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Asylverfahren am Fließband.

    
Über Subjekte und Objekte staatlichen Handelns aus Sicht der Ethik 
Tobias Trappe, Duisburg (tobias.trappe@fhoev.nrw.de) 
1 Es gibt keine Ethik
der Verwaltung
Meine sehr verehrte Damen und Herren, 
es gibt sie so gut wie überall: in der Schweiz, in Österreich, Schweden, Eng‐
land, Australien, Amerika, selbst in Kenia. Nur nicht in Deutschland.  
Ich spreche von einer „Ethik der öffentlichen Verwaltung“.  
Wer in der Bundesrepublik nach Lehrstühlen, Einrichtungen oder auch nur 
nach  Publikationen  zu  diesem  Thema  recherchiert,  der  findet  so  gut  wie 
nichts. Public service ethics – das ist im Selbstverständnis deutscher Behör‐
den,  das  ist  im  Kanon  wissenschaftlicher  Disziplinen,  das  ist  endlich  in  der 
sonst so bunten Hochschullandschaft ein echter – Fremdkörper.  
Wenn  es  also  überhaupt  einen  Ort  gibt,  an  dem  ich  mich  gut  aufgehoben 
weiß, dann ist das eine Tagung der Ausländerbehörden und der Flüchtlings‐
hilfe. 
2 Ihre Arbeit ist kostbar:
So erhält unsere Ge‐
sellschaft ein menschen‐
freundliches Gesicht
Aber  noch  aus  einem  anderen  Grund  bin  ich  dankbar:  Ich  bin  dankbar  für 
Ihre  Arbeit.  Denn  was  Sie  leisten,  ist  etwas  zutiefst  Kostbares,  und  zwar 
kostbar nicht nur für die Menschen, die bei uns Zuflucht suchen. Ihre Arbeit 
ist kostbar gerade auch für uns:  
Denn 

gelingt  Ihr  Tun,  dann  geben  Sie  unserer  staatlichen  Gemeinschaft  ein 
menschliches, ein dem Menschen zugewandtes Gesicht;  
gelingt Ihr Tun, dann helfen Sie dabei, dass wir nicht ein Volk der Engen 
und Ängstlichen, der an Hoffnung und Hilfe Armen, ein Volk der Gleich‐
gültigen, der Trägen, der Kalten und Kleinmütigen, der Feigen und Mut‐
losen werden;  
gelingt Ihr Tun, dann helfen Sie dabei, dass wir nicht ersticken müssen 
an  unserer  ewigen  Unzufriedenheit,  an  unserem  latenten  Mitleid  mit 
uns  selbst  und  an  unserem  mürrischen  Gefühl,  zu  kurz  gekommen  zu 
sein;  

 

 Von überall her.  Leid.  wirtschaftlichen  und  politi‐ schen Verwüstungen. in einer wahrhaft gespenstischen Welt leben müssen. die Spezialisten – sie bleiben aus.  wird  für  Sie  jeden  Tag  wieder  kon‐ kret: Dass der Mensch der Gejagte ist.  die Akademiker.  mit  ihren  Nöten und Nachteilen.  Kleidern  und  Kulturen. dann helfen Sie dabei.   Wir wollen die Fremden vielleicht als Hochqualifizierte: Vor allem ihnen gilt  der  Aufbau  einer  Willkommenskultur  und  entsprechender  Welcome‐ Center.  sie  kommen  zu  Ihnen  mit  ihren  fremden  Stimmen  und  Spra‐ chen. in einer  Welt der rohen Bürgerlichkeit und der eisigen Lieblosigkeit. das  sind die anderen. alleine.   Und  Sie  kommen  zu  Ihnen.   3 Ihre Arbeit ist schwer. oft als „Masse“: mit  ihren  vielen  Kindern  und  Familienangehörigen.  ihren  Gesten  und  Geschichten. dass diese Idylle einer Oase inmitten von  Verwüstungen  gleicht.  da  geschieht  solches  Tun  inmitten  einer  unheimlichen  Welt. die Mittello‐ sen. dann stehen  wir ihnen vielleicht nicht gerade feindlich gegenüber.  sozialen.   Wo  Sie  Zuflucht  gewähren  und  Flüchtlinge  beraten. was unser Recht nicht geordnet. Die Hochqualifizierten. in der wir hier und heute leben. dass wir nicht dazu verdammt  sind.  drängen sich in Ihren Warteräumen und Büros.   Wer aber kommt und kommen will. Verfolgung und Vernichtung. Hilfsbedürftigen. dass er leben muss unter den nicht  enden  wollenden  Bedingungen  von  Unglück. die die meisten von uns nicht wahrhaben wollen: Dass die Idyl‐ le.  unsere  Gesetze  nicht  geregelt  und  unsere  Verfahren  nicht  vorgesehen  ha‐ ben.  mit  ihren  Freunden  oder  Bekannten. die Wissenschaftler. Ausbeutung.  die  das  Neue  Testa‐ ment  im  Gleichnis  vom  Hochzeitsmahl  (Mt  22. die Fachkräfte. Die Habenichtse.  Unterdrü‐ ckung. gelingt Ihr Tun. die kommen.  Was  für  mich  durchschnittlicher  Bürger  letztlich  abstrakt  ist  und  bleibt.  Wenn  wir  ehrlich  auf  das  Ganze  unserer Gesellschaft und vielleicht auch auf uns selbst blicken.  Sie  kommen  Ihnen  nahe. Sie sind es.  stehen.  Not.   Ihre  Arbeit  ist  schwer.   Denn  die  Fremden:  Wir  wollen  sie  nicht. mit so unend‐ lich Vielem.  Die Armen und Abgebrannten.  mit  ihren  eigentümlichen  Geräuschen.  ihren  Körpern. denn Sie wissen um die Verwüstungen unserer Welt Aber Ihre Arbeit ist nicht nur kostbar.  Denn  Sie  können  sich  nicht  herumdrücken  um  eine  Erkenntnis.  Ökologischen. Sie ist auch schwer. einer Welt  nur der Starken.  Gefahr.  Gerüchen.   2    .  Gebärden.  Sie  sitzen. der Sieger und der selbstsüchtigen Spießer. begegnen ihnen aber  mit skeptischer Gleichgültigkeit und gleichgültiger Skepsis.1–14)  beschrieben  hat:  Die  geladenen Gäste: Sie kommen nicht.  Aber  wir  erfahren  seit  Jahren  eine  Kränkung. mit ihrer Trauer und ihren Traumen. was nicht in unsere Welt passt. die von Angst Heimgesuchten. Schwachen.

 was  wir den sog. aber eben auch auf  Kosten  derjenigen. die auf Kosten anderer leben: Vor allem  auf Kosten der Natur und der natürlichen Ressourcen.  wo  diese  er‐ schreckende Wirklichkeit auf unsere so ganz andere deutsche Realität trifft.   Wo  Sie  Zuflucht  gewähren  und  Flüchtlinge  beraten. sondern die Länder.  Es  ist  das  der  Unsicherheit.   Wo  Sie  Zuflucht  gewähren  und  Flüchtlinge  beraten.   in einer Welt. nein.  die Menschen insbesondere der dritten Welt.  aber  eben  auch  heilsame  Erinnerung  daran. was sie tut.   Denn unsere Existenz in den westlichen Industriestaaten ist gerade das. nicht nur schwer.   Der ökologische.  die  sich  zu  uns  durchschlagen.  da  geschieht  solches  Tun nicht nur inmitten einer unheimlichen Welt.  Ihre Arbeit ist schwer.  die  an  diesem  Raubbau  unmittelbar  oder  mittelbar  zu  leiden haben.      die sich um die globalen Folgen ihres Lebensstils ganz wortwörtlich  „einen Dreck schert“.   In erster Linie nämlich sind wir es.  dass  wir  Grund  genug haben. Es geschieht in einer Welt.  4 Ihre Arbeit ist gefährlich.   3    .  Denn  ich  stehe  hier  nicht vor Ihnen als einer.  5 Die Kunst des Fragens und interkulturelle Kompetenz Aber  in  dieses  Gefühl  der  Dankbarkeit  und  der  Achtung  vor  Ihrer  Arbeit  mischt  sich  ein  anderes. denn Sie wissen um die katastrophalen Folgen unseres Lebensstils Aber ihre Arbeit ist nicht nur kostbar.  da  ist  ihre  Arbeit  eine  gefährliche. weil Sie es sind. der mit Antworten und Lösungen aufwarten kann.Das  Asylverfahren  ist  der  bürokratisch  reglementierte  Ort.   in einer Welt. „es nicht gewesen zu sein“.  dass  die  Menschen.  immer auch die von uns Geschlagenen sind. Und das sind eben nicht wir selbst. die ihre Verantwortung halbiert und sich in der Kunst  übt. die nicht wirklich wissen will. sondern für  andere.   Eine  Erinnerung  daran. Sozialschmarotzern gerne unterstellen: Unsere eigene Existenz  ist zutiefst parasitär. Denn sie ist für uns alle eine gefährliche Erinnerung. wirtschaftliche und politische Fußabdruck unseres Lebens‐ stils  –  das  wissen  letzten  Endes  wir  alle  –  ist  katastrophal  und  zwar  kata‐ strophal in erster Linie nicht für uns. die das dunkle Wissen um eine kran‐ ke und in vielen Teilen auch kaputte Welt in sich tragen. uns zu schämen. nicht für die Verursacher. Sie ist auch gefähr‐ lich.

 Alle werden Ihnen zustimmen.  sagen  Sie:  Wir  brauchen  eine  neue  Moral  –  das  Publikum  wird  be‐ geistert klatschen. Ich werde weit und  offen.  Heidegger).  verändert.  Die Frage: Sie ist nichts Geringeres als die „Frömmigkeit des Denkens“ (M. schlage die Augen neu auf für die Welt und die Menschen um mich  herum.  die  ich  hier  mit  Blick  auf  die  Verwaltung  des  Asyls  stellen  will.  In der Wirtschaft.Die Ethik.  In  einer  Welt  der  Strategien  und  Konzepte. ja. Denn hier wie dort lässt man sich ein Stück weit los auf  etwas Unbekanntes hin. der wird sich  am  Fragen  ebenso  wenig  erfreuen  wie  an  der  Wirklichkeit  des  anderen.   6 Was Sie vielleicht erwarten Die  Frage. d.  Ich  anerkenne  meine  eigene  Bedürftigkeit  und  damit  letztlich  auch: ich anerkenne und bejahe meine eigene Endlichkeit. Denn die Bereitschaft zum Fragen scheint  mir  in  Vielem  deckungsgleich  zu  sein  mit  dem.  die  mich  u.h. der Pläne und  Projekte.  was  man  „interkulturelle  Kompetenz“ nennt. auch in der Verwaltung.  Im  Fragen  mache  ich  mich  bereit  für  eine  Antwort.   In anerkenne sie vor anderen. Nur: jeder versteht unter  „Moral“ etwas anderes.  diese Frage ist vielleicht nicht die. Und genau das ist ja auch das Schöne an der Moral. der Reformen  und Innovationen gehört  zur Philosophie die Erfahrung der Sackgasse.   4    .   Ich betone das an dieser Stelle so besonders.  der sich vor lauter Angst in die furchtbare Hölle des eigenen Ichs verkapselt.  womöglich sogar des fremden Menschen. In der Frage verschließe ich mich nicht im engen Gehäuse mei‐ ner sorgsam gepflegten Urteile und Vorurteile. sie ist eine philosophische  Disziplin. mit der Sie gerechnet haben. auch die der öffentlichen Verwaltung. sondern hält sie fest.  Und  zur  Philosophie  gehört  nun  einmal  das  Eingeständnis:  „Ich  kenne  mich  nicht  aus“  (L. weil es aus meiner Sicht schon  etwas mit Ihrer Arbeit zu tun hat. der Ausweglosigkeit.  Man kann so leicht an sie appellieren. Im Fragen bejahe ich meine  Ratlosigkeit. Gehen Sie in eine Talk‐ show. Wer krampfhaft bei sich bleiben will. der Apo‐ rie. Und.   Im Fragen mache ich mich stattdessen auf einen Weg.U.  Wttgenstein). Was erwar‐ ten Sie nämlich man von einem Ethiker?   Den Ruf nach der Moral! Nach der Moral in der Gesellschaft. aber in erster Linie natürlich: Ich gestehe sie  vor  mir  selbst ein. In der Politik.  Fragen  ist  daher  ein  Heilmittel  gegen  den  Narzissmus.: ich mache mich bereit für eine Erfahrung.  Philosophierend  betrügt  sich  der  Mensch  nicht  sofort  um  diese  Erfah‐ rung. Und man kann herrlich moralisieren. Eben deswegen gehört zur Philosophie in erster  Linie das Fragen.

 als zu weinen.  in  dem  ich  zum  Beispiel  über  die  bedenkliche. wird dieses Gefühl kennen: Dass dies  ein  zutiefst  „menschlicher  Beruf“  ist.  Jeder. vor Mitleid. genau diese schöne. an die Menschenrechte oder  etwas in dieser Art. T.   vielleicht  erwarten  Sie  einen  Vortrag.  7 Ethik als Warnung vor Moral Nun ist Ethik aber nicht gleich Moral.  vielleicht  sogar  entwürdigende  Praktiken der Ausländer‐ und Asylverwaltung brandmarkt (Th. was die Ethik befragt.  Wer  sich  für  Flüchtlinge  oder  ganz  allgemein  gesagt:  Wer  sich  für  Opfer  einsetzt.  der  gewinnt  das  seltene  Bewusstsein.  manchmal erschreckende Situationen von Flüchtlingen spreche.   einen  Vortrag.  der  die  fragwürdigen  Regelungen  und  Maßnahmen  im  Asylverfahren  auf  nationaler  und  europäischer  Ebene  anpran‐ gert.  manchmal vielleicht auch: vor Glück.  Er  fordert  Tugenden  wie  Anstand. der in diesem Kontext arbeitet. Eule).  etwas  ungebrochen  Gutes  und  damit  auch  etwas  wirklich  Sinnstiftendes  zu  tun.  und  –  auf  der  anderen  Seite  –  einer  Auslän‐ derverwaltung.  Disziplin. Ethik ist das Nachdenken über Moral  und also auch: das Nachdenken über solche Moralisierungen.   Und daher ist das erste. Hohl‐ feld. Schwarz.  dass  man  plötzlich  da sitzt und gar nicht anders kann.  der  vor  diesem  Hintergrund  an  die  in  vielerlei  Hinsicht  schwierige.  der  redet  anderen  ins  Gewissen. die sich nicht selten in der Rolle des Bösewichts wiederfin‐ det.   einen  Vortrag.1 Diese Trennung ist bequem.  dass  man  „etwas  zurückkriegt“.   5    Moralische Fall‐ stricke der Flüchtlingsarbeit .   7. vor Entsetzen.  dass  man  Erfahrungen  von  tiefer  Dankbarkeit  machen  darf.  weil sie die moralischen Fallstricke der Flücht‐ lingshilfe  ausblendet.  der  unmenschliche.   Vielleicht erwarten Sie einen solchen „moralisierenden Vortrag“:       einen  Vortrag. T.  Wer  moralisiert.  Oder  er  erin‐ nert an unsere humanitären Verpflichtungen. irgend‐ wie bequeme Trennung zwischen einer moralisch hochangesehenen Flücht‐ lingshilfe  auf  der  einen  Seite.  Fleiß.  Er  fordert  zum  Beispiel  mehr  Vernunft.  zum  Teil  aufopferungsvolle  Arbeit der Flüchtlingshilfe erinnert.Vielleicht  erwarten  Sie  also  einen  solchen  moralisierenden  Vortrag.

  So  delegiert  man  die  sog. die von staatlicher Seite am Asylver‐ fahren beteiligt sind.  zu  Über‐ identifikation. mit  der  eigenen  Verantwortung  und  mit  den  möglichen  Konsequenzen  des  ei‐ genen Verhaltens möglichst wenig zu tun haben. da wür‐ de  ich  kaputtgehen“. (K.  unterstreicht  das  womöglich  noch mit Sätzen wie: „Also.  humanitären  Aufgaben  an  andere.3 Das „Lob der Ret‐ ter“ als Strategie der Entlastung/Abwehr Hinter dieser einhelligen und letztlich natürlich auch gerechtfertigten Wert‐ schätzung der Helfer und „Retter“ steckt aber – drittens – auch eine Form  der Abwehr. Ottomeyer)  7.  das  wissen  Sie  alle  besser  als  ich:  Es  führt  zu  Verstrickung.  die  diese  aufreibende  Arbeit  machen.  zu  gestörtem  psychophysischen  Gleich‐ gewicht. eine Gefahr: Denn eine solche Arbeit schafft eine gewisse  narzisstische Versuchung. Lammott)  7. (C.  weil  sie  Sorge  trägt  für  eine  besondere Form von Gesundheit: sie trägt Sorge für das "gute Leben". Man ist froh.   Was  das  bedeuten  und  vor  allem  zu  welchen  gefährlichen  Reaktionsstilen  dieser Stress einer moralisch aufgeladenen Empathie (Wilson/Lindy) führen  kann. dass es Leute  gibt.  Reemtsma).  bescheinigt  ihnen.  dass  sie  was  'ganz Tolles' machen.  Man  klopft  ihnen  auf  die  Schulter. Denn man kann auf diesem Wege eigene Abhän‐ gigkeiten. was ihr da macht. nenne ich „ethical care“: die ethi‐ sche  Zuwendung.  Ethisch  ist  die  Zuwendung.  Denn  sie  treibt  ihre  Mitarbeiter  in  die  Krank‐ heit. Entsprechend wurde der Einsatz für Opfer in den letzten  Jahren  spürbar  aufgewertet  (J.  Depressionen  beim  Gegenüber  deponieren. zum Rückzug etc.P. ich könnte das nicht.Opfer genießen in unserer Gesellschaft inzwischen ganz generell eine "mo‐ ralische Autorität". Und entlastet sich selbst.   6    . Was ich hier mache. zu  Verdrängung.2 Empathiestress in der Flüchtlingsarbeit Die moralische Aufwertung der Flüchtlingshilfe ist aber noch in einer zwei‐ ten  Hinsicht  problematisch. möchte ich an dieser Stelle primär auf  die Situation der Einrichtungen blicken.  8 Gut leben in der Auslän‐ derbehörde? Um  diese  einseitige  "moralische  Überhöhung"  der  Flüchtlingsarbeit  mit  ihren Folgen etwas zu "entspannen". Man möchte mit den eigenen angstbesetzten Abgründen.  zu  Grenzverlust. verleiht ihnen womöglich einen Menschenrechtspreis  (C.  Aber  darin  liegt  eben  auch  eine Versuchung.  Ohnmachtsgefühle. Pross) – und dann kann man die solcherart idealisierten Helfer guten Ge‐ wissens alleine lassen.  und man kann die Lust an der eigenen Macht und Überlegenheit unter dem  Mantel eines humanitären Engagements verbergen.

 dass sie im Kernbereich ihrer Persönlichkeit  verändern wird. also das Ausrei‐ zen  oder  gar  Überschreiten  des  eigenen  Kompetenzspielraumes. Ist das unter den derzeitigen  Bedingungen des Asylverfahrens möglich? Was macht die Arbeit „am Ran‐ de“  unseres  Staates  mit  den  legitimen  Interessen  der  dort  Tätigen?  Was  mutet das System des Asylverfahrens dem Angestellten oder Beamten zu?  8. Diese Angst.  Flüchtlinge  sind  so  gut  wie  un‐ schlagbare Konkurrenten im allgemeinen Wettbewerb um Aufmerksamkeit.  dass  ihnen  hier  etwas  angetan wird und zwar etwas. sind mögliche Reak‐ tionen auf diese Nichtbeachtung der Angestellten und Beamten.  7    .2 Angestellte und Asylanten: Konkurren‐ ten im Wettbewerb um gesellschaftliche Auf‐ merksamkeit Im  Vergleich  zu  den  Ängsten  von  Flüchtlingen  fallen  natürlich  solche  „Sor‐ gen“ der künftigen Beamten nicht ins Gewicht. Die Konse‐ quenzen tragen jedoch letztlich die. für die unsere Hochschule ja zuständig ist. was wir als Belastungen und damit  als  Anlass  von  Fürsorge  und  Aufmerksamkeit  gesellschaftlich  anerkennen. Sie  wollen  es  nicht.  und  damit  ein  reflexhafter  Neid  sind  mit  ein  Grund  für  die  Abwehr  von  Flüchtlingen. dass men‐ schenrechtlich  vielleicht  berechtigte  Forderungen  genau  an  denjenigen  ungehört und ungefühlt vorbeigehen.   Allein:  Solange  die  Situation  der  Sachbearbeiter  ausgeblendet  und  nun  ih‐ rerseits bagatellisiert wird. um die es eigentlich und im Kern geht:  die Asylsuchenden. solange bleibt die Gefahr  bestehen. Es ist eine Erfahrung aus  der Ausbildung.  aber  für  mich immer wieder lehrreiche Erfahrung schildern.1 Die Angst der Studenten vor dem Abstumpfen Zur  Erläuterung  meiner  Fragestellung  will  ich  noch  eine  kleine. Overenforcement.  weil  sie  intuitiv  das  Gefühl  haben.  Traumatisierungen toppen einfach alles.  für  den  latenten  Simulationsverdacht  ih‐ nen  gegenüber  oder  für  die  Bagatellisierung  ihrer  Leiderfahrungen  (K. die  für den durchschnittlichen bundesdeutschen Beamten schon eine Belastung  bedeuten.„Gut leben“ meint nun allerdings nicht wellness.  oder  Underenforcement. die Verletzung der Sorgfaltspflicht. So gut wie alle Studie‐ renden wollen später nicht in die Ausländerbehörden versetzt werden. Aber genau das: genau die‐ ser  Vergleich  ist  schon  Teil  des  Problems. mit den eigenen „kleinen Sorgen und Nöten“ keine  Rolle  mehr  zu  spielen.  Etwas provokativ gesagt: Der Flüchtling will gerade die Probleme haben. an die solche Appelle gerichtet wer‐ den und die sie auch umsetzen könnten.  Ot‐ tomeyer). in Übereinstimmung mit sich selbst. sondern: Leben in Selbst‐ achtung.  8. Diese Erfahrung  ist ganz schlicht: Es ist die von allen Studenten über alle Kurse hinweg glei‐ chermaßen geäußerte „Angst vor dem Abstumpfen“.

  nehme  ich  ihm  auch  den  Grund.8. warum er von sich selbst sagen darf: Ich bin  nicht einfach „egal“. Honneth).  Aber  vielleicht  kann  man  sagen:  Die  Achtung  menschlicher  Würde  ist  die  Achtung  vor  seiner  Freiheit. Verant‐ wortung übernehmen. Was  macht das Asylverfahren mit seinem Anspruch auf Achtung seiner Würde?   8. Spaemann). die in Schuld vor ihrer Verantwortung  fliehen oder die sie missbrauchen können.   Einander  Achtung  entgegenbringend  anerkennen  wir  uns  als  Wesen.1  unserer  Verfassung  weg vom Grundrechtsberechtigten hin zum Grundrechtsverpflichteten.  die  Verantwortung übernehmen. nicht einfach austauschbar. Ethisch gut ist vielmehr ein Leben. 1 des Grundge‐ setzes denkt wahrhaft groß vom Menschen.  das  ist  die  "Drehung"  von  Art. die ihr gerecht werden können. ich bin nicht einfach „überzählig“.  warum  er  sich  selbst  achten  soll. in  dem der Mensch das entfalten und verwirklichen kann. nehme ich ihm den Grund.4 Würde haben heißt: frei sein. weil  es hier nicht um körperliche Fitness  und psychische Ausgeglichenheit geht. schuldig werden können.  8    . keine bloße Funkti‐ on in einem über mich abrollenden Mechanismus. schenkt damit  jedem  Menschen das gute Gefühl. Bedeutung haben Was  aber  heißt  das:  menschliche  Würde?  Der  Streit  darüber  ist  endlos.3 Was macht das Asylverfahren mit der Würde der Verwal‐ tungsmitarbeiter? Ich frage also. Auch die Selbstverdinglichung (A. damit die Mitar‐ beiter  der  Ausländerverwaltung  die  Chance  zu  einem  "gutem  Leben"  ha‐ ben? Ethisch  ist diese Frage und. kein bloßer  Niemand zu sein (R. Er verbietet die Verdinglichung  des Menschen. was Grundlage sei‐ ner Würde ist: unsere Freiheit.   Was  ich  hier  also  tue. wie muss der Arbeitsplatz beschaffen sein. Der Art.   Wo ich – aus welchen Gründen auch immer – dem Menschen diese Fähig‐ keit  nehme. aber natürlich  auch: wir anerkennen uns als Wesen.  seiner  Selbstbestimmung  und  damit  seiner  Fähigkeit zur Verantwortung.

       dass den an ihm beteiligten Verwaltungsmitarbeitern das Gefühl ih‐ rer eigenen Verantwortung nicht genommen wird?   dass  sie  sich  erleben  dürfen  als  Menschen.8.6 Im Asylverfahren muss die eigene Würde und damit die eigene Verantwortung und Schuldfähigkeit erlebbar bleiben Wenn die Würde des Menschen wirklich in seiner Verantwortungsfähigkeit  besteht und wenn das Maß dieser Verantwortung im Rahmen des Asylver‐ fahrens mehr als erheblich ist. ohne  die Erfahrung der Schuld. ist das höchste Gut.   9    .   Es ist eben dieses außerordentliche Gewicht der Entscheidung.  dass sie also – um es hart zu formulieren – dass sie also auch nicht  um die Möglichkeit betrogen werden.  die  also  die  eigenen  Entscheidungen  wirklich  als die „eigenen“ empfinden.  manchmal  auch  unheimliche  und  einsam machende Erfahrung von Schuld.  im  Rahmen  von  Ermessens‐  und  Be‐ wertungsspielräumen  sowie  durch  ein  weites  Repertoire  an  mikropoliti‐ schen und informellen Praktiken.  8. Sie tun dies auf  der  Grundlage  rechtlicher  Vorgaben. die das be‐ sondere Maß der Verantwortung der Verwaltungsmitarbeiter definiert. die Erfahrung von Schuld zu  machen?  Menschliche Verantwortung ist nicht zu haben ohne ihre dunkle Seite.  Die  im  Asylverfahren  beteiligten  Instanzen  verfügen über Lebens‐ eventuell sogar Überlebenschancen. An keiner Stelle unserer Gesellschaft wird in so fundamenta‐ ler  Weise über  existentiellste  Belange  von  Menschen  entschieden  wie  im  Rahmen  des  Asylverfahrens. ist  Ausdruck unserer Freiheit und damit unserer Würde.  aufwühlende.5 Das Gewicht der Verantwortung im Asyl‐ verfahren Die Frage nach der Würde des Verwaltungsmitarbeiters resultiert aus dem  eingangs schon angedeuteten. gefunden und vollzogen wird. besonderen Wert jener Entscheidung. die im  Rahmen des Asylverfahrens gesucht. Dass wir aneinander schuldig werden können.   Achtet und schützt der Staat eben diese Würde. dann achtet und schützt er  uns nicht nur als potentiell verletzliche Wesen.  die  mehr  sind  als  eine  bedeutungslose  und  letztlich  ohnmächtige  Funktion  im  Verwal‐ tungsapparat?   dass sie sich erfahren dürfen als Menschen. die hinter dem stehen  können. dann lässt sich folgende Frage stellen: Ist das  Asylverfahren so eingerichtet. Worum  es hier geht. Er achtet und schützt immer  auch  die  schmerzhafte.  was  sie  tun. was der Staat zu vergeben hat: das Gut der  Zugehörigkeit.

 dass unser Le‐ ben  Gewicht  hat.  ist  nicht  das  unbeschwerte  Wohlgefühl  einer  sorglosen  Existenz. mit dem eigenen Denken. zumindest wenn diese sich nicht kennen. nämlich die Norm.  zwingt  zu  der  mitunter  sicher  auch  beängstigenden  Er‐ kenntnis.  Sie  ist  vielmehr das Bewusstsein.  das  Erlebnis  der  Nichtzuständigkeit.  dann  vermittelt  dieses  passive  Verhaltensmodell  eine  ganze  bestimmte „Situationsnorm“. die die Ethik im Auge hat. jene besondere Gesundheit also. gravierende Spuren zu hinterlassen.  so  doch  aus  eigenen  Lebenserfahrung. Mit anderen Worten:  Das Gefühl für die eigene Verantwortung „diffundiert“.   Das gute Leben. weil  wir uns darin selbst um unseren Wert bringen. dass die in ihm tätigen  Angestellten und Beamten sich selbst als zuständig für den Lebensweg und  die  Lebenschancen  eines  anderen  Menschen  erfahren  dürfen.  Geschieht  ein  Unglücksfall  oder  womöglich  ein  Verbrechen.  das  der  Würde  der  Verwaltungsmitarbeiter  gerecht  wird?  Das  ihnen  das  gute Gefühl der eigenen Freiheit und Verantwortung schenkt?   9 Das Asylverfahren darf nicht so stark fragmen‐ tiert werden. desto weniger  fühlt sich der einzelne in der Verantwortung. Entscheiden und Han‐ deln erkennbare. dass wir es uns mit uns selbst nicht zu leicht machen dürfen. Jedenfalls nicht ohne Selbstbetrug. zu helfen. Das  eine ist nicht ohne das andere zu haben. nicht die Ausnahme ist?  9.Der Unschuldswahn unserer Gesellschaft ist ein Wahn auch deswegen. u.  dass  diese  Erfahrung der Selbstzuständigkeit also die Regel.   10    Pluralistische Ignoranz .  Was ergibt sich aus diesen Überlegungen? Wie sieht das Asylverfahren aus. Sie alle kennen es unter dem  Titel  „Bystander“‐Effekt. entscheidende Voraussetzung dafür liegt in der Frage.   Hinzu kommt ein zweites: Wenn etwa zwei einander unbekannte Personen  sich  einer  Unfallstelle  nähern  und  eine  Person  ignoriert  offensichtlich  die  Notsituation. hervorragend untersucht.  und  wenn  nicht  unter  diesem  Titel. Die Einsicht. dass  ein Eingreifen augen‐ scheinlich nicht erforderlich ist. dass die ei‐ gene Verantwortung der Verwaltungsmitarbeiter „diffundiert“. also un‐ fühlbar wird Die erste und m.  ist  die  Chance  Hilfe  zu  erhalten  umso  kleiner  je  mehr  Men‐ schen als Zeugen in der Nähe sind.U.   Was geschieht hier? Zwei Punkte sind relevant:   Je mehr andere Leute in einer Notfallsituation zugegen sind.1 In  der  Sozialpsychologie  ist  das  gegenteilige  Phänomen. Verantwortlichkeit  für  die  Situation  verflüchtigt  sich  exponentiell  mit  der  Zahl  der  An‐ wesenden. ob  und inwieweit das Asylverfahren so strukturiert ist.E.

  fragmentiert. effizi‐ enz‐. Ist im Asylverfahren  gewährleistet.    wird  dem  Verwaltungsmitarbeiter  die  Chance  genommen. „fallzahlenorientiert“. je weiter es „funktional aus‐ differenziert“  wird.  was  man  das  „Problem  der  vielen  Hände“  nennt  (D.  also  auch  für  die  Würde  des  eigenen  Tuns.   Genau  so  aber  entsteht. Sie arbeiten primär ressourcenschonend.  seine  Ver‐ antwortung wirklich als etwas zu erleben.  das  Gefühl  für  die  eigene  Würde.  ihr  Tun  und  damit  sie  selbst  also letztendlich bedeutungslos sind. was ihn und niemanden an‐ deren direkt.  Die  Aufspaltung  des  Gesamtverfahrens  auf  möglichst  viele Stellen scheint mir daher „unter der Würde“ der Verwaltungsmitar‐ beiter zu sein.  sieht  es  manchmal  so  aus.2 Das organisatori‐ sche „Problem der vielen Hände“ Ein  analoges  Phänomen  taucht  –  und  hier  sind  wir  beim  Bild  vom  „Fließ‐ band“ – auch auf der Ebene von Organisationen und Organisationsabläufen  auf.  leiblich  vermittelten und damit persönlichen Begegnung haben? Wo diese persön‐ liche Beziehung ausgeschlossen wird.  Im  Vorfeld  dieser  Tagung  kursierte  neben  dem  Fließband  noch  eine  andere Metapher für das Asylverfahren: die der Abfüllanlage.In der Summe führt dieses Phänomen also zu einem Zustand pluralistischer  Ignoranz: Viele Augen sehen bezeichnenderweise – nichts.   10 Persönlichkeit des Ver‐ fahrens oder Leidenkönnen an der ei‐ genen Entscheidung Darin liegt schon ein zweiter Aspekt.  dass  ihr  Beitrag  „nicht  ins  Gewicht“  fällt.  was  man  den  „sense  of  dignity“  nennt.   Je weiter das Asylverfahren fragmentiert wird.h.  desto  mehr  ist  das  gefährdet.   11    .  dass  seine  Akteure. Thompson):  Wo viele entscheiden und viele ihren (vermeintlich oder wirklich „kleinen“)  Teil  zum  Gesamtergebnis  beitragen.    direkten. hier und jetzt in Anspruch nimmt.   9.  d.  zeitlich  und  sachlogisch  zusammenhängende  Folge  von  Funktionen  aufge‐ spalten.  die  Möglichkeit  zu  einer  menschlichen.  als  hätte  niemand entschieden und sei also auch niemand dafür verantwortlich.F.   Während  in  diesem  Verfahren  einerseits  existentielle  Entscheidungen  ge‐ troffen werden. Was ist eine  solche Anlage? In einer Anlage wird ein Verfahren in eine abgeschlossene. gaukelt es den dieser Entscheidung Beteiligten andererseits  vor. eine zweite Frage.  also  „Subjekte“  und  „Objekte“  des  Ver‐ fahrens.  Anlagen  verteilen  wiederkehrende  Aufgabenpakete  auf verschiedene Schultern.

 ohne ihm in die Augen schauen  zu können.  womöglich  univer‐ sellen Kriterien zu prüfen. was  man anstellt. dass die von ihm erwarte‐ te  Rechtsanwendung  mehr  ist  also  das  Einhalten  einer  Norm. und damit für das.  Verliert  er  das  Gefühl  für  diese  Zumutung.   Er  muss  beides  sehen  können:  Seine  Verantwortung  gegenüber  dem  Rechtsstaat und seine Verantwortung gegenüber jenen. Aber ohne eben diese Fähigkeit wird Verantwortung und da‐ mit das.  dass  der  Willkür  Tür  und    Tor  geöffnet  wird. Das kann.  bedeuten.  Ohne  Ansehen  der  Person  urteilen zu können.  vollziehen.  dass  die  Ablehnung  eines  Asylantrages  nicht nur schriftlich.   es wird ihm die Chance genommen zu sehen. was unsere Würde ausmacht.  Sie  bedrohen die moralische Phantasie.  dann  verliert  er  sich  selbst. heißt nicht zu urteilen. Diese Fähigkeit zu einer unpersönlichen.  muss  die  Möglichkeit  behal‐ ten.  weil  emotional  verankertes  Bewusstsein  für  die  Tragweite  seiner  Ent‐ scheidung und seines Tun zu bekommen. neutra‐ len  und  sachlichen  Beurteilung  ist  eine  historische  Errungenschaft. um den äußers‐ ten  Fall  anzusprechen. Auch zu ihr gehören die Fähigkeit und die Be‐ reitschaft.   Moral ist mehr als Empathie. eine wirkliches. was er tut.  Auch  nicht  der  gutgemeinten.  was  der  Rechtsstaat  in  seiner  Perso‐ nen hier und jetzt vollzieht. tragfähiges. also die Fähigkeit sich vorzustellen.   12    .  verantworten  muss.   Aber: Diese Fähigkeit stellt immer auch eine echte Zumutung dar für den. Ohne diese Möglichkeit wird der Mensch blind  für das.  der Recht in einer konkreten Situation und vor einem konkreten Menschen  verwirklichen.  der  menschlich liebenswürdigen Willkür. denen eben dieser  Staat auch dann noch gerecht werden will.  den  Schmerz  über  eine  ablehnende  Entscheidung  wirklich  zu  fühlen.  er  muss  also  an  seiner  Entscheidung  leiden  können.  das  eigene  Entscheiden  an  übergeordneten. was er ist.   11 Im Angesicht des Men‐ schen ohne Ansehen der Person urteilen Um  einem  Missverständnis  vorzubeugen:  Es  geht  mir  nicht  um  eine  Emo‐ tionalisierung  und  Subjektivierung  des  Asylverfahrens  in  dem  Sinne.  Umgekehrt erhöhen eine Fragmentierung und Anonymisierung des Asylver‐ fahrens  aus  Sicht  der  Ethik  das  Risiko  einer  gefährlichen  Betäubung.  dass  sie  vielmehr eine wirklichkeits‐ und lebensverändernde Tat ist. eigentümlich leer.  es wird ihm weiter die Chance genommen. wenn er ihnen die Zuflucht nicht  gewähren oder ein Bleiben nicht ermöglichen kann. Das kann im negativen  Fall  bedeuten:  Der  Rechtsanwender  muss  die  Chance  behalten.  Trauer  über  das  zu  empfinden.  Mit  ihr  steht und fällt die Idee der Rechtstaatlichkeit. sondern immer auch persönlich geschehen sollte.

  Wer  in  diesem  Verfahren  mit‐ wirkt.  die  vielleicht  nicht  sofort  auf  der  Hand  liegt. die  Asylsuchenden. über  sich selbst entscheidendes Wesen.   12 Eine Konsequenz: Wer am Asylverfahren betei‐ ligt ist. wird sich automatisch gegen die wehren. Er wird sich weh‐ ren gegen die Zumutung. darf nicht „zwangsversetzt“ sein Es  gibt  eine  ganze  Reihe  von  recht  pragmatischen  Konsequenzen  meiner  Überlegungen – etwa das Angebot zur Supervision für die Verwaltungsmit‐ arbeiter  oder  die  Beschränkung  der  Fallzahlen.   13 Sich irren dürfen: Über die Würde der Asylge‐ währung Zum  Abschluss  meiner  Überlegungen  möchte  ich  eine  letzte. möchte ich hier wenigstens kurz hinweisen. die Flüchtlinge. darf dies nicht nur tun. ob er dieses  Verfahren wirklich aushalten kann.  die ihm diese Arbeit zumuten – und das sind in diesem Fall die Fremden. der sich sollte sich  dort wirklich „zuhause“ fühlen. dass für den Rechtsanwender die gute  Frage wach bleibt. weil es für ihn oder sie die einzige Möglichkeit  darstellt. einer Beschäftigung im öffentlichen Dienst nachzugehen.Wird das Asylverfahren so gestaltet. dann nimmt das Asylrecht den Mitarbei‐ ter  der  Verwaltung  als  das  wahr.   Wer sich gegen eine Arbeit wehrt. seine Verantwortung  an  genau  jener  Stelle  entfalten  und  bewähren  zu  müssen. seine Freiheit. seine Würde. Wer über die Auf‐ und Annahme anderer Menschen  in unserer Gemeinschaft entscheidet oder an dieser Entscheidung mitwirkt.   13    .  eine  dritte  Anfrage an das derzeitige Asylverfahren stellen.  mit  seiner  Arbeit  eine  Entscheidung  über  Menschen  zu  fällen.  der sollte sich bei eben dieser Arbeit selbst aufgehoben.  an  die  er  sich  „zwangsversetzt“ fühlt.  für  die  ein  einzelner  Ent‐ scheider zuständig ist.   Das  Maß  an  Verantwortung  und  das  Maß  an  existentieller  Beanspruchung  ist  im  Rahmen  des  Asylverfahrens  extrem. Und er wird sich gegen das Gefühl wehren.   Auf  eine  besondere  Konsequenz. ob er diesem Verfahren wirklich gewachsen. zu Selbstbestimmung fähiges.  was  er  nach  dem  Menschenbild  unserer  Verfassung ist: ein in erster Linie freies.  mit  einem  Wort: er wird seine Verantwortung nicht spüren wollen.

 und darin liegt vielleicht auch die Würde eines solchen Aktes.  welches  vielleicht  etwas dahinter Verborgenes verraten könnte.  Es  bleibt  die  Unruhe. durch den nicht die Fluchtgründe.  Darüber  hinaus  droht  auch  der  Kon‐ takt zur Wirklichkeit zu schwinden.  vor  allem  aber  mich  selbst  krank.  und  wenn  man  generös  sein  will.   Genau darin liegt wieder eine Gefahr für die Freiheit und damit auch für die  Würde der Verwaltungsmitarbeiter.  sich  gegebenenfalls  in  der  Person  geirrt  zu  haben.  dass  wir  den  Asyl‐  und  Zufluchtsuchenden  generell  entgegenbrin‐ gen.   das die Kraft hat. sich enttäuschen zu lassen. Es ist ein offenes Geheimnis.   14    .   Misstrauen aber ist ein Gift (O. Man kann den  anderen Menschen nicht mehr unbefangen sehen.  Bedrohung  und  Gefahr.  die  Befürchtung.“   Vielleicht gibt es kein Recht auf Lüge. der mich sehr berührt hat: „Die Asylgewährung ist immer  eine  Frage  der  Generosität.  In  den  Beratungen  des  Parlamentarischen  Rates  hat  Carlo  Schmid  jedoch  einen Satz gesagt.  Das  ist  eine  Seite davon. Aber vielleicht gibt es eine Pflicht zum  Vertrauen. Man kann den Verdacht  nicht einfach bei Seite schieben. sondern zunächst einmal  der Fluchtweg erforscht wird. Verheerend nämlich ist das Misstrauen. nicht nur ein diffuses Klima von  Unsicherheit. Dadurch verändert sich die Gesamtsituation.  Täuschung  und  Verheimlichung. sondern nur noch in der  Perspektive des betreffenden Verdachts.  Es  bleibt  die  ängstliche  Sorge. das bereit bleibt.  eine  Pflicht.  Misstrauen  setzt  Lüge  und  Verstellung  vo‐ raus.  die  Unterstellung  von  Lüge.  Jede  Äußerung  wird  nicht  mehr  unbefangen  als  das  genommen. Man umschleicht ihn gewisserma‐ ßen  mit  misstrauischem  Blick  und  sucht  nach  Indizien.Fr Bollnow) und zwar für alle Seiten des Ver‐ fahrens. der Naive.  die  den  Verdacht  bestätigen  könnten.  sondern  als  Indiz.  muss  man  riskieren.  der Dumme zu sein. Misstrauen verstellt den Blick  auf  die  Situation  und  vergiftet  menschliche  Beziehungen.  was  sie  von  sich  aus  ist.  es  bleibt  der  Argwohn.  Es  richtet  sich  immer  auf  etwas. Diese argwöh‐ nische  Haltung  hat  sich  im  Asylverfahren  vor  allem  im  Fragenkatalog  nie‐ dergeschlagen.Auf internationaler wie nationaler Ebene wird der Umgang mit Asylsuchen‐ den dominiert durch den Kampf gegen illegale Einwanderer. der dieses Misstrauen hegt.  was  verborgen  ist  und  was  mir  gegenüber  verheimlicht  wird. der Leichtgläubige.  weil es in sich haltlos ist: Wer einmal von Misstrauen befallen ist.  fehlender  Dokumente  schei‐ tert.  die  das  Asylverfahren  darum  auch  fördern.  es  bleibt  der  Verdacht.  Im  schlimmsten  Fall  macht  es  diejenigen. aus dieser Enttäuschung keine Verbitterung und kei‐ nen Zynismus werden zu lassen. dass die Rekon‐ struktion  dieses  Reiseweges  regelmäßig  wg. Denn die Kultivierung des Misstrauens  schafft für den. man muss ihm nachgehen. lässt sich  so  gut  wie  nie  vom  Gegenteil  überzeugen.  nicht  aber unterlaufen darf: die Pflicht    zu einem Vertrauen. Dadurch aber verhärtet sich auch im konkreten Verfahren jenes Miss‐ trauen.  denen  ich  begegne.

  das lebendig bleibt.   was uns lebendig bleiben lässt. im  Zweifel  lieber  das  Belogenwerden  in  Kauf  zu  nehmen.  als  eine  Fehlent‐ scheidung zu treffen. wer weiß. als  Unrecht zu tun“. weil es das einzige ist. im Zweifel lieber „Unrecht zu leiden. die Sokrates am Anfang der abendländischen Phi‐ losophie  formuliert  hat  und  die  ihm  als  Garant  „guten  Lebens“  galt:  Viel‐ leicht gibt es wirklich eine Pflicht. was unsere Beziehungen am  Leben erhält. im Zweifel also lieber der Dumme zu sein als der Böse. weil es uns die Fähigkeit zur Freude am  anderen Menschen bewahrt.   15    . die der eigentli‐ che Meister des Fragens. vielleicht gibt es auch wirklich jene Pflicht.   Und.