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Peter Altmiks (Hg.

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Im Schatten der Finanzkrise

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Peter Altmiks (Hg.)

Im Schatten
der Finanzkrise
Muss das staatliche
Zentralbankwesen
abgeschafft werden?

OLZOG

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Korrektorat: Eva Herrmann
Satz: Fotosatz Reinhard Amann, Aichstetten
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Printed in Germany

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Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

JÖRG GUIDO HÜLSMANN


Ethische Probleme der Währungspolitik . . . . . . . . . . . . . . . 13

LAWRENCE H. WHITE
Reform der globalen Geldordnung: ein Plädoyer für
ein freies internationales Bankenwesen . . . . . . . . . . . . . . . . 35

THORSTEN POLLEIT
Freiheit und das Sound Money Principle . . . . . . . . . . . . . . . . . 67

GEORGE SELGIN
Zentralbanken als Ursache finanzieller Instabilität . . . . . . . 83

ANDREAS HOFFMANN UND EKKEHARD A. KÖHLER


Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen
der Finanzkrise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103

FRANK SCHÄFFLER UND NORBERT F. TOFALL


Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren . . . . . . . . . . 135

Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156

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Vorwort

Angesichts der Finanzkrise und ihrer negativen Auswirkungen


auf die Soziale Marktwirtschaft als ordnungspolitisches Kon-
zept ist ein genauerer Blick auf die Ursachen der Finanzkrise
notwendig. Eine der Ursachen liegt in der fehlgeleiteten Geld-
politik vieler Zentralbanken. Die US-Notenbank hatte einen
künstlichen Boom auf dem inneramerikanischen Immobilien-
und Häusermarkt und bei den Konsumentenkrediten allge-
mein durch Überproduktion von Geld ausgelöst. Dieser Boom
wurde als Blase entlarvt und führte zu einem nie dagewesenen
scharfen Zusammenbruch von Finanz-, Versicherungs- und
Realwirtschaft mit katastrophalen Folgewirkungen für den Rest
der Welt im Ausmaß der globalen Finanz- und Wirtschaftsver-
flechtungen. Folglich lud die Friedrich-Naumann-Stiftung für
die Freiheit international bekannte Experten zu einem interna-
tionalen Kolloquium „Free Currency – the Future of Money“
nach Potsdam ein, um sowohl die Rolle der staatlichen Zentral-
banken und ihre Geldpolitik zu beleuchten als auch um Alter-
nativvorschläge zu unterbreiten.
Im ersten Beitrag analysiert Jörg Guido Hülsmann die Geld-
produktion vom Standpunkt der christlichen Ethik. Schon Nico-
las von Oresme habe im Jahr 1358 erkannt, dass künstliche Aus-
weitungen der Geldmenge vor allem von den Währungshütern
selber betrieben werden, für Handel und Wirtschaft schädlich
sind und sogar zivilisationsbedrohend sein können. Es gäbe
einen Zielkonflikt zwischen Geldpolitik, freiem Kapitalfluss und
stabilen Wechselkursen. Schon Horaz habe darauf hingewiesen,
dass Münzen nicht verändert werden sollten, da Regierungen
zum Missbrauch neigten. Im Lauf der Geschichte habe sich Geld

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8 Vorwort

zu einem Tauschmittel gewandelt und reflektiere nicht mehr den


realen Wert des Metalls oder Papiers. Immaterielles Zwangsgeld
(Fiat Money) existiere einzig und allein aufgrund fortgesetz-
ter rechtlicher Privilegien. In einem freien Markt könne es ge-
gen den Wettbewerb der Warengeldarten nicht bestehen. Auch
fehle jeglicher empirische Beweis für irgendwelche gesamtwirt-
schaftlichen Vorteile des immateriellen Zwangsgeldes. Im Ge-
genteil könne ein immaterielles Zwangsgeld gesamtwirtschaft-
liche Schäden verursachen und habe dies in der Vergangenheit
auch getan.
Anschließend hält Lawrence H. White ein Plädoyer für ein
freies internationales Bankenwesen und beschreibt die Erfor-
dernisse für eine Reform der Währungssysteme. Die Garantien
der Regierungen für ihre Banken müssten begrenzt werden. Die
Reserveanforderungen der Regierungen seien abzuschaffen. Die
sinnvollen Aufgaben der Zentralbanken seien zu privatisieren,
während die schädlichen Funktionen der Zentralbanken zu besei-
tigen seien. Nationale Papiergeldstandards seien zu ersetzen. Em-
pirisch gesehen hätten die Bankensysteme, die dem Laisser-faire
am nächsten sind, die geringsten Finanzkrisen. In einem wettbe-
werblichen Bankensystem gäbe es für den Internationalen Wäh-
rungsfonds (IWF) keinen Bedarf. Der IWF sei gegründet wor-
den, um die Kurskrise des Bretton-Woods-Systems in den Griff
zu bekommen. Die Kurskrise sei aber durch die Geldpolitik einer
nationalen Zentralbank entstanden, die nicht im Einklang mit
der Erhaltung des festen Wechselkurses der Währung stand. In
einem internationalen freien Bankensystem gäbe es keine natio-
nalen Zentralbanken, die eine Politik verfolgten, die zu solchen
Problemen führe.
Thorsten Polleit untersucht den Zusammenhang von Freiheit
und gesundem Geld und bezieht sich dabei auf die Österreichi-
sche Schule der Nationalökonomie. Die Österreichische Schule
sähe in dem Geldangebotsmonopol der staatlichen Zentralban-
ken und der Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken einen

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Vorwort 9

Unheil bringenden Fremdkörper im System der freien Märkte.


Es gäbe keine Möglichkeit, den finanziellen Kollaps eines Booms
zu verhindern, der durch eine Kreditexpansion verursacht wurde.
Geld müsse zwingend an einen Rohstoff, wie z. B. Gold oder Sil-
ber, gekoppelt sein. Jegliche Münzaktivitäten der Regierungen
sollten unterbleiben. Das Münzwesen könne auch durch private
Unternehmen erfolgen. Mit dem staatlichen Papiergeld hätten
sich die Volkswirtschaften auf einen unheilvollen Pfad eingelas-
sen, auf dem sie mit immer mehr Kredit und Geld sowie immer
niedrigeren Zinsen der unausweichlichen Bereinigungskrise zu
entkommen versuchten. Um den entstandenen Schaden nicht
noch weiter in die Höhe zu treiben, sei eine Reform der Geldord-
nung bitter nötig.
George Selgin identifiziert das exklusive Geldschöpfungsmo-
nopol als Hauptursache für die Instabilität. Zentralbanken seien
aus fiskalischen Gründen etabliert worden, um die Regierung
bzw. die herrschenden Monarchen zu stützen. Die Idee, dass
Zentralbanken die Volkswirtschaft eines Landes stabilisieren
sollen, sei erst wesentlich später aufgegriffen worden. In Kanada
habe es ein wettbewerbliches Bankensystem ohne ein staatliches
Geldschöpfungsmonopol gegeben, welches immer genügend
Geld zur Verfügung gestellt habe. In einem wettbewerblichen
System würden Banken durch einen internen Zahlungsaus-
gleich in ihrer Geldschöpfung beschränkt und es käme nicht zu
einem Überangebot an Geld. Eine stabile Geldnachfrage stabili-
siere auch die jeweilige Volkswirtschaft. Während die Heraus-
gabe von immateriellem Zwangsgeld die Zentralbanken nicht
gehindert habe, Aufschwünge und Krisen zu verursachen, habe
sie aber die Möglichkeit von grundlegenden Reformen erheb-
lich erschwert. Es sei an der Zeit, das romantische Bild von der
Zentralbank zu revidieren.
Ekkehard A. Köhler und Andreas Hoffmann befassen sich
mit den Ursachen und ordnungspolitischen Konsequenzen der
Finanzkrise. Für die Entstehung spekulativer Übertreibungen

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10 Vorwort

seien zwei Voraussetzungen erforderlich: Erstens müsse reichlich


Liquidität vorhanden sein, die den Nährboden für Übertreibun-
gen bietet. Zweitens müssten die Investoren hohe, d. h. über-
durchschnittliche, Renditen in einem spezifischen Markt er-
warten. Nicht nur die Ostasien-Staaten und Europa, sondern
auch Japan, Russland und die meisten anderen G20-Staaten hät-
ten sich dem Ziel der günstigen Liquiditätsbereitstellung unter-
geordnet. Die Geschäftsbanken hätten darauf mit der Auswei-
tung ihres Investitions- und Kredit- bzw. Finanzierungsgeschäfts
reagiert. Die verbrieften Forderungen auf Zahlungen der US-
Hausbesitzer seien für die Geschäfts- und Investmentbanken
zunehmend interessanter geworden. Die Produkte seien fälsch-
licherweise als wenig riskant und lukrativ angesehen worden. Zu-
dem hätten die US-Banken ihre Risiken nicht nur bündeln, son-
dern auch noch weiterverkaufen und streuen können. Es müssten
nun ordnungspolitische Konsequenzen aus der Finanzkrise ge-
zogen werden. Derzeit setze die Politik nur an den Symptomen,
nicht aber an den regelbasierten Gründen der Finanzkrise an.
Frank Schäffler und Norbert F. Tofall beschäftigen sich mit
dem Übergang vom staatlichen Papiergeldmonopol hin zu einer
marktwirtschaftlichen Geldordnung mittels Wettbewerb. Der
Staat könne eine evolutionäre Entwicklung nur be- oder verhin-
dern und im positiven Fall erlauben oder durch eine geeignete
Privatrechtsordnung sogar fördern. Handeln müssten die ein-
zelnen Menschen jedoch immer selbst. Zudem benötige mensch-
liches Handeln immer Zeit und sei nur im Zeitablauf mög-
lich. Folglich falle eine funktionierende marktwirtschaftliche
Geldordnung nicht vom Himmel, sondern müsse schrittweise
entwickelt werden. Deshalb müssten konkurrierende Privatwäh-
rungen zugelassen und ein allumfassender Währungswettbe-
werb ermöglicht werden. Das Geldmonopol der Regierung und
nationale Währungssysteme seien durch freien Wettbewerb zwi-
schen privaten Emissionsbanken zu ersetzen. Selbst nach der Be-
seitigung der Beschränkungen werde es einige Zeit dauern, bis

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Vorwort 11

eine befriedigende Anzahl von privaten Währungsemissions-


banken, die eine ausreichende Menge von gutem Geld emittieren
könnten, parallel zum staatlichen Währungssystem entstünde.
Künstlich niedrigere Zinsen ermöglichen kein nachhaltiges
Wachstum, sondern verschärfen die Krise. Eine Politik des billigen
Geldes, die zeitweilig sogar zu negativen (sic!) Realzinsen führt,
hat fatale Konsequenzen. Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Begründer
der Raiffeisen Banken- und Landhandelsorganisation, schrieb um
das Jahr 1859: „Es schreit die ganze Welt nach Geld, und zwar nach
möglichst billigem Gelde. Je leichter, je mehr und je billiger dieses
erlangt wird, umso schlimmer werden die Zustände werden.“ 1980,
lange vor den beiden letzten Krisen, dem Platzen der Internetblase
2000/2001 und der derzeitigen Finanzkrise, befassten sich Joachim
Starbatty und Rainer Gerding mit Hayeks Vorschlag zur Entnatio-
nalisierung des Geldes. Die Warnungen verhallten, Konsequenzen
wurden nicht gezogen. Derzeit wird versucht mit deutlichen Zins-
senkungen seitens der Zentralbanken und mit weitreichenden
staatlichen Interventionen die Finanzmärkte zu stabilisieren. Zins-
senkungen tragen aber direkt zum Entstehen der nächsten Blase
bei.
Ein Währungswettbewerb ist grundsätzlich möglich. Men-
schen sind sehr wohl in der Lage, mit mehreren Währungen par-
allel umzugehen, wenn sie darin Vorteile erkennen, z. B. einer
anderen Währung mehr Wertstabilität zutrauen als der nationa-
len. So haben z. B. die D-Mark und der US-Dollar in vielen Län-
dern des östlichen und südöstlichen Europa viele Jahre lang als
Parallelwährung gedient und Sparen überhaupt erst ermöglicht.
Die gegenwärtige Finanzkrise muss zu einer ordnungspolitischen
Besinnung und Umkehr genutzt werden. Die Autoren dieses
Sammelbandes haben dazu eindrucksvolle und fundierte Bei-
träge geleistet. Es liegt an uns, sie umzusetzen.

Potsdam, im Oktober 2009


Peter Altmiks

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JÖRG GUIDO HÜLSMANN

Ethische Probleme der Währungspolitik

Die Diskussion währungspolitischer Probleme wird häufig nicht


grundsätzlich genug geführt. Gerade Fachleute begeben sich
allzu schnell auf das enge Gebiet rein technischer Probleme und
begnügen sich damit, die Abwicklung des Tagesgeschäfts von
Währungsbehörden (das sind heute zumeist die Zentralbanken)
zu erörtern. In den einschlägigen Lehrbüchern wird heute das
Thema Währungspolitik (bzw. Geldpolitik) in der Regel als eine
beschreibende Darstellung der Mittel und Zwecke von Zentral-
banken abgehandelt.
Die Folge ist, dass die institutionellen Gegebenheiten recht-
licher und moralischer Art, unter denen die Betätigungen der
Währungsbehörden überhaupt erst möglich sind, aus dem Blick
fallen.1 Dazu gehören u. a. die Monopolstellung der Zentralban-
ken und ihrer Produkte, aber auch die Verwendung von Papier-
geld bzw. von elektronischem Geld. Diese institutionellen Gege-
benheiten stehen somit außerhalb der in Fachkreisen geführten
geldpolitischen Diskussion. Gerade sie verdienen es aber, befragt
und hinterfragt zu werden, vor allem indem man sie mit alterna-
tiven Institutionen vergleicht.
Für einen Vergleich ist außer den zu erwägenden Alternativen
auch ein gemeinsames Merkmal – das Tertium comparationis –
nötig. Im Fall der Geldpolitik ist dies die Geldproduktion. Die
staatliche bzw. halbstaatliche „Geldpolitik“ durch Zentralban-
ken ist nämlich im Grunde nichts anderes als eine besondere Art

1 Vgl. die glänzenden Ausführungen von Wilhelm Kasch, „Geld und Glaube.
Problemaufriß einer defizitären Beziehung“, in ders. (Hg.), Geld und Glaube
(Paderborn: Schöningh, 1979), S. 19–70.

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14 Jörg Guido Hülsmann

der Geldproduktion. Auch das kann leicht aus dem Blick gera-
ten, denn die Berichterstattung über die Geldpolitik konzen-
triert sich in der Regel auf die Leitzinssätze, die von den jeweiligen
Währungsbehörden (in Europa ist das der Rat der Zentralbank-
chefs des sogenannten Eurosystems) monatlich oder auch in
kürzeren Abständen festgelegt werden. Aber die Zentralbanken
können eben nur darum und nur dadurch die kurzfristigen Zins-
sätze steuern, weil sie die Geldmenge beinahe unbegrenzt erhö-
hen können.
Geldpolitik ist also letztlich eine besondere Art der Geld-
produktion und als solche kann sie mit anderen Arten der
Geldproduktion verglichen werden. Der Vergleich kann unter
rein ökonomischen Gesichtspunkten (Wachstum, Stabilität
u. Ä.) erfolgen, aber auch ethische Kriterien heranziehen. Letz-
teres will ich im Folgenden tun, indem ich die Geldproduk-
tion insbesondere vom Standpunkt der christlichen Ethik be-
leuchte.
Der christliche Standpunkt empfiehlt sich aus drei Gründen:
(1) weil er auf einer sehr langen Denktradition beruht, die viele
wichtige Anstöße zur Entwicklung der Geldtheorie gegeben hat;
(2) weil sich die christliche Argumentation zur Währungsmoral
nicht auf Glaubenssätze stützt, sondern aus Prämissen abgeleitet
wird, die auch für Verfechter einer rein weltlichen Moral an-
nehmbar sind; (3) weil der ausdrücklich religiöse Standpunkt
mich von der Pflicht entbindet, die Allgemeinverbindlichkeit je-
ner Prämissen wissenschaftlich nachzuweisen; mit anderen Wor-
ten: Mir reicht es, sagen zu können, dass diese Prämissen für
Christen verbindlich sind und dass folglich die aus ihnen abge-
leitete Währungsmoral, sofern die Ableitung richtig ist, ebenfalls
für Christen verbindlich ist.
Die christliche Literatur und Tradition hat dem Umgang mit
Geld und Reichtum aus ersichtlichen Gründen große Aufmerk-
samkeit geschenkt. Sie hat sich dagegen mit der Frage der Pro-
duktion von Geld weniger intensiv und systematisch auseinan-

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Ethische Probleme der Währungspolitik 15

dergesetzt.2 Diese Lücke in der intellektuellen Durchdringung


der menschlichen Lebenswelt betrifft insbesondere die zentralen
Währungsinstitutionen der Gegenwart: immaterielles Zwangs-
geld und Zentralbanken.
Im Folgenden will ich zunächst in aller Kürze die Entwicklung
des christlichen Denkens über das traditionelle Warengeld dar-
legen und anschließend erörtern, wie eine moralische Kritik der
heutigen Währungsinstitutionen aussehen könnte.

1. Die Entwicklung christlicher Grundsätze für die


Warengeldproduktion

Bis zur Wende vom 17. auf das 18. Jahrhundert kannte der christ-
liche Westen nur Warengeld und insbesondere Münzen aus Edel-
metall. Die karolingische Münzreform des achten Jahrhunderts
hatte ein System von Silbermünzen geschaffen, das auf dem
Pfennig (Denarius) beruhte, der lange Zeit auch die einzige
Münze war, die überhaupt geprägt wurde. Erst im Hochmittel-
alter kam es zur Ausprägung größerer Silbermünzen und die ers-
ten Goldmünzen traten ebenfalls erst dann auf.
So lagen die Dinge auch schon im Altertum. Griechen und
Römer benutzten Warengeld. Dies waren wiederum vor allem
Münzen aus Kupfer, Bronze, Silber und Gold, auch wenn Athen
im Inlandsverkehr mit Zwangsgeld ohne eigentlichen Waren-
wert experimentierte. Die Israeliten verwendeten gleichfalls sol-
ches Warengeld und im Alten Testament werden die moralischen
Grundsätze der Geldproduktion daher auch unzweideutig aus-
gesprochen.

2 Siehe die Einführung meines Werkes Die Ethik der Geldproduktion (Leipzig:
Manuscriptum, 2007), insbesondere Abschnitt 1.

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16 Jörg Guido Hülsmann

1.1 Altes Testament


Diese Grundsätze leiten sich allesamt aus den Zehn Geboten
(Exodus 20: 2–17; Deut. 5: 6–21) ab, insbesondere aus den dort
enthaltenen Verboten betreffend Diebstahl (7. Gebot), Falschaus-
sagen (8. Gebot) und geplanter Enteignung (10. Gebot). Diese
allgemeinen Grundsätze gelangen im Alten Testament in dreifa-
cher Hinsicht zur Anwendung auf konkrete Probleme der Geld-
produktion:
(1) wird vom Propheten Isaias eine möglichst große Reinheit
der Münzen empfohlen oder zumindest als Ideal hingestellt.3
(2) finden wir, in Anwendung der Gebote sieben und acht, die
ständige Ermahnung, ehrliche Gewichte und Maße zu verwen-
den.4 Die Bedeutung dieser Vorschrift ist vor dem technischen
Hintergrund zu verstehen, dass die Münzproduktion noch unbe-
kannt bzw. so primitiv war, dass die getauschten Mengen an Edel-
metall nicht durch einfaches Abzählen der Münzen ermittelt wer-
den konnten, sondern fallweise durch Abwägen des betreffenden
Metallgewichts und durch Ermittlung seiner Feinheit bzw. Rein-

3 „An Erzes Statt will ich dir Gold bescheren und statt des Eisens Silber, Erz statt
der Hölzer, statt der Steine Eisen. Ich setze als Regierung dir den Frieden ein,
als deinen Obern die Gerechtigkeit.“ (Isaias 60: 17)
4 „Ihr sollt keine Verdrehung beim Rechtsprechen, beim Längenmaß, Gewicht
und Gefäß machen! Richtige Waage, richtige Gewichtssteine, richtiger Scheffel
und richtige Kanne sollen bei euch sein. Ich, der Herr, bin euer Gott, der euch
aus Ägypterland geführt hat.“ (Levitikus 19: 35–36)
„In deiner Tasche sollst du nicht zweierlei Gewichtssteine tragen, einen grö-
ßeren und einen kleineren! Nur volles und richtiges Gewicht sollst du haben,
vollen und richtigen Scheffel, auf dass du lange lebst in dem Land, das dir der
Herr, dein Gott, gibt! Denn ein Greuel für den Herrn, deinen Gott, ist jeder,
der solches tut und solche Unredlichkeit verübt.“ (Deuteronomium 25: 13–
16)
„Zweifach Gewicht und zweifach Maß, sie beide sind dem Herrn ein Greuel.
[…] Ein Greuel für den Herrn ist zweierlei Gewicht; nichts nützt die falsche
Waage.“ (Sprüche 20: 10,23)

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Ethische Probleme der Währungspolitik 17

heit zu bestimmen war. Dadurch ergaben sich wiederum zahlrei-


che Missbrauchsmöglichkeiten, indem z. B. ein Kaufmann oder
Münzwechsler verschieden schwere Gewichte gleichen Namens
verwendete, um sich Tauschvorteile zu verschaffen.
(3) wird, wiederum in Anwendung der Gebote sieben und
acht, jegliche Münzverschlechterung vom Propheten Isaias kate-
gorisch abgelehnt und aufs Schärfste verurteilt.5 Was ist darunter
zu verstehen? Mit einer Münzverschlechterung im hier relevan-
ten Sinn ist nicht die Abnutzung einer Münze im Zeitverlauf ge-
meint, sondern die durch den Münzer willentlich herbeigeführte
Verringerung ihres Gehaltes an Edelmetall im Moment der Pro-
duktion. Mit anderen Worten handelt es sich hier um eine Form
von Betrug.

1.2 Neues Testament


Im Neuen Testament werden diese Grundsätze bestätigt. Dies ge-
schieht zum einen auf allgemeine Art, indem der Heiland erklärt,
er sei zur Erfüllung des Gesetzes gekommen, nicht zu dessen
Aufhebung (Matt. 5: 17). Zum anderen zeigt sich diese Bestäti-
gung in der schieren Masse von Parabeln, in denen Fragen des
Glaubens und der Moral anhand von Geld und Reichtum erör-
tert werden. Dabei geht es wiederum insbesondere um die rich-
tige Verwendung von Geld, während die Geldproduktion vernach-
lässigt wird. Allenfalls die Frage der Rechte des Geldproduzenten
erfährt eine Bereicherung, und zwar durch die berühmte Anord-

5 „Dein Silber ward zur Schlacke, dein Trunk verwässert. Abtrünnige sind deine
Fürsten, Diebsgesellen, verliebt ist alles in Bestechung und auf der Jagd nach
Entgelt. Den Waisen schaffen sie nicht Recht; der Witwen Klagen dringen
nicht vor sie. Deshalb, so lautet jetzt ein Spruch des Herrn der Heeresscharen,
des Starken Israels: – ‚Ein Wehe, wenn ich meine Gegner rüge und mich an
meinen Feinden räche! Mit dir befasse ich mich gründlich und schmelze deine
Schlacken wie mit Lauge aus, entferne alle deine Bleiklumpen.‘“ (Isaias 1:22–
25)

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18 Jörg Guido Hülsmann

nung „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was
Gott gehört!“ (Matt. 22: 21). Diese Stelle wird in Bezug auf mein
Thema zuweilen dahin gehend interpretiert, dass der Geldpro-
duzent (in der Praxis ist das in der Regel die Regierung bzw. der
Staat) ein dauerhaftes Eigentumsrecht an seinen Münzen behält,
auch nachdem diese in den Verkehr gelangen. Jedoch ist diese
Interpretation umstritten und wurde im Verlauf der Jahrhun-
derte von vielen christlichen Ökonomen aus guten Gründen ver-
worfen.

1.3 Überlieferung im kirchlichen Lehramt


In der kirchlichen Tradition wurden die Grundsätze des Alten
Testamentes aufrechterhalten, so etwa durch die kleine Denk-
schrift Quanto des Papstes Innozenz III. aus dem Jahre 1199.
Hier ermahnt der Papst den König von Aragon, eine unter sei-
nem Vater erfolgte Münzverschlechterung wieder rückgängig zu
machen. Aber ab dem 14. Jahrhundert geht das kirchliche Lehr-
amt auch weit über solche bloßen Anwendungen althergebrach-
ter Grundsätze hinaus. Im Kreise der Scholastiker entsteht eine
systematische Geldlehre, die den Ausgangspunkt für die Ent-
wicklung der nationalökonomischen Theorie in den folgenden
Jahrhunderten bilden sollte.
Die zentrale Figur unter den Scholastikern ist natürlich Tho-
mas von Aquin, und wie Fabian Wittreck vor Kurzem in brillanter
Weise dargelegt hat, entwickelte er auch zum Thema Geldtheorie
und Währungspolitik sehr reiche Gedanken, die sich aus vielfälti-
gen Quellen speisten, insbesondere aus der christlichen Überlie-
ferung, der griechischen Philosophie, sowie dem byzantinischen
und islamischen Denken.6 Unter anderem kann der Hl. Thomas

6 Siehe Fabian Wittreck, Geld als Instrument der Gerechtigkeit – die Geldrechts-
lehre des Hl. Thomas von Aquin in ihrem interkulturellen Kontext (Paderborn:
Schöningh, 2002).

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Ethische Probleme der Währungspolitik 19

mit Fug und Recht als Urvater des Postulats der Geldwertstabili-
sierung gelten. Doch er fand nie die Zeit, seine geldtheoretischen
Überlegungen zu einer geschlossenen Darstellung zu bringen.
Auch in seinem wichtigen Werk über die Regierungskunst De rege
ad regem Cypri (Über das Königtum an den König von Zypern,
ca. 1256) ist er nicht zur Behandlung dieser Fragen vorgedrun-
gen. Erst eine posthume „Nachbearbeitung“ durch Tholomäus
von Lucca fügte dem Text des Hl. Thomas einige Kapitel hinzu, in
denen u. a. auch währungspolitische Fragen erörtert werden. Die-
ser erweiterte Text erhielt den neuen Titel De regimine principum
(Über die Herrschaft der Fürsten, ca. 1300) und wurde lange Zeit
irrtümlich dem Hl. Thomas in Gänze zugeschrieben.
Der wichtigste geldtheoretische Denker des Mittelalters war
jedoch Nicolas von Oresme, seines Zeichens nicht nur ein hoch-
rangiger kirchlicher Würdenträger (er war Bischof von Lisieux
und Beichtvater des französischen Königs), sondern auch ein
wissenschaftliches Genie mit bahnbrechenden Arbeiten zur Ma-
thematik, zur Physik und eben zur Geldlehre. Um das Jahr 1358
verfasste Oresme seinen Tractatus de origine, natura, jure, et mu-
tacionibus monetarum (Abhandlung über den Ursprung, das
Wesen, das Recht und die Veränderungen der Währungen).7 Es
handelt sich dabei um eine systematische Abhandlung über Geld
und Geldproduktion. Oresmes Schrift gilt als erstes Werk der
Geistesgeschichte, das sich ausschließlich mit einem ökonomi-
schen Thema befasste. Auch wenn er hier keine im engeren Sinne
ökonomische Beweisführung vorlegt, kann er somit durchaus als
Begründer dieses Wissenszweiges angesehen werden.
Oresme konzentrierte sich insbesondere auf die „Veränderun-

7 Die beste moderne Ausgabe (lateinisch-englisch) dieser Schrift findet sich in


Charles Johnson (Hg.), The De Moneta of Nicholas Oresme and English Mint
Documents (London: Thomas Nelson and Sons, 1956). Eine (unvollständige)
deutsche Ausgabe erschien vor Kurzem unter dem Titel Traktat über Geldab-
wertungen (Berlin: Kadmos, 1999).

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20 Jörg Guido Hülsmann

gen“ der Währungen, in denen er ein potenzielles Einfallstor für


missbräuchliches Handeln der zuständigen Obrigkeit sah. Sein
Werk ist daher nicht zuletzt eine Abhandlung über staatlich er-
zeugte künstliche Ausweitungen der Geldmenge, und gerade in
dieser Hinsicht hat es bleibenden Wert. Oresme zufolge sind
Veränderungen an etablierten Währungen grundsätzlich unzu-
lässig. Eine Ausnahme besteht allenfalls unter zwei Bedingungen:
(1) Die gesamte Gemeinschaft der Geldbenutzer muss ihr Ein-
verständnis erklären und (2) es muss eine große und dringende
Notlage vorliegen, etwa ein unmittelbar bevorstehender Ein-
marsch einer feindlichen Armee. Aber in jedem anderen Fall darf
die einmal vorhandene Währung nicht physisch verändert wer-
den. Neue Währungen dürfen bei Bedarf geschaffen und einge-
führt werden, aber Veränderungen der alten Währungen sind zu
unterlassen. Der Sinn dieser starren Haltung liegt darin, dass ge-
rade durch die Veränderungen dem Betrug am Geldbenutzer
(am gemeinen Bürger) Tür und Tor geöffnet wird.
Oresme erkannte, dass künstliche Ausweitungen der Geld-
menge vor allem von den Währungshütern selber betrieben wer-
den; dass sie für Handel und Wirtschaft schädlich sind und sogar
zivilisationsbedrohend sein können; dass sie aus gesamtwirt-
schaftlicher Sicht vollkommen unnötig sind; dass sie unrechtmä-
ßigen Besitz schaffen, indem sie einige Gruppen (typischerweise
die Obrigkeit und ihre Verbündeten) auf Kosten anderer Grup-
pen (der gemeinen Bürger) bereichern; dass sie somit den Weg
zur Tyrannei ebnen; und dass man ihnen am besten dadurch zu-
vorkommt, dass jegliche Veränderungen des Geldes – jeglicher
obrigkeitliche Eingriff in das Geldwesen – von vorneherein aus-
geschlossen wird.
Diese Auffassungen sollten das christliche Denken zur Geld-
produktion auf Jahrhunderte hinaus prägen.8 Insbesondere fan-

8 Siehe wiederum die Einführung meines Werkes Die Ethik der Geldproduktion
(Leipzig: Manuscriptum, 2007), diesmal insbesondere den Abschnitt 2.

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Ethische Probleme der Währungspolitik 21

den hier die Spätscholastiker der Schule von Salamanca einen Be-
zugsrahmen, innerhalb dessen sie die im 16. und 17. Jahrhundert
aufkommenden Finanzindustrien vom christlichen Standpunkt
untersuchten. Selbst im Zuge der zunehmenden Verweltlichung
des nationalökonomischen Denkens lebten die von Oresme ent-
wickelten Grundsätze fort. Nicht zuletzt die von Adam Smith in-
spirierte klassische Ökonomie lehnt sich vor allem gegen den
bereits von Oresme verworfenen Glauben auf, dass sich das Ge-
meinwohl durch eine künstliche Ausweitung der Geldmenge för-
dern ließe. Auch in unseren Tagen wird dieser gleiche Gedanke
noch von der Österreichischen Schule wachgehalten.
Das christliche Denken zum Warengeld kann allerdings nicht
ohne Weiteres auf heutige Verhältnisse übertragen werden. Zwar
sind seine allgemeinen moralischen Grundsätze weiterhin zu-
treffend, aber die veränderten institutionellen Gegebenheiten er-
fordern eine Verschiebung in der Anwendung: von der Ebene der
Geldgegenstände zur Ebene der Regeln der Geldproduktion.
Dies will ich nun etwas näher erläutern.

2. Ethische Probleme eines immateriellen Zwangsgeldes


(Fiat Money)

Im 18. Jahrhundert beginnt im Westen eine neue Epoche: die


Epoche der Experimente mit immateriellem Geld, d. h. insbe-
sondere mit Papiergeld, da elektronisches Geld noch unbekannt
ist. Das wichtigste Zentrum dieser Versuche sind die englischen
Kolonien in Nordamerika, die allesamt in der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts zur Einführung von Papiergeld schreiten. Zwar
wird diese Praxis gegen Mitte des 18. Jahrhunderts vom briti-
schen Mutterland aus gebremst, aber erst die Gründung der
amerikanischen Republik sollte ihr ein vorläufiges Ende setzen.
In Europa sind die einschlägigen Fälle seltener anzutreffen. Frank-
reich führt im zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts ein Papier-

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22 Jörg Guido Hülsmann

geld ein, mit dem katastrophalen Ausgang einer Hyperinflation.


Während der Französischen Revolution kommt es zu einer Neu-
auflage dieser Erfahrung, mit gleichem Ergebnis. Nach und nach
führen auch andere europäische Länder Papiergeld ein, sodass
dieser Geldtypus gegen Mitte des 19. Jahrhunderts bereits recht
weitverbreitet ist. Mit dem klassischen Goldstandard (1871–
1914) kommt es noch einmal zu einer internationalen Bewegung
zur Wiedereinführung von Warengeld, die auch im 20. Jahrhun-
dert noch eine Fortsetzung findet, zuletzt mit dem System von
Bretton Woods (1946–1971). Doch immer wieder wird das Zah-
lungsversprechen der Zentralbanken (das die Einlösbarkeit ihrer
Noten in Gold gewährleistet) gebrochen, sodass die nationalen
Geldscheine zu Papiergeld werden. Seit 1971 verwendet über-
haupt kein Land auf der Welt mehr Warengeld.

2.1 Probleme bei der Anwendung der Warengeldethik auf den


Fall des immateriellen Geldes
Wie stellt sich diese Praxis nun aus moralischer Sicht dar? Es ist
ohne Weiteres ersichtlich, dass die alttestamentarischen Postu-
late sich hier nicht direkt anwenden lassen. Was könnte es schon
bedeuten, dass Papiergeld nicht mit zwei Gewichtsmaßen ge-
messen werden soll? Oder dass elektronische Kontoeinträge be-
sonders „rein“ sein sollten? Auch der Vorgang der Münzver-
schlechterung scheint keine moderne Entsprechung zu finden.
Man könnte vielleicht argumentieren, dass die Kaufkraft jedes
einzelnen Geldscheines sich tendenziell verringert, wenn die Ge-
samtmenge der Geldscheine zunimmt. Aber ließe sich dieser
Vorgang in Analogie zur Münzverschlechterung als „Papiergeld-
verschlechterung“ deuten? Schließlich könnte man genau das
Gleiche von jeder Ausweitung der Münzgeldmenge sagen, nicht
nur von „künstlichen“ Ausweitungen! Die Folge einer solchen
Argumentation wäre mithin, dass man die Zulässigkeit der Geld-
produktion überhaupt infrage stellen würde. Aber die dabei ins

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Ethische Probleme der Währungspolitik 23

Feld geführte Überlegung – dass nämlich der Tauschwert je-


der Einheit durch eine Erhöhung der Gesamtmenge verringert
wird – würde nicht nur die Geldproduktion betreffen, sondern
letztlich alle Produktionsvorhaben, die irgendwelche homoge-
nen Güter betreffen. Somit befände man sich in einer intellektu-
ellen Sackgasse.
Ähnlich problematisch ist die Argumentation einiger namhaf-
ter Ökonomen, Theologen und Historiker, die die Herausgabe
von Papiergeld kategorisch als „Betrug“ bezeichnet haben.9 Die
Berechtigung dieser Argumentation hängt davon ab, was man
mit dem Ausdruck „Papiergeld“ meint. Soweit damit solche No-
ten gemeint sind, die zur Einlösung eines „Grundgeldes“ ver-
wendet werden können – wie z. B. unter dem Goldstandard die
Inhaber von Banknoten bei der emittierenden Institution eine
Einlösung der Noten in Gold verlangen können – kann die ge-
nannte Argumentation durchaus zutreffen. Wenn etwa die be-
treffende Bank Noten als Goldzertifikate im Gesamtwert von
1000 Kilogramm Gold herausgibt, während sie nur 500 Kilo-
gramm Gold zur Deckung dieser Noten in der Kasse hält, so liegt
hier eindeutig ein Fall von Betrug vor.
Aber die Dinge liegen anders, wenn die betreffenden Geld-
scheine keine solche Einlösung verbürgen, insbesondere wenn
sie selber schon „Grundgeld“ sind. Genau dieser Fall ist bei den
heutigen Papierwährungen gegeben. Sie sind uneinlösbares Pa-
piergeld, auch „Papiergeld im engeren Sinne“ genannt. Hier nun
trifft die o. g. Argumentation nicht zu. Eine Zentralbank, die
neue Noten drucken lässt und in Umlauf bringt, handelt nicht

9 Siehe insbesondere Murray Rothbard, The Mystery of Banking (New York:


Richardson & Snyder, 1983), S. 51 f. und passim; Gary North, Honest Money
(Fort Worth: Dominion Press, 1986), Kap. 9; Thomas Woods, The Church and
the Market (Lanham: Lexington Books, 2005), S. 97; Beutter, Zur sittlichen
Beurteilung von Inflationen (Freiburg: Herder, 1965), S. 157, 173. Beutter be-
zeichnet Inflation auch als Diebstahl; vgl. ebenda, S. 91, 154.

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24 Jörg Guido Hülsmann

betrügerisch. Der für einen Betrug charakteristische Tatbestand –


die absichtliche Vorspiegelung falscher Tatsachen – ist nicht ge-
geben. Daraus darf nun im Umkehrschluss keinesfalls gefolgert
werden, dass mit dem Handeln der Zentralbank aus moralischer
Sicht alles zum Besten steht. Aber das Problem liegt eben nicht in
einem vermeintlich betrügerischen Handeln.

2.2 Ein ordnungstheoretischer Lösungsansatz


Wie lässt sich also eine christliche Kritik an immateriellem Geld
formulieren? Eine solche Kritik muss sich auf die rechtlichen Re-
geln konzentrieren, unter denen Geld produziert wird. Mit an-
deren Worten, sie muss ihren Blick von den einzelnen Akteuren
bzw. Institutionen, die ja nur innerhalb des durch die Regeln
konstituierten Systems handeln, lösen.10 Sie muss sich eben je-
nen Regeln und somit dem System als Ganzem zuwenden. Die-
sen Denkansatz habe ich in Die Ethik der Geldproduktion zur An-
wendung gebracht. Im Folgenden will ich meine wichtigsten
Thesen zusammenfassend darstellen, wobei ich mich auf den
wichtigsten Fall konzentrieren werde: den Fall des uneinlösbaren
Papiergeldes bzw. des uneinlösbaren elektronischen Geldes.
Solches Geld ist in ethischer Hinsicht aus drei Gründen zu be-
anstanden.

2.3 Immaterielles Geld ist Zwangsgeld


Erstens ist solches Geld noch niemals spontan in der Wirtschaft
verwendet worden. In allen bekannten historischen Fällen ist es
seinen Benutzern von der Obrigkeit aufgezwängt worden. Die
Logik dieses Sachverhaltes ist für die meisten Leute ohne Wei-

10 Genau daran mangelt es in den meisten einschlägigen Arbeiten zu diesem


Thema. Vgl. beispielsweise Helmut Hesse und Otmar Issing (Hg.), Geld und
Moral (München: Vahlen, 1994).

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Ethische Probleme der Währungspolitik 25

teres einsichtig. Immaterielles Geld hat eben seinem Wesen


nach keinen „inneren Wert“ – es hat keinen Warenwert, keinen
Wert, der aus einer anderen Verwendung als seinem Gebrauch
als Tauschmittel entstehen könnte. Dadurch ist es für den Geld-
gebrauch aber weniger geeignet als die Warengeldarten, denn
Letztere bieten durch ihren „inneren Wert“ sozusagen größere
Garantien dafür, dass die Kaufkraft im Zeitverlauf erhalten bleibt.
Wo immer und wann immer es daher zu freier Wahl zwischen
Warengeld und immateriellem Geld kommt, endet der Wettbe-
werb mit der alleinigen Verwendung von Warengeld und der
Verdrängung der immateriellen Geldarten aus dem Währungs-
markt.
Die Obrigkeit hat jedoch ein materielles Interesse an der Ein-
führung von immateriellem Geld, denn dieses kann äußerst
billig und daher praktisch ohne jedwede mengenmäßige Be-
grenzung erzeugt werden. Dies wiederum erleichtert die Finan-
zierung der öffentlichen Haushalte, entweder direkt durch die
Notenpresse oder indirekt durch die Erleichterung der Kredit-
gewährung.11 Der Siegeszug des Papiergeldes und des elektroni-
schen Geldes erklärt sich vor dem Hintergrund dieser fiskali-
schen Zusammenhänge. Zur Aufbesserung der Staatsfinanzen
wurde dem Markt das immaterielle Geld in einem zum Teil
langwierigen Prozess durch verschiedene Eingriffe aufgedrängt.
Zu diesen Eingriffen zählt vor allem (1) die Monopolstellung
eines staatlich bevorzugten Geldproduzenten, z. B. einer Bank;
(2) der Annahmezwang des vom Monopolisten emittierten
Papiergeldes bzw. elektronischen Geldes; (3) ungeahndete Zah-
lungseinstellungen des Monopolisten. Solche Eingriffe bedeu-
ten, dass die sonst üblichen gesellschaftlichen Regeln – insbe-

11 Zu diesem entscheidenden Punkt vgl. auch M.N. Rothbard, Das Schein-Geld-


System (2. Aufl., Gräfelfing: Resch, 2005); G. Selgin and L. White, „A Fiscal
Theory of Government’s Role in Money“, Economic Inquiry, vol. 37 (1999),
S. 154–165.

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26 Jörg Guido Hülsmann

sondere die Eigentumsrechte – gebrochen werden, um den


Währungsmarkt im Sinne der Obrigkeit zu manipulieren. Im
Ergebnis verschwinden die Warengeldarten aus dem Tauschver-
kehr und das eigentlich schlechtere, immaterielle Geld wird zum
alleinigen Tauschmittel. Es kommt also zu einer Pervertierung
des Marktgeschehens: Das schlechte Geld treibt das gute Geld
aus dem Markt.12
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass immaterielles Geld
von seinem ganzen Wesen her Zwangsgeld ist. Es existiert einzig
und allein aufgrund fortgesetzter rechtlicher Privilegien. In einem
freien Markt könnte es gegen den Wettbewerb der Warengeld-
arten nicht bestehen. Es wird nur deshalb verwendet, weil es
das Privileg eines besonderen rechtlichen Schutzes gegen seine
natürlichen Konkurrenten Gold und Silber genießt. Wann im-
mer und wo immer es entstand, existierte es nur aufgrund der
richterlichen und polizeilichen Unterdrückung der natürlichen
Alternativen. In der angelsächsischen Literatur wird es daher fol-
gerichtig auch Fiat Money – immaterielles Zwangsgeld – ge-
nannt. Die moralische Bedeutung liegt auf der Hand. Wie ich be-
reits an anderer Stelle schrieb:

„Eine Papiergeldwährung zu haben bedeutet mit anderen Worten,


dass man dem Staat gestattet, die persönlichen Freiheiten seiner Bür-
ger erheblich einzuschränken. Die Vereinigungsfreiheit und Vertrags-
freiheit werden dabei auf eine Weise beeinträchtigt, die sich auf die
Bürger täglich und in massivem Umfang auswirkt. Dazu kommt die
richterliche und polizeiliche Bekämpfung aller Formen menschlicher
Zusammenarbeit, die auf der Verwendung natürlicher Geldarten wie
Gold und Silber beruhen – Geldarten, die seit biblischen Zeiten in Ver-
wendung sind.

12 Dieser Vorgang ist in der ökonomischen Literatur als das „Gresham’sche Ge-
setz“ bekannt. Ich betone nochmals, dass es sich dabei nicht um eine allge-
meine Gesetzmäßigkeit der Währungsmärkte handelt. Vielmehr ist dies ein
Gesetz des staatlichen Interventionismus.

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 26 28.01.10 10:31


Ethische Probleme der Währungspolitik 27

Diese Umstände wiegen schwer gegen das Papiergeld. Der Einsatz


bewaffneter Staatsgewalt, um eine ganze Nation vor die Wahl zu stel-
len, entweder das vom Staat bevorzugte Papiergeld zu verwenden oder
auf die Vorteile des Geldtauschs gänzlich zu verzichten – dies ist ge-
wiss keine unbedeutende Angelegenheit, sondern verlangt eine zwin-
gende und unangreifbare Begründung. Um Papiergeld moralisch zu
verteidigen, muss man zeigen, dass es der Gemeinschaft seiner Benut-
zer (der „Nation“) bedeutende Vorteile verschafft, die seine schwer-
wiegenden moralischen Defizite ausgleichen könnten. Die Frage
lautet daher, ob solche Vorteile existieren. Kann für Papiergeld (bzw.
elektronisches Geld) eine Rechtfertigung im Lichte seiner Nützlich-
keit gefunden werden?“13

2.4 Immaterielles Geld fördert nicht das Gemeingut der


Gesellschaft
Diese Frage bringt mich zu dem zweiten Grund, aus dem imma-
terielles Zwangsgeld aus moralischer Sicht unzulänglich ist: es
bringt aus gesamtwirtschaftlicher Sicht keinen positiven Nutzen.
Zwar nützt es sehr wohl einzelnen Personen und Gruppen, aber
diese Vorteile werden immer zulasten anderer Personen und
Gruppen erzielt.
Dies ist die Position, die Nicolas Oresme im 14. Jahrhundert
vertrat, auch wenn er sie nicht mit einer ökonomischen Beweis-
führung abstützte. Aber eine solche Beweisführung wurde von
klassischen Ökonomen wie William Gouge und Frédéric Bastiat
nachgeliefert, und schließlich ist dies auch genau die Lehrmei-
nung, die im 20. Jahrhundert und bis in unsere Tage von der
Österreichischen Schule vertreten wird. Es ist aus Platzgründen
völlig unmöglich, diese Position hier in allen Einzelheiten dar-
zulegen – das wäre eine Aufgabe für eine viele Hundert Seiten
umfassende Abhandlung. Aber die meisten Einzelheiten können

13 Hülsmann, Die Ethik der Geldproduktion, S. 70 f.

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28 Jörg Guido Hülsmann

in der einschlägigen Literatur nachgelesen werden.14 In meiner


Ethik der Geldproduktion habe ich nur die wichtigsten Thesen
erörtert:15
(1) Wirtschaftswachstum hängt an und für sich nicht von der
Geldmenge ab und auch nicht von der Geldmengenent-
wicklung.
(2) Wirtschaftswachstum hängt an und für sich nicht vom Preis-
niveau ab und auch nicht von der Preisniveauentwicklung.
(3) Geldhorten – auch massives Horten – ist aus gesamtwirt-
schaftlicher Sicht an und für sich unschädlich.
(4) Eine künstliche Verringerung der Zinssätze bringt keine ge-
samtwirtschaftlichen Vorteile, sondern zieht gravierende
Nachteile mit sich.
(5) Während eine gewisse Geldwertstabilität sich als natürliche
Begleiterscheinung der Warengeldarten einstellt, ist eine da-

14 Siehe insbesondere Ludwig von Mises, Theorie des Geldes und der Umlaufs-
mittel (Neudruck der 2. Aufl., Berlin: Duncker & Humblot, 2005 [1924]); ders.,
Nationalökonomie (München: Philosophia Verlag, 1980 [1940]); ders., Human
Action (Auburn, Ala.: Mises Institute, 1998 [1949]); Murray N. Rothbard,
Man, Economy, and State (3. Aufl., Auburn, Ala.: Mises Institute, 1993); ders.,
The Mystery of Banking (New York: Richardson & Snyder, 1983); ders., The
Case Against the Fed (Auburn, Ala.: Mises Institute, 1994); F.A. Hayek, Free
Choice in Currency (London: Institute of Economic Affairs, 1976); Hans
Sennholz, Age of Inflation (Belmont, Mass.: Western Islands, 1979); ders.,
Money and Freedom (Spring Mills, Penn.: Libertarian Press, 1985); Salin, La
vérité sur la monnaie (Paris: Odile Jacob, 1990); Reisman, Capitalism (Ottawa,
Illinois: Jameson Books, 1996); Jesús Huerta de Soto, Money, Bank Credit, and
Economic Cycles (Auburn, Ala.: Mises Institute, 2006); H.-H. Hoppe, „How Is
Fiat Money Possible?– or, The Devolution of Money and Credit“, Review of
Austrian Economics, Bd. 7, Nr. 2 (1994); H.-H. Hoppe, J.G. Hülsmann, and W.
Block, „Against Fiduciary Media“, Quarterly Journal of Austrian Economics,
Bd. 1, Nr. 1 (1998), S. 19–50; J.G. Hülsmann, Logik der Währungskonkurrenz
(Essen: Management Akademie Verlag, 1996); sowie die Sonderausgabe über
„Deflation and Monetary Policy“ in Quarterly Journal of Austrian Economics,
Bd. 6. Nr. 4 (2003).
15 Vgl. Hülsmann, Die Ethik der Geldproduktion, Kap. 4.

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Ethische Probleme der Währungspolitik 29

rüber hinausgehende künstliche Stabilisierung aus gesamt-


wirtschaftlicher Sicht irrelevant.
(6) Warengeld ist nicht unbedingt kostspieliger als immateri-
elles Zwangsgeld, insbesondere dann nicht, wenn der Kos-
ten- und Nutzenvergleich aus gesamtwirtschaftlicher Sicht
erfolgt.

Wie gesagt, diese Zeilen sind nicht der Ort, um die vorstehenden
Thesen zu beweisen. Ich will daher umgekehrt zur Beweislage
der Gegenposition – derzufolge sich aus der Verwendung von
immateriellem Zwangsgeld gesamtwirtschaftliche Vorteile zie-
hen lassen – zwei kurze Anmerkungen machen.
Zum einen leiden die einschlägigen theoretischen Beweise der
Gegenposition in fast allen Fällen darunter, dass sie ein mögliches
Szenario in unzulässiger Weise verallgemeinern. Das klassische
Beispiel ist die sogenannte Geldillusion der Arbeitnehmer. Diese
liegt dann vor, wenn die Beschäftigten durch eine (mit der No-
tenpresse finanzierte) Erhöhung der Geldeinkommen dazu er-
muntert werden, mehr Stunden zu arbeiten bzw. überhaupt zu
arbeiten, statt arbeitslos zu bleiben. Die positive Wirkung der
Notenpresse auf Beschäftigung und Wachstum entspringt hier
dem Umstand, dass die Beschäftigten Geldeinkommen und
Realeinkommen nicht auseinanderhalten. Das ist in der Tat ein
mögliches Ereignis, aber aus offensichtlichen Gründen – jeder
lokale Gewerkschaftsfunktionär absolvierte bereits seinen volks-
wirtschaftlichen Grundkurs – sollte man keine Wirtschaftspoli-
tik auf die Geldillusion bauen. Denn wenn sie nicht vorliegt,
kann die Betätigung der Notenpresse auch sehr schnell zum
umgekehrten Ergebnis führen: höhere Arbeitslosigkeit und so-
mit geringeres Wachstum.
Zum anderen fehlt jeglicher empirische Beweis für irgendwel-
che gesamtwirtschaftlichen Vorteile des immateriellen Zwangs-
geldes. Die Europäische Zentralbank und ähnliche Institutionen
haben zahlreiche Studien veröffentlicht, in denen die „Wirksam-

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30 Jörg Guido Hülsmann

keit“ ihrer Betätigung nachgewiesen wird. Mit dieser Wirksam-


keit ist allerdings nur gemeint, dass die Geldpolitik einen nach-
weislichen Einfluss auf einzelne Variablen wie etwa den Zinssatz
oder das Kreditvolumen in bestimmten Marktsegmenten hat.
Aber es bestreitet ja auch niemand, dass die Geldpolitik bestimmte
objektive Auswirkungen hat und bestimmte Gruppen und Märkte
begünstigt. Nur dürfen solche Sondervorteile, die ja eventuell auf
Kosten Dritter erzielt werden, nicht mit gesamtwirtschaftlichen
Vorteilen verwechselt werden. Die Frage ist im Grunde ganz ein-
fach: Lässt sich zeigen, dass die Geldpolitik der Zentralbanken die
Wachstumsraten über das Niveau hinaus erhöht, das die Wirt-
schaft auch ohne das Zutun der Zentralbanken erreicht hätte?
Niemand hat noch einen solchen Beweis erbracht. Hunderte von
Millionen Euros und US-Dollars wurden in den Forschungsetats
der Universitäten und Währungsbehörden versenkt, ohne dass
die Daseinsberechtigung der mutmaßlich wichtigsten Institution
unseres Wirtschaftslebens – unser Währungssystem – die ge-
ringste empirische Untermauerung hätte.

2.5 Immaterielles Geld führt zu ungerechtfertigter


Bereicherung und Wirtschaftskrisen
Dies bringt mich abschließend zum dritten Grund, aus dem im-
materielles Zwangsgeld aus moralischer Sicht anfechtbar ist: der
gesamtwirtschaftliche Schaden, den es verursachen kann und
den es in der Vergangenheit sehr häufig verursacht hat. Da die
potenzielle Schädlichkeit des Papiergeldes bzw. des elektroni-
schen Geldes in der einschlägigen Literatur sehr eingehend erör-
tert wird, kann ich mich hier kurz fassen. Drei Sachverhalte sind
hier insbesondere zu nennen.
(1) Die künstliche – und im Prinzip unbegrenzte – Ausweitung
der Geldmenge, die mithilfe eines immateriellen Zwangsgel-
des möglich ist, führt zu einer ungerechtfertigten Umvertei-
lung in entsprechend großem Umfang. Diese Umverteilung

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Ethische Probleme der Währungspolitik 31

erfolgt zugunsten der Erstbenutzer des neuen Geldes (das


sind heute insbesondere die Finanzmärkte und der Staat)
und zulasten der späteren Benutzer des neuen Geldes.
(2) Künstliche Verringerungen des Zinssatzes und andere künst-
liche Verbesserungen der Kreditbedingungen führen zu Fehl-
verwendungen der gesamtwirtschaftlich vorhandenen Mittel
und somit zu Wirtschaftskrisen. Wie wir bereits an anderer
Stelle ausführten: „Zu jedem Zeitpunkt wird die Zahl der
Investitionsprojekte, die erfolgreich zum Abschluss geführt
werden können, von den zur Verfügung stehenden Bestän-
den an Produktionsfaktoren begrenzt. Was die künstliche
Senkung des realen Zinssatzes bewirkt, ist eine Zunahme der
Zahl begonnener Projekte. Aber das Gesamtvolumen der In-
vestitionen, die vollendet werden können, ist hierdurch nicht
ausgeweitet worden, weil dieses Volumen ausschließlich von
den produktiven Ressourcen abhängt, die in der für die Voll-
endung nötigen Zeit objektiv zur Verfügung stehen. Die
künstliche Senkung des Zinssatzes verlockt daher die Ge-
schäftsleute in den verschiedensten Produktionssparten zu
allen möglichen Investitionen, die nicht vollendet werden
können. Bezogen auf ein biblisches Beispiel könnte man sa-
gen, dass sie mit dem Bau von allerlei Türmen beginnen, nur
um nach einer Weile zu entdecken, dass sie nur die Ressour-
cen für die Fundamente hatten, aber nicht genug, um die
Türme selbst zu vollenden (Lukas 14: 28–30). Die in diese
Fundamente investierte Arbeit und das entsprechende Kapi-
tal sind dann verloren, nicht nur für den Investor, sondern
für die gesamte Gemeinschaft. Sie hätten in eine kleinere
Zahl von Projekten gewinnbringend investiert werden kön-
nen, aber die künstliche Senkung des Zinssatzes verhinderte
dies. Kurz, das Wirtschaftswachstum wird unter das Niveau
gesenkt, das es sonst hätte erreichen können.“16

16 Hülsmann, Ethik der Geldproduktion, S. 88 f.

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32 Jörg Guido Hülsmann

(3) Die Möglichkeit einer aus technischer und betriebswirt-


schaftlicher Sicht unbegrenzten Ausweitung der Geldmenge
versetzt die Zentralbanken in die Lage, die Märkte – vor
allem die Finanzmärkte – zu stabilisieren, und zwar (a)
durch Überbrückungskredite und (b) durch eine Stabili-
sierung der Wertpapierkurse auf den Finanzmärkten. Dies
scheint zunächst sehr vorteilhaft zu sein, ist es aber ganz und
gar nicht. Denn das Eingreifen der Zentralbanken erzeugt
aufseiten der Marktteilnehmer den perversen Anreiz, weni-
ger eigene Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Sie haben nun
allen Anreiz, ihre Kassenhaltung zu minimieren (um das
Geld zinsbringend zu investieren) und auch den Eigenkapi-
talanteil ihrer Investitionen so weit es geht zu verringern
(um durch eine daraus entspringende Hebelwirkung die
Verzinsung des Eigenkapitals zu erhöhen). Das aber macht
die Finanzmärkte insgesamt anfälliger. Ernsthafte Schwie-
rigkeiten, die in einem einzelnen Marktsegment auftreten,
breiten sich wie bei einem Schneeball auf die anderen Seg-
mente aus – wie in der gegenwärtigen Krise.

3. Schlussbemerkung

Aus den vorstehenden Erwägungen kann ohne Weiteres abge-


leitet werden, dass sich eine Reform unseres gegenwärtigen
Währungssystems dringend empfiehlt, und zwar aus morali-
schen Gründen, die keineswegs im Gegensatz zu rein wirt-
schaftlichen Überlegungen stehen, sondern diese ganz im Ge-
genteil ergänzen und verstärken. Wie ich in meiner Ethik der
Geldproduktion näher ausführe, empfiehlt es sich aus zahlrei-
chen Gründen, dass eine solche Reform auf die Herstellung
eines wirklichen Währungsmarktes abzielen sollte. Die Folge
wäre aller Wahrscheinlichkeit nach, dass es zu einer erneuten
Verwendung der Edelmetalle als Geld käme. Silbermünzen,

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Ethische Probleme der Währungspolitik 33

aber auch Gold- und Kupfermünzen würden wieder frei um-


laufen und eine solide Grundlage für unsere modernen Zah-
lungssysteme (Giroverkehr, Kreditkarten usw.) und die moder-
nen Finanzmärkte bieten.

Literatur

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de Soto, J. H.: Money, Bank Credit, and Economic Cycles,
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Woods, T.: The Church and the Market, Lanham: Lexington
Books, 2005.

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 34 28.01.10 10:31


LAWRENCE H. WHITE

Reform der globalen Geldordnung: ein Plädoyer


für ein freies internationales Bankenwesen

1. Einleitung

Eine öffentliche Stellungnahme vom März 2009 unterstreicht die


bestehende Notwendigkeit einer Reform des internationalen
Geldsystems und stellt hierzu eine Reihe von Grundprinzipien
vor. Können Sie sich vorstellen, wer der Autor ist?

„Das Entstehen der heutigen Krise und ihr Übergreifen auf die ge-
samte Welt stellen uns vor eine alte aber immer noch unbeantwortete
Frage: welche Art von internationaler Währungsreserve brauchen
wir, um globale finanzielle Stabilität zu gewährleisten und das Welt-
wirtschaftswachstum zu lenken? … Obige Frage, … wie die weiter an-
dauernde Finanzkrise zeigt, ist noch lange nicht beantwortet und hat
aufgrund der damit verbundenen Schwäche des aktuellen internatio-
nalen Geldsystems an Schärfe gewonnen.
Theoretisch sollte eine internationale Währungsreserve zunächst an
eine feste Größe gekoppelt sein und nach klaren Regeln ausgegeben
werden, um eine ordnungsgemäße Versorgung zu gewährleisten. Des
Weiteren sollte die Versorgung flexibel genug gestaltet werden können,
um rechtzeitige Anpassungen an die sich verändernde Nachfrage zu er-
möglichen. Drittens sollten solche Anpassungen losgelöst sein von den
wirtschaftlichen Bedingungen und Souveränitätsinteressen einzelner
Länder. … Das angestrebte Ziel der Reform des internationalen Geld-
systems ist daher die Schaffung einer internationalen Reservewährung,
die von Einzelstaaten losgelöst ist und auf lange Sicht stabil bleibt und
somit die bestehenden Fehlbeträge, die durch die kreditgestützten na-
tionalen Währungen verursacht wurden, ausgleichen kann.“1

1 Zhou Xiaochuan, „Reform the International Monetary System“, 23rd March,


2009, http://www.pbc.gov.cn/english/detail.asp?col=6500&id=178.

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Der Autor ist nicht etwa ein bekannter klassischer liberaler Wirt-
schaftswissenschaftler, sondern erstaunlicherweise ein Zentral-
banker, nämlich Zhou Xiaochuan, Leiter von Chinas Zentralbank,
in einer Stellungnahme mit dem Titel „Reform des Internatio-
nalen Geldsystems“. Die Unterstützung für eine grundlegende
Reform der internationalen Geldpolitik wird offenkundig im-
mer stärker. Natürlich ist die Schlüsselfrage: In welche Richtung
soll die Reform gehen?
Klassische Liberale können den drei Wunschkriterien für eine
globale Reservewährung von Zhou nur zustimmen: (1) Der Wert
sollte verankert sein, (2) die Menge sollte automatisch auf Verän-
derungen der Nachfrage auf dem Markt reagieren, um Stabilität
der realen Geldmenge zu gewährleisten, (3) die Menge sollte nicht
von nationalen Regierungen verändert werden können. Offen-
bar unbeabsichtigt hat Zhou hier drei Hauptmerkmale der klas-
sischen Goldwährung beschrieben.
Im Rest seiner Stellungnahme schlägt Zhou dann leider Maß-
nahmen vor, die nie zu den gewünschten Zielen führen würden.
Er ist der Meinung, dass ein stärkerer IWF eine entsprechende
Reservewährung herausgeben könnte, deren Sonderziehungs-
rechte neu denominiert werden. Ein solcher Vorschlag lässt
einige einfache grundlegende Tatsachen außer Acht. (1) Im Ge-
gensatz zu Gold sind die Sonderziehungsrechte des IWF an
nichts weiter als an eine Palette von nicht gekoppeltem nationa-
lem immateriellem Zwangsgeld gebunden (was Zhou als kredit-
gestützte nationale Währungen bezeichnet; eine unpassende
Bezeichnung, wenn man bedenkt, dass ihre Herausgabe auf im-
materielles Zwangsgeld und nicht auf Kredit im herkömmlichen
Sinne basiert). Wenn die Sonderziehungsrechte ihre eigene Ein-
heit von immateriellem Zwangsgeld wären, wären sie nicht ge-
bunden. (2) Im Gegensatz zu der Menge an Währungsgold wird
die Menge der Sonderziehungsrechte in jeglicher Form nicht von
Marktkräften gesteuert, die sie automatisch an die Nachfrage auf
dem Markt anpassen. (3) Im Gegensatz zu konkurrierenden Pri-

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Reform der globalen Geldordnung 37

vatfirmen im Goldabbau, bei der Prägung und im Bankensektor


ist die Aufgabe des IWF von der Politik bestimmt. Die Menge der
vom IWF ausgegebenen Sonderziehungsrechte wird innerhalb
der Politik entschieden, wo Versprechungen einer langfristigen
Stabilität immer nur Lippenbekenntnisse waren.
Trotzdem hat Zhou zwei Schlüsselthemen hilfreich beleuch-
tet: den Kontrast zwischen der Geldmengensteuerung durch
Politik und Markt und den Kontrast zwischen einer einzigen
Geldwährung weltweit und einer Welt des „monetären Nationa-
lismus“, wie es F. A. Hayek bezeichnet hat, der sich durch eine
große Anzahl bestimmter nationaler Geldwährungen auszeich-
net (und heute einige wenige Regionalwährungen umfasst, bei-
spielsweise den Euro). Die einzigen geschichtlichen Beispiele
einer marktregulierten Geldwährung sind Warenwährungen, ins-
besondere Gold und Silber. Dies sind die einzigen historischen
Beispiele einer erfolgreichen globalen Geldwährung. Es ist kein
Zufall, dass internationales immaterielles Zwangsgeld nicht zum
Erfolg führte. F. A. Hayek schrieb wie folgt:

„In einer aus verschiedenen souveränen nationalen Staaten bestehen-


den Welt gibt es zwingende politische Gründe, aus denen nur Gold
(oder andere Edelmetalle) eine erfolgreiche internationale Währung
sein könnte, und nicht etwa künstliche internationale von einer inter-
nationalen Behörde ausgegebene Währungen.“2

Gold hat die vorteilhafte Eigenschaft, nicht der Haftung eines


souveränen Herausgebers zu unterliegen und ist daher unabhän-
gig von dessen Zahlungsfähigkeit, Redlichkeit oder Anfälligkeit
für politische Wechsel.

2 Friedrich A. Hayek, Monetary Nationalism and International Stability [1937]


(New York: Augustus M. Kelley, 1971 reprint), S. 74–75.

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2. Liberale Währungsreform

Der klassische Liberalismus (nachfolgend als Liberalismus be-


zeichnet) verteidigt individuelle Eigentumsrechte einschließlich
der Vertragsfreiheit gemäß Gesetz. Er lehnt die Beherrschung
durch uneingeschränkte Macht von Behörden ab. Wenn wir die
alten Denker unberücksichtigt lassen, können wir frühe moderne
liberale Überlegungen über Geldpolitik in den Schriften von
Nicolas von Oresme und anderer Scholastiker finden, die Münz-
verschlechterung der Souveräne als unehrlich und tyrannisch
ansahen, als eine Verletzung der Heiligkeit der Verträge, die der
Herrscher im Rahmen einer gerechten Herrschaft einzuhalten
hatte. Als Nächstes könnten wir David Humes’ Kritik in den Fünf-
zigerjahren des 18. Jahrhunderts an der merkantilistischen Geld-
politik betrachten. Hier führt er aus, dass die Angst der Merkan-
tilisten vor einer Gold- oder Silberknappheit in der Wirtschaft,
sollten die Herrscher nicht eingreifen, absurd war. Adam Smith
(wenn auch mit mangelnder Konsequenz) und spätere Verfechter
eines „freien Bankenwesens“ in Großbritannien, auf dem euro-
päischen Festland und in Amerika wandten liberale Doktrinen
über freien Handel auf das Bankenwesen und auf von Banken he-
rausgegebene Währung an. Thomas Hodgskin und Herbert Spen-
cer waren sogar für private Münzprägung. Im 20. Jahrhundert
brachte der österreichische Ökonom Ludwig von Mises neuen
Schliff und strengere Regeln in die Sache des freien Bankenwe-
sens. Friedrich Hayek setzte sich in seiner früheren Laufbahn in
etwas ambivalenter Weise für Gold und ein freies Bankenwesen
ein, forderte aber in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts
Freie Wahl der Währung und Die Denationalisierung des Geldes.3

3 Nicolas von Oresme, „De Moneta (Of Currency)“, [c. 1355], translated by
Charles Johnson, in Lawrence H. White, ed., The History of Gold and Silver
(London: Pickering and Chatto, 2000), vol. 1; David Hume, „Of the Balance of
Trade“, in Essays, Moral, Political, and Literary, ed. Eugene F. Miller (Indiana-

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Reform der globalen Geldordnung 39

Wir sollten jedoch nicht außer Acht lassen, dass viele führende
Liberale der vorigen Jahrhunderte ihre Prinzipien nicht konse-
quent auf Geld anwandten. David Ricardo war für die Nationali-
sierung der Münzprägung und der Ausgabe von Banknoten sowie
für die zwangsweise Ersetzung von rückkaufbaren Papiernoten
durch Münzen für alle Zahlungen, ausgenommen sehr große
Summen. John Cobden, der Anhänger des Freihandels, unter-
stützte die Nationalisierung der Banknotenausgabe. Nach dem
Zweiten Weltkrieg schlossen die meisten Ordoliberalen und die
Monetaristen, angeführt von Walter Eucken und Milton Fried-
man, Frieden mit dem Zentralbankensystem und immateriellem
Zwangsgeld. Eine Ausnahme war Wilhelm Röpke, ein Ordolibe-
raler, der hartnäckig die Goldwährung verteidigte. Es muss au-
ßerdem festgestellt werden, dass Friedman sich der Idee des
freien Bankenwesens und der Abschaffung der Zentralbanken
um 1984 zuwandte. Der sonst radikale Theoretiker freier Märkte,
Murray Rothbard, bevorzugte erstaunlicherweise die Auferlegung
einer 100-prozentigen Mindestreserve mit einem Verbot für ka-
pitalistische Aktionen bei beiderseitigem Einvernehmen zwi-
schen Erwachsenen, die diese Regel umgehen wollen.4

polis: Liberty Fund, 1987); Adam Smith, An Inquiry into the Nature and Causes
of the Wealth of Nations, ed. R. H. Campbell, A. S. Skinner, and W. B. Todd. (Ox-
ford: Oxford University Press, 1976); Vera Smith, The Rationale of Central
Banking [1936] (Indianapolis: Liberty Fund, 1990); Thomas Hodgskin, Popu-
lar Political Economy (London: Charles Tait, 1827); Herbert Spencer, „State-
Tamperings with Money and Banks“, in Essays Scientific, Political and Specu-
lative, vol. 3 (London: Williams and Norgate, 1891); Ludwig von Mises, The
Theory of Money and Credit [1912] (Indianapolis: Liberty Fund, 1980); Mises,
Human Action, 3rd ed. (Chicago: Henry Regnery, 1966); F. A. Hayek, Choice in
Currency (London: Institute of Economic Affairs, 1976); Hayek, Denationa-
lisation of Money, 2nd ed. (London: Institute of Economic Affairs, 1978).
4 David Ricardo, „Plan for the Establishment of a National Bank“ [1824] in The
Works and Correspondence of David Ricardo, ed. Piero Sraffa with the Colla-
boration of M. H. Dobb (Indianapolis: Liberty Fund, 2005), vol. 4, Pamphlets
and Papers 1815–1823; Richard Cobden in 1840 Parliamentary testimony

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Vor einem Jahrhundert unterstützten die Wirtschaftsliberalen


fast einstimmig die Idee einer internationalen Goldwährung.
Die „klassische“ Zeit der Goldwährung wird in der Regel von der
Wiederaufnahme der Goldzahlungen durch die USA 1879 bis
zur Aussetzung der Zahlungen im Ersten Weltkrieg angegeben.
Die Goldwährung wurde im Ersten Weltkrieg schwer geschädigt
und hat sich nie wieder völlig davon erholt. In Wirklichkeit war
dies auch vor dem Krieg nie ein vollständig vom Markt regulier-
tes System gewesen. Die nationalen Regierungen hatten schon
lange die Konkurrenz auf dem Markt in der Münzprägung besei-
tigt und für sich ein Prägungsmonopol eingefordert. Viele schal-
teten die Konkurrenz auf dem Markt für die Ausgabe von durch
Gold gedeckte Banknoten auf ähnliche Weise aus und übergaben
das Monopol einer regierungsgestützten Zentralbank. Die natio-
nalen Zentralbanken verletzten die „Spielregeln“, indem sie in
die automatischen Abläufe des internationalen Goldverkehrs ein-
griffen oder sie außer Kraft setzten. Ich werde später ausführen,
dass die Zentralisierung von Goldreserven, ein charakteristisches
Merkmal des Zentralbankenwesens, die Transaktionen in inter-
nationaler Goldwährung nachteilig verändert hat.
Trotzdem erreichte die klassische Goldwährung eher den Stand
einer selbstregulierenden internationalen Währung als irgend-
ein anderes Nachfolgesystem. Fast ein gesamtes Jahrhundert von
monetärem Nationalismus und monetärer Planwirtschaft seit
dem Ersten Weltkrieg mündete im heutigen System der nationa-
len Noten ohne Edelmetalldeckung, mit Zentralbanken und mas-

cited by Lawrence H. White, Free Banking in Britain, 2nd ed. (London: Institute
of Economic Affairs, 1995), S. 84; Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschafts-
politik (Tübingen: J. C. B. Mohr, 1952); Milton Friedman, A Program for
Monetary Stability (New York: Fordham University Press, 1960); Friedman,
„Monetary Policy for the 1980s“ in John H. Moore, ed., To Promote Prosperity
(Stanford: Hoover Institution Press, 1984); Murray N. Rothbard, „The Case
for a 100 Percent Gold Dollar“ in Leland Yeager, ed., In Search of a Monetary
Constitution (Cambridge, MA: Harvard University Press, 1962).

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Reform der globalen Geldordnung 41

siven Eingriffen seitens der Regierung in die Finanzmärkte welt-


weit. Die bestehende weltweite Finanzkrise, die ihren Anfang
2007 nahm, hat die Schwächen und den nicht selbstregulieren-
den Charakter des jetzigen Systems bloßgelegt. Wie können wir
dem internationalen Währungssystem gesunde selbstregulieren-
de Kräfte wiedergeben? Wie können wir das System im Einklang
mit den Idealen des Liberalismus reformieren?

3. Grundlegende Reform

Um ein internationales Währungssystem gemäß den Idealen des


Liberalismus aufzubauen, müssen wir damit aufhören, an den
Symptomen zu kurieren, sondern grundlegende Reformen der
Institutionen für Geld und Finanzen ins Auge fassen. Ganz be-
sonders müssen wir die Diskussion wieder eröffnen, ob wir ohne
die Erfordernis einer Mindestreserve oder andere rechtliche Be-
schränkungen der Banken, ohne Hinterlegungsgarantien und
sonstige Subventionen von Bankrisiken, ohne Zentralbanken und
immaterielles Zwangsgeld nicht besser daran wären.
Kürzlich schlug der liberale spanische Ökonom Jesús Huerta
de Soto in einem Essay mit dem Titel „Regeln für eine internatio-
nale Geldreform“ eine Reihe durchschlagender Veränderungen
des Status quo vor.5 Im gleichen Sinne nachfolgend meine eige-
nen Vorschläge für eine ideale Währungs- und Bankenreform:
(1) Abschaffung staatlicher Garantien auf Bankdepositen und
andere Verbindlichkeiten.
(2) Nach dieser Maßnahme Abschaffung obligatorischer Eigen-
kapitalquoten, deren Hauptzweck es ist, die Hinterlegungs-
Garantiefonds zu decken. Die gescheiterten Abkommen Ba-
sel I und II bezüglich einheitlicher Eigenkapitalvorschriften

5 Jesús Huerta de Soto, „Rules for International Monetary Reform“, http://


mises.org/story/3300.

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zielten darauf ab, den Wettbewerb unter den Banken länder-


übergreifend zu beschränken.
(3) Abschaffung der Reservevorschriften für Bankdepositen
durch die Regierungen.
(4) Privatisierung der Nutzen bringenden Funktionen der Zen-
tralbanken, und zwar:
a) Verrechnungsstelle und Bank der Banken für die Abwick-
lung – diese Funktionen können privaten Clearing-House-
Stellen übertragen werden.
b) Währungsherausgeber – diese Funktion kann an ein Sys-
tem von miteinander im Wettbewerb stehenden Geschäfts-
banken delegiert werden („freies Bankenwesen“).
c) Formulierung und Durchsetzung von Liquiditätsvor-
schriften für Geschäftsbanken – dies kann auch privaten
Verrechnungsstellen übertragen werden, die alles tun, um
die Mitglieder davor zu schützen, dass ein anderes Mit-
glied beim nächsten Verrechnungs- und Zahlungszeit-
punkt zahlungsunfähig ist. Verrechnungsstellen können
auch durch andere Maßnahmen (beispielsweise für die
Bekanntgabe von Zinsen auf Kredite und Einlagen) len-
ken und beeinflussen, die sowohl von den Banken als auch
deren Kunden favorisiert werden.
d) Letzter Kreditgeber, im klassischen Sinne von Walter
Bagehot, für zahlungsfähige aber illiquide Banken – diese
Funktion kann auch einem privaten Clearing House
übertragen werden, das den Anreiz hat, seinen Mitglie-
dern eine Mitversicherung zu bieten und das nach erfolg-
ter Reform in c) über die notwendigen aktuellen Informa-
tionen verfügt, zahlungsfähige rettungswürdige Banken
zu identifizieren.
(5) Abschaffung der schädlichen Aufgaben der Zentralbanken,
und zwar:
a) Auflage von gesetzlichen Beschränkungen, die nicht von
den Banken und ihren Kunden favorisiert werden.

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Reform der globalen Geldordnung 43

b) Führung der Geldpolitik – wenn den Märkten die Regu-


lierung der Geldmenge durch eine Warenwährung über-
lassen bleibt, wird der willkürlichen Manipulation durch
nationale Behörden ein Ende gesetzt.
(6) Ersetzung des nationalen immateriellen Zwangsgeldes als
Rechnungseinheit durch eine internationale marktbasierte
Warenwährung. Die führende potenzielle Warenwährung ist
Gold, durch seine historische Erfolgsgeschichte und die Tat-
sache, dass Zentralbanken immer noch große Bestände da-
von haben (momentan brachliegend), wobei Silber (das sich
auch historisch bewährt hat) ebenso geeignet wäre.

4. Eigenschaften einer internationalen Goldwährung

In einem goldgestützten internationalen freien Bankensystem


wären die gebräuchlichsten Zahlungsmittel wahrscheinlich wei-
terhin die Währung und Einlagen, wobei beide allerdings Ver-
bindlichkeiten von Geschäftsbanken, einlösbar in Gold, wären.
Durch die Verpflichtung des Herausgebers zur Rückzahlung in
Gold und entsprechend der gebotenen Vorsicht, Goldreserven zu
halten, orientiert sich das Volumen der Papierwährung und der
Einlagen in einem solchen System (der Zahlungsmittelbestand)
an der Goldmenge. Die Menge an Währungsgold ist ein sich lang-
sam aufbauender Bestand, dessen Wachstum letztendlich durch
Sachzwänge von Angebot und Nachfrage im Goldabbaumarkt
bestimmt wird. Das Wachstum des Zahlungsmittelbestandes
wird daher von den Marktkräften und nicht von staatlich ausge-
gebenem Papiergeld bestimmt.6
Eine Goldwährung garantiert keine 100-prozentige Stabilität

6 Für detaillierte Informationen, wie Angebot und Nachfrage auf den Goldfluss
und -bestand wirken, siehe Lawrence H. White, The Theory of Monetary Insti-
tutions (Oxford: Basil Blackwell, 1999), Kapitel 2.

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der Geldmenge oder der Kaufkraft des Geldes. Historische Ver-


gleiche belegen allerdings, dass sie in der Praxis zu moderaterer
und stabilerer Geldmenge und stabilerer Kaufkraft geführt hat
als die heutigen Methoden eines Zentralbankrats, der das Geld-
mengenwachstum des immateriellen Zwangsgeldes bestimmt.7
Hinsichtlich einer angemessen begrenzten Geldmenge und der
Vermeidung von Inflation funktioniert eine Goldwährung ohne
Zentralbanken auf lange Sicht, unabhängig davon, wie sich die
politischen Kräfte entwickeln.
Wie ich gleich noch ausführen werde, waren Stabilitäts-
probleme, die mit dem internationalen Goldfluss zusammen-
hingen, in der Vergangenheit – während der klassischen Gold-
währungszeit – bei näherer Betrachtung auf die Beschränkung
der nationalen Bankensysteme und die Konzentration von Gold-
reserven bei den Zentralbanken zurückzuführen. Probleme
einer Panik auf den Finanzmärkten, wie auch die schlimmste
Bankenpanik, die von 1929 bis 1933, waren auf Bankregelungen
zurückzuführen, die zu einer Schwächung der Banken führten.
Goldwährungsländer wie Kanada, die eine solche Art der Be-
schränkungen vermieden hatten, die zur Bankenschwäche in
den USA führten, nämlich das Verbot von Filialbankensystemen
und obligatorische Absicherungsvorschriften für Bonds, die die
Papiergeldversorgung „unelastisch“ werden ließen, entgingen
so der Panik.8
Eine Goldwährung beinhaltet den Faktorpreis des Abbaus des
Goldes, das in Banktresoren gelagert wird. Jedes bekannte im-

7 Hugh Rockoff, „Some Evidence on the Real Price of Gold, Its Cost of Produc-
tion, and Commodity Prices“, in Michael D. Bordo and Anna Jacobson
Schwartz, eds., A Retrospective on the Classical Gold Standard, 1821–1931
(Chicago: University of Chicago Press, 1983); Arthur J. Rolnick and Warren
E. Weber, „Money, Inflation, and Output under Fiat and Commodity Stan-
dards“, Journal of Political Economy 105 (December 1997), S. 1308–1321.
8 George A. Selgin, „Legal Restrictions, Financial Weakening, and the Lender of
Last Resort“, Cato Journal 9 (Fall 1989), S. 429–459.

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Reform der globalen Geldordnung 45

materielle Zwangsgeld jedoch hat Wohlfahrtskosten der Infla-


tion verursacht sowie die finanziellen Aushöhlungseffekte der
variablen Inflation. Die Wohlfahrtskosten der Inflation sind die
höheren Transaktionskosten, die Leute verursachen, die alles
tun, um der durch laufende Verluste der Kaufkraft verursachten
Belastung zu entgehen, die beim Halten der Papierwährung und
solcher Einlagen entsteht, die keinen Ausgleichszins haben. Die
finanziellen Aushöhlungseffekte der Inflation sind verloren ge-
gangene Gewinne aus dem Handel, die mit dem Verschwinden
der Märkte bei langfristigen Nominalschuldeninstrumenten ver-
bunden sind, wie beispielsweise Bonds oder Hypothekenschuld-
verschreibungen mit 30 Jahren Laufzeit. Dies entsteht durch das
erhöhte Risiko für Sparer und Kreditnehmer durch die schlechte
Einschätzbarkeit der Kaufkraft des Geldes, das später zurückge-
zahlt werden muss. Ironischerweise ist der Faktorpreis des Gold-
abbaus gestiegen seit Richard Nixon das Goldfenster geschlossen
hat und Gold 1971 endgültig demonetisiert wurde. Hohe und
schwankende Inflationsraten führten dazu, dass die öffentliche
Hand Gold als Inflationsschutz ansammelte und so der effektive
Goldpreis (der zu diesem Zeitpunkt bei ca. 900 US-Dollar pro
Unze liegt) am Ende der monetären Goldära über den effektiven
Preis stieg (damals nominal 35 US-Dollar pro Unze) und somit
den Goldabbau noch weiter vorantrieb.9
Im freien Bankenwesen ohne künstlich auferlegte hohe Gold-
reserven erfordert eine Goldwährung weniger Gold als in den
aktuellen Beständen vorhanden ist. Die Faktorkosten einer Gold-
währung sind relativ gering, geringer als die Schätzungen der
Wohlfahrtskosten für Inflationsraten von durchschnittlichem
immateriellem Zwangsgeld.10

9 Roger Garrison, „The Costs of a Gold Standard“, in Llewellyn H. Rockwell, Jr.,


ed., The Gold Standard: An Austrian Perspective. Lexington, Mass.: Lexington
Books.
10 Für einen Kosten-Nutzen-Vergleich siehe Laurence H. White, The Theory of

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5. Merkmale eines freien Bankenwesens

Ein freies Bankenwesen überlässt die Bereitstellung des Tausch-


mittels, der Währungsnoten und der transferierbaren Konto-
stände den in freiem Wettbewerb stehenden Geschäftsbanken
(Münzen können im Wettbewerb stehenden Prägeanstalten oder
Herausgebern überlassen werden; dies möchte ich hier aber nicht
näher erläutern11). In einer Goldwährung sind von Banken he-
rausgegebene Gelder in Gold rückzahlbare Forderungen. Um
den Kosten-Nutzen-Effekt der gehaltenen Ressourcen gegenein-
ander abzuwägen, müssen die Banken einige praktische Berech-
nungen anstellen, beispielsweise über die Zahlungspraktiken der
öffentlichen Hand, aber das ist ja genau das Metier der Banken.
Forderungen gegenüber privaten Geldherausgebern sind kredit-
fähiger als Forderungen gegenüber Regierungen, denn nur die
Ersteren können vor Gericht eingeklagt werden (keine Immuni-
tät). Abgesehen von Regierungsgarantien, um die Anleger und
andere Bankgläubiger zu beruhigen, muss eine Bank außerdem
auf ihren Ruf bedacht sein. Um einen guten Ruf zu haben, muss
sie allen Rückzahlungsforderungen prompt entsprechen und das
Vermögen der Bank und das Forderungsportfolio so handhaben,
dass die Zahlungsfähigkeit nie in Zweifel gezogen wird.12
Müssen wir ohne Regierungsgarantien und ohne eine Zen-

Monetary Institutions, Kapitel 2. Für Antworten auf andere Argumentationen


gegen eine Goldwährung siehe Lawrence H. White, „Is the Gold Standard Still
the Gold Standard Among Monetary Systems?“, Cato Institute Briefing Paper
Nr. 100 (8th February 2008).
11 Zu privaten Goldmünzen siehe Donald H. Kagin, Private Gold Coins and Pat-
terns of the United States (New York: Arco, 1981). Zu privaten Wertmünzen
siehe George Selgin, Good Money: Birmingham Button Makers, the Royal
Mint, and the Beginnings of Modern Coinage, 1775–1821 (Ann Arbor: Univer-
sity of Michigan Press, 2008).
12 George Selgin and Lawrence H. White, „Credible Currency: A Constitutional
Perspective“, Constitutional Political Economy 16 (March 2005), S. 71–83.

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Reform der globalen Geldordnung 47

tralbank der Regierung, die als offizieller letzter Kreditgeber


agiert, häufiger Bankenkrisen erwarten? Nein. Banken verhal-
ten sich ohne die Rückendeckung dieser Institutionen vorsichti-
ger. Banken haben eine höhere Eigenkapitalquote und ihre Ver-
mögensportfolios sind sicherer. Das Vermögen ist besser gestreut
und liquider. Banken scheuen Ausfallrisiken, Kursrisiken und
Zinsrisiken (nicht zusammenpassende Laufzeiten), um poten-
ziellen Anlegern ein niedriges Insolvenzrisiko zu gewährleisten.
Gegebenenfalls können Clearing-House-Stellen glaubwürdige
Bestätigungen von Dritten über die Zahlungsfähigkeit der Bank
abgeben.
Ein Blick in die Geschichte zeigt uns viele wettbewerbliche
und stabile Bankensysteme ohne Hinterlegungsgarantien oder
Zentralbankkredite. Denken Sie an den Offshore-Banking-Markt
für US-Dollars der letzten 50 Jahre. Haben die Offshore-Banken
massiv in durch zweitklassige Hypothekendarlehen gedeckte
Wertpapiere investiert? Die Antwort ist nein. Ohne Garantien
könnten sie keine Anleger gewinnen, wenn sie derartige Risiken
eingingen. Stecken die Offshore-Banken momentan in der Krise?
Auch nicht. In der Regel waren Ausfälle, das Übergreifen auf an-
dere Banken und Krisen in den Systemen der Vergangenheit, die
eher ein Laisser-faire betrieben, weniger häufig. Um ein schwa-
ches Bankensystem zu vermeiden, sollten die Regierungen nicht
die Bemühungen der Banken untergraben, eine gesunde finan-
zielle Lage zu erhalten, und nicht Marktmechanismen blockie-
ren, die ein ungesundes Finanzmanagement abschrecken und
ahnden.

6. Warum nicht 100 Prozent Reserven?

Ich möchte betonen, dass ich Thorsten Polleit zustimme, der in


seinem letzten Essay schreibt, dass das „Prinzip, auf dem ein ge-
sundes Geldsystem (wieder) aufgebaut sein muss“ darin besteht,

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„vollständige Freiheit von Angebot und Nachfrage der Währung


zu gewähren“, was beinhaltet, „Geldsysteme zu privatisieren und
ein freies Bankenwesen zu schaffen. Die logische Konsequenz
dessen wäre, das Eingreifen der Regierung in Geldangelegenhei-
ten sowie die Zentralbank abzuschaffen“.13 Er fügt hinzu, dass
ein freies Bankenwesen auf „100 Prozent Reserven“ gestützt sein
sollte. Hier bin ich anderer Ansicht. Polleit folgt hiermit Huerta
de Soto, der, anstatt für eine Abschaffung der Mindestreserve zu
plädieren, „eine Wiedereinführung der hundertprozentigen Re-
servepflicht für alle Bankeneinlagen und dergleichen“ fordert.14
Eine Mindestreserve von 100 Prozent oder jegliche andere
Mindestreserve bedeutet eine Einmischung des Staates in das
Banken- und Finanzsystem. Es gehört nicht in ein liberales oder
freies Geldmarktsystem. Wenn ich sein Buch richtig verstanden
habe, so würde Huerta de Soto alle Schuldverträge mit nicht fest-
gelegten Laufzeiten abschaffen, d. h. alle einforderbaren oder
fälligen Schuldverträge und alle Kredite, die eine vorzeitige Rück-
zahlung zulassen.15 Die Logik des Arguments, dass alle Forde-
rungen jederzeit vollkommen gedeckt sein müssen, wenn sie
eventuell zurückgezahlt oder als Option des Inhabers verlängert
werden können, unabhängig davon, wie unwahrscheinlich die
Einlösung ist, würde auch zur Abschaffung vieler anderer ge-
bräuchlicher Finanzverträge und -praktiken führen.
Auf dem Wege, eine 100-prozentige Reserve zu erreichen,
schlägt Huerta de Soto vor, dass Regierungszentralbanken neues
immaterielles Zwangsgeld herausgeben, mit dem Bankvermö-
gen (Kredite, Wertpapiere) in Höhe des laufenden Volumens der
Sichteinlagen aufgekauft wird, wonach die Banken dann ver-

13 Thorsten Polleit, „Ending the Monetary Fiasco – Returning to Sound Money“,


http://mises.org/story/3386.
14 Huerta de Soto, op. cit.
15 Jesús Huerta de Soto, Money, Bank Credit, and Economic Cycles, translated by
Melinda A. Stroup (Auburn, AL: Ludwig von Mises Institute, 2006).

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Reform der globalen Geldordnung 49

pflichtet wären, eine 100-prozentige Reserve von immateriel-


lem Zwangsgeld für Sichteinlagen zu halten. Die Regierung
würde dann im Prinzip alle Vermögenswerte an offene Invest-
mentfonds verkaufen und den Erlös zur teilweisen Ablösung
von Regierungsschulden verwenden. Die gesamte Operation
wäre eine massive Monetarisierung der Regierungsschulden, de-
ren Auswirkungen auf den M1-Geldmengenbestand durch die
100-prozentige Mindestreservepflicht „sterilisiert“ wären. Der
Plan würde zu einer massiven Abwanderung von Anlagen über
Banken oder andere Finanzinstitute hin zu offenen Investment-
fonds führen.16
Huerta de Soto favorisiert gleichzeitig die Ersetzung der „Ver-
bindlichkeiten“ in immateriellem Zwangsgeld der Zentralbank
(im Umlauf befindliche Banknoten und Abwicklungskonten der
Geschäftsbanken in den Büchern der Zentralbank) durch Gold.
Verbindet man diese zwei Vorschläge, wären die Banken ver-
pflichtet, eine 100-prozentige Goldreserve für Sichteinlagen und
Banknoten zu halten.
Wenn wir dies durchdenken, können wir feststellen, dass dies
ein sehr teurer Vorschlag ist, der möglicherweise auch zu einer
hohen Inflationsrate führen könnte.
Rechnen wir einmal die Kosten aus, die die Anwendung von
Huerta de Sotos zwei Maßnahmen verursachen würde. Zur Ver-
anschaulichung werde ich den US-Dollar verwenden, da ich die
US-Daten auch am schnellsten greifbar habe, aber die gleiche
Rechnung könnte auch in Euro oder einer anderen Währung
durchgeführt werden. Zunächst berechnen wir den Anteil von
US-Dollar pro Unze Gold, der für die 100-prozentige Deckung

16 Siehe auch Lawrence J. Kotlikoff and Edward Leamer, „A Banking System


We Can Trust“, http://www.forbes.com/2009/04/22/loan-mortgage-mutual-
fund-wall-street-opinions-contributors-bank.html. Henry Simons, in Eco-
nomic Policy for a Free Society (Chicago: University of Chicago Press, 1948),
wollte auch die schuldengestützte Intermediation abschaffen.

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50 Lawrence H. White

der M1-Geldmenge durch die aktuellen Goldbestände der US-


Regierung gebraucht würde. (Wie ja alle James-Bond-Fans aus
Goldfinger wissen, werden die Goldbestände in Fort Knox gela-
gert.) Wir kommen zu einem Anteil, der weit über dem aktuellen
Marktpreis für Gold liegt. Den Goldwert des US-Dollars auf die-
sem Niveau wieder festzusetzen, würde Gold aus der ganzen Welt
anziehen und die US-Regierung zu einem massiven Goldauf-
kaufprogramm zwingen.
Hier nun die Zahlen: Der Goldbestand in Fort Knox beläuft
sich Berichten zufolge auf 147,3 Millionen Troy-Unzen17. Die
US-Geldmenge M1 (Währung plus Sichteinlagen) beläuft sich
derzeit auf 1,551 Billionen US-Dollar. Um eine 100-prozentige
Deckung der aktuellen US-Dollar-Geldmenge M1 durch die
aktuellen Goldbestände der US-Regierung zu erreichen, müsste
das US-Dollar/Gold-Verhältnis 1.551.000 : 147,3 = 10.530,21
US-Dollar pro Unze betragen. Wenn die US-Regierung diesen
Kurs tatsächlich übernehmen und 10.530,21 US-Dollar für eine
Troy-Unze Gold zahlen würde, würde sie allen Besitzern von
Gold eine unglaubliche Arbitrage bieten, nämlich 10.530,21 US-
Dollar Wert an US-Gütern für eine Unze Gold im Wert von
882,00 US-Dollar zu bekommen. Die USA würden damit mas-
sive Goldflüsse aus aller Welt anziehen, den US-Geldbestand
massiv erhöhen und eine massive Inflation auslösen sowie eine
riesige Menge von Gütern an die verlieren, die sie mit ihren
neuen US-Dollars gekauft haben. Der Zufluss und dieser Verlust
würden nicht aufhören, bis das US-Dollarpreisniveau so weit
angestiegen wäre, dass sich der effektive US-Dollarpreis für Gold
wieder eingependelt hätte. Wenn der effektive Goldpreis auf der
Welt weiterhin unverändert auf heutigen 882,00 US-Dollar ste-
hen würde, also der Nominalwert von 10.530,21 US-Dollar
Kaufkraft gleichbedeutend mit der von heutigen 882,00 US-Dol-
lar wäre, wäre ein Anstieg des US-Preisniveaus im Verhältnis von

17 Die Troy-Unze bzw. Feinunze wiegt 31,103477 Gramm.

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Reform der globalen Geldordnung 51

10.530,21 : 882,00 oder ca. einem zwölffachen Anstieg des Dollar-


preisniveaus vonnöten. Selbst wenn eine erhöhte Nachfrage der
US-Regierung den effektiven Weltmarktpreis, sagen wir, auf ak-
tuelle 1.764,00 US-Dollar verdoppelte, würde ein Wiederherstel-
len des monetären Gleichgewichts einen Anstieg des Verhältnis-
ses auf 10.530,21 : 1.764,00 oder ca. den sechsfachen Anstieg des
Dollarpreisniveaus bedeuten.
Alternativ dazu nehmen wir einmal an, wir wollten eine 100-
prozentige Goldreserve für die Deckung der US-Geldmenge M1
zum jetzigen Weltmarktpreis von 882,00 US-Dollar pro Unze.
Zu diesem Preis würde eine 100-prozentige Deckung der Geld-
menge M1 1,758 Milliarden Troy-Unzen kosten (= 1,551 Billio-
nen US-Dollar/882,00 US-Dollar/Unze). Die jetzigen Goldbe-
stände der US-Regierung belaufen sich weiterhin auf 147,3 Millio-
nen Unzen. Die Differenz des zu kaufenden Goldes beträgt somit
1,611 Milliarden Unzen. (Die US-Regierung würde ca. 30 Pro-
zent des Weltbestands oberirdischen Goldes, der auf 5,3 Mil-
liarden Unzen geschätzt wird, kaufen.18) Bei einem Preis von
882,00 US-Dollar pro Unze benötigte man hierzu 1,421 Billionen
US-Dollar in Goldkäufen. Rechnet man dies in US-Dollar statt
in Unzen aus, kommt man zum gleichen Schluss. Die jetzigen
Goldbestände der US-Regierung belaufen sich auf 147,3 Millio-
nen Unzen × 882,00 US-Dollar = 129,9186 Milliarden US-Dol-
lar. Dies bedeutet eine Fehlmenge an Gold von 1.551,1 Milliar-
den US-Dollar – 129,9186 Milliarden US-Dollar = 1,421 Billionen
US-Dollar.
Von den 1,421 Billionen US-Dollar, die durch eine 100-pro-
zentige Konvertierung in eine Goldwährung aufgeworfen wür-

18 Siehe Hugo Salinas Price: http://www.321gold.com/editorials/price/price


053007.html oder World Gold Council: http://www.marketknowledge.gold.
org/assets/file/marketknowledge/GoldMktKnowledgeSuppDem.pdf. Ich ha-
be drei Jahre geschätzte Jahresproduktion zu dem Bestand aus 2006 dazu ad-
diert, um den Wert für 2009 zu aktualisieren.

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 51 28.01.10 10:31


52 Lawrence H. White

den, entfielen 4.644,00 US-Dollar auf jede Person oder 18.576,00


US-Dollar auf eine vierköpfige Familie, ein sehr teurer Vorschlag
also. Das Problem ist real, nicht nur nominal. Der jetzige effek-
tive Goldbestand der US-Regierung ist zu gering, um den aktu-
ellen effektiven Bestand der US-Geldmenge M1 eins zu eins zu
decken. Die Vereinigten Staaten können nicht dadurch die Kos-
ten vermeiden, dass sie einfach den Kurs von 10.530,21 US-Dol-
lar feststellen und sofort das US-Preisniveau um das Zwölffache
anheben. Eine solche Preisinflation würde dazu führen, dass die
US-Bevölkerung nur noch ein Zwölftel der ursprünglichen rea-
len Geldmenge in der Hand hätte (ganz zu schweigen von den
Auswirkungen auf Leute, die Ersparnisse oder Bonds in US-Dol-
lar halten). Die Kosten könnten auch nicht dadurch vermieden
werden, dass einfach elf Zwölftel der nominalen Geldmenge M1
gelöscht würden, um den Nominalwert des Geldbestands auf
die aktuellen 129,9 Milliarden US-Dollar Goldbestand zu brin-
gen. Dieser Weg führt zu Enteignungen, einer vernichtenden
Übergangsdeflation (mit entsprechenden Auswirkungen auf
Schulden in US-Dollar) und hat trotzdem zur Folge, dass die
öffentliche Hand ihre reale Geldmenge wieder durch Goldkäufe
aufbauen muss.
Ergebnis: Eine 100-prozentige Goldreserve für den jetzigen
Geldbestand hätte sehr hohe Kosten durch Goldkäufe zur Folge
und möglicherweise einen extremen Übergangs-Inflations- oder
Deflationsstoß.
Falls freie Banken, auf der anderen Seite, ihre M1-Verbind-
lichkeiten mit zwei Prozent Gold abdecken wollten (einem Pro-
zentsatz, der den Anteil an Goldreserven widerspiegelt, die tat-
sächlich in einem fortschrittlichen freien Bankensystem des
19. Jahrhunderts gehalten wurden), bräuchte man zum heuti-
gen Kurs nur 35,16 Millionen Unzen, weniger als ein Viertel des-
sen, was die US-Regierung bereits hält. In anderen Worten: Das
Gold in Fort Knox mit einem Kurs von 882,00 US-Dollar pro
Unze ist ausreichend, um Reserven in Höhe von 8,37 Prozent zu

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Reform der globalen Geldordnung 53

bilden (147,3 Millionen Unzen in Fort Knox/1.758,00 Millionen


Unzen = Wert der Geldmenge M1). Es gibt ausreichend Gold in
Fort Knox, ohne dass der Steuerzahler mehr kaufen müsste,
wenn wir ein freies Bankensystem erlauben würden – aber nur
dann.19
Man sollte beachten, dass Polleit in seinem Essay nach Be-
trachtung dieser Überlegungen zu dem Schluss kommt, dass „es
vor diesem Hintergrund angemessen wäre, eine Goldreserve zu
haben, die weniger als 100 Prozent der Bankschulden wie M1
oder M2 deckt. Dies könnte die Inflationswirkung aufgrund von
Fremdgold in Grenzen halten“.20 Ich hoffe, dass eine anteilige
Goldreserve tatsächlich seinen Überlegungen entspricht, wobei
die Festlegung des Anteils den verschiedenen Geschäftsbanken
und ihren Kunden überlassen werden sollte, und nicht, wie er
früher vorgeschlagen hat, eine obligatorische 100-prozentige Re-
serve der M1-Sichteinlagen. Beides gleichzeitig ist nicht möglich.

7. Ein Überdenken des Monetären Nationalismus21

F. A. Hayek schrieb 1937:

„Die logische Wahl läge wohl zwischen einem System von ‚freien Ban-
ken‘ einerseits, in dem alle Banken nicht nur das Recht haben, Noten
auszugeben, während sie gleichzeitig auf ihre eigenen Reserven ange-

19 Lawrence H. White, „Will the Gold in Fort Knox Be Enough?“, in Prospects for
a Resumption of the Gold Standard: Proceedings of the E. C. Harwood Memorial
Conference [Economic Education Bulletin vol. 44, no. 9] (Great Barrington,
MA: American Institute for Economic Research, 2004), S. 23–32.
20 Polleit, op. cit.
21 Die zwei folgenden Kapitel basieren auf Lawrence H. White, „Monetary
Nationalism Reconsidered“, in Kevin Dowd and Richard H. Timberlake,
eds., Money and the Nation-State (New York: Transaction Publishers, 1998),
S. 377–401.

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54 Lawrence H. White

wiesen sind, und das ihnen aber auch ermöglicht, ihren Arbeitsbereich
und ihre Korrespondenzbanken unabhängig von nationalen Grenzen
auszuwählen, oder einer Zentralbank auf der anderen Seite.“22

Warum sollte man eine internationale Warenwährung unter-


stützen? Warum nicht frei schwankende Wechselkurse zwischen
nationalen Währungen immateriellen Zwangsgeldes oder ein
internationales immaterielles Zwangsgeld? Der große Nutzen
einer internationalen monetären Währung ist ihre Synergie aus
wachsendem internationalem Handel und finanzieller Inte-
gration, einem Thema, das in einem kürzlich herausgegebenen
Buch von Benn Steil und Manuel Hinds aufgegriffen wurde.23
Handel zwischen zwei Parteien (auch im Finanzbereich) ist
leichter, wenn keine der Parteien die Währung tauschen muss.
Wenn der Handel über die nationalen Grenzen hinausgeht, tut
dies auch der Netzwerkeffekt, was die Konvergenz einer einheit-
lichen Währung sehr praktisch für verbundene Händler macht.
Bei einem ausreichenden Maß an Welthandel ist die Welt ein op-
timales Währungsgebiet, wobei wir das Optimum in Form von
Kosten/Nutzen, wie sie von den Marktteilnehmern gesehen wer-
den, definieren (und nicht wie ein Keynesianischer Makroöko-
nom). Frei schwankende Wechselkurse bei nationalem immate-
riellem Zwangsgeld liefern noch kein nahtloses internationales
Zahlungssystem, sondern sind ein Hindernis zwischen Händ-
lern, die verschiedene nationale Währungen verwenden. Wenn
wir bestimmte nationale immaterielle Zwangswährungen ha-
ben, sollte der Markt, auf dem diese getauscht werden, ein freier
Markt sein. Aber das Existieren bestimmter nationaler Währun-
gen ist an sich schon ein Problem.
Eine internationale Geldwährung könnte beispielsweise mul-

22 Hayek, Monetary Nationalism, S. 77.


23 Benn Steil and Manuel Hinds, Money, Markets and Sovereignty (New Haven:
Yale University Press, 2009).

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Reform der globalen Geldordnung 55

tinationales, staatlich ausgegebenes immaterielles Zwangsgeld


sein, wie der einst von John Maynard Keynes vorgeschlagene
„Bancor“. Ein zweiter großer Vorteil einer internationalen Wa-
renwährung wie Gold gegenüber einer solchen immateriellen
Zwangswährung ist, dass vollwertiges und warengedecktes Geld
„unpolitisch“ herausgegeben werden kann. Seine Bereitstellung
wird von den Marktkräften bestimmt, wo es im Wettbewerb ste-
hende Minen gibt, im Wettbewerb stehende Prägungsanstalten
und im Wettbewerb stehende private Notenherausgabebanken.
Seine Stabilität hängt nicht vom korrekten Verhalten oder von
einem einzigen staatlichen Herausgeber oder einer nationalen
oder supranationalen Zentralbank ab. (Privates immaterielles
Zwangsgeld, ein späterer Gedanke von Hayek, ist eine faszinie-
rende Idee, aber es gibt Gründe anzunehmen, dass es nicht auf
dem Markt Bestand hätte. Dafür gibt es auch in der Geschichte
keine Beispiele, die das belegen).
Die große Mehrheit der heutigen täglichen wertmäßigen
Zahlungen wird über Depositenbanken abgewickelt. Die große
Anzahl von kleineren Zahlungen, die durch Noten der Zentral-
banken und staatlich geprägte Münzen vorgenommen werden,
könnten genauso, wie im 19. Jahrhundert auch und heute noch
in Nordirland und Schottland, mit privaten Banknoten und Mün-
zen getätigt werden. Unter kosmopolitischen liberalen Ideen wür-
den Kontokorrenteinlagen und Banknoten in internationaler
Währung denominiert und von privaten Banken herausgege-
ben, die international frei agieren können. Das Ergebnis wäre ein
internationales freies Bankenwesen: ein globales Zahlungssys-
tem mit einer einzigen Geldwährung, das durch den Markt ge-
steuert wird.
Hayek definiert „monetären Nationalismus“ als „eine Dok-
trin, die besagt, dass der Anteil am weltweiten Geldbestand eines
Landes nicht nach den gleichen Prinzipien und den gleichen Me-
chanismen bestimmt werden sollte, die bei der Bestimmung der
relativen Geldmenge in seinen verschiedenen Regionen oder

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56 Lawrence H. White

Städten angewandt werden“24. In anderen Worten, der Geldbe-


stand innerhalb der nationalen Grenzen soll nicht frei durch die
Bewegung von Geld durch Zahlungssysteme verändert werden.
Geld soll nicht die nationalen Grenzen überschreiten, zumindest
nicht so, wie es im Inland zirkuliert.
Die Antithese des monetären Nationalismus ist ein global in-
tegriertes Geldsystem. Hayek sprach von einem „wirklich inter-
nationalen Geldsystem, in dem die ganze Welt eine einheitliche
Währung besitzt, wie dies auch in den einzelnen Ländern der
Fall ist, und wo ihr Fluss zwischen Regionen durch die Ergeb-
nisse der Aktionen aller Einzelpersonen bestimmt würde“25. In
einem solchen System überschreiten alle Arten von Geld, Noten
und Einlagen sowie Münzen frei die nationalen Grenzen zur Ab-
wicklung internationaler Zahlungen. Geld kann ohne Hinder-
nisse zwischen den Regionen hin- und herfließen, unabhängig
davon, ob die Regionen demselben Nationalstaat angehören.
Unter einem internationalen freien Bankensystem steuert
keine nationale Zentralbank die nationalen Geldbestände und
keine internationale Zentralbank die globalen. Sie regulieren sich
selbst. Es gäbe wenig Grund, die statistischen Daten der nationa-
len Geldbestände auch nur aufzunehmen, genauso wie es keinen
Grund mehr gäbe, separate Geldbestände für jeden der 50 US-
Bundesstaaten aufzunehmen oder für jedes Land der Eurozone.
Solche subregionalen Geldbestände wären für die Prognose
subregionaler Wirtschaftsaktivitäten nicht verlässlich genug. Eu-
robesitzer können überall in der Eurozone von Verkäufern etwas
erwerben, nicht nur in ihrem Heimatland. Und es gäbe keine
Notwendigkeit, subregionale Geldbestände zu steuern. Geldflüsse
von Nation zu Nation wären kein stärkerer Grund für makro-
ökonomische Bedenken als der Geldfluss von Stadt zu Stadt in-
nerhalb der nationalen Grenzen.

24 Hayek, Monetary Nationalism, S. 4.


25 Ibid.

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Reform der globalen Geldordnung 57

8. Internationaler Goldfluss: Gleichgewichts- oder


Störfaktor?

Das einfachste goldgestützte internationale Geldsystem, das man


in Betracht ziehen kann, ist eine Welt mit zwei Ländern, Rurita-
nien und Sylvanien, wo gleiche Goldmünzen als einziges Zah-
lungsmittel in beiden Ländern benutzt werden. Eine Zahlung
mit Münzen eines Ruritaniers an einen Sylvanier ist nicht anders
als eine Zahlung zwischen zwei Ruritaniern. (In der Tat zeigt die
Geschichte, dass jahrhundertelang am sichersten Goldmünzen
sowohl für große wertmäßige Zahlungen im Inland als auch für
grenzüberschreitende Zahlungen verwendet wurden, sobald sich
der Handel ausweitete.) In einem nur von Edelmetall geprägten
System, wie es bekanntermaßen von David Hume analysiert
wurde, ist der interregionale Netto-Goldfluss sowohl ein Zei-
chen für als auch ein Mittel gegen ein Ungleichgewicht der welt-
weiten Verteilung der Goldbestände und der weltweiten Vertei-
lung der Nachfrage nach Goldbeständen. Es gibt einen Netto-
Fluss an Gold in eine Gegend, wo seine Kaufkraft vergleichsweise
hoch ist, da die Ansässigen, vielleicht, weil ihre Einkommen stei-
gen, größere Geldbestände ansammeln wollen. Diese Goldflüsse
sind selbstbeschränkend. Ein Zufluss ist nicht nur ein Zeichen
eines Nachfrageüberhangs nach Gold, sondern mindert diesen
und seine Kaufkraft unter den Käufern. Unter den Anbietern
steigt die Kaufkraft des Goldes mit dessen Knappheit. Somit lie-
fern diese Gold immer zögerlicher. Der Nachfrageüberhang wird
dann ausgeglichen, wenn die Kaufkraft von Gold in beiden Re-
gionen gleich ist und der Netto-Fluss aufhört.
Ein komplexerer Fall ist der einer „gemischten Währung“ aus
Münzen und bankausgegebenem Geld (Papiernoten und über-
tragbaren Einlagen), wobei Letzteres in Goldmünzen zahlbar ist.
Die klassische Goldwährung wurde oft kritisiert und häufig
wurde interveniert, da ein Abfluss an Gold in den Rest der Welt
(eine Abschöpfung aus dem Ausland) eine kontraktive Auswir-

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58 Lawrence H. White

kung auf die Kreditversorgung in der Nation hatte. Die Kredit-


versorgung stand wie eine umgekehrte Pyramide auf der Basis
des Zentralbankgoldes. Jeder US-Dollar Gold, der von der Zen-
tralbank verloren wurde, erforderte vom Bankensystem, seine
Einlagen – und somit auch seine Kredite – um einige US-Dollar
zu verringern. Eine Goldwährung muss aber nicht diese Art der
Bankenstruktur haben. Wie Hayek wichtigerweise in seinen
Ausführungen über den Monetären Nationalismus und Interna-
tionale Stabilität bemerkt hat, folgte der Abschöpfung aus dem
Ausland nur eine Kreditverknappung, weil die Währungs- und
Kreditsysteme national beschränkt waren, durch die Goldreser-
ven, die das Geld und die Kredite der Nation deckten, die sich in
den Tresoren einer einzigen Zentralbank befanden, anstatt auf
transnationale im Wettbewerb stehende Herausgabebanken ver-
teilt zu sein. Beides waren Entwicklungen, die man durch grö-
ßeren Freiraum im Bankwesen hätte vermeiden können. Die
nationale Beschränkung der Herausgabebanken war auf Ein-
trittsbeschränkungen für das Inland, die transnationale Privat-
kundenbanken verboten, zurückzuführen. Das nationale „Ein-
Reserven-System“, wie es Walter Bagehot genannt hat, entstand
aus einer Gesetzgebung, die einer einzelnen bevorzugten Bank
Privilegien einräumte. Ein freies, international integriertes Ban-
kenwesen hätte ein Abschöpfungsproblem von außen vermieden,
da es keine speziellen nationalen „Bankenpyramiden“ geschaffen
hätte. Wie Hayek feststellte, gäbe es in einem internationalen
freien Bankensystem „keinen Grund, alle monetären Transaktio-
nen innerhalb eines Landes enger zusammenzubinden als die in
anderen Ländern“.
Stellen wir uns zunächst eine grenzüberschreitende Zah-
lung unter einer internationalen Goldwährung mit national be-
schränkter Kreditwirtschaft vor. Smith hat ein Konto bei der
Eagle Bank, die nur in Ruritanien agiert. Smith tätigt eine Zah-
lung an Jones, der diese in der Filiale der Partridge Bank einzahlt,
die nur in Sylvanien tätig ist. Die Begleichung der Zahlung be-

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Reform der globalen Geldordnung 59

deutet an dieser Stelle nicht nur einen Verlust von Reservegeld


der Eagle Bank und einen Zuwachs bei der Partridge Bank, son-
dern auch einen Rückgang von Ruritaniens Goldreserven und
somit die Notwendigkeit, ruritanischen Kredit aufzunehmen.
In einem internationalen freien Bankenwesen hat die Eagle
Bank Filialen in Ruritanien und Sylvanien, ebenso die Partridge
Bank. Die Begleichung einer Zahlung bedeutet immer noch eine
Übertragung von Reserven von der Eagle Bank an die Partridge
Bank, aber impliziert nicht mehr einen Goldtransfer von Rurita-
nien nach Sylvanien oder eine Verknappung des Kredits in Ruri-
tanien. Wenn die Kreditnachfrage in Ruritanien unverändert
bleibt, kann die Partridge Bank an dieser Stelle einsteigen und
die Eagle Bank bei der Erfüllung der Nachfrage aufgrund der
größeren Reserven ablösen.
In einem internationalen freien Bankensystem verliert kein
nationales Bankensystem als solches Reserven durch interregio-
nale Zahlungen, denn es gibt kein nationsspezifisches Bankensys-
tem. Bankausgegebene Noten und übertragbare Einlagen müs-
sen nicht länger nationsspezifisch sein, sondern können weltweit
angenommen werden. (Sollte die internationale Zirkulation pri-
vater Banknoten nicht plausibel erscheinen, bedenken Sie, dass
American Express Travelers Cheques heute weltweit angenom-
men werden.)
Das Zentralbankensystem verschärfte das Problem eines Rück-
gangs nationaler Reserven unter der klassischen Goldwährung,
das aus der nationalen Beschränkung des Filialbankwesens resul-
tierte. Wie Walter Bagehot in seiner klassischen Arbeit Lombard
Street erklärt, war es keine natürliche Entwicklung, dass eine ein-
zige Institution die gesamte Goldreserve des nationalen Banken-
systems hielt, sondern eher das Ergebnis gesetzlicher Beschrän-
kungen der Banken, wenn auch nicht immer beabsichtigt. Die
Bank of England hatte das „alleinige Recht der Notenausgabe“
und auch „das des Depositenbankings“ in London. Bagehot zieht
folgende Schlussfolgerung:

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60 Lawrence H. White

„Mit so vielen Vorteilen gegenüber allen anderen Wettbewerbern ist es


ganz normal, dass die Bank of England alle anderen hinter sich gelas-
sen hat. Unweigerlich wurde sie die Bank in London. Alle anderen
Banker gruppierten sich um sie herum und hinterlegten ihre Reserve
dort. So war unser Ein-Reserve-System nicht bewusst auf bestimmte
Gründe abgestellt, sondern es war die sich fortlaufend entwickelnde
Konsequenz vieler einzelner Ereignisse und der Anhäufung gesetzli-
cher Privilegien einer einzigen Bank, (…) wofür heute keiner mehr
eintreten würde.“26

Andere Nationen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, de-


nen die Bank of England als Modell vorschwebte, förderten be-
wusst die Konzentration von Goldreserven bei einer Zentral-
bank.
Im Gegensatz zu dem künstlichen Ein-Reserven-System führt
Bagehot auf Seite 329 aus, dass „das natürliche Bankensystem
aus vielen Banken besteht, die ihre eigene Barreserve halten, und
mit Konkurs bestraft werden, sollten sie diese nicht einhalten“.
Nur weil England der Bank of England solche Privilegien zugebil-
ligt hatte, kam es zu einem System „einer einzigen Bank, die die
gesamte Reserve hielt, ohne für Fehler effektiv bestraft zu wer-
den“.
Die Fehler bei der Geldversorgung eines Zentralbankensystems
hatten systemische Folgen. Eine Überexpansion der Zentralbank-
verbindlichkeiten wurde nicht durch Verluste der Reserve an an-
dere Banken innerhalb der Innenwirtschaft abgefedert, sondern
versorgte diese anderen Banken mit erhöhten Reserven und ver-
anlasste sie, auch zu expandieren. Eine mannigfaltige Bankenex-
pansion schuf einen nicht aufrecht zu erhaltenden Kreditboom.
Die Korrektur war letztendlich eine Abschöpfung des Goldes
von außen und schmerzhafte Kreditknappheit.
Auch wenn sie nicht auf Zentralbankfehler zurückzuführen

26 Walter Bagehot, Lombard Street: A Description of the Money Market (London:


Henry S. King, 1873), S. 99–100.

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Reform der globalen Geldordnung 61

waren, sondern auf regionale Verschiebungen der monetären


Nachfrage nach Gold, waren Auslandsabschöpfungen im Ein-
Reserven-System problematisch. Als die Zentralbank begann,
Goldreserven in entsprechender Höhe zu verlieren, war sie
gezwungen, Geld auf ihre Bilanz aufzunehmen, wodurch die na-
tionale Geldbasis verringert wurde. Als die Handelsbanken ihre
Reserven schrumpfen sahen, entstand eine vielschichtige Kre-
ditknappheit, was die kurzfristigen Zinsen ansteigen ließ. Wie
Hayek betont, bedeutet eine Kreditrestriktion, dass „der gesamte
Schlag des Rückgangs des Geldstroms auf die Investitionsaktivi-
täten zurückfällt“. Es erfolgte ein künstlicher Anstieg des Zinssat-
zes „über den ‚natürlichen‘ Gleichgewichtszinssatz“. Investoren
waren gezwungen, „Gelder aufzugeben, die sie produktiv inves-
tiert hätten“. Investitionspläne konnten nicht eingehalten wer-
den und es begann eine Rezession. Die Aktionen der Zentral-
bank schufen eine „Störung, die alle Eigenschaften einer rein
monetären Störung beinhaltet, die nämlich Veränderungen aus-
löst, … die … nicht auf irgendwelchen entsprechenden Verände-
rungen der zugrunde liegenden realen Fakten“ von Geschmack,
Technologie oder Ressourcen beruhen.27
Die nationale Beschränkung der Handelsbanken in Verbin-
dung mit dem Ein-Reserven-System der Nation bedeutete daher,
dass internationale Geldflüsse zu Kreditversorgungsstörungen
im Inland führten. In einem System des ganzheitlich integrierten
Filialbankensystems würden solche Nebenwirkungen nicht auf-
treten. Es gibt keinen Grund für eine übertriebene nationale Ver-
knappung von Bankkrediten oder monetären Verbindlichkeiten.
Ein Nachfrageüberhang wird keine Nation belasten, wenn in
einer anderen ein Angebot besteht.

27 Hayek, Monetary Nationalism, S. 28–31.

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62 Lawrence H. White

9. Stabilität

Ein internationales freies Bankensystem ist besser gerüstet als


ein internationales Zentralbankensystem, um Geldstabilität zu
wahren. Wie George Selgin und ich an anderer Stelle erklärt ha-
ben, würde das Verhältnis von bankausgegebenem Geld zu Gold
automatisch als Reaktion auf die Veränderungen der Nachfrage
nach bankausgegebenem Geld variieren und daher eher zu
Gleichgewichts- als Ungleichgewichtsanpassungen der Geld-
menge führen.28
Im Gegensatz dazu hätte eine Weltzentralbank in keiner Weise
das Wissen, das für die Simulation des Wettbewerbsergebnisses
notwendig ist. Sie wäre ein Monopolist ohne Wettbewerbsdis-
ziplin und ohne Resonanz vom Markt.

10. Der Internationale Währungsfonds

Gibt es eine nützliche Rolle des IWF innerhalb der Goldwäh-


rungspolitik mit internationalem freiem Bankenwesen? Nein.
Der IWF erfüllt nicht einmal heute eine nützliche Rolle.
Der IWF wurde gegründet, um die Kurskrise des Bretton-
Woods-Systems in den Griff zu bekommen, eine Krise, die auf-
trat, als eine nationale Zentralbank eine Geldpolitik verfolgte,
die nicht im Einklang mit der Erhaltung des festen Wechsel-
kurses der Währung stand. In einem internationalen freien
Bankensystem gibt es keine nationalen Zentralbanken, die eine
Politik verfolgen, die zu solchen Problemen führt. Ein Kreditins-

28 George A. Selgin and Lawrence H. White, „How Would the Invisible Hand
Handle Money?“, Journal of Economic Literature 32 (December 1994),
S. 1718–1749. Siehe auch George A. Selgin, The Theory of Free Banking: Money
Supply Under Competitive Note Issue (Totowa, N. J.: Rowman and Littlefield,
1988).

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Reform der globalen Geldordnung 63

titut ist vertraglich gebunden (und ohnehin sehr auf seinen Ruf
bedacht), eine Goldrückzahlung zum vertraglich vereinbarten
Kurs zu gewähren. Abwertung ohne negative Konsequenzen ist für
das Kreditinstitut keine Option, im Gegensatz zu den Zentral-
banken. Somit verschwindet die Begründung für die Existenz des
IWF. Die klassische Goldwährung hat sich auch ohne ihn geregelt.
Selbst in einer Welt der immateriellen Zwangswährungen ver-
schwindet der Sinn des IWF, wenn Länder nur klar frei schwan-
kende Wechselkurse annehmen oder sich mit einer externen
Währung zusammenlegen (Dollarisierung und Euroisierung).

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THORSTEN POLLEIT

Freiheit und das Sound Money Principle

1. Einleitung

Das heutzutage in allen bedeutenden Wirtschafts- und Wäh-


rungsräumen anzutreffende Geldsystem, in dem die staatliche
Zentralbank das Geldangebotsmonopol hält und Geld (im We-
sentlichen) durch die Kreditvergabe der Geschäftsbanken ge-
schaffen wird, ist – wenngleich auch von der Mainstream-Öko-
nomik wohl einhellig als State-of-the-Art akzeptiert – aus Sicht
der Österreichischen Schule der Ökonomik ein wahrlich Unheil
bringender Fremdkörper im System der freien Märkte.
Das Staatsgeldsystem provoziert zwangsläufig Wirtschafts-
und Finanzkrisen, so zeigen die Ökonomen der Österreichischen
Schule überzeugend auf. Der Grund: Im Staatsgeldsystem wird
die Geldmenge per Kreditexpansion in nichtmarktkonformer
Weise und sprichwörtlich „aus dem Nichts“ geschaffen, also
ohne dass dafür eine entsprechende Ersparnis notwendig wäre.
Durch die wirtschaftlichen Schäden, die das Staatsgeldsystem
verursacht, und die politischen Konsequenzen, die so in Gang
gesetzt werden, untergräbt es nach und nach das Fundament der
freiheitlichen Gesellschaftsordnung.
Ludwig von Mises (1881–1973), der wohl bedeutendste Ver-
treter der Österreichischen Schule, schrieb in seinem ursprüng-
lich im Jahre 1912 erschienenen Buch Theorie des Geldes und der
Umlaufsmittel (in der englischen Übersetzung The Theory of Mo-
ney and Credit [1981], S. 488): “It would be a mistake to assume
that the modern organization of exchange is bound to continue
to exist. It carries within itself the germ of its own destruction;
the development of the fiduciary medium [d. h. Geld, das nicht

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68 Thorsten Polleit

durch Ersparnisse gedeckt ist, A. d. V.] must necessarily lead to its


breakdown.”
Die weitverbreitete antikapitalistische Mentalität führt regel-
mäßig dazu, so Mises, dass die wirtschaftlichen Miseren wie Re-
zessionen und (Massen-)Arbeitslosigkeit in der Öffentlichkeit
als Versagen des freien Marktsystems (um-)gedeutet werden.
Nicht das staatliche Geldsystem, in dem staatliche Zentralban-
ken das Monopol für die Geldproduktion halten und in dem
Geld per Bankkredit1 aus dem Nichts geschaffen wird, wird als
Ursache der Missstände identifiziert, sondern das „Übel“ wird
fälschlicherweise im kapitalistischen Wirtschaftssystem erblickt.
Das Ziel des vorliegenden Aufsatzes ist es zum einen, die Wir-
kungsweise des herrschenden Staatsgeldsystems aus Sicht der
Lehre der Österreichischen Schule zu betrachten; hierzu zählt
insbesondere das Erläutern der Rolle des Staatsgeldangebots für
Wirtschafts- und Finanzkrisen und deren Rückwirkungen auf
die Freiheit.2 Zum anderen soll gezeigt werden, dass ein System
des Free Banking die Krisenursachen des Staatsgeldsystems be-
hebt und wie ein Überführen des Staatsgeldsystems in ein Free
Banking aussehen könnte. Vor diesem Hintergrund ist der Rest
des Aufsatzes wie folgt gegliedert.
Zunächst wird das Sound Money Principle, wie es Ludwig von
Mises formulierte, vorgestellt (2.). Danach werden Wirtschafts-
und Finanzkrisen als Folge des staatlichen Geldsystems, wie von
der monetären Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule

1 Mises spricht von Zirkulationskredit, wenn er den Bankkredit meint, durch


den neues Geld geschaffen wird (etwa durch Einräumung neuer Depositen).
Die andere Form ist der Sachkredit, durch den lediglich vorhandenes Geld
vom Sparer zum Investor übertragen wird.
2 Freiheit wird hier im Sinne von Rothbards (naturrechtlicher, rationalistisch-
ethischer) Position verstanden, nach der Freiheit sich durch das Recht auf die
persönliche körperliche Unversehrtheit des Einzelnen sowie sein Recht auf
den vollen Genuss der Erträge, die er aus eigener Hände Arbeit erwirtschaftet,
definiert. Siehe hierzu z. B. Rothbard (2004).

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Freiheit und das Sound Money Principle 69

der Ökonomik erklärt, skizziert und die politökonomischen Fol-


gen herausgestellt (3.). Daran schließt sich die Betrachtung eines
freien Marktgeldsystems (Free Banking) an (4.). Abschließend
wird die Strategie von Murray N. Rothbard (2008), das staatliche
Geldsystem in ein freies Marktgeldsystem zu überführen, erläu-
tert (5.).

2. Mises’ Sound Money Principle

Mises’ Arbeiten zeigen, dass gutes Geld ein Geld ist, das durch
den freien, ungehinderten Marktprozess bereitgestellt wird. Denn
nur freies Marktgeld fügt sich nahtlos in eine freiheitliche, d. h.
kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ein, die
sich durch den unbedingten Respekt vor dem Privateigentum
der Individuen auszeichnet, das wiederum für alle Beteiligten
vorteilhafte Markttransaktionen sichert.
Staatliches Monopolgeld läuft den Prinzipien der freiheitli-
chen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht nur zuwider,
es untergräbt sie vielmehr; Staatsgeld und eine freiheitliche Ge-
sellschaftsordnung sind unvereinbar.3 Die Geldproduktion ist
abgekoppelt von den Transaktionen, die in einem Marktsystem
den Wohlstand vermehren: Dies sind Landnahme (Homestead-

3 In seiner Schrift „What has Government done to our Money?“ aus dem Jahre
1963 machte Rothbard deutlich, dass das heutige staatliche Fiat-Geldsystem
nur durch einen staatlichen Enteignungsakt der Goldbesitzer etabliert werden
konnte; diese Konklusion folgt aus Mises’ Regressionstheorem. An dieser Stelle
ist anzumerken, dass bereits Carl Menger (1840–1921) eine (logisch-histo-
rische) theoretische Erklärung des Entstehens des Geldes entwickelte. Danach
hat sich Geld spontan aus dem freien Marktgeschehen herausgebildet. Dem-
jenigen Gut, das am vergleichsweise besten die Tauschmittelfunktion erfüllt,
wurde die Geldfunktion zugewiesen. Mises zeigte dann im Zuge seines Re-
gressionstheorems im Jahre 1912 logisch auf, dass Geld aus einem Sachgut mit
intrinsischem Wert entstanden sein muss.

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70 Thorsten Polleit

ing), Produktion und Handel. Das Staatsgeld, das durch Kredit-


vergabe aus dem Nichts geschaffen wird, ist notorisch inflatio-
när, und so sind Transaktionen mit Staatsgeld nicht mehr für alle
teilnehmenden Marktparteien gleichermaßen vorteilhaft.4
Zudem führt das Staatsgeld, das durch Kreditvergabe aus dem
Nichts geschaffen wird, zwangsläufig zu Konjunkturzyklen; die
Wirkungsweise wird weiter unten noch näher erläutert. Die da-
durch ausgelösten Boom-and-Bust-Zyklen werden von der Öf-
fentlichkeit zumeist dem System der freien Marktwirtschaft
zugeschrieben und durch das Eingreifen des Staates in das
Marktgeschehen – durch Gebote, Verbote, Regulierungen, Um-
verteilungen – verspricht man sich Abhilfe von den Missständen.
Vor dem Hintergrund des Befundes, dass das Staatsgeldsystem
wirtschaftliche Schäden verursacht, deren politische Heilungs-
versuche die freie Marktordnung zusehends aushebeln, lässt sich
Ludwig von Mises’ Prinzip des guten Geldes (Sound Money Prin-
ciple) erklären:5 “[T]he sound-money principle has two aspects.
It is affirmative in approving the market’s choice of a commonly
used medium of exchange. It is negative in obstructing the
government’s propensity to meddle with the currency system.”6
“It is impossible to grasp the meaning of the idea of sound mo-
ney if one does not realize that it was devised as an instrument
for the protection of civil liberties against despotic inroads on
the part of governments. Ideologically it belongs in the same
class with political constitutions and bills of right.”7
Das Geldsystem, das mittlerweile in allen großen Wirtschafts-

4 Siehe hierzu auch Hülsmann, J. G. (2009), The Ethics of Money Production,


Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama.
5 Mises fügte „Part Four: Monetary Reconstruction“, verfasst im Jahre 1952, in
die Neuauflage seines ursprünglich 1912 erschienen Buches mit dem Titel
Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel (Englisch: „The Theory of Money and
Credit“) ein, das 1953 erschien.
6 Mises (1981), S. 455.
7 Ebenda, S. 454.

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Freiheit und das Sound Money Principle 71

räumen der Welt Fuß gefasst hat, könnte also nicht weiter von
Mises’ Sound Money Principle entfernt sein: Überall halten staat-
liche Zentralbanken das Monopol über die Geldmenge. Geld
wird durch die Kreditgewährung der Geschäftsbanken aus dem
Nichts „geschöpft“. Die Bedeutung dieses Geldsystems für Wirt-
schafts- und Finanzkrisen soll nun skizziert werden.

3. Wirtschafts- und Finanzkrisen als Folge des


Staatsgeldes

Im Staatsgeldsystem senkt das Ausweiten der Geldmenge per


Bankkredit den Marktzins „künstlich“ unter sein natürliches Ni-
veau, das durch die Zeitpräferenz der Gesellschaft bestimmt ist.8
Durch das künstliche Absenken des Marktzinses werden Investi-
tionen angeregt, die ohne ein Heruntermanipulieren des Zinses
nicht angegangen worden wären und deren wirtschaftlicher Er-
folg davon abhängt, dass die Zinsen niedrig bleiben (oder aber in
der Folge noch weiter abgesenkt werden).
Der künstlich gesenkte Zins sorgt zudem dafür, dass aus dem
laufenden Einkommen weniger gespart und mehr konsumiert
wird, und gleichzeitig steigt zusätzlich die Investitionsnachfrage,
finanziert durch die Kredit- und Geldmengenausweitung.9 Die
monetäre Nachfrage übersteigt damit die Ressourcenkapazitäten
der Volkswirtschaft und schlägt sich früher oder später in sicht-
baren Preissteigerungen (Inflation) von Konsumenten-, Investi-
tionsgüter- und/oder Vermögenspreisen (Asset Price Inflation)
nieder.
Dabei löst das künstlich gesenkte Zinsniveau eine intertem-

8 Für die Erklärung des Zinses aus Sicht der Österreichischen Schule siehe z. B.
Rothbard (2004), Part 6, Production: The Rate of Interest and Its Determina-
tion, S. 313–386.
9 Siehe in diesem Zusammenhang auch z. B. Garrison (2004).

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72 Thorsten Polleit

porale Verzerrung der Produktionsstruktur aus: Immer mehr


knappe Ressourcen werden in zeitintensive Produktionsprozesse
gelenkt; eine Erkenntnis, auf die bereits Eugen von Böhm-Ba-
werk (1851–1914) in seinen Arbeiten hinwies und die er als An-
steigen der „Umwegsproduktion“ bezeichnete. Die Produktions-
struktur passt sich also an das manipulierte Zinsniveau an.
Früher oder später jedoch treten die aufgelaufenen Ungleich-
gewichte zutage, entweder, weil die Inflation für alle sichtbar
ansteigt, die reale Kassenhaltung vermindert und die Nachfrage
absenkt (sodass Teile der Produktionsergebnisse zu herrschen-
den Preisen keine Käufer mehr finden) oder weil die Eigner der
Banken nicht mehr bereit sind, mit ihrem Kapitaleinsatz fällig
werdende Kredite zu refinanzieren oder gar neue Kredite zu ver-
geben – etwa, weil sie fürchten, Schuldner könnten ihrem Schul-
dendienst nicht mehr nachkommen.
In einem solchen Umfeld würde – vorausgesetzt die Zentral-
bank greift nicht zu weiteren expansiven Maßnahmen – das
Zinsniveau vermutlich ansteigen, weil damit zu rechnen ist, dass
sich in Zeiten erhöhter Unsicherheit (etwa über die erwartete
Rentabilität der Investitionen) die Zeitpräferenz der Marktak-
teure erhöht. Unrentable Investitionen würden liquidiert, Bank-
kredite müssten zurückgezahlt werden und das Kreditangebot
und die Geldmenge würden schrumpfen. Die Volkswirtschaft
würde sich im Zuge einer „Bereinigungsrezession“ und Defla-
tion auf ihr (ursprüngliches) Gleichgewicht zurückbewegen.
Doch solch eine Anpassungsrezession – selbst wenn sie not-
wendig ist, um die Fehlallokationen einer monetären Störung
abzubauen – ist politisch meist unerwünscht. Schon wenn die
Konjunktur sich einzutrüben droht, werden die Zentralbanken
aufgerufen – z. B. von Regierungspolitikern, Unternehmensver-
bänden, Gewerkschaften und keynesianisch gesinnten Ökono-
men –, die Korrektur der aufgelaufenen Fehlentwicklungen mit
einem weiteren Absenken des Marktzinses durch ein Ausweiten
des Kredit- und Geldangebots zu „bekämpfen“.

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Freiheit und das Sound Money Principle 73

Eine solche Geldpolitik löst jedoch nicht etwa die von ihr ver-
ursachte Fehlentwicklung, sondern kann allenfalls ihre Bereini-
gung in die Zukunft verlagern; die durch zusätzliches Geld ange-
heizte Scheinblüte wird quasi abgelöst von einer neuen monetär
verursachten Scheinblüte. Das fortwährende Aufschieben der
Bereinigungsrezession kann dann jedoch den Korrekturbedarf
so weit vergrößern, dass das Kredit- und Geldsystem letztlich zu-
sammenbricht, weil die Gesamtverschuldung der Volkswirt-
schaften relativ zum Einkommen im Zeitablauf immer weiter
anwächst und zu einer nicht mehr tragbaren Schuldenlast führt.
Wie aber sähe der Kredit- und Geldangebotsprozess aus in
einem System des freien Marktgeldes? Könnten die wirtschaft-
lichen Störungen, die das Staatsgeldsystem verursacht, und seine
interventionistischen Konsequenzen verhindert werden? Diese
Fragen sollen im nun folgenden Teil adressiert werden, der die
Funktionsweise des Bankgeschäfts in einem System des Free
Banking illustriert.

4. Bankgeschäft im System des freien Marktgeldes

Ein freies Marktgeldsystem liefe auf ein System des Free Banking
hinaus: Den Marktakteuren stünde es frei, das Geld(-Medium)
zu wählen und jederzeit und ungehindert in das Einlagen- und
Kreditvergabegeschäft ein- und auszutreten.10 Im Free Banking

10 Auf den Geldvermehrungsprozess (durch marktkonforme Transaktionen)


wird hier nicht gesondert eingegangen. Es sei lediglich angemerkt, dass aus
Sicht von z. B. Rothbard ein Ausweiten der Geldmenge für eine gedeihliche
Wirtschaftsentwicklung nicht notwendig ist; diese Position steht im krassen
Gegensatz zur weitverbreiteten Auffassung, dass eine wachsende Wirtschaft
eine wachsende Geldmenge braucht. Doch vor dem Hintergrund des Be-
fundes, dass die einzige Funktion, die Geld erfüllt, die Tauschmittelfunktion
ist, leitet Rothbard ab, dass eine Vermehrung der Geldmenge keinerlei ge-
sellschaftlichen Nutzenzuwachs mit sich bringt, sondern dass eine Geldmen-

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74 Thorsten Polleit

sind Banken keine Geldproduzenten mehr, sondern Lagerstätten


(Custodians) für Geld. Sie verwahren und sichern das eingela-
gerte Geld, können darüber hinaus aber auch Zahlungsverkehrs-
dienste (Settlement) anbieten. Im Kreditgeschäft – das strikt
getrennt ist vom Einlagengeschäft – leiten sie vorhandene Geld-
bestände weiter. Ein einfaches Beispiel soll das illustrieren.
A lagert sein Geld (Gold) in Höhe von 100 Feinunzen bei der
Geldlagerstätte ein (Abb. 1). Dafür gibt Letztere einen Geldlager-
haus-Schein aus, der als Geld fungiert. Er berechtigt seinen Hal-
ter zum jederzeitigen Umtausch in 100 Feinunzen Gold beim
Geldlagerhaus. In der Bilanz von Herrn A vollzieht sich durch die
Einlage ein Aktivtausch. Das Geldlagerhaus weist den Geldbe-
stand nicht als Aktivposten in der Bilanz aus, da es keinerlei Ver-
fügungsrechte über das Gold erhalten hat.11

Abb. 1 Einlagegeschäft

Aktiva Bilanz von A Passiva


Gold (Unzen) 100
– 100
Geldlagerhaus-Schein + 100
= 100 = 100

Geldlagerhaus
Lager: Gold (Unzen) + 100
(Geldlagerhaus-Schein + 100)

genausweitung lediglich den Tauschwert des Geldes vermindert: “We come to


the startling truth that it doesn’t matter what the supply of money is. Any
supply will do as well as any other supply.” Rothbard (2005), S. 41. Gleichwohl
akzeptiert Rothbard natürlich das Ausweiten der Geldmenge, wenn sie Ergeb-
nis des freien Marktes ist.
11 Siehe hierzu auch Rothbard (2008), S. 87.

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Freiheit und das Sound Money Principle 75

Abb. 2 zeigt die Folgen, wenn der Geldlagerhaus-Schein zu Zah-


lungszwecken verwendet wird. Kauft z. B. A von B Güter zum
Preis von 100 Feingoldunzen, kommt es in den Bilanzen der Han-
delnden jeweils zu einem Aktivtausch: A tauscht den Geldlager-
haus-Schein gegen Güter, bei B ist es umgekehrt. Die Lagerhal-
tung der Bank wird dadurch nicht berührt; dies gilt natürlich
nicht nur für den baren Zahlungsverkehr, sondern auch für den
bargeldlosen (der sich in gleicher Weise darstellen lässt).

Abb. 2 Tausch von Gütern gegen Geldlagerhaus-Schein

Aktiva Bilanz von A Passiva


Geldlagerhaus-Schein 100
– 100
Güter + 100
= 100 = 100

Aktiva Bilanz von B Passiva


Güter 100
– 100
Geldlagerhaus-Schein + 100
= 100 = 100

Geldlagerhaus
Lager: Gold (Unzen) + 100
(Geldlagerhaus-Schein + 100)

An dieser Stelle soll zusätzlich die indirekte Kreditvergabe – d. h.


die Kreditvergabe durch Einschaltung eines Intermediärs, näm-
lich einer Bank, illustriert werden (Abb. 3). In einem Free Ban-
king käme es – eigentumsrechtlich bedingt – zu einer Trennung
zwischen Einlagen- und Kreditvergabegeschäft.12 Wenn die Bank

12 Für die Erläuterungen der rechtlichen und wirtschaftlichen Unterschiede


zwischen Einlagen- und Kreditgeschäft siehe z. B. de Soto (2006), S. 19.

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76 Thorsten Polleit

Kredite vergeben will, muss sie sich das Geld (Geldlagerhaus-


Schein) vom Geldhalter (hier A) per Kreditaufnahme beschaffen
(etwa, indem sie A eine Anleihe im Tausch gegen den Geldlager-
haus-Schein anbietet). Durch die Kreditvergabe der Bank an B
wird der Geldlagerhaus-Schein dem Kreditnehmer verfügbar ge-
macht.

Abb. 3 Indirekte Kreditvergabe

Aktiva Bilanz von A Passiva


Geldlagerhaus-Schein 100
– 100
Forderung gegenüber Bank + 100
= 100 = 100

Vermögen Bilanz von B Verbindlichkeiten


Geldlagerhaus-Schein + 100 Verbindlichkeit vis-à-vis + 100
Bank
= 100 = 100

Vermögen Bank Verbindlichkeiten


Geldlagerhaus-Schein + 100 Verbindlichkeit vis-à-vis A + 100
– 100
Kredit an B + 100
= 100 = 100

Geldlagerhaus
Lager: Gold (Unzen) + 100
(Geldlagerhaus-Schein + 100)

Abschließend soll nun noch die Kreditvergabe im Teilreserve-


system illustriert werden (Abb. 4). Es sei angenommen, dass A
eine Deposite in Höhe von 100 Goldunzen beim Geldlagerhaus
eingelagert hat. Das Geldlagerhaus weist nunmehr den Gold-
bestand als Aktivposten in seiner Bilanz aus. Daraufhin vergibt

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Freiheit und das Sound Money Principle 77

das Geldlagerhaus einen Kredit in Höhe von 80 Unzen an B


und emittiert dabei gleichzeitig neue Geldlagerhaus-Scheine
(Geld).

Abb. 4 Kreditvergabe im Teilreservesystem

Vermögen Bilanz von A Verbindlichkeiten


Gold (Unzen) 100
– 100
Geldlagerhaus-Schein + 100
= 100 = 100

Vermögen Bilanz von B Verbindlichkeiten


Geldlagerhaus-Schein + 100 Verbindlichkeit vis-à-vis + 100
Bank
= 100 = 100

Vermögen Bilanz des Geldlagerhauses Verbindlichkeiten


Gold von A (Unzen) + 100 Geldlagerhaus-Schein + 100
Kredit an B + 80 Geldlagerhaus-Schein + 80
= 180 = 180

Durch die Kreditvergabe steigt die Kredit- und Geldmenge um


80 Geldeinheiten – obwohl die Ersparnis (d. h. der Teil des Ein-
kommens, der nicht für Konsumgüter ausgegeben wird), die für
eine Kreditvergabe zur Verfügung steht, sich nicht verändert hat
(sie beträgt null im obigen Beispiel). Die monetäre Nachfrage
übersteigt damit die für Konsum- und Investitionszwecke ver-
fügbaren Ressourcen. Das zusätzliche Kreditangebot senkt den
Marktzins unter sein natürliches, von der Zeitpräferenz bestimm-
tes Niveau und der monetäre Konjunkturzyklus, wie ihn die Ös-
terreichische Schule erklärt, nimmt seinen Lauf.
Die umlaufenden Geldlagerhaus-Scheine sind nicht vollstän-
dig gedeckt durch die Geld- bzw. Goldmenge. In einem freien

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78 Thorsten Polleit

Marktgeldsystem, in dem sich ein Sachgut, z. B. Gold, als Geld


etabliert hat, wäre ein Teilreservebankgeschäft (d. h. eine Reserv-
ehaltung von weniger als 100 Prozent der Sichtverbindlichkei-
ten) betrügerisch; es würde in gängigen Rechtsordnungen als
Straftat zu werten sein.13
Die obigen Illustrationen haben zudem deutlich gemacht,
dass sich in einem freien Marktgeldsystem das Bankgeschäft sig-
nifikant von der heute gängigen Praxis unterscheiden würde:
Das Einlagengeschäft wäre kein Refinanzierungs-, sondern ein
Verwahrungsgeschäft; und das Kreditvergabegeschäft würde le-
diglich ein Weiterleiten von vorhandenen Geldbeständen sein,
würde also nicht zum Vermehren der Geldmenge führen.
Das freie Marktgeldsystem würde die Ursache der Konjunk-
turzyklen – ausgelöst durch das künstliche Absenken des Zinses
unter sein natürliches Niveau – beseitigen. Die Entwicklung des
Kredit- und Geldangebots würde wieder in Übereinstimmung
gebracht mit den Prinzipien der freien Marktordnung und zwi-
schen Marktzins und natürlichem Zins gäbe es keine politisch
induzierten (dauerhaften) Divergenzen.

5. Rückkehr zu freiem Marktgeld

Mises sah früh, dass eine umfassende Reform der herrschenden


Staatsgeldordnung unumgänglich sei: “The wavelike movement
affecting the economic system, the recurrence of periods of

13 Hoppe, Hülsmann und Block (1998). An dieser Stelle sei lediglich darauf
hingewiesen, dass die Diskussion über die Frage, ob eine Teilreserve von we-
niger als 100 Prozent möglich ist/sein darf, nach wie vor nicht abgeschlossen
scheint. Während z. B. Hoppe, Hülsmann und Block (1998) und Hülsmann
(2003) für eine 100-prozentige Reservehaltung eintreten, stehen ihnen Selgin
und White (siehe hierzu z. B. Selgin [1987, 1988], Selgin and White [1996],
White [1993], White [1992], White [1989]) gegenüber mit Forderungen nach
einer weniger als 100-prozentigen Teilreserve.

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Freiheit und das Sound Money Principle 79

boom which are followed by periods of depression, is the una-


voidable outcome of the attempts, repeated again and again, to
lower the gross market rate of interest by means of credit expan-
sion. There is no means of avoiding the final collapse of a boom
brought about by credit expansion. The alternative is only whe-
ther the crisis should come sooner as the result of a voluntary
abandonment of further credit expansion, or later as a final and
total catastrophe of the currency system involved.”14
Der eine Weg ist, die Fehlentwicklungen des staatlich mono-
polisierten Geldangebots mit immer mehr Markteingriffen be-
heben zu wollen: also auf den Interventionismus mit noch mehr
Interventionismus zu antworten. Das würde die Volkswirtschaf-
ten jedoch absehbar immer tiefer in das Gestrüpp der Staatsein-
griffe führen und früher oder später die bürgerlichen und unter-
nehmerischen Freiheitsgrade – und damit die Grundlage für
Wachstum und Wohlstand – radikal beschneiden oder gänzlich
zerstören.
Der andere Weg ist, das Kredit- und Geldsystem zu privatisie-
ren und das Geld wieder zu dem zu machen, was es ursprünglich
einmal war: ein Phänomen des freien Marktes. In seiner Voraus-
sicht erarbeitete Mises bereits in den frühen Fünfzigerjahren des
vergangenen Jahrhunderts einen Vorschlag, um das „entfesselte
Papiergeldsystem“ wieder im Gold zu verankern – und damit den
Weg zurück zum freien Marktgeld zu ebnen.15 Sein Schüler Mur-
ray N. Rothbard (1926–1995) errichtete nachfolgend eine eigene,
auf Praxiserfordernisse zugeschnittene Mehrstufen-Strategie.16

14 Mises (1996), S. 572.


15 Mises fügte einen solchen Vorschlag (den er im Jahre 1952 verfasste) als Teil 4
„Monetary Reconstruction“ in die amerikanische Ausgabe von The Theory of
Money and Credit aus dem Jahre 1953 ein. Siehe Mises (1981), S. 453.
16 Siehe hierzu Rothbard (2008), S. 263 ff. Weitere Vorschläge für die Rückkehr
zu einem freien Marktgeld stammen z. B. von de Soto (2006), S. 715–812;
Sennholz (1979); ders. (1985). Für eine kritische Würdigung der Vorschläge
siehe Bagus (2008), S. 131–157.

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80 Thorsten Polleit

In einem ersten Schritt wären nach Rothbard die Papiergeld-


mengen in einem festen Umtauschverhältnis an die Goldbestände
zu binden, die noch in den Kellern der Zentralbanken lagern.17
Gleichzeitig erhielten die Geldhalter das Recht, ihre Guthaben
jederzeit in eine entsprechende Menge Feingold umtauschen zu
können. In einem zweiten Schritt könnte das Bankensystem voll-
ständig privatisiert und in ein System des Free Banking überführt
werden. Das Papiergeld würde einen Anker erhalten und die
Marktkräfte könnten frei entscheiden, ob neben Gold auch an-
dere Medien als Geld Verwendung finden.
Ein solcher Regimewechsel würde vermutlich einen nicht un-
bedeutenden Verlust des Tauschwertes des Geldes zum Vorschein
bringen. Denn da sich nicht unbedeutende Goldmengen in pri-
vaten Händen befinden, würden auch sie Geldfunktion erlan-
gen – möglicherweise zusätzlich auch weitere Edelmetalle. Die
gesamte Geldmenge würde also durch die Umstellung (einma-
lig) ansteigen und damit auch die Güterpreise. Doch die offen-
sichtlich werdenden Verluste für die Halter des Papiergeldes und
den auf in Papiergeld denominierten Zahlungsversprechen sind
ohnehin bereits unwiderruflich entstanden.
Wird nämlich der Weg in die Deflation gewählt, so werden
Sicht-, Termin- und Spareinlagen sowie Bankschuldverschrei-
bungen ausfallen, weil diese Verbindlichkeiten nicht mehr (in
vollem Umfang) bedient werden können und den Geldhaltern
und Investoren Verluste bescheren. Sollten die Zentralbanken
die Verluste der Banken durch neu gedrucktes Geld finanzieren,
folgt daraus Inflation, die den Geldwert schmälert. Weiten die
Regierungen die Staatsverschuldung aus, um den Verlustausweis
bei den Banken zu vermeiden, wird die offene Rechnung ledig-
lich von der laufenden auf die künftige Generation der Steuer-
zahler abgewälzt. Spätestens sie werden mit der Schuldenlast

17 So jüngst auch die Forderung von Reismann (2008); siehe auch ders. (1998),
S. 954 ff.

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Freiheit und das Sound Money Principle 81

konfrontiert sein, deren Begleichung man jetzt mit allen Mitteln


ausweichen will.
Wie man es auch drehen und wenden mag: Mit dem staat-
lichen Papiergeld haben sich die Volkswirtschaften auf einen un-
heilvollen Pfad eingelassen, einen Pfad, auf dem sie mit immer
mehr Kredit und Geld und immer niedrigeren Zinsen der un-
ausweichlichen Bereinigungskrise zu entkommen suchen, die die
Geldpolitik des unablässigen Ausweitens von Kredit und Geld zu
immer niedrigeren Zinsen unausweichlich gemacht hat. Es wäre
trügerisch, von den Kunstgriffen der Regierungen und ihren
Zentralbanken eine Lösung für den entstandenen Schaden zu er-
hoffen, sodass auf diese Weise ein System des dauerhaft verläss-
lichen Geldes geschaffen werden könnte. Um den entstandenen
Schaden nicht noch weiter in die Höhe zu treiben, ist eine Re-
form der Geldordnung bitter nötig. Das Privatisieren des Geldes
drängt sich mittlerweile geradezu auf.

Literatur

Bagus, P.: Monetary Reform and Deflation – A Critique of Mises,


Rothbard, Huerta de Soto and Sennholz, in: New Perspectives
on Political Economy, Vol. 4. No. 2, 2008, S. 131–157.
de Soto, J. H.: Money, Bank Credit, and Economic Cycles, Ludwig
von Mises Institute, Auburn, Alabama 2006.
Garrison, R. W.: Overconsumption and Forced Saving in the
Mises-Hayek Theory of the Business Cycle, in: History of Po-
litical Economy, Vol. 36, No. 2, 2004.
Hoppe, H.-H./Hülsmann, J. G./Block, W.: Against Fiduciary Me-
dia, in: Quarterly Journal of Austrian Economics, vol.1, no. 1,
1998, S. 19–50.
Hülsmann, J. G.: Has Fractional-Reserve Banking Really Passed
the Market Test?, Independent Review, vii, no. 3, 2003, S. 399–
422.

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82 Thorsten Polleit

Menger, C.: Principles of Economics, New York 1981 [1871].


Mises, L. v.: Human Action, A Treatise on Economics, 4th ed., Fox
& Wilkes, San Francisco 1996.
Mises, L. v.: Human Action, 4th ed., Fox & Wilkes, San Francisco
1996.
Mises, L. v.: The Theory of Money and Credit, New Haven, In-
dianapolis 1981 [1912, 1934].
Reisman, G.: Our Financial House of Cards, Mises Daily Article,
March 25, 2008.
Reisman, G.: Capitalism, James Books, Ottawa, Illinois 1998.
Rothbard, M. N.: The Mystery of Banking, 2nd ed., Ludwig von
Mises Institute, Auburn, Alabama 2008 [1983].
Rothbard, M. N.: What Has Government Done to Our Money?,
Ludwig von Mises Institute, Auburn, Alabama 2005 [1963].
Rothbard, M. N.: Man, Economy, and State, Ludwig von Mises
Institute, Auburn, Alabama 2004 [1962].

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GEORGE SELGIN

Zentralbanken als Ursache finanzieller Instabilität

Die jetzige Finanzkrise hat den Jekyll-und-Hyde-Charakter der


heutigen Zentralbanken entlarvt. Sie hat unsere absolute Abhän-
gigkeit von solchen Banken als Instrumente, die für den kontinu-
ierlichen Geldfluss in den Nachwehen der Krise sorgen, deutlich
gemacht sowie auch die Möglichkeiten derselben Institutionen,
finanzielle Booms zu schüren, die solch schwere Finanzkrisen
erst möglich machen.
Trotzdem betonen theoretische Betrachtungen des Zentral-
bankenwesens fast ausschließlich dessen stabilisierende Wirkung,
d. h. die Rolle der Zentralbanken beim Wachstumsmanagement
der nationalen Geldbestände und als Kreditgeber letzter Instanz
für in finanzielle (und manchmal in nicht finanzielle) Schwierig-
keiten geratene Firmen in Zeiten finanzieller Bedrängnis. Diese
einseitige Behandlung der Zentralbanken spiegelt sowohl die
normative Art vieler theoretischer Arbeiten zum Thema wieder
(d. h. die Tendenz, sich auf das ideale anstatt auf das tatsächliche
Verhalten der Zentralbank zu konzentrieren) als auch die nor-
malerweise stillschweigende Annahme, dass Zentralbanken,
seien sie auch noch so weit von einer idealen, finanzstabilisieren-
den Politik entfernt, jedenfalls erfolgreich bei der Eingrenzung
von Booms oder Krisen wären, die ohne die zentrale Geldkont-
rolle noch extremer ausfallen würden.
Ich schlage vor, dass wir diese konventionelle Behandlung
einmal infrage stellen und argumentieren, dass Zentralbanken
grundsätzlich destabilisierend wirken, d. h. dass die Finanzsys-
teme mit ihnen instabiler sind, als sie es ohne sie wären. Um die-
ses Argument zu bekräftigen, muss ich in die Geschichte des
Zentralbankenwesens einsteigen und erklären, warum Regie-

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84 George Selgin

rungen die Schaffung destabilisierender Institutionen überhaupt


förderten. Auch die moderne Auffassung, Zentralbanken als Ga-
rant finanzieller Stabilität anzusehen, muss erläutert werden. Ich
hoffe, letztendlich zeigen zu können, dass die moderne Sicht-
weise der Zentralbanken als Garant für Geldstabilität in Wirk-
lichkeit ein historischer Mythos ist.

1. Die Anfänge des Zentralbankenwesens

Ein objektives Verständnis der makroökonomischen und finan-


ziellen Folgen des Zentralbankenwesens erfordert zunächst eine
wertfreie Definition des Begriffs „Zentralbank“, d. h. eine Defini-
tion, die kein bestimmtes Verhalten zugrunde legt, sei es gut oder
schlecht. Die gängigen Definitionen von Zentralbanken in den
Lehrbüchern, nämlich Institutionen, die die Inflation bekämp-
fen, die Konjunktur dämpfen oder als letzter Kreditgeber fungie-
ren, müssen daher abgelehnt werden. Sie sind ein stillschweigen-
der Widerspruch, dessen Wahrheitsgehalt infrage gestellt werden
muss, und stimmen nicht überein mit dem Verhalten der vielen
existierenden Zentralbanken auf der Welt.
Was ist also eine Zentralbank tatsächlich? Sie ist im Grunde
eine Bank, die das nationale Monopol inne hat (oder etwas, was
einem nationalen Monopol jedenfalls sehr nahe kommt), Pa-
piergeldwährung herauszugeben und in Umlauf zu bringen. Ob-
wohl vollständige Monopole heute die üblichsten sind, gibt es
ein paar Ausnahmen (z. B. Großbritannien, Irland und China),
wo (Geschäfts-)Banken auch stark eingeschränkte Privilegien
der Währungsemission besitzen.
Das Privileg, Papiergeld auszugeben, war jedoch nicht immer
so eingeschränkt. Ganz im Gegenteil: Es wurde einst von allen
Banken genutzt, die von dieser Kreditquelle abhängig waren,
und zwar zu einer Zeit, als noch keine Einlagen durch Schecks
übertragen werden konnten. Obwohl die frühen Zentralbanken

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Zentralbanken als Ursache finanzieller Instabilität 85

als „öffentliche“ Banken begannen, die normalerweise nur das


Monopol des Bankenwesens für die sie unterstützenden Regie-
rungen hatten, während sie wenigstens in begrenztem Ausmaß
das Recht zur Währungsausgabe mit anderen Banken teilten, er-
hielten sie nach und nach auch das Monopol der Währung. Die
Entwicklung zum Zentralbankenwesen in der heutigen Form
folgte der Konsolidierung der währungsausgebenden Privilegien
der öffentlichen Banken, deren Gründe ich im Folgenden darle-
gen werde.
Trotzdem lagen die ersten Schritte zu einem modernen Wäh-
rungsmonopol weit vor dem modernen Begriff des Zentralban-
kenwesens, das die stabilisierende Rolle der Zentralbanken betont.
Die öffentlichen Banken, die später vollwertige Zentralbanken
wurden, waren nur zu dem Zwecke gegründet worden, sich um
die finanziellen Bedürfnisse ihrer Regierung zu kümmern, näm-
lich deren Einlagen und Verbindlichkeiten zu verwalten und ins-
besondere kurzfristigen Kreditbedarf abzudecken. Trotz ihrer
engen Verbindung mit den nationalen Regierungen, die sie schu-
fen, war dieser Prototyp der Zentralbanken ein gewinnmaximie-
rendes Unternehmen und wurde als solches eher im Interesse
seiner Besitzer gemanagt und nicht im Interesse des größeren
Finanzplatzes. Die Ansicht, dass die Privilegien der öffentlichen
Banken sie zur Schaffung allgemeiner wirtschaftlicher Stabilität
verpflichteten, entwickelte sich erst nach zahlreichen Finanzkri-
sen – Krisen, die, wie ich zeigen werde, durch die öffentlichen
Banken selbst ausgelöst wurden.
Obwohl sie nicht die erste große öffentliche Bank war (die
schwedische Riksbank wurde schon ein Vierteljahrhundert zuvor
gegründet), wurde die Bank of England zum Prototyp der „moder-
nen“ Zentralbank und war die erste, die zunächst stillschweigend
(und widerwillig), danach aber auch offiziell anerkannte, dass sie
die Pflicht hatte, andere Finanzunternehmen zu retten, indem
sie als letzte Kreditgeberin in Zeiten finanzieller Bedrängnis fun-
gierte. Die finanzpolitischen Ursprünge der Bank of England und

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86 George Selgin

die Sorglosigkeit ihrer Gründer hinsichtlich deren weiterer mak-


roökonomischer Folgen wurden 1694 im „Tonnage“-Gesetz
deutlich (5 und 6 William & Mary, Kapitel 20, Charter for the
Bank of England). Hier wird ihr in der Originalfassung das Recht
zugestanden, „den Leuten bestimmte Belohnungen und Vorteile
zu sichern, die freiwillig die Summe von 1.500.000 Pfund zur
Verfügung stellen, damit der Krieg gegen Frankreich weiterge-
führt werden kann“. Andere frühere Zentralbanken hatten ähn-
liche Anfänge. Die Bank von Frankreich, beispielsweise, wurde
von Napoleon zum ausdrücklichen Zweck gegründet, die Wert-
papiere der französischen Regierung aufzukaufen, für die es zum
damaligen Zeitpunkt noch keinen Markt gab. Deutschlands
Reichsbank, Vorgängerin der jetzigen Bundesbank, entstand aus
der früheren Königlichen Berliner Bank, die von Friedrich dem
Großen zur Verwaltung der Fonds des Preußischen Staates ge-
gründet worden war. Die finanzpolitischen Ursprünge der früh-
modernen Zentralbanken werden jedoch oft außer Acht gelas-
sen, vor allem von deren Befürwortern; das schließt auch die
Zentralbanker selbst ein.1
Die Tatsache, dass die ersten Zentralbanken sich aus öffentli-
chen Banken, die aus rein finanzpolitischen Gründen geschaffen
worden waren, entwickelt haben, lässt vermuten, dass jegliches
Potenzial zur Stabilisierung, das sie besaßen, von ihren Grün-
dern nicht beabsichtigt war. Dies könnte einfach bedeuten, dass
durch pures Glück die Institutionen, die ursprünglich den engge-
fassten finanzpolitischen Zielen der Regierungen dienen sollten,
zufälligerweise ideal für wissenschaftliches Krisenmanagement
geeignet waren, unter Berücksichtigung der entsprechenden Ver-
fassungsänderungen. Ich werde jedoch zeigen, dass die öffent-

1 Auf der Website der Bank von Frankreich heißt es beispielsweise, dass Napo-
leon sie gegründet hat, „um nach der schweren Rezession der Revolutionszeit
neues Wirtschaftswachstum zu schaffen“. Zu den Ursprüngen der Zentral-
banken in Westeuropa und den Vereinigten Staaten siehe Smith (1936).

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Zentralbanken als Ursache finanzieller Instabilität 87

lichen Banken selbst die Ursache für Instabilität waren und dass
ihr viel gepriesenes stabilisierendes Potenzial im Grunde nicht
viel mehr als ein Potenzial der Selbstdisziplin war, dazu auch
noch ein recht begrenztes.

2. Das Prinzip des Adverse Clearing

Um die Möglichkeit zu beleuchten, dass die einzigartigen Privi-


legien der Zentralbanken zu Instabilitäten geführt haben, müs-
sen wir genau betrachten, wie diese Privilegien das Ausmaß der
Kreditschöpfung verändern. Im Zuge dessen müssen wir die
Grenzen einer solchen Kreditschöpfung in einem wettbewerbli-
chen „freien“ Bankensystem betrachten, und zwar einem sol-
chen, in dem verschiedene Banken das gleiche Recht genießen,
ihre eigenen Noten in Umlauf zu bringen.2 Im Einklang mit dem
Umfeld der frühen Entwicklung der Zentralbanken nehme ich
an, dass Banken, ob sie nun exklusive Privilegien hatten oder
nicht, verpflichtet sind, ihre Noten auf Anfrage in Hartgeld zu-
rückzuzahlen, d. h. in Silber- oder Goldmünzen.
In einem freien Bankensystem behandeln Banken die Noten
der konkurrierenden Banken genauso wie heute Schecks der
konkurrierenden Banken, sie werden nämlich zur Einlösung zu-
rückgesandt. In der Tat entwickelte sich die moderne Praxis des
Clearings von Schecks (wobei fällige Nettobeträge durch die
Übertragung von Geld aus der Geldbasis gewöhnlich auf Bü-
chern einer Zentralbank abgerechnet werden) aus der vor-zen-
tralbanklichen Praxis eines regelmäßigen Austausches von Noten,

2 Streng genommen ist ein „freies“ Bankensystem, um den Ausdruck im eu-


ropäischen Sinne zu gebrauchen, eines, in dem die Banken in der Regel frei von
restriktiven Regelungen sind, aber nicht einfach die Freiheit haben, ihre eigenen
Banknoten auszugeben. Es sind aber gerade die Auswirkungen der Ausgabe von
freien und konkurrierenden Noten, auf die es uns besonders ankommt.

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88 George Selgin

wobei die Banken andere Noten immer direkt an den Konkur-


renten oder an zentrale Clearing-Stellen zurückgaben und dafür
Hartgeld erhielten.
Dieser regelmäßige Austausch- und Abrechnungsprozess erlegt
der Kreditschöpfung durch einzelne notenausgebende Banken
und somit dem gesamten Bankensystem strenge Beschränkungen
auf und schafft eine enge Verbindung zwischen diesen Beschrän-
kungen und dem verfügbaren Hartgeldbestand. Das innere mo-
netäre Gleichgewicht kann in einem solchen System als ein
Zustand verstanden werden, in dem die individuelle Kreditver-
gabepolitik der Banken in Übereinstimmung mit der langfristigen
Nulllinie oder der erwarteten Netto-Reserveabschöpfung steht
und die Bankenreserven gerade ausreichen, um eine optimal
niedrige Ausfallrate zu gewährleisten, aufgrund von Zufalls-
schwankungen der Netto-Reserveabschöpfung um die Nulllinie.
Wenn man mit einem solchen Gleichgewicht beginnt und eine
unveränderte Nachfrage nach der Geldmenge unterstellt, so wird
sich jede Bank, die ihre Bilanz unabhängig von ihren Konkurren-
ten erhöht, einem entsprechenden absoluten und relativen An-
stieg des Rückflusses ihrer Noten (oder Schecks) durch das Clea-
ring-System und einem entsprechenden Nettoverlust an Reserven
gegenübersehen, was zu einer unzureichenden Reservedeckung
führt, wenn nicht gar sofort zur Zahlungsunfähigkeit. Banken in
einem freien Bankensystem gleichen daher aneinandergeketteten
Gefangenen: die Flucht eines einzelnen Gefangenen ist unmög-
lich und auch für alle zusammen nicht viel aussichtsreicher, denn
die Gefangenen würden es schwer haben, ihre Schritte zu koordi-
nieren. Je größer die Gruppe, umso schwieriger die Flucht.
An anderer Stelle (Selgin 1988) habe ich diese Kontrolle einer
übermäßigen Ausgabe von Bankgeld durch Wettbewerber als
Prinzip des Adverse Clearing bezeichnet. Dank dieses Prinzips
können sich die Gesamt-Geldmenge und das Gesamtvolumen
an Kredit in einem freien Bankensystem nicht so leicht über die
Grenzen bewegen, die mit einem stabilen Gesamt-Zahlungsvo-

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Zentralbanken als Ursache finanzieller Instabilität 89

lumen konsistent sind. Wenn Banken einmal an dem Punkt sind,


an dem ihre Reserven auf ein minimales Vorsichtsniveau gesun-
ken sind, können sie nur dann weiter expandieren, wenn die
Nachfrage nach ihren Noten oder Einlagen steigt, d. h. wenn der
Wert des ausstehenden Flusses ihrer Verbindlichkeiten durch ein
Clearing-System (entweder durch Noten oder auf Einlagen ge-
zogene Schecks) sich verringert.
Daher kann im System als Gesamtem und unter der Annahme,
dass alle Zahlungen mit Bankgeld durchgeführt werden und nicht
mit Hartgeld, die Nachfrage nach (Vorsichts-) Reserven als anstei-
gend gesehen werden, wenn vielleicht auch nicht ganz proportio-
nal, mit einem Zahlungsvolumen MV, wobei M der Bestand an
Bankverbindlichkeiten ist und ausstehende Noten und Einlagen-
forderungen beinhaltet und V die Umlaufgeschwindigkeit dieses
Bestandes oder seine Umschlagrate. Daraus folgt, dass für jeden
nationalen Bestand (Angebot) von Hartgeldreserven und realem
Zinssatz (welcher die Nachfrage nach Vorsichtsreserven beein-
flusst) ein einheitliches Ausgabenniveau entsteht, nämlich (MV)*,
bei dem Reserveangebot und -nachfrage im Gleichgewicht sind.
Sollte eine Veränderung der öffentlichen Nachfrage nach der
Geldmenge (wie eine Veränderung von V zeigen würde) zu einem
Ausgabenniveau führen, das nicht mehr mit diesem Gleichge-
wicht übereinstimmt, werden die Banken damit reagieren, Kredit
zu beschränken oder auszugeben, bis das Gleichgewicht wieder-
hergestellt ist. Ganz besonders wird ein Ansteigen von V beispiels-
weise zu einem Nachfrageüberhang nach Reserven führen und
Banken veranlassen, ihre Kreditvergabe zu reduzieren und damit
auch die ausstehenden Verbindlichkeiten, während ein Absinken
von V den gegenteiligen Effekt hätte. Diese Auswirkungen des
Prinzips des Adverse Clearing sind in Abbildung 1 dargestellt. 3

3 Für weitere Informationen siehe Selgin (1988, S. 37–85), Selgin (1994) und
Selgin (2001). Letzteres geht gerade auf die Möglichkeit einer koordinierten
Überexpansion ein.

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90 George Selgin

Abb. 1: Reserve- und Ausgabengleichgewicht in einem freien Bankensystem

Zahlungen RS RD

(MV)*

Reserven

Die Tendenz eines freien Bankenwesens, die Gesamtausgaben zu


stabilisieren, hat den klaren makroökonomischen Vorteil, zur
Erhaltung der Gleichgewichtsniveaus von Beschäftigung, Zins-
sätzen und Wertschöpfung beizutragen. Sie dient auch dazu, Ver-
änderungen des allgemeinen Preisniveaus zu verhindern, ausge-
nommen in Verbindung mit Verschiebungen der langfristigen
Nachfrage einer Wirtschaft.

3. Internationales monetäres Gleichgewicht

Diese „enge“ Eigenschaft des inneren monetären Gleichgewichts


in einem freien Bankenwesen hat auch Auswirkungen auf die Er-
haltung des internationalen monetären Gleichgewichts. Im Zu-

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Zentralbanken als Ursache finanzieller Instabilität 91

sammenhang mit einer internationalen Hartgeldwährung, sa-


gen wir Gold, ist eine Bedingung für dieses Gleichgewicht, dass
die Kaufkraft (für ein Güterbündel) einer gegebenen Summe an
Gold in allen Goldwährungsländern ungefähr gleich sein sollte.
„Ungefähr“ deshalb, weil die Preise durchaus voneinander ab-
weichen können. Die Höhe der Abweichung zeigt die Kosten für
den Import aus dem Ausland an, einschließlich Transportkosten
und Zölle. Sollte der Preis des Güterbündels in irgendeinem
Land vom Preis in einem anderen abweichen, sowohl nach oben
als auch nach unten (auch als Goldpunkte bezeichnet) in Über-
einstimmung mit vorgenannten Kosten, so führt die Differenz
dazu, dass mehr Güter in das Land importiert und weniger aus
dem Land exportiert werden, in dem die Preise höher sind, wobei
der Goldfluss dazu dient, das erhöhte Handelsdefizit zu finanzie-
ren. Dieser Hume’sche „Preis-Hartgeld-Fluss“ wird letztendlich
die gleiche Kaufkraft wiederherstellen, indem Geldknappheit in
dem Land gefördert wird, in dem die Güter teurer sind, und
Geldwachstum in dem Land, in dem sie billiger sind.
Der Vorteil eines freien Bankenwesens liegt darin, dass die Ge-
legenheiten, bei denen der Hume’sche Mechanismus funktionie-
ren muss, begrenzt sind, und zwar dadurch, dass ein zu starkes
Wachstum von Geld und Kredit im Inland kontrolliert wird, be-
vor es so weit kommt, dass die Inlandspreise über den mit dem
internationalen Kaufkraftgleichgewicht im Einklang stehenden
Wert steigen. Dass dies ein entscheidender Vorteil ist, wird er-
sichtlich, wenn wir das Funktionieren eines Zentralbankensys-
tems betrachten, in dem der Erhalt des internationalen monetä-
ren Gleichgewichts viel eher von langfristigen Korrekturen auf
Basis internationaler Hartgeldbewegungen abhängt. Internatio-
nale Goldflüsse würden natürlich auch immer noch in einer Welt
auftreten, die ausschließlich aus freien nationalen Bankensyste-
men bestünde: Der nationale Anteil am Weltbestand der Goldre-
serven würde sich verändern, und zwar aus den gleichen Grün-
den, aus denen sich der Marktanteil einzelner Banken innerhalb

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92 George Selgin

eines bestimmten Landes verändert. Diese Flüsse wären allerdings


noch kein Anzeichen einer vorausgegangenen grundlegenden
Störung des internationalen Gleichgewichts, die durch ein will-
kürliches Überangebot an Kredit in einem Land entstanden wäre.

4. Zentralbanken: Kredit-Rattenfänger

Was passiert, wenn man das Privileg, Noten herauszugeben, statt


allen oder wenigstens vielen Banken nur einer zugesteht? Für
den Tausch im Inland ist Papiergeld in der Regel bequemer als
Gold- oder Silbermünzen und wird diesen daher normalerweise
vorgezogen. Somit werden Banken, die nicht ihre eigenen Noten
herausgeben dürfen, Noten der privilegierten Bank im Bestand
halten und wieder herausgeben. Mit anderen Worten werden sie
diese Noten tendenziell als überlegenen Ersatz für Hartgeld-
reserven behandeln. Daraus ergeben sich zwei wichtige Folgen:
Erstens werden die weniger privilegierten Banken (also „Ge-
schäftsbanken“) ihr Hartgeld der privilegierten übergeben (daher
„Zentralbank“), die somit zum einzigen Verwahrer der nationa-
len Hartgeldreserven wird. Zweitens wird die Zentralbank vom
Prinzip des Adverse Clearing entbunden. Die Zentralbank ist da-
her in der Lage, auf der Grundlage einer sehr schlanken Hartgeld-
reserve zu operieren, was eine entsprechend größere „Hebelwir-
kung“ des Zentralbankkapitals zur Folge hat. Sie wird auch in
der Lage sein, mehr Kredit auszugeben und so das effektive An-
gebot von Geschäftsbankreserven erhöhen, ohne eine sofortige
innere Abschöpfung von Edelmetallen aus den eigenen Bestän-
den befürchten zu müssen.
Die letzten Beobachtungen belegen die wahrgenommenen fi-
nanzpolitischen Vorteile der Zentralbanken und somit die Mög-
lichkeit der Regierung, sich großzügige finanzielle Unterstüt-
zung der Zentralbanken gegen die Gewährung eines Monopols
zu sichern. Aber diese finanzpolitischen Vorteile gehen zulasten

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Zentralbanken als Ursache finanzieller Instabilität 93

einer größeren makroökonomischen und finanziellen Stabilität,


denn die Privilegien, auf denen sie beruhen, machen ein Kredit-
wachstum im Inland über nachhaltige Grenzen hinaus wahr-
scheinlicher, wobei das Gleichgewicht langfristig durch eine
Hartgeldabschöpfung aus dem Ausland wiederhergestellt wird.
In anderen Worten hat das Zentralbankensystem die Grundlage
für den „klassischen“ Konjunkturzyklus des 19. Jahrhunderts ge-
legt.
Um dies zu veranschaulichen, stellen Sie sich einmal eine „ty-
pische“ Zentralbank des frühen 19. Jahrhunderts vor, die von der
sie unterstützenden Regierung zur Vergabe von zusätzlichen
Krediten an diese gedrängt wird. Weil diese Zentralbank vom
Adverse Clearing ausgenommen ist, kann sie kurzfristig nicht er-
mitteln, ob sie zu viel vergeben hat. Es könnte sogar passieren,
dass sie ihre gesamte Hartgeldreserve vergibt, wenn sie nicht oft
mit unerwarteten (wenn auch geringfügigen) Schwankungen
der Zahlungsbilanz konfrontiert wird. Sie kann auch nicht ohne
Weiteres erkennen, ob die Inlandspreise ein Niveau erreichen,
das zu einer Abschöpfung von Hartgeld aus dem Ausland führen
muss, denn verfügbare Preisstatistiken, sowohl für das Inland als
auch international, sind begrenzt und ungenau. Außerdem muss
sich eine allgemeine Diskrepanz nicht unbedingt in den Preis-
indizes für alle Güterbündel niederschlagen.
Obwohl Geschäftsbanken selbst wie aneinandergekettete Ge-
fangene zusammenhängen, ermöglicht die Tatsache, dass die
Zentralbank vom Adverse Clearing ausgenommen ist, dass sie die
Geschäftsbanken alle wie der Rattenfänger von Hameln anführt
und in eine allgemeine Überexpansion führt, indem dem Geld-
bestand zusätzliche effektive Geschäftsbankreserven zugeführt
werden. Wenn die Zentralbank expandiert, verlagert sich der Re-
servebestand nach rechts und das Gleichgewichtsvolumen der
Gesamtausgaben (MV) erhöht sich entsprechend (siehe Abbil-
dung 1). Unter der Annahme eines gegebenen gesamten Güter-
angebots werden die Preise steigen und letztendlich eine externe

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94 George Selgin

Abschöpfung von Hartgeld von der Zentralbank zur Folge ha-


ben. Die Zentralbank läuft somit Gefahr, sofort zahlungsunfähig
zu werden und will sich dagegen absichern, indem sie massiv
Kredite kürzt. Diese Kürzungen reduzieren die Reserven der Ge-
schäftsbanken und zwingen diese, ebenfalls Kürzungen vorzu-
nehmen, was zu einer allgemeinen Kreditknappheit führt.

5. Vom Schurken zum Helden: die Ursprünge des


klassischen Kreditgebers letzter Instanz

Wenn Zentralbanken tatsächlich der Grund für Instabilität auf


den Finanzmärkten sind, wie kommt es dann, dass sie genau als
das Gegenteil angesehen werden? Die Begründung liegt zum
einen Teil in dem begrenzten Verständnis der modernen Ökono-
men von dem Funktionieren der konkurrierenden Währungs-
systeme, was sie zu der Annahme verleitet, dass eine solche
Konstellation zwingend instabiler sein muss (aufgrund der man-
gelnden „Kontrolle“ von zentraler Stelle) als eine monopolisti-
sche. Zum anderen Teil liegt es daran, dass das ursprüngliche
Konzept eines „Kreditgebers der letzten Instanz“ in einem Geld-
system nicht genügend gewürdigt wird.
Die Bank of England war die erste Zentralbank, die die Rolle
des letzten Kreditgebers übernahm. Während der Krisen von
1857 und 1866 tat sie dies widerstrebend und auf informeller
Ebene. Auf lange Sicht jedoch übernahm sie unter öffentlichem
Druck die Pflicht, andere Banken zu retten, die durch Knappheit
von Bargeld bedroht, aber ansonsten zahlungsfähig waren.
Der Chefarchitekt dieses neuen Gebildes war Walter Bagehot,
heute am bekanntesten als der zweite und berühmteste Heraus-
geber von The Economist. Es war Bagehot, der in Lombard Street
(1873) beschrieb, was man heute als die Doktrin des „klassi-
schen“ Kreditgebers der letzten Instanz bezeichnet, nach der
Zentralbanken in Zeiten finanzieller Krisen weiterhin frei Kre-

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Zentralbanken als Ursache finanzieller Instabilität 95

dite vergeben sollten, wenn auch zu „saftigen“ Zinssätzen, die


Kapital aus dem Ausland anziehen und die Kreditaufnahme von
insolventen (im Gegensatz zu nur illiquiden) Banken abschre-
cken sollten.
Während viele Ökonomen sich Bagehots Rolle bei der Ent-
wicklung der modernen Doktrin des Kreditgebers letzter Instanz
bewusst sind, schätzen wenige seine Position als einen der wich-
tigsten Kritiker des Zentralbankenwesens. Tatsächlich stellen sich
einige sogar vor, dass Bagehot mit seinem Vorschlag, die Bank of
England als Kreditgeber letzter Instanz einzusetzen, meinte, die
monopolistischen Privilegien noch stärker zu verankern und,
zumindest implizit, vorschlug, dass alle Länder ähnliche Institu-
tionen gründeten. Nichts könnte jedoch weiter von der Wahrheit
entfernt liegen, wie selbst ein oberflächliches Lesen von Lombard
Street zeigt. Ganz im Gegenteil: Bagehot glaubte, dass Zentral-
banken destabilisierend auf die Finanzmärkte wirken und somit
unerwünschte Institutionen waren und dass es wesentlich bes-
ser gewesen wäre, wenn England nie eine solche gegründet hätte.
Er stellte seinen Kreditgeber letzter Instanz nicht als Ideal in den
Raum, sondern als eine Art Erste Hilfe für etwas, was in seinen
Augen ein grundlegend ungesundes Arrangement war. Wogegen
die gesunde Alternative ein freies Bankenwesen mit vielen He-
rausgeberbanken eigener Noten wäre, die ihre eigenen Reserven
hielten wie im Schottischen Bankensystem vor 1845.4 England
brauchte einen Kreditgeber letzter Instanz nicht, weil es aus Kri-
sen durch ein konkurrierendes Bankenwesen gerettet werden
musste, sondern um die Schwere der Krisen abzufedern, die eine
unvermeidbare Folge der Monopolisierung der Währung waren.
Nachfolgend Bagehots eigene Rechtfertigung aus den letzten Sei-
ten von Lombard Street:

4 Die gedankenlose Ausweitung des Peel’s Act auf Schottland 1845 löste dort
einen Prozess der Währungszentralisierung aus, der immer noch andauert.
Zum schottischen freien Bankensystem in seiner Blütezeit siehe White (2009).

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 95 28.01.10 10:31


96 George Selgin

„Ich weiß, dass gesagt werden wird, dass ich in diesem Buch eine
schwere Krankheit aufgezeigt habe, aber nur ein oberflächliches Heil-
mittel. Ich habe sehr darauf beharrt, dass das natürliche Bankensys-
tem eines ist, in dem viele Banken ihre eigene Reserve halten (d. h.
Hartgeld) und mit Zahlungsunfähigkeit bestraft werden, sollten sie
sich nicht daran halten. Ich habe gezeigt, dass unser System aus einer
einzigen Bank besteht, die mit ihrer gesamten Reserve nicht der Ge-
fahr der effektiven Zahlungsunfähigkeit unterliegt. Und dennoch
schlage ich vor, dieses System beizubehalten und mache nur den Ver-
such, es zu kurieren und zu verbessern.
Ich kann darauf nur antworten, dass ich für die Erhaltung dieses
Systems bin, weil ich mir sehr sicher bin, dass der Vorschlag, es zu ver-
ändern, keinen Sinn hätte. Genauso gut könnten Sie versuchen, die
englische Monarchie abzuschaffen und durch eine Republik zu er-
setzen.“5

Heute scheint es in der Tat so, als ob der Vorschlag, die englische
Monarchie abzuschaffen, auf weit weniger Widerstand stoßen
würde als die Abschaffung des Monopols der Bank of England für
Papierwährung!
Trotz Bagehots deutlicher Ablehnung der Bank of England hat
die Nachwelt es geschafft, ihn nicht als einen Gegner des Zentral-
bankenwesens darzustellen, sondern eher als einen seiner Ho-
henpriester – wenn er von diesem Schicksal wüsste, würde er sich
sicher dreimal im Grabe umdrehen. Und so wurde Generationen
von monetären Wirtschaftswissenschaftlern – meiner Ansicht
nach fälschlicherweise – gelehrt, dass Zentralbanken unabding-
bar für Stabilität auf den Finanzmärkten sind. Trotzdem haben
die mittlerweile hofierten Zentralbanker selbst dem Mann, der
ihr (zugegebenerweise unfreiwilliger) Vorreiter war, wenig Ge-
nüge getan und seine Letzte-Instanz-Regel für die Kreditvergabe
hauptsächlich nur auf Überschreitungen angewandt.

5 Bagehot 1873, S. 329.

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 96 28.01.10 10:31


Zentralbanken als Ursache finanzieller Instabilität 97

6. Der Fall USA

Gemäß meiner vereinfachten Ausführungen über die Geschichte


des Zentralbankenwesens war die Konzentration von Währungs-
ausgaberechten auf favorisierte öffentliche Banken ein wichtiger
Grund für Finanzkrisen. Krisen, die wiederum einen Grund da-
für lieferten, die Privilegien der öffentlichen Banken zu stärken
und auszubauen, während man sie dazu zwang, ihre öffentliche
Pflicht als letzter Kreditgeber zu erfüllen.
Der Leser mag jedoch feststellen, dass Finanzkrisen nicht nur
auf die Länder beschränkt waren, in denen die Rechte der Wäh-
rungsausgabe einer einzelnen Bank zufielen. Insbesondere die
Vereinigten Staaten machten eine Reihe von schweren Krisen
durch – 1873, 1884, 1893 und 1907 – bevor sie sich für ein Zent-
ralbankensystem in Form des Federal-Reserve-Systems ent-
schieden, das 1914 gegründet wurde. Das US-Beispiel mag daher
meiner Behauptung widersprechen, dass Zentralbanken rich-
tigerweise als destabilisierende und nicht als stabilisierende Ins-
titutionen angesehen werden.
Aber der Widerspruch ist mehr scheinbar als wirklich. Zu-
nächst einmal sind die großen Finanzkrisen der Federal-Reserve-
Ära – 1920 bis 1921, 1929 bis 1933, 1937 bis 1938, 1980 bis 1982
und die jüngste von 2007 bis 2009 – in fast jeder Weise eher
schwerer denn leichter gewesen als die zwischen dem Bürger-
krieg und dem Ersten Weltkrieg, selbst wenn man die ziemlich
schwere Inflation von 1917 bis 1920 und 1973 bis 1980 außer
Acht lässt. Noch wichtiger ist, dass man zeigen kann, dass die
Krisen vor dem Federal-Reserve-System noch durch Regeln ver-
schärft, wenn nicht sogar verursacht wurden, die ursprünglich
die finanzielle Belastung der Union6 durch den Krieg erleichtern
sollten. Daher ist der Fall der USA ein besonderes Beispiel für das

6 Bezeichnung für die US-Bundesregierung im Bürgerkrieg, die von 23 Nord-


staaten unterstützt wurde, Anm. d. Übersetzerin.

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 97 28.01.10 10:31


98 George Selgin

allgemeine Muster, unter dem das Zentralbankenwesen sich als


ungeplantes Nebenprodukt durch das Eingreifen der Regierung
in die freie Entwicklung der nationalen Finanzinstitutionen, das
auf finanziellen Interessen beruhte, entwickelt hat.
Das Eingreifen war teilweise auf die Bürgerkriegsgesetzge-
bung zurückzuführen, die die Geschäftsbanken bei der Heraus-
gabe eigener Noten einschränkte.7 Nationale Banken durften
nur dann ihre eigenen Noten herausgeben, wenn jeder Dollar
durch 1,10 US-Dollar Bundesobligationen gedeckt war, wäh-
rend die staatlichen Banken gezwungen waren, sich gänzlich
vom Währungsgeschäft zurückzuziehen. Dies beruhte auf einer
Sperrsteuer gegen ihre in Umlauf befindlichen Noten, begin-
nend im August 1866. Das Ergebnis dieser kombinierten Re-
gelungen war ein Gesamtbestand an Papierwährung, der sich am
verfügbaren Bestand an Regierungswertpapieren orientierte.
Seit den späten 1870er-Jahren, als die Regierung reguläre Haus-
haltsüberschüsse zur Tilgung bestehender Verbindlichkeiten
verwandte, schrumpfte der bankfähige Reservebestand für die
Deckung nationaler Banknoten, ebenso der Gesamtbestand sol-
cher Noten, bis 1891 letzterer Bestand wertmäßig nur halb so
groß war wie ein Jahrzehnt zuvor. Die Regelungen verhinder-
ten auch, dass der Währungsbestand sich einem saisonalen

7 Die berüchtigtsten anderen Formen der Intervention waren Beschränkungen


des Filialbankenwesens seitens der Regierungen, die durch ein allgemeines
Verbot der Filialbildung sowohl inner- als auch außerhalb des Staatsgebietes
eine immer stärker dezentralisierte, unterkapitalisierte und zu schlecht diver-
sifizierte Bankenindustrie hervorbrachten, während „Landes-“banken gez-
wungen waren, auf Korrespondenzbanken zurückzugreifen, um auf den New
Yorker Geldmarkt zu gelangen. Dieses System hatte zur Folge, dass Hartgeld-
reserven sich in New York konzentrierten, genauso wie sie sich tendenziell bei
anderen privilegierten Banken anderswo ansammelten, mit einer ähnlichen
Tendenz zu übermäßigen Hebeleffekten der verfügbaren Barreserven wäh-
rend eines Booms und entsprechend negativer Hebelwirkung während der
Abschwünge.

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 98 28.01.10 10:31


Zentralbanken als Ursache finanzieller Instabilität 99

Anstieg der Währungsnachfrage anpassen konnte. Trotzdem


wuchs die US-Wirtschaft und die saisonale Nachfrage nach
Währung stieg normalerweise während der Erntezeit drastisch
an, d. h. zwischen August und November jedes Jahres. Unter
diesen Umständen überrascht es kaum, dass die USA häufig
von Krisen heimgesucht wurden und dass alle diese Krisen
mehr oder weniger schwere Knappheiten an Papiergeld mit sich
brachten.

Abb. 2: Nationale (linke Skala) und kanadische (rechte Skala) in Umlauf be-
findliche Banknoten, 1880 bis 1900.

400 000 60 000

= USA
350 000 = Kanada
50 000

300 000

40 000
250 000

200 000 30 000

150 000
20 000

100 000

10 000
50 000

0 0
Jan Jan Jan Jan Jan Jan Jan Jan Jan Jan
1880 1882 1884 1886 1888 1890 1892 1894 1896 1898
Jan Jan Jan Jan Jan Jan Jan Jan Jan Jan
1881 1883 1885 1887 1889 1891 1893 1895 1897 1899

Kanadas Erfahrung, auf der anderen Seite, straft die Behauptung


Lügen, dass die USA die Krisen einfach hätten beenden kön-
nen, indem sie das Währungssystem noch stärker zentralisierten.
Kanadische Banken konnten, im Gegensatz zu denen in den
USA, Noten auf das gleiche Vermögen herausgeben, das ihre Ein-
lagenverbindlichkeiten sicherte. Demnach waren sie bestens in
der Lage, sowohl langfristigen als auch saisonalen Veränderun-

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 99 28.01.10 10:31


100 George Selgin

gen der Nachfrage nach Währung nachzukommen. Abbildung 2


zeigt den Verlauf von Kanadas gut funktionierender Banknoten-
währung, die nur durch freie Marktkräfte geregelt wurde, neben
den an Regelungen gebundenen der nationalen US-Banknoten
von 1880 bis 1900. Jedem, der sich einigermaßen mit Mustern
der Währungsnachfrage auskennt, muss die Überlegenheit des
weniger regulierten Systems ins Auge fallen. Betrachtet man Ka-
nadas äußerst erfolgreiches System, das allen Vorkriegskrisen
trotzte, denen die USA unterlagen, und die Leistung der Federal
Reserve selbst, so scheint die Zuwendung der USA zum Zentral-
bankenwesen im Jahr 1914 noch nicht mal als die „zweitbeste
Lösung“.8

7. Der Weg zum immateriellen Zwangsgeld


(Fiat Money)

Bagehots Kreditgeber der letzten Instanz als ein Mittel zu verste-


hen, um Krisen zu vermeiden und die internationale Goldwäh-
rung zu bewahren, erwies sich als falsch. Die Krisen dauerten an
und verschärften sich sogar, teils, weil die Regeln für die Kredit-
vergabe in letzter Instanz oft verletzt wurden, teils aber auch, weil
eine solche Kreditvergabe allein massive Veränderungen der Kre-
ditkonditionen und die damit verbundene Unterbrechung der

8 Für detaillierte Informationen siehe Breckenridge (1895). Obwohl zahlreiche


gesetzgeberische Versuche gemacht wurden, hauptsächlich zwischen 1893
und 1907, um das US-Währungssystem nach kanadischem Muster zu refor-
mieren (Anlagenwährung), blieben sie alle erfolglos, hauptsächlich wegen des
(gut begründeten) Irrglaubens der Reformer, dass eine Anlagenwährung mit
Filialbankenwesen kombiniert werden müsse, wenn sie „elastisch“ genug sein
sollte. Daher waren ihre Vorschläge radikal und wurden erfolgreich von etab-
lierten Einzelbankern blockiert. Erst nach diesen fruchtlosen Versuchen, das
US-Währungssystem zu deregulieren, kamen die Reformer auf die Idee, sich
für eine „zentrale Reservebank“ als Alternative einzusetzen.

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 100 28.01.10 10:31


Zentralbanken als Ursache finanzieller Instabilität 101

Goldzahlungen allenfalls mindern aber nicht eliminieren konnte,


die aus dem vorigen Fehlverhalten der Zentralbank entstanden
waren. Letztendlich wurde deutlich, dass die internationale Gold-
währung und das Zentralbankenwesen unvereinbare Systeme
waren, von denen eins abgeschafft werden musste.9
Das Abschaffen der internationalen Goldwährung (zeitweilig
bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs und permanent zu Zeiten
der Großen Depression) markierte das Ende der „klassischen“
Finanzkrisen: Es gab keinen Hume’schen Preis-Hartgeld-Fluss
mehr, der die nationalen Geldsysteme, die kurzfristig über ihre
Grenzen gegangen waren, wieder ins Gleichgewicht brachte. Das
immaterielle Zwangsgeld ermöglichte den Banken stattdessen,
ohne klare Beschränkungen dauerhaft und ungestraft zu expan-
dieren, allerdings auf Kosten einer andauernden Inflation. Diese
neuen Umstände beendeten oder milderten die Finanzkrisen je-
doch auch nicht. Sie veränderten nur die Art der Krisen. Das frü-
here Hume’sche Denouement, in dem Zentralbanken gezwungen
waren, Kürzungen durch Abschöpfungen der Reserven aus dem
Ausland vorzunehmen, wurde durch einen feineren Wendepunkt-
mechanismus ersetzt, der aus der Tendenz der Faktorpreise be-
stand (welche während eines Booms an die anderen Preise ge-
bunden sind), um wieder aufzuschließen, wobei die Zinssätze
stiegen, inflationsbasierte Gewinne eliminiert wurden und da-
mit verbundene Vermögenspreisblasen bloßgelegt und zerstört
wurden. Solche „postklassischen“ Krisen sind heute nicht selte-
ner als die klassischen aus dem 19. Jahrhundert. Sie sind auch
gleichermaßen dem Missmanagement des Geldes durch die
Zentralbanken zuzuschreiben.
Doch während die Herausgabe von immateriellem Zwangs-
geld die Zentralbanken nicht daran gehindert hat, Aufschwünge
und Krisen zu verursachen, hat sie die Möglichkeit einer grund-
legenden Reform erheblich verkompliziert. Denn anders als eine

9 Redish 1993.

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 101 28.01.10 10:31


102 George Selgin

Gold- oder Silberwährung muss ein immaterielles Zwangsgeld


monopolistisch verwaltet werden, wenn es seinen Wert behalten
soll. Handelsbanken die Herausgabe von Noten zu erlauben, die
selbst in immateriellem Zwangsgeld rückzahlbar sind, wird, un-
abhängig von den Vorteilen einer solchen Politik, allein nicht
verhindern, dass die immaterielles Zwangsgeld ausgebende Be-
hörde Krisen auslösen kann.
Trotzdem ist es wichtig, dass die Menschen erkennen, wie wir
in die jetzige Sackgasse geraten sind, damit sie ihr grundlegend
romantisches Bild von der Zentralbank revidieren und sie statt-
dessen, wie Walter Bagehot dies einst tat, als grundsätzlich
gefährliche Institution ansehen, und zwar als eine, die noch drin-
gender Beschränkungen und Kontrolle benötigt, als das zu Bage-
hots Zeit der Fall war.

Literatur
Bagehot, W.: Lombard Street: A Description of the Money Mar-
ket, London 1873: Henry S. King.
Breckenridge, R. M.: The Banking System of Canada 1817–1890,
New York 1895.
Redish, A.: Anchors Aweigh: The Transition from Commodity
Money to Fiat Money in Western Economies, 1993.
Selgin, G.: The Theory of Free Banking: Money Supply under
Competitive Note Issue, Totowa, NJ 1988.
Selgin, G.: Free Banking and Monetary Control, The Economic
Journal 104 (427), 1994, 1449–1459.
Selgin, G.: In-Concert Overexpansion and the Precautionary
Demand for Bank Reserves, Journal of Money, Credit, and
Banking, 2001.
Smith, V.: The Rationale of Central Banking, London 1936.
White, L. H.: Free Banking in Britain: Theory, Experience and
Debate 1800–1845, 2nd ed., London 2009.

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ANDREAS HOFFMANN UND EKKEHARD A. KÖHLER

Ursachen und ordnungspolitische


Konsequenzen der Finanzkrise

1. Einleitung

Wenn – bei allen Kontroversen und emotionalen Ausuferun-


gen – die öffentliche Diskussion über die Finanzkrise überhaupt
auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht werden kann,
so auf den, dass die Finanzkrise auf die Gier der Manager und
Bankiers zurückzuführen sei. Gleichwohl ist man sich aus wis-
senschaftlicher Perspektive weitgehend darüber einig, dass für
die Entstehung spekulativer Übertreibungen zwei Vorausset-
zungen erfüllt sein müssen: Erstens muss reichlich Liquidität
vorhanden sein, die den Nährboden für Übertreibungen bildet.
Zweitens müssen die Investoren hohe, d. h. überdurchschnitt-
liche, Renditen in einem spezifischen Markt erwarten.1
Entlang dieser Kriterien erklären wir im ersten Teil dieses Bei-
trags die Entstehung der Finanzkrise als Folge geldpolitischer
Stimulationen (Liquidität) und institutioneller Fehlanreize (po-
sitive Erwartungen) für Investitionen auf dem US-Immobilien-
markt. Dazu beschreiben wir die geldpolitische Entwicklung in
den Vereinigten Staaten seit dem Jahr 2000 sowie deren Beitrag
zur Entstehung der Immobilienmarktblase.
In einem zweiten Teil werden die internationale Konversion

1 Hayek (1929) und Minsky (1986) stellen auf ähnliche Gesetzmäßigkeiten zur
Entstehung von Finanzmarktkrisen ab. Wenngleich beide Ansätze als monetäre
Überinvestitionstheorien bezeichnet werden dürfen, unterscheiden sie sich hin-
sichtlich des zu erwartenden Verlaufs der Krise. Zudem folgern Hayek und Min-
sky gegensätzliche Implikationen für die Politik. Siehe hierzu Schnyder (2002).

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104 Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler

zur akkomodativen Geldpolitik und deren Auswirkungen auf


die Kapitalmärkte beschrieben. Daraufhin wird ausgehend vom
Platzen der US-Immobilienblase der Ausbruch der Finanzkrise
kurz umrissen. Schließlich werden die staatlichen Reaktionen
auf die Krise dargestellt.
Im dritten Teil der Arbeit fragen wir nach alternativen geldpo-
litischen Handelnsregeln, um eine erneute Blasenbildung durch
die Veränderung der geldpolitischen Regeln zu verhindern. Dazu
stellen wir ordnungsökonomische Perspektiven zur Neuordnung
des Geldwesens vor. Abschließend folgt ein kurzes Resümee.

2. Die Entstehung der Immobilienblase in den USA

Im ersten Teil dieses Kapitels stellen wir die geldpolitische Ent-


wicklung in den Vereinigten Staaten dar. Zur Erklärung der Geld-
politik gehen wir auf die Änderung im wissenschaftlich-mone-
tären Diskurs ein. Im zweiten Teil dieses Kapitels werden wir die
Auswirkungen der übermäßigen Bereitstellung von Liquidität
auf dem US-Immobilienmarkt erläutern.

2.1 Die US-Geldpolitik seit der Jahrtausendwende


Nach dem Platzen der Internetblase 2000/2001 wurde die Politik
der Federal Reserve darauf ausgerichtet, eine drohende Rezession
der US-Realwirtschaft zu vermeiden. So stellte die amerikani-
sche Zentralbank dem Markt mithilfe starker Zinssenkungen
günstige Liquidität bereit und senkte dazu den Leitzins innerhalb
weniger Monate bis auf ein Prozent (Abb. 1). Infolgedessen frag-
ten die Banken mehr Liquidität bei der Zentralbank nach und
weiteten das Kreditgeschäft aus. Dadurch wuchs die Geldmenge2
von 2001 bis 2004 um jährlich durchschnittlich 10 Prozent.

2 Die Rede ist von der Geldmenge, die die Kreditaggregate der Banken einschließt.

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Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen der Finanzkrise 105

Wenn man den Aussagen der Quantitätstheorie folgt, wirkt sich


eine solche Geldmengenentwicklung entweder auf das Wachs-
tum des Bruttoinlandsproduktes oder der Konsumentenpreisin-
flation aus, sofern die Geldnachfrage stabil ist. Doch sowohl das
Wachstum als auch die Entwicklung des Konsumentenpreis-
niveaus verhielt sich bei jährlich ca. drei Prozent bzw. zwei bis
drei Prozent moderat. Demnach stieg die Geldnachfrage zu den
niedrigen Zinsen. Der steigenden Geldnachfrage stand also eine
Ausweitung des Geldangebots gegenüber. Da ein steigender In-
flationsdruck nicht ersichtlich war, hielt die Federal Reserve den
Zins niedrig, um das Wachstum zu stützen und die Rezessions-
gefahr zu verringern.
Nach dem sogenannten Jackson Hole Consensus nehmen zu-
dem US-Zentralbanker und führende Wissenschaftler3 Spekula-
tionsblasen in Vermögenswerten in Kauf, um die Wirtschafts-
tätigkeit zu stimulieren. Die Übereinstimmung von Jackson Hole
bestand darin, dass Blasen nicht zum Platzen gebracht werden
sollten, weil diese schwer identifizierbar sind und platzende Bla-
sen die gesamte Volkswirtschaft gefährden könnten. Lediglich
beim Platzen einer Blase sollte die Fed einschreiten und die Re-
kapitalisierung des Finanzsektors gewährleisten.4
Diese Geldpolitik hatte weitreichende Folgen. Wenngleich sich
die Geldmengenentwicklung nicht im Niveau der Konsumenten-
preise wiederfand, reagierten doch Vermögenswerte wie Aktien
oder Immobilien auf die Erhöhung der Geldmenge.5 Diese fanden
jedoch keinen Eingang in die geldpolitische Funktion der Zentral-
bank, sodass die Federal Reserve die Zinsen niedrig hielt, obwohl
die Geldmenge zwischen 2003 und 2007 explodierte. Erst ab Mitte
2004, als sich die Geldmengenexpansion in steigenden Konsu-
mentenpreisen niederschlug, erhöhte die Fed den Zins wieder.

3 Woodford, Svensson, Blinder, Reis, Mishkin et al.


4 Blinder und Reis 2005, S. 67.
5 Aladid und Detken 2007, Borio 2008.

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106 Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler

Mit der Liquiditätsausweitung in den USA zwischen 2001 und


2005 war die erste Voraussetzung für das Entstehen einer speku-
lativen Übertreibung erfüllt.6

Abb. 1: Zinsen und Konsumentenpreisinflation in den USA

6 Nominalzins
Inflation
5

4
Prozent

0
Dez 99 Jun 00 Dez 00 Jun 01 Dez 01 Jun 02 Dez 02 Jun 03 Dez 03 Jun 04 Dez 04

Quelle: IWF, IFS 2009.

2.2 Der Boom im US-Häusermarkt

Positive Erwartungen treffen auf institutionelle Anreize für


einen Boom
Die günstigen Liquiditätsbedingungen der Federal Reserve nach
2001 erhöhten die Rentabilität von Investitionen in den USA.
Die zweite Voraussetzung für eine Übertreibung sind positive

6 Hayek 1929, Minsky 1986.

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Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen der Finanzkrise 107

Erwartungen.7 Zu dieser Zeit waren diese im US-Aktienmarkt


nicht gegeben.8
Allerdings stiegen die US-Häuserpreise bereits seit Mitte der
1990er-Jahre schneller als das allgemeine Preisniveau. Diese Ent-
wicklung stellte sich auch nach dem Platzen der Internetblase als
„wachstumsrobust“ heraus.9 Die Erwartungen in diesen Markt
stiegen vor allem durch die fiskalpolitische Unterstützung und die
günstigen institutionellen Rahmenbedingungen für Investitionen
weiter an. So sind in den USA Steuerabschreibungen auf Immo-
bilienfinanzierungsaufwendungen möglich. Auch der allgemeine
Zugang zu günstigen Hypotheken wird durch die staatlich geför-
derten Finanzierungsgesellschaften begünstigt. Für die Strukturie-
rung und Bündelung der Hypotheken in sogenannten Mortgage
Backed Securities (MBS), die als Anlageprodukte an Dritte – zu-
meist institutionelle Kunden – im Investmentbankinggeschäft
verkauft werden, übernahmen die staatlich geförderten Gesell-
schaften zudem das Ausfallrisiko, sodass mehr als die Hälfte aller
in den USA emittierten MBS staatlich garantiert wird.10
Des Weiteren trugen institutionelle Rahmenbedingungen, wie
der umstrittene Community Reinvestment Act und eine laxe Wert-
papieremissionsaufsicht zu hohen Renditeerwartungen auf dem
US-Immobilienmarkt bei. Damit waren beide Voraussetzungen
für das Entstehen einer Blase im Häusermarkt erfüllt.

Der Boom im US-Häusermarkt


Vor diesem Hintergrund stieg die Nachfrage nach Immobilien
und Krediten stark an. Die Banken fragten mehr Geld bei der
Zentralbank nach. Diese Geldnachfrage wurde zu günstigen Zin-

7 Minsky und Hayek.


8 Case und Shiller 2003.
9 McCarthy und Peach 2005.
10 Jaffee 2008.

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108 Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler

sen bedient, sodass die Finanzinstitute die Möglichkeit hatten,


die Kredit- und Hypothekenmarktzinsen bis zum Jahr 2005 auf
das historisch niedrigste Finanzierungsniveau von sechs Prozent
abzusenken (Abb. 2), obwohl die Kreditnachfrage zunahm.
Da das Immobilienangebot aufgrund der geringen Umschlags-
häufigkeit kurzfristig unelastisch war, stiegen die Preise schneller
als zuvor. Steigende Hauspreise wirkten sich wiederum auf das
Kreditvergabeverhalten der Banken aus. So begünstigte die starke
Nachfrage nach Immobilien auch die Kreditschöpfung der Ge-
schäftsbanken und erhöhte die Geldnachfrage bei der Zentral-
bank. Vom Jahr 2000 an verdoppelten sich die Kaufpreise für
Häuser binnen fünf Jahren.
Außerdem beschleunigten neu entstandene Verbriefungsin-
strumente die Aufwärtsspirale von Kreditvergabe und US-Häu-
serpreisen (Innovationen im Sinne von Minsky). Wohnbaukre-
dite wurden in gepoolter Form als sichere Investitionen mit
AAA-Ratings bewertet und weiterverkauft. Damit hatten die
Banken die Möglichkeit, die Ausfallrisiken ihrer Hypotheken-
marktgeschäfte aus den Bankbilanzen zu nehmen und an Dritte
weiterzugeben. Käufer fanden sich für AAA-bewertete Wert-
papiere schnell.11

11 Die Bewertung verbriefter Kredit- und Hypothekenrisiken wird von privaten


Unternehmen ausgeführt.

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Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen der Finanzkrise 109

Abb. 2: Durchschnittlicher Hypothekenzinssatz in den USA von 1990 bis 2006

11

10

9
Prozent

5
1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006
1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005

Quelle: Office of Federal Housing Enterprice Oversight, Zins bei 30-jähriger


Laufzeit.

Diese Weitergabe von Forderungen aus Hypotheken- und Kre-


ditgeschäften dehnte den finanziellen Spielraum der Hypothe-
kenfinanzierer und der beteiligten Geschäftsbanken weiter aus.
Er bildete die Finanzierungsgrundlage für neue Kreditgeschäfte.
Diese neue Situation antizipierten die Banken durch eine Aus-
weitung der Kreditlinien auf Kreditnehmer, die eine geringere
Bonität aufwiesen und vorher nicht als Kreditnehmer infrage ge-
kommen wären. Das so entstandene Subprime-Segment wurde
gezielt bedient und bildete bald einen Großteil der Neukredite.12
Die hierzu gewährten Kredite wurden später auch als Ninja
Loans (No Income, No Job or Asset) bezeichnet, deren Werthal-
tigkeit allein vom Preisanstieg im Häusermarkt abhing. Beson-
ders beliebt waren dabei Darlehen mit flexiblen Zinsen. Häufig

12 Osman 2007.

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 109 28.01.10 10:31


110 Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler

waren diese so strukturiert, dass die Zinszahlungen zu Beginn


der Laufzeit gering waren (die sog. „Teaser-Rate“) und erst nach
einigen Jahren auf den marktüblichen Satz erhöht wurden. So-
lange der Hauspreis stieg und die Zinszahlungen moderat waren,
verbesserte sich bei allen Hypothekendarlehen das Verhältnis
von Kreditsumme zu Immobilienwert.

Abb. 3: Case-Shiller-Hauspreisindex 1990–2008

250
Internetblase platzt

200

150

100

50

0
Jan 90 Jan 92 Jan 94 Jan 96 Jan 98 Jan 00 Jan 02 Jan 04 Jan 06 Jan 08

Quelle: Standard & Poors 2008, Composite 10.

Der Verlauf des Case-Shiller-Hauspreisindex, der die Entwick-


lung der Hauspreise in den bedeutendsten Metropolregionen
der USA darstellt, verdeutlicht den oben beschriebenen Boom
(Abb. 3). Gleichzeitig stieg die Eigenheimquote zwischen den
Jahren 2000 und 2006 von 67 auf über 69 Prozent (ein Allzeit-
hoch).
Der Boom auf dem Häusermarkt wirkte sich mittelbar auch
auf die Gesamtwirtschaft aus: Solange die Zinsen niedrig waren
und die Häuserpreise stiegen, verbesserte sich die Vermögenssi-
tuation der „Häuslebesitzer“. Damit stiegen die Kreditwürdigkeit

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 110 28.01.10 10:31


Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen der Finanzkrise 111

und die Konsumfähigkeit der Amerikaner, was schließlich zur


Stimulation der Wirtschaft und zur Beschleunigung der Fehl-
allokation in der Realwirtschaft bei einem höheren Verschul-
dungsgrad der Haushalte beitrug.

3. Die weltweite Geldmengenexpansion und ihre


Auswirkungen

Nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in allen wichtigen


Volkswirtschaften wurde die Geld- und Währungspolitik nach
2001 auf die Vermeidung einer Rezession bzw. Förderung von
Wachstum ausgerichtet. Infolgedessen waren günstige Refinan-
zierungsmöglichkeiten auf dem internationalen Kapitalmarkt
verfügbar, die das Wachstum weltweit anschoben. Im Folgenden
stellen wir die geld- und währungspolitischen Entwicklungen in
Ostasien (insbesondere China) und Europa nach 2001 dar. Da-
raufhin werden die Implikationen dieser Politik für die Kapital-
märkte verdeutlicht.

3.1 Ostasien
Viele der ostasiatischen Zentralbanken (insbesondere China)
koppelten ihre Währungen in den 1990er-Jahren an den US-
Dollar. Diese Wechselkursbindung erscheint aus zwei Gründen
sinnvoll: Erstens sind die USA der Haupthandelspartner der Ost-
asiaten. Da diese nicht über internationale Reservewährungen
verfügen, wurden Transaktionen ohnehin in US-Dollar abgewi-
ckelt. Und zweitens garantiert ein fixierter Wechselkurs den Wert
durch bereits akkumulierte Reserven. Es ist deshalb häufig von
einem Welt-Dollarstandard die Rede.13
Durch die Wechselkursfixierung importierten diese Volks-

13 McKinnon und Schnabl 2004, 2009.

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 111 28.01.10 10:31


112 Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler

wirtschaften die US-Geldpolitik. Die expansive US-Geld- und


Fiskalpolitik nach 2001 hat den Konsum in den USA angeheizt.
Zusätzlich brachte sie den US-Dollar unter Abwertungsdruck.
Um den Wechselkurs stabil zu halten, mussten die ostasiati-
schen Zentralbanken durch den zusätzlichen Ankauf von US-
Dollar und den Verkauf der eigenen Währung auf dem Devisen-
markt intervenieren (Abb. 4). Dabei verfolgten die Ostasiaten
eine Unterbewertungsstrategie, um ihren Export zusätzlich zu
stimulieren.14
Da die Ostasiaten die akkumulierten Reserven und Erspar-
nisse aus den Exportgeschäften vor allem in US-Staatsanleihen
anlegten, stellten sie den Finanzinstituten zusätzliche Liquidität
zur Verfügung, die den langfristigen Zins in den USA absenkte.
Der Geldschöpfungsprozess in den USA wurde damit von der
monetären Auswirkung der exportinduzierten Wachstumsstra-
tegie der Ostasiaten zusätzlich verstärkt. Bernanke (2005) sieht
in dieser Savings glut aus Ostasien die Hauptursache für globale
Ungleichgewichte und Übertreibungen. Die Kapitalimporte aus
Ostasien beschleunigten den Hypothekenmarktboom, weil die
zunächst absorbierte Geldmenge der Ostasiaten über den Kauf
von US-Staatsanleihen wieder im Markt verfügbar wurde. Der
Nährboden für Übertreibungen vergrößerte sich.15
Im Boom profitierten beide voneinander. Die USA profitier-
ten durch die günstige Situation für den Finanzsektor und die
Ostasiaten durch die Möglichkeiten, Industrieprodukte zu ex-
portieren. Abb. 5 verdeutlicht den Boom in den ostasiatischen
Ländern am Beispiel der Aktienpreisentwicklung von China.

14 Siehe Bretton-Woods-II-System von Dooley und Folkerts-Landau 2004.


15 Erste Voraussetzung nach Minsky und Hayek.

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Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen der Finanzkrise 113

Abb. 4: Entwicklung der Devisenreserven

1800 4

1600 China (l. S.)


3,5
USA (l. S.)
1400 Japan (l. S.)
3
Estland (r. S.)
1200
2,5
1000
Mrd. $

Mrd. $
2
800
1,5
600
1
400

200 0,5

0 0
Jan 80 Jan 84 Jan 88 Jan 92 Jan 96 Jan 00 Jan 04 Jan 08

Quelle: IWF, IFS 2009.

Abb. 5: Internationale Aktienpreisentwicklung

250 350
USA (l. Sk.)
230 Deutschland (l. Sk.)
Japan (l. Sk.) 300
210
China (r. Sk.)
190 Estland (r. Sk.)
250
170
2004 : 03 = 100

2004 : 03 = 100

150 200

130
150
110

90
100
70

50 50
Mrz 04 Mrz 05 Mrz 06 Mrz 07 Mrz 08 Mrz 09

Quelle: IWF, IFS 2009 und Ecowin 2009.

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114 Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler

3.2 Europa
Bis 1999 gestand die Deutsche Bundesbank der Geldmengenent-
wicklung eine zentrale Bedeutung beim Erreichen der Geldwert-
stabilität zu. Mit der Übernahme der Geldpolitik durch die Euro-
päische Zentralbank verlor die Geldmenge an Bedeutung. Anstatt
wie bei der Bundesbank auf eine Geldmengensteuerung abzustel-
len, wurde nunmehr das geldpolitische Instrumentarium auf das
Erreichen des Konsumentenpreisinflationsziels unter, aber nahe
zwei Prozent ausgerichtet. Die europäische Geldpolitik näherte
sich der amerikanischen Geldpolitik an.
Ein Grund für die Abkehr von der Friedman’schen Geldmen-
gensteuerung liegt in der empirischen Beobachtung, dass das
Niveau der Konsumentenpreise trotz schnellen Geldmengen-
wachstums in den 1990er-Jahren weitgehend stabil blieb. Daher
wurde der monetaristisch geprägte Zusammenhang zwischen
Geldmengenwachstum und Preisentwicklung im wissenschaftli-
chen Diskurs angezweifelt.16 De Grauwe und Polan17 gehen noch
weiter, indem sie behaupten, dass das Geldmengenwachstum
keinen Einfluss auf die Entwicklung des Preisniveaus habe, da
die Geldnachfrage nicht konstant sei. Bei einer steigenden Geld-
nachfrage bzw. fallenden Umlaufgeschwindigkeit des Geldes,
kann die Geldmenge schneller steigen als unter der Friedman-
Regel. Da die Geldmenge nicht mehr als relevanter Indikator für
zukünftige Preisentwicklungen angesehen wird, sollte daher die
gegenwärtige Entwicklung des Preisniveaus und die Entwick-
lung des BIP als Indikator für zukünftige Preisentwicklungen he-
rangezogen werden.18
Im Juni 2001 senkte die Europäische Zentralbank den Haupt-
refinanzierungszinssatz, um auf Deflationsgefahren zu reagie-

16 Estrella und Mishkin 1997.


17 2005.
18 Gerlach und Svensson 2002 sowie Stock und Watson 2002.

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Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen der Finanzkrise 115

ren, die sich im Norden der Währungsunion abzeichneten. Ähn-


lich wie in den USA waren die Realzinsen fortan über einen län-
geren Zeitraum hinweg negativ (Abb. 6).19 Die Geldmenge im
Euroraum stieg zwischen 2002 und 2006 ebenfalls um jährlich
ca. zehn Prozent. In Anbetracht dieser Liquiditätsentwicklung
war auch in der Europäischen Wahrungsunion die notwendige
Vorraussetzung für Vermögenspreisblasen erfüllt.

Abb. 6: Parallele Realzinsentwicklung in den USA und der Eurozone

3 Eurozone Realzins
US-Realzins
2

1
Prozent

-1

-2

-3
Aug 01 Aug 02 Aug 03 Aug 04 Aug 05 Aug 06 Aug 07
Feb 02 Feb 03 Feb 04 Feb 05 Feb 06 Feb 07

Quelle: IWF, IFS 2009.

In Europa begünstigte das niedrige Zinsniveau zudem Kapital-


zuflüsse in die aufstrebenden Märkte Mittel- und Osteuropas,
insbesondere in die baltischen Staaten und Bulgarien, die ihren
Wechselkurs zum Euro stabilisierten und höhere Investitions-

19 Unter den Realzinsen verstehen wir die realen Refinanzierungszinssätze der


Geschäftsbanken, die als kalkulatorischer Zinsfuß für das Kredit- und Inves-
titionsgeschäft der Geschäftsbanken herangezogen werden.

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116 Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler

renditen als in der Eurozone aufwiesen. Ähnlich wie in Ostasien


stiegen in diesen Ländern die Devisenreserven stark an (Abb.
4). Auch in Mittel- und Osteuropa sind die Aktien- und Immo-
bilienpreise förmlich explodiert (Abb. 5). Die Kapitalzuflüsse
spiegelten sich in hohen Leistungsbilanzdefiziten und Über-
investitionen auf den Immobilienmärkten wider.20 Während
Ostasien und Osteuropa die dynamischsten Wachstumsraten
verzeichneten, waren auch in zahlreichen aufholenden Volks-
wirtschaften ähnliche Entwicklungen zu erkennen. Dies gilt
insbesondere auch für die Rohstoff exportierenden Länder, die
von rasant steigenden Rohstoffpreisen profitierten (Russland,
Brasilien).

3.3 Die Auswirkungen auf den Kapitalmarkt


Nicht nur die Ostasienstaaten und Europa, sondern auch Japan,
Russland und die meisten anderen G20-Staaten ordneten sich
dem Ziel der günstigen Liquiditätsbereitstellung unter. Als Re-
sultat der weltweiten geldpolitischen Expansionen war das reale
Weltzinsniveau nach 2001 für lange Zeit nahe null. Dieser Ent-
wicklung der Refinanzierungssituation begegneten die Geschäfts-
banken mit der Ausweitung ihres Investitions- und Kredit- bzw.
Finanzierungsgeschäfts.
Auf der Suche nach attraktiven Renditeprodukten wurden asia-
tische und europäische Geschäfts- und Investmentbanken auf
die verbrieften Forderungen auf Zahlungen der US-Hausbesitzer
aufmerksam. Diese Produkte erschienen wenig riskant und den-
noch lukrativ, da sie einen deutlich über dem Marktzins liegen-
den Ertrag bei besten Produktratings versprachen. Die internati-
onale Nachfrage nach diesen Investmentprodukten intensivierte
deren Emission nicht zuletzt deshalb, weil die US-Banken so einen
Weg gefunden hatten, durch den Verkauf der zugrunde liegenden

20 Hoffmann und Schnabl 2008.

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Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen der Finanzkrise 117

Risiken bei der Kreditvergabe weniger auf Zentralbankliquidität


angewiesen zu sein. In einer Welt steigender Vermögenspreise
konnten Unternehmen zudem mehr Fremdkapital aufnehmen,
da ihre Aktivseite durch die Vermögenspreis-Hausse von Bilanz-
stichtag zu Bilanzstichtag verlängert wurde. Auf diese Weise ver-
stärkte sich der Verschuldungsprozess der Unternehmen und
Banken gegenseitig, der sich in exponentiell ansteigenden Fremd-
kapitalquoten niederschlug. Aus diesem Grund kann dieser Pro-
zess auch als doppelter Leverage-Effekt im Banken- und Unter-
nehmenssektor bezeichnet werden.

4. Die Finanzkrise und die in Reaktion darauf


getroffenen staatlichen Maßnahmen

In diesem Kapitel beschreiben wir den Ausbruch und die welt-


weite Transmission der Finanzkrise. Danach schildern wir die
Reaktionen der Regierungen und Zentralbanken auf die Krise
und analysieren sie hinsichtlich ihrer Wirksamkeit.

4.1 Die Krise in den USA


Ab dem Juli 2004 bzw. Dezember 2005 erhöhten die Federal Re-
serve respektive die Europäische Zentralbank die Leitzinsen. In
den Vereinigten Staaten leitete das den Umschwung am Immobi-
lienmarkt ein: Das steigende Zinsniveau verminderte die Nach-
frage nach Immobilien und Hypotheken. Zudem führte die Zins-
erhöhung zu Zahlungsausfällen, da viele Subprime-Schuldner
die Hypotheken ihrer Häuser nur bezahlen konnten, solange die
Zinsen fielen und die Häuserpreise stiegen.
Durch die Zahlungsausfälle der Subprime-Schuldner mussten
ab Sommer 2007 Hypothekenfinanzierer, Investmentbanken und
Versicherungsunternehmen wie IndyMac Bank, Bear Stearns,
AIG und Merryl Lynch Verluste in Milliardenhöhe hinnehmen,

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118 Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler

wurden verkauft bzw. mussten Gläubigerschutz beantragen. Wäh-


rend die staatlich geförderten Immobilienfinanzierungsinstitute
Freddy Mac und Fannie Mae im Juli 200821 durch die Interven-
tion der US-amerikanischen Regierung vor der Insolvenz gerettet
wurden, trug die unterlassene Rettung der Investmentbank Leh-
mann Brothers im Oktober 2008 maßgeblich zur Verunsiche-
rung an den Finanzmärkten bei. Das Vertrauen in die Märkte
erodierte und sämtliche Hypothekenfinanzierer gerieten an den
Rand der Zahlungsunfähigkeit.
Die Verluste bei den Investmentbanken hatten eine Abnahme
der Risikobereitschaft privater und institutioneller Anleger zur
Folge. Diese zogen daraufhin in kurzer Zeit erhebliche Beträge
aus dem Kapitalmarkt ab oder hielten sich mit neuen Investitio-
nen in risikoreiche Anlagen zurück. Der Aktienmarkt brach ein
(Abb. 5). Dies verminderte das Eigenkapital der Banken. Außer-
dem misstrauten sich die Banken untereinander und halfen sich
kaum mehr gegenseitig mit Krediten aus. Schließlich trocknete
der Interbankenmarkt ganz aus, sodass die Liquiditätsbeschaf-
fung nur noch über die Zentralbank möglich war.
Als nächstes war die US-Realwirtschaft betroffen, weil infolge
der Zahlungsschwierigkeiten von Hausbesitzern Häuser in gro-
ßem Umfang zwangsversteigert werden mussten und diese Haus-
halte über keinerlei Einkommen mehr verfügten. Infolgedessen
fielen seit Mitte 2007 auch die Preise für Immobilien drastisch.
Mit dem Wertverfall der Immobilien verloren die Haushalte
Sicherheiten für Konsumkredite. Der private Konsum ging zu-
rück. In einer zweiten Runde verringerte die reduzierte Kreditbe-
reitstellung durch den stark von der Krise getroffenen Bankensek-
tor sowohl Investitionen als auch Konsum. Dies zog seit Beginn
des Jahres 2007 eine rückläufige Entwicklung bei der Beschäfti-
gung nach sich. Die Arbeitslosigkeit in den USA steigt seither kräf-
tig an und das BIP wird 2009 voraussichtlich schrumpfen.

21 Jaffee 2009.

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Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen der Finanzkrise 119

4.2 Internationale Transmission der Krise


Die Weltkonjunktur verlangsamte sich, weil nicht nur die USA,
sondern auch die Volkswirtschaften in Ostasien, Europa und den
Emerging Markets von der Krise betroffen sind. Ostasien und
Deutschland waren als Kreditgeber der USA von Anfang an von
der Krise betroffen. Europäische Finanzinstitute wie Northern
Rock, die IKB und deutsche Landesbanken, aber auch ostasiati-
sche Finanzinstitute, verzeichneten Verluste in Milliardenhöhe,
weil sie viele der verbrieften Wertpapiere gekauft hatten, die nun
ihren Wert verloren. Außerdem verschlechterten sinkende US-
Importe die Wachstumsaussichten der exportorientierten Volks-
wirtschaften. Das BIP in Deutschland bzw. Japan wird bis Ende
2009 voraussichtlich erheblich schrumpfen. Es ist mit einem
deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu rechnen.
Die aufstrebenden Volkswirtschaften waren vor allem durch
geringere Kapitalzuflüsse betroffen. Dies brachte deren Wäh-
rungen unter Abwertungsdruck und resultierte insbesondere in
Ländern, die ihren Wechselkurs gegenüber dem Euro oder US-
Dollar stabilisierten, in einer monetären Kontraktion, die das
Wachstum bremste. So schrumpften die meisten Volkswirt-
schaften der Erde so stark wie nie zuvor. Für die baltischen
Länder wird für das laufende Jahr ein Einbruch des BIPs von
ca. zehn Prozent erwartet. In Abb. 5 ist zu sehen, wie (u. a.) auch
die Vermögenswerte in Estland und China 2007 massiv einbra-
chen.

4.3 Staatliche Maßnahmen als Reaktion auf die Krise


Unmittelbar nach dem Ausbruch der Finanzkrise senkten die
Zentralbanken die Leitzinsen stark ab. Der geldpolitische Hand-
lungsspielraum der Zentralbanken war jedoch sehr eingeengt,
weil das Zinsniveau beim Ausbruch der Krise im Vergleich zu
früheren Szenarien relativ niedrig war. Da die Untergrenze der

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120 Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler

Zinsabsenkung bereits Ende des Jahres 2008 erreicht war, stellten


die Zentralbanken den Geschäftsbanken nunmehr jede nach-
gefragte Menge an Geld zur Verfügung. Im Rahmen dieses so-
genannten „monetary easing“ steht seitdem in den USA, in der
Eurozone und in Großbritannien unbegrenzt Liquidität zur Ver-
fügung.
Neben dieser geldpolitischen Reaktion auf die Finanzkrise ha-
ben die Regierungen der G 20 die, „wohl größten Staatsinterventi-
onen seit den 1930er-Jahren auf den Weg gebracht“22, indem
staatliche Garantien für „faule“ Vermögenswerte erteilt und fiskal-
politische Stimulationsprogramme nie da gewesenen Ausmaßes
auf den Weg gebracht wurden. Während Staatsgarantien bzw. die
Verstaatlichung von Geschäftsbanken einen drohenden Banken-
kollaps verhindern sollten, zielten die Konjunkturprogramme auf
die Stabilisierung des Wirtschaftssystems ab. Von dem Einsatz die-
ser Politik erhofften sich die Regierungen, die Gefahren einer De-
flation zu senken und die Auswirkungen auf die Realwirtschaft
abzuschwächen. Als Folge dieser schuldenfinanzierten Reaktion
auf die Krise wird die Staatsverschuldung vor allem in den ent-
wickelten Volkswirtschaften in den nächsten Jahren Allzeithoch-
stände erreichen und den fiskalpolitischen Handlungsspielraum
zukünftiger Regierungen einschränken (IMF 2009).
In der Tat konnte diese Politik – vor allem aber die Rekapita-
lisierung der Finanzinstitute – die Finanzmärkte vor einem be-
fürchteten Bankenkollaps im Herbst 2008 bewahren. Auch
wenn es bislang nicht gelungen ist, das Vertrauen der Finanz-
marktakteure und damit einen frei von staatlichen Engriffen
funktionierenden Interbankenmarkt wiederherzustellen, ist es
möglich, dass das Einschreiten der Politik die Erwartungen der
Marktteilnehmer dreht und die Krisendauer damit verkürzt. In
diesem Sinne wäre der schnelle und massive Staatseingriff rich-
tig gewesen.

22 Siehe Neue Zürcher Zeitung vom 22. September 2008, S. 9.

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Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen der Finanzkrise 121

Die langfristige Wirksamkeit dieser politischen Reaktion wird


jedoch bereits jetzt bezweifelt: Wenngleich die realwirtschaft-
lichen Auswirkungen der Krise durch die expansive Fiskal- und
Geldpolitik kurzfristig abgeschwächt werden können, program-
miert diese Art der Politik – vor allem der Einsatz konjunkturpo-
litischer Programme, die über die automatischen Stabilisatoren
hinaus wirken – die Wiederkehr einer erneuten Krise bereits jetzt
vor.23 Schließlich setzen die Regierungen eben die Politik fort, die
ursächlich zur Krise beigetragen hat24: Fehl- und Überinvestitio-
nen werden durch die Konjunkturprogramme erneut stimuliert.
Die Restrukturierung der Wirtschaft wird durch Garantien ver-
hindert und gleichzeitig Moral-Hazard-Verhalten gefördert.25

5. Die ordnungspolitischen Konsequenzen der


Finanzkrise

Die zweifelhafte langfristige Wirksamkeit der staatliche Reaktio-


nen auf die Krise ist unserer Meinung nach auf das qualitative
Problem zurückzuführen, dass diese Politik in erster Linie an den
Symptomen, nicht aber den regelbasierten Gründen der Finanz-
krise ansetzt. Daher möchten wir im nun folgenden Kapitel für
eine ordnungspolitische Reaktion auf dem Gebiet der Geldpoli-
tik und der Geldverfassung werben. Dazu gehen wir in zwei
Schritten vor:
In einem ersten Schritt wird die Frage erörtert, wie die beste-
hende monopolisierte Geldordnung durch die Änderung der
geldpolitischen Verfahrensregeln – also durch die Variation der
„geldpolitischen Strategie“ der Zentralbank – so verbessert wer-
den kann, dass die Wiederkehr eines Überliquiditätsszenarios

23 Straubhaar et al. 2009.


24 Wohlgemuth 2008.
25 Hoffmann und Schnabl 2008.

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122 Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler

bestmöglich verhindert werden kann. Hierzu fassen wir drei


Vorschläge zur Reform der Geldpolitik zusammen.
In einem zweiten Schritt fragen wir nach den konstitutionel-
len Änderungsmöglichkeiten der bestehenden Geldordnung aus
ordnungsökonomischer Perspektive. Im Unterschied zum ersten
Schritt werden hier die konstitutierenden Geldverfassungsregeln
der bestehenden Geldordnung zur Disposition gestellt und ge-
fragt, welche institutionellen Arrangements und Regeländerun-
gen zu empfehlen sind, wenn es darum geht, eine langfristig
wirksame Geldverfassung zu gewährleisten. Mit dieser konstitu-
tionellen Herangehensweise versucht die Verfassungsökonomik,
die vernachlässigte institutionelle Perspektive der neoklassischen
Ökonomik zu korrigieren.26

5.1 Die ordnungspolitische Notwendigkeit zur Änderung der


Geldpolitik
Wie in Kapitel 2.1 und 3.2 dargestellt wurde, hat sich innerhalb
der letzten 20 Jahre ein Paradigmenwechsel im geldpolitischen
Diskurs vollzogen. Mit neuen Forschungserkenntnissen über die
Transmissionsmechanismen der Geldpolitik, wie der empirischen
Widerlegung der Geldmengenregel durch die variable Umlauf-
geschwindigkeit, lösten neokeynesianische Wissenschaftler den
Monetarismus in der Führungsrolle bei der wissenschaftlichen
Weiterentwicklung der Geldpolitik ab. Die mit diesem Wechsel
zusammenhängende weltweite Konversion der Zentralbanken
zur akkomodativen Geldpolitik und deren Beitrag zur Entste-
hung der Finanzkrise wirft daher die Frage auf, wie die geldpoli-
tische Strategie der Zentralbanken in Zukunft ausgestaltet sein
soll, wenn es darum geht, zukünftige Krisen zu vermeiden und
stabiles Geld innerhalb einer monopolistischen Geldverfassung
zu sichern.

26 Vanberg 1998.

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Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen der Finanzkrise 123

Hier empfehlen Borio (2008) und White (2008) den Zentral-


banken, in Zukunft auch Vermögenspreise und Kreditentwick-
lungen zu beobachten, damit der Bankensektor in seiner Kredit-
schöpfung beschränkt wird. Der Geldmengenentwicklung sollte
daher wieder mehr Beachtung geschenkt werden, als es noch in-
nerhalb der letzten Jahre der Fall gewesen ist. Die Aufnahme von
Kredit- und Vermögensaggregaten in die Reaktionsfunktion der
Zentralbanken käme zudem keiner Rückkehr zur Geldmengen-
regel gleich, die in der heutigen Realität nicht praktikabel ist. Mit
dieser Vorstellung, den Einsatz des geldpolitischen Instrumenta-
riums auf ein erweitertes Geldmengenaggregat abzustellen, wi-
dersprechen beide jedoch der herrschenden neokeynesianischen
Schlussfolgerung, allein auf erwartete Konsumentenpreisent-
wicklungen zu reagieren, wie in Kapitel 2.1 dargestellt wurde.
Auch Bundesbankpräsident Weber (2008) vertritt diese Mei-
nung und fordert zudem, dass die expansiven Geld- und Fiskal-
politiken mittelfristig, d. h. nach einer erkennbaren Marktsta-
bilisierung, beendet werden müssen. Seiner Auffassung folgend
sollte eine reformierte geldpolitische Strategie so ausgestaltet
werden, dass sich ein symmetrischer Verlauf der Zinsen in Auf-
und Abschwungjahren einstellt und ein langfristiges Niedrig-
bzw. Nullzinsniveau verhindert wird. Damit sollte die Zentral-
bank eine bessere Vorhersehbarkeit der Geldpolitik auf mittlere
Frist gewährleisten.
Diese Vorschläge zielen – zumindest implizit – auf die Revi-
sion des Jackson Hole Consensus ab, da die avisierte Geldpolitik
die Entstehung von Spekulationsblasen verhindern soll.
Aufgrund dieser Ausrichtung können diese Ansätze dem Re-
gelsetzer zur ordnungspolitischen Umsetzung empfohlen werden,
da eine wirksame Institutionalisierung dieser neuen geldpoli-
tischen Strategie mit einer Rückkehr zur stabilitätsorientierten
und vorhersehbaren Geldpolitik gleichbedeutend ist, die insbe-
sondere der Geldmengenproblematik beim Einsatz des geldpoli-
tischen Instrumentariums Rechnung trägt.

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124 Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler

Jenseits dieser ordnungspolitischen Empfehlungen zur Neu-


ausrichtung der Geldpolitik sollte dem Staat aufgrund der Inter-
dependenz der Ordnungen dazu geraten werden, die Regeln der
Wirtschaftsordnung zu reformieren.27 So haben Wohlgemuth,
Straubhaar und Zweynert28 darauf hingewiesen, dass das Prinzip
der Haftung als Steuerungsideal für die Reform der Geld- und
Wirtschaftsordnung29 ebenfalls Beachtung finden sollte.
Auch andere interdependente Bereiche der Wirtschaftsord-
nung sollten einer ordnungspolitischen Korrektur unterzogen
werden, auf die wir hier jedoch nicht weiter eingehen können.
Hier sind vor allem die institutionellen Anreize zur Stimulation
der Konsum- und Investitionstätigkeit, Regeln, die Moral-Ha-
zard-Verhalten des Staates und der Wirtschaftssubjekte begüns-
tigen, und andere Gesetze gemeint, die in ihrer Wirkungsweise
negative Auswirkungen auf die zu erwartenden Handlungsmus-
ter in der Wirtschafts- und Geldordnung erwarten lassen.30

5.2 Geldverfassungsalternativen aus ordnungsökonomischer


Perspektive
Die Frage, welche Geldverfassungs- oder Regelalternative emp-
fohlen werden kann, um die bestehende Geldordnung langfristig
zu verbessern, stellt ein Problem der konstitutionellen Regelwahl
dar. Dazu soll zunächst erklärt werden, wie zwischen alterna-
tiven Regeln im Sinne wählbarer Restriktionen entschieden wer-
den kann.
Aus ordnungsökonomischer Perspektive sollten unterschied-

27 Eucken 1952/2004, S. 257.


28 2008.
29 Siehe hierzu auch Eucken 1952/2004, S. 279.
30 Hier sind u. a. prozyklisch wirkende Rechnungslegungsvorschriften, Bewer-
tungsmethoden verbriefter Kreditrisiken sowie die Wettbewerbsaufsicht für
Finanzmarktprodukte zu erwähnen.

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Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen der Finanzkrise 125

liche Ausgestaltungen der Geldordnung dahin gehend unter-


sucht werden, ob sie im gemeinsamen Regelinteresse der Indivi-
duen liegen. Gemäß dem Prinzip des normativen Individualis-
mus sind die Präferenzen der betroffenen Individuen die einzige
Quelle zur Beurteilung der Güte unterschiedlicher Regeln. Dem-
zufolge kann eine Regeländerung aus ordnungsökonomischer
Perspektive dann als gesellschaftlich vorteilhaft angesehen wer-
den, wenn sie die freiwillige und informierte Zustimmung aller
betroffenen Individuen finden kann. Der Test für die Legitimität
einer Regeländerung liegt also in der Zustimmungsfähigkeit der
Individuen zu dieser Regelordnung und nicht in der Maximie-
rung marktlicher Aggregatergebnisse oder im Prinzip markt-
licher Effizienz per se. Die Zustimmung stellt daher eine sine-qua-
non-Bedingung dar, an der sich alle Bestrebungen zur Reform
des Geldwesens zu orientieren haben, wenn sie aus ordnungs-
ökonomischer Perspektive Empfehlungswürdigkeit erlangen wol-
len.
Das zweite, nachgelagerte Beurteilungskriterium, an dem die
Empfehlungswürdigkeit einer alternativen Ordnung oder be-
stimmter Regeländerungen erörtert wird, zielt auf funktionale
Eigenschaften der jeweiligen Ordnungs- oder Regeländerung ab.
Freilich lassen sich über die zu erwartenden Ergebnisse nur Hand-
lungsmuster vorhersagen (im Sinne der hayekianischen Muster-
voraussage bzw. „pattern-prediction“)31, die sich unterhalb einer
alternativen Geldordnung oder alternativen Regeln des beste-
henden Systems einstellen. Aus ordnungsökonomischer Perspek-
tive wird daher gefragt, welche Geldordnung, je nach den zu
erwartenden „pattern-predictions“, das gemeinsame konstitutio-
nelle Interesse der Geldnutzer an der Währung im Vergleich zu
bestehenden oder alternativen Geldordnungsvorschlägen am bes-
ten erfüllt. Damit entscheidet ein funktionaler Test, zusammen
mit dem Legitimationskriterium der freiwilligen Zustimmung,

31 Siehe Hayek 1968/2003, S. 135, auch Vanberg 2008, S. 311.

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126 Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler

über die Empfehlungswürdigkeit einer Geldverfassung. Dazu


sollte jeder Geldordnungsvorschlag einer eigenen Analyse der zu
erwartenden Ergebnisse unterzogen werden.32
Da eine Gesamtdarstellung einer solchen Geldordnungsdis-
kussion nicht im Rahmen dieses Beitrags geleistet werden kann,
haben wir uns darauf beschränkt, die Ergebnisse einer solchen
Überprüfung hier kurz zusammenzufassen:
Geldordnungsvorschläge können hinsichtlich ihrer institutio-
nellen Ausgestaltung und deren Wirkung auf die zu erwartenden
Handlungsergebnisse in zwei Kategorien unterteilt werden: zum
einen in Ordnungen, die einer diskretionären Steuerung bedür-
fen und zum anderen in Ordnungen, die eine regelbasierte Steu-
erung verfolgen. Aus ordnungsökonomischer Perspektive sind
regelbasierte Geldverfassungen den diskretionären Ordnungen
bezüglich ihrer Empfehlungswürdigkeit vorzuziehen.33
Die dazu notwendigen institutionellen Arrangements reichen
von einer automatischen Waren-Reserve-Währung34, die kürz-
lich von der Chinesischen Zentralbank aufgegriffen wurde35, über
die Vorstellung einer unabhängigen Zentralbankverfassung36 bis
hin zum Währungswettbewerb37.
Im Forschungsfeld der wettbewerblichen Geldordnung, dem

32 Siehe hierzu: Köhler 2009.


33 Köhler 2009.
34 Eucken 1952, Hayek 1943/76, Buchanan 1962/90.
35 Zhou 2009: Entgegen verkürzter Interpretationen, die den Vorschlag des
Gouverneurs der Chinesischen Volksbank (Zentralbank) auf die Idee von
J. M. Keynes zur Einführung eines Bancor reduzieren, spricht sich Zhou im
Teil III der Rede explizit für eine Warendeckung des Geldes aus: “The alloca-
tion of the SDR can be shifted from a purely calculation-based system to a
system backed by real assets, such as a reserve pool, to further boost market
confidence in its value.”
36 Miksch 1949a, Bernholz 1989, Buchanan 2004.
37 Miksch 1949b, Hayek 1976, 1977; Buchanan 1990/99, 2004; Gerding und
Starbatty 1980.

Altmiks_Im_Schatten_cs4.indd 126 28.01.10 10:31


Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen der Finanzkrise 127

seit dem Ausbruch der Finanzkrise erneute Aufmerksamkeit ge-


schenkt wird, sind zwei Entwicklungslinien zu identifizieren,
die bis zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs des Goldstandards
rückverfolgbar sind: die durch sogenannte amerikanische „Aus-
trians“ geprägte Entwicklung, die eine Rückkehr zu einem Free-
Banking-System bei einer 100-prozentigen Mindestreserve und
Golddeckung fordert38, und die heterogen-angelsächsische Ent-
wicklung, die mehrere Ausgestaltungen eines Free-Banking-Sys-
tems – zum Teil auch unter der Beteiligung der Zentralbank – mit
unterschiedlichen institutionellen Arrangements erörtert39. In
dieser Entwicklungslinie ist auch der Vorschlag von Leonhard
Miksch einzuordnen, der einen Vorläufer eines Free-Banking-
Systems in den Geldordnungsdiskurs der Freiburger Schule ein-
brachte.40 Uneinigkeit herrscht zwischen beiden Lagern bezüglich
des Legitimationsprinzips einerseits und der konkreten institu-
tionellen Ausgestaltung andererseits.
Über die Empfehlungswürdigkeit eines Währungswettbewerbs
und dessen konkrete institutionelle Ausgestaltung bzw. Einbin-
dung in die gesamte Wirtschaftsordnung sollte eine ordnungs-
ökonomische Untersuchung entscheiden. Gute Gründe sprechen
allerdings dafür, dass sich ein Währungswettbewerb unter akti-
ver Zentralbankbeteiligung und mit verfassten Regeln zur Stan-

38 Rothbard 1962, Huerta de Soto 2006, Hülsmann, Polleit.


39 Meulen 1934, Smith 1936, Hayek 1976, Buchanan 1990/99, White 1983, Yea-
ger 2009.
40 Goldschmidt und Köhler 2009: Leonhard Miksch (1901–1950) war als Eu-
cken-Schüler und wissenschaftlicher Berater von Ludwig Erhard maßgeblich
für den Erfolg der Währungsreform von 1948 verantwortlich (siehe hierzu
Goldschmidt und Köhler 2008). Kurz darauf entwickelte er mit seiner Idee
eines „Metrischen Monopols“ die erste wettbewerbliche Geldordnungskon-
zeption des Ordoliberalismus. Bereits 1923 hatte Walter Eucken während der
deutschen Hyperinflation die Idee entwickelt, dass zur Neuordnung des
Geldwesens „dem Staate überhaupt die Macht genommen werden [muß], die
Menge des Geldes zu bestimmen“ (Eucken 1923).

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128 Andreas Hoffmann und Ekkehard A. Köhler

dardisierung des Geldumlaufs bezüglich der zu erwartenden


Ergebnisse als empfehlungswürdige Alternative zur monopo-
lisierten Geldverfassung anbieten könnte.41 Eine genauere Dar-
stellung sollte jedoch an anderer Stelle vollzogen werden. Maß-
geblich ist jedoch die Zustimmung der von einer solchen Reform
betroffenen Bürger.

6. Zusammenfassung

Die Ursache der Finanzkrise ist u. a. auf die Fehlleitung der Geld-
politik seit dem Jahr 2000 zurückzuführen. Im Rahmen der welt-
weit betriebenen Politik des „billigen Geldes“ wurden die Refi-
nanzierungsanreize für die Geschäftsbanken so verzerrt, dass die
globalen Finanzmärkte von einer Investitionsflut überschwemmt
wurden. Den historisch günstigsten Refinanzierungskonditio-
nen der Zentralbanken begegneten die Geschäftsbanken mit der
Ausweitung des Investitions- und Kredit- bzw. Finanzierungsge-
schäfts, die das Verschuldungsniveau erheblich anhob. Die insti-
tutionellen Rahmenbedingungen begünstigten nicht nur die
Weitergabe von strukturierten Kredit- und Hypothekenproduk-
ten an Dritte, sondern auch die Kreditvergabe an Kunden gerin-
ger Bonität. Die fragwürdige Bewertung dieser Risiken und die
starke Nachfrage nach Anlageprodukten verstärkte die Verbrei-
tung verbriefter Kreditrisiken. Es entstand eine global getriebene
Spekulationsblase im US-Häusermarkt. Nach dem Platzen der
Blase im Sommer 2007 und damit verbundenen Auswirkungen
auf die zusammenhängenden Märkte und Unternehmen wurden
alle großen Volkswirtschaften, die bereits unter der Abschwä-
chung der verlangsamten Weltkonjunktur litten (über den Han-
delskanal) von der uns bekannten Finanzmarktkrise heimge-
sucht.

41 Hayek 1976, Buchanan 1990/99, Yeager 2009.

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Ursachen und ordnungspolitische Konsequenzen der Finanzkrise 129

Dem Platzen dieser Blase folgten drastische Zinssenkungen


seitens der Zentralbanken und weitreichende Interventionen zur
Stabilisierung der Finanzmärkte. Die Reaktion auf diese Maßnah-
men hat einen unmittelbar befürchteten Bankenkollaps bislang
verhindern können. Die langfristige Wirksamkeit dieser Reaktion
ist jedoch zu bezweifeln, da es dazu einer ordnungspolitischen
Neugestaltung der Geld- und Wirtschaftsordnung bedarf.
Denkbar ist hierfür die Einbeziehung von Vermögenspreisent-
wicklungen in die Zinsentscheidung der Zentralbanken wie in
Kapitel 5.1 erörtert wurde. Obwohl der Weg zurück zur Geld-
mengensteuerung nicht zu empfehlen ist, lohnt trotz allem eine
Rückbesinnung auf Milton Friedmans Kritik an der eigenen Pro-
fession, die er zur 80. Jahresversammlung der American Economic
Association seinen Kollegen entgegenhielt: „Die erste und wich-
tigste Lektion, die uns die Geschichte über die Möglichkeiten der
Geldpolitik erteilt – eine Lektion von überaus grundlegender
Wichtigkeit – ist jene, dass die Geldpolitik verhindern kann, dass
das Geld selbst zu einer Hauptquelle wirtschaftlicher Störungen
wird.“42 Aus diesem Grund sollen weitere Untersuchungen fol-
gen, die Geldverfassungsalternativen auf ihre Empfehlungswür-
digkeit aus ordnungsökonomischer Perspektive diskutieren.

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FRANK SCHÄFFLER UND NORBERT F. TOFALL

Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren

Der Übergang vom staatlichen Papiergeldmonopol zu einer


marktwirtschaftlichen Geldordnung ist evolutionär mittels Wett-
bewerb möglich.

„Die Vorteile des Wettbewerbs hängen nicht davon ab, dass er ‚voll-
kommen‘ ist.“1
Friedrich August von Hayek

1. Verletzung der allgemeinen Freiheit durch das


staatliche Geldmonopol

Wenn die einzelnen Menschen die freie Wahl hätten zwischen


gedecktem Papier-, Buch- und Kreditgeld, das auf ihren Wunsch
hin zu 100 Prozent in über die Zeit konstante Mengen oder Stan-
dards von realen Vermögensgegenständen eingelöst werden
müsste, und ungedecktem Papier-, Buch- und Kreditgeld, das
mit 0 Prozent gedeckt ist, welches Geld würden sie wählen? Dass
diese Frage ökonomisch und sozialpolitisch von höchster Rele-
vanz ist, sollte angesichts der ersten Weltfinanz- und Wirtschafts-
krise des 21. Jahrhunderts, die die Bundeskanzlerin der Bun-
desrepublik Deutschland im Oktober 2008 zur Abgabe einer
staatlichen Garantie für Spareinlagen nötigte, von niemandem

1 Friedrich A. von Hayek: Recht, Gesetzgebung und Freiheit. Band 3: Die Verfas-
sung einer Gesellschaft freier Menschen. Eine neue Darstellung der liberalen
Prinzipien der Gerechtigkeit und der politischen Ökonomie, Landsberg am Lech
(Moderne Industrie) 1981, S. 97.

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136 Frank Schäffler und Norbert F. Tofall

mehr bestritten werden. Bis September 2009 haben allein elf


westliche Länder ihre Banken mit 5.000 Milliarden Euro gestützt,
was 20 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung dieser Länder
entspricht.2 Zudem müsste jedem sofort klar sein, dass diese
Frage eine Freiheitsfrage ist. Denn die einzelnen Menschen ha-
ben in unserem staatlichen Papiergeldmonopol nicht die allge-
meine, die für alle gleiche Freiheit, Geld frei zu wählen oder frei
zu produzieren.
Monopolfragen sind von jeher Freiheitsfragen. Bereits der
Dominikaner und Kardinal der römisch-katholischen Kirche
Thomas de Vio Cajetan OP – geboren 1469 zu Gaeta, gestorben
1534 in Rom – brandmarkte Monopole als einen Angriff auf die
allgemeine Freiheit. Durch Monopole würden die Menschen
gezwungen, höhere Preise zu zahlen, als es ohne Monopole der
Fall wäre.3 Da Geld eine Ware ist wie jede andere Ware auch,
führen auch staatliche Geldmonopole dazu, dass die Menschen
gezwungen werden, einen höheren Preis für Geld zu zahlen, als
es ohne Geldmonopole der Fall wäre. Ohne diesen staatlichen
Zwang würden vermutlich nur wenige Menschen bereit sein,
diesen höheren Preis für Geld zu zahlen. Deshalb sind auch
staatliche Geldmonopole ein Angriff auf die allgemeine, die für
alle gleiche Freiheit. Der einzelne Mensch kann nicht unabhän-
gig von der nötigenden Willkür durch andere Menschen seine
eigene Wahl treffen. Sowohl die Konsumentenfreiheit als auch

2 Vgl. Holger Steltzner: „Mehr Kapital, weniger Risiko“, in: Frankfurter Allge-
meine Zeitung vom 14. September 2009, Nr. 213, S. 1. Diese Zahlen hat die
Bank für Internationalen Zahlungsausgleich berechnet.
3 Siehe die immer noch lesenswerte volkswirtschaftliche Dissertation des spä-
teren Vorsitzenden der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz und Köl-
ner Erzbischofs Joseph Kardinal Höffner, die er zu Beginn des II. Weltkriegs
bei Walter Eucken in Freiburg i. B. verfasst hat: Joseph Höffner: Wirtschafts-
ethik und Monopole im 15. und 16. Jahrhundert, unveränderter Nachdruck der
Ausgabe, Jena 1941, 2. unveränderte Auflage, Darmstadt (Wiss. Buchges.) 1969,
S. 107, dort auch Fn. 10.

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Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren 137

die Produzentenfreiheit werden durch staatliche Geldmono-


pole verletzt.
Trotz eines weitverbreiteten, aber argumentativ nicht näher
bestimmten Unbehagens, das viele Menschen unserer heutigen
Geldordnung entgegenbringen, sieht die Öffentlichkeit des Wes-
tens4 allerdings noch nicht ein, welch hohen „Preis sie (…) für
die Bequemlichkeit zahlt, bei den gewöhnlichen Geschäftstrans-
aktionen nur mit einer Geldart umgehen und nicht gelegentlich
überlegen zu müssen, ob der Gebrauch einer anderen als der
gewohnten Geldart vorteilhafter wäre“. Die meisten Menschen
würden diesen Preis für Bequemlichkeit, wenn er ihnen bekannt
wäre, als viel zu hoch ansehen, vermutet der Nobelpreisträger
Friedrich August von Hayek: „Denn diese Bequemlichkeit ist von
weitaus geringerer Bedeutung als die Möglichkeit des Gebrauchs
zuverlässigen Geldes, das nicht in periodischen Abständen den
glatten Wirtschaftsablauf stört.“5

2. Die Auswirkungen von schlechtem Geld

Das heutige ungedeckte Geld ist unzuverlässiges oder schlech-


tes Geld, weil es von den Zentralbanken und auch von den Ge-
schäftsbanken, die vom Staat zum Zwecke der Geld- und Kredit-

4 Zum Begriff „Westen“ siehe Philippe Nemo: Was ist der Westen? Die Genese der
abendländischen Zivilisation, Tübingen (Mohr) 2005. Interessant ist, dass
China im Frühjahr 2009 im Zuge der Finanzkrise die Frage nach gedeckten
Währungen aufgeworfen hat, ohne freilich das staatliche Geldmonopol in-
frage zu stellen. Chinas Affinität zu gedeckten Währungen beruht vermutlich
auf seinen negativen historischen Erfahrungen mit ungedecktem Papiergeld
und Teilreservebanken zwischen ca. 960 und ca. 1455 n. Chr. Vgl. Jörg Guido
Hülsmann: Die Ethik der Geldproduktion, Waltrop und Leipzig (Manuscrip-
tum) 2007, S. 277.
5 Friedrich A. von Hayek: Entnationalisierung des Geldes. Eine Analyse der Theorie
und Praxis konkurrierender Umlaufmittel, Tübingen (Mohr) 1977, S. 7.

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138 Frank Schäffler und Norbert F. Tofall

schöpfung aus dem Nichts mit dem Teilreserveprivileg ausge-


stattet sind, in beliebiger Höhe vermehrt werden kann. Ohne
diese Möglichkeit, Kredite durch Geldschöpfung aus dem Nichts
aufzunehmen, wäre die ständige Expansion des Staates nicht re-
alisierbar.6 Und Kredite, die nicht aus Ersparnissen bestehen,
sondern aus Geldschöpfung, also aus schlechtem Geld, sind un-
ser Problem:7
Investitionen, die durch Kredite finanziert werden, die nicht
aus Erspartem bestehen, sondern aus Geldschöpfung, also aus
schlechtem Geld, blähen unsere Wirtschaft künstlich und nur
für eine bestimmte Zeit auf, was auch als „Bubble-Economy“
(Blasen-Wirtschaft) bezeichnet wird. Angeheizt wird diese Ent-
wicklung durch die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. Ein
Zinssatz, der Sparen und Investieren zur Übereinstimmung
bringt, den Geldwert stabil hält und die Volkswirtschaft auf
einem nachhaltigen Wachstumspfad hält, ist der natürliche Zins.
Steigt der Geldzins über den natürlichen Zins, übersteigt das
Sparen die Investitionen und die Wirtschaftsaktivität geht auf
breiter Front bei einem sinkenden Preisniveau zurück. Liegt der
Geldzins, also der Zins für Kredite, unter dem natürlichen Zins,
dann übersteigt die Investitionstätigkeit die Spartätigkeit, die ge-
samtwirtschaftliche Nachfrage steigt über die Produktionska-
pazität und die Volkswirtschaft wird von ihrem nachhaltigen
Wachstumspfad gedrückt.
Zu niedrige relative Preise für Kredite führen deshalb zu einem

6 Siehe auch Friedrich A. von Hayek: Entnationalisierung des Geldes. Eine Ana-
lyse der Theorie und Praxis konkurrierender Umlaufmittel, Tübingen (Mohr)
1977, S. 13.
7 Die folgenden Ausführungen zur Blasenwirtschaft und Zinspolitik der Zent-
ralbanken beruhen weitgehend auf Frank Schäffler: „Neue Geldordnung statt
verhängnisvoller Zinspolitik“, in: Börsen-Zeitung vom 30. Januar 2009, Nr. 20,
S. 8 und auf Thorsten Polleit, Michael von Prollius, Frank Schäffler und Nor-
bert F. Tofall: „Überwindung der Krise durch gutes Geld“, in: Frankfurter Allge-
meine Zeitung vom 5. Juni 2009, Nr. 128, S. 12.

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Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren 139

falschen Produktionsaufbau und d. h. zu Investitionsblasen. Denn


die künstlich niedrigen Zinsen führen dazu, dass auch Investitio-
nen rentabel erscheinen, die sich unter dem natürlichen Zins
nicht rentieren. Durch künstlich niedrige Zinsen wird den Ent-
scheidungsträgern in den Unternehmen bei ihren Investitions-
entscheidungen das Vorhandensein von Ressourcen vorgespie-
gelt, die in Wahrheit gar nicht existieren; denn das aus dem Nichts
geschöpfte Geld ist nicht durch reale Ersparnisse gedeckt.8 Kurz-
fristig können durch diese Zinspolitik der Zentralbanken zwar
durchaus befristet Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten werden.
Mittel- und langfristig wird sich jedoch herausstellen, dass die
scheinbar rentablen Investitionen aufgrund der real nicht aus-
reichend vorhandenen Ressourcen, also der fehlenden realen Er-
sparnisse, unrentabel sind. Die Arbeitslosigkeit wird aufgrund der
vorab unterlassenen Anpassungsmaßnahmen, die der natürliche
Zins erzwungen hätte, die aber aufgrund des künstlich niedrigen
Zinses unterblieben sind, in noch größerem Maße ansteigen. Und
das Wirtschaftswachstum wird aufgrund der unterlassenen An-
passungsmaßnahmen noch mehr sinken. Friedrich August von
Hayek (1899–1992), der für seine konjunkturpolitischen Analy-
sen aus den 1920er- und 1930er-Jahren 1974 den Nobelpreis er-
halten hat, fasste diese Tragödie in die Worte: „Brot für heute und
Hunger für morgen.“ Hayek, der die Weltfinanzkrise von 1929
vorausgesehen hatte, stellte 1928 außerdem fest, dass die ameri-
kanische Zentralbank Federal Reserve während der 1920er-Jahre
mit Absicht eine massive Kreditexpansionspolitik zur Förderung
des Wirtschaftswachstums durchführte.9

8 Zur Bedeutung des Sparens für einen nachhaltigen Wachstumsprozess siehe


das 4. Kapitel „Böhm-Bawerk und die Kapitaltheorie“ in Jesús Huerto de Soto:
Die Österreichische Schule der Nationalökonomie – Markt und unternehmeri-
sche Kreativität, Wien (Hayek Institut) 2007, S. 61–79, insb. S. 64 f.
9 Siehe Friedrich A. von Hayek: „Das intertemporale Gleichgewichtssystem der
Preise und die Bewegungen des ‚Geldwertes‘“, in: Weltwirtschaftliches Archiv,
Band XXVIII. (1928), S. 32–76.

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140 Frank Schäffler und Norbert F. Tofall

Wenn man bedenkt, dass die heutige Finanz- und Wirtschafts-


krise ebenfalls durch eine derartige Kreditexpansionspolitik der
Federal Reserve entstanden ist, dann wundert man sich, dass die
Vereinigten Staaten und viele andere G-20-Staaten zur Über-
windung der derzeitigen Krise abermals eine derartige Kredit-
expansionspolitik betreiben, die über künstlich niedrige Zinsen
angefeuert wird. Man will eine Krise, die durch schlechtes Geld
erzeugt worden ist, durch noch schlechteres Geld überwinden,
obwohl die Folgen des schlechten Geldes überall beobachtet wer-
den konnten. Die massiven Auftragseinbrüche und der Rückgang
der Investitionen sind die Folge der Zerstörung des weltweiten
Preissystems durch schlechtes Geld. Das geschwundene Ver-
trauen in das Tauschmittel Geld und die Zerstörung des globalen
Preissystems durch schlechtes Geld hat zu einem Rückgang der
wirtschaftlichen Kooperation geführt, d. h. zu einem Rückgang
der individuellen direkten und indirekten Tauschhandlungen,
sodass weltweit der gesellschaftliche Wohlstand gesunken ist.
Und es verwundert nicht, dass gerade im Interbankenhandel
das größte Misstrauen herrscht. Die Geschäftsbanken wissen ge-
nau, dass man dem durch Geld- und Kreditschöpfung erzeugten
schlechten Geld nicht trauen kann und dass das, was die Kolle-
gen anbieten, genauso heiße Luft ist wie die eigenen Kredite.
Überwinden lässt sich diese Vertrauenskrise und nachhaltig an-
regen lässt sich die wirtschaftliche Kooperation deshalb nur
durch gutes Geld.10
Aber selbst wenn Regierungen und Zentralbanken das Ziel ha-
ben sollten, im derzeitigen ungedeckten Papiergeldsystem und
unter den Bedingungen des staatlichen Geldmonopols, erstens

10 Zur Definition des Begriffs „gutes Geld“ und zur modernen Falschmünzerei,
die aus gutem Geld schlechtes Geld macht, siehe Thorsten Polleit, Michael
von Prollius, Frank Schäffler und Norbert F. Tofall: „Überwindung der Krise
durch gutes Geld“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Juni 2009, Nr.
128, S. 12.

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Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren 141

gutes Geld zu schaffen und zweitens die von ihnen maßgeblich


beeinflussten Zinsen mit dem natürlichen Zins zur Deckung zu
bringen, sind die hierzu notwendigen Aussagen über die Höhe
des natürlichen Zinses aus erkenntnistheoretischen Gründen
unmöglich und stellen eine gefährliche Anmaßung von Wissen
dar. Der natürliche Zins spiegelt die individuellen Präferenzen
für individuelles Sparen und Investieren von Millionen und un-
ter den Bedingungen der Globalisierung von Milliarden von ein-
zelnen Menschen wider. Niemand kann diese individuellen Prä-
ferenzen kennen, widerspruchsfrei zusammenfassen und daraus
ex ante den natürlichen Zins ableiten. Wir brauchen deshalb eine
Geldordnung, in der sich die Zentralbanken jeglicher Zinspolitik
enthalten, sodass der natürliche Zins seine die Konjunktur und
das Wachstum stabilisierende Wirkung entfalten kann. Zudem
benötigen wir eine Geldordnung, in der sowohl den Zentralban-
ken als auch den Geschäftsbanken die Möglichkeit genommen
oder zumindest eingeschränkt wird, Geld- und Kreditschöpfung
zu betreiben und dadurch gutes Geld zu verschlechtern. Doch
wie kommen wir zu einer derartigen Geldordnung?

3. Die alleinige Abschaffung des Teilreserveprivilegs ist


keine Lösung

Durch die Abschaffung des Teilreserveprivilegs der Geschäfts-


banken könnte den Zentralbanken die alleinige Kontrolle über
die Geldmenge zugewiesen werden. Das hat nicht nur der Öko-
nom Irving Fisher11, sondern auch Milton Friedman gefordert,
der das Erreichen der Geldmengenziele im Rahmen seines mone-
taristischen Geldmengenkonzepts ständig durch die Geld- und
Kreditschöpfungsaktivitäten der Geschäftsbanken konterkariert

11 Siehe Hans Christoph Binswanger: „Wie Blasen verhindert werden können“,


in: Financial Times Deutschland vom 14. August 2009, S. 26.

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142 Frank Schäffler und Norbert F. Tofall

sah12. Durch eine 100-prozentige Reservepflicht der Geschäfts-


banken würden die Zentralbanken das ausschließliche Recht zur
Geldschöpfung erhalten. Die Geschäftsbanken wären dadurch
gezwungen, das Buch- und Kreditgeld zu 100 Prozent durch
Zentralbankguthaben oder Banknoten zu decken, und ihnen
wäre dadurch die Möglichkeit zur eigenständigen Geldschöp-
fung genommen. Da die Zentralbank die Verantwortung für die
gesamte Geldschöpfung übernimmt, „kann sie von vornherein
verhindern, dass sich Blasen bilden, und so einem Zusammen-
bruch vorbeugen“, meint Hans Christoph Binswanger13, der
Doktorvater des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank Jo-
sef Ackermann14. Die Geschäftsbanken könnten dann nur noch
in Höhe der Spareinlagen der Kunden und in Höhe der Geld-
schöpfungsaktivitäten der Zentralbank weiterhin Kredite verge-
ben.
Binswanger unterstellt jedoch ebenso erkenntnisoptimistisch
wie Milton Friedman, dass die Zentralbank die optimale Geld-
menge kennen kann und dass sie ein Wissen darüber besitzt, in
welchen Bereichen der Wirtschaft welche Geld- und Kreditmen-

12 Auf die Forderung von Milton Friedman, eine 100-prozentige Reservepflicht


für Geschäftsbanken einzuführen, wird in fast jedem Lehrbuch zur Geldtheo-
rie und Geldpolitik hingewiesen, bspw. in: Manfred Borchert: Geld und
Kredit. Einführung in die Geldtheorie und Geldpolitik, 8., überarbeitete und er-
weiterte Auflage, München, Wien (Oldenburg) 2003, S. 60.
13 Hans Christoph Binswanger: „Wie Blasen verhindert werden können“, in: Fi-
nancial Times Deutschland vom 14. August 2009, S. 26.
14 Sehr aufschlussreich ist, dass Josef Ackermann bereits in seiner Dissertation
die aus Sicht der Österreichischen Schule der Nationalökonomie vollkom-
men irrtümliche Ansicht vertritt, dass die volkswirtschaftlichen Ersparnisse
nie ausreichen würden, um die für ein gleichgewichtiges Wachstum notwen-
digen Investitionen zu finanzieren und dass deshalb die Geschäftsbanken
Kredite bereitzustellen hätten, die aus Geldschöpfung bestehen, also aus dem
Nichts geschöpft sind; siehe Josef Ackermann: Der Einfluß des Geldes auf
das reale Wirtschaftsgeschehen, eine theoretische Analyse, Bern, Frankfurt am
Main, Las Vegas (Peter Lang) 1977.

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Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren 143

gen bei welchem Zinssatz dem potenziellen realen Wachstum


dieses Wirtschaftsbereichs entsprechen und ab welcher Geld-
und Kreditmenge und welchem Zinssatz dieses Potenzialwachs-
tum überschritten wird, sodass sich Blasen bilden. Dieses Wissen
hat jedoch weder Hans Christoph Binswanger noch die EZB und
erst recht nicht die Federal Reserve. Dieses Wissen hat niemand
und kann niemand haben, weil die dazu erforderlichen „Daten“
niemand ex ante kennen kann.15
Außerdem werden die derzeitigen ungedeckten Kredite, das
schlechte Geld, nicht dadurch zu Krediten, die durch reale Er-
sparnisse gedeckt sind, also zu gutem Geld, indem man sie durch
Zentralbankgeld deckt. Dieses Zentralbankgeld ist auch aus dem
Nichts geschöpft. Es ist in nicht geringerem Maße als Falsch-
münzerei zu bezeichnen als das von den Geschäftsbanken aus
dem Nichts geschöpfte Geld. Die tiefere Ursache der Weltfinanz-
krise wird deshalb durch die alleinige Abschaffung des Teilre-
servebanksystems nicht behoben, sondern nur institutionell ver-
schoben.
Diese institutionelle Verschiebung hätte allerdings den Vorteil,
dass die Geschäftsbanken nicht mehr die Komplizen des Staates
beim Geschäft der modernen Falschmünzerei wären. Der Staat,
der seine ständige Expansion nur schwerlich ohne diese Falsch-

15 Siehe Friedrich A. von Hayek: „The Use of Knowledge in Society“, in: The
American Economic Review, Volume XXXV, September 1945, Number Four,
S. 519–530 und insbesondere auf S. 519: “If we possess all the relevant infor-
mation, if we can start out from a given system of preferences and if we com-
mand complete knowledge of available means, the problem which remains
is purely one of logic … This, however, is emphatically not the economic
problem which society faces … The reason for this is that the ‘data’ from
which the economic calculus starts are never for the whole society ‘given’ to a
single mind which could work out the implications, and can never be so
given.” Siehe auch James M. Buchanan: „What Should Economists Do?“, in:
The Southern Economic Journal, Volume XXX, January 1964, Number 3,
S. 213–222.

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144 Frank Schäffler und Norbert F. Tofall

münzerei betreiben könnte, würde einen beliebten Komplizen,


der auch die Aufgabe hat, als öffentlicher Prügelknabe zu dienen,
verlieren. Die alleinige politische und rechtliche Verantwortung
für die Falschmünzerei der Geld- und Kreditschöpfung besitzt
der Staat jedoch bereits heute. Es ist der Staat, der den Geschäfts-
banken das Teilreserveprivileg verliehen hat. In früheren Zeiten
hat man derartige Geschäftspraktiken als Betrug geahndet.
Zudem ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Zentralbanken
eine strikte Geldmengenpolitik im Sinne von Milton Friedman
verfolgen werden. Während die alte Bundesbank vor Einführung
des Euro eine Zwei-Säulen-Politik aus Preisniveaustabilität und
Geldmengenbegrenzung betrieben hatte, die regelmäßig von den
europäischen Nachbarn Deutschlands, denen die starke D-Mark
ein Dorn im Auge war, kritisiert worden war, verfolgt die EZB de
facto eine Ein-Säulen-Politik, in deren Fokus außerdem nur die
Konsumgüterpreisinflation steht. Die für die Bildung von Inves-
titionsblasen entscheidende Vermögensgüterpreisinflation wird
nicht einmal betrachtet. Dass die EZB lediglich eine Ein-Säulen-
Politik betreibt und damit die gleiche fatale Geldmengenpolitik
wie in Japan und den Vereinigten Staaten verfolgt, lässt sich an-
hand der Erhöhung der Geldmenge im Euroraum seit 1999 be-
legen. Am Anfang des Jahres 1999 betrug die Geldmenge M3 im
Euroraum 4,4 Billionen Euro. Bis Ende April 2009 wuchs sie um
rund 116 Prozent auf 9,5 Billionen Euro an.16
Die Abschaffung des Teilreserveprivilegs wird deshalb zukünf-
tige Finanzkrisen und Investitionsblasen nur verhindern, wenn
abweichend von den Vorstellungen von Binswanger gleichzeitig
sichergestellt wird, dass möglichst nur Kredite vergeben werden
können, die durch reale Ersparnisse gedeckt sind. Von den Zen-
tralbanken sind diesbezüglich jedoch keine Schritte zu erwarten.

16 Siehe Thorsten Polleit, Michael von Prollius, Frank Schäffler und Norbert F.
Tofall: „Überwindung der Krise durch gutes Geld“, in: Frankfurter Allgemeine
Zeitung vom 5. Juni 2009, Nr. 128, S. 12.

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Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren 145

Außerdem würde in unserer derzeitigen Situation die sofortige


Einführung einer derartigen neuen Geldordnung, in der das Teil-
reserveprivileg und in der Kredite, die nicht durch reale Erspar-
nisse gedeckt sind, gesetzlich verboten würden, zu einem Zusam-
menbruch des gesamten Bankensystems und des Finanzsektors
führen.17 Deshalb sind auch die von Ludwig von Mises und Mur-
ray N. Rothbard vorgelegten Vorschläge zur Wiedereinführung
eines Goldstandards zu verwerfen, weil diese Vorschläge die so-
fortige Abschaffung des Teilreserveprivilegs und das Verbot von
nicht durch reale Ersparnisse gedeckten Krediten implizieren.18
Und trotzdem gibt es eine gangbare Alternative zur heutigen
Geldordnung des staatlichen Papiergeldmonopols, die Schritt
für Schritt auf evolutionärem Wege eine neue nachhaltige Geld-
ordnung entstehen ließe. Die Alternative besteht in der soforti-
gen Zulassung von konkurrierenden Privatwährungen.

4. Der Weg zu einer marktwirtschaftlichen Geldordnung

Wie die Erfahrungen in den Transformationsökonomien in Mit-


tel- und Osteuropa hinreichend belegen, ist es unmöglich eine
voll entwickelte Marktwirtschaft per Dekret von oben von heute
auf morgen einzuführen.19 In den Staaten der ehemaligen Sowjet-

17 Das ist nach ausführlicher Diskussion die einstimmige Meinung der Teilneh-
mer des wirtschaftspolitischen Kolloquiums „Free Banking – Die Überwind-
ung der Krise durch gutes Geld“, das auf Einladung der FDP-Bundestagsfrak-
tion am 1. Juli 2009 im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages veran-
staltet wurde.
18 Siehe Ludwig von Mises: The Theory of Money and Credit, edition following the
text of 1953, Indianapolis (Liberty Fund) 1981, insbesondere den 1952 ver-
fassten vierten Teil „Monetary Reconstruction“, S. 451–500, der in den bisheri-
gen deutschen Ausgaben leider nicht enthalten ist; und Murray N. Rothbard:
The Case for a 100 Percent Gold Dollar, Auburn (Mises Institute) 1991.
19 Das ist die Haupteinsicht, die Norbert F. Tofall 1995 bis 1997 durch seine Mit-

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146 Frank Schäffler und Norbert F. Tofall

union ist 1991 nicht die Marktwirtschaft eingeführt worden.


Dort ist der Sozialismus zusammengebrochen, was man fataler-
weise als Einführung der Marktwirtschaft bezeichnet hat. Markt-
wirtschaft ist ein Oberbegriff für die millionenfache dezentrale
direkte und indirekte Kooperation von einzelnen Menschen.
Diese millionenfache und in Zeiten der Globalisierung milliar-
denfache dezentrale Kooperation lässt sich nicht von oben ge-
setzlich befehlen. Diese millionen- und milliardenfache direkte
und indirekte Kooperation einzelner Menschen kann sich nur
evolutionär entwickeln. Der Staat kann im negativen Fall diese
evolutionäre Entwicklung be- oder verhindern und im positiven
Fall erlauben oder durch eine geeignete Privatrechtsordnung, die
sicherstellt, dass im Sinne Immanuel Kants das Nutzenstreben
der einen mit dem Nutzenstreben der anderen Menschen nach
einem allgemeinen Gesetz der Freiheit zusammen bestehen
kann20, sogar fördern. Handeln müssen die einzelnen Menschen

arbeit im Projekt „OST–WEST–PHILOSOPHIE. Philosophie und Religion in


Rußland und Deutschland“, ein Kooperationsprojekt des Forschungsinstituts
für Philosophie Hannover mit der Herzen-State-University St. Petersburg und
der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau, gewonnen hat, in
dem er als Ökonom für Fragen der Wirtschaftsethik und Wirtschaftsordnung
zuständig war. Ergebnisse dieses Projektes sind u. a. dokumentiert in Peter
Koslowski (Ed.): The Social Market Economy. Theory and Ethics of the Eco-
nomic Order, Berlin, Heidelberg, New York (Springer) 1997.
20 Vgl. Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten, Kritische Ausgabe mit einer
Einleitung herausgegeben von Hans Ebeling, unter Mitarbeit der Studieren-
den Ludger Funke, Thomas Kater und Norbert Tofall, Stuttgart (Reclam)
1990, S. 67. Zu den Bedingungen, die dezentrale Kooperation von Menschen
und damit Wohlstand fördern, siehe auch: Mancur Olson: Aufstieg und Nie-
dergang von Nationen. Ökonomisches Wachstum, Stagflation und soziale Starr-
heit, übersetzt von Gerd Fleischmann, 2., durchgesehene Auflage, Tübingen
(Mohr) 1991; Mancur Olson: Macht und Wohlstand. Kommunistischen und
kapitalistischen Diktaturen entwachsen, übersetzt von Gerd Fleischmann,
Tübingen (Mohr) 2002; Erich Weede: „Warum bleiben arme Leute arm?
Rent-Seeking und Dependenz als Erklärungsansätze für die Armut in der
Dritten Welt“, in: Politische Vierteljahresschrift, 26. Jg. (1985), S. 270–286; Jo-

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Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren 147

jedoch immer selbst. Zudem benötigt menschliches Handeln


immer Zeit und ist nur im Zeitablauf möglich. Und aus diesem
Grund fällt eine funktionierende marktwirtschaftliche Geldord-
nung21 auch dann nicht über Nacht vom Himmel, falls unsere
derzeitige aus ungedecktem staatlichem Zwangspapiergeld beste-
hende Geldordnung, die sich – wie die Weltfinanzkrise 2007 und
2008 hinreichend offenbart – zu einem riesigen Schneeballsys-
tem ohne systemkonforme Ausstiegsmöglichkeit entwickelt hat,
zusammenbrechen wird22. Auch eine marktwirtschaftliche Geld-
ordnung kann sich nur schrittweise entwickeln.23

hannes Berger: „Was behauptet die Modernisierungstheorie wirklich – und


was wird ihr bloß unterstellt?“, in: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissen-
schaft, 1996, S. 45–62; Karl-Heinz Ladeur: Der Staat gegen die Gesellschaft. Zur
Verteidigung der Rationalität der „Privatrechtsgesellschaft“, Tübingen (Mohr)
2006.
21 Unter einer marktwirtschaftlichen Geldordnung verstehen wir eine wettbe-
werbliche Geldordnung oder genauer: ein reputationsbasiertes wettbewerb-
liches Geldsystem. Dieses unterscheidet sich vom Free Banking im engeren
Sinne, das in der Regel auf dem Goldstandard basiert, durch die Zulassung
unterscheidbarer Währungsstandards, siehe hierzu: Paul Terres: Die Logik
einer wettbewerblichen Geldordnung, Tübingen (Mohr) 1999, S. 166–277.
22 Wann sich dieser Zusammenbruch ereignen wird, ist natürlich nicht datier-
bar. Dass dieses Schnellballsystem wie jedes Schnellballsystem früher oder
später zusammenbrechen wird, ist aber so gewiss wie der Zusammenbruch
des Sozialismus, den Ludwig von Mises einst vorausgesehen hatte; siehe Lud-
wig von Mises: Die Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus,
unveränderter Nachdruck der zweiten, umgearbeiteten Auflage, Jena 1932,
Stuttgart (Lucius) 2007.
23 Das Problem, dass eine marktwirtschaftliche Geldordnung sich ebenfalls nur
evolutionär entwickeln kann, wird leider sowohl von Ludwig von Mises als
auch von seinem Schüler Murray N. Rothbard vollkommen unterschätzt.
Dieses ist insofern erstaunlich, als eines der wichtigsten Theorieelemente der
Österreichischen Schule der Nationalökonomie, durch das sie sich vom neo-
klassischen Gleichgewichtsdenken unterscheidet und das Mises besonders
betont hat, in der Einsicht besteht, dass menschliches Handeln Zeit benötigt
und deshalb der Zeitlauf in theoretischen Modellen nicht vernachlässigt
werden darf. Siehe hierzu: Ludwig von Mises: Nationalökonomie. Theorie des

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148 Frank Schäffler und Norbert F. Tofall

Aber genau deshalb ist die sofortige Zulassung von konkurrie-


renden Privatwährungen und die Ermöglichung eines allumfas-
senden Währungswettbewerbs die wichtigste liberale Forderung
der nächsten Jahre. Wir haben keine Zeit zu verlieren. „Wenn wir
wollen, dass freies Unternehmertum und die Marktwirtschaft
fortbestehen (…), haben wir keine andere Wahl, als das Geld-
monopol der Regierung und nationale Währungssysteme durch
freien Wettbewerb zwischen privaten Emissionsbanken zu erset-
zen.“24 Obwohl es bereits heute einzelne Privatbanken gibt, die
Privatwährungen emittieren25, die jedoch mit enormen Behin-
derungen vonseiten des Staates und der Großbanken zu kämpfen
haben, wird es selbst nach der Beseitigung dieser Behinderungen
einige Zeit dauern, bis eine befriedigende Anzahl von privaten
Währungsemissionsbanken, die eine ausreichende Menge von
gutem Geld emittieren können, parallel zum staatlichen Wäh-
rungssystem entstanden ist. Und die Menschen benötigen na-
türlich Zeit, den Umgang mit verschiedenen unterscheidbaren
Währungen im Alltag zu lernen und diese parallel zu den staatli-
chen Währungen, weshalb von konkurrierenden Privatwährun-

Handelns und Wirtschaftens, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage, Genf


1940, München (Philosophia) 1980, S. 76 f. und Jesús Huerto de Soto: Die
Österreichische Schule der Nationalökonomie – Markt und unternehmerische
Kreativität, Wien (Hayek Institut) 2007, S. 62.
24 Friedrich A. von Hayek: Entnationalisierung des Geldes. Eine Analyse der
Theorie und Praxis konkurrierender Umlaufmittel, Tübingen (Mohr) 1977,
S. 127.
25 Siehe Karl Reichmuth, Remy Reichmuth: Der RealUnit®. Zur Quelle der Geld-
wertstabilität, Thun (Ott) 2001 und Karl Reichmuth in Zusammenarbeit mit
Beat Kappeler, Joachim Starbatty und Uwe Wagschal: Weg aus der Finanz-
krise. Entscheid und Haftung wieder zusammenführen, Zürich (Verlag NZZ)
2008. Der von den Luzerner Privatbankiers Reichmuth emittierte RealUnit®
ist jedoch keine materiell gedeckte Währung, was Konkurrenten in der Zu-
kunft vermutlich zum Anlass nehmen werden, um mit einer gedeckten
Währung dem RealUnit® Konkurrenz zu machen, was wiederum die Privat-
bankiers Reichmuth motivieren wird, ihr Geld zu verbessern.

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Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren 149

gen oder Parallelwährungen gesprochen wird, zu verwenden.


Deshalb ist mit Nachdruck der Vorschlag des Nobelpreisträgers
Friedrich August von Hayek zu unterstützen:

„Der konkrete Vorschlag für die nahe Zukunft (…) besteht darin, dass
sich die Länder des Gemeinsamen Marktes (möglichst einschließlich
der neutralen Länder Europas, vielleicht später auch der Länder Nord-
amerikas) gegenseitig durch formalen Vertrag binden, weder dem Han-
del in ihren gegenseitigen Währungen (inklusive Goldmünzen) noch
einer in gleicher Weise freien Ausübung von Bankgeschäften seitens
jeder in einem ihrer Territorien gesetzlich niedergelassenen Bank ir-
gendwelche Hindernisse in den Weg zu legen.“26

Bei Gewährung von vollständiger Produzenten- und Konsumen-


tenfreiheit im Finanzsektor wird es den einzelnen Menschen er-
möglicht, in dezentralen Entdeckungsverfahren, die sich parallel
zu den staatlichen Währungen entwickeln und aus denen Schritt
für Schritt für die staatlichen Währungen Konkurrenz erwächst,
zu lernen, welche Geldart je nach individueller Situation und Be-
dürfnis und individueller Transaktionskostenlage jeweils für sie
sinnvoll ist. Da niemand freiwillig schlechtes Geld hält, wird der
sich entwickelnde Währungswettbewerb die privaten, aber auch
die staatlichen Geldproduzenten dazu anhalten, besseres Geld zu
produzieren. Die Produktion von schlechtem Geld und die Ver-
schlechterung von gutem Geld wird von den einzelnen Men-
schen aufgrund ihrer freien Wahlmöglichkeit zwischen unter-
scheidbaren privaten und staatlichen Währungen, also aufgrund
ihrer Konsumentenfreiheit, sofort durch Abwanderung zu kon-
kurrierenden Geldproduzenten bestraft werden, was im derzei-
tigen staatlichen Papiergeldmonopol nur höchst eingeschränkt
und in der Regel nur für reiche Menschen möglich ist.

26 Friedrich A. von Hayek: Entnationalisierung des Geldes. Eine Analyse der


Theorie und Praxis konkurrierender Umlaufmittel, Tübingen (Mohr) 1977,
S. 1.

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150 Frank Schäffler und Norbert F. Tofall

Die individuelle Nachfrage nach gutem Geld würde bei einem


allumfassenden Währungswettbewerb und der Möglichkeit für
alle Menschen, die Produzenten von schlechtem Geld durch Ab-
wanderung zu bestrafen, auch dazu führen, dass sich evolutionär
eine neue Geldordnung entwickelt, in der die Möglichkeiten zur
Geld- und Kreditschöpfung aus dem Nichts aufgrund von Wett-
bewerb beschränkt sind und dadurch die Wahrscheinlichkeit
von gefährlichen Investitionsblasen sinkt. Hieran lässt sich auch
ablesen, dass eine nachhaltige Stabilisierung unserer Marktwirt-
schaft schrittweise von unten – durch die dezentrale Produktion
von und Nachfrage nach gutem Geld – möglich ist. Der Staat hat
in diesem Stabilisierungsprozess allerdings die Aufgabe, durch
ein geeignetes Privatrecht die Vertragsfreiheit in Währungsge-
schäften und Wettbewerb zwischen privaten Währungen, zwi-
schen privaten und staatlichen Währungen und zwischen staat-
lichen Währungen zu ermöglichen.
Für sein eigenes Geld kann der Staat durch seine Zentralbank
nach wie vor Zinssätze festlegen. Die evolutionäre Entstehung
einer marktwirtschaftlichen Geldordnung würde es jedoch mehr
und mehr erschweren, eine Niedrigzinspolitik durchzusetzen,
die zwangsläufig Investitionsblasen entstehen lässt. Die privaten
Emissionsbanken würden auf diese Zentralbankpolitik sofort
durch höhere Zinsen, die sich auf Höhe des natürlichen Zinses
einpendeln würden, reagieren und die Geldnachfrage so in ihre
Privatwährungen lenken. Der Wert der staatlichen Währung
würde sinken.
Der Staat müsste bei gesunkener Kaufkraft seiner Währung
zur Deckung seiner Ausgaben entweder die Steuern erhöhen,
sparen oder neue Kredite aufnehmen. Sollten diese Kredite in der
eigenen staatlichen Währung aufgenommen werden und aus pu-
rer Geldschöpfung bestehen, wird erneut die private Nachfrage
nach der staatlichen Währung und somit ihr Wert sinken. Dieser
Entwicklung könnte dann nur durch höhere Zinsen entgegen-
gewirkt werden, wodurch sich die Rückzahlung dieser Kredite je-

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Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren 151

doch verteuert. Das heißt, der Staat würde durch die Zulassung
von konkurrierenden Privatwährungen und eines allumfassenden
Währungswettbewerbs gezwungen, eine nachhaltigere Haushalts-
politik zu verfolgen. Die Zulassung von konkurrierenden Privat-
währungen und ein allumfassender Währungswettbewerb wären
deshalb eine weit wirksamere Schuldenbremse als die Grundge-
setzänderungen des Jahres 2009.
Vorschriften bezüglich der materiellen Deckung von Wäh-
rungen oder gar ein Goldstandard sind sowohl unnötig als auch
schädlich. Denn der „Wettbewerb würde sicherlich die emittie-
renden Institutionen weit wirksamer dazu zwingen, den Wert ih-
res Geldes (in Bezug auf ein festgesetztes Güterbündel) konstant
zu halten, als es irgendeine Verpflichtung zur Einlösung des Gel-
des in diese Güter (oder in Gold) könnte“.27 Natürlich könnte es
geschehen, dass sich bei freiem Wettbewerb zwischen verschiede-
nen Geldarten zunächst Gold als die beliebteste Geldart erweist.
Die zunehmende Nachfrage nach Gold würde aber vermutlich
zu einem solchen Anstieg und eventuell zu heftigen Schwankun-
gen des Goldpreises führen, dass Gold aufhören würde, sich als
Geldeinheit für den Geschäftsverkehr und das Rechnungswesen
zu eignen.28
Inwieweit in einer marktwirtschaftlichen Geldordnung ge-
deckte Währungen dominieren werden, lässt sich ex ante nicht
bemessen, weil die einzelnen Menschen die freie Wahl haben, so-
wohl gedeckte als auch ungedeckte Währungen zu produzieren
oder nachzufragen. Diese Währungen werden wie zurzeit auch
über Kredite oder durch Verkauf gegen andere Währungen ver-
fügbar gemacht. Inwieweit in einer marktwirtschaftlichen Geld-
ordnung Kredite, die nicht durch reale Ersparnisse gedeckt sind,
vergeben werden können, hängt vom Verhältnis von Angebot
und Nachfrage nach ungedeckten Währungen ab. Da niemand

27 Ebenda, S. 32.
28 Vgl. ebenda, S. 102 und 127.

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152 Frank Schäffler und Norbert F. Tofall

freiwillig auf Dauer schlechtes Geld nachfragt, ist jedoch zu ver-


muten, dass sich der Anteil der Kredite, die nicht durch reale Er-
sparnisse gedeckt sind, Schritt für Schritt verringern wird. Eine
private Emissionsbank gefährdet durch ihre Kreditschöpfungs-
aktivitäten den Wert der von ihr emittierten Währung und ihre
gesamte Existenz, da die privaten Sparer schnell zu einer konkur-
rierenden Währung von einer Bank wechseln werden, die eine
zurückhaltendere oder gar keine Kredit- und damit Geldschöp-
fung betreibt.
Die sofortige Zulassung von konkurrierenden Privatwährun-
gen und eines allumfassenden Währungswettbewerbs wird je-
doch nicht zu einem sofortigen vollständigen Verfall der staat-
lichen Währungen, zu einem „Rennen“ aus den Staatswährungen
und einem Zusammenbruch unseres gesamten Finanzsektors
führen. Dieses wäre nur dann der Fall, wenn von heute auf mor-
gen eine Situation vom Himmel fallen könnte, in der es ausrei-
chend private Emissionsbanken gibt, die besseres als das staat-
liche Geld ohne Zeitverzögerung in ausreichender Menge und
Verbreitung emittieren könnten, das bei den Menschen zudem
schon größeres Vertrauen erlangt haben müsste als das staatliche
Geld. Um aus einer Währung sofort hinausgehen zu können, be-
nötigt man auch sofort eine andere bessere Währung, in die man
zu vertretbaren Kosten hineingehen kann. Menschliches Han-
deln benötigt aber immer Zeit. Und bevor die staatlichen Wäh-
rungen durch konkurrierende Privatwährungen Schritt für
Schritt unter heilsamen Konkurrenzdruck geraten, wird eine ge-
wisse, aber vertretbare Zeit vergehen. Anfangen müssen und kön-
nen wir aber bereits heute.

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Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren 153

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Autoren

Dr. Peter Altmiks ist Referent für Wirtschaft, Arbeitsmarkt und


Bildung im Liberalen Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung
für die Freiheit. Davor war er in der privaten Kreditwirtschaft für
Bargeldlogistik, die Standardisierung im Zahlungsverkehr und
die Organisation der bundeseinheitlichen Wertpapierkurser-
mittlung verantwortlich.

Andreas Hoffmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut


für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig und Stipendiat der
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Seine Forschungs-
schwerpunkte liegen im Bereich Internationale Ökonomie und
Finanzkrisen. Er promoviert zum Thema „Geldpolitik und Über-
investitionen in Mittel-und Osteuropa“.

Prof. Dr. Jörg Guido Hülsmann ist Professor für Volkswirtschafts-


lehre an der Université d’Angers, Frankreich. Seine Forschungsge-
biete sind Wirtschaftsgeschichte, Geldtheorie sowie das Verhältnis
von Ökonomie und Religion. Er schrieb u. a. „Die Logik der Wäh-
rungskonkurrenz“ und „Die Ethik der Geldproduktion“. In seinen
Arbeiten beschäftigt er sich zudem mit der kontrafaktischen Ana-
lyse der Ökonomie. Er ist Senior Fellow des Ludwig von Mises Ins-
titute, USA.

Ekkehard A. Köhler ist Forschungsreferent am Walter-Eucken-


Institut und Stipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die
Freiheit. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Gebiet
der ökonomischen Theorie, vor allem der Geldtheorie, der neuen
Institutionenökonomik und der Verfassungsökonomik. Sein Dis-

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sertationsprojekt untersucht die Weiterentwicklungsmöglich-


keiten der Europäischen Währungsunion aus ordnungsökono-
mischer Perspektive.

Prof. Dr. Thorsten Polleit ist Chef-Volkswirt von Barclays Capital


Deutschland und Professor an der Frankfurt School of Finance &
Management. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich
der monetären Ökonomik. Im Jahre 2000 gründete er ECB Ob-
server (www.ecb-observer.com), eine unabhängige Beobachter-
gruppe der Europäischen Zentralbank (EZB). Er ist Mitglied der
Friedrich August von Hayek-Gesellschaft, des Forschungsnetz-
werks „Research on Money in the Economy (ROME)“ (www.iefg.
de/mib/) und ist Adjunct Scholar des Ludwig von Mises Institute,
USA.

Frank Schäffler ist Mitglied des Deutschen Bundestags, Obmann


der FDP-Fraktion im Finanzausschuss, Mitglied des Landesvor-
standes der FDP Nordrhein-Westfalen, Mitglied der Friedrich
August von Hayek-Gesellschaft und der Ludwig-Erhard-Stif-
tung.

Prof. Dr. George Selgin ist Professor für Volkswirtschaftslehre


am Terry College of Business der University of Georgia in Athens,
USA. Seine Forschungsgebiete sind monetäre Ökonomik, Wäh-
rungsgeschichte und -politik, Bankwesen und Makrökonomik.
Er gründete zusammen mit Kevin Dowd und Lawrence H. White
die moderne Free-Banking-Schule und verfasste das Buch „Die
Theorie des Free Banking: Die Geldmenge bei konkurrierender
Notenausgabe“. Er ist zudem Senior Fellow des Cato Institute,
USA.

Norbert Friedrich Tofall ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von


Frank Schäffler und Lehrbeauftragter der Universität Viadrina
Frankfurt/Oder für die ordnungspolitische Vorlesung „Recht

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158 Autoren

und Freiheit in Europa“ am Institut für Deutschlandstudien in


Minsk, Belarus. Er ist Mitglied der Hayek-Gesellschaft und orga-
nisiert zusammen mit Michael von Prollius das liberale Privat-
seminar in der Tradition von Ludwig von Mises und Friedrich
August von Hayek in Berlin.

Prof. Dr. Lawrence H. White ist Professor für Volkswirtschafts-


lehre an der George Mason University in Virginia, USA. Seine
Forschungsgebiete sind Theorie und Geschichte von Währungs-
systemen und Bankwesen. Er schrieb u. a. „Die Theorie der
Währungsinstitutionen“ und „Wettbewerb und Währung“. 2008
erhielt er den Wissenschaftspreis der Association for Private
Enterprise Education. Seine Forschungsaufenthalte führten ihn
an das American Institute for Economic Research, die Schweize-
rische Nationalbank und die Landeszentralbank von Atlanta.
Er ist Mitherausgeber von „Econ Journal Watch“ und Mitglied
des Herausgeberrates der „Review of Austrian Economics“. Er ist
Mitherausgeber der Zeitschrift „The Freeman“ der Stiftung für
ökonomische Bildung. Er ist zudem Adjunct Scholar des Cato
Institute, USA.

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Detmar Doering
Traktat über Freiheit
288 Seiten, Hardcover
`24,90
ISBN: 978-3-7892-8310-9

Freiheit ist wichtig – darüber sind sich die


meisten Menschen einig. Aber was ist Frei-
heit überhaupt? Um sich der Freiheit dau-
erhaft erfreuen zu können, bedarf es einer
klaren Vorstellung darüber, was sie ist und
was sie zu leisten vermag.
Freiheit garantiert der Gesellschaft keine
»Nestwärme«, sie will den Menschen nicht
vorschreiben, wie sie glücklich zu sein haben. Sie führt aber zu mehr Wohlstand und zu kulturellem
Reichtum. Sie schützt den Menschen davor, als Mittel zum Zweck anderer zu dienen. Zu oft meinen
Menschen, man könne ein wenig Freiheit für andere Werte opfern, nur um herauszufinden, dass
am Ende auch die verloren sind.
»Man braucht nur die Migrationsströme dieser Welt zu sehen, um den Wunsch der Menschen
nach Freiheit zu verstehen. Utopisten, darunter viele Intellektuelle, mögen das kommunistische
Kuba oder sonst irgendein totalitäres Land für die ›bessere Welt‹ halten – leben wollen sie
selbst in den meisten Fällen dort nicht. Im Gegenteil: Die Menschen haben stets zu Millionen
und Abermillionen die Flucht vor dem vermeintlichen Utopia hin zur größeren und realen Freiheit
oder zumindest den mit ihr verbundenen Vorteilen bevorzugt.«

www.olzog.de

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