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EIN GESCHICHTSWERK, DAS MAN NICHT UMGEHEN KANN*

*NAGY, Géza: A református egyház története 1608-1715. (= Reformierte Kirchengeschichte


1608-1715.) Band I: 531 Seiten. Band II: 405 S. Attraktor-Verlag, 2008. Máriabesnyő-Gödöllő
(Ungarn.)

Das Hauptwerk von Géza Nagy, Professor für Kirchengeschichte an der Reformierten-
Theologischen Fakultät von Klausenburg (Rumänien) in den Jahren 1926-1948 liegt nun im
Erstdruck als die Editio Nr. 22 in der Reihe der historischen Titel des Attraktor-Verlags. Unter den
Veröffentlichungen können wir auf Namen und Werke treffen, wie: Béla Pukánszky (Geschichte
der deutschen Literatur in Ungarn – als Nr. 1. der Reihe), Siebenbürgische Sachsen und Ungarn
(vom demselben Verfasser – Nr. 7.), Jenő Zoványi (Geschichte des Protestantismus in Ungarn bis
1895. Band I-II.) Elemér Mályusz (Die rote Emigration – als Nr. 19; bzw. Das Toleranzpatent – als
Nr. 21). Allerdings wurden alle diese Werke in ungarischer Sprache gedruckt, unter einem
vielsprechendem Sammeltitel, „Historia incognita”. Die nähere Beschreibung des Verlagskonzepts
(S. 2.) macht den Lesern klar, dass die Leser bei ihnen auf „Eine Schatzkammer vergessener
madjarischen Sozialwissenschaften” treffen können. In unserem Fall haben wir wirklich mit einem
„sekulären” Verlag zu tun, dazu mit einem lange Zeit vergessenen historischen Werk.
Professor Géza Nagy hat zwischen 1887-1971 in Siebenbürgen gelebt. Als junger
Absolvent der reformierten-theologischen Fakultät von Klausenburg hat er je zwei Semester in
Berlin und in Basel studiert (1908-1910). Er hat die Vorlesungen von A. Harnack, J. Kaftan, R.
Seeberg, A. Deismann, O. Pfeiderer, A. Schlatter, bzw. P. Metzger, P. Wernle, J. Wendland, E.
Vischer besucht. In den späteren Jahren hat er die geknüpften ausländischen Freundschaften
sorgfältig gepflegt, so wurde er zum Koordinator der diakonalen Arbeit in seiner Heimat in Südost-
Europa. Unter dem Einfluss der obenerwähnten Lehrer widmete er sich anfangs der
Dogmengeschichte. Im ersten Weltkrieg war er als Feldgeistlicher tätig. Er wurde 1927 in
Debrecen habilitiert aufgrund der Dissertation: Theorie der religiösen Erfahrung. Von diesem Jahr
an wurde er mit der Dozentur der Kirchengeschichte an seiner „Mutterfakultät” beauftragt.
Mehrere seiner Aufsätzten hatte er auch in deuscher Sprache veröffentlicht, so u. a. die Studie über
Péter Alvinczi „Ein Pionier der Kirchenunion im ungarischen Protestantismus” – Basel 1935.
Seine Professur fiel auf die Zeit, wo namhafte Theologen ihr Lehramt in Klausenburg führten, wie
der Bibelübersetzer und Apologet István Kecskeméthy, der anerkannte Dogmatiker Sándor
Tavaszy, der ausgezeichnete Pädagoge Lajos Imre, sowie der arbeitsame Liturg Lajos Gönczy.
Eben das Ansehen dieser Männer und ihre allgemeine Autorität hat das rumänische Staatsregiment
dazu bewegt die letzteren drei Wissenschaftler zusammen mit Géza Nagy vorzeitig und unerwartet
zu emeritieren. Jedoch fand ein jeder von den vier bewährten Theologen die Möglichkeit des
Dienstes an der Kirche. (So z. B. Géza Nagy hat eine gediegene Monographie der reformierten-
theologischen Fakultät zwischen 1895-1948 erarbeitet, welche zum Zentenarium der Fakultät,
1995 veröffentlicht werden konnte.) Die höchste Anerkennung der wissenschaftlichen Tätigkeit
überbrachte dem alten Historiker der Dekan der theologischen Fakultät von Basel, H.-J. Stoebe: er
hat Dr. Géza Nagy im hohen Alter mit dem baseler Ehrendoktorentitel ausgezeichnet.
Der Autor Géza Nagy ist ein Repräsentant der ersten Generation der „Theologie des
Wortes” in Siebenbürgen gewesen. (Der erste Weltkrieg und seine Folgen haben ja einen krassen
Bruch mit dem Kulturprotestantismus gemacht.) Seine eigenen Reflexionen auf die Lehre von Karl
Barth galten im dritten Jahrzehnt des XX Jahrhunderts als „die allerbesten Analysen, die jeweils
das Werk Barth’s unter Kritik genommen hatten”. (Es ist die späte Äusserung von István Juhász
über den Aufsatz des Géza Nagy: Vorgeschichte, Kritik und Bedeutung der Theologie Barth’s.)
Die Enstehung der Reformierten Kirchengeschichte ist zwei grundlegenden Motiven zu
verdanken. Erstens der unermüdlichen Forscherarbeit von Professor Nagy, die mit einer
ausgezeichneten Begabung betrieben wurde. Zweitens dem Wunsch, dass in der Reihe der
„Reformierten-Kirchlichen Bibliothek” eine Fortsetzung der Geschichtschreibung vom
Kirchenhistoriker Imre Révész erarbeitet würde (das Titel des Révész-Werkes in deutscher
Übersetzung lautete: Ungarisch-reformierte Kirchengeschichte 1520-1608. Veröffentlicht wurde
sie in Debrecen, 1938). Das Werk des klausenburger Professors Géza Nagy hätte das zweite Teil
einer reformierten Kirchengeschichte einschliessen müssen, deren weitere zwei umfangreiche Teile
– die Geschichte des 18. bzw. des 19. Jahrhunderts – schon eingeplant waren. Doch kurz nach der
Fertigstellung der 1337 Seiten umfassenden Manuskriptseiten haben die geschichtlichen
Umwälzungen die Veröffentlichung in Ungarn (noch stärker in Rumänien!) unmöglich gemacht.
Lange Zeit nach dem Abschluss des Kalten Krieges haben sog. professionelle Gefechte dazu
gewirkt, dass einige gekürzte Kapitel der „Krönung des Lebenswerkes” von Géza Nagy die
Druckerei verlassen konnten – eben als das erste Buch in der Reihe der Kirchengeschichtliche
Studien aus der Ráday-Sammlung – Budapest 1985. Das Erscheinungsjahr lässt uns erkennen,
dass auch dieses „Stückwerk” erst post mortem gedruckt werden konnte. Eine derzeitige Rezension
war der Meinung dass die im Druck erschienenen 12 Kapitel die Medulla, das Mark des
Hauptwerkes von Professor Nagy darstellten.1
Man könnte annehmen, dass der Absturz der atheistischen Diktatur im sog. Ostblock am
Schicksal der Manuskripte eine Wende erwirkte. Das „Neue” hat lange Zeit darin bestanden, dass
man über das Schicksal des Manuskripts offen schreiben durfte. So brachte Pfarrer István Nagy,
ein Sohn des verstorbenen Geschichtschreibers alle Eizelheiten ans Licht, die das latente Fortleben
der Handschriften mitbestimmt haben.2 Aus dem veröffentlichtem Briefwechsel kann man
erfahren, dass an einem späteren Zeitpunkt (1969) selbst W. Niesel für die Veröffentlichung des
Werkes plädiert hatte.
Abgesehen von allen geschichtlichen und professionellen Widerwärtigkeiten es ist eine
äusserst grosse Freude dieses Buch nun, an der Schwelle des halbmillennarischen Kalvinjubiläums
in die Hände zu nehmen. Das zweibändige Buch stellt in 20 Kapiteln die Geschichte der
ungarischen Reformierten Kirche, eingebettet in die vielfältigen Geschehnissen des 17. Jhrts. Zum
zeitlichen Ausgangspunkt dient für Professor Nagy das Jahr 1608, in dem die protestantische
Union ins Leben gerufen wurde. Der Band II endet gleich nach dem Sturz der Freiheitskämpfe des
Fürsten Franz Rákóczy II, wessen Wiederstand die madjarische reformierte Kirche vor der Gefahr
hütete, Hugenotten des Ostens zu werden.
Für die Vorbereitung der Handschrift zum Abdruck hat der Oberbibliothekar des
protestantisch-theologischen Instituts von Klausenburg, József Kurta gesorgt. Das Namenregister
hat die Enkeltochter von Professor Nagy, Rózsa Bellágh zusammengestellt.
Typisch für das ganze des Werkes ist das Ringen der Väter um die freie Praxis des
reformierten Kultus. Dabei wird ständig nach Verbündeten gesucht: einerseits durch die Mittel der
Diplomatie, andernseits in der Vermittlung der Gaststudenten, welche an den vielen Universitäten
der Schwesterkirchen studiert haben. Dargestellt wird auch die Spannung zwischen der
konsolidierten Orthodoxie sowie dem Puritanismus, welche auch Siebenbürgen und Ungarn erfasst
hat. Aus der Synthese von Professor Géza Nagy geht hervor, dass beide theologischen Kategorien
die guten Töchter derselben reformierten Kirche sind. Dennoch wurden Puritanismus und
Presbiterianismus zu ihren Zeiten hart abgelehnt. Der meistzitierte Lehrer ist eben die markanteste
Gestalt der reformierten Orthodoxie, Bischof István Geleji Katona. Auf der Synode von Karlsburg
(Februar, 1634) hatte eben dieser Oberhirt die Einladung von Joh. Duraeus beherzigt, indem er
eine Zusammenarbeit mit den Kirchen Deutschlands vorgeschlagen hatte (I. S. 137). Die zweite
Hälfte des 17. Jhts wird von dem Vormarsch der katholischen Nationen wider die osmanische
Macht gekennzeichnet, wobei die Entrechtungen der reformierten Stände aus Ungarn und
Siebenbürgen vielleicht Interesse doch kein wahres Mitgefühl wecken. Das kirchliche Leben wird

1
Die Rezension ist unter dem Namen vom klausenburger Oberbibliothekar László Nagy in Nr. 3-1986. der Református
Szemle erschienen.
2
Vgl. István Nagy: Pro Memoria. Das Geschick der Arbeit A református egyház története 1608-1715. von Géza Nagy.
zum Kampf um das Leben schlechthin. Die Entwicklung der Mission unter den orthodoxen
Rumänen, die Darstellung der Frömmigkeit, die Wiedergabe der Anfänge der Diakonie und eine
detaillierte Ekklesiologie vollendet das Werk. Was die Kirche durchrettete war der Hang an
Konfession und Schule.
Am Schluss eines jeden Kapitels finden wir das Verzeichnis der benutzten Literatur. Daran
erkennt man, dass Professor Nagy alle wichtigen Werke durchgelesen hat, wo entscheidende
Angaben vorhanden waren. Eine „Sonderquelle” bildet die Sammlung der Synodalberichte. Die
Präsentationen werden jeweils auch von einer Wirkungsgeschichte ergänzt, wo auch die Erudition
einer Dogmengeschichtler zutage kommt. Am Ende des II. Bandes, im Abschluss macht Professor
Nagy einen Überblick auf die geforschte Zeitspanne, wo er auch von seiner Arbeitsmethode
spricht. In der Hingabe der Kirche und der Fürsten für die Freiheit und die Rechte der einzelnen
Menschen erblickt der Historiker Nagy den Keim der späteren Freiheitsbewegungen.
Professor Géza Nagy schildert seine Kirchengeschichte im Zeitalter der empirischen
Geschichtschreibung und nimmt immer wieder Bezug auf die Ereignisse des alten Kontinents.
Jedoch betrachtet er die Geschichte der Kirche als eine Heilsgeschichte der Gemeinde Jesu Christi.
Im Geiste des Positivismus wirkend, behält er einen kritischen Standpunkt. Ein Idealisieren bleibt
ihm fern. Als ein Nachfolger Kalvins (mehr als 100 Hinweise auf den genfer Reformator) kennt er
in der Kirche nur einen Verdienst. Das Meritum Christi. Diese Haltung bewahrt Professor Nagy
vor den Einflüssen alter oder moderner theologischer Ausrichtungen und macht ihn zu einem
strengen Prüfer der Misstände sogar im kirchlichen Leben .
Das Hauptwerk von Professor Géza Nagy bekommt nicht nur eine Sonderstellung in der
ungarischen protestantischen Geschichtschreibung, sondern nimmt seinen gutverdienten Platz
neben den in der Einführung erwähnten Geschichtsbüchern. Man kann mit Recht behaupten, dass
ohne die zwei neuen-alten Bände des Professors Nagy werden Lektüre und Auswertung der
herkömmlichen Geschichtsbücher (wie zB. die Geschichte der reformierten Kirche in
Siebenbürgen, Bd. I-V. Budapest 1904, von József Pokoly) unmöglich. Und ebenfalls: eine
sachgemässe Betrachtung der Geschichte der römisch-katholischen sowie der orthodoxen Kirchen
im Karpathenbecken.

Béla Balogh _ Klausenburg, 2009.