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Hamburger Beiträge zur Mathematik

Nr. 586 , März 2016

Über Mathematik und Musik
Okkultes und Wahrscheinlichkeit
von Ernst Kleinert

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Über Mathematik und Musik
1
„Mathematik und X“ ist immer ein sinnvolles Thema. Jede Margarite
exemplifiziert eine Symmetriegruppe, jede Seifenblase ein Extremalprinzip,
jeder soziale Konflikt ein spieltheoretisches Paradigma. Weil Mathematik
einfach die Gesetzmäßigkeiten unseres Auffassens und Bedenkens der Dinge
entfaltet, findet man sie in allem Bedachten; freilich in verschiedenen Graden
der Bedeutsamkeit. Das beantwortet auch die Frage, ob die mathematica den
Dingen „an sich“ innewohnen oder ob wir sie in die Dinge hineinlegen. Von der
umgekehrten Frage, was an X-haftem sich in der Mathematik finde, schneidet
sich diese durch ihre axiomatische Methode sauber ab, genauer: sie reduziert
diese Frage auf diejenige, was an X-haftem in die Axiome eingegangen ist, und
diese Frage hat die Mathematik immer schon selbst beantwortet, denn der Sinn
aller Axiomatik liegt darin, Grundbegriffe und -Eigenschaften des jeweiligen
Gegenstandsbereichs zu isolieren, aus denen alle andern abgeleitet werden
können.
Die Mathematik ist überall dieselbe, die Musik nicht. Ich beziehe mich im
folgenden, wo nichts anderes gesagt ist, auf die entwickelte Musik des
Abendlands. Sie hat, nicht anders als die dort entstandene Mathematik,
inzwischen Weltgeltung erlangt, wie ein Blick auf die Konzertprogramme lehrt;
der Chopin-Wettbewerb oder ein renommiertes Orchester sind international wie
eine mathematische Fachtagung. Während freilich die Mathematik weiter wächst
und ihre akme, die ihr mögliche Höhe wohl noch nicht erreicht hat 1, ist jene
Musik ein abgeschlossenes Kulturphänomen, dessen Blüte vom 16. bis ins 19.
Jahrhundert reicht (Vorläufer und Nachzügler nicht eingerechnet) 2.
2
Es gibt wenig, das mit einem Blatt voll mathematischer Formeln und
Rechnungen soviel Ähnlichkeit hat wie eine Partiturseite eines größeren
Orchesterwerks: Liniensysteme mit vorangestellten Schlüsseln, dazu nach oben
und unten langende Hilfslinien, bewohnt von Noten und mit ihren verschieden
geschweiften Hälsen, garniert mit Punkten und Versetzungszeichen, alles
überspannt von Bögen, durchzogen von sich öffnenden und schließenden spitzen
Winkeln,
dazwischen
Pausenhäkchen
und
-Balken,
abgekürzte
Vortragsanweisungen, ein Konglomerat von graphischen Elementen und
Buchstaben, bei dem figurative und symbolische Qualitäten sich vermischen.
Ganz ähnlich, doch reicher instrumentiert fällt Thomas Manns Beschreibung
einer Seite voll Mathematik aus: „Was er sah, war sinnverwirrend. In einer
krausen, kindlich dick aufgetragenen Schrift, die Imma Spoelmanns besondere
Federhaltung erkennen ließ, bedeckte ein phantastischer Hokuspokus, ein
Hexensabbat verschränkter Runen die Seiten. Griechische Schriftzeichen waren
mit lateinischen und mit Ziffern in verschiedener Höhe verkoppelt, mit Kreuzen
und Strichen durchsetzt, ober- und unterhalb waagrechter Linien bruchartig
2

denn zwei Grundelemente der Musik. 3 Der Rhythmus ist sicherlich das am meisten fundamentale Element der Musik. am ehesten im kleinen. damit Mathematizität in nuce.aufgereiht. das eigentlich „mitnehmende“ und wohl auch das ursprünglichste.“ 3 Die Ähnlichkeit ist nicht zufällig. denn das gleichmäßige „eins nach dem andern“ ist die Keimzelle der Axiomatik für die natürlichen Zahlen. bilden eine diskrete Menge (mit Ausnahme vielleicht von portamenti und glissandi). Das harmonische Schema erhält man. die Frequenzverhältnisse auf die Zeitachse projiziert. vor aller „eigentlichen“ Musik. Das Mathematische liegt hier also in der Natur der Sache. indem man. umfaßten mit ihren Armen Buchstaben und Zahlen. die Harmonie den vertikalen Aspekt nennen. könnte man den Rhythmus den horizontalen. wenn rhythmische Bewegungen älter sind als ihre Begleitung durch Klänge. Es ist eine simple. Rhythmus und Harmonie. von Lautstärken und Klangfarben abstrahierend. Die Argumentstellen. durch andere Linien zeltartig überdacht. Harmonie ist lokal. vollständig unverständlich dem Laiensinn. durch Doppelstrichelchen gleichgewertet. dem unsere musikalische Notation Rechnung trägt. vollends echte indiscernibilia kommen gar 3 . ganz selten in einer Gesteinsformation oder Hügellandschaft. insofern jedem Einzelklang eine solche zukommt. Von dem Faktum ausgehend. und dies setzt Regelmäßigkeit voraus. daß sich ein Musikstück in der Zeit erstreckt. waren rechts oberhalb der umklammerten Gruppen ausgesetzt. durch eckige Klammern zu großen Formelmassen vereinigt. Unsere Notenschrift ist nicht viel mehr als der Graph dieser Funktion (allerdings heavily decorated). während Rhythmus und Melodie erst über (zusammenhängenden) Zeitabschnitten positiven Inhalts erkennbar sind. was Mathematik und Musik gemeinsam haben. durch runde Klammern zusammengefaßt. empfinden wir ihn nicht mehr als solchen. die beiden bilden in gewissem Sinne die Koordinatenachsen. während Zahlenbrüche ihnen voranstanden und Zahlen und Buchstaben ihnen zu Häuptern und Füßen schwebten. aber bedenkenswerte Tatsache. in deren Ebene die Bewegung des melos verläuft. haben mathematischen Charakter. an denen sich der Klang (modulo Lautstärke) ändert. wie bei Bienenwaben. Jeder Einzelklang besteht aus einer endlichen Menge von Tönen mit bestimmten Lautstärken. Wir werden zunächst die genannten Elemente besprechen (das ist alles natürlich wohlbekannt) und uns dann dem zuwenden. er ist auch das am leichtesten zu produzierende und bedarf keiner spezifischen Instrumente. Die raison d´ être des Rhythmus ist die Antizipation des nächsten Akzents. daß die natürliche Umwelt gleichmäßige Einteilungen im Räumlichen kaum kennt. Kabbalistische Male. sie enthält das rhythmische Schema. „rhythmisch“ ist beinahe synonym mit „regelmäßig“ oder „gleichförmig“ und wird in diesem Sinn auch in der Architekturtheorie gebraucht. Ausführlicher: ein Musikstück ist eine Funktion auf einem Zeitintervall mit Werten in der Menge möglicher Klänge. wie Schildwachen vorgeschoben. Wird der Rhythmus zu unregelmäßig. Einzelne Buchstaben.

weil man die korrespondierenden Teile gleichzeitig erblickt und auf der Wahrnehmung von Identität der ganze Effekt beruht. Die gebaute Symmetrie muß streng sein. auf drei Stufen. wenn man eine Straße mit lauter gleich gebauten Häusern entlanggeht. schon bei Haydn begegnen siebentaktige. wie lange ein Tag dauert.nicht vor. Wenn aber in einem Musikstück ein Thema wiederkehrt. wirkt auf das Ohr leicht ermüdend. damit die Längen göttlich werden. wie wir jene sehen). Zuviel Mathematisierung im Großen ist sogar abträglich. braucht es einen Schubert. der Tage und Nächte. unveränderten Form wieder erklingt. die bei einem Bauwerk das Auge befriedigt. ob sich die Sonne um die Erde dreht oder umgekehrt. die Symmetrie. ritardandi und accelerandi oder im tempo rubato. ist der Takt. wenn ein Takt fehlte. so könnte man zugespitzt sagen. vielleicht auf der Mikroebene der Elementarteilchen. selbst wenn dieser (wie T. Bevor der Mensch weiß oder auch nur fragt. und mit abnehmender Strenge. Umso mehr Regelhaftigkeit weisen die natürlichen zeitlichen Abläufe auf. Abkömmling eines anfänglichen Chaos. für die Länge einer Durchführung oder Coda gibt es keine festen Regeln. im doppelten Hegelschen Sinn. weiß er. sozusagen die Zelle des ganzen Ablaufs. Die Erklärung jenes Unterschieds ist leicht: Die Symmetrie des Bauwerks ist analog zur Stimmigkeit eines Akkords (und diese hören wir ebenso gut. da die Rhythmen des menschlichen Organismus ihnen angepaßt sind. das rubato auf die rechte Hand beschränkt. wenn auch keineswegs ein Universalgesetz. die Bewegungen der Himmelskörper. der Periode. die Folge der Gezeiten. selbst wenn man nicht. das optische Analogon zu dieser fände etwa statt. Zeitliche Einteilung zeigt ein musikalischer Satz. 4 . Bei ganzen Satzabschnitten schließlich müssen nur noch die Proportionen „stimmen“. aber selbst im ödesten Meer ist keine Welle wie die andere. 5) nur aus Repetitionen desselben Akkords besteht. der Jahreszeiten. der zweite Teil wird fast nie wiederholt. als virtueller Schlag. nur indirekt von uns erfahrbar. und zwar sogleich mit mathematischer Genauigkeit. aber auch in der klassischen Musik sind viertaktige Perioden zwar bevorzugt. sogar durch die kontrollierten Abweichungen in Synkopen. bei der Wiederholung eines Scherzo-Hauptteils werden die internen Wiederholungen weggelassen 4 . Der einmal angeschlagene Rhythmus gibt das Metrum für den ganzen Satz und klingt auch durch die Pausen hindurch. nicht zur zeitlichen Symmetrie einer Komposition. ist die Aufhebung von Identität. In strikt durchperiodisierten Sätzen wie dem Eingang der Waldstein-Sonate würde sofort auffallen. Die elementarste. wo nicht. In einem Sonatenhauptsatz ist die Reprise meist kürzer als die Exposition. Die Verteilung der Landmassen auf der Erde erscheint kontingent. Mehr Freiheit besteht bei der nächstgrößeren Einheit. und zur Festlegung von Zeitpunkten hatte man sehr lange nichts anderes. liegt darin auch eine Antwort auf das erste Auftreten. Eins der eindrucksvollsten Beispiele findet sich in Bachs Goldberg-Variationen. Genaue Wiederholung längerer Abschnitte wird daher gemieden. musikalische Wiederkehr. wie Mozart einmal vom Klavierspieler fordert. Nach wie vor dienen jene Abläufe zur Beschreibung von Dauer. wenn am Ende dieser musikalischen Weltreise das Thema in der ersten. im Groben.

Ausgenommen davon sind natürlich die strophischen Formen der Vokalmusik. ein bißchen Spekulation. Einen auffälligen Grad an Mathematizität weist in dieser Hinsicht die altgriechische Lyrik auf. am deutlichsten zu hören ist. Der zweite Oberton ist die Duodezime. Das pythagoreische Mirakel kommt dann einfach dadurch zustande. daß die Frequenz einer Saite (bei gleichbleibender Spannung) umgekehrt proportional zur Saitenlänge ist. dann folgen die zweite Oktave und die Terz über dieser. In bestimmten Fällen können die Obertöne eines Tons „isoliert“ realisiert werden. was wohl der Grund dafür ist. jeder merkt sofort. und das muß schon vor Pythagoras so gewesen sein. daß er uns als „derselbe Ton. die Quinte über der Oktave. wie oder ob sich die begleitende Musik hinsichtlich Lautstärke. die in sich selbst die größte Unregelmäßigkeit zeigen können (bis zu Verzweiflung der Textkritiker). Melos oder Harmonie dem Text anpaßte. Die Quelle der „Naturtöne“ ist die Obertonreihe. diesen Grad von unbezweifelbarer Richtigkeit kann bildende Kunst nie erreichen. die Oktave über dem Grundton. die ja stets gesungen und von Flöte oder Kithara begleitet wurde. Arien und Lieder 5. wie Heraklit sagt) tritt die hörbare. als natürlich empfundenen Tonintervalle produziert. Ein CDur-Akkord ist unwidersprechlich wie eine mathematische Beweisführung. wenn man den Klang als periodische Funktion (etwa mit der Saitenlänge als Grundperiode) ansetzt und in eine Fourierreihe entwickelt 7. Daß die Aufteilung der klingenden Saite nach den einfachsten Längenverhältnissen zugleich die „einfachsten“. Bei Pindar sind korrespondierende Strophen. so beim Überblasen von Flöten. wenn etwas nicht „stimmt“. Zwischen die sichtbare und die unsichtbare Harmonie (die bessere. 5 . man darf wohl annehmen. jedenfalls kaum zu fixierende. hat seinen letzten Grund darin. unter denen der erste. Wir wissen nicht. mußte den Entdeckern als Mirakel erscheinen. Daß es aber überhaupt eine Folge. nicht anders als im neueren Liedgesang 6. obwohl die Notation keine diesbezüglichen Hinweise enthält. Niemand wird alle Strophen etwa von Schuberts „Des Baches Wiegenlied“ in der gleichen Weise vortragen. metrisch identisch bis in die letzte Silbe (hingegen kommen Textwiederholungen gar nicht vor). der Harmonie: seit Pythagoras sind Mathematik und Musik Geschwister. und man ist beim kühnen Gedanken einer Sphärenharmonie. subtiler und genauer als jene. vielleicht spontane. daß Nuancierungen stattfanden. der die Frequenz des Grundtons als „Grundfrequenz“ hat. also eine diskrete Menge von Obertönen gibt. selbst wo sie sich einem polykletischen Kanon verschreibt. denn sonst wäre die Mathematizität des einfachsten Intervalls nicht als Entdeckung erschienen. ja Mathematik selbst finden wir im zweiten Element der Musik. Flageolettspiel auf Streichinstrumenten oder auch beim „Obertonsingen“. 4 Mathematische Strenge. entsprechen sie den Summanden der Fourierentwicklung eines Klanges. Mathematisch gesehen. nur höher“ erscheint. überhaupt findet sich in der gesamten überlieferten Dichtung des Altertums kaum je ein Fehler im einmal gewählten Metrum.

daß dem antiken Empfinden. Wie dem auch sei. die sicherlich wie ihre Kunst überhaupt weniger auf Originalität ausging als vielmehr bestrebt war. hat zweifellos in ihrem begrenzten Rahmen Vollendetes geleistet 8. in der die Grundtonart im selben Satz wechselt. Diese arithmetische (multiplikative) „Inkommensurabilität“ muß ebenso als Rückschlag empfunden worden sein wie die bekanntere (additive) geometrische. Oktavieren bedeutet Verdopplung der Grundfrequenz. doch auf dem einmal gewiesenen Weg gibt es kein Zurück. aber sie sind abzählbar. die (durchaus hörbare) Fälschung zu akzeptieren 10. was uns heute klein erscheint 9. die Beschränkung zu überwinden. der „faustische“ Geist ließ sich auch hier nicht davon abhalten. dem der Aetas-AureaGedanke nie ganz verlorenging. der Differenz zwischen sieben Oktaven und zwölf (reinen) Quinten. oder kein gemeinsames „reines“ Vielfaches haben. Quintenbildung Multiplikation mit 3/2. Die entwickelte Musik des Abendlands ist ohne temperierte Stimmung nicht denkbar. und sie folgen einem Gesetz.dann wäre dieser allein durch das „Wohltemperierte Clavier“ mehr als abgebüßt11. weder die Chromatik und Polyphonie Bachs. und wenn in jener ein Frevel gelegen hätte. daß gerade die Entdeckung des „pythagoreischen Kommas“. das spiegelt sich in den Parts ventilloser Blasinstrumente. Aber ein Gedanke an eine temperierte Stimmung ist anscheinend nie in einem antiken Kopf vorhanden gewesen. der schon die musikalischen Neuerungen des 5. noch die klassische Sonate. und wegen der Eindeutigkeit der Primzerlegung ist klar. Oktave und Quinte. wie sie schon bei Haydn auftauchen und für Schubert so charakteristisch sind. in welchen ein Quintenzirkel möglich ist. anerkannte Muster zur Vollendung zu bringen. nicht zu reden von den Modulationen (oft einfach Sprüngen) in entfernte Tonarten. Es ist ein wenig paradox. sind der musikalischen Gestaltung ziemlich enge Grenzen gesetzt. Jahrhunderts in seinem Staat nicht dulden wollte. welches der Vereinigung der einfachsten harmonischen Verhältnisse im Wege steht: daß sich die beiden Grundintervalle. 6 . also einem solchem. sogar äußerst elementare Längenverhältnisse gibt. Die Musik der Griechen. jedenfalls wäre sie einem Platon so erschienen. Man kann sich sogar vorstellen. und so hätte es keinen Grund gegeben. was Tonumfang und Kombinierbarkeit von Stimmen betrifft. sie durch eine Korrektur zu überbrücken und damit zu einem temperierten Stimmsystem zu gelangen. Aber schon die pythagoreische Spekulation muß versucht haben. Die einfachste Lösung versagen uns die Götter. als sie auf das Hindernis stieß.daß eine periodische Funktion als Funktion auf dem Kreis angesehen werden kann und die Kreisgruppe als kompakte Gruppe ein diskretes Pontrjagin-Dual hat. daß es „irrationale“. die Möglichkeit nahelegt. das antike „Musikwollen“ hatte kein Bedürfnis danach. daß keine Potenz von 2 mit einer von 3/2 genau übereinstimmen kann. Spekulativ ausgedrückt: das Endliche hat unendlich viele Antworten. eine solche Übertretung eindeutiger mathematischer Gesetze zum Zweck musikalischer Wirkung als eine Art Frevel erschienen wäre. über diesen Rahmen hinauszugehen. durch Iteration nicht streng zur Deckung bringen lassen. denn die Differenz beträgt nur etwa ein Zehntel eines Ganztons. Beschränkt man sich auf die Naturtöne.

. mit den Grundtypen „periodisierter“ und „energetischer“ Melodik und den ihnen entsprechenden Dichotomien Dreiklangsmelodik – Skalenmelodik. der eigentlichen Seele der Musik. von der man sich. enthält in sich selbst noch nichts Mathematisierbares. Ein Grund liegt vielleicht einfach darin. in dem der Urheber weitgehend frei gestalten kann. ist aber mehr als dieser. +c. – b. Vielleicht liegt auch hierin ein Grund für die Nicht-Mathematisierbarkeit von Melodie: die Gesetze für die Ökonomie von Spannungsverläufen sind entweder zu simpel oder zu komplex. +a. Symmetrie – Asymmetrie und weiteren 13. Das allgemeine (und anscheinend einzige) Prinzip der Melodiebildung. . daß eine faßliche Melodie nicht lang genug sein kann. daß sie sich mit der horizontalen Struktur des Rhythmus und der vertikalen der Harmonien auf das Mannigfachste kombinieren läßt. Dennoch scheint Regelhaftigkeit im Auf und Ab der Linie für die Melodiebildung keine große Rolle zu spielen 12.und Kirchenlied) eine Harmonie durch die in ihr vorkommenden Intervalle und ihre Abfolge. Schon der Umstand..5 Rhythmus und Harmonie sind voneinander unabhängige Elemente der Musik. bleibt von einer Melodie ein Schema der Form O. daß in solchen Fällen (und das gilt für jedes Kunstwerk von Rang) eben etwas Neues in die Welt kommt und in ihr seine Wirkung entfaltet (für welche allerdings Gesetzmäßigkeiten bestehen. Abstrahiert man vom Rhythmus. –d . sehr gut vorstellen kann. Von einem Rhythmus läßt sich (quasi-)mathematisch feststellen. eine absteigende spannungsmindernd wirkt. jede Melodie weist einen Rhythmus auf. daß eine aufsteigende Linie spannungssteigernd. die Melodie aber scheint über die ihr inhärierende Rhythmik und Harmonik hinaus kein weiteres mathematisierbares Moment zu enthalten. jedenfalls beliebig viele Übergangsformen zeigen. ob er eingehalten wird oder nicht. daß hier ein Bereich ist. aber das sind keine 7 . läßt sich nichts derartiges behaupten. ja manches Thema ist wenig mehr als ein auseinandergelegter und rhythmisierter Akkord. denn wie kann es ein Gesetz geben für etwas. Bei besonders geglückten Beispielen ist man dann geneigt. Mathematisch ist das ein Element einer direkten Summe von Exemplaren von ℕ0. Grabners „Allgemeine Musiklehre“ bemüht sich um eine Systematik der Melodietypen. Gruppenbildung – einheitlicher Bewegungszug. daß sich die Begriffe von Motiv. denn die Ökonomie der Spannungen obliegt ja auch dem Komponisten und wird Teil des Werks. Sitz und Quelle des musikalischen Empfindens. rein mathematisch denkend. von einem „inneren“ oder „geheimen“ Gesetz zu reden. es gibt Rhythmus ohne Harmonie und umgekehrt. Thema und Melodie kaum unterscheiden lassen. wobei O den Ausgangston bezeichne und die andern Symbole auf– oder absteigende Halbtonschritte. also einer Struktur mit einigem Potential (isomorph zur multiplikativen Gruppe der natürlichen Zahlen). dem dritten Element. Das bleibt Phänomenologie. das es nur einmal gibt? 14 Man sollte sich mit der Feststellung begnügen. was logisch bedenklich ist. ein Akkord läßt sich mathematisch analysieren. um solche Regelhaftigkeit zu hörbarer Entfaltung zu bringen. im Volks. weist darauf hin. Von der Melodie. und konstituiert oft schon (so in allem einstimmigen Gesang.

zum Beispiel auf das Problem des Turing-Tests. ist eine rein akademische Übung. Eine Fuge erscheint uns vielleicht als besonders mathematisch. Ebenso klar ist aber auch. dennoch ist nicht zu verkennen. daß diese in der Musik eine größere Rolle spielt als in den bildenden Künsten. Es gibt auch so etwas wie die innere Form eines Werks. nämlich im immateriellen Charakter. es liegt noch kein Vorzug in ihr. Zu Mozarts Zeit konnte man dazu noch „Geschmack“ sagen. Es ist klar. reproduzierbaren Form. im Sinne einer Beliebigkeit 15. und es wäre ehrlicher. 7 Wir sehen nun deutlicher. gehört eine bestimmte Art seiner Hervorbringung. es gehört zum Material. nicht allein das Hervorgebrachte. ja schon des Werks überhaupt. Homogenisierung und Abstraktion zusammengesetzten Prozeß aus den Formen unseres Anschauens und Denkens 8 . früher Zahlen und Figuren. oder der Künstlichkeit des Materials. in die Komplexität Klarheit einzuführen).solchen der Kunst). Aber viele Stimmen übereinander zu setzen. wenn man die Produkte auch terminologisch unterscheiden würde 17. für die wir keine rechte Begrifflichkeit haben und die eine Frage des Stils ist. Aber zum Begriff des Kunstwerks. Komplexität an sich ist weder schon mathematisch (Mathematik hat vielmehr die Aufgabe. und der Grad von „Mathematizität“ hat nichts mit dem Rang des Werks zu tun. vielleicht eine Art Rahmen oder Schema. das führt über unser Thema hinaus. weil die Musik der Mathematik in einer bestimmten Hinsicht näher steht als die andern Künste. daß ein solcher Erzeugungsprozeß mit dem schöpferischen Prozeß in der klassischen Kunst nichts zu tun hat. daß man Tonfolgen (oder Verteilungen von Farben auf einer Fläche oder von Materie in einem Raumstück) mathematisch generieren kann. in welchem Sinne Musik mehr ist als Mathematik. durch einen aus Idealisierung. Eine ganz andere Frage ist natürlich. noch ist sie im Kunstwerk rangbildend. Harmonien und Tonfolgen zuordnet 16 . Sie kann das nur deswegen. des Unwiederholbaren (und gerade deshalb so Kostbaren) in der Geschichte. ob Hörer oder Betrachter die beiden Arten von Erzeugnissen noch unterscheiden können. heute Mengen und Kategorien. man braucht nur ein mathematisches Objekt mit genügend vielen numerischen Invarianten (am einfachsten die Ziffernfolge einer Dezimalentwicklung. weil das „Passen“ mehrerer gleichzeitig erklingender Stimmen wie ein aufgehendes Rechenexempel oder ein Stück angewandter Kombinatorik wirkt. wie in aller Kunst überhaupt. ein Moment der äußeren. kann das Mathematische nicht mehr sein als ein Ingrediens. deren unterste Schicht. denen man nach irgendeinem Schlüssel Rhythmen. aber dieser Ausdruck hat sich mittlerweile zu sehr ins Despektierliche verschoben. 6 In der Musik. Die Immaterialität der mathematica ist eine absolute: es sind durchweg Fiktionen. mit dem der Künstler gestaltet. aber auch topologische und algebraische Kontexte bieten beliebig viele Beispiele).

denn weil das gesprochene Wort selbst Schall ist. wie es Schiller vom Dichter sagt 18. Auch der schönste Vogelgesang erreicht nur für Augenblicke die Reinheit eines Flötentons und ist meistens ein Zwitschern. können geräuschbezeichnende Wörter mit imitativen Valeurs fast beliebig gebildet werden. die Leier von Apoll. brauchen wir nicht zu diskutieren. die in der „Welt“ gar nichts Vergleichbares mehr haben. die Grundintervalle haben keine eigentlichen Namen wie die Farben. also Geräusch. sind von anderswoher erborgt. „Klangfarben“. und zu deren oberen Stockwerken man dann durch rein begriffliche Konstruktionen und Deduktionen gelangt. sondern von Körpern im Raum. In vergleichbarer Weise – aber nicht so radikal. die uns einmal umgab (und heute nur noch in Reservaten besteht). daß die Wörter schon verteilt waren. ist der „gereinigte“ Ton nicht ohne weiteres verfügbar. mehr oder weniger gut definierte Referenztöne unabhängig von ihr zu produzieren. begegnen völlig gerade Linien ebensowenig wie reine Sinusschwingungen (die ja überhaupt nur auf mathematischen Wege zu definieren sind). aber wer einmal einen Chorus nicht eigens geübter Personen bei einem „happy birthday“ belauscht hat. Die alte Frage. Die ältesten Musikinstrumente. Es scheint demnach. die sich erhalten haben (Knochenflöten).gewonnen ist. Eine Musikkultur. daß Intonation eine viel spätere Errungenschaft ist als Rhythmus. mit denen wir musikalische Klänge und Verläufe beschreiben. welche Art von Sein man diesen Gebilden zusprechen soll. Der griechische Mythos spiegelt das. die diesen Namen verdient und in der die vox humana wirklich Instrument ist. aber doch eine Approximation. da sie ja noch irdisch bleiben muß – destilliert die Musik aus den Schällen und Geräuschen der Welt den mehr oder weniger „reinen“ Ton. ebenso auch für nichtmusikalischen Schall. Während aber die primitive Lebenswelt für die freie Bildung (oder Nachahmung) von Formen und Gestalten mühelos Handhabe bietet. als die Musik entstand. „steigend“ und „fallend“. nur „laut“ und „leise“ sind genuin der Kategorie des Schalls zugehörig. Die meisten Ausdrücke. der auf das (relativ) späte Entstehen von Musik schließen läßt. die sich von allem andern Schall deutlich abhebt. aber zuerst und zumeist nicht auf Musik bezogen. Ein weiterer Umstand. ist die Armut der Sprache an „musikeigenen“ Vokabeln. indem er die Instrumente als Göttergeschenke sieht: die Flöte von Athena. kann es erst geben. sind deutlich jünger als die ältesten Zeugnisse bildnerischen Gestaltens durch Färbung oder Ornamentik. „Harmonie“ kommt von harmozein. also Metaphern: „hoch“ und „niedrig“. Girren oder Piepen. wo man gelernt hat. so hat man sie zweifellos immer schon zu mehr gebraucht als zur Kommunikation. die Tempobezeichnungen sind urspünglich natürlich nicht die von Bewegungen musikalischer Linien. Dagegen haben wir für Farben. Formen und Oberflächen ein reiches und kategorienspezifisches Vokabular. ganz ähnlich. an die man hier natürlich zuerst denkt. was einfach „zusammensetzen“ bedeutet. In der natürlichen Lebenswelt. und ob sie irgendeine Art Sein außerhalb des menschlichen Denkens haben. sondern werden nach ihrem Platz in einer Skala bezeichnet. und formt ihn zu Gebilden. Die (traditionellen) Musikinstrumente bieten solche natürlich auch nicht. Was die menschliche Stimme betrifft. 9 . der ihr Material ist. dem ist klar.

das vollendetste Gedicht in solche Exstase. was steht dem im Weg? Offenbar sind die hörbaren Frequenzen. natürlich mathematisch einwandfrei zu definieren. Hier lassen wir uns zu einer kleinen Spekulation verleiten: gerade ihre schwache Materialität nötigt die Musik. wie sich ein Ton durch Hebung und Senkung konstituiert. wiederum die Grenzfälle ausgenommen. Die Immaterialität des Tons wird noch überboten von der des Lichts. er scheint den ganzen Leib „anzugehen“. denjenigen unserer Physis mit ihren Rhythmen noch nahe genug. wir aber die Materie nicht spüren. etwa bei tiefen Orgelregistern. und das Bewegte. die Luft. Im Akkord gewinnt das abstractum „Zahl“ einen „Schallkörper“ und beginnt zu tanzen. daß der Klang etwas Unwirkliches hat. Im Ton nehmen wir nicht das Bewegte wahr. dennoch voller Gehalt. wir nehmen ihn aber auch nicht als Bewegung wahr. bei der Mathematik Halt zu suchen. man könnte ein Tonstück einfach durch geeignete Transposition der Frequenzen in ein „Lichtstück“ umsetzen. wie es bei Farbeffekten gar nicht vorstellbar ist. auch wenn wir sie nicht als solche wahrnehmen. bis in die Grundschicht unserer Befindlichkeit. in denen wir hören können.8 Die Immaterialität des Klangs ist natürlich keine absolute. 9 Die Materialität des Klangs ist gerade so schwach. ist das am wenigsten „körperliche“ Element. die uns. daß uns auch das hinreißendste Gemälde. uns von fern und ohne Mittler erreichend. für sich genommen. die Musikwirkung ist. was Platon ihr metron hätte nennen können. Der Klang geht durch das Organ. welches darin besteht. hörend sind wir ein Teil von ihr 20. denn Schall ist nichts Bestehendes. „Schallkörper“ ist aber schon eine Metapher. oft durch Widerstehendes. oder das. daß er uns „ergreifen“ und „mitnehmen“ kann. es ist kaum vorstellbar. wenn er sie ernster genommen hätte und nicht bloß als paedagogicum 19. in denen wir den Schalldruck spüren. das eigentümliche Ergriffenwerden durch Klänge. einen solchen Zustand physischen Aufgewühltseins versetzen kann. daß die Unwirklichste aller Künste uns auf so besondere Weise angehen kann. Denn die Besonderheit der Musikwirkung ist unbestreitbar. aber nicht eigentlich erfahrbar. So kommt es. das auch für unsern Gleichgewichtssinn zuständig ist. Die Physik offeriert uns die Vokabel „Bewegungszustand“. wie ein Musikstück es beim dafür Empfänglichen vermag. ja oft von eigenartig bezwingender Kraft. fast eine contradictio in adiecto. außer in den Grenzfällen. eine Entität. sondern reine Bewegung. um eine Art Resonanz zu erzeugen (dazu gleich mehr). Wir schweifen ein wenig ab und gehen auf das scheinbare Paradoxon ein. Die Lichtwelle dagegen wird von der Netzhaut „abgefangen“ und verwandelt sich in eine Farbwahrnehmung. „nichts bedeutet“. wie 10 . Warum gibt es für uns kein Lichtspiel wie ein Tonspiel? Der Übergang zwischen den Spektralfarben ist mathematisch ähnlich demjenigen zwischen Tonintervallen (außer daß die Frequenzverhältnisse nicht mehr rational sind). Sehend sind wir der Welt gegenüber. deren Seinsweise wir nur theoretisch aufklären können: ein Körperloses.

uns sozusagen von ihr leben lassen müssen. bleibt als wahrer Kern doch die Unvermitteltheit der Musikwirkung. womit auch die Darstellungsfunktion hinfällig wird.oder Vorbewußten verlaufend. zur „Resonanzkatastrophe“ führen. ist dieses SichEinlassen und -Einschwingen 22. Jene „Grundschicht unserer Befindlichkeit“. bildlich gesprochen. Dem Naturforscher 11 . Freilich bleibt das eine Metapher. ohne daß wir wissen. in keiner Form ist Begrifflichkeit beteiligt. gleichsam als Kristallisationskern. ruft das Erleben hervor. gleichsam überlagern und aufprägen. während aber die bildende Kunst dazu eine Idee brauche. „stärker. oder der Mangel an Erdenschwere. ermöglicht besondere Freiheit. sondern als Prozeß zu denken. diese kann natürlich durch Gewohnheit reflexhaft werden. ansonsten für gewöhnlich ein diffuses Fließen und Wechseln von Launen. auf sich selbst gestellt zu sein. Ihm kann sich der Prozeß. notwendiger. zum „Mitgehen“. ohne in Information ungewandelt zu werden. Wünschen. also Kategorisierung. Die Zeitspanne kann kurz sein. ihn eine Zeit lang übernehmen und führen und dabei tief Verborgenes zur Resonanz wecken. wenn sie nur die richtige Frequenz hat. Ziehen wir die Willensmetaphysik ab. in ihren Rhythmus fallen. vielleicht nur die Dauer eines Leitmotivs. kann die einwirkende Kraft. wenn man sie überhaupt rezipieren will. auch wenn sie noch so klein ist. zum Sich-Einlassen zwingt. das Wahrgenommene selbst. teils auch im Un. eine besondere Art. wie sie weder in andern Wissenschaften noch in andern Künsten existiert. unterbrochen von Erinnerungen und Einfällen. die Musikwirkung als ein Resonanzphänomen anzusehen. Die Musikwirkung hingegen beruht nicht auf einem Erkennen oder Interpretieren von etwas als etwas. Das legt nahe. auch musikalisches Wissen spielt keine große Rolle. die ich oben nannte. oder. und damit verschwindet auch der Anschein von Paradoxie: ganz physikalistisch betrachtet. um ihrer teilhaftig zu werden. daß die Musik. daß wir. stelle sich der Wille in der Musik unvermittelt dar 21. uns für eine Spanne Zeit ihr überlassen. um die traditionellen Termini der Ontologie zu benutzen. worauf es ankommt.Schopenhauer treffend feststellt. doch ein Affekt wird erst durch Erkennen von etwas als etwas ausgelöst. teils ein organischer Vorgang. solange wir über diese Grundschicht nichts Näheres sagen können. unfehlbarer“ als die anderer Künste. nicht als Substanz. Die Reaktion gilt dem Sachverhalt. welcher die Musik ist. 10 Die Immaterialität. Auch Erblicktes kann sich unvermittelt einprägen und uns im Innersten berühren. bevor eine Reaktion erfolgen kann („das ist ja Blut!“). warum. daß im Kunstwerk der Wille. Nach seiner Lehre beruht alle Kunstwirkung darauf. schneller. das Ding oder Sein an sich. wäre demnach. solche ist gar nicht im Spiel oder Nebensache. den Punkt der größten Ansprechbarkeit trifft und für eine gewisse Zeit anhält. Plänen. nicht seiner optischen Präsentation. davon unterscheidet sich die Musikwirkung darin. der Klangverlauf. Die auf die Netzhaut treffende Lichtwelle muß erst in Information umgewandelt werden. dasselbe gilt natürlich auch für die gehörte gesprochene Information. zur Darstellung kommt.

kaum durch natürliche oder lebensweltliche Vorbilder vorgeformt ist. also ein geregeltes Sprachspiel in die Welt setzt. was er von „Zahlen und Figuren“ eigentlich wissen will. so viele man will. wovon sich Substantielles beweisen läßt. das in einem stärkerem Sinne etwas Neues ist als eine neue Interpretation oder ein neuer Aspekt von etwas schon Bekanntem. der Gestaltungswille hier also ein (fast) freies Feld vor sich findet. In der Kunst kann ein Dichter oder Maler natürlich seinen Stoff selbst wählen. Aber natürlich ist kein Schaffender der dira necessitas enthoben: im bloßen Hervorbringen liegt noch kein Verdienst. Leben als reine Linie. auf dieser idealen Ebene aber sind sie zueinander komplementär. In der Mathematik ist alles bestehende Ordnung. was von ihnen auszusagen ist. aber keine einmal erreichte Ordnung umstoßen. Eine Anwendung der größeren Freiheit des Komponisten seinem Stoff gegenüber bilden übrigens die Variationswerke. als zwei mögliche Ekstasen. einfach deswegen.werden die Probleme von der Welt gestellt. aber nicht der Mathematik (pace Spengler). sondern festlegt. abgelten durch Arbeit an der Form. sehr schnell verlassen sie der Bereich des weltlich Erfahrbaren und hängen nurmehr von der Richtung ab. In der Mathematik ist der Geist ganz bei sich selbst. die wir von verschiedenen Inhalten bewohnt denken können 27 . mitzählen wird nur. sagte Brahms. möglichst noch in der Nähe des mainstream. So vereinigen sich Mathematik und Musik in der Idealität ihrer Seinsweise. der Mathematiker muß sich selbst fragen. von Substanz und Prozeß. Gleichzeitig zeigen Mathematik und Musik die Polarität von Sein und Werden. die von ihren Grundbegriffen keine Definitionen gibt. die das theoretische Interesse nimmt 23 . Blühen und Vergehen. Der Tonsetzer muß die Freiheit des Erfindens. Und wie Mathematik Zahl ohne Gezähltes denken kann. vernehmen wir Musik als Bewegung ohne Bewegtes. in der reinsten uns erreichbaren Weise. ohne ein „Zugrundeliegendes“ oder „hypokeimenon“ oder „substantia“ (was alles dasselbe bedeutet). aber er kann nicht neue Gefühle oder neue Dinge erfinden. Die wechselnden Zeitalter können diese Ordnung in verschiedener Weise darstellen. reiner Verlauf mit seinem Anheben. Für den Einfall könne er nichts. Ein Ohrwurm gelingt manchem. Der moderne Mathematiker kann auf einer Klaviatur von Theorien und Konstruktionen spielen. nur durch einen dünnen und im Verlauf der Entwicklung immer dünner werdenden. Mit einem Stück Musik hingegen kann etwas in die Welt kommen. weil die Einteilung der Tonskala. Fragen aber gibt es. anders als die der Farbskala. erfährt er nicht von ihnen selbst. Produktivität ist noch nicht Kreativität. nämlich die aus ihr abgeleitete 12 . ist Form. ist aber noch kein Werk 26. „Aber dann muß ich ihn durch unablässige Arbeit zu meinem wohlerworbenen Eigentum machen“ 25. es gibt Stile des Mathematisierens. welches auf Objekte sehr verschiedener Art anwendbar sein kann. allerdings unzerreißbaren Faden mit der Welt verbunden. zu denen die bildende Kunst kein Analogon hat (außer im dekorativen Gewerbe) 24 . Töne wohnen leichter beieinander als Sachen oder selbst Gedanken. oder auch das Glück des Einfalls. Was an ihnen „wichtig“ ist. das folgt einfach aus der logischen Struktur einer axiomatischen Theorie.

frühestens dann der Fall sein. bevor er sich ihm anzuvertrauen wagt. wenn man den Wechsel im Text in die Musik verlegt. erst wenn das letzte Seil fällt. hat die Mathematik ihre Strenge zu dem unüberbietbaren Grad gesteigert. die darin bestand. Georgiades. 4 Zu allem gibt es natürlich Ausnahmen. in dem das Leben auf so wenige Elemente reduziert ist. siehe Th. auf ein Lebendiges hin. zu allgemeinen Aussagen zu gelangen.M.242. Dabei sind Leistungen im Sinne der Tradition weiterhin möglich. Ges. Im übrigen wäre es ohne Beschränkung auf eine bestimmte Epoche kaum möglich. 31. v.Satz der Sonate in Es aus Beethovens op. der in den heutigen axiomatischen Theorien verwirklich ist und nirgends bestritten wird. 3 Aus dem Roman „Königliche Hoheit“. Anmerkungen und Nachweise 1 Das wird. der im 5. aufkam. Während der Begriff „Musik“ seine Konturen verliert. im algebraisch-zahlentheoretischen Fach. daß es mitunter abstrakt erscheinen kann. 2 Hier ist nicht der Ort. Hamburg 1958 (rde Bd. Was sich daran anschloß. Musik und Rhythmus bei den Griechen. etwa den Kopfsatz des Klavierquartetts in g von Mozart oder den 3. 5 Strophische Instrumentalmusik gibt es nicht. 13 . zu einem Teil bemächtigen muß. wenn die in den Standard-Vermutungen von Grothendieck und Langlands angesprochenen Probleme bewältigt sind. 6 Anpassung des melos an den Text und Aufgabe des strengen Strophenbaus waren Kennzeichen des „Neuen Dithyrambos“. S. Kulturtheorien á la Spengler zu diskutieren. Frankfurt a. 61). löst sich das Schiff vom Kai.Chr. Unabhängig von jeder solchen und auch von Wertfragen scheint mir offensichtlich. Jhdt. vor etlichen Jahren war ich Zeuge einer Aufführung einer Komposition (?) von Cage. daß verschiedene Sorten von rohem Gemüse und Salat vor einem Mikrophon zerbrochen wurden. hat teilweise den Charakter eines Experimentierens mit jeder Art organisiertem Lärm angenommen. Daß der Übergang durchaus im mathematischen Sinn stetig genannt werden kann. daß mit der Preisgabe der Tonalität (wie mit der Preisgabe der Gegenständlichkeit in der Malerei) eine Epoche zu Ende ging (die übrigens sehr viel früher begann als das genannte Musikzeitalter). aber in einer anderen Richtung.Werke II. Auch in der Musik tritt er aus der Welt hinaus. dessen er sich dennoch mit seinem stärksten Mittel. entsteht ein Variationswerk.Axiomatik. dem Mathematischen. 1960. Hier hat der Interpret auch mehr Freiheit als in andern Hinsichten. ist kein stichhaltiger Einwand.

9 Im Hinblick auf den heutigen Kenntnisstand in Fragen Diophantischer Approximation muß es sogar als Glücksfall erscheinen. der Preis dafür ist natürlich umso größere Unreinheit von andern. Für eine ausführliche und elementare Diskussion siehe D.6). hätte man sie doch wohl aufgezeichnet wie diesen (eine Notenschrift hatte man). so den charakteristischen Klang der einzelnen Instrumente. auf der man dorisch. daß dann Grundakkorde in verschiedenen Tonarten verschiedene Frequenzverhältnisse aufweisen. AMS. auch im Krieg. nicht als Musiker gerühmt.129). bis es dem Auleten Pronomos gelang. der nach dem Zeugnis seines Sohnes Carl Philipp Emanuel seine Instrumente selbst stimmte. wenn wir aussagefähige Reste besäßen. daß es im hörbaren Bereich überhaupt eine solche Annäherung der beiden Potenzfolgen gibt wie die zwischen 2 7 = 128 und (3/2)12 = 129. 11 Hier muß auf den (immer noch) verbreiteten Irrtum hingewiesen werden. Die einzige Ausnahme scheinen die Wettbewerbe im Kithara. religiösen Zeremonien. hatte möglicherweise sein eigenes System. phrygisch und lydisch spielen konnte (siehe Georgiades (Anm. zu Dichtung und Geselligkeit. Hier ist auch anzuführen. Die großen Lyriker wurden als Dichter. (das „pythagoreische Komma“). warum sich so gut wie nichts von ihr erhalten hat. Hätte die Musik denselben Stellenwert gehabt wie der Text. 10 Die antiken Musiktheoretiker beschäftigten sich offenbar hauptsächlich mit der Einteilung und Systematisierung der Tongeschlechter. das heißt der Unterteilung der Oktave in zwölf Frequenzen mit gleichen Abständen. Orpheus und Arion.85. daß „temperierte“ oder „wohltemperierte“ Stimmung gleichbedeutend sei mit „gleichschwebend“. daß die griechische Kultur Musik immer nur als Begleitung kannte. und dann wäre nicht zu erklären.Jahrhunderts haben daran sehr viel gearbeitet. 8 Es erscheint mir dennoch zweifelhaft. 75. Die Theoretiker des 18. 7 Die Fourierkoeffizienten bestimmen dann das „Timbre“ des Klangs.S. das ist nur die einfachste Lösung. In ihr sind alle Intervalle unrein. Es gibt jedoch Möglichkeiten. und erst darauf beruht die Möglichkeit einer „Tonartencharakteristik“. eine Flöte zu konstruieren. namentlich in den entfernten Tonarten. 14 . die bei gleichschwebender Stimmung natürlich illusionär ist.und Aulosspiel gewesen zu sein. wie überhaupt die Flöte in minderem Ansehen stand). Nur am Anfang stehen halbmythische Gestalten wie Amphion. Aber das ist auch ohne Verfälschung der Stimmung denkbar. ein paar weitere reine Intervalle beizubehalten.Wright. die im Rahmen der Pythischen Spiele abgehalten wurden (der Flötenwettbewerb wurde allerdings bald eingestellt. dasselbe gilt für die Tragiker.. mit Ausnahme der Oktaven. 2009. ebenso beeindruckt wären wie von ihrer bildenden Kunst und Dichtung. Eine Nachricht scheint in diese Richtung zu weisen: es gab für die einzelnen Tongeschlechter eigens gestimmte Flöten. Eine Folge ist. S. Mathematics and Music. die ihre Chöre selbst einstudierten. Festzügen. Bach. daß wir von der griechischen Musik. die mit Gesang und Saitenspiel Wunder wirken. aber nicht mit einer Synthetisierung derselben..

S.Leroi-Gourhan. und überdies die größte Compositionswissenschaft. in der es für musicalia reichhaltig echte Namen gibt. in die ich Einblick habe.M. Aber eine endliche einfache Gruppe ist doch auch ein Unikat wie eine Mozartsche Melodie. Ihr Sohn ist der größte Componist. Berlin 1985. S. weil er nicht unterscheiden könnte. S. Ein Beispiel aus der bildenden Kunst ist das vor ein paar Jahren erstellte Südfenster im Querschiff des Kölner Doms. 18 Das gilt von den (wenigen) europäischen Sprachen. 13 H. einer Regel folgen. Mozarts Klarinettenquintett.12 Vielleicht läßt sich zeigen. 16 Für ein sehr elaboriertes Beispiel siehe Mazzola. daß sie existiert. 20 Natürlich hat es an einschlägigen Versuchen nicht gefehlt. wie die Eskimos sie für „Schnee“ haben. ein Gitter von Quadraten in verschiedenen Farben. trotzdem folgt sie einer Reihe von Gesetzen.Grabner. Gern stellt man sich eine Kultur vor.P.). Aber es gibt zu viele und zu gewichtige Gegenbeispiele (die Anfänge von Bachs Partita in G. 6).“ Zitiert aus P. und nur einmal. daß wir die Gruppe exakt (bis auf Isomorphie) beschreiben können. in: H. vielleicht ist das anderswo anders. Frankfurt/M 1970. ihr zu folgen. die von Musik geleitet und beseelt wird. Das hätten schon die Romantiker von sich gewiesen. 17 In der von A. 14 Das Terrain ist logisch vermint. die das für einen Vorzug halten.. Diese welthistorische Perspektive muß hier liegenbleiben. 332ff. mathematica hingegen zur Unterhaltung dienen. Für eine „Farbenharmonie“ gibt es keine natürliche mathematische Grundlage. als sie hinzuschreiben. weswegen ihre Gesetze ein wenig diffus und fließend 15 .. Gruppen und Kategorien in der Musik.81. bevor wir wissen. Beethovens Appassionata. Hand und Wort. er hat Geschmack. man lese hierzu H. Haydn. siehe besonders S. Chopins Des-Dur-Prélude.Barbaud. daß die meisten Melodien mit einer aufsteigenden Linie anheben. 19 Platons Auffassungen von Musik werden ausführlich referiert in Georgiades (Anm. Allgemeine Musiklehre. als daß sich ein Prinzip daraus ableiten ließe. Wittgenstein: es kann nicht einer allein. Bärenreiter 199419. Man darf nur nicht das Niveau der herangezogenen Mathematik mit der Qualität des Tonwerks verwechseln. ist nichts anderes.. 164. ob er der Regel wirklich folgt oder nur glaubt. 15 Berühmt sind Haydns Worte zu Mozarts Vater: „Ich sage Ihnen vor Gott. Ein Unterschied in der Einzigkeit liegt darin. als ein ehrlicher Mann. Anthropologie der Sinne. 1980 entwickelten Theorie ist allerdings die „Exteriorisierung“ auch des schöpferischen Prozesses ein logischer nächster Schritt der Entwicklung. wobei die Verteilung der Farben (nach Aussage des Urhebers) computergeneriert ist. Es gibt Leute. aber eine Melodie exakt zu beschreiben.222. S. den ich von Person und dem Namen nach kenne. Plessner.96ff. Philosophische Anthropologie. Hamburg 1984. Frankfurt a.

daß manche Werkgruppen als Variationen über ein einziges Thema angesehen werden können. S. analog dazu ist. Brahms. 16 . der Entfaltung des im Motiv angelegten Potentials. aber diese dienen dann weniger. 21 Welt als Wille und Vorstellung. wenn ein Musiker einen vielstimmigen Akkord „lesen“ kann. 24 Am ehesten zu nennen wären hier Serien von Vorstudien.100. die Harmonie der Töne hingegen entsteht aus einem einzigen Grundton mittels der Obertöne. Eine Kultur verstehen. 27 Die moderne Logik realisiert das. Der Fall des Tastsinns ist ähnlich. sehen kann. daß es keine Symphonien aus Gerüchen oder Geschmäckern gibt. sondern im „Auskosten“ eines Geschmacks. aber diese gehören nicht zum Werk. Field hat mitunter bezaubernde melodische Einfälle. Davon zu unterscheiden ist. aber komplexer. 23 Man vergleiche die griechischen und die modernen Fragestellungen im Bereich der elementaren Zahlentheorie. Ein Akkord aber macht noch keine Musik. wogegen der Weingenuß nicht in der Abwechslung liegt. § 52. dabei sind diese Einwirkungen ebenso unvermittelt wie die des Klangs. sondern vor allem der Vermeidung von Eintönigkeit. die romanischen und die gotischen Kirchen. 22 Das Fehlen des Zeitmoments ist ein Grund dafür. indem sie Theorien und Modelle trennt. und für einen kunstfähigen Grad von Abwechslung ist der Sinn nicht beweglich genug. so daß man also zu keiner Farbe ihre „Oberfarben“. heißt dann. Manchmal nötigt das Sujet zu Variationen. und man sich in einem kontinuierlichen Spektralbereich von „Grundfarben“ bewegt. den Obertönen entsprechend. 25 Zitiert nach H. die ein diskretes Spektrum bilden mit einer internen Ordnung. aber es fällt ihm dann weiter nicht viel ein. die Madonnen Raffels ect. zu den herrlichsten Beispielen gehört der Panathenäenfries mit seinem Zug von Menschen und Tieren. Die Frequenzen des sichtbaren Lichts füllen keine ganze Oktave. das Thema zu den Variationen zu finden. etwa die griechischen Tempel. Reinbek 1973. wie in der Musik. 26 Exemplarisch ist hier ein Vergleich der Nocturnes von Field mit denen von Chopin.Neunzig. als sie zu wiederholen.bleiben. Fachleute für Weine oder Gewürze können Elogen auf ein Aroma singen.

dessen Ursprung und Natur rätselhaft scheinen. Oder auch. er will alles nur „wegrationalisieren“. sondern ihre Prinzipien überhaupt zu gefährden scheint. erscheint uns bedrohlich. okkult erschienen 2. wann und wie es auch uns trifft. die Schätzung wird durch die Erwartung hochgetrieben. daß es etwas zu verstehen gibt. ist ein Tropfen. was wir nicht wissen. wenn eine Erweiterung des Gerüsts nötig wird. Das Staunen ist der Ursprung aller Erkenntnis. Zum Begriff des Okkulten gehört aber noch etwas mehr. das heißt in eine gängige wissenschaftliche Theorie einbauen können. aber das Erkenntnis-Verdienst beginnt erst. ganz spezifisch: als Spezialfall eines allgemeinen Gesetzes begreifen. Dieser Platz kann auch die Rubrik „terra incognita“ sein. wenn nur ein ungelöstes Problem vorliegt. Selbst einem Newton wäre wohl manches. mit dem wir die Welt erfassen und bearbeiten. der uns den Spaß am Okkulten verdirbt 3. Den λογοσ einer Sache.Okkultes und Wahrscheinlichkeit 1 Als „okkult“ bezeichnen wir Vorgänge oder Sachverhalte 1. Was wir wissen. so bei Fällen von Hellsehen und Telekinese. als Eingriff oder Wink von „drüben“. daß sich die Wissenschaft. was die Technik heute kann. scheint einen Sinn zu haben. zu fundamental neuen Ideen und Methoden aufschwingen müßte (wie bei den „großen“ Vermutungen der Mathematik).. um es zu lösen. ein Bezug. die wir nicht erklären. Eine Einwirkung. sagt Aristoteles. 17 . die für sich genommen nicht besonders auffallen würden. Das meiste „Okkulte“ widerspricht nicht einmal gängigen Grundgesetzen der Physik. 2 Einen Philosophen. wenn man damit rechnet. mit ihrer Hilfe erklärt werden zu können. heißt ja nicht. wird man immer verdächtigen: der öde Aufklärer. sondern nur dem Anspruch. was noch zu entschleiern bleibt. Ein Gutteil dieses Scheins würde schon verschwinden. wo man erkannt hat. Okkult im eigentlichen Sinne nennen wir. Nun ist jede Theorie von irgendetwas qua Theorie eine Rationalisierung. ein eher atmosphärisches Moment. und mit Grund: wir wissen nicht. zu der wir noch nicht fähig sind. sagte Newton. das mit der Wahrscheinlichkeit für die Koinzidenz nicht vereinbar scheint. sondern im Gegenteil ihr einen Platz in dem Begriffsgerüst anzuweisen. das gewiß nicht weniger erstaunlich ist als manches von dem. Andererseits wissen wir schon vieles. was in unsere Wissenschaft nicht nur nicht hereinpaßt. oder ihre ratio essendi. selbst dann nicht. vollends einen Mathematiker. zu ergründen. wenn die bekannten Prinzipien nicht voreilig über ihren Zuständigkeitsbereich hinaus extrapoliert würden. eine Art BedeutungsGewicht. von der wir die Prinzipien nicht kennen. von der „anderen Seite“. der sich mit dergleichen befaßt. die Sache „weg“ zu machen. Man spricht nicht von „okkult“. wie bei den unten zu besprechenden Beispielen: die Koinzidenz von Ereignissen. ob. der Ozean.

wäre gar kein Begriff. Aber was soll sie „bedeuten“. also das Eingetretene für nicht wahrscheinlicher 18 . nicht unwahrscheinlicher als ein paar Richtige im Lotto. trägt auf seinem Kennzeichen mein neues Alter. Zuspruch. eine allgemeine Gesetzmäßigkeit. An meinem Geburtstag verlasse ich das Haus. oder etwas für Zufall erklären. daß etwas gerade so beschaffen ist und nicht anders. Ein Begriff. „There are more things in heaven and earth. der Grund in jedem Sinne des Worts. Schlimm. sondern ein bloßer flatus vocis. bestenfalls ein Name. daß diese Demonstration (oder wie sollte man es nennen?) mir persönlich gilt. wenn es anders wäre. Wir denken spontan: das kann kein Zufall sein. ein Grenzbegriff metaphysischer Natur. Ich könnte mich dem Gefühl nicht entziehen. und das erste Auto. Aber was ist das für ein Gesetz. das wir für wenig wahrscheinlich gehalten haben (oder hätten). das ich sehe. daß wir einen Begriff von ihr haben. mir unheimlich vorzukommen. und von wem kommt die Botschaft? Zunächst ein (fingiertes) Alltagsbeispiel. die nötig sind.„Die Ros ist ohn Warum“. meiner „Verantwortlichkeit“ oder „Zuständigkeit“ entzogen. das ist für sich genommen derart unwahrscheinlich. Die Koinzidenz der Autos mit derselben Nummer erschiene. ja brenzlich. ein Problem. also auch dafür. eine Minimal-ratio. daß das jeweils verfügbare Begriffssystem schon alle rationes enthielte. Jede res hat allein dadurch. wenn auch das zweite und dritte Auto dieselbe Zahl trägt? Jetzt würde die Sache anfangen. etwas steckt dahinter. einfach weil jeder Begriff einen solchen impliziert. 3 Wir befassen uns mit dem zweiten Typ des Okkulten. jedenfalls die Größenordnung nur unwesentlich verändert. mit theologischen Implikationen. Freilich. den merkwürdigen Koinzidenzen. wenn etwas eintritt. so betrachtet. sicherlich erleben viele das Gleiche. Horatio. der die von ihm bezeichnete Sache ohne jeden Bezug zu andern im leeren Raum ließe. aber für uns gilt: nulla res sine ratione. daß die Koinzidenz mit meinem Alter und Geburtstag in den Hintergrund tritt. / than are dreamt of in our philosophy“. Ich würde das wohl mit einem Lächeln zur Kenntnis nehmen: nette Geste von Hermes (das meine ich nicht wirklich ernst. einen Minimal-Bezug zu Anderm. bleibt immer weit entfernt. warum auf so groteske Weise? Zu vermerken ist allerdings auch: dreimal hintereinander dieselbe Zahl auf einem Autokennzeichen. die volle ratio im Sinne etwa von Leibniz. es reichert meine Laune an). um alle Fragen zu beantworten. Warnung. Menetekel? Doch wenn irgendeine „unterirdische“ oder auch „höhere“ Wirkmacht mir etwas zu verstehen geben wollte. aber ich kann so tun. Nicht einmal die Mathematik könnte das heute von sich sagen. kaum der Erwähnung wert. was „hat es auf sich“ damit? Ermunterung. das ich mit andern teilte 4. 4 Klären wir zunächst den Grundbegriff dieser Diskussion. Wir verwenden ihn mathematisch. Töricht ist überall und jederzeit der Glaube. in meiner Stadt leben ein paar Tausend mit demselben Geburtstag. vielleicht sogar eine Botschaft. zur Exposition der systematischen Probleme. wieder von mir abgerückt. indem wir uns wundern. nämlich den der Wahrscheinlichkeit. Was aber.

das macht einen weiteren Faktor. die fragliche Zahl hätte auf einem Werbeplakat stehen können. ist nicht einfach zu groß. und noch weniger ist es der ganze Ereignisraum. zweitens eine (natürlich ebenso apriorische) Maßbestimmung auf diesem. denn wir haben kein Verfahren. also die Angabe der Wahrscheinlichkeit dafür. für die Wiederholung dessen Quadrat usw. natürlich aussehende Maßbestimmungen widersprechende Resultate liefern (wie beim Bertrandschen Paradox). oder allgemeiner der „Grad seiner Okkultheit“ sollte ja nicht abhängen von dem Zeitraum. 19 . wenn ich unterwegs über ihn nachdenken würde. ein Ausschnitt aus dem Weltprozeß. in der Schlagzeile einer Zeitungsauslage oder als Preisschild in einem Schaufenster. Er ist auch sicher keine Menge in konstruktivistischen Sinn. im einfachsten Fall einer endlichen Ereignismenge ist das. Dieser Raum. ob es zu ihm gehört oder nicht. wo erstens ein a priori definierter (wenigstens aber a priori definierbarer) Ereignisraum vorliegt. der Quotient aus der Anzahl der speziellen und der aller möglichen Ereignisse. sind gar nicht erfaßbar. Folglich müssen wir auch den mathematischen Voraussetzungen Genüge tun. was ich bei diesem Gang hätte wahrnehmen können. von einem denkbaren Ereignis zu entscheiden. in dem wir ihn betrachten. Aber ist dieser Ansatz nicht zu eng? Ich habe dergleichen noch nicht erlebt. Von Wahrscheinlichkeit kann nur gesprochen werden. Wie jeder Kenner weiß. aber nicht eintrat. daß diese Art „Kommentar“ zu meinem Geburtstag ja auch auf viele andere Arten hätte erfolgen können. nicht einmal a posteriori.gehalten haben (oder hätten) als ein anderes. davon leben die Kasinos und Lotterien. es gibt vergleichsweise einfache Beispiele dafür. 5 Dieser richtige Ansatz ist nun in Fällen wie dem oben beschriebenen (wir bleiben bei ihm) das große Problem. Wo der mathematische Wahrscheinlichkeitsbegriff überhaupt verwendet werden kann. daß verschiedene. das uns a priori möglich schien (oder erschienen wäre). die Gesamtheit dessen. kann es Überraschungen geben (wie beim Geburtstagsparadox) 5. Sind Raum und Maß „richtig“ angesetzt. Und ist nicht ihr Quadrat ebenso gut? Man sieht: die möglichen Bezüge zum Geburtstag. die möglichen diesbezüglichen Überraschungen. die mir bei meinem Gang durch die Umgebung hätten begegnen können. daß ein „beliebig herausgegriffenes“ Ereignis zu einer speziellen Ereignismenge gehört (eben deren Maß). bewährt sich die einschlägige Mathematik mit ihren Erwartungswerten und Grenzwertsätzen sehr zuverlässig. Im einfachsten Entwurf besteht der Ereignisraum aus allen möglichen Autonummern. hängt von diesem richtigen Ansatz alles ab. er ist sogar in gewisser Weise selbstreferentiell: ich würde ihn verändern. wie jedem geläufig. muß ich nicht die Wahrscheinlichkeit für den eingetretenen Fall mit der Anzahl meiner Jahre multiplizieren? Daß ein Vorfall okkult ist. und die Wahrscheinlichkeit für eine von ihnen ist der Kehrwert von deren Anzahl. Und schon die Definition von „Ereignis“ würde Probleme machen. sondern er ist prinzipiell offen. aber auch physikalische Theorien. Auch wo die Maßbestimmung unproblematisch ist. Andere erleben dergleichen nie. sind also wesentliche Fragen schon beantwortet bzw. Sodann muß in Anschlag gebracht werden. als beantwortet angenommen.

Jede Maßbestimmung hängt von der verfügbaren. die fraglichen Ereignisse betreffenden Information ab und ist insofern hypothetisch. Jede Orientierung ist besser als gar keine. die Maßbestimmung. das „Okkulte“ mit seinem Beiklang des Bedrohlichen ginge dann über in das „Wunderbare“..dieses Ganze / ist nur für einen Gott gemacht“ (Faust 1780) und folglich: „Wenn sie den Stein der Weisen hätten. es wäre schwer nachzuweisen.6 Dieser Raum enthält noch beliebig viele weitere Möglichkeiten des „Okkulten“. ist ein Anderer vielleicht schon in voller Gewißheit über den Ausgang. In unserm Beispiel könnten wir vieles ausschließen. aus begrenzter Information das Beste zu machen. der Dinge untereinander und zu uns. anderes wäre so gut wie sicher. die Muster der abgefallenen Blätter auf den Wiesen. die Partitur gar nicht. wenn unsere Sinne und unser Denken offener wären. was uns hier interessiert. ein Schiff ohne Ruderdruck ist mit Sicherheit verloren. die wir nicht hören. und zwar umso mehr. immer spielen Stimmen mit. weil die Methodik erst hier ihre ganze Eigenart zeigt.. sicher nicht immer für uns bedeutsam. und der vollständigen Kenntnis eines determinierten Prozesses. Ständig umgeben uns Koinzidenzen von Sachverhalten und Prozessen. Vom Weltkonzert überschauen wir kaum die Instrumentation. Sind in alldem nicht Beziehungen zu vermuten. eigentlich keine Gedanken mehr zu machen. aber dazwischen liegt ein unübersehbarer Bereich. die Laute der Vögel. deren volle ratio zu ergründen wir nie eine Chance haben. mit dem Beiklang des Paradiesischen. die zur Annahme von Gleichverteilung zwingt. deren Koinzidenz also eine noch viel kleinere aufweist (sozusagen eine Infinitesimalie zweiter oder höherer Ordnung) – die Wolkengestalten. von denen wir wenig oder nichts wissen. brauchen wir uns über das zweite Erfordernis einer mathematisch ausweisbaren Rede von Wahrscheinlichkeiten. zu einem entgegengesetzten Befund: wir sind derart dicht umgeben von Okkultem. Mehr können wir (in unserer derzeitigen kategorialen Verfassung) nicht erwarten. dafür Beispiele anzuführen. leicht paradox. wir tun es trotzdem. kommen wir so. Wo der Uninformierte nur WahrscheinlichkeitsÜberlegungen anstellen kann.Statt das Okkulte zu leugnen. die Einzelstimmen nur bruchstückhaft. / der Weise mangelte dem Stein“ (Faust 5063f). nicht verstehen können. mit den beiden Extremen der Null-Information. das Rascheln der Gebüsche im leichten Wind. deren Verständnis uns aber die Welt aufschließen könnte? Vielleicht würden uns solche allenthalben auffallen. Wahrscheinlichkeitstheorie erscheint so als eine Technik. wenn uns gelegentlich etwas davon in die Augen springt. die nur keinen so expliziten Bezug zu meiner Person zeigen. je geringer die Information ist 6. daß nichts Okkultes darin liegt. die weiteres Denken überflüssig macht. Überflüssig. 7 Wenn wir schon den Ereignisraum nicht übersehen. der alles einschließt... Früher hat man aus derlei geweissagt (und nach wie vor werfen manche die Schafgarbenstengel). Mephistopheles spricht es aus: „. ein Scherz mag 20 . daß wir heute weniger Dummheiten begehen. aber manchmal vielleicht doch. deren einzelne Wahrscheinlichkeiten schon kaum anders als mit Null angegeben werden können.

hat Aristoteles unrecht? Nein. wenn es unter Millionen einen trifft. vielleicht auf „okkultem“ Wege. Daraus folgt ja nicht. darüber nachzudenken. Aber wie oft hintereinander muß jemand 6 Richtige im Lotto haben. die Diskussion zeigte nur. sogar unendlich viele Elemente hat (zum Beispiel die rationalen Zahlen im Einheitsintervall). interessiert mich wenig. den Ereignisraum groß genug ansetzt? Daß bei genügend ausgedehnter Beobachtung auch beliebig Ungewöhnliches anfallen wird. sich für Unvorhersehbares offen zu halten. die Verkehrsbehörde wüßte es wohl besser. in gänzlicher Unkenntnis des Weltgetriebes. die Ziehungen zu manipulieren. Eins zur einer Million ist. aber das ist. können wir auch über die ihm zukommenden Wahrscheinlichkeiten meistens nichts Verläßliches aussagen. wann ein Ereignis so unwahrscheinlich ist. daß die Menschheit in einer seit unvordenklichen Zeiten nicht abgerissenen Glückssträhne lebt. daß die Sonne morgen wieder aufgeht. unsere Information von einem X in Relation zu der Relevanz von X für unser Dasein zu halten. wir nennen das einfach Pech (oder Glück). 8 Es könnte scheinen. daß eine Menge vom Maß Null nicht leer ist. Da wir auf Voraussagbares angewiesen sind. daß es einen trifft. wenn es auch taktisch klug ist. trachten wir danach. ist zu fragen. daß unsere Diskussion über ihr Ziel hinausgeschossen ist. daß es damit „nichts auf sich hat“. aber nur endlich viele Kiesel. mit 1/2 ansetzte. 9 Aber noch ein drittes Problem stellt sich: selbst wo man den Ereignisraum und die Wahrscheinlichkeitsverteilung überblickt. nichts Besonderes). nur liegt aus statistischer Sicht hier nichts Besonderes vor. was mich nicht „angeht“. sondern im Umgraben. wie oben dargelegt. Kann man nicht alles Beliebige statistisch „wegrationalisieren“. Nachdenken ist immer angebracht (auch trivial). Da wir also über das uns nicht Angehende (im Beispiel die Autonummern) meistens die wenigste Information haben. daß hier keine 21 . sondern den Betreffenden verdächtigen würde. oder sie einfach vorauszusehen (auch „okkult“)? Es ist klar. Hebe einen Kiesel vom Strand: er hat eine bestimmte Form. wie paßt das zusammen? Hier beruhigt uns die Mathematik: es ist leicht möglich. bevor man nicht mehr an Zufall glauben. es gibt unendlich viele mögliche Formen. daß Ereignisse wie das oben fingierte hinsichtlich ihrer Wahrscheinlichkeit kaum schlüssig zu beurteilen sind (außer daß diese sehr klein ist. ist ja trivial. wenn man nur. nach obigem Muster. daß sein Eintreten okkult genannt werden kann 7 . Doch wird es einem bei solchen Dingen oft so ergehen wie im Märchen vom vergrabenen Schatz: der Gewinn lag nicht im Schatz. Wenn die Chance.genügen: wer. müßte zu dem Schluß kommen. daß es sinnlos ist. Sind wir also beim nil admirari der Stoiker angekommen. Das heißt natürlich nicht. Im Beispiel ging der erste Entwurf von einer Gleichverteilung der möglichen Nummern über die Kennzeichen aus. dann liegt nichts Okkultes darin. warum es gerade diesen getroffen hat. die Wahrscheinlichkeit dafür.

Freud 9 berichtet: „An einem Herbsttag des Jahres 1919..“ Der zweite Fall stammt von Jung 10 : „Mein Beispiel betrifft eine junge Patientin. daß sie alles besser wußte. Er hatte schon oft von ihr gesprochen. pikante. um ihrer Beredsamkeit zu lauschen. die Behandlung einzustellen. ihren Rationalismus durch eine etwas humanere Vernunft zu mildern. der mich seinerzeit wegen Schwierigkeiten beim Weibe aufgesucht hatte. die Karte des Dr. Ich habe nur Zeit. ich zeige sie ihm. im Alter zwischen 40 und 50. heute erzählte er zum ersten Mal. keine Ahnung hat. einfach weil die Begriffe „Zufall“ und „okkult“ selbst nicht scharf definiert werden können. mit Hinwegsetzung über die strengen Regeln des ärztlichen Betriebes.. in welchem ihr jemand einen goldenen Skarabäus (ein kostbares Schmuckstück) schenkte. aus Einzelfällen auf eine Regel zu schließen? Die Wissenschaftstheorie allein kann das nicht beantworten. ihn den Herrn von V o r s i c h t zu nennen pflegt. der zweite von unserm Einblick in das „Triebwerk der Welt“. Bald nachher kommt einer meiner Patienten. daß ihr etwas Unerwartetes und Irrationales zustoßen möge. Diese Mitteilung frappiert mich. 10 Betrachten wir nun zwei prominente Fälle aus der psychoanalytischen Praxis 8. einen bestimmten Weg einzuschlagen. ich hatte ihm längst vorgeschlagen. ihn zu begrüßen und für später zu bestellen. die Stunden. ein geistreicher und liebenswürdiger Mann. hängt nicht allein vom Weg ab. aber er hatte deren Fortsetzung gewünscht. die Bereitschaft. die Liebesbeziehungen zu Frauen aufzunehmen. Nach einigen fruchtlosen Versuchen. offenbar weil er sich in einer wohltemperierten Vater-Übertragung auf mich behaglich fühlte. hier spielt noch Anderes mit.. Während sie 22 . die ich mit ihm verbrachte. So saß ich ihr eines Tages gegenüber. das die intellektuelle Retorte.. Die Schwierigkeit bestand darin. auf seine Versuche zurück. Ihre treffliche Erziehung hatte ihr zu diesem Zweck eine geeignete Waffe in die Hand gegeben. Sein Fall versprach keinen therapeutischen Erfolg. Sie hatte die Nacht vorher einen eindrucksvollen Traum gehabt. nämlich einen scharfgeschliffenen cartesianischen Rationalismus mit einem geometrisch einwandfreien Wirklichkeitsbegriff. den Rücken zum Fenster gekehrt. da zu wenig davon vorhanden war. in die sie sich eingesperrt hatte. die analytische Bemühung bis zu einem in Aussicht genommenen Termin weitergeführt. bei dem er Erfolg haben könnte. waren auch für mich Anregung und Erholung. die natürlich von den wirklichen Gründen seiner Verhinderung.. die sich trotz beiderseitiger Bemühung als psychologisch unzugänglich erwies. Geld spielte um diese Zeit keine Rolle.gibt der eben aus London eingetroffene Dr. daß sie. wenn nicht schon die Tatsache ihrer Virginität ihn von jeder ernsthaften Unternehmung abschrecken würde. etwas. Herr P..David Forsyth eine Karte für mich ab. arme Mädchen. mußte ich mich auf die Hoffnung beschränken. Hier tritt auch das Problem der Induktion auf den Plan unserer Erörterung: wann ist man berechtigt. An diesem Tag kam P. zu zerbrechen vermöchte.scharfe Grenze gezogen werden kann. und so wurde. F o r s y t h ist mir zur Hand. während ich mit einem Patienten arbeite. der erste hängt ab von unserer Information über den Weltzustand. und erwähnte wieder einmal das schöne.

Bei Freuds Beispiel ist die Lage ganz anders. Ich drehte mich um und sah. sind keine Hirngespinste. Immerhin hätte sein Name der Lage irgendwie „sinnvoll“ entsprechen können. die Gespräche werden offenbar mehr zur Unterhaltung fortgesetzt. wenn er sich durch einen zwar verblüffenden. daß man schlecht an ihr vorbeikommt. vor allem vereinzelten Vorfall aus den Angeln heben ließ. Einen „Treffer“ wie den Skarabäus-Fall erlebte sicher auch Jung nur einmal. Aber gerade in dieser Sachdienlichkeit scheint mir ein Argument gegen eine „okkulte“ Einwirkung zu liegen: denn eine solche steht sicher nicht im Spezialdienst einer therapeutischen Absicht. Cetonia aurata. In dem Jungschen Fall freilich ist die Manifestation so „sachdienlich“ und zugleich handgreiflich. wie etwas leise hinter mir ans Fenster klopfte. sicherlich war zuvor schon von vielem Andern die Rede. Die Behandlung konnte nun mit Erfolg weitergeführt werden. Ich öffnete sogleich das Fenster und fing das hereinfliegende Insekt in der Luft. was hinter den Träumen steht. Ich überreichte den Käfer meiner Patientin mit den Worten: „Hier ist Ihr Skarabäus. in den dunklen Raum zu gelangen. In beiden Fällen sind auch oben angestellte Überlegungen einschlägig. dann braucht man es nicht ernst zu nehmen. der gemeine Rosenkäfer. eine eigentliche Therapie scheint nicht mehr stattzufinden. zu überrumpelnd. und „Forsyth“ ist nicht allzu ungewöhnlich. Für Jung scheint der Käfer sehr gelegen zu kommen. wie ein Zauberstückchen eines Illusionisten.“ Dieses Ereignis schlug das gewünschte Loch in ihren Rationalismus. daß es ein ziemlich großes fliegendes Insekt war. Ich bin geneigt zu sagen: Wenn dem etwa doch dahinter stehenden Okkulten nichts Besseres einfällt. beinahe zu billig. Freud.“ 11 Die „auffällige Koinzidenz“ steht in den beiden Fällen in ganz verschiedener Beziehung zur therapeutischen Situation. andere nie. der von seiner enttäuschten Partnerin ihm angehängte Spottname noch einmal auf Englisch. der Eingetroffene steht in keinem Bezug dazu. dessen gründgoldene Farbe ihn an einen Skarabäus am ehesten annähert. In einer längeren Unterhaltung findet sich für viele Namen irgendein Anknüpfungspunkt.mir noch diesen Traum erzählte. konnte sich nicht entschließen. das sich nicht materialisiert hat. hörte ich. erscheint mir nur als ein dummer Witz. das von außen an die Scheiben stieß mit dem offenkundigen Bemühen. Es war ein Scarabaeide. Mit ihrem „Rationalismus“ scheint es nicht weit her gewesen zu sein. geradezu ex machina: Sehen Sie. darin ein Beispiel von Gedankenübertragung zu sehen. Offenbar hat das Käferereignis auf die Patientin in diesem von Jung geradezu erhofften Sinne gewirkt: daß sie nämlich den Widerstand gegen die Behandlung aufgab. aber doch banalen. und damit war das Eis ihres intellektuellen Widerstandes gebrochen. der zu seinem Fall noch allerhand subtile Details beibringt. es ging ihm 23 . Das erschien mir sonderbar. Doch dieses dem „Herrn von Vorsicht“ nachäffend hinterhergerufene „Forsyth“.

brachte eine verborgene (okkulte) Saite zum Klingen. Wissenschaft hat zu fragen. in besonderer Weise Gegenstand der Konzentration ist (mein Alter. wenigstens nach einem Verstehen zu trachten. der geträumte Skarabäus. einmal (wie es Freud in seiner Trieblehre tat) nach dem Sinn zu fragen. aber auch. dieser Appell-Charakter. auf einer Klaviatur von Theorien spielend. Sicher ist falsch. da mischt sich jemand oder etwas ein (und dieses Gefühl wäre noch viel stärker. Für Jung dagegen war der Käfervorfall (auf den er nicht weiter eingeht) nur eins von mehreren Beispielen für seine (in diesem Text allerdings nicht weiter ausgeführte) Theorie der „Synchronizität“. hat wenig Mühe. zu denen uns unsere kategoriale Organisation führt (oder verführt). Freilich sind das alles Metaphern. als Name). ganz unabhängig von ihrem Verhältnis zu der schon bestehenden. 24 . Es muß nicht ein aktives oder gar personales Gegenüber sein. einen neuen aufsetzen zu müssen. Wenn man genügend viele Einzelfälle unter einen Hut gebracht hat. der uns spontan das Gefühl gibt: das kann kein Zufall sein. tritt in unvorhersehbarer. als realer Skarabäus. sind Fiktionen. die psychische Konstellation zu verstehen.offenbar weniger um Erklärung als vielmehr darum. wie ein Echo. Vonnöten ist die „richtige“ Abstimmung zwischen Offenheit und Skepsis. Ein alerter Intellektueller. 13 Strikte Determination und „reiner Zufall“ sind Grenzbegriffe. in der sich solche Vorgänge abspielen. also statt nach Kausalität nach Finalität zu fragen. 12 Alle drei Beispiele haben ein formales Moment gemeinsam: eine Sache. wie wenn ein sonst unsichtbarer Akteur im Weltprozeß einen besonderen Anteil an ihr nähme und mit dem Finger auf sie zeigte. man könnte auch an eine Art Resonanz denken: was da im Skopus stand. Tut sie das (und bis dahin ist es immer ein langer Weg). die „Vorsicht“). Wenn uns die üblichen Erklärungen und Kasuistiken mit ihren Wahrscheinlichkeiten nicht weiter bringen. Es ist dieser Umstand. genauer: das Im-Skopus-Stehen dieser Sache. Zwischen beiden liegt ein weites Feld für verschiedene Möglichkeiten der Einwirkung. ob sich die Sinnstiftung an künftigen Phänomenen bewährt. ist legitim. ist es vollkommen legitim. wenn wir Teilnehmer und nicht nur Betrachter eines solchen Vorgangs wären). Anything goes. und immer muß man damit rechnen. aus jedem vermeintlichen Sinn eine Lehre zu machen. daß dieser Hut eine brauchbare Kopfbedeckung ist. darf man die Hypothese aufstellen. in jedes Phänomen einen Sinn zu legen. if it goes. alles Seltene und Unverstandene im statistischen Rauschen der Welt verschwinden zu lassen. gewissermaßen pointierter Weise noch einmal in Erscheinung (als Autonummer. die gerade im Skopus steht. und diese Wiederholung verleiht der Sache eine Art Nachdruck. hat sie die Würde der Wissenschaft erreicht. wo wir nicht erklären können. nach intelligiblen Strukturen11. Undichte Ränder wird er immer haben. wirkt wie ein Ausrufungszeichen. oder vielleicht noch genauer: die Art und Weise ihres Im-Skopus-Stehens traf eine „Eigenfrequenz“ des umgebenden Weltprozesses.

Dazwischen liegen Modi und Grade des Verstehens. mit derselben Folge. oder die Erklärung hängt chaotisch von Ausgangsbedingungen ab. doch ist diese so komplex. 15 Die Wissenschaft hatte lange damit zu tun. Doch worin unterscheidet sich eine Wirkung. also kausal erklärt. versprechen keine beliebige Verfügbarkeit und damit keine Industrie. daß sie das Eintreten des Phänomens im physikalischen Sinne. daß sie in den meisten Fällen von anderen Wirkungen überlagert wird (vielleicht ist das der Fall der Astrologie). daß diese sich nicht kommandieren lassen. 25 . was Heidegger „Seinsgeschick“ nannte. die Exteriorisierung zu perfektionieren. Das Problem ist natürlich. Die Frage ist. Was Heidegger in seinem Technik-Aufsatz vorwegnahm. aber so schwach. verlangen vielleicht ein persönliches Sich-Einlassen. oder. das könnte ja bloße Schöngeisterei sein. ist jedenfalls schon vielfach überboten. Was ich weder erklären noch verstehen kann. ihnen ein wenig näher zu kommen. Oder die hypothetischen Wirkungs-Zusammenhänge reichen hin zur Erklärung der Phänomene.14 Was die beiden letzten Beispiele betrifft. mit LeroiGourhan zu sprechen. wenn es auch auffällt. einen intelligiblen Zusammenhang des Koinzidierenden. von einer. ein Absehen von jedem Interesse. was eine solcherart begründete Funktion leisten kann. möglicherweise (wahrscheinlich!) von der Größenordnung dessen. unterscheidet sich eben nicht mehr vom Zufälligen. die es nicht gibt? Wenn aber eine kausal unverständliche und offenbar sehr unwahrscheinliche Koinzidenz nicht einen haltbaren. ihr nachzugehen. Man könnte an eine Wirkung denken. um so etwas wie Induktion zu gestatten. Doch während Okkultes massenhaft und in ebenso infantilen wie monströsen Gestalten zur Unterhaltung dient. im Rahmen einer Theorie der therapeutischen Konstellationen solchen Phänomenen einen Sinn. so scheint es möglich. Die Begründung eines Anspruchs auf allgemeine Geltung wird aber schwerfallen. Freilich: was einen „haltbaren Sinn“ ausmacht. es muß sich ein Anspruch auf Allgemeinheit begründen lassen. Andererseits genügt nicht. die nicht nachweisbar ist. den Menschen auf eine lückenlos herstellbare und kontrollierbare Welt zu programmieren. besteht kein Anlaß. ja eine Funktion zuzuschreiben 12. wenigstens dann und wann feststellbaren Sinn aufweist. denn derartige Phänomene sind zu selten. sie verweigern sich dem Gegenüber in der künstlichen Isolation des Experiments. wir wären bei solchen Dingen ja schon zufrieden. die zwar vorhanden ist. ist auch nicht rein begrifflich zu klären. so wie sich im Felsgestein manchmal ein menschliches Gesicht zeigt. Es wäre zuviel verlangt. die unsere Wissenschaft tragen. arbeiten Wissenschaft und Technik mit immer zunehmender Rasanz daran. daß wir nichts damit anfangen können. irgendwann muß sie sich auch den weniger gewöhnlichen stellen. die gewöhnlichen Phänomene aufzuklären (warum zum Beispiel die Sonne jeden Morgen aufgeht). wenn das Phänomen zur Konstellation nur in irgendeinem Sinne „paßt“. Auch könnte dabei eine Transformation der Grundanschauungen erforderlich werden. ebenso wie oben der Unterschied zwischen „Zufall“ und „okkult“.

zunehmend befremdlich aber erschien. mir das anzusehen. war mir klar. aber ich könnte nicht sagen. Nachdem ich diesen Vorsatz eine Weile mit mir herumgetragen hatte. daß es sich um eine Werbeaktion des Volkswagenkonzerns handeln mußte. in einem Frühjahrsurlaub auf Mallorca. aber nicht allzu oft. daß sich das noch ein paar Mal wiederholte. unterwegs von Soller zum Cubersee. Aber der Herr und Meister alles Okkulten. / . und nachdem ich ein paar Seiten gelesen hatte.“ (Faust 1851 ff). kennt die wahren Verhältnisse: „Verachte nur Vernunft und Wissenschaft. gefragt ist die Wahrscheinlichkeit W dafür. 5 Zum Betrandschen Paradox: man denke sich in einen Kreis ein gleichseitiges Dreieck einbeschrieben. oder bestand ein Zusammenhang mit meinem aufgeflammten Enthusiasmus? Ich habe Wichtiges gelernt. Noch ein Fall. Ich nahm diese Fügung als ermunterndes Prodigium und las die 500 Seiten ohne Verzug. Wir waren. 4 Hier ein ähnlicher. Ich erinnere mich noch an die leichte und angenehme Erregung bei dem Gedanken. besorgte ich mir ein Exemplar aus einer Bibliothek. das ist in aller Regel aussichtslos). war klar.. sah ich auf einem Büchertisch ein schönes Exemplar. 3 In der Neigung zum Okkulten scheint bei manchen eine Art Trotzreaktion beteiligt. Relativitätstheorie und Quantenmechanik theoretisch zu synthetisieren und diese Synthese technisch anzuwenden. scheint sogar der Gedanke von Zeitreisen in Reichweite zu gelangen. Das bleibt im „statistischen Rahmen“. daß hier etwas „außer der Reihe“ vor sich ging.Anmerkungen 1 Ich vermeide den Ausdruck „okkulte Phänomene“. ohne Auflösung: ich war auf das Buch „Hand und Wort“ von LeroiGourhan aufmerksam geworden und beschloß. / so hab ich dich schon unbedingt. daß eine 26 . daß ich das Buch besitzen mußte. doch muß dem „credo quia absurdum“ eine gewisse Berechtigung zugestanden werden. Das war an einem Freitag. mir kamen Reminiszenzen an die SFLektüre meiner Jugend. da er eine allzu grobe contradictio in adiecto ist. Mephistopheles. wenn es einmal gelingen sollte. ich könnte mich an zwei oder drei ähnliche Vorfälle aus meinem Leben erinnern. das würde auch heute noch als SF erscheinen. / des Menschen allerhöchste Kraft. daß mein Denken seither eine Wendung genommen habe. Auch dergleichen erlebt jeder. wie ihn jeder gelegentlich erlebt. denn viele deutsche Mallorcisten kommen mit eigenem Fahrzeug dorthin. als sich eine schwarze Limousine mit Wolfsburger Kennzeichen vor uns setzte. 2 Was alles möglich wird. Wenn man die derzeit viel untersuchte Quantenkopplung mit Allgemeiner Relativität kombiniert. Noch nichts Ungewöhnliches. Als wir schließlich einem ganzen Rudel davon begegnet waren. als ich am Tag darauf routinemäßig den Flohmarkt aufsuchte. aber realer Fall. immer mit demselben Typ schwarzer Fahrzeuge aus Wolfsburg. zu sehr niedrigem Preis (ohne danach gesucht zu haben.. war sie nun Zufall. von getarnten Invasionen durch Außerirdische.

Jung. daß „zufällig in den Kreis gelegte Sehne“ kein zureichende Definition ist. 1/3 und 1/4. und daß verschiedene Präzisierungen verschiedene Wahlen des Wahrscheinlichkeitsmaßes auf dem Raum der Sehnen implizieren. S.Freud. Die Auslassungen betreffen für uns Unwesentliches. in: Grundwerk C. S. die Sperrungen sind original. Athenäum-Verlag/Königstein 1974. aber von einem möglichen Werk haben wir gar keinen Begriff. nämlich die schon erwähnten Glücksspiele und physikalischen Theorien. der größer ist als ein anderer. 2. Die überraschende Antwort: es brauchen nicht mehr als 23 zu sein. größer als 1/2 ist. Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. was Aristoteles meinte. 8 Der vorliegende Text entstand als Beitrag zu einer Arbeitsgemeinschaft über psychoanalytische Kulturtheorie.G. 6 Paradoxerweise beruhen die besten Bestätigungen der Wahrscheinlichkeitsrechnung. von denen wir leben.Wright.15. Bd. gerade auf einem Mangel an Information. denn bei dieser überschauen wir die Möglichkeiten a priori. Über Synchronizität.51 f. daß solche Information aus prinzipiellen Gründen nicht verfügbar sein kann (das Problem der „hidden variables“ in der Quantenmechanik). Weil wir den Fall der Kugel oder die Bewegungsrichtung eines Gasmoleküls nicht voraussagen. 12 Ich verweise auf einen im Entstehen begriffenen Aufsatz von Dietmut Niedecken.zufällig in den Kreis gelegte Sehne länger ist als die Dreiecksseite. 10 C. sind des Staunens viel mehr wert als die längste Serie im Lotto. bevor es wirklich geworden ist. Die großen Kunstwerke. Im Geburtstagsparadox wird gefragt. Es gibt plausible Begründungen für W = 1/2. wieviele Personen versammelt sein müssen. nehmen wir Gleichverteilung an. 1984.H. Es ist gerade der vollkommene Mangel an Information über den Einzelfall.Jung. daß (mindestens) zwei von ihnen am selben Tag Geburtstag haben. Erklären und Verstehen. 7 Das Anstaunen des bloß Unwahrscheinlichen ist nicht. Kursivierung original. Walter-Verlag.v. Der Widerspruch löst sich durch die Einsicht. damit die Wahrscheinlichkeit dafür. und die daraus entspringenden Erwartungen bewähren sich nicht weniger als die kausalen Determinationen der klassischen Mechanik.284. 11 Ausführliche und maßgebliche Erörterung dieses Themenkomplexes bei G. Das legt übrigens den Verdacht nahe. 9 S. nicht einmal einen Einfluß nennen können. der das Verhalten der (genügend großen) Gesamtheit voraussagbar macht. Werke Bd.G. 27 .