MINDMAIL

...ja ne is klar...wir sind ja ein RECHTSSTAAT!
----------------------------------------------------------------------

Das geht doch nicht!
28. Mai 2008
Immer wieder sind Entscheidungen von Ermittlern und Gerichten
anzutreffen, in denen es ganz deutlich wird, daß mit dem Bauch
entschieden wurde, nicht mit dem Kopf.
Das Oberlandesgericht (OLG) Braunschweig entschied mit Urteil vom
12.10.2007 (Ss 64/07) über einen Computerbetrug an einer
Selbstbedienungzapfsäule.
Die Angeklagte hatte einen Defekt der vollautomatischen
Selbstbedienungstankstelle ausgenutzt: Wenn für Beträge zwischen 71
und 80 Euro getankt wird, werden die Betankungen vom System nicht als
Treibstoffentnahme erfasst und dementsprechend auch nicht “von der
Bankkarte” abgebucht. Auf diese Weise ist die Angeklagte in den Genuß
von 33 “kostenlosen” Tankfüllungen gekommen.
Das ist so ein Fall, an dem sich Jurastudenten die Zähne ausbeißen.
Kein Betrug, da keine Person getäuscht wird. Kein Diebstahl, da der
Sprit ja nicht weggenommen wird - kein Bruch fremden Gewahrsams.
Unterschlagung sollte es nach Ansicht der Vorinstanz auch nicht sein.
Also muß es ja was anderes geben, denn laufen lassen wollte man die
Angeklagte ja nicht.
Computerbetrug nach § 263a StGB soll es sein und zwar in der Variante:
“Beeinflussung durch unbefugte Einwirkung auf den Ablauf eines
Datenverarbeitungsvorgangs.”
Das Einführen der Bankkarte und das anschließende Betanken zu einem
Betrag von - sagen wir mal 72,76 Euro - wird also als eine “unbefugte
Einwirkung” gewertet. Der Unterschied zwischen einem “normalen”
Tankvorgang und dem hier zur Rede stehende Vergehen findet sich im
Kopf der Täterin:
Denn die Angekl. hat ihr besonderes Wissen eingesetzt und einen Defekt
des Tankautomaten ausgenutzt.
“Ausnutzen besonderen Wissens” ist also die unbefugte Einwirkung auf
den Ablauf eines Datenverarbeitungsvorgangs.
Denn nach der Rechtsprechung des BGH (BGHSt 40, 331 = NJW 1995, 669 =
NStZ 1995, 135) liegt ein unbefugtes Einwirken auf den Ablauf der
automatischen Datenverarbeitung jedenfalls dann vor, wenn jemand mit
rechtswidrig erlangtem Wissen den Programmablauf zu Lasten des

Automatenbetreibers (Rechtsinhabers), dessen Willen eine maßgebliche
Bedeutung zukommt, beeinflusst.
Nun denn, aber “rechtswidrig erlangtes Wissen”? Die Angeklagte hat den
Defekt zufällig herausgefunden, den Automaten also nicht geknackt.
Aber auch dafür hat das OLG ein Argument:
Auf die [...] Frage, wie die Angekl. zu dem das kostenlose Tanken
ermöglichenden Wissen gekommen ist, kommt es vorliegend nicht
entscheidend an.
Der BGH (BGHSt 40, 331 = NJW 1995, 669 = NStZ 1995, 135) hat in dem
von ihm zu beurteilenden Fall zwar auf die Rechtswidrigkeit der
Kenntniserlangung abgestellt, zugleich aber ausdrücklich nicht
ausgeschlossen, dass der Tatbestand des Computerbetrugs auch ohne
diesen Umstand gegeben sein kann.
Deutlicher kann man es eigentlich nicht sagen: Wir haben zwar nicht
wirklich ein Gesetz, das paßt. Dann biegen wir das Gesetz eben
solange, bis es paßt. Denn: Laufen lassen? Das geht doch nicht! Was
soll das gesunde Volk dabei empfinden?!
URL: http://www.kanzlei-hoenig.info/index.php/das-geht-doch-nicht