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pflichtlektüre
042010 www.pflichtlektuere.com

Studierendenmagazin der Universitäten Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen

Ach Gott!
Trotz Missbrauch und Zölibat: Junge Katholiken verteidigen ihre Kirche.

Drogen ohne Dealer
Frühlingsgefühle sind kein Mumpitz.

Flaniermeile oder verlassene Allee?
Für den Boulevard Kampstraße muss bis 2017 noch viel passieren.

S 02 VOR-SPIEL

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WAs geht

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ie ersten Sonnenstrahlen haben sich schon gezeigt. Da wird es höchste Zeit - schnappt euch die Sonnenbrillen und dann könnt ihr auch schon in den lang ersehnten Festivalsommer 2010 starten. Beim Pfingst-Open-Air in Essen gibt es schonmal die Gelegenheit, sich auf die anstehende Festival-Saison einzustimmen. Die Freiluftparty findet am 24. Mai in dem sonst eher ruhigen Essener Stadtteil Werden statt. Gut für den Studentengeldbeutel - das Motto lautet „umsonst und draußen“. Das ehemalige Strandbad im Löwental wird zu diesem Zweck in zwei Bereiche geteilt. Die Main-Stage bietet alles, was laut ist: Von Rock über Metal bis zu

Hardcore ist alles dabei. Diese Jahr freuen wir uns besonders auf den ehemaligen Sepultura Frontman Max Cavalera. Der rockt mit seiner neuen Formation Soulfly auf der Main Stage. Aber auch auf Callejon und Bonaparte können wir gespannt sein. Auf der Elektronischen Wiese findet sich alles, was unter die Kategorie Dub, House, Techno und Minimal fällt. Hier feiern dieses Jahr unter anderem Daniel Stefanik, Kay Shanghai und DJ Casio mit euch. Der Einlass zum Pfingstopenair in Essen-Werden ist am 24. Mai ab 13 Uhr. Der Eintritt ist frei. text: Jen foto: Pfingst Open Air

Zuerst war ich wegen der Fahrpreise sehr erstaunt. Obwohl das Semster erst im April begonnen hat, bin ich im März schon aus Ungarn nach Dortmund gekommen und habe einen Sprachkurs gemacht. Unser NRW-Ticket haben wir Erasmus-Studenten aber erst ab April bekommen. Deswegen mussten wir immer Einzelkarten kaufen - und, na ja, sie sind keine günstige Alternative. Ich bin mehrmals schwarz gefahren und hatte einmal kein Glück. Ein Kontrolleur ist gekommen, und ich sollte 40 Euro Strafe zahlen.

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Neulich iN DeutschlAND
Schon kam die zweite Überraschung: In Ungarn werden diese Strafen nicht so ernst genommen. Das bedeutet zum Beispiel, dass ausländische Leute kaum gefunden werden können, deswegen müssen sie fast nie wirklich bezahlen. Meine deutschen Freunde haben mir aber sehr dazu geraten, diese Summe zu bezahlen, weil die deutschen Regeln ganz anders sind – strenger vor allem. So habe ich in Deutschland schon früh eine Lehre erhalten – für 40 Euro! text: viki foto: jfk Viktória Vígh kommt aus Ungarn und studiert derzeit in Dortmund Journalistik.

ls ich hier in Deutschland angekommen bin, hat mich der Nahverkehr überrascht – gleich zweimal.

WisseNs-Wert

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er Daumen ist ein Multitalent: In Kombination mit Feuerzeugen beschert er uns offene Flaschen und brennende Zigaretten, in Kombination mit Spielekonsolen sogar Schalker Meisterschaften. Darüber hinaus versorgt uns dieser Finger mit vielen sprachlichen Bildern: Wer nichts zu tun hat, dreht Däumchen, Gärtner haben einen grünen Daumen und Aussagen, die nur ungefähre Informationen enthalten, werden „Pi mal Daumen“ gemacht – Pi mal Daumen? Mathe mit den Fingern? Michaela Pölzl, Germanistin an der Universität Graz, hat sich in ihrer MasterArbeit mit etwa 200 Formulierungen beschäftigt, die in Zusammenhang mit Mathematik stehen. Sie erklärt: „Pi mal

Daumen“ habe sich vermutlich aus der Wendung „etwas über den Daumen peilen“ abgeleitet, die aus der Seefahrt stammt. Der Ausdruck spiele mit der Kombination aus dem formelhaften Wert der Kreiszahl π und dem ungenauen Daumenmaß. Und was ist die Kreiszahl genau? π beschreibt das Verhältnis des Umfangs eines Kreises zu seinem Durchmesser. Das heißt, der Umfang eines Kreises mit dem Durchmesser 1 cm ist genau Pi cm, also ungefähr 3,14. Genau weiß niemand, wie groß Pi ist – die Zahl ist irrational und nicht periodisch. Weder ein Bruch noch eine Kommazahl können sie exakt benennen. Darum einfach: π. text/foto: luk / montage: fh

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START-BLOCK S 03

HERZ-STÜCK
DORTMUND S 04 S 06 S 07 … Boulevard?: Die Zukunft der Kampstraße

diesmal
Küsschen für den Papst oder Kritik am KirchenOberhaupt? Das sagen gläubige Studenten.

Zur Ausgabe

… Bücher-Krieg in der City: Thalia vs. Mayersche. … Im Sinkflug: Flughafen macht weiter Verluste.

S 08

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HERZ-STÜCK S 08 S 11 … Krisen-Talk: Katholische Studenten debattieren im pflichtlektüre-Streitgespräch über ihre Kirche. … Experten-Duell: Was Theologie-Profs nach dem Missbrauchsskandal von der Kirche fordern.

RUHR-BLICK S 12 … Frühlings-Freuden: Von Dopamin und Serotonin, Miniröcken und anderen „optischen Reizen“.

DIENST-BAR S 14 … Sommer-Freuden: Beachparty, Fußballfieber und Kirsch-Ernte.

s gibt Sätze, die knallen. Wie die von Sebastian in unserem Streitgespräch über die katholische Kirche und ihren Missbrauchsskandal (Herz-Stück Seite 8 - 10): „Gerade die Tatsache, dass es diese Fälle auch in der katholischen Kirche gibt, bestätigt doch, dass das, was sie lehrt, richtig ist. Für mich ist es deshalb eine große Bestätigung meines Glaubens.“ „Krass“, war das erste Wort, das ich daraufhin dachte. Aber lest selbst und bildet euch eure eigene Meinung darüber, was vier gläubige Studenten zur Kirche und ihrem Umgang mit den Missbrauchsfällen sagen – und wie sie die Frage beantworten, ob die katholische Kirche noch zeitgemäß ist.

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S 04 DORTMUND: MITTEN IM LEBEN

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Ein Boulevard für Dortmund
Sandstrände, Blumeninseln und ein Straßenbahncafé. Mitten in der Dortmunder Innenstadt tut sich seit einigen Monaten etwas – Schritt für Schritt wandelt sich die triste Kampstraße zum Boulevard.

Bis vor kurzem fuhr hier noch die Straßenbahn – jetzt genießen viele Dortmunder auf der Kampstraße die ersten Sonnenstrahlen des Jahres.

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s ist keine zwei Jahre her, da knarrte noch die Straßenbahn über die karge, graue Kampstraße. Heute sitzt hier Özer Öner, Filialleiter des Reisecafés Stoffregen. Er verbringt seine Mittagspause in einem gemütlichen Liegestuhl und genießt mit vielen anderen die ersten Sonnenstrahlen. Die Stühle auf der ehemaligen Bahnstrecke passen perfekt zum neuen Konzept der Kampstraße. Nach dem Wunsch der Stadt soll hier nämlich schon bald ein Boulevard entstehen. Die Bebauungspläne des Düsseldorfer Architektur-Büros Fritschi-Stahl-Baum sind mittlerweile zwölf Jahre alt. Doch erst seit 2008 die überirdische Stadtbahn verschwand, arbeitet die Stadtverwaltung Dortmund an der Verwirklichung des „Boulevard Kampstraße“. Spätestens 2017 soll der Straßenzug mit Wasserspielen, neuer Beleuchtung und großzügigen Plätzen eine „urbane Erlebnisqualität“ ausstrahlen.

Nicht nur im Rathaus am Friedensplatz ist man stolz auf das Projekt. Auch Öner berichtet von einer eigenen kleinen Erfolgsgeschichte: Sein Reisebüro mit integriertem Café wird den Strandbereich vor der Haustür vergrößern. Er plant sogar ein Beachvolleyball-Feld. Bis solche Träumereien Wirklichkeit werden, dürften freilich noch einige Jahre vergehen. Real ist dagegen schon jetzt das Straßenbahncafé, das in diesen Tagen neben dem Reisecafé errichtet wird.

Szene-Kneipe. Öner sieht dieses Projekt als weitere Verbesserung des Straßenzugs, der ihm bereits jetzt weitaus besser gefällt als noch vor wenigen Monaten: „Die bisherigen Baumaßnahmen sind gelungen. Die große Blumeninsel sorgt beispielsweise dafür, dass die Straße längst nicht mehr so trist wirkt. Als die Straßenbahn noch fuhr, war hier ja gar nichts.“ Das hören viele Bürger allerdings überhaupt nicht gerne. In diversen Internetforen äußern sich sogar eingefleischte Straßenbahn-Fans und alteingesessene Dortmunder kritisch über das Caféprojekt in der Kampstraße. Das Fahrzeug, aus dem demnächst statt Kartenabknipsen und Stationsansagen das Schäumen von Milch zu hören sein wird, ist das letzte der Dortmunder Reihe „Gt8“. Es war jahrelang das typische Verkehrsmittel der Ruhrgebietsstadt – in keiner anderen Stadt der Republik fuhr die „Gt8“. Fans der nostalgischen Straßenbahn fürchten nun, dass

Bistro, Biergarten, Szene-Kneipe
„Die Stadt war auf der Suche nach einem zuverlässigen Partner für das Café. So sind sie auf uns zugekommen“, sagt Öner. Die Angestellten um den Touristikfachmann verwandeln zusammen mit dem Jazz-Klub „domicil“ eine alte Straßenbahn in eine Mischung aus Bistro, Biergarten und

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DORTMUND: MITTEN IM LEBEN S 05

der Bahnwagon der Witterung und eventuellen Vandalisten zum Opfer fällt. Sie sähen es lieber, wenn der „Gt8“ betriebsfähig bliebe und in ein Museum mitsamt Oldtimer-Touren der Öffentlichkeit präsentiert würde.

Der Kampstraßen-Kapitän
Horst Manns, der Inhaber des irischen Pubs „Limericks“, ist in seiner Jugend wahrscheinlich selbst noch mit der „Gt8“ zur Schule gefahren. Heute beschäftigt er sich hauptberuflich mit Irlandliebhabern, trinkfreudigen Fußballfans und den nachtliebenden Stammgästen an der Theke. Nebenbei ist Manns Vorsitzender der Aktion „Boulevard Kampstraße e.V.“. Dabei handelt es sich um eine Gemeinschaft der Einzelhändler der Kampstraße und des Brüderwegs. Mittlerweile hat der Verein rund 40 Mitglieder. Auf die Frage, warum er nach Axel Schröder von der „postergalerie“ der neue Vorsitzende der Interessensgemeinschaft ist, antwortet Manns wie man es von einem Kneipenbesitzer erwartet – mit einer netten kleinen Geschichte: „Nun ja, jedes Schiff braucht nun mal einen Kapitän, der alles organisiert und koordiniert. Und bei unserem Aktionskreis bin ich es jetzt halt. Das geht immer im Wechsel.“ Der selbst ernannte Kampstraßen-Kapitän zeigt sich zufrieden mit dem fertiggestellten Bauabschnitt. Trotzdem kann er die vielversprechenden Worte von Sylvia Uehlendahl vom Dortmunder Tiefbauamt aus dem letzten Jahr noch nicht bestätigen. Damals versprach Uehlendahl: „Bald wird bei der Kampstraße niemand mehr an einen Hinterhof denken, sondern dann soll die Straße zum Flanieren einladen.“ Für Manns liegt dieses „bald“ noch weit in der Ferne, denn bis jetzt habe der Umbau noch keine Auswirkungen auf die Anlieger. Die Hoffnung, dass sich der neue Boulevard positiv auf das Konsumverhalten der

Passanten und damit auch auf die Einnahmen der Ladenbesitzer auswirkt, ist bei den Geschäftsleuten auf der Kampstraße durchaus vorhanden. Schließlich sei es ja aber erst der Anfang des Umbaus: im nächsten Schritt ist die Veränderung des Brüderwegs vorgesehen. Spätestens 2017 zeigt sich, ob fröhlich glucksende Kinder auf den Spielplätzen herumtollen, während ihre Mütter nach dem Einkaufen einen Kaffee in der alten Straßenbahn genießen oder ob die Straße doch öde und verlassen bleibt und höchstens nachts von Graffiti-Sprayern aufgesucht wird.

Spätestens 2017 soll der „Boulevard Kampstraße“ endgültig fertig sein und mit seinen großzügigen Plätzen eine „urbane Erlebnisqualität“ ausstrahlen.

text und fotos Kerstin Börß

Neues aus

Dortmund

Bei der Frage nach dem Ausbau der U-Bahnanlage am Hauptbahnhof werden sich die Dortmunder Stadtwerke AG (als Eigentümer) und das Stadtbahnbauamt nicht einig. Das Stadtbahnbauamt hat einen Drei-Stufenplan zum Ausbau erarbeitet, den die Stadtwerke in mehreren Punkten kritisieren. Der Ausbau soll den Bau eines Tunnels zwischen U-Bahn und Bahnsteig 8, eine Verbreiterung der Bahnsteige und den Bau zweier Zusatzgleise umfassen. Die Kosten sollen insgesamt bei 87 Millionen Euro liegen, wovon der Bund und das Land 90 Prozent übernehmen wollen. Die Stadtwerke lehnen hierbei zum einen den Tunnelbau ab, da sie nicht wüssten, wer die Unterhaltskosten für den Tunnel tragen solle. Zum anderen sind sie nicht mit dem Bau zweier Zusatzgleise einverstanden. Diese würden zwar die Abfertigung am Hauptbahnhof beschleunigen, jedoch ginge der Vorteil an den nachfolgenden Haltestellen wieder verloren. max

Uneinigkeit über U-Bahn-Ausbau

Froschloch öffnet am 15. Mai

Das zu einem Naturbad mit Sandstrand umgebaute Freibad „Froschloch“ in Hombruch wird nach fünfjähriger Pause in diesem Sommer eröffnet. Nachdem das Freibad 2005 wegen hohem Sanierungsbedarf geschlossen wurde, ist der 2007 beschlossene Umbau zu einem Naturfreibad jetzt abgeschlossen. Zu den Besonderheiten des Freibads zählen ein Sandstrand und chlorfreies Wasser. Im Schwimmbadwasser befinden sich Organismen, die für die Sauberkeit sorgen und so Chemie zur Reinigung überflüssig machen. So können gleichzeitig bis zu 1.700 Besucher bedenkenlos baden gehen. max

Ewiger Student

momente

RUHRSTADT

Der Vorlesung ist vorbei, die nächste beginnt in 20 Minuten. Also schnell ins Campus-Bistro, um ein Brötchen, ein Duplo und eine Flasche Wasser kaufen. Voll beladen mit meinem Mittagessen und dem üblichen Unikram stehe ich in der Schlange. „2,80 Euro“, sagt die reizende Fachkraft hinter der Kasse. Mist! Gähnende leere in der Geldbörse. Also muss ich mein letztes Kleingeld aus der Hosentasche kramen. Gut, das dauert zwei, drei Sekunden. Und genau darauf weist mich die chamante Bedienung umgehend hin. „Boah, wenn bei dir alles so lange dauert, wundert es mich nicht, dass du nicht mit dem Studium fertig wirst.“ fas

S 06 DORTMUND: MITTEN IM LEBEN

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Mayersche und Thalia am Westenhellweg – nur einen Steinwurf voneinander entfernt.

Der Kampf ist eröffnet
Vergangene Woche eröffnete Thalia eine Filiale am Westenhellweg – schräg gegenüber der Mayerschen Buchhandlung. Dürfen sich die Kunden jetzt über ein größeres Angebot und günstigere Preise freuen?

K

onkurrenzkampf“, „Stellungskrieg“, „heißester Kampf am deutschen Buchmarkt“ – die Schlagzeilen klingen dramatisch, wenn es um die Neueröffnung der Thalia-Buchhandlung auf dem Westenhellweg geht. Kein Wunder: Die neue ThaliaFiliale eröffnete vergangene Woche direkt gegenüber der Filiale der Mayerschen Buchhandlung. Dürfen sich Kunden über ein größeres Angebot und günstigere Bücherpreise freuen? Wer darauf hofft, den enttäuscht Wolfgang Leininger, Professer am Dortmunder Institut für Mikroökonomie. Die Buchpreisbindung verhindert den Konkurrenzkampf: „Preiskonkurrenz ist im Büchermarkt verboten, alle müssen das gleiche verlangen. Und wenn die Läden nicht über den Preis konkurrieren können, dann müssen sie das über andere Variablen tun, zum Beispiel über die Größe“, sagt Leininger. Das ist für ihn der Grund, weshalb kleine Buchhandlungen aus den Innenstädten verdrängt werden, obwohl die Buchpreisbindung sie eigentlich schützen sollte. In Dortmund hat die Mayersche auf dem Westenhellweg fast alle kleinen Buchläden aus der Innenstadt verdrängt, und Thalia warb schon vor der Eröffnung mit der Größe ihres neuen Geschäfts: „Bücher auf 1.800 Quadratmetern.“ Heide-Marie Noltes Blick wird kalt, wenn sie das hört. „Die Quantität entscheidet noch lange nicht über die Qualität“, sagt sie. Nolte ist seit fast 30 Jahren im Buchgeschäft tätig und musste vor zwei Jahren ihren Laden in der Dortmunder In-

nenstadt schließen. Verdrängt von einem „Buchkaufhaus“, wie sie die großen Buchketten nennt. Für sie ist es eine Schande, dass durch diese Verdrängung inzwischen alle Buchläden nur noch die gleiche Ware anbieten.

viel mit kleinen Verlagen zusammengearbeitet und sei auch mal Risiken eingegangen. Zu Weihnachten habe sie oft Leserunden organisiert. „Im Grunde ist es doch so, die Buchhandlung sollte Mittler sein zwischen Autor, Verlag und Leser.“ Es klingt wie eine romantische Geschichte aus vergangenen Tagen. Ein kleiner Laden, mit dem Geruch von dicken Büchern und eine freundliche Verkäuferin, die alle Kunden mit Namen begrüßt und genau weiß, wonach der Kunde sucht. HeideMarie Nolte ist genau diese Verkäuferin. Ihr Laden hat aber nicht überlebt. Stattdessen kommt jetzt die Thalia neu dazu, mit mehreren Etagen voller Bücher, einem schönen Café und jungen Verkäuferinnen, die jeden Kunden mit dem gleichen, freundlichen Lächeln begrüßen. Es ist bequemer in solche Läden zu gehen und es geht schneller, wenn man weiß, wonach man sucht. Wolfgang Leininger denkt nicht, dass der Trend der großen Ketten noch einmal umkehrbar ist. Er glaubt an das Prinzip „höher, schneller, weiter“. Heide-Marie Nolte sieht das anders: Sie glaubt fest daran, dass sich die Lage wieder ändern kann. Dafür müssen sich aber mehr Menschen mit der Literatur auseinandersetzen: „Dortmund ist eine Studenten- und Literaturstadt. Ich kann nur an die Vernunft und die Solidarität der Käufer appellieren, ihre Macht zu nutzen. Sie entscheiden schließlich, wo der Weg hingeht.“
text und fotos Laura Millmann

Weniger Vielfalt
Wolfgang Leininger hingegen glaubt, dass durch die neu geschaffene Konkurrenz auch die großen Ketten wieder mehr um die Kunden werben müssen, zum Beispiel durch Events, Lesungen und ein besonderes Sortiment. So will zum Beispiel Thalia einen BVB-Fanshop einrichten, viel lokale Literatur anbieten und besonderes Augenmerk auf die Kinder- und Jugendabteilung legen – „Jugendwelt auf 450 Quadratmetern“. Auch darüber schüttelt Heide-Marie Nolte fassungslos den Kopf. Sie glaubt nicht an mehr Vielfalt durch eine weitere Buchkette am Westenhellweg. Wenn dort Lesungen veranstaltet werden, dann nur mit Bestsellerautoren. „Was die Buchkaufhäuser heutzutage alles im Sortiment haben: Schokolade, Kaffee, Spielsachen. Die Philosophie dieser Ketten ist eine ganz andere. Der Wert des Buches geht völlig verloren“, sagt Nolte kopfschüttelnd. Dann fährt sie sich durch ihr langes weißes Haar und redet von ihren Erfahrungen als Buchhändlerin. Sie habe zusammen mit ihren Mitarbeitern immer die Neuerscheinungen selbst gelesen, um die Kunden besser beraten zu können. Zudem habe sie

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DORTMUND: MITTEN IM LEBEN S 07

Vom Musterschüler zum Sorgenkind
24,5 Millionen Euro Verlust, ein Viertel weniger Passagiere. Wie ernst steht es um den Dortmunder Flughafen?

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och vor fünf Jahren zählte der Flughafen Dortmund zu den am schnellsten wachsenden Flughäfen in Deutschland. Hinter Düsseldorf und Köln-Bonn entwickelte er sich zum drittgrößten Airport in Nordrhein-Westfalen. 2008 beförderten die Airlines mehr als 2,3 Millionen Passagiere von oder nach Dortmund. Doch die guten Zeiten scheinen vorbei zu sein: Der Flughafen schreibt tiefrote Zahlen. Allein im vergangenen Geschäftsjahr waren es 24,5 Millionen Euro. Die Prognose für 2010 geht aktuell von einem Minus von 22 Millionen aus. Zu allem Übel ziehen sich immer mehr Fluggesellschaften ganz oder teilweise aus Dortmund zurück. Eurowings verlegt seine Flotte bis September komplett nach Düsseldorf. easyJet und Germanwings haben im vergangenen Jahr drei Maschinen aus Dortmund abgezogen. Die Begründung ist immer die gleiche. „Der Flughafen hat keine marktgerechten Betriebszeiten. Es sind nur Flüge zwischen 6 und 22 Uhr erlaubt. Im Vergleich mit anderen Flughäfen in NordrheinWestfalen ist das zu kurz. Dortmund ist für Fluggesellschaften unattraktiv“, klagt Marc Schulte, Pressesprecher vom Flughafen Dortmund. „Deshalb werben wir in der Lokalpolitik für neue Betriebszeiten. Schon eine Stunde länger bringt uns einiges.“

Parallel dazu gibt es seit Jahren die Diskussion, ob die Start- und Landebahn verlängert werden soll. Dann könnten auch größere Maschinen den Airport anfliegen.

werke (DSW). Die DSW ist mit 74 Prozent größter Anteilseigner. In einem Interview mit der Westfälischen Rundschau fand der Grünen-Politiker Mario Krüger deutliche Worte: „Der Flughafen schiebt Belastungen von rund 170 Millionen Euro vor sich her. Wer vor diesem Hintergrund und angesichts der Marktsituation für einen Ausbau plädiert, hat von Betriebswirtschaft keine Ahnung.“ Anfang Februar forderte der Chef der Dortmunder Versicherung Signal Iduna, Reinhold Schulte, sogar die komplette Schließung des Flughafens. Von den Flugverboten durch die Aschewolke ist am Dortmunder Flughafen dagegen nichts mehr zu merken. „Wir waren schon drei Tage, nachdem der Luftraum wieder geöffnet wurde, voll im Zeitplan“, sagt Flughafensprecher Schulte. An den vier Tagen ohne Starts und Landungen sind über 180 Flüge ausgefallen. Bis zu 25.000 Passagiere warteten vergebens auf ihren Flug. Ein Chaos in der kleinen Wartehalle blieb aus. Die meisten Fluggäste hatten sich vorab über die Lage informiert und waren gar nicht erst zum Flughafen angereist. Dennoch beläuft sich der Schaden durch die Flugausfälle auf rund 200.000 Euro – sehr schmerzhaft bei der ohnehin schon angespannten Finanzlage des Flughafens.
text Sebastian Schaal foto Flughafen Dortmund

„Dortmund ist für Flugesellschaften unattraktiv“ – Marc Schulte vom Flughafen Dortmund.

Doch der Ausbau würde mindestens 32 Millionen Euro kosten. „Wir müssen erst die Meinungsbildung in der Politik abwarten“, so Wolfgang Herbrand, Pressesprecher der Dortmunder Stadt-

pflichtlektuere com
Die nackte Wahrheit: Sex sells
Sie sind die mehr oder weniger heimlichen Stars auf jeder Automesse: leicht bekleidete Girls, die an Stangen tanzen und sich auf Motorhauben räkeln. Sie dienen als Blickfang und sollen Lust machen – auf die Autos, versteht sich. Bei der Essener Motorshow zeigten die Hostessen nicht nur nackte Haut, sondern gewährten der pflichtlektüre auch Einblicke in ihren Job.

Noch Zeit zum Jobben?
Freiheit, Feiern, auf der faulen Haut – alles vorbei? Seit der Umstellung auf den Bachelor klagen Studierende über zu viel Stress. Ob und wie man dann noch einen Nebenjob schafft, erklären eine Psychologin, ein Arbeitsvermittler – und eine Studentin, für die fünf Euro Stundenlohn eine „bittere“ Erfahrung sind.

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Prostitution im Tierreich
Ganz und gar nicht jugendfrei sind die Sexpraktiken mancher Tiere. Während weibliche Tanzfliegen Geschenke als Gegenleistung für den Akt erwarten, gelten Delfine als dauergeil. Dass es im Tierreich neben Homosexuellen auch Transvestiten gibt, lest ihr im Netz.

S 08 HERZ-STÜCK

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„Kirche muss sich nicht rechtfertigen!“
Fünf Jahre nach „Wir sind Papst!“ steht die deutsche katholische Kirche vor einem Scherbenhaufen. Was bleibt nach dem Missbrauchsskandal von der Institution Kirche? Wir haben mit vier katholischen Studenten aus dem Ruhrgebiet darüber gesprochen.
Auf der Suche nach Leuten für dieses Gespräch haben wir Theologie-Studenten beim Hochschulgottesdienst gefragt, ob Sie Lust haben, mit uns über Kirche, Papst und Missbrauch zu reden. Aus Angst, die noch nicht einmal erhaltene Lehrerlaubnis gleich wieder zu verlieren, haben sie sich, anders als ihr, gesträubt... Stefan: Das ist eine berechtigte Sorge. Eine Person entscheidet darüber, ob ich unterrichten darf oder nicht. Sebastian: Natürlich haben die Angst. Es ist schlimm, dass es diese Angst gibt. Aber man darf sich doch davon nicht einschüchtern lassen! Wenn dieser Mann mir die Lehrerlaubnis nicht erteilen würde, dann würde ich für diese Kirche ohnehin nicht arbeiten wollen. Charlotte: Aber dann bist du arbeitslos. Sebastian: Dann ist es halt so, wäre wenigstens konsequent. Dann werde ich freischaffender Beerdigungsredner. Stefan: Glaube heißt zweifeln.

Zweifel, aber vor allem den Verlust von Vertrauen beklagt die Öffentlichkeit genauso wie auch viele Katholiken nach den Vorfällen der vergangenen Monate. Was hat der Missbrauchsskandal mit eurer Wahrnehmung der Kirche, mit eurem Glauben gemacht? Philipp: Jedes Opfer ist zu viel. Aber als der Skandal dieses Ausmaß angenommen hat, war ich froh, dass alles auf den Tisch kommt. Mein Charlotte Glaube wackelt deswegen nicht. Ich halte an der Kirche fest, weil es die Kirche von Jesus Christus ist. Ich glaube nicht an die Priester, sondern an Charlotte: Ich war nie euphorisch! Philipp: Bei mir gab es diese Euphorie. Ich haseine Botschaft. Sebastian: Dass es Sünder gibt, auch in den be durchaus gespürt, dass sich bei mir da was eigenen Reihen, das getan hat. Durch den deutschen Papst hatte überrascht mich nicht. ich eine andere Beziehung zu dem Amt. Für Sollte die AuseinandersetDas Ausmaß scho- mich ist er ein Geschenk für die Welt und die zung mit Kritik und Zweifel ckiert natürlich. Gera- katholische Kirche, weil er sehr wissenschaftin der Kirche, aber auch in de die Tatsache, dass lich ist, ein großer Theologe. Er ist dabei kein der religiösen Lehre nicht es diese Fälle auch einfacher Papst. Der Missbrauchsskandal hat fester Bestandteil sein? in der katholischen meine Sichtweise nicht geändert, weil er sich Charlotte: Die katholische Philipp Kirche gibt, bestätigt ständig und deutlich dazu geäußert hat. Kirche ist konservativ, doch doch, dass das, was sie gibt etwas, woran man sich reiben kann. Und das ist gut. Ich finde, sie lehrt, richtig ist. Für mich ist es deshalb ei- Medial ist ein anderes Bild entstanden. Ist der Papst falsch verstanden worden? Oder wie das Schlimmste ist, wenn man in der Schule ne große Bestätigung meines Glaubens. steht und die Kinder sagen: Das ist mir alles Charlotte: Man schämt sich einfach, zur glei- empfindet Ihr seine Reaktion auf die Vorfälle? egal! Denn wenn man irgendwas hat, woran chen Institution zu gehören, in der so viel Philipp: Der Vatikan reagiert sehr bedachtman sich reiben kann, dann kann man daran Furchtbares gemacht wurde. Das hat auch sam, sagt lieber gar nichts als was falsches. auch wachsen. Für mich ist Religionsunter- meinen Unterricht beeinflusst. Man muss Charlotte: Das Ganze zu vertuschen – das hätKindern beibringen zu sprechen und ein te man nicht versuchen sollen. Sowas kommt richt immer auch Kritik suchen. eh raus. Wenn die Kirche solche Moralvorstelselbstbestimmtes Leben zu führen. Nie- lungen im Stich lässt, was hat sie dann noch? mand hat Macht über Sebastian: Was in den Medien als Vertudich, sei es der Vater schung gedeutet wurde, war der Versuch, das zu ordnen und zentral zu regeln. Der Papst hat oder der Priester. Stefan: Die Institution eben theologisch auf die Vorfälle geantwortet Charlotte Schulte: Die Reformerin 26, Englisch und Theologie Kirche hat für mich und sich nicht auf die von den Medien aufgeauf Lehramt, Uni Dortmund viel Glaubwürdigkeit drängten Debatten eingelassen. Er hat gesagt, verloren. Ich trenne was die Kirche dazu zu sagen hat. Sebastian Sasse: Der Verteidiger 30, Doktorand Geschichte, daher klar Kirche und Uni Essen Damit ist er der Kirche vielleicht gerecht geGlaube. Philipp Heimansfeld: Der Solidarische 22, Betriebswirtschaftslehre, worden, gilt das aber auch für die Opfer? Uni Duisburg Wie steht es um die Stefan: Die Opfer wurden meiner Meinung Einstellung zum Papst? nach verhöhnt. Stefan Göddecke: Der Schlichter 33, Kath. Theologie und SoWi Vor fünf Jahren waren Sebastian: Die eigentliche Verhöhnung der auf Lehramt, Uni Bochum wir alle Papst, die Eu- Opfer ist doch, wie bestimmte kirchenfeindliche Kräfte diesen Skandal nutzen, um ihre alphorie war riesig.

Sebastian

„Ich halte an der Kirche fest“

DIE AKTEURE

Stefan

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Im Zuge dieser Diskussion ging es auch wieder verstärkt um die Bedeutung des Zölibats. Gibt es da für euch einen Zusammenhang zu den Missbrauchs-Vorfällen? Philipp: Es ist naiv zu sagen, dass der Zölibat Missbrauch begünstigt. Man kann davon nicht auf Pädophilie schließen. Der Zölibat ist eine freiwillige Sache – theoretisch müsste es sonst ja beim buddhistischen Mönchtum auch Missbrauchsfälle geben. Die leben auch zölibatär. Charlotte: Es fördert aber einen krankhaften Umgang mit Sexualität. Es gibt überhaupt immer einen relativ negativen Umgang der Kirche mit Sexualität. Dabei gibt es in der Bibel so viele sexuelle Konnotationen – das wird einfach immer so weg geschwiegen. Warum muss Sexualität denn verleugnet und unterdrückt werden? Warum treibt man Menschen in so einen Zwiespalt, warum muss man sich entscheiden? Philipp: Das hast du doch aber auch in Philipp der Ehe. In der Ehe sagst du ja auch nicht: Ich verzichte, sondern: Ich bevorzuge! Ich bevorzuge diese Frau vor allen anderen ten Ladenhüter rauszuholen und der Kirche mal Frauen. Wenn man den Zölibat verstehen will, wieder einen Schlag zu versetzen. Da werden dann muss man auch den Glauben mit reinbrinOpfer instrumentalisiert. Wem würde es denn gen. Kardinal Meißner schreibt in seinem Buch, er sei ein paar Mal schwer verliebt gewesen. Das nützen, wenn er jetzt sagt: „Ich bereue“? Stefan: Selbstverständlich gibt es Stimmen, die hat ihn innerlich fast kaputt gemacht. Aber er hat das Ganze für ihre Zwecke ausschlachten. Dafür gespürt: Meine Berufung ist Gott. Charlotte: Aber warum kann man nicht beides haben wir nunmal eine freie Presse. Philipp: Damals wurden massive Fehler ge- haben? macht, darüber bin ich sehr entrüstet. Sowohl Philipp: Ein Bischof kann das nicht. Ein Bischof kann nicht verheiratet von denen, die sein, das geht nicht ... die Verbrechen Stefan: Dabei sagt man ausübten, wie doch, dass hinter einem von denen, die erfolgreichen Mann geschwiegen auch immer eine starke haben. Papst BeFrau steht ... nedikt aber hat Sebastian: ... ja, oder: richtig gehandelt. Sebastian Hinter einem Priester Vergessen wir steht Gott! nicht, dass den Charlotte: Liebe, egal Opfern heute Psychologen zur Verfügung gestellt und Schmer- ob es mit einem Menschen oder mit Gott ist, vermehrt sich in der Gemeinschaft und im Dialog. zensgeld gezahlt wird. Und deshalb steht es überhaupt nicht im WiderDas tut die Kirche jetzt, da der Skandal in der Öf- spruch. Sebastian: Wenn es den Zölibat nicht gäbe, wäre fentlichkeit ist ... Philipp: Die Kirche kann nur handeln, wenn sie ich längst Priester ... davon erfährt. Die Diskussion zeigt, dass es offenbar an einigen Sebastian: Mehr kann man nicht machen. Stellen innerhalb der katholischen Kirche ReformCharlotte: Doch! Prävention kann man machen. Sebastian: Seit 2002 gibt es Richtlinien dazu. bedarf gibt. Ist die Kirche, so wie sie jetzt besteht, Selbst Sportvereine haben nicht solch klare Re- eigentlich noch zeitgemäß? gel dafür, wie man in Verdachtsfällen vorgeht Sebastian: Sie ist nicht zeitgemäß – und das ist auch gut so! und wie Kinder geschützt werden. Stefan: Ich sehe das nicht so. Dieser Skandal war Philipp: Sie ist zeitlos. ein Weckruf. Jetzt wird daran gearbeitet – das war vorher noch nicht so. Auf Seite 10 geht es weiter

„Ohne Zölibat wäre ich längst Priester“

S 10 HERZ-STÜCK

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Charlotte: Sie wandelt sich zumindest. Doch auch, wenn etwa Frauen viel Einfluss auf das Gemeindeleben haben – das Argument hört man ja immer wieder –, werden die hohen Ämter noch immer von Männern bekleidet. Die Frauen arbeiten nur im Hintergrund. Die ganzen Sakramente – Taufe, Geburt, Salbungen – werden von Frauen erfüllt, da sollten die auch endlich was zu sagen haben und Ämter bekleiden. Philipp: Du reduzierst die Frau auf die Machtrolle. Ich sehe die Frau in der Kirche anders: Zuhören und kontern: „Der Papst hat richtig gehandelt“, glaubt Philipp. Sie ist die gute Seele. Ein Beispiel ist die Marienverehrung. In Polen wird Maria mehr verehrt als Jesus, eine Charlotte: Wenn man der Überzeugung ist, dass enorme Position. Das Problem der Kirche ist, dass es nur in der Ehe Sex geben soll, und nur um Kinsie die Botschaft mehr verkünden muss, sie muss der zu zeugen, dann ist Verhütung ja auch überzurück zur Liturgie; dass die Feste und Gottes- flüssig und man braucht sie nicht. dienste wieder mehr zelebriert werden. Stefan: Es wird ja eine vernünftige FamilienplaCharlotte: ... aber sie spricht keinen mehr an, das nung eingestanden. Es wird nicht mehr gesagt, ist das Problem. man soll nicht verhüten. Ich meine sogar, dass es Philipp: Deshalb hast du als Religionslehrerin Paaren zugestanden wird, sich kennenzulernen, auch so eine wichtige Rolle, im Hinblick auf die wobei dann auch Sex inbegriffen ist. Dieses alte Vermittlung. Damit leistest Du so viel. Dogma „Kein Sex vor der Ehe“ ist längst gefallen. Charlotte: Damit sagst du, dass alles so gut ist, Das würde dir heute kein Priester mehr sagen. wie es ist. Ich bleibe aber dabei, dass ich mich als Charlotte: Aber es ist ja auch nichts gegen einen Frau in der Kirche nicht so willkommen, nicht so verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität repräsentiert fühle, wie ihr als Männer. Das Ver- einzuwenden. Es geht ja auch um Verantworständnis ist doch längst überholt! tung. Als Lehrerin würde ich einem 13-Jährigen das nicht verbieten, aber ich würde ihm raten: Als überholt sehen viele auch den Umgang der Warte doch noch! Denk‘ nochmal drüber nach. katholischen Kirche mit Verhütung an. Philipp: Es geht um Ernsthaftigkeit. Es geht um Stefan: Dabei geht es doch immer um diesen ei- die Liebe bei der Sache. Es geht um Lebensschutz nen Spruch, den Johannes Paul II. damals in Afri- und darum, dass Liebe einen Stellenwert hat. ka gesagt hat, dass man nicht verhüten soll. Sebastian: Wenn das Bemühen da ist, eine Part-

nerschaft in Verantwortung zu leben, dann ist das schon viel wert. Das andere kann schwerlich die Kirche alles sanktionieren. Die Kirche ist ja auch nicht lustfeindlich, sie ist das lustvollste überhaupt – mal eine andere Perspektive: Geh‘ mal in eine katholische Messe! Gerade in dieser verbindlichen Beziehung hast du eine viel größere Lust, weil du es gestalten und entwickeln kann. Was muss die Kirche tun, um mit diesen Anliegen und auch insgesamt näher vor allem bei den jungen Menschen zu sein? Stefan: Die Missbrauchsfälle bedürfen zunächst mal Zeit und Aufarbeitung. Außerdem muss die Jugendarbeit verstärkt werden. Jugendhäuser und Kindergärten dürfen nicht geschlossen werden, sondern da muss mehr Geld rein. Wenn man die Jugend für Kirche interessieren will, muss man sich öffnen und gesprächsbereit sein. Wenn sich Pastoren und Gemeindereferenten unters Volk mischen und das vernünftiges Personal ist, dann kann man schon etwas erreichen. Charlotte: Nein, ich bin der Meinung, dass Religionsunterricht an den Schulen dafür ganz wichtig ist. Wir sind eine christlich geprägte Gesellschaft und Kultur, und man kann andere erst verstehen, wenn man sich selbst versteht. Es geht nicht darum, nur über die katholische Kirche zu reden, sondern auch über Weltreligionen und Ethik, das gehört dazu. Da wird man von der Schule gezwungen, dass man sich mit dem Thema auseinandersetzen muss! Denn wenn man sich dagegen entscheidet, dann muss man auch wissen, wogegen man sich entscheidet. Philipp: Sie macht schon viel, aber sie publiziert es nicht genug. Man kann doch bei seinem Seelsorger anrufen und sich ausheulen. Das geht. Sie muss die Medien mehr nutzen, dass sie greifbar ist. Und ihr Außenprofil schärfen, mehr katholisch sein. Gestern habe ich meinen Priester bei Aldi getroffen, der war in zivil. Ich habe ihn angesprochen: Warum erkenne ich Sie nicht? Das wär‘ doch schön. Dann würden Leute ihn ansprechen, sehen, dass er auch zu Aldi geht. Sebastian: Man muss auf die Menschen zugehen, ohne sich anzubiedern. Das ist der Vorteil der katholischen Kirche, dass sie die katholische Kirche ist, es nicht nötig hat, so zu sein, wie die Mehrheit sie haben will. Sie muss katholisch bleiben. Und sich auch nicht dafür rechtfertigen wollen. Kann man das angesichts der zuletzt dramatisch gestiegenen Austrittszahlen noch guten Gewissens so vertreten? Sebastian: Das ist doch nicht schlimm. Die Leute sollen mal austreten. Stefan: Die Kirche kann sich doch nicht gesund schrumpfen. Sie möchte alle Menschen erreichen und das tut sie nicht, wenn Menschen austreten. Charlotte: Gerade Kritiker bringen eine Organisation doch voran – deshalb ist es schade, wenn die verloren gehen. Statt zu gehen oder sich abzufinden, sollte man versuchen, etwas zu ändern!
moderation Tino Perlick, Julia Weiss und Deborah Schmidt fotos Florian Hückelheim

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KOMMENTAR VON TINO PERLICK
Viele Stimmen verlangen nach einer direkten Entschuldigung des Papstes – gerade an die deutschen Opfer. Doch Papst Benedikt ist seit seinem Amtsantritt so wenig Deutscher wie Däne. Er ist Stellvertreter Gottes auf Erden. Nichts verpflichtet ihn zu einer direkten Entschuldigung. Das mag theologisch alles durchaus gut und richtig sein. Ein Kirchenoberhaupt, das Gott näher steht als den Gläubigen, ist für die Opfer aber in etwa so tröstend wie eine Oblate am Ende der Fastenzeit. Eine Seifenoper ohne Zuschauer wird abgesetzt. So weit wird es mit der katholischen Kirche nicht kommen. Ohne deutliche Reformen ist sie jedoch auf dem besten Wege, sich selbst direkt ins Nachtprogramm zu manövrieren.

n der „Daily Show“ des amerikanischen Entertainers Jon Stewart finden Geschichten aus dem Vatikan einen Platz in der „Pope Opera“. In der Tat lohnt ein Vergleich zwischen katholischer Kirche und Seifenoper auch abseits des offensichtlichen Wortwitzes. Beides existiert praktisch für immer. Beidem liegt eine gläubige Gefolgschaft zugrunde. Nicht-Interessierte können beidem weitgehend unbeschadet aus dem Weg gehen. Zumindest bislang. Denn die neueste Entwicklung, der Missbrauchsskandal, lässt sich nicht so einfach wegzappen. Die Schwere der Verbrechen, sowohl der Schänder als auch der Vertuscher, haben wir nach den üblichen zwei, drei Nachrichtenzyklen noch lange nicht verdaut. Ungeduldig erwarten wir Konsequenzen vom Vatikan. Traditionelles Aussitzen und interne Verhandlungen hinter verschlossenen Türen passen eben nicht in diese transparent gewordene Welt, die uns im vergangenen Sommer noch zeigte, wie junge Iraner einem Mullah-Regime via Handy und YouTube den Kampf ansagen können.

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HERZ-STÜCK S 11

Von wegen Geschwätz
Aus Grundvertrauen wurde Grundmisstrauen: Die katholische Kirche steckt in einer tiefen Krise. Doch der Missbrauchsskandal ist nicht das einzige Problem, analysieren Experten.

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n seiner Osterbotschaft an den Papst nannte Kardinal Angelo Sodano die Diskussion um die katholische Kirche „unbedeutendes Geschwätz“. Norbert Mette, Professor für katholische Theologie an der TU Dortmund, sieht das anders: „Wir befinden uns in der größten Vertrauenskrise in der Geschichte der Kirche in neuerer Zeit.“ Keine punktuelle Krise, sondern ein ganzes „Krisenpaket“ habe die katholische Kirche nun zu bewältigen. Der Dekan der katholischen Theologie an der RuhrUni Bochum, Prof. Joachim Wiemeyer, sagt: „Früher schickten Eltern ihre Kinder wie selbstverständlich in katholische Einrichtungen. Heute zweifeln sie.“

Prof. Dr. Norbert Mette

die Gesellschaft sich wandelte. „Auch die katholische Kirche muss endlich in die Demokratisierung gehen“, fordert Mette und denkt dabei auch an mehr Frauenrechte. Die Stellung der Frauen im System Kirche bezeichnet er schlicht als „katastrophal“. Auch sein Kollege Wiemeyer meint, dass auf diesem Gebiet mehr passieren könnte. Auch, „wenn Frauen heute bereits in verantwortungsvollen Positionen vertreten sind – zum Beispiel als Abteilungsleiterinnen der Bischofskonferenz“. Norbert Mette ist das noch nicht genug. Er fordert, Frauen sollten Priester, Bischöfe oder gar Papst werden dürfen. Das Problem in seinen Augen sind die zwei großen Frauenbilder, die es in der Bibel gibt. Maria und Eva. „Maria ist Reinheit, Keuschheit und Unschuld in Person. Eva ist die Verführerin, die mit Schlangen spricht, verbotene Früchte isst“, so Mette. Das habe eine verheerende Rezeptionswirkung. „Dabei bezeichnete Jesus Frauen als gleichwertig.“

„Die Stellung der Frau in der Kirche ist katastrophal“, betont Theologe Norbert Mette. Dieses Exemplar wehrt sich per Stift.

Sie sei starr und festgezurrt in ihren veralteten Strukturen – auch das werfen vieProf. Dr. Joachim Wiemeyer le der Kirche vor. „Wir dürfen nicht vergessen, dass die heutige Hierarchie der Kirche nicht einfach in den Schoß gelegt wurde“, sagt Mette. Sie sei in ihrer Organisation stets Abbild gesellschaftlicher Zustände gewesen. Die Machtstrukturen, die sich bei der Kirche im Mittelalter etablierten, waren damals nicht ungewöhnlich. Doch sie verharrte in ihrem System, während

In der Außenwahrnehmung ist die Kirche trotz allem ein Männerbund. Hier sieht Mette einen Grund für die vielen Missbräuche: „Reine Männerorganisationen sind, vorsichtig gesagt, oft anfälliger für gewisse Merkwürdigkeiten. Ein anderes Beispiel wäre das Militär.“ Der Zölibat, der durch die Missbrauchsskandale wieder häufig thematisiert wurde, habe damit aber wenig zu tun. Das meint auch Wiemeyer: „Missbrauch findet in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen statt, wo immer Jugendliche präsent sind – sei es in Familien, Sportvereinen oder eben der Kirche.“

AUSTRITTE IN ZAHLEN
„Yeah!“, „Jawoll!“, „Endlich!“ – Reaktionen, die eine Sachbearbeiterin im Bochumer Amtsgericht zurzeit des Öfteren hört, wenn sie folgenden Satz verliest: „Sie sind nun offiziell aus der katholischen Kirche ausgetreten.“ Und das ist immer häufiger ihr Job, seit die katholische Kirche im Kreuzfeuer steht. Während das Amtsgericht in Bochum im Januar noch 85 und im Februar 38 Austritte verzeichnete, waren es im März satte 125. Im April verließen zu Redaktionsschluss bereits 139 Bochumer Katholiken ihre Kirche. „Viele gleichgeschlechtliche Paare riefen uns vor allem am Tag nach der Sendung von Anne Will an, als der Bischof des Bistums Essen, Franz-Josef Overbeck, Homosexualität öffentlich als Sünde bezeichnete“, so die Sachbearbeiterin. Im gesamten Bistum Essen (etwa 891.000 Katholiken) bietet sich ein ähnliches Bild: 308 Austritte waren es im Januar, 282 im Februar – 749 im März. In Dortmund entschieden sich in den ersten drei Monaten des Jahres 312 Katholiken für den Austritt. Im ersten Quartal 2009 waren es 237. Wie der Austritt aus der Kirche funktioniert, erklären wir euch auf pflichtlektuere.com

Wenn auch nicht verantwortlich für die Missbräuche, hält Mette den Zölibat heute trotzdem für überflüssig. Wiemeyer betont dagegen den Sinn der Idee: „Der Zölibat ist ein deutliches Zeichen dafür, sich ganz Gott hinzugeben.“ Hintergrund dieser Regelung: Als der Zölibat 1139 offiziell eingeführt wurde, galt Sexualität noch als unrein. Außerdem erbten Söhne in dieser Zeit stets das Amt des Vaters, was jedoch nicht in das Selbstverständnis der Kirche passte. Jeder sollte freien Zugang zum Amt haben, und PriesterDynastien somit verhindert werden. Kardinal Angelo Sodano nannte die Anschuldigungen der Öffentlichkeit Geschwätz. „Eine völlig verzerrende Darstellung der aktuellen Lage“, sagt Mette. Die Kirche müsse sich endlich der Wahrheit stellen und solle sich nicht so schwer tun, sich selbst sündig zu nennen. „Der Sinn ist doch das Evangelium zu verkünden – die frohe Botschaft. Um das zu tun, müssen wir endlich schauen, was die Ängste und Hoffnungen der Menschen in der Welt sind und uns damit solidarisieren. Sonst sehe ich keine Zukunft für die katholische Kirche.“
text Julian Pfahl fotos Carolin Bredendiek, Julian Pfahl, privat

S 12 RUHR-BLICK: AUF DEM CAMPUS

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Knutschen auf dem Campus - Liebe oder Hormonschwankungen?

Hochkonjunktur für Gefühle
Sie machen den Campus wieder sexy und den Unialltag zum Paradies für alle Flirtwilligen Frühlingsgefühle. Doch die Schmetterlinge im Bauch sind nur ein Produkt unserer Hormone.

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ie sind einfach einem Gefühl gefolgt. Was es war, können sie beide nicht genau sagen. Nun sitzen Kati und Lukas grinsend über ihrem Bier und wissen nicht, was sie sagen sollen. Während sie sich fragt, ob SIE schon wieder bereit für eine Beziehung ist, versucht ER sich zu erinnern, wie ihre Brüste ohne BH ausgesehen haben. Er will eigentlich nichts Festes anfangen, nur ein bisschen unverbindlichen Spaß, mit Option auf mehr. Vor ein paar Tagen sind sie im zusammen im Bett gelandet und haben das getan, was einige nach ein paar Tequila so tun. Was sie am anderen so gut finden, wissen sie selbst nicht, da war einfach so ein Gefühl.

normal, dass wir im Frühjahr offener für Neues sind. Gerade optische Reize machen uns neugierig.“ Und optische Reize gibt es im Frühling mehr als genug - nicht nur die Natur zeigt sich von ihrer schönsten Seite, auch die Menschen setzen mehr auf T-Shirt und Mini-Rock als auf Schal und dicke Jacke. Um zu verstehen, was Lukas dazu gebracht hat, in Katis Ausschnitt zu starren, muss man sich in die letzten Hirnwindungen des Menschen begeben. Doch erst einmal eines vorweg: Es gibt nicht nur ein spezielles Hormon für Frühlingsgefühle, das sich pünktlich zum Frühlingsanfang wieder meldet. Doch was macht uns zur Zeit so aktiv, vor allem wenn es um die Liebe geht?

den länger, die Nächte kürzer und umso heißer. Dabei sind sich Forscher uneinig, ob der moderne Mensch wirklich noch sensibel für die Veränderungen der Natur ist. Schließlich können wir uns sieben Tage in der Woche, 24 Stunden lang von künstlichem Licht bestrahlen lassen. Und viele Frauen sind, hormonell gesehen, durch die Einnahme der Pille permanent scheinschwanger. „Der entscheidende Punkt ist, dass wir das Licht im Frühjahr nicht nur sehen, sondern auch wahrnehmen.“, sagt der Endokrinologe.

Minirock statt Schal
Nicht nur Kati und Lukas, sondern viele der über elf Millionen Singles in Deutschland tauschen momentan wieder vermehrt heiße Blicke aus. Frühling liegt in der Luft und damit auch immer ein bißchen Sex und Liebe. Der Hormonforscher Dr. Burkhard Herrmann von der Universität Duisburg-Essen kann diesen Frühlingszustand verstehen und erklären: „Es ist ganz

Wir nehmen also, ob Single oder nicht, die Sonnenstrahlen über das Auge auf und leiten Impulse an unDr. Burkhard Herrmann, ser Großhirn weiter. Von dort aus Hormonspezialist geht es zu unserem „Tor zum Hirn“, dem Hypothalamus. Hier docken die Stress- und die Glückshormone an. Der Hypothalamus leitet die Impulse an die HirnanhangsdrüSo modern wie unsere Gesellschaft sein mag, die se weiter. Die ist die zentrale Stelle für unsere Natur gibt immer noch den Takt an: Sobald sich Hormone und damit für unsere Lust und Laune die ersten Sonnenstrahlen wieder sehen lassen, zuständig. Was kompliziert klingen mag, muss fühlen wir uns einfach lebendiger. Die Tage wer- man sich einfach als Schienennetz im öffent-

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RUHR-BLICK: AUF DEM CAMPUS S 13

lichen Nahverkehr vorstellen, mit zwei großen Bahnhöfen in einer Stadt und einigen U-BahnHaltestellen. Genauso werden von der Hirnanhangsdrüse die Informationen auf dem Blutweg an unsere Drüsen weitergeleitet. Das Frühlingsgefühl ist wie ein Dominoeffekt, der jedes Jahr ausgelöst wird: Die zuständigen Hormone arbeiten das ganze Jahr über in uns, durch die Sonnenstrahlen wird aber ein Stein angestoßen. So sind die Hormone Serotonin, Melatonin und Dopamin vom Wetter abhängig.

der Hormonspezialist Burkhard Herrmann von der Uni Duisburg-Essen. Das Frühlingsgefühl an sich ist also ein Zusammenspiel unserer Hormone und hat wenig mit Romantik zu tun. Die Hormone schlummern das ganze Jahr in uns und werden durch die ersten Sonnenstrahlen vermehrt aktiv. Dass wir so aktiv sind, freut alle, die an der Liebeslust verdienen können: Der Absatz der Kondome steigt im Frühjahr deutlich an und auch Singlebörsen verzeichnen mehr Zulauf: „Der Frühling ist auf jeden Fall eine Hochsaison im Bereich der Partnersuche. Nach Ostern kann man fast zusehen, wie die Neuanmeldungen in die Höhe schießen“, sagt Christian Henne von der Single-Börse neu.de. Je aktiver wir also gegen das Alleinsein kämpfen, desto mehr profitiert die Wirtschaft davon. Der Kondomhersteller Durex verzeichnet vor allem im Frühjahr steigende Absatzzahlen, das Hoch des Jahres wird im Sommer erreicht. Ereignisse wie die Weltmeisterschaft bringen unsere Libido und das Gummi-Geschäft zusätzlich auf Hochtouren.

fühl des Frischverliebtseins bewahren möchte, sollte das tun, was Frischverliebte tun: immer wieder Neues ausprobieren, das bringt die anfängliche Neugier zurück. „Ein neuer Haarschnitt kann Wunder bewirken. Mein Partner nimmt mich wieder wahr, anstatt mich nur anzusehen. Weg von der dunklen Kleidung, hin zu allem, was frisch ist. Dann kann auch Ihr langjähriger Partner sich wieder neu in Sie verlieben“, weiß Hormonforscher Herrmann. Was bleibt also vom viel besungenen Lenz? Ein paar Hormonschwankungen, die uns gute Laune bringen und Liebe, die das erste Jahr nur durch Doping überlebt.
text Christina Hahn fotos Viktoria Vigh / Christina Hahn

Hormonschwankungen
Das Melatonin ist das Schlafhormon – je sonniger es ist, desto weniger produzieren wir davon, wir fühlen uns wacher und somit aktiver. Das Serotonin ist für unser Glück zuständig, aber im Einzelnen auch für den Schlaf und den Appetit. Je mehr unser Körper vom Glückshormon Serotonin produziert, desto weniger Melatonin schüttet er aus. Das Dopamin ist streng genommen kein Hormon, sondern ein Neurotransmitter, also ein Botenstoff in unserem Nervensystem. Es stimuliert unsere Motivation, Aufmerksamkeit und unsere Libido. Der Wetterumschwung im Frühling regelt das Dopamin und das Serotonin. Dabei ist nicht die Höhe des Hormonspiegels ausschlaggebend, sondern die Schwankung als solche. „Wir treiben im Frühjahr mehr Sport, weil wir so viel Energie haben. Wir gehen einfach mehr raus, setzen das positive Gefühl in ein aktives um“, sagt

Nicht nur für Frischverliebte
Doch der Frühling ist nicht nur für Singles der perfekte Anfang für etwas Neues: Auch Paare, die schon länger zusammen sind, entdecken sich im Frühjahr neu. Nicht umsonst spricht der Volksmund vom „zweiten Frühling“. Wer sich das Ge-

EURE FRÜHLINGSGEFÜHLE

Tatjana, 27, studiert Biotechnik an der Uni DuisburgEssen

Felix , 28, studiert Psychologie und Englisch an der TU Dortmund

Janette, 20, studiert Rehabilitationswissenschaften an der TU Dortmund

„Die Sonne scheint, alle kommen aus ihren Löchern gekrochen. Da sieht man Menschen, die man das ganze Jahr über nicht gesehen hat. Es wird immer wärmer, die Kleidung wird immer dünner, da ist es kein Wunder, dass Sex in der Luft liegt. Auf unserer Liegewiese vor der Uni kann man seit Tagen beobachten, wie das Lernen von der Bibliothek auf die Wiese verlagert wird.“

„Bei dem Sonnenschein geh ich natürlich mehr raus, vor allem, um Sport zu treiben. Klar, ich flirte auch mehr im Frühling: Gerade beim Sport klappt das ganz gut. Ich bin offen für Neues und geh auch auf Menschen zu, vielleicht mag ich deswegen den Frühling. Das beste am Frühlingsgefühl ist aber, dass der ganze Dreck des Winters einfach abfällt.“

„Im Frühling bin ich eindeutig besser gelaunt und hab dementsprechend mehr Lust zu flirten. Bei einem Kaffee oder einem Cocktail schaue ich gern zwei Mal hin – alles andere muss sich einfach ergeben, denke ich. Ich hab allerdings auch kein Problem damit, einen Typen anzusprechen.“

S 14 DIENST-BAR

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Federicos Kirschen
Komödie über die Liebe zur Natur und die Macht des Fortschritts

TERMINE
12.05.2010 Cocktailtour Der Sommer ist die beste Zeit für eine Kneipentour. Für 17 Euro bekommt ihr in zehn Dortmunder Bars je einen Cocktail. Los geht’s um 19 Uhr. Ab 23 Uhr kommt ihr kostenlos ins Nightrooms. 18.05.2010 Deadmau5 Live Im Bootshaus Köln legt DJ Deadmau5 aus Kanada seine Progressive-House und Minimal-Mucke für euch auf. Die Party startet um 20 Uhr. Tickets bekommt ihr ab 12 Euro. 20.05.2010 Besh O droM Die Ungarische Band spielt ab 20 Uhr Balkan- und Zigeunermelodien im Bochumer Kulturzentrum Bahnhof Langendreer. Tickets gibt es ab 13 Euro. 23.05.2010 Hotel Shanghai Der innovative Elektro-Musiker „The Proxy“ aus Moskau legt Indi-Rock und brachiale Technobeats auf. Die Party beginnt um 23 Uhr.

Federico weiß, was er will: Das Kohlekraftwerk, das sein paradiesisches Tal bedroht, soll endlich still stehen. Seit mehr als 30 Jahren kämpft der störrische Dorfbewohner gegen die Dreckschleuder, die nicht nur die Natur des idyllischen Dorfes verschmutzt, sondern vor allem seine Kirschernte gefährdet. Mit stoischer Beharrlichkeit versucht der Bauer, sein Obst und Land mit den skurrilsten Mitteln

zu schützen. Eines Tages trifft er auf den schottischen Touristen Pol Ferguson, der ungewollt nach einer Autopanne in der spanischen Idylle festsitzt. Der gestrandete Schotte ist schnell vom exzentrischen Spanier fasziniert und schließt sich Federicos Kampf an. Im Kleinkrieg gegen die Betreiber und die dort arbeitenden Dorfbewohner bemerkt er jedoch schnell, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt. In der

hübschen Spanierin Cristina findet er zudem einen Grund mehr, seine Abreise nicht voranzutreiben. Eine liebenswerte Umweltkomödie über die Liebe zur Natur und das Unvermögen des Menschen, die Macht des Fortschritts aufzuhalten. text und foto: sz Federicos Kirschen. Filmstart: 20. Mai im Casablanca in Bochum

pflichtlektüre rockt...
Parkour-Convention in Dortmund
Geschicklichkeit und voller Körpereinsatz sind bei der ersten Dortmunder Parkour-Convention gefragt. Am 15. Mai sollt ihr im Skatepark des Dietrich-Keuning-Hauses über Mülltonnen, Flüsse und andere Hindernisse springen. Am besten schneller als alle anderen Teilnehmer. Mitmachen kann jeder. Los geht‘s um 11 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Durchgeblättert
Fußballtragödie
Seit er „Sissi“ im Fernsehen sah, wollte Kameruns Star-Stürmer Samuel Eto`o nach Europa. Für ihn war es das Reich der schönen Prinzessinnen, das Paradies. Mittlerweile, nach Jahren als Topstürmer in den besten Ligen Europas, weiß er, dass Europa anders ist. Eto`os einstige Vorstellung klingt unfassbar naiv - aber kaum ein Europäer ist sich bewusst, dass unsere Sicht auf Afrika ebenso naiv ist. Aids, Hunger, Krieg, lauten die Klischees. Dass Afrika viel mehr ist, zeigt Christian Ewers in seinem eindrucksvollen Buch. Einfühlsam schreibt er Geschichten von Menschen, die er in Afrika selbst getroffen hat: Die Straßenfußballer aus Abidjan, die ihre Ergebnisse nicht an Toren, sondern an Kunststücken messen. Etwa der talentierte Dorge Kouemaha, der in Europa nie glücklich wurde und Nadir Haroub Ali, der sich in den USA seinen Traum erfüllte. Oder der alte Seif Nassor, der auf dem Platz noch die englischen Kolonialherren ausdribbelte. Oft lässt Ewers die Protagonisten selbst sprechen. Sie reden dann über ihre Erwartungen an die WM, über Träume und Hoffnungen. Haroub Ali sagt: „Wir sind nicht so kaputt und so anders, wie ihr vielleicht denkt. Wir sind auch von dieser Welt. Und wir können richtig gut Fußball spielen.“

Strand mitten im Pott
Auch wenn das Meer ein Stück weg ist, könnt ihr in Essen eine chillige Strandparty feiern. Seit Anfang des Monats hat der Seaside Beach Club am Baldeneysee geöffnet. Dort gibt es Sand, Sonne und coole Konzerte. Am 12. Mai legen die DJs Gianna di Muro, Buddy und Sebastian Phillip bei ihrer „Get ready for Ministry of Sounds!“ Party auf. Beginn ist um 17 Uhr. Infos unter www.mysmag.de. text: jen/ifi fotos: B.Hell / H.Hoppe, pixelio

foto & text: als Christian Ewers: Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer. 164 Seiten, 17,95 Euro.

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Dortmund Tel: 0231/755-7473, Fax: 0231/755-7481 Briefanschrift: pflichtlektüre, c/o Institut für Journalistik, TU Dortmund, 44221 Dortmund E-Mail: post@pflichtlektuere.com Produktion: Tobias Jochheim (tjo), Daniel Klager (tni) und Mats Schönauer (mats) Bild: Florian Hückelheim (fh), Alexa Kasparek (lex), Elvira Neuendank und Pascal Amos Rest Titelbild: Stefanie Feck An dieser Ausgabe haben mitgewirkt: Tamás Bogdan (ifi), Carolin Bredendiek, Jennifer Büsing (jen), Chris Cadel, Susann Eberlein (se), Benedikt Filthaus, Jonathan Focke (jfk), Christina Hahn (chh), Agnes Heitmann (ah), Lisa Helberg, Sarah Keller (sk), Jonas Knoop (jk), Maximilian Koch (max), Laura Millmann, Malina Opitz (mao), Tino Perlick (TP), Julian Pfahl (jp), Michael Prieler (mp), Sophia Reimers, Sebastian Schaal (ses), Deborah Schmidt (ds), Katrin Schmidt (ks), Lisa Schrader (ISA), Lukas Schürmann (luk), Fabian Schwane (fas), Alina Schwermer (als), Kathrin Strehle (kas), Natascha Tschernoster (nt), Viktória Vigh (viki), Barbara Wege (bw), Julian Weimer (juwe), Julia Weiß (jw), Anja Kristin Willner (awi), Sarah Zoche (sz), Verantwortlich für Anzeigen: Oliver Nothelfer, Anschrift wie Verlag, Kontakt: 0201/804-8944 Objektleiter: Wolfgang Ibel Verlag: Westdeutsche Allgemeine Zeitungsverlagsgesellschaft , E.Brost & J. Funke GmbH u. Co.KG, Friedrichstr. 34-38, 45128 Essen Druck: Druckhaus WAZ GmbH & Co. Betriebs-KG, Anschrift wie Verlag. Kontakt: druckhaus@waz.de
Herausgeber: Institut für Journalistik, TU Dortmund Projektleitung: Prof. Dr. Klaus Meier Redaktionsleitung: Vanessa Giese (vg), ViSdP Redaktion: Uni-Center, Vogelpothsweg 74, Campus Nord, 44227

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