungshoheit über die eigene Karriere zurückzuerobern. Ein altes
Bild zu korrigieren, kurz bevor der Vorhang fällt. Das des Torhüters, "der mit offenem Mund im Tor steht,
brüllt und seine Kollegen würgt". So hat er das selbst einmal gesagt.

Dabei ist das Kahn eigentlich längst gelungen, ausgerechnet dort, wo dieses Bild von ihm entstand: im Tor.
Und ausgerechnet nach seiner größten sportlichen Niederlage: dieser Zumutung, bei der WM 2006 nur
zusehen zu dürfen. Seither hat sich sein Stirnvisier gehoben, Oliver Kahns Gesicht wirkt plötzlich schmal und
offen, als könne selbst OLIVER KAHN noch über etwas staunen. In den vergangenen Monaten waren seine
Haare nicht mehr gegelt, sondern nur noch struwwelig. Als der FC Bayern im April im spanischen Getafe
durch ein Tor in letzter Minute das Halbfinale des Uefa−Pokals erreichte, hatte Kahns Freude endgültig nichts
Grimmiges mehr. Er sprang über den Platz wie ein Kind, eher unbeholfen als überlegen. Dass er dabei einem
Mitspieler die Nase blutig schlug, war nur noch ein Versehen.

Zuletzt wirkte sein Jubel so befreit, als sei er nicht zum letzten Mal Meister und Pokalsieger geworden,
sondern zum ersten Mal. In gewisser Weise stimmt das auch: Die Titel des Jahres 2008 sind die ersten, die
Oliver Kahn nicht verteidigen muss.

Er wird sie mitnehmen auf die Motorjacht, mit der er nun vier Wochen durchs Mittelmeer kreuzen will. Er
möchte danach viel golfen, laufen, lesen und nicht zu dick werden bis zu seinem Abschiedsspiel im
September.

"Hoffentlich bin ich da noch in Form", sagt er und lacht noch einmal lufteinsaugend über diesen OLIVER
KAHN, der sich womöglich sogar sein eigenes Abschiedsspiel mit einem Wutausbruch versaut hätte. Dieses
Brimborium, sagt Kahn, sei ihm "persönlich nicht wichtig, aber man hat mir klargemacht: Das gehört sich so."
Wichtig sei ihm, "wenn der ganze Trubel vorbei ist, zu meinem Wesenskern zurückzukommen". Er muss nach
all den Jahren als OLIVER KAHN ja erst einmal zurück zu sich und sehen, wen er findet. Was da ist. "Blöd
wäre, wenn da nichts ist", sagt er.

Man kann ein Karriereende schlecht mal ausprobieren, ebenso wenig wie ein WM−Finale, vielleicht sogar
noch weniger. Deshalb, erwähnt Kahn ganz beiläufig, kann er den großen KAHN nicht völlig aufgeben. Er
werde einen Trainerschein machen, sagt er. Nicht um wirklich Trainer zu werden, "aber um ein bisschen
Kontakt zu den Kollegen zu behalten". Er leugnet nicht, dass er nach der Europameisterschaft Co−Moderator
beim ZDF werden könnte. Und er wird viel in Asien unterwegs sein, beklatscht und bekreischt in
Fernsehshows. "Da bin ich ja relativ beliebt", sagt er. Oliver Kahn wird OLIVER KAHN leben lassen, denn
der ist seine Einnahmequelle und seine Rückversicherung. Weit über die Finanzen hinaus.

Ist das dann noch die Leere, der er sich stellen wollte? "Ach", sagt Kahn, "du musst immer das richtige Maß
finden, das richtige Maaaß." Vielleicht muss ein Torwart so reden, ein Mensch, dessen Job es war, zu
reagieren. Kahn stand ja immer auf der Linie, er wurde gerühmt für seine "Reflexe". Es ist, als müsse er nun
in den freien Raum laufen, raus aus seinem Tor. Kahn muss hinein in diese weite Tiefebene des Lebens, noch
viel größer als ein Fußballplatz, ohne Linien, ohne Tribünen, ohne Begrenzung. Torhüter hassen das. Sonst
wären sie Stürmer geworden.

Es ist nun dunkel, Kahn trinkt seinen Tee aus. Von draußen, durch die raumhohe Fensterscheibe des Hotels,
muss dieser blassblonde Mann am Tisch aussehen wie von Edward Hopper gemalt. Man würde sich nicht
wundern, wenn sich gleich Michael Schumacher, Boris Becker und Henry Maske zu ihm setzten.
Nachtgestalten, Gefangene ihrer Prominenz, alle verstrickt in mehr oder weniger erfolgreiche
Unabhängigkeitskämpfe gegen ihre eigenen Biografien und all die Ansprüche, die daraus erwachsen.

Da klingelt sein Handy. Es ist sein Manager. "Du, wir sind grad fertig & Sehr gut! & Ich hab ihm gesagt, du
wirst wahrscheinlich wieder alles rausstreichen." Kahns Manager streicht dann aber kein einziges Zitat, denn
Oliver Kahn ist jetzt frei. "Ab sofort wird gelebt!", sagt er im Aufstehen, nein, er ruft es durchs Hotel, als sei
da ein Stadion voller Menschen. Dann schnipst er mit den Fingern eine Bewegung, die man an ihm nicht
kannte. Ging ja auch nicht mit Torwarthandschuhen.
Ab sofort soll also gelebt werden. Nur noch nicht an diesem Abend, um kurz vor zehn, da muss Oliver Kahn
auf sein Zimmer. Denn OLIVER KAHN hat morgen noch ein Spiel.

Oliver Kahn, geboren 1969 in Karlsruhe, hat derart viele Titel gewonnen (darunter die Champions League,
den Uefa−Pokal, sechs Mal den DFB−Pokal und acht Mal die deutsche Meisterschaft), dass eigentlich am
interessantesten ist, was der Torwart in seiner langen Karriere nicht geworden ist: Weltmeister.

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ZEITmagazin LEBEN, 15.05.2008 Nr. 21