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Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹

Wer heute eine Zeitung aufschlägt, stößt auf den Ausdruck


›Krise‹. Er indiziert Unsicherheit, Leiden und Prüfung und ver-
weist auf eine unbekannte Zukunft, deren Voraussetzungen sich
nicht hinreichend klären lassen. Das stellte ein französisches Le-
xikon 1 8 4 0 fest. ' Auch heute ist es nicht anders. Der inflationäre
Wortgebrauch hat fast alle Lebensbereiche erfaßt: Innen- und
Außenpolitik, Kultur, Wirtschaft, Kirchen und Religionen, alle
Geistes- und Sozialwissenschaften und ebenso die Naturwissen-
schaften, Technik und Industrie, sofern diese als Teile unseres
politischen und sozialen Systems, als unabdingbares Element un-
serer Lebenswelt begriffen werden. Wenn der gehäufte Wortge-
brauch ein hinreichendes Indiz für eine wirkliche Krise wäre,
dann müßten wir in einer allumfassenden Krise leben. Aber die-
ser Rückschluß zeugt zunächst mehr von einer diffusen Rede-
weise, als daß er schon zur Diagnose unserer Lage beitrüge.
Im folgenden versuche ich im Medium der Begriffsgeschichte
einige strukturelle Merkmale des Begriffs herauszuschälen, die
dazu beitragen mögen, die Kraft der Argumente zu verstärken,
sie zu präzisieren. Dabei werfe ich zunächst einen Blick auf die
Geschichte des Begriffs; zweitens skizziere ich semantische Mo-
delle, auf die der neuzeitliche Wortgebrauch reduziert werden
kann; drittens möchte ich einige Fragen erneut aufwerfen, die
sich aus dem Verhältnis der christlichen Tradition zur modernen
Begriffssprache ergeben.

I. Begriffsgeschichtlicber Überblick

›Krisis‹ gehört zu den Grundbegriffen, d.h. zu den nichtersetz-


baren Begriffen der griechischen Sprache. Abgeleitet aus ›krino‹,
scheiden, auswählen, entscheiden, beurteilen: medial, sich mes-

i Dictionnaire Politique, publ. par E. Duclerc et Pagnerre, Paris 1868 (7. éd.), 1839
(1. éd), art. »crise«, p. 298. Für alle folgenden Belege siehe meinen Artikel »Krise«
in: Geschichtliche Grundbegriffe, hg. v. Otto Brunner u. a., Bd. 3, Stuttgart 1982,
S. 617-650.
2.04 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten

sen, streiten, kämpfen, zielte ›Krisis‹ auf eine endgültige, unwi-


derrufliche Entscheidung. Der Begriff implizierte zugespitzte Al-
ternativen, die keine Revision mehr zuließen: Erfolg oder Schei-
tern, Recht oder Unrecht, Leben oder Tod, schließlich Heil oder
Verdammnis.
Im Kampf der Mächte ging es - so bei Thukydides - um
kriegsentscheidende Schlachten, deren vier den großen Perser-
krieg entschieden hätten. Dabei rückt Thukydides die Schlachten
(wie später Montesquieu) bereits in allgemeine Rahmenbedin-
gungen ein, die es erst möglich machten, daß vier Schlachten
kriegsentscheidend werden konnten.
In der hippokratischen Schule ging es um die kritische Phase
einer Krankheit, in der der Kampf zwischen Tod oder Leben end-
gültig ausgetragen wurde, in der die Entscheidung fällig, aber
noch nicht gefallen war.
Im Bereich der Politik - so bei Aristoteles - ging es um die
Rechtswahrung oder -findung, an der mitzuwirken alle Bürger
berufen waren, aber auch um politische Entscheidungen, die alle-
samt das erforderliche rechte Urteil voraussetzen sollten.
Innerhalb der Theologie, so seit dem Neuen Testament, ge-
winnt ›Krisis«, Judicium«, beide Begriffe aus der Rechtssprache
übernommen, eine neue, gewissermaßen unüberbietbare Bedeu-
tung: das Gericht Gottes. Sei es, daß ›Krisis‹ das Jüngste Gericht
am Ende der Zeiten meint, sei es, daß dieses Gericht durch Chri-
sti Erscheinen, durch das Licht, das er dieser Welt brachte, allen
Gläubigen schon zu ihren Lebzeiten gegenwärtig sei.
Der Begriff erfaßte also potentiell alle Entscheidungslagen des
inneren und des äußeren Lebens, des einzelnen Menschen und
seiner Gemeinschaft. Immer handelte es sich um endgültige Al-
ternativen, über die ein angemessenes Urteil gefällt werden
mußte, deren alternativer Vollzug aber auch in der jeweiligen
Sache selbst, um die es ging, angelegt war.
Es war ein Begriff, der immer eine zeitliche Dimension mit-
setzte, der, modern gesprochen, wenn man so will, eigentlich eine
Zeittheorie implizierte. Sei es, daß der rechte Zeitpunkt für das
erfolgreiche Handeln getroffen werden mußte, sei es, daß die
Herrschaftsordnung durch Rechtswahrung oder Rechtsfindung
stabilisiert wurde; sei es, daß das medizinische Urteil - so Galen -
Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ 205

die richtige Zeitphase eines Krankheitsverlaufes diagnostizieren


mußte, um eine Prognose riskieren zu können. Oder sei es in der
Theologie, daß Gottes Botschaft angenommen wird, um - so bei
Johannes - hic et nunc der Verdammnis zu entkommen trotz des
noch ausstehenden letzten Gerichtes, auf das sich der Kosmos
zubewegt, dessen Eintreffen aber ins Dunkle gehüllt blieb.
›Krisis‹ richtete sich gleichsam auf die Zeitnot, die zu begrei-
fen, den Sinn des Begriffs ausmachte. In fast allen Reden von
Krise gehörten dazu das Wissen um die Ungewißheit und der
Zwang zur Vorausschau, um ein Unglück zu verhindern oder
Rettung zu finden, wobei die jeweiligen Zeitfristen je nach den
thematisierten Lebensbereichen auf verschiedene Weise begrenzt
waren.
Von der Antike bis zur frühen Neuzeit haben sich Wort und
Begriff in der lateinischen Sprache durchgehalten, ›Crisis‹ im Me-
dizinischen und ›Judicium‹ oder Judicium maximum‹ in der
Theologie. Thomas von Aquin unterschied z. B. in seinem Cora-
pendium Theologiae (Cap. 242) drei zeitliche Phasen des Gerich-
tes, das der Gottessohn ausübt: das Gericht, das den Menschen
während seines Lebens trifft, das zu seiner Todesstunde und
schließlich das Endgericht, nach der Wiederkehr Christi. Die Be-
griffsgeschichte von ›Krisis‹ vollzog sich gleichsam fachsprach-
lich, zurückgebunden an die Institution der Kirche bzw. der ver-
schiedenen Fakultäten. Seit der Übernahme des griechischen
Wortes in die europäischen Volkssprachen - seit dem ausgehen-
den Mittelalter - läßt sich dessen sukzessive und zunehmende
Ausbreitung registrieren. Der Begriff erfaßte immer mehr Le-
bensbereiche: die Politik, die Psychologie, die sich entwickelnde
Ökonomie und schließlich die neu entdeckte Geschichte. Man
kann die Behauptung wagen, daß der Begriff ›Krise‹ sogar dazu
beitrug, die genannten Bereiche als eigenständige Wissenschaf-
ten zu begründen.
Dabei stand zunächst der medizinische Wortgebrauch Pate.
Die Corpus-Metaphorik für die Staaten mag der medizinischen
Metaphorik Vorschub geleistet haben. Sie diente dazu, Krank-
heit oder Gesundheit zu diagnostizieren und Leben oder Sterben
vorauszusagen.
Im 1 8 . Jahrhundert hatte sich der Begriff freilich verselbstän-
2o6 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten

digt. Der Verweis auf den medizinischen Sinn wurde nun bewußt
als Metapher apostrophiert, wie von Rousseau. In Deutschland
ist z.B. von der Krise des Deutschen Reichssystems die Rede,
wobei auf die föderale Verfassungsstruktur abgehoben wurde,
deren interne Regeln nicht mehr ausreichten, um das Reich zu
stabilisieren. Deshalb sei ein zusätzlicher Fürstenbund zu stiften,
aus dessen Präambel 1785 die Formulierung stammt.
›Krise‹ legt insofern eine ähnliche Karriere zurück, wie Revo-
lution« oder Fortschritt«, die beide zu temporalen Begriffen wer-
den, deren räumliche oder naturale Vorbedeutung sich seit d e r
Aufklärung verflüchtigt, um zu primär geschichtlichen Begriffen
aufzurücken. Das zeigt sich z. B. bei Leibniz, der während des
nordischen Krieges mit dem Aufstieg des Russischen Reiches eine
neue W e l t k o n s t e l l a t i o n heraufziehen sah: » Momenta temporum
pretiosissima sunt in transitu rerum. Et l'Europe est maintenant
dans un état de changement et dans une crise où elle n'a jamais
2
été depuis l'Empire de Charlemagne. « Der Begriff rückte in eine
geschichtsphilosophische Dimension ein, mehr noch, er erschloß
diese Dimension, die er im Laufe des 18. Jahrhunderts immer
mehr ausfüllen sollte. »Krise« rückt auf zu einem geschichtsphi-
losophischen Grundbegriff, der den Anspruch anmeldet, den g e -
samten Geschichtsverlauf aus der eigenen Zeitdiagnose heraus
deuten zu können. Es ist immer die jeweils eigene Zeit, die seit-
dem als Krise erfahren wird. Und die Reflexion auf die eigene
Zeitlage disponiert sowohl z u r Erkenntnis der ganzen Vergan-
genheit wie zur Prognose in die Zukunft.
Spätestens seit der Französischen Revolution wird ›Krise‹
zum zentralen Interpretament sowohl für die politische wie für
die Sozialgeschichte. Das gleiche gilt für die langfristige indu-
strielle Revolution, die von einer wissenschaftlich ausdifferen-
zierten Krisen- und Konjunkturlehre begleitet und beeinflußt
wird.
Im Unterschied zur Nationalökonomie fällt allerdings auf,
daß für die geschichtlichen Gesamtkonzeptionen im 19. Jahr-

2 Leibniz, Konzept eines Briefes an Schleiniz (23. 9. 1712), Leibniz' Rußland be-
treffender Briefwechsel, hg. v. Wladimir Iwanowitsch Guerrier, Petersburg und
Leipzig 1873, Tl. 2, S. 227L, zit. nach D. Groh, Rußland und das Selbstverständ-
nis Europas, Neuwied 1 9 6 1 , 8 . 3 9 .
Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ 207

hundert keine explizite Krisentheorie entwickelt worden ist. Ja-


cob Burckhardt bleibt die einzige Ausnahme. Und selbst Marx,
der seine ökonomische Theorie mit einer Geschichtsphilosophie
zu verbinden suchte, ist bei der Ausarbeitung einer Krisentheorie
steckengeblieben, auf die Schumpeter - im Hinblick auf diesen
Begriff - 1939 (business cycles) ausdrücklich verzichtet hat.
Auch im 20. Jahrhundert beschränken sich die Krisentheorien
auf spezielle Wissenschaftsbereiche wie die Psychiatrie oder die
Politologie. Globale Krisentheorien, wie sie den Geschichtsphi-
losophien des 18. und 19. Jahrhunderts implizit zugrunde lagen,
geraten heute schnell in den Geruch, unseriös, weil empirisch
nicht hinreichend einlösbar oder absicherbar zu sein. - Damit
wenden wir uns der Semantik von ›Krise‹ als einem geschichtli-
chen Grundbegriff zu.

II. Drei semantische Modelle

Während anfangs der medizinische Bedeutungsgehalt von ›Krise‹


stark in die politische Wort Verwendung eingewirkt hatte, werden
später zahlreiche theologische Elemente in den geschichtlichen
Grundbegriff eingespeist. Das gilt schon für die Sprache des eng-
lischen Bürgerkrieges von 1640-1660. Und das gilt ebenso für
den geschichtsphilosophisch reflektierten Sprachgebrauch, der
sich seit der Spätaufklärung allgemein durchsetzt. Die Assozia-
tionskraft des Gottesgerichtes und der Apokalyptik spielt dau-
ernd in die Wortverwendung hinein, so daß an der theologischen
Herkunft der neuen Begriffsbildung kein Zweifel bestehen kann.
Das erweist sich nicht zuletzt daran, daß die geschichtsphiloso-
phischen Krisendiagnosen gerne mit harten Zwangsalternativen
operieren, die einer differenzierten Diagnostik abträglich sind,
aber durch den prophetischen Sprachgestus um so wirksamer
und einleuchtender zu sein scheinen.
Wenn ich im folgenden drei semantische Modelle entwerfe, so
liegt darin das Risiko beschlossen, den historisch tatsächlichen
Begriffsgebrauch ungebührlich zu vereinfachen. Drei semanti-
sche Optionen lassen sich jedenfalls feststellen:
Erstens kann die Geschichte als Dauerkrise interpretiert wer-
208 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten

den. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Dann handelt es sich


um einen Prozeßbegriff.
Zweitens kann ›Krise‹ einen einmaligen, sich beschleunigen-
den Vorgang bezeichnen, in dem sich viele Konflikte, das System
sprengend, zusammenschürzen, um nach der Krise eine neue
Lage herbeizuführen. Dann indiziert ›Krise‹ das Überschreiten
einer Epochenschwelle, einen Vorgang, der sich mutatis mutan-
dis wiederholen kann. Auch wenn die Geschichte im Einzelfall
immer einmalig bleibt, zeugt dieser Begriff doch von der Mög-
lichkeit, daß sich die Veränderungsschübe in analogen Formen
abspielen können. Deshalb schlage ich vor, ihn als iterativen Pe-
riodenbegriff zu bezeichnen.
Drittens kann ›Krise‹ die schlechthin letzte Krise der bisheri-
gen Geschichte meinen, wobei die Aussagen über das Jüngste
Gericht allenthalben nur metaphorisch verwendet werden. Wäh-
rend gemessen am bisherigen Gang unserer Geschichte dieses
Modell als utopisch bezeichnet werden muß, läßt sich nicht mehr
ausschließen, daß es in Anbetracht der gegenwärtigen Selbstzer-
störungsmittel alle Chancen hat, verwirklicht zu werden. Dieser
Krisenbegriff ist im Unterschied zu den anderen ein reiner Zu-
kunftsbegriff und zielt auf eine Letztentscheidung.
Tatsächlich tauchen in der geschichtsphilosophischen oder
geschichtstheoretischen Sprache die aufgeführten Modelle nicht
in reiner Form auf, sondern stützen sich gegenseitig ab, werden
gemischt und verschieden dosiert. Gemeinsam ist allen drei Mo-
dellen, daß sie trotz ihrer theologischen Imprägnation den An-
spruch erheben, geschichtsimmanente Erklärungsmuster für Kri-
sen zu bieten, die theoretisch auf den Eingriff Gottes verzichten
können.
Zu den drei semantischen Grundpositionen seien einige Er-
läuterungen nachgeschickt, i. ›Die Weltgeschichte ist das
Weltgericht« ist ein Diktum von Schiller und gleichsam zum
Motto für die Neuzeit aufgerückt. Scheinbar zufällig taucht die
Passage in einem Liebesgedicht auf, in dem Schiller eine verpaßte
Situation beklagt, die nicht mehr einzuholen ist. »Was man von
3
der Minute ausgeschlagen / Gibt keine Ewigkeit zurück.« For-

3 Schiller, »Resignation. Eine Phantasie«, Sämtliche Werke. Säkularausgabe, hg. v.


Eduard von der Hellen u. a., Stuttgart und Berlin o. J . , Bd. i, S. 199.
Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹

mal handelt es sich um die Verzeitlichung des Jüngsten Gerichtes,


das sich immer und ständig vollstreckt. Jeder Tag ist der Jüngste.
Dabei hat es eine ausgesprochen antichristliche Pointe, weil jede
Schuld gnadenlos in die Biographie des einzelnen, in die Ge-
schichte der politischen Handlungsgemeinschaften, in die ge-
samte Weltgeschichte eingeht. Das Modell ist kompatibel mit
dem Schicksal, das Herodot hinter allen Einzelgeschichten auf-
scheinen läßt, die immer wieder als Vollzug einer weltimmanen-
ten Gerechtigkeit gelesen werden können. Aber Schillers Diktum
erhebt einen größeren Anspruch. Nicht nur den Einzelgeschich-
ten wird eine ihnen innewohnende Gerechtigkeit zugemutet, die
einen fast magischen Anstrich erhält, sondern der Weltge-
schichte in toto. Logischerweise wird jede Ungerechtigkeit, jede
Inkommensurabilität, jedes ungesühnte Verbrechen, jede Sinn-
und Nutzlosigkeit apodiktisch ausgeschlossen. Damit erhöht
sich die Beweislast für den Sinn dieser Geschichte enorm. Es ist
nicht mehr der Historiker, der ex post aufgrund seines besseren
Wissens die Vergangenheit moralisch richten zu können glaubt,
sondern der Geschichte selbst wird als einem handelnden Subjekt
unterstellt, daß sie Gerechtigkeit vollstrecke. Hegel hat es auf
sich genommen, die moralischen Diskrepanzen und Unzuläng-
lichkeiten, die sich aus diesem Diktum ergeben, aufzufangen.
Seine Weltgeschichte bleibt das Weltgericht, weil sich der Welt-
geist oder die Gedanken Gottes in sie hinein entäußern, um zu
sich selbst zu finden. Theologisch gesehen, handelt es sich um die
letzte auch nur denkbare Häresie, die einer christlichen Ge-
schichtsdeutung rundum gerecht werden will.
Aber Schillers Diktum ließ sich bruchlos weiterverwenden,
solange die Geschichte als weltimmanenter Prozeß interpretiert
wurde. Die Liberalen wurden nicht müde, sich darauf zu beru-
fen, um eine moralische Legitimität ihres Handelns daraus ab-
leiten zu können. Aber auch die darwinistischen und imperiali-
stischen Geschichtsphilosophien konnten bruchlos daran an-
knüpfen, weil der Erfolg, die Durchsetzung des Stärkeren, den
Anspruch auf geschichtliche Legitimität einlöste - bis hin zu Hit-
lers sentimentalem Verzicht auf Selbstmitleid: Wer untergeht, hat
es gerechterweise verdient.
Es gibt semantische Optionen, deren Folgelasten keineswegs
210 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten

ihren sprachlichen Urhebern zugeschrieben werden dürfen. Wer


sich anheischig macht, Hitler auf Hegel oder Schiller zurückzu-
führen, erliegt einem wirkungsgeschichtlichen Anspruch, der se-
lektiv verfährt. Die Weltgeschichte als Weltgericht impliziert zu-
nächst und vor allem die Aussage, daß jede Situation vom glei-
chen Zwang zur Entscheidung geprägt ist.
In diesem Sinne war Schillers Diktum auch theologisch adap-
tierbar, etwa wenn Richard Rothe 1837 feststellte: »Die ganze
christliche Geschichte überhaupt ist Eine große kontinuierliche
4
Krisis unseres Geschlechts.« Oder wenn Karl Barth diese Dau-
erkrisis aller finalistischen oder teleologischen Obertöne entklei-
dete, um sie existentiell auszulegen: »Die sogenannte »Heilsge-
schichte« ist nur die fortlaufende Krisis aller Geschichte, nicht
5
eine Geschichte in oder neben der Geschichte.« ›Krisis‹ hat hier
als Begriff seine endzeitliche oder seine übergangszeitliche Be-
deutung eingebüßt - sie wird zu einer strukturalen Kategorie der
christlich begriffenen Geschichte schlechthin; die Eschatologie
wird gleichsam geschichtlich vereinnahmt. Diese metaphorische
Dehnung des Krisenbegriffs hat Kar! Popper auch für seine Logik
der Forschung beansprucht. Sein Buch sei eine Erkenntnistheo-
rie, eine Methodenlehre, schreibt er 1934: »Es ist ein Kind der
Zeit, ein Kind der Krise - wenn auch vor allem der Krise der
Physik. Es behauptet die Permanenz der Krise; wenn es Recht
hat, so ist die Krise der Normalzustand einer hochentwickelten
6
rationellen Wissenschaft« - womit sich Theologie und Natur-
wissenschaft wenigstens in dieser Hinsicht einig wären.
2. Theoretisch weniger anspruchsvoll ist Krise als iterativer
Periodenbegriff. Dieser fragt nach den Bedingungen möglicher
Geschichtsverläufe, um aus ihrer Vergleichbarkeit Gemeinsam-
keiten und Unterschiede herausarbeiten zu können. Das seman-
tische Modell erhebt nicht den Anspruch, die Geschichte insge-

4 Richard Rothe, Die Anfänge der christlichen Kirche und ihre Verfassung (1837),
zit. nach: Peter Meinhold, Geschichte der kirchlichen Historiographie, München
und Freiburg 1967, Bd. 2, S. 221.
5 Karl Barth, Der Römerbrief (1918), 9. ND der 5. Aufl. (1926), Zollikon und
Zürich 1954, S. 57, 32.
ti Zit. n. Lothar Schäfer, Laßt Theorien sterben anstatt Menschen. Vor hundert
Jahren wurde Karl Popper geboren, in: Neue Züricher Zeitung, 27./28. Juli
2002.
Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ 21 i

samt oder dauerhaft deuten zu können. Jacob Burckhardt hat es


z.B. verstanden, anthropologische Konstanten aufzuweisen, die
in ihren jeweiligen historischen Artikulationen verschiedene Kri-
senverläufe ermöglicht haben. Als historisch einmalige Krise hat
er dabei die Völkerwanderungszeit definiert, die nicht zuletzt die
Entstehung einer Kirche mit universalem Anspruch begünstigt
habe. Daneben ließ er nur noch die Neuzeit gelten, als eine
Dauerkrise mit offenem Ausgang. Hinter allen anderen Krisen
entdeckte er letztlich mehr Kontinuitäten, als die Wahrnehmung
der Betroffenen jeweils zugeben wollte.
Auch der ökonomische Krisenbegriff läßt sich semantisch
hier ansiedeln. Hinter den ökonomischen Krisenmodellen steht
die Gleichgewichtsmetaphorik des T 8 . Jahrhunderts, die sich
empirisch nie vollständig einlösen läßt. Krisen tauchen, grob ge-
sprochen, immer dann auf, wenn das Gleichgewicht zwischen
Angebot und Nachfrage, zwischen Produktion und Konsump-
tion, zwischen Geldumlauf und Warenumlauf so gestört wird,
daß Rezessionen, Rückschritte allenthalben sichtbar werden.
Zugleich aber lehrt die bisherige Erfahrung, daß auf eine Krise
stets eine allgemeine Produktivitätssteigerung folgte. Das Para-
dox dieser Krisenlehre scheint darin zu bestehen, daß ein Gleich-
gewicht nur eingehalten bzw. wiedergewonnen werden kann,
wenn sich die Produktivität weiterhin steigert und nicht etwa
stagniert: denn dann scheint der Rückgang unentrinnbar zu sein.
Insofern ist dieses Modell bisher auf den Fortschritt angewiesen,
ohne den es nicht empirisch einlösbar wäre. Wie Molinari,
ein Konjunkturtheoretiker des 1 9 . Jahrhunderts, sagte: »Jeder
kleine oder große Fortschritt besitzt seine Krise. « ' Daß Krisen die
Generatoren des Fortschritts seien, dieses semantische Modell
scheint mir bisher nur im Bereich der Ökonomie, der Naturwis-
senschaften, der Technik und der Industrie eingelöst worden zu
sein. Ich erspare mir, für die Anwendung des Modells auf die
gesamte Geschichte der Menschheit Zitate zu bringen. Ihre Zahl
ist unübersehbar. Nur ein Beleg stehe für alle ein: »Out of every
crisis mankind rises with some greater share of knowledge,

7 Gustave de Molinari, L'Evolution économique du XIXe siècle. Théorie du Pro-


grès, Paris 1880, S. i o z f .
212 Teil II: Begriffe und ihre Geschichten

8
higher decency, purer purpose.« Dies die Worte von Franklin
D. Roosevelt kurz vor seinem Tode. Von der semantischen Op-
tion her muß die Frage gestellt werden, ob -Fortschritt« der Leit-
begriff für ›Krise‹ ist oder ob der iterative Periodenbegriff von
›Krise‹ der wahre Leitbegriff ist, unter dem auch Tortschritt« zu
subsumieren ist. Wenn «Krise« als iterativer Periodenbegriff eine
größere Erklärungskraft beanspruchen darf, dann könnte der
Fortschritt, den es unbestreitbar gibt, in sein relatives Recht ein-
gewiesen werden.
3. Die Krise als Letztentscheidung. Daß die Krise, in der man
sich jeweils befinde, die letzte große und einmalige Entscheidung
sei, nach der die Geschichte in Zukunft ganz anders aussehen
werde - diese semantische Option wird immer häufiger ergriffen,
je weniger an das absolute Ende der Geschichte durch ein Jüng-
stes Gericht geglaubt wurde. Insofern handelt es sich um die Um-
besetzung eines theologischen Glaubenssatzes. Er wird der welt-
immanenten Geschichte selbst zugemutet. Einige Zeugen seien
aufgerufen. Robespierre sah sich als Vollstrecker einer morali-
schen Gerechtigkeit, die sich durch Gewalt wider Willen ihren
endgültigen Durchbruch verschafft. Thomas Paine glaubte ange-
sichts der Krisis der amerikanischen und der Französischen
Revolution ebenso, daß die Zukunft eine absolute Wende in sich
birgt. Auch ursprüngliche Partisanen der Französischen Revo-
lution, die zu erbitterten Gegnern ihrer bonapartistischen Folgen
wurden, konnten diese semantische Option durchhalten. Es
seien nur genannt: Friedrich Schlegel, Fichte oder Ernst Moritz
Arndt aus dem deutschen Sprachraum. Der absolute Tiefpunkt
der Geschichte verbürgt den Umschlag zur Erlösung. Für Frank-
reich sei auf die Geburt der Soziologie aus dem Geist der Revo-
lution (nicht nur der Restauration) verwiesen. St. Simon oder
Auguste Comte wußten sich in der »Grande Crise Finale«, die
durch wissenschaftliche Planung und industrielle Produktions-
steigerung ein für allemal durchschritten und überwunden wer-
den könne. Auch Lorenz von Stein ist hier zu nennen, der im
Ausgleich von Kapital und Arbeit die letzte Chance erblickte,
Europa vor dem Rückfall in Barbarei zu bewahren.

8 Zit. nach W. Besson, Die politische Terminologie des Präsidenten F. D. Roosevelt,


Tübingen 1955,8.20.
Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ 213

Karl Marx ist hier gleichsam in einer Zwischenposition hän-


gengeblieben: Einerseits erwartete er mit Sicherheit, daß die
letzte Krise des Kapitalismus den kommenden Zustand der Herr-
schaftsfreiheit und der Beseitigung von Klassenunterschieden
mit sich bringe, andererseits sah er sich nicht imstande, die Kri-
sen des Kapitalismus so zu interpretieren, daß sie das System -
statt es zu erhalten - zwangsläufig sprengen müßten. Er operierte
einerseits mit einem systemimmanenten Krisenbegriff, indem er
die iterative Struktur ökonomischer Krisen aufzeigte. Anderer-
seits kannte er einen systemsprengenden Krisen begriff, den er
aus anderen - ehedem theologischen - Prämissen ableitete und
der die Weltgeschichte auf eine letzte große Krise zutreiben ließ.
Der vermeintliche letzte Kampf zwischen Proletariat und Bour-
geoisie vollzieht sich für ihn zweifellos in den Dimensionen eines
Jüngsten Gerichtes, das rein ökonomisch zu begründen ihm nicht
gelungen ist. Damit komme ich zu meinem Schlußteil.

III. ›Krise‹ als Frage an die christliche Tradition

Es ist leicht, die jeweils als letzte Entscheidung erwartete Krise als
eine perspektivische Illusion zu enthüllen. Es gehört zur Endlich-
keit aller Menschen, daß sie ihre jeweils eigene Lage für wichtiger
ansehen und ernster nehmen, als alle vorangegangenen Lagen es
gewesen seien. Aber man sollte sich davor hüten - gerade im
Hinblick auf die Lehre vom Jüngsten Gericht -, diese überzogene
Selbsteinschätzung der Menschen nur als perspektivischen Irr-
tum abzutun. Gerade wenn es darauf ankommt, auch nur das
Überleben zu sichern, könnte es sein, daß sich viele Entscheidun-
gen als Letztentscheidungen herausstellen. ›Krisis‹ im griechi-
schen Sinne des Zwanges zum Urteilen und zum Handeln unter
dem Vorgebot der Zeitnot bleibt ein Begriff, der auch unter den
komplexen Bedingungen der modernen Gesellschaft unverzicht-
bar ist. Das möchte ich mit einem historischen Gedankenexpe-
riment erläutern.
Es gehört zur christlichen Lehre, daß Gott die Zeit verkürzen
werde, bevor das Weltende hereinbreche. Dahinter steht die kos-
mologische Vorstellung, daß Gott als Herr der Zeiten das vorge-
2I 4
Teil II: Begriffe und ihre Geschichten

sehene Ende der Welt früher herbeiführen könne, als vorgesehen,


und zwar um der Auserwählten willen, deren Leid er verkürzen
werde (Markus 13,20; Matthäus 24,22). Nun mag man diese
mythologische Sprache der apokalyptischen Erwartung psycho-
logisieren oder ideologisieren. Der Nachweis mag nicht schwer-
fallen, in diesem Glauben an die bevorstehende Zeitverkürzung
einen Wunsch der Leidenden und Unterdrückten zu sehen, das
Elend so schnell wie möglich gegen ein Paradies auszutauschen.
Aber betrachtet man den Topos von der eschatologischen Zeit-
verkürzung entlang seinen geschichtlichen Ausdeutungen, so
steht man vor dem erstaunlichen Befund, daß aus der anfangs
übergeschichtlichen Zeitverkürzung sukzessive eine Beschleuni-
gung der Geschichte selber geworden ist. Luther z. B. glaubte fest
daran, daß Gott vor dem unbekannten Ende der Welt die Zeit
verkürzen werde. Aber er glaubte nicht mehr daran, daß die
Jahre zu Monaten, die Monate zu Wochen und die Wochen zu
Tagen würden, bevor das ewige Licht den Unterschied von Tag
und Nacht aufheben werde, sondern er deutete die Zeitverkür-
zung bereits geschichtlich: die Ereignisse selbst, die sich mit dem
Zerfall der Kirche beschleunigt überstürzten, waren ihm ein Vor-
bote des kommenden Weltendes. Die Beweislast für das herein-
brechende Jüngste Gericht lag nicht mehr in der mythischen Vor-
stellung beschlossen, daß die Zeit selbst verkürzbar sei, sondern
sie wurde den empirisch sichtbaren geschichtlichen Ereignissen
als solchen zugemutet. Aus ganz anderer Perspektive wurde die
Geschichte der naturwissenschaftlichen Entdeckungen analog
gedeutet. Für Bacon war es noch ein Satz der Erwartung und der
Hoffnung, daß die Erfindungen in immer kürzeren Intervallen
stattfinden würden, um die Natur immer besser beherrschen zu
können. Daraus folgerte die Intelligenz der frühen Neuzeit, etwa
Leibniz, daß die weltimmanenten Fortschritte immer schneller,
beschleunigt, zu einer besseren Weltordnung hinführen würden.
Aus der apokalyptischen Zeitverkürzung wurde die Beschleuni-
gung des geschichtlichen Fortschritts. Die Inhalte der Deutungs-
muster wurden vollständig ausgetauscht. Die Erreichbarkeit des
Paradieses erst nach dem Ende der Welt und die Erreichbarkeit
bereits in dieser Welt schließen sich logisch aus.
Aber die kosmische Zeitverkürzung, die ehedem dem J u n g -
Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ 215

sten Gericht vorausgehen sollte, hat den Begriff der Krisis nicht
um seinen Sinn gebracht. Auch die Beschleunigung der neuzeit-
lichen Welt, über deren Wirklichkeitsgehalt kein Zweifel besteht,
läßt sich als Krisis begreifen. Offenbar sind Entscheidungen fäl-
lig, die, wissenschaftlich oder nicht, gewollt oder ungewollt, dar-
über befinden, ob und wie das Überleben auf diesem Globus
möglich ist oder nicht. Die kosmische Zeitverkürzung, die ehe-
dem in mythischer Sprache dem Jüngsten Gericht vorangehen
sollte, läßt sich heute empirisch verifizieren als Beschleunigung
geschichtlicher Ereignissequenzen. In Jacob Burckhardts Wor-
ten: »Der Weltprozeß gerät plötzlich in furchtbare Schnelligkeit;
Entwicklungen, die sonst Jahrhunderte brauchen, scheinen in
Monaten und Wochen wie flüchtige Phantome vorüberzugehen
9
und damit erledigt zu sein. « Der gemeinsame Oberbegriff für die
apokalyptische Zeitverkürzung, die dem Jüngsten Gericht vor-
ausgehen, und für die geschichtliche Beschleunigung ist ›Krise‹.
Sollte das nur ein sprachlicher Zufall sein? In christlicher und in
nichtchristlicher Bedeutung indiziert ›Krisis‹ in jedem Fall einen
anwachsenden Zeitdruck, dem die Menschheit auf diesem Glo-
bus nicht zu entrinnen scheint.
Deshalb sei zum Schluß eine temporale Hypothese angebo-
ten, die durchaus nicht neu ist. Betrachtet man von heute aus die
bisherige Geschichte der Menschheit, so läßt sie sich durch drei
exponentielle Zeitkurven darstellen. Gemessen an den fünf Mil-
liarden Jahren, seitdem unser Globus mit einer festen Erdrinde
überzogen wurde, ist die eine Milliarde Jahre organischen Le-
bens eine kurze Zeitspanne, aber noch viel kürzer ist die Zeit-
spanne der 10 Millionen Jahre des zu vermutenden menschenar-
tigen Wesens, von dem erst seit zwei Millionen Jahren selbstfa-
brizierte Werkzeuge nachweisbar sind.
Die zweite exponentielle Zeitkurve läßt sich in die 2 Millio-
nen Jahre einzeichnen, seitdem der Mensch sich durch selbstge-
fertigte Werkzeuge auszeichnet. Die ersten Dokumente gleich-
sam genuiner Kunst liegen 3 0 0 0 0 Jahre zurück, die Entstehung
von Ackerbau und Viehzucht rund 1 0 0 0 0 Jahre. Und gemessen

9 Jacob Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen, hg. v. Rudolf Stadelmann,


Pfullingen 1949, S. 211.
2.16" Teil II: Begriffe und ihre Geschichten

an den zwei Millionen Jahren eigener Produktivität sind die rund


6000 Jahre einer städtischen Hochkultur, seit der es schriftliche
Überlieferungssignale gibt, eine kurze Zeitspanne, und noch viel
später erst erfolgt die Reflexion in Philosophie, Dichtung und
Geschichtsschreibung.
Die dritte exponentielle Zeitkurve zeichnet sich ab, wenn man
von der Selbstorganisation stadtartiger Hochkulturen ausgeht,
die erst 6000 Jahre zurückliegt. An deren vergleichsweise konti-
nuierlicher Geschichte gemessen, hat sich die moderne Industrie-
gesellschaft, die auf Wissenschaft und Technik gründet, erst seit
rund 300 Jahren entfaltet. Die Kurve der Beschleunigung sei nur
an drei Datenreihen demonstriert: Die Kommunikation des
Nachrichtenwesens hat sich in einer Weise beschleunigt, daß die
temporale Identität von Ereignis und Nachricht darüber poten-
tiell hergestellt ist. Aber auch die Beschleunigung des Verkehrs
hat sich etwa verzehnfacht, seitdem die naturgegebenen Hilfs-
mittel, der Wind, das Wasser und die Tiere durch technische In-
strumente der Dampfmaschine, der elektrischen Maschinen und
der Verbrennungsmotoren abgelöst worden sind. Die Beschleu-
nigung der Kommunikationsmittel hat den Globus zu einem
Raumschiff zusammenschrumpfen lassen. Gleichzeitig erfolgt
die Bevölkerungsvermehrung in einer analogen exponentiellen
Zeitkurve: Von rund einer halben Milliarde im 17. Jahrhundert
steigt seitdem die Weltbevölkerung, trotz aller Massenvernich-
tungen, an auf 2 7 Milliarden Menschen in der Mitte des zwan-
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zigsten Jahrhunderts, um zu dessen Ende bereits die Achtmilli-


ardengrenze zu erreichen.
Die drei exponentiellen Zeitkurven mögen als Zahlenspielerei
abgetan werden. Aber es zeichnet sich offenbar eine Grenze ab,
die durch keinen technischen und wissenschaftlichen Fortschritt
mehr überschritten werden kann. Hinzu kommt, daß sich in der
gleichen exponentiellen Zeitkurve die Kraft zur Selbstzerstörung
der autonomen Menschheit vervielfacht hat.
So stellt sich die Frage, ob unser semantisches Modell der
Krise als einer Letztentscheidung nicht mehr Chancen der Ver-
wirklichung erhalten hat als jemals zuvor. Wenn dem so ist, käme
alles darauf an, alle Kräfte darauf zu richten, den Untergang zu
verhindern. Das Katechon ist auch eine theologische Antwort
auf die Krisis.
Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von ›Krise‹ 217

Die drei exponentiellen Zeitkurven lassen sich auch als Ver-


stärker der Beschleunigung lesen, die es vollends unmöglich ma-
chen, Hochrechnungen in die Zukunft zu riskieren. Vielleicht
besteht die Antwort auf die Krise darin, daß nach den Stabilisa-
toren Ausschau gehalten wird, die sich aus der langen Dauer der
bisherigen Menschheitsgeschichte ableiten lassen. Es könnte
sein, daß sich diese Frage nicht nur historisch und politisch, son-
dern auch theologisch formulieren läßt.