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ARD-Erklärung vom 14.

April zu "Aghet - Ein
Völkermord"

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für Ihr Schreiben zur Sendung "Aghet - Ein Völkermord" im
Ersten Deutschen Fernsehen.

Mit Bedauern nehme ich zur Kenntnis, dass nach Ihrem Eindruck die
Verwendung des Begriffes "Völkermord" bei unseren türkischen
Mitbürgern in Deutschland Entrüstung ausgelöst habe. Diese Meinung
wird jedoch keineswegs von allen Türken geteilt, wie die
Solidaritätsdemonstration von mehr als 200.000 Menschen in Istanbul
nach der Ermordung des türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink
2007 besonders eindrucksvoll gezeigt hat. Nachder Ausstrahlung von
"Aghet" haben die ARD zahlreiche E-Mails - auch von Deutschen
türkischer Herkunft - erreicht, die den Film für wichtig und notwendig
halten.

Die internationale Geschichtswissenschaft sieht den Genozid an den
Armeniern als erwiesen an. Dieser Völkermord und der Holocaust am
jüdischen Volk führten zur Entwicklung der "Konvention über die
Verhütung und Bestrafung des Völkermordes" (Anti-Genozid-Konvention
der UN), die am 9. Dezember 1948 als Resolution 260 A(III) beschlossen
wurde. Der Völkermord an den Armeniern wurde somit nicht nur von
der UN geächtet, sondern völkerrechtlich als Verbrechen eingestuft.

Der Begriff "Genozid" ist von dem Juristen Raphael Lemkin - der die
Anti-Genozid-Konvention als Berater der UN maßgeblich verfasst hat -
unter dem Eindruck der Vernichtung der Armenier im Ersten Weltkrieg
und der Juden im Zweiten Weltkrieg überhaupt erst geprägt worden wie
wir in dem Film "Aghet" zeigen.

Eine historische, politische und juristische Analyse, die die Ereignisse im
Osmanischen Reich klar als Völkermord klassifiziert, liegt somit bereits
seit langem vor. Sie ist in das Völkerstrafrecht und die internationale
Rechtsprechung zur Genozid-Konvention eingegangen. Wie von Ihnen in
Ihrem Schreiben für die Zukunft gefordert, haben wir bereits in der
genannten Dokumentation die unterschiedlichsten Positionen objektiv
protokolliert.

Die offizielle türkische Einschätzung der Geschehnisse wird in "Aghet"
eingehend dargestellt, unter anderem in den dort gezeigten
Ausführungen hochrangiger türkischer Politiker wie die des
Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan oder die des
stellvertretenden Ministerpräsidenten Cemil Cicek. Die Äußerungen
dieser Politiker basieren klar auf der amtlichen türkischen Beurteilung
der historischen Ereignisse wie z. B. auf der des Instituts für Strategische
Fragen in Ankara.
"Aghet - Ein Völkermord" dokumentiert sorgfältig recherchiert ein
Verbrechen, das vor 95 Jahren von den Machthabern des damaligen
Jungtürkischen Regimes im Osmanischen Reich organisiert und
durchgeführt wurde. Die Aktenlage diesbezüglich ist unbezweifelbar, die
Echtheit der verwendeten Dokumente ist eindeutig. Ihre Authentizität
wird auch vom TGD-Vorsitzenden, Herrn Kenan Kolat, auf der türkisch-
sprachigen Webseite der TGD bestätigt.

Diese Dokumente stammen unter anderem aus dem Politischen
Archiv des Auswärtigen Amtes, den amerikanischen National Archives,
der Library of Congress sowie aus Archiven in Frankreich, Dänemark,
Schweden, Armenien, Russland und der Türkei. Leider sind die
militärischen Archive in der Türkei noch immer nicht öffentlich zugänglich.

Darüber hinaus ist die Türkei seit mehr als zehn Jahren im Besitz der
Mikrofilme der deutschen, diplomatischen Original-Dokumente aus dem
Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, die jedoch noch nicht ins
Türkische übersetzt wurden. Somit bleiben sie der türkischen
Geschichtswissenschaft, den türkischen Historikern und der breiten
türkischen Öffentlichkeit immer noch unzugänglich. Bis heute gibt es auf
dieses umfangreiche deutsche Beweismaterial keine Reaktion aus der
Türkei.

Die Dokumentation "Aghet" thematisiert auch die Mitschuld des
Deutschen Reiches, damals Verbündeter des Osmanischen Reiches und
liefert eine differenzierte Darstellung des Verhaltens der türkischen
Bevölkerung während des Genozids. Wiederholt wird unterstrichen,
dass das türkische Volk in seiner Gesamtheit keinesfalls für den
Genozid verantwortlich gemacht werden darf. Die Dokumentation weist
nachdrücklich auf zahlreiche Türken hin (Beamte, Bürgermeister,
Landräte und viele mehr), die sich den Anweisungen der Regierung zur
Vernichtung der Armenier widersetzten, aber in der Türkei
weitestgehend unbekannt geblieben sind. Der Film hebt ihre Zivilcourage
und ihren Mut bei ihrem Versuch hervor, armenische Mitbürger vor
Deportation und Tod zu retten.

So vermittelt "Aghet" ein durchaus ausgewogenes Bild der historischen,
aber auch der aktuellen Debatte von internationaler und türkischer
Seite: vom ehemaligen türkischen Botschafter in Deutschland und bei
der UN, Herrn Volkan Vural, der die Türkei auffordert, sich aufgrund der
Fakten, aufgrund der Geschichte zu entschuldigen, bis hin zu US-Präsident
Barack Obama, der als Senator bereits 2007 den Genozid an den
Armeniern als Tatsache anerkannt hat. Auch der Standpunkt eines
deutschen Politikers mit türkischen Wurzeln wurde durch das Interview
mit dem Bundesvorsitzenden der Partei Bündnis 90/Die Grünen, Herrn
Cem Özdemir, berücksichtigt.

Die ARD und der NDR sind verpflichtet, in ihren Sendungen einen
objektiven und umfassenden Überblick über das internationale,
europäische, bundesweite sowie länder- und regionsbezogene Geschehen
in alle wesentlichen Lebensbereichen zu geben. Diesem Auftrag sind
wir auch mit der Dokumentation "Aghet - Ein Völkermord"
nachgekommen.

Mit freundlichen Grüßen
Peter Boudgoust

ARD-Vorsitzender
SÜDWESTRUNDFUNK
70190 Stuttgart