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www.silviomeier.de.

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GEdenken an den von neonazis ermordeten antifaschisten silvio meier

ANTIFAJUGEND
info 2009

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Enough is Enough!
freiräume schaffen! gegen nazis, staat und kapital!
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INHALTSVERZEICHNIS
02 > STILL NOT LOVING POLICE-CONTEST
03 > AUFRUF Silvio Meier Gedenk-Demonatration 2009
04 > KLEINES 1x1 für Demogänger_innen
05 > BIOGRAFIE Wer war Silvio Meier?
06 > MELDUNGEN
07 > THE KIDS ARE UNITED Aufruf zum Schulstreik am 17.11.09
08 > INTERVIEW mit dem Jugendbündnis „Komm zur Jugendantifa!“
10 > No Justice, No Peace, Fight the Police! No Nation, No Border, Fight Law and Order!
11 > Die Polizei Mehr als dein „Freund und Helfer“
12 > JETON Das Tor zum Osten
12 > LIEBER NACKT als Thor Steinar
13 > DIE AUSLÄNDERBEHÖRDE AM NÖLDNERPLATZ Hort des staatlichen Rassismus
14 > Tschüssi statt Horrido Ein kleines Antifa »How to close a nazishop«
15 > Randbezirke Nord-Ost Projekte am Stadtrand
16 > Gesichter und Namen statt blinde Flecken Gedenken an Dieter Eich im Mai 2010
17 > Siempre antifascista Aktionswochen vom 11.-21.11.09
18 > DRESDEN 2010 CALLING! Widerstand im Februar 2010

Still not loving police-Contest

Räumung unserer Partys, Abschiebung unser migrantischen Freunde und Freundinnen, Überwachung unser Aktivitäten,
Angriffe auf unsere Demonstrationen und Verhaftung unser Genossen und Genossinnen: Immer wieder lässt uns der Staat
seinen repressiven Gewaltapparat spüren. Eins ist daher für uns klar: Still not loving police! Bei der diesjährigen Silvio-
Meier-Demonstration wollen wir dies auch nach außen vertreten. Wir rufen daher zu einem Contest unter diesem Motto
auf. Seid kreativ, lasst eure Fantasie spielen und zeigt Bullen und Staat, was ihr von ihnen haltet. Transparente, Pappschil-
der und alles weitere, was eure Fantasie hergibt, ist erwünscht. Die Teilnehmer_innen erwartet nicht nur das gute Gefühl,
selbst die Demonstration mitgestaltet zu haben, sondern auch ein kleines Teilnahmegeschenk auf der Silvio-Meier-Party.
Meldet euch diesbezüglich am Lauti.

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SILVIO MEIER
GEDENK - DEMONSTRATION 2009

Enough is Enough!
Linke Freiräume schaffen!
gegen Nazis, Staat und Kapital!

21. November 2009: Vor 17 Jahren wurde der Hausbesetzer und Antifaschist Silvio Meier ermordet. Während
einer Auseinandersetzung mit Neonazis am U-Bahnhof Samariterstraße in Berlin-Friedrichshain stach einer der
Neonazis mehrfach auf Silvio ein und verletzte ihn schwer. Kurze Zeit später erlag er seinen Verletzungen.

In Gedenken an Silvio und all die ande- -getreten hatten, selbst als er bewusst- zu wehren und für ein solidarisches Mit-
ren Opfer und Betroffenen von rechter los am Boden lag, wurde er schwer ver- einander kämpfen, müssen sich mit die-
Gewalt wird seitdem jährlich die Trauer, letzt in die Notaufnahme eingeliefert. Er sen Organen konfrontiert sehen.
der Protest und die Wut lautstark auf war kein zufälliges Opfer: Er wurde an- So sind auch viele alternative, linke und
die Straße getragen. Wie jedes Jahr gegriffen, weil er nicht in das beschränk- emanzipatorische Projekte bedroht. Die-
ruft auch diesmal ein Bündnis aus lin- te Weltbild der Neonazis passte, nicht se bieten Raum für eine lebendige, sub-
ken Gruppierungen zur jährlichen Silvio- desto trotz wurde der Mordversuch von kulturelle, Jugend- und Widerstandskul-
Meier-Gedenkdemonstration auf. den Medien und Politik als Links-Rechts tur. Nicht nur im Kampf gegen Neonazis,
Auseinandersetzung verharmlost. Sol- sondern ebenso als Orte für politische
che Ereignisse sind keine Einzelfälle. Sie Diskussionen, Veranstaltungen, Partys
Neonazis... reihen sich in eine lange Chronologie und als Freiräume gegen gesellschaft-
von Übergriffen mit z.B. rassistischer, liche Unterdrückungsformen. Die Ver-
Am Todestag von Silvio soll jedoch nicht homo-/transphober oder antisemitischer teidigung der bestehenden, sowie das
nur seiner Ermordung gedacht werden. Motivation ein. Erkämpfen neuer Freiräume ist deshalb
Rechte Gewalt ist nach wie vor ein ak- ein wichtiges Mittel gegen Vereinzelung
tuelles Problem, auch in Friedrichs- ...und andere Probleme und für eine solidarische Gesellschafts-
hain. Nicht selten treffen Neonazis auf ordnung. Hausprojekt, Infoladen, Polit-
ein rechtsoffenes Kneipen-, Party- und Trauer allein ändert nichts an den herr- kneipe, Wagenburg oder Antifacafé: all
Konsummilieu, in dem sie ungestört schenden Verhältnissen in einer Gesell- dies sind Orte, die ständigen Bedrohun-
ihre menschenverachtenden Ideologi- schaft, in der sich mensch ständig mit gen ausgesetzt sind.
en vertreten und äußern können, ohne Rassismus, Homophobie, Sexismus,
auf großen Widerstand zu stoßen. Die staatlicher Kontrolle und kapitalistischer Aktuell sind zum Beispiel die Hauspro-
Großraumdisko „Jeton“, der Thor Stei- Ausbeutung konfrontiert sieht. Neben jekte Liebigstraße 14, Brunnenstraße
nar-Laden „Tromsø“ in Friedrichshain Angriffen von Rechts stellen kapitalisti- 183, Rigaer Straße 94 und der Wa-
und die Nazikneipe „Zum Henker“ in sche Stadtumstrukturierungsprozesse genplatz Schwarzer Kanal akut von
Schöneweide sind nur einige Beispiele (Gentrifizierung), polizeiliche Überwa- Räumung bedroht, weil sie auf gewinn-
für solche Orte. Keine Woche vergeht, chung und mediale Hetze einen wei- versprechendem Boden liegen und
in der es nicht zu Angriffen auf ver- teren Teil der Zumutung dar, den es überteuertem Wohnraum weichen sol-
meintliche Migrant_innen oder Anders- entschlossen entgegen zu treten gilt. len.
denkende kommt. Dies zeigt auch die Ob Polizeigewalt auf Demos, schikanie-
jüngste Geschichte: rende Kontrollen auf dem abendlichen „Zur falschen Zeit am falschen
Nachhauseweg, permanente Überwa- Ort?“
Am 12.07.2009 wurde ein Jugendli- chung durch zivile Polizei-Einheiten, auf-
cher am S-Bahnhof Frankfurter Allee hetzende Zeitungsartikel in der Presse Aber auch abseits der Freiraumthema-
von einer Gruppe Neonazis, die sich oder profitorientierte Investoren, Firmen tik haben Menschen mit Problemen zu
zuvor im Jeton aufhielten, angegriffen. und Hausbesitzer. Menschen, die anfan- kämpfen, wenn sie das Maul aufmachen,
Nachdem sie auf ihn eingeprügelt und gen sich aktiv gegen solche Tendenzen sich zur Wehr setzen und ihren Protest

Fortsetzung auf S. 5!
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Ein kleines 1x1 für Demogänger_innen
Antifa Prenzlauer Berg

Jetzt geht es los, es ist vielleicht sogar Wenn ihr euer Zuhause nicht ohne Han- che gebracht. Wichtig ist: macht keine
eure erste Demonstration?! Informiert dy verlassen wollt oder könnt, macht es Aussagen. Es ist wirklich einfacher gar
euch bitte vorher über eventuelle Aufla- bitte aus sobald ihr auf der Demo ange- nicht mit den Bullen zu reden, denn die-
gen der Bullen, die letzten Jahre waren kommen seid! Denn mensch weiß ja nie se sind psychologisch geschult.
Springerstiefel immer verboten. Aber wie doof es kommen kann und wer will Die einzigen Angaben die ihr ma-
erst einmal ein paar grundlegende Din- schon, dass die Bullen die Nummer eu- chen müsst sind Name, Adresse,
ge. Zieht euch bequeme und unauffäl- rer Freund_innen und alle SMS lesen. Geburtsdatum/-ort, Staatsbürger-
lige Sachen/Schuhe an, in denen ihr (Sie haben auch die Technik um eure schaft und eine ungefähre Berufs-
euch wohl fühlt und die zu dem Wetter Handys auszulesen, wenn diese aus- bezeichnung (z.B. Schüler_in oder
da draußen passen. Was ihr unbedingt geschaltet sind.) Es ist außerdem prak- Erwerbslose).
mitnehmen solltet wäre euer Personal- tisch, vorher alle Taschen und auch euer
ausweis (unter 16 Jahren Schüler_in- Portemonnaie mal durch zu schauen. Wenn ihr wieder draußen seid meldet
nenausweis), ein bisschen Kleingeld für Lasst alle Adressen, Telefonnummern, euch beim EA ab und schreibt zu Hau-
den Anruf im Ernstfall (Festnahme) und Fotos, Messer, Gras etc. zu Hause. Das seein kurzes Gedächtnisprotokoll. (Was
wichtige Medikamente. einzige was noch ganz sinnvoll ist ein ist wann, wie passiert bezogen auf die
Geht bitte nie alleine auf eine Demonst- Stift, mit dem ihr euch etwas aufschrei- Bullen, ohne die Nennung von Strafta-
ration, denn in der Gruppe ist es immer ben könnt. ten!) Wenn ihr eine Festnahme beob-
lustiger und außerdem einfacher, Situati- Der EA (Ermittlungsausschuss) sind achtet, versucht den Namen der Person
onen einzuschätzen und angemessen zu Leute, die hauptsächlich die Namen und zu erfahren und meldet es dem EA.
reagieren. Zu eurer eigenen Sicherheit Geburtsdaten von den Festgenomme- Auch in diesem Fall solltet ihr zu Hause
und der aller anderen wäre es sinnvoll, nen sammeln. Sie haben gute Kontakte ein kleines Gedächtnisprotokoll schrei-
dass ihr auf den Konsum von Alkohol zu Anwält_innen und kümmern sich im ben und es dem EA zukommen lassen.
und Drogen verzichtet. Sprecht vorher Ernstfall um einen Rechtsbeistand für Nach der Demo gilt das gleiche wie auf
über eure Ängste und diskutiert darü- euch. Außerdem versuchen sie heraus dem Hinweg: Verlasst den Veranstal-
ber, was jede_r einzelne möchte und wie zu finden, auf welche Wache oder in tungsort zusammen mit eurer Bezugs-
weit ihr gehen wollt. Des Weiteren ist es welche Gefangenensammelstelle ihr gruppe! Aber am wichtigsten, trotz des
sehr praktisch, sich einen gemeinsamen gebracht wurdet. Die Nummer des Ber- ernsten Anlasses, habt Spaß, seid laut
Namen auszudenken. Der kann euch liner EA`s lautet: 030 / 69 222 22. und bringt eure eigenen Transparente
dann durch lautes Rufen helfen, dass ihr mit!
euch in unübersichtlichen Situationen Falls ihr festgenommen werdet, heißt es
wieder findet. Zusätzlich ist es sinnvoll, erstmal Ruhe bewahren, ruft laut euren
sich schon vorher einen gemeinsamen Namen und euer Geburtsdatum, so dass Weitere Informationen bekommt
Treffpunkt auszumachen, falls ihr euch der EA von anderen verständigt werden ihr hier:
verlieren solltet. kann. Lasst euch nicht von den Bullen www.abc-berlin.net, www.rote-hilfe.de,
Bei allem was ihr tut denkt daran, es einschüchtern und ab jetzt ist Fresse www.freilassung.de
gibt immer auch Bullen die in zivil die halten angesagt! Ihr werdet meistens http://17oktoberleipzig.blogsport.de/
Demo begleiten bzw. an ihr teilnehmen. zur Personalienfeststellung auf eine Wa- images/bezugsgruppenreader.pdf

NO CAMERA NO PROBLEM
Aufgrund der immer stärker werdenden staatlichen Repression, fordern wir einen verantwortungsvollen Umgang mit
der sich immer weiter entwickelnden Technik (Digitalkameras und Fotohandys)! Lasst diese am besten gleich zu Hause,
denn es reicht schon, dass wir permanent von den Bullen und den Journalisten gefilmt und fotografiert werden... Be-
lastendes Material, welches Straftatbestände zeigt, führt immer wieder zur Überführung der Akteur_innen. Zum einen
können Digitalkameras einfach beschlagnahmt werden und ihr müsst unter Umständen als Belastungszeuge vor Gericht
aussagen (sonst Beugehaft), oder Menschen werden durch in Netz gestellte Videos nachträglich identifiziert. Also schützt
euch und andere, in dem ihr selber keine Aufnahmen macht und andere daran hindert dies zu tun.

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HEAD
Fortsetzung von S. 3!
Fließtext
in Taten umsetzen. So sind in der Ver- Ordnung schreienden Politiker_Innen zu Solidarität auf. Wir rufen deswegen
gangenheit viele Aktionen gelaufen, die erzeugte Druck auf die Ermittlungsbe- alle, die kein Bock mehr haben auf Na-
sich gegen Neonazis, Polizei und Kapi- hörden steigt, so dass nun jede x-belie- zistress, Räumungen linker Projekte
talismus richteten. Den staatlichen Orga- bige Person ins Visier der Ermittlungen permanente Überwachung durch Bullen
nen ist das ein Dorn im Auge. Was folgt, rutscht und somit ganze vermeintliche und Probleme durch eine profitorientier-
ist Überwachung und Ermittlungen. Oft Straftäter_Innenkreise konstruiert wer- te Umstrukturierung der Stadt auf, dies
spielen Politik und Medien dabei eine den, um „Ergebnisse“ der Öffentlichkeit auf der Silvio-Meier-Demo 2009 laut-
bedeutende Rolle. So wird beispiels- präsentieren zu können. So auch im Fall stark und entschlossen zum Ausdruck
weise in der Presse regelrechte Hetze von Alex und Christoph. Beide saßen zu bringen.
gegen vermeintliche „Hassbrenner“ monatelang in Untersuchungshaft, weil
oder „Chaoten“ betrieben. Diese wer- Polizei und Staatsanwaltschaft sie will- Nazis, Staat und Kapital in die
den dafür verantwortlich gemacht, wenn kürliche beschuldigen, Autos in Brand Suppe spucken!
sich Straßenraum als Freiraum ange- gesteckt zu haben. Hinaus zur Silvio-Meier-Demo!
eignet wird, staatliche Einrichtungen an- Wenn Menschen sich aus unterschied- Enough is Enough!
gegriffen oder Fahrzeuge bedeutender lichsten Gründen dazu entschließen Wi-
Wirtschaftsunternehmen zerstört wer- derstand zu leisten, ist das legitim. Wir SILVIO-M
den. Der in den Medien und von nach unterstützen diese Menschen und rufen 21. 1 EIER-DE
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Wer war Silvio Meier?!


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Hintergründe zum Mord am 21.11.1992 Antifaschistische Linke Berlin

AUS TRAUER WIRD WUT Am Abend des 21. November 1992 war Silvio Meier mit drei FreundInnen auf dem Weg
zu einer Party. Auf dem U-Bahnhof Samariterstraße trafen sie auf eine Gruppe junger Neonazis, von denen einige rechte
Aufnäher trugen. Die Linken stellten die Rechten zur Rede und nahmen ihnen die Aufnäher ab.

Durch den Streit hatten sie die letzte U-Bahn verpasst und wollten den Bahnhof wieder verlassen. Auf der Mittelebene
warteten jedoch die Neonazis und stachen auf Silvio und seine Freunde ein; er starb kurze Zeit später. Noch im Kranken-
haus wurden die drei Linken verhört und ihnen vorgeworfen, schuld am Tod ihres eigenen Freundes zu sein. Die Nazis,
im Alter zwischen 14 und 19 Jahren, hatten angegeben, mit Silvios eigenem Messer attackiert worden zu sein, obwohl
die Linken unbewaffnet waren.

Die Polizei leugnete zudem, dass der Mord einen politischen Hintergrund hätte. Erst durch intensive Öffentlichkeitsarbeit,
Demonstrationen und spektakuläre Aktionen (wie das Niederbrennen des Jugend-Clubs, in dem die Nazis verkehrten)
wurde die Tat weiter untersucht und die rechte Gesinnung der Täter offensichtlich. Obwohl die Anschuldigungen ge-
gen Silvios Freunde komplett zusammenfiel, hatte der Mord ein jähes gerichtliches Ende. Von den zwölf am Überfall
beteiligten Nazis (drei Frauen und neun Männer) wurde nur gegen fünf Nazis ein Prozess eröffnet. Die Anklage lautete
auf »schwere Körperverletzung mit Todesfolge«, was eine Tötungsabsicht von Grund auf ausschließt. Silvio wurde mit
mehreren Messerstichen in die Brust getötet. Was ist dass, wenn keine Tötungsabsicht? So wurde der Mord auch von
Justizwegen her, als »normale« Schlägerei und nicht als politische Tat, mit politisch handelnden Akteuren geahndet. Drei
der fünf Nazis wurden zu Haftstrafen verurteilt.

Wer war Silvio Meier


Der damals 27-jährige Silvio Meier wohnte in einem besetzen Haus in Friedrichshain. Es war eines der ersten Häuser,
die bereits im Dezember 1989 besetzt wurde. Silvio war bereits in der DDR in linken Gruppen, außerhalb des Staats-
Rahmen engagiert. Linke Kräfte sammelten sich damals in der »Umweltbibliothek« um die Zionskirche im Prenzlauer
Berg. Für Silvio Meier gehörte antifaschistisches Eingreifen zum Alltag. Die frühen 90er Jahren waren vor allem in
Ostberlin von Nazi-Angriffen geprägt, so dass die Besetzerszene schnell auch zur Antifa-Szene wurde, die damals noch
nicht in der Form existierte wie heute.

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HEAD #04 – Überblick zu Nazistrukturen
Fightback
in Berlin und in deinem Kiez
Fließtext
Regelmäßig liefert die Veröffentlichung „Fightback“ tiefgründiges Hintergrundwissen zu den bestehenden Nazistrukturen in
den Berliner Bezirken. Die Aktivitäten von Neonazis und ihren Strukturen werden durchleuchtet, analysiert und beim Namen
genannt. Insbesondere die aktuelle Ausgabe liefert ein detailliertes Bild zum Zustand der Berliner Kameradschaftsszene, zur
Berliner NPD und zu Strukturen und Treffpunkten von Neonazis im Raum Berlin. Neben zahlreichen Rechercheveröffentli-
chungen finden sich in der aktuellen Ausgaben auch jede Menge praktischer Tipps und ein interessantes Interview mit zwei
politisch aktiven Menschen aus Berlin. Bei dieser Zeitschrift handelt es sich um eine Veröffentlichung von Antifas für Antifas
und diese wird kostenlos verteilt.

Außerdem sind alle Ausgaben im Internet als pdf unter:


http://fightback.gulli.org erhältlich.

Neue Saison für Antifabrik – Antifajugendtreff


geht in die dritte Runde
Nun zum dritten Jahr in Folge hat die Antifabrik ab sofort jeden Samstag ihre Tür für Spaß und Politik geöffnet. Seit der neuen
Saison 2009 wird die Antifabrik nicht nur von der Jugendantifa Berlin sondern auch von der Antifaschistischen Jugendaktion
Kreuzberg präsentiert und wartet mit tollen Überraschungen auf euch. In der Antifabrik könnt ihr euch ohne Konsumzwang und
Geld ausgeben aufhalten oder euch mit netten Leuten zum kostenlosen Billardspielen und Kickern treffen.
Außerdem bietet die Antifabrik Anschluss an antifaschistische und subversive Kultur und Politik. Ein weiterer Schwerpunkt des
neuen Konzepts der Antifabrik ist natürlich die Politisierung von Jugendlichen und deren Einbindung in bestehende Strukturen
und Aktionen. So gibt es im Rahmen der Antifabrik doch immer jede menge Hintergrundinfos zu aktuellen Aktionen. Komm
vorbei, happiness is just arround the corner.

Mehr Infos unter:


http://samstagabend.blogsport.de

Neuauflage von Tipps&Tricks für Antifas erschienen


Der Klassiker mit jeder Menge Tipps und Tricks zur Organisierung innerhalb antifaschistischer Zusammenhänge, antifaschisti-
schen Aktionen und Sicherheitstipps ist seit kurzem als Neuauflage, sowohl über das Internet, wie auch in ausgewählten Läden
erhältlich. Besonders geeignet für Jugendliche, die anfangen sich mit antifaschistischer Theorie und Praxis zu beschäftigen und
große Pläne haben. Von Sicherheitstipps am Computer und vor Bullen, Hinweise zu Gruppenstruktur, Bündnispolitik, Bezugs-
gruppenbildung, Plakatieren, Öffentlichkeitsarbeit und direkte Intervention enthält die Broschüre jede Menge Insiderwissen zu
antifaschistischer Politik. Gleichermaßen ist es ein Aufruf an Jugendliche, sich fernab bürgerlicher Spielregeln zu bewegen und
aktiv zu werden. Jedem, der Wert auf erfolgreiche Organisierung legt, sei diese Broschüre ans Herz gelegt.
In Berlin ist sie beispielsweise im Buchladen Schwarze Risse erhältlich und kostet 4 Euro.

Im Internet findet ihr Tipps&Tricks für Antifas unter:


http://tippsundtricks.blogsport.de

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HEAD
The Kids are united!
Fließtext Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin

Heraus zum Schulstreik am 17. November 2009


Der Besuch der Schule ist kein Genuss. die Misstände im Bildungssystem und ständnisse des Staates ist mit der Krise
Leider hat mensch aber auch keine forderten „Bildung für alle!“ und „Geld massiv geschrumpft.
große Wahl. Mensch wird gezwungen für Bildung statt Banken!“. Der Großteil Der nächste Schulstreik findet am 17.
zu unmenschlichen Zeiten aufzustehen der Protestbündnisse und der Schüler November um 11 Uhr vor dem Roten
und sich in ein marodes Gebäude zu hat reformistische Forderungen nach Rathaus. Auch dieses Jahr werden die
begeben, um sich den halben Tag lang kleineren Klassen, mehr Lehrer_innen meisten der tausenden Streikenden aus
langweilige Sülze und autoritäres Rum- und der Abschaffung des mehrglied- Protest gegen die schlechten Lernbedin-
gebrülle anzuhören. Obendrein lernen rigen Schulsystems. Ihnen geht es vor gungen auf die Straße ziehen. Die Per-
wir dort keine praktische Sachen um allem darum die akutesten Probleme zu spektive auf eine andere Gesellschaft,
das Leben unter derart unwirklichen Be- thematisieren und innerhalb des beste- in der es einen anderen Lernzweck, als
dingungen wie den unseren zu meistern, henden Systems nach realpolitischen für das Kapital verwertbar zu sein, und
sondern pauken sinnloses Zeug um un- Verbesserungen zu suchen. deshalb ein komplett anderes Lernen
sere Stellung auf dem kapitalistischen gibt, stößt zunehmend auf Interesse.
Arbeitsmarkt zu verbessern. Ein Arbeits- Antifajugendgruppen und andere radi- Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der
markt auf dem unsere Chancen schon kale Linke gehen da ein Stück weiter. die Menschen und nicht die abstrakte
immer begrenzt waren. Die aktuell aber Für uns ist die Schule nur eine Lernfa- Reichtumsvermehrung im Mittelpunkt
mehr als beschissen sind. Und durch brik die brave und diziplinierte Arbeits- stehen. Eine Gesellschaft, die sich inter-
die aktuelle Weltwirtschaftskrise werden kräfte für die Bedürfnisse des Kapitals national organisiert und in der Nationen,
sich die eh schon miesen Lebensbedin- produzieren soll. Wir wollen nicht nur Grenzen und Kriege nur noch in Ge-
gungen junger Menschen auch noch die Schule, sondern das ganze kapitalis- schichtsbüchern existieren. Uns verbin-
weiter verschlechtern. Doch zum Glück tische Gesellschaftsssystem abschaffen det mehr mit jungen Menschen die sich
formiert sich auch immer mehr Wider- und durch eine komplett anders organi- in anderen Ländern mit den gleichen
stand. sierte Gesellschaft ersetzen. Denn da es Problemen an Schulen und Unis rum-
im Kapitalismus nie um die Bedürfnisse plagen müssen, als mit irgendwelchen
In den letzten Jahren kommt es zum Bei- der Menschen geht, sondern immer alten deutschen Managern. Deshalb
spiel immer öfter zu Schulstreiks. Mög- nur um die privaten Profite des Kapi- finden die Bildungsproteste dieses Jahr
lichst viele Schüler_innen schwänzen tals, kann es unserer Meinung nach auch international statt. Außer in Berlin
kollektiv die Schule um sich stattdessen innerhalb des Kapitalismus kein men- werden auch in Istanbul, Athen, Wien,
auf den Straßen zu versammeln, zu de- schenwürdiges Lernen und Leben ge- Kapstadt und vielen anderen Städten
monstrieren, Kreuzungen zu blockieren ben. Unsere Forderungen sind deshalb Schüler_innen und Studierende auf die
und öffentliche Gebäude zu besetzten. „Lernfabriken abschaffen!“, „Alles für Straße gehen.
In Berlin fanden solche Schulstreiks im Alle!“ und „Kapitalismus war als Kind
September 2006, im April 2007, im schon scheisse!“ Angesichts der stän- Deshalb beteiligt euch mit euren
Mai und im November 2008 und am dig wachsenden Verelendung immer Freunden am internationalen Schul-
17. Juni 2009 statt. Zuletzt versammel- größerer Teile der Weltbevölkerung streik am 17. November um 11 Uhr
ten sich über 27.000 Schüler_innen und und der aktuellen kapitalistischen Krise am Roten Rathaus.
Studierende vor dem Roten Rathaus um werden solche revolutionär-antikapitalis-
auf ihre Situation aufmerksam zu ma- tischen Ansätze immer wichtiger. Denn
chen. Sie protestierten lautstark gegen der Spielraum für reformistische Zuge-

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INTERVIEW
„Der Erfolg unserer Kämpfe hängt
auf besondere Art und Weise von
dem Grad an Organisierung und
Vernetzung ab! (...) Hinaus zur
Silvio-Meier-Demo

Wir haben uns im Vorfeld der Vorbereitung zur diesjährigen Silvio-Meier-Demo 2009 mit dem Jugendbündnis
„Komm zur Jugendantifa!“ getroffen und ein Interview geführt. Das aus verschiedenen Jugendantifagruppen be-
stehende Bündnis hat es sich nach eigenen Angaben zur Aufgabe gemacht bestehende Strukturen und Kämpfe
zu vernetzen und Jugendlichen den Einstieg in aktive Antifa-Politik zu ermöglichen. Der Aufruf zur Vernetzung
und Organisierung soll explizit in den Zusammenhang unserer Demonstration gestellt werden. Die Angehörigen
der Jugendantifa Berlin und der Antifaschistischen Jugendaktion Kreuzberg sind auch aktiv an der Vorbereitung
der Demo 2009 beteiligt. Im Folgenden dokumentieren wir das Interview mit Paul (19): JAB und Lena (18):
AJAK.

Redaktion: Hallo, vielen Dank, dass ihr dazu aufrufen, sich an dieser Demon- Redaktion: Ja... genau, warum sollte
gekommen seid. tration zu beteiligen, ist natürlich Silvio man sich als Jugendlicher organisieren
Meier und das Gedenken an ihn. Denn und welche Möglichkeiten stehen einem
Lena und Paul: Hallo! in unserer alltäglichen Praxis ist es uns dafür zur Verfügung?
wichtig all jenen zu Gedenken die im
Redaktion: Wie auf Flyern, Transpa- Kampf gegen Faschismus und Rassis- Paul: Lena hat das gerade schon er-
renten, Aufklebern und im Internet un- mus ums Leben gekommen sind, und wähnt, dass es aus nahe liegenden
schwer erkennbar ist, habt ihr euch für das sind nunmal traurigerweise in den Gründen unerlässlich ist, Widerstand
die Silvio-Meier-Demo einen eigenen letzten Jahrzehnten immer mehr Men- zu leisten und sich zu engagieren. Hier-
Schwerpunkt gesetzt. Ihr legt großen schen geworden. Zu diesen Opfern ge- bei schreiben wir ja niemanden vor, wie
Wert auf eine fortschreitende Organi- hört auch Silvio Meier. Gerade 2009 und wo er das zu machen hat. Viele Ju-
sierung und Vernetzung von Jugendli- fällt ja die Demonstration genau auf den gendliche kommen zum Beispiel durch
chen innerhalb linker Zusammenhän- Tag, an dem vor 17 Jahren Silvio Meier Musik oder Partys aber auch durch
ge. Warum glaubt ihr ist es gerade für im U-Bhf. Samariterstraße. erstochen Demonstrationen leicht in Berührung
Jugendliche wichtig am 21. November wurde. mit politischen Themen und sie tun
gemeinsam zur Demo zu kommen und Im Anschluss an diese Demo organisie- ihre politische Meinung kund. Oftmals
noch ferner sich in Strukturen zu orga- ren wir eine Vokü in der Antifabrik, bei entstehen bereits hier im Bereich des
nisieren? der es möglich ist mit uns ins Gespräch Freundeskreises Organisierungsan-
zu kommen und es wird natürlich wieder sätze, die zu begrüßen sind. Hier ist
Lena: Die Silvio-Meier-Demo hat schon eine Aftershow Party geben. Für viele es wichtig sich auch inhaltlich mit den
immer ein enormes Mobilisierungspo- Jugendliche ist die Silvio-Meier-Demo Themen, die einem unter den Fingern
tential gehabt und ferner zu einem Er- einfach eine prägende Erfahrung, die brennen auseinanderzusetzen und sich
starken der Antifa Bewegung in Berlin zwangsläufig klarstellt, dass es einen gewisse Skills anzueignen. Dasselbe gilt
geführt. Insbesondere Jugendliche ha- Kampf gegen rechte Gewalt, Ausbeu- für praktisches Wissen und Fähigkeiten.
ben über diese Demonstration schnell tung, Krieg und Armut zu führen gilt. Da- die für politische Arbeit wichtig und sinn-
Anschluss an linke Inhalte und Aktivitä- ran führt kein Weg vorbei. Auch dafür voll sind.
ten gefunden und in zahlreichen Fällen steht die Silvio-Meier-Demo und wenn
hat dies auch zu einer längerfristigen es darum geht diese Kämpfe erfolgreich Schon hier kann man effektiv Gegen-
Organisierung geführt. Der wichtigste zu überstehen, kommen wir zur Frage wehr leisten, sei es indem man mit
Aspekt, weshalb wir alle Jugendlichen der Organisation.... Kumpels NPD-Plakate entsorgt, Auf-

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HEAD
Fließtextklebt oder Sprühen geht. Dazu
Kleber phobie durch die Auflösung aller Gren- Schreinerstaße 47 in Friedrichshain und
gehören auch gemeinsame Aktivitä- zen und aller Nationen überflüssig sind, ist ab 20 Uhr geöffnet.
ten gegen Naziaufmärsche und gegen Patriarchat und Religion zerschlagen
andere Widerlichkeiten. Es ist immer wurden, ist Ausdruck unserer Radikali- Redaktion: Letzte Frage, nach dem
sinnvoll gemeinsam mit anderen gegen tät und unserer Praxis. Dafür kämpfen was ihr eben zum Thema revolutionä-
Sachen, die einen nerven, vorzugehen. wir tagtäglich, mal mehr, mal weniger rem Antifaschismus gesagt habt, warum
Und irgendwann kommt man dann auch erfolgreich. ist es eurer Meinung nach wichtig aktiv
zu dem Punkt, an dem man sagt „Ich gegen Nazis vorzugehen?
möchte mich noch weiter organisieren
und noch mit mehr Leuten aktiv werden, Lena: Na es ist weiterhin unglaublich
die genauso denken wie ich“ und „Ich wichtig mit allen Mitteln gegen die Nazis
hab die Faxen dicke, lass uns das jetzt vorzugehen. Neonazistische Bewegun-
mal durchziehen“. Eine Möglichkeit hier gen stellen nun mal ein mörderisches
ist es, in die Jugendantifa zu kommen. Bedrohungspotential für all jene dar
Die Jugendantifagruppen bieten einen die nicht in ihr Weltbild passen. Das hat
guten Einstieg in aktive Antifa Politik, man ja im Sommer an der Frankfurter
Schutz und Unterstützung vor Bullen und Allee gesehen. Allein aus Gründen des
nervenden Eltern. Außerdem erweitert Selbstschutzes ist es wichtig den Nazis
man seinen Handlungsspielraum, weil zu zeigen, wo der Hammer hängt. Auch
man mit viel mehr Leuten gemeinsam in diesem Sinne hat Antifaschismus
etwas machen kann. Das Beste ist, man nicht an Bedeutung verloren. Dennoch
setzt sich per E-Mail mit den jeweiligen sollte Antifaschismus nicht der einzige
Gruppen in Kontakt. Inhalt eigener Politik sein.

Redaktion: Was machen denn so Ju- Paul: Außerdem ist es wichtig die Na-
gendantifagruppen in Ihren alltäglichen zis in ihrer Handlungsfähigkeit einzu-
Kämpfen bzw. wie definiert ihr den Be- schränken und gegen ihre Aktivitäten
griff der „Jugendantifa“? und Strukturen vorzugehen. Wenn ein
Naziaufmarsch bei mir durch den Kiez
Lena: Na, ich bin schon seit längerem Paul: Ja, mit dem stimme ich vollkom- zieht dann werde ich nicht Zuhause ho-
in der Antifaschistischen Jugendakti- men überein. Es gibt da auch nicht viel cken und fernsehen. Vielmehr werde
on Kreuzberg organisiert und da gehts mehr zu sagen, außer das der Erfolg ich mich denen aktiv in den Weg stel-
schon manchmal ziemlich drunter und dieser Kämpfe auf besondere Art und len. Dass heißt aber nicht, dass ich all
drüber und es gibt immer was zu la- Weise von dem Grad an Organisierung die Tage, an denen kein Naziaufmarsch
chen. Als Jugendantifa gibt es immer und Vernetzung innerhalb der Antifasze- durch meinen Kiez zieht, untätig bleibe.
wieder Projekte und Aktionen, die es ne zusammenhängt. Ein ganz wichtiger Wenn ihr wisst, was ich meine.
zu organisieren und zu gestalten gilt. So Aspekt unseres Ansatzes ist es als ver-
waren wir am letzten Jahr intensiv am einte Antifa wieder handlungsfähiger zu Redaktion: Wenn Ihr noch irgendwas
Jugendblock auf der 18 Uhr Demonst- werden. Viel zu oft wird sich gerade in anmerken wollt schießt los...
ration am 1. Mai in Kreuzberg und an ei- Berlin gegeneinander abgegrenzt. Und
ner Jugendzeitung beteiligt. Auch sonst darauf haben wir keinen Bock und ha- Paul: Ich freue mich, dass ihr uns zu
gibt es immer jede Menge zu tun. Be- ben deshalb beschlossen, als gutes diesem Thema befragt habt. Wir hof-
sonders nervig ist es, wenn man bei sei- Beispiel voranzugehen und die Zusam- fen einfach auf eine äußert erfolgreiche
nen alltäglichen Kämpfen in die Mühlen menarbeit zwischen unseren Gruppen Silvio-Meier-Demo 2009...
des Repressionsapparats des Staates zu intensivieren.
kommt. Aber reden wir nicht soviel über Lena: Kommt zahlreich zur Silvio-Meier-
uns. Jugendantifa ist für mich nichts an- Erwähnenswert an dieser Stelle ist auf Demo 2009 und in die Antifabrik. Wir
deres, als das Konzept der Autonomen jeden Fall neben, unserer Beteiligung freuen uns auf euch. Lets push things
Antifa. Dennoch wäre es ein Trugschluss am Silvio-Meier-Bündnis, unser ge- forward!.
zu glauben Antifa sei nur der Kampf ge- meinsames Projekt, der Antifabrik. Wir
gen Nazis. Denn Antifaschismus allein ist bieten jeden Samstag Jugendlichen die Redaktion: Vielen Dank für das Ge-
kein revolutionäres Konzept. Erst unser Möglichkeit bei kostenlosem Kicker und spräch.
Glaube an eine Gesellschaft in der die Billard und vielen Überraschungen, den
kapitalistischen Produktionsverhältnisse Abend ohne Konsumzwang anzufan-
ausgeschaltet sind, die Herrschaft des gen. Bei netter Atmosphäre und coolen
Menschen über andere Menschen auf- Leuten ist es den Besuch auf jeden Fall
gehoben wird, Rassismus und Homo- wert. Die Antifabrik befindet sich in der

9 9
No Justice, No Peace, Fight the Police!
No Nation, No Border, Fight Law and Order!
Antifa Prenzlauer Berg

Im Bezirk Friedrichshain/Kreuzberg ist eine übersteigerte Bullenpräsenz weder neu noch sind die Bewohner_
innen schockiert wenn Kolonnen von Einsatzhundertschaften der Berliner Polizei die Straßen entlangbrettern
um an der nächsten Kreuzung irgendwelche Menschen festzunehmen. Doch die Szenen, die sich in den letzten
anderthalb Jahren immer wieder abspielen, sind Teil einer wiederkehrenden Offensive gegen Linke Strukturen
und unsere Hausprojekte.

Da in Friedrichshain häufiger Nobelka- die Verhängung einer hohen Freiheits- u.a. abgebrannte Autos als Begründung
rossen angezündet werden und auch strafe mit abschreckender Wirkung“ für und Legitimation vorgeschoben.
ab und an mal der ein oder andere ihn vorgesehen sei. Er soll, ähnlich wie
Nazi was aufs Maul bekommt, stehen Alexandra ein Auto angezündet haben. Das Solidaritätsbündnis, welches sich
die „Verantwortlichen“ in Polizei, Justiz Konkrete Beweise hat die Polizei nicht. um Alexandra und Christoph kümmert
und Politik unter z.T. selbst erzeugtem erklärt folgendes: „Im Knast sitzen eini-
Druck. Während zum Beispiel die Ber- Unserer Meinung nach dienen die Ver- ge, doch dieser Angriff gilt uns allen! Zur
liner CDU Opposition mit dem Thema fahren den Ermittlungsbehörden aber falschen Zeit am falschen Ort hätte es
Wahlkampf macht und nach dem „star- auch als willkommene Vorlage, um den jede_n von uns treffen können. Wir soli-
ken Staat“ schreit, versuchen sich die ohnehin schon vorhandenen Repres- darisieren uns mit unseren Freund_innen
Boulevardblätter mit ihren Schlagzeilen sionsdruck auf die Linke Szene weiter und Genoss_innen, die im Knast sitzen
gegen Linke zu überbieten. Dem ent- zu erhöhen. So können sich die Sicher- und wehren uns gemeinsam gegen die-
sprechend wundert es uns auch nicht, heitsbehörden mittels umfangreicher sen staatlichen Angriff. Wir rufen dazu
dass die Behörden nun, koste es was es „Umfeldermittlungen“ ein umfassendes auf, mit allen erdenklichen Mitteln So-
wolle, Ermittlungsergebnisse präsentie- Bild der Szene machen und versuchen lidarität zu üben. Zeigt den unmittelbar
ren wollen. diese nachhaltig zu schwächen. Die Betroffenen, dass sie nicht allein sind!
Sondereinheit PMS (Politisch Motivierte Spendet für die Soliarbeit, besucht die
Und so fängt die Polizei an wahllos Men- Straftaten) und unzählige Zivil-Streifen Prozesse und schafft Öffentlichkeit!“
schen zu kriminalisieren und aus ihrem z.B. durchkämmen präventiv permanent
gewöhnlichen Alltag herauszureissen. den Kiez besonders die Umgebung von Aber es gibt auch Gegenwehr – denn
So wurde zum Beispiel unsere Genossin alternativen Locations, bedrängen Lin- wir haben uns noch lange nicht mit dem
Alexandra am 18. Mai 2009 in einem ke vor ihren Wohnungen und notieren Überwachungsterror, der Schikanen,
Spätkauf in der Petersburger Straße sich mit wem sie ihr Leben teilen. Für der Einschüchterung und der Einknas-
festgenommen weil in der Liebigstraße diese alltägli- che Über- tung von uns und unseren Genossen
ein Auto gebrannt haben soll. Da es kei- wachung werden und Genossinnen abgefunden. Soli-
nen dringenden Tatverdacht gab und sie gruppen unterstützen unsere Genossen
lediglich deswegen festgenommen wur- und Genossinnen, die mit Verfahren
de, weil sie einen schwarzen Kapuzen- konfrontiert sind oder gar im Knast sit-
pullover trug, ließ man sie am nächsten zen. Es finden Infoveranstaltungen und
Tag frei. Der Sturm der Entrüstung, der Diskussionsrunden statt. Und immer
darauffolgend durch Medien und Po- wieder werden Bullen im Kiez auch di-
litik ging, führte zu einer erneuten Ver- rekt angegriffen. Am Rand von Partys
haftung die mit ihren Aktivitäten in der entlädt sich die Wut auf die Repression
linken Szene begründet wurden. Dafür und der Wunsch nach einem freien
saß Alexandra von Anfang Mai bis Ende Leben häufig in spontanen Angriffen
Oktober in Haft. Mit derselben Begrün- auf die Bullen. Aber auch in gut ge-
dung wurde auch der Haftbefehl gegen planten Aktionen wie zum Beispiel
unseren Freund und Genossen Chris- beim Angriff auf eine Bullenwache
toph aufrechterhalten welcher am 20. in Lichtenberg mit Steinen, Rauch-
Oktober entlassen wurde. Die Staats- bomben und Krähenfüssen Mitte
anwaltschaft führte zu seiner Haft aus, Oktober.
dass in seiner Wohnung linke Plakate
sowie „diverse schriftliche Unterlagen „Knäste, Polizeistationen und
mit Bezügen zur linken Szene aufge- Gerichte zu Baulücken! Antifa
funden [wurden], insbesondere etwa heißt Widerstand!“
2000 Flugblätter der Antifa“ und dem zu
Folge „aus generalpräventiven Gründen

10
HEAD
Die Polizei – mehr als dein „Freund und Helfer“
Fließtext Antifaschistische Initiative Reinickendorf

Berlin, 12. September 2009. 20.000 Menschen ziehen durch die Stra-
ßen Berlins um gegen Vorratsdatenspeicherung und Überwachungswahn
zu demonstrieren. Während der Großteil der Massen bei der Abschluss-
kundgebung den Reden der erschienen Politikprominenz zuhört, wird am
Rande der Lauti des antikapitalistischen Blocks von der Polizei umstellt,
abgedrängt, die Identität der Insassen festgestellt und aufgrund des Ab-
spielens eines für die Polizei missliebigen Songs alle Beteiligten festge-
nommen.

Ein Passant wird Zeuge dieser Farce und Amt eingeleitet worden sei und mit den recht gut und so erfreut sich die Polizei
möchte von dem ihm zustehenden Recht neuen Uniformen ab 2010 auch die in- tagtäglich in vielen Bevölkerungsgrup-
Gebrauch machen, sich die Dienstnum- dividuelle Kennzeichnung Einzug in den pen über massive Sympathie. Ist es da
mer der Beamten geben zu lassen. Als Polizeialltag einhält. Doch der Vorfall ist verwunderlich, wenn das Innenministe-
er der Aufforderung nachkommt, er kein Einzelfall und es gehört eigentlich rium ein internes Gedankenpapier be-
möge die Straße verlassen, damit die zur Normalität, dass sich Mensch auf kanntmacht, wo darum gebeten wird,
Pigs ihren totalitären Allmachtsfantasien jeder linken Demo mit den willigen Voll- dass in der zukünftigen Legislaturperio-
wieder mal freien Lauf lassen können, streckern des Staates konfrontiert sieht. de auch der Verfassungsschutz (VS) mit
scheint der Passant einem Beamten Diese Angriffe, Gewaltanwendungen Möglichkeiten ausgestattet wird, welche
nicht schnell genug die Straße zu räu- und Bedrohungen haben System. Sie auch diesem repressiven staatlichen
men. Der Bulle zieht ihn auf die Straße sollen jedem/r politisch Aktiven aufzei- Organ Onlinedurchsuchungen mög-
zurück und was jetzt folgt ist die übliche gen, dass der Staat mit Argusaugen da- lich machen und keine einzige mediale
Taktik der „verhältnismäßigen Gewalt“. rüber wacht, dass die bestehenden, ka- Kraft kritisiert solch’ ein Vorhaben. Als
Mensch wird von Robocops mit Schlä- pitalistischen Verhältnisse unangetastet wäre das noch nicht genug, soll es dem
gen und Tritten traktiert, zu Boden ge- bleiben, dass Mensch besser damit fährt, VS gestattet werden Privatwohnungen
worfen, eingesperrt und drei Wochen sich tagtäglich der kapitalistischen Ver- auszuspähen, der genetische Fingerab-
später mit einer Anzeige des Musters wertungslogik mit Herz hinzugeben und druck soll zum Standard bei der erken-
„Widerstand gegen Vollstreckungsbe- vollends für die Ellenbogengesellschaft nungsdienstlichen Behandlung werden
amte“ oder „versuchter Gefangenenbe- einzustehen, als sich politisch zu enga- und verdeckte Ermittler dürfen „szenety-
freiung“ konfrontiert. So wäre es auch gieren und auf die Barrikaden zu gehen. pische Straftaten“ begehen ohne juristi-
diesmal wieder der Fall gewesen, hätte Der Durchschnittsbürger kam auch noch sche Konsequenzen daraus zu befürch-
nicht ein/e aufmerksame/r Aktivist/in nie in Berührung mit der Polizei, mal ab- ten. Wir können also gespannt sein,
die Szenerie gefilmt, auf youtube online gesehen von dem Knöllchen wegen zu bis es zum ersten faschistischen Mord
gestellt und somit eine hitzige mediale schnellen Fahrens und sieht daher auch durch einen V-Mann vom VS kommt.
Kampagne entzündet. Selbst Springers keinen Grund irgendeine Kritik an sei- Daher ist es wichtig die Polizei und
Hetzschrift „Bild“ sprang auf den Zug nem „Freund und Helfer“ hervorzubrin- die angeschlossenen Organisationen
auf, ohne natürlich die Macht der Polizei gen. Der Polizei wird uneingeschränkt stets kritisch zu beobachten, seien es
zu hinterfragen und sich mit dem staatli- vertraut und diese achtet auch peinlichst die freundlich wirkenden Bullen wie
chen Gewaltmonopol auseinanderzuset- genau darauf, wie ihre Wahrnehmung in Toto&Harry oder die prügelnden Berufs-
zen. Obwohl das sonst übliche Verhalten der Bevölkerung ist. Neben der jährlich schläger der Hundertschaften, sie alle
der Polizeiführung auch diesmal wieder vom Bundeskriminalamt (BKA) veröf- stehen für eine entmündigende, men-
zum Einsatz kam, Leugnen und Demen- fentlichten „polizeilichen Kriminalstatis- schenverachtende Ordnung, welche es
tieren bis die Aufregung überstanden tik“ kurz: PKS, Pressemitteilungen, dem zu bekämpfen gilt.
ist, kam Polizeipräsident Dieter Glietsch Online-Polizeiticker oder durch ihre Ge-
nicht Drumherum von einem peinlichen werkschaften (DpolG, GdP) versucht In diesem Sinne:
Einzelfall zu sprechen, das gegen zwei sie unentwegt Einfluss auf alle Bereiche
der Beamten sofort ein Ermittlungs- des gesellschaftlichen Lebens zu neh-
verfahren wegen Körperverletzung im men. Das gelingt ihr meist (leider) auch

11 11
Jeton – Das Tor zum Osten
Antifa Friedrichshain

Die Großraumdiskothek Jeton liegt und gab sein Publikum als unpolitisch
günstig direkt am Nahverkehrsknoten S- und tolerant aus. Zwar lässt sich der
Bhf. Frankfurter Allee. Schon im Früh- Vorwurf, dass Jeton sei ein rein rechtes
jahr 2006, während vermehrt Über- Tanzlokal, nicht halten, aber anderseits
griffe von organisierten Neonazis unter traf die Diskothek auch keinerlei Vor-
anderem aus der damals kürzlich ver- kehrung um solche Übergriffe präventiv
botenen Kameradschaft-Tor ausgingen, unmöglich zumachen. Thor Steinar-Ver-
war das Jeton Anlaufort. So auch beim bot oder mal eine Schulung zu Rechts-
Übergriff Anfang Juli, die drei rechtsex- extremismus für die Türsteher wäre we-
tremen Täter, die drauf und dran waren nigstens ein nettes Zeichen ihrerseits.
jemand umzubringen, verbrachten die Doch deren ignorante Duldung des
Nacht vorher tanzend im Jeton. Problems fordert es auch weiterhin die
Im Laufe der folgenden Woche wurden Diskothek als rechtsoffen und Einfallstor
die Photos von den Neonazis auf der für gewaltgeile Ostjugendliche zu the-
Jeton eigenen Internetseite veröffent- matisieren, zu beobachten und in ihrer
licht. Kurz vorher behauptete der Dis- Ausprägung zu bekämpfen.
kobetreiber sie nicht bewirtet zu haben

LIEBER NACKT ALS THOR STEINAR


Antifa Friedrichshain

Als im Februar der Thor Steinar Flag- loren haben. Der Protest richtet sich von cker zu lassen und vor allem den Laden
ship-Store in Petersburger Straße 94 Anfang an nicht nur gegen den Laden immer wieder in den Kontext auch zu
eröffnete im Herzen Friedrichshain und sondern vielmehr auch gegen die Mar- anderen Nazi-Aktivitäten zu stellen und
in einem Haus, das früher ein SA Fol- ke und rechtsradikalen Lifestyle im All- somit eine fortlaufende Öffentlichkeit zu
terkeller beinhaltete und direkt neben gemein. Von Container vor dem Laden schaffen. Die Kampagne gegen diesen
einem der afrikanischen über Bürgerflyer und die Un- Laden hat bewirkt das in Friedrichshain
Gemeinde und Vereinen, terstützung des Protests der und auch vielen anderen Stadtteilen
die Migranten täglich un- Nachbarn bis zum Anti-Thor- mehr Aufklärung über die Nazisymbolik
terstützen, eröffnet. Es war Steinar-Bier-Picknick war al- vorherrscht und sogar die norwegische
klar, dass hier nicht nur les vertreten. Das Wichtige an Stadt Tromsö eine Kommentar dazu
wirtschaftliche sondern dieser Kampagne war zum ei- abgab, neue innovative Protestformen
auch politische Interes- nen die Bündelung aller Kräf- wurden erprobt, die dazu geführt haben,
sen im Vordergrund stan- te, die im Kiez über Antifadin- dass auch Ottonormalbürger verstan-
den. Mit der Demonstrati- gen hinaus arbeiten, als auch den hat, dass das nicht einfach nur Kla-
on am Tag der Eröffnung die Koordination aller und ihre motten sind.
wurde eine lange Reihe Involvierung. Durch dieses
der Aktivitäten gegen die- konnte schnell die Kündigung
se Laden begonnen. Bis erwirkt werden und zum Bei-
zum heutigen Tag gab es 5 Demos, die spiel den Plan Klauseln in Mietverträge
den Laden selber ins Visier nahmen und aufzunehmen, die es Nazis unmöglich
noch einige andere, die es sich nicht machen Räume zu mieten, vorange-
nehme ließen diesen Laden auch zu trieben werden. Mit der Kampagne ge-
thematisieren. Doch hier hören die Akti- gen den Laden konnte ein Beispiel für
vitäten nicht auf. Über Verschönerungen erfolgreiche Arbeit gegen den Versuch Eine Kampagne gegen Thor Steinar und
des Ladens bis zu Podiumsdiskussion der Nazis sich als normale subkulturel- seine Läden muss immer mit allen Mit-
mit Kiezakteuren und Politikern wurde le Strömung zu etablieren erwirkt wer- teln, auf allen Ebenen über Dokumenta-
jede personelle, strukturelle und akti- den und die bundesweite Kampagne tion bis zu Aktionismus alles enthalten.
onistische Möglichkeit ausgenutzt um gegen Thor Steinar weiter vorangetrie- Thor Steinar will hier keiner. Keine Ge-
den Nazis zu zeigen, dass sie und ihre ben werden. Ein wichtiger Aspekt darin schäfte mit Nazis, nicht in Friedrichhain
Klamotten im Friedrichshain nichts ver- war auch nach der Kündigung nicht lo- und nirgendswo anders.

12
HEAD
Die Ausländerbehörde am Nöldnerplatz:
Hort des staatlichen Rassismus
Antifa Prenzlauer Berg

Direkt am Nöldnerplatz in Lichtenberg der Abschiebung und kann bis zu 1 1/2 anstatt in Bargeld (Sachleistungsprin-
unweit des Ostkreuz befindet sich die Jahre dauern, – ohne dass die Betrof- zip) und den Zwang in einem Flücht-
Berliner Ausländerbehörde. Zuständig fenen gegen ein Gesetz verstoßen ha- lingsheim zu leben statt dem Recht auf
für „Flüchtlinge und Rückführung“ spielt ben oder gar verurteilt wurden. Selbst eine eigene Wohnung. Durch diese soll
sie eine entscheidende Rolle im deut- Minderjährige werden regelmäßig inhaf- das Leben für ungewollte Migrant_innen
schen Migrationsregime. So müssen die tiert. So saßen 2007 allein in Berlin 64 in Deutschland so unerträglich gemacht
über 6.000 Migrant_innen in Berlin mit unbegleitete Kinder und Jugendliche in werden, dass sie „freiwillig“ ausreisen.
dem Aufenthaltstitel der Duldung diesen Abschiebehaft. Für viele endet diese mit Eine solche „freiwillige Ausreise“ und
hier verlängern. Eine Duldung erhalten der Abschiebung. Abschiebungen sind die zwei Mittel, die
Migrant_innen, die der Staat eigentlich Das bedeutet regelmäßig die Rückkehr in der Liste der Zuständigkeiten beschö-
loswerden will, die er aber zur Zeit nicht in ein Land, das sie unter Einsatz ihres nigend als „Rückführung“ bezeichnet
abschieben kann. Diese ist meist auf Lebens vor vielen Jahren verlassen ha- werden.
drei Monate befristet und beinhaltet ein ben oder – wie häufig im Fall von Ju-
Arbeitsverbot. Die Betroffenen werden gendlichen – das sie gar nicht kennen, Zusammenfassend lässt sich sagen,
so teilweise über Jahrzehnte in einer weil sie bereits als Kleinkind geflohen dass die Ausländerbehörde am Nöld-
unsicheren und perspektivlosen Situ- sind oder sogar in Deutschland geboren nerplatz ein Kristallisationspunkt des
ation gehalten. Entfallen aus Sicht der wurden. Die Verzweiflung der Menschen staatlichen Rassismus ist. Daher ist es
Ausländerbehörde die Gründe, die eine und die Haftbedingungen führten in der nicht verwunderlich, dass sie auch im-
Abschiebung bisher unmöglich gemacht Vergangenheit bereits zu unzähligen Su- mer wieder Ziel antirassistischer Aktio-
haben, wird die Duldung von heute auf izidversuchen und Selbstverletzungen. nen wird. Diese reichen von unzähligen
morgen entzogen und die Menschen Farbanschlägen, über die Aufklärung
können noch im Schalterraum der Be- Viele werden jedoch auch nach Mona- der Bevölkerung und die Thematisie-
hörde verhaftet werden. ten einfach wieder aus der Abschiebe- rung bei Demonstrationen wie der Silvio
Ein Routinevorgang: Durch die von au- haft entlassen, da ihre Abschiebung von Meier-Demonstration 2006 bis zur Ver-
ßen verschließbare Tür und durch das Anfang an nicht möglich war. Somit reiht leihung des „blutigen Füllfederhalters“
Panzerglas zwischen Sachbearbeiter_in sich die Abschiebehaft in eine Reihe ras- an die Angestellten. Unter anderem für
und dem „Kunden“ bzw. der „Kundin“ sistischer Sondergesetze gegen Asylbe- letzteres wurde die Antifaschistin And-
lässt sich der Schalterraum binnen Se- werber_innen und Geduldete ein – wie rea in einem Sammelverfahren zu fünf
kunden in eine Zelle verwandeln. zum Beispiel das Arbeitsverbot, das Monaten Haft verurteilt. (freeandrea.
Häufig folgt dann eine monatelange In- Verbot den zugewiesenen Landkreis zu blogsport.de)
haftierung im Abschiebeknast Grünau. verlassen (Residenzpflicht), die Auszah-
Die Abschiebehaft dient der Sicherung lung von Sozialleistungen in Naturalien

migration Migrationsregime
Migration ist seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte Norma- Ein Migrationsregime ist das Zusammenspiel
lität. Schon immer haben Menschen auf der Suche nach bes- unterschiedlichster staatlicher Maßnahmen,
seren Lebensbedingungen ihren Lebensort gewechselt. Auch die die Migration von Menschen kontrollieren,
die heutige Gesellschaft ist ohne Migration nicht denkbar. Im- regulieren und in dem Staat genehme Bahnen
mer wieder setzt der Bedarf des Kapitals an Arbeitskräften lenken soll. Die wichtigsten Bestandteile des
massenweise Menschen in Richtung der wirtschaftlichen Zen- deutschen Migrationsregimes sind a) die Ab-
tren in Bewegung. Gleichzeitig werden die Lebensgrundlagen schottung der Außengrenzen der EU gegen un-
von Millionen Menschen im Zuge der Durchkapitalisierung der gewollte Migrant_innen und die Abschiebung
Welt zerstört. Hungersnöte, Klimakatastrophen und (Bürger-) derer, die es trotzdem geschafft haben; b) die
Kriege sind bloß die Spitze des Eisberges. In unserer heutigen rassistischen Sondergesetze, durch die Mig-
Gesellschaftsordnung sind die daraus resultierenden Migrati- rant_innen zur „freiwilligen Ausreise“ oder in
onsströme jedoch nur staatlich gewollt, wenn die Migrant_in- die Illegalität gedrängt werden; und schließlich
nen für die Wirtschaft als Arbeitskräfte nützlich sind. Um eine c) die Förderung der Einwanderung von guten,
unkontrollierte Migration zu verhindern und ungewollte Mig- weil nützlichen Migrant_innen – zum Beispiel
rant_innen abzuhalten, werden aktuell die Außengrenzen der als hochqualifizierte IT-Fachleute oder als billi-
Europäischen Union immer weiter zu einer „Festung Europa“ ge Spargelstecher_innen in der brandenburgi-
hoch gerüstet. schen Landwirtschaft.

13
Tschüssi statt Horrido - Ein kleines Antifa
»How to close a nazishop«
Antifa Hohenschönhausen

Schock. Im Bezirk eröffnet ein neuer Naziladen. Und das noch in einer berüchtigten Nazigegend. Eine neue
Struktur, wo sich Nazis einkleiden, treffen, vernetzen können. Schwierige Sache. Doch nicht unlösbar, wie der
die kurze Geschichte des Naziladens �Horrido� in Lichtenberg zeigt. Wir dokumentieren hier, welche Faktoren
dazu geführt haben, dass der �Horrido� schon nach weniger als fünf Monaten wieder ausziehen musste.

Phase 1 � Die Eröffnung: antifaschistischer Druck und bezirkli- gen werde, wurde am 1. Oktober be-
Anfang Mai 2009 tauchte im Internet ches Vorgehen gewählt. antwortet. Pünktlich zum Monatsanfang
eine Seite auf, die die Eröffnung eines war der Laden geräumt, die Schilder
�Erik & Sons�-Ladens in der Straße Alt Phase 3 � Information und Druck: entfernt. Innerhalb der letzten anderthalb
Friedrichsfelde für den 8. und 9. Mai Da für die Schließung eines Naziladens Jahre wurden in Lichtenberg zwei Na-
ankündigte. Zeit für eine Besichtigung. mehr nötig ist, als Kundgebungen, wurde ziläden (�Horrido� und �Wearwolf�) und
Ladenschild dran. Drinnen Kisten. der Bezirk in die Verantwortung genom- eine Nazikneipe (�Kiste�) geschlossen.
Scheinbar stimmt die Info. Also wurden men. VertreterInnen des Bezirksamtes Nicht nur, dass die Neonazistrukturen
die Berliner Antifastrukturen informiert nahmen im folgenden Kontakt mit der im Weitlingkiez weitgehend zurückge-
und eine Kundgebung für den 9. Mai or- Vermieterfirma Palu Suisse auf und for- drängt werden konnten. Auch mit ihren
ganisiert, um Öffentlichkeit zu erreichen derten die Kündigung des Geschäfts. Locations haben sie im Bezirk nichts zu
und die Eröffnung zu begleiten. Wir wa- Gleichzeitig informierte am 22. Juli eine lachen. Dieser Rückgang bietet den lo-
ren nicht die einzigen, die von der Eröff- �Bürgerinitiative Buntes Friedrichsfelde� kalen Antifa-Strukturen mehr Raum, ei-
nung Wind bekamen, und so musste die mit mehreren tausend Flugblättern die gene Themen zu setzen. Da wären zum
Eröffnung des Ladens ohne Schaufens- Anwohner über das Geschäft. Auch sie einen die eigenen alternativen Struktu-
terscheibe stattfinden. Der erste Schritt schrieb Beschwerdebriefe an den Ver- ren � u.a. das Unabhängige Jugendzen-
war getan. Die Szene, Zivilgesellschaft mieter. Die Netzwerkstelle Licht-Blicke trum in Karlshorst, die Zeitung Abuje,
und Bezirk wussten über den Laden Be- veranstaltete am 9. Juli zusammen mit eigene Ausstellungen und Veranstaltun-
scheid. der MbR eine Bürgerveranstaltung in gen � zum anderen weitere gesellschaft-
einem nahe gelegenen soziokulturellen liche Themen, so das neu eingerichtete
Phase 2 � Recherche und Verbreite- Zentrum. Die Antifa verbreitete zu die- �Ausreisezentrum� in der Degnerstraße
rung des Protests: ser Zeit Faltblätter, die näher auf die ver- oder Erinnerungspolitik zum Nationalso-
Um die Szene weiter auf das Thema kauften Marken eingingen und verbrei- zialismus.
einzuschießen, wurde im Anschluss für tete im Kiez massiv Aufkleber, die die Antifa in Lichtenberg ist deutlich mehr,
den 20. Mai eine zweite Kundgebung Schließung des Geschäfts forderten. als nur Nazis hinterher zu rennen.
organisiert. An dieser, die mit der Ju-
gendantifa Nordost und der Autonomen Phase 4 � Der letzte Tritt:
Antifa Lichtenberg-Süd organisiert wur- Nachdem Palu Suisse erste zaghafte
de, nahmen etwa 50 Menschen teil. Die Schritte in Richtung Kündigung machte,
linke Presse nahm sich im Anschluss begann der letzte Teil der antifaschisti-
des Themas an. Das Bündnis der Grup- schen Mobilisierung. Zusammen mit
pen, die die Kundgebung organisiert Gruppen aus Friedrichshain wurde eine
hatten, festigte sich, um weitere Pro- bezirksübergreifende Demonstration für
teste zu planen. Dazu war eine lange den 30. August geplant, die neben dem
Phase der Observation des Laden nö- �Horrido� auf den �Thor Steinar�-Laden
tig. Dabei kam heraus, dass der Laden �Tromsö� thematisierte. Mehr als 700 Terminhinweis:
schlecht besucht war, dass alles mit dem AntifaschistInnen forderten an diesem
Betreiber stand und fiel. Wenn er krank Tag die Schließung der Läden. Wenige 27. November 2009 �
war, war der Laden zu. Der Laden fuhr Tage später, am 5. September wurde 19 Uhr Linse
kein Geld ein und wurde erst relativ spät bekannt, dass Palu Suisse dem �Hor-
als offizieller �Erik & Sons�-Laden auf rido� gekündigt hatte. Als Grund dafür 10 Jahre Antifa Hohenschönhausen
der Homepage der Marke geführt. Die hatte sie unter anderem die Gefährdung und Treptower Antifa Gruppe � Gala
Schäden am Geschäft konnten nicht fi- der Hausbewohner angegeben. Die an- mit Live-Musik, Torte, Tombola und
nanziell abgepuffert werden und es galt tifaschistische Mobilisierung und die re- weiteren Überraschungen.
als realistisch, dass die Ladenbetreiber gelmäßigen Beschädigungen am Laden
anders als bei Thor Steinar-Läden – ge- hatten somit einen wesentlichen Anteil Mehr unter:
gen eine Kündigung nicht klagen wür- an der Kündigung. Die offene Frage, ob http://10jahre.blogsport.de/
den. Also wurde eine doppelte Strategie der Besitzer gegen die Kündigung kla-

14
HEAD
Randbezirke Nord-Ost, Projekte am Stadtrand
Fließtext Antifa Gruppe Hellersdorf

Gerne gäben wir uns den Schreckens- lebenden Jugendlichen ordnet sich da- Zuspruch. Antifaschistische Interventi-
meldungen der konservativen Presse hingehend lieber einer von Mackern onen gab es an jenem Tag nur verein-
hin, die nach den Bundestagswahlen dominierten Leitkultur unter, die sexis- zelt. Die etwa 100 Antifas, die den Weg
im September ´09 vom tiefroten Osten tischen oder neonazistischen Denk- nach M/H gefunden hatten, schlossen
phantasierte. Die diesjährigen Wahl- mustern mehr als offen gegenüber- sich schließlich den zwei bürgerlichen
ergebnisse wiesen den Ost-Bezirken steht. „Deutsch sein“ bedeutet, sich Gegenkundgebungen an, die dank der
(Pankow, Lichtenberg, Marzahn-Hel- hart, männlich und heterosexuell zu Polizeitaktik kaum wahrnehmbar und
lersdorf und Treptow-Köpenick) nämlich geben. Wer da nicht reinpasst, ist eine obendrein schlecht besucht waren.
wiederholt die Rolle als Hochburg der „Schwuchtel“ oder ein „Jude“. Am Auto
immer noch eher unbeliebten Links- oder im Fenster hängt die Deutschland- Ansässige Sportvereine oder vereinzelt
partei zu. Von der Aussagekraft einer fahne und Thor Steinar ist für die meis- im Kiez verankerte Jugendclubs konn-
solchen Wahl[1] und der Bedeutung ten eben doch nur eine Marke, „die ge- ten und können die kulturelle Einöde
einzelner Parteien mal abgesehen: wir legentlich von Rechten getragen wird“. kaum kompensieren. Zahlreiche Ein-
wissen es leider besser…Denn auf der Vielen Bürgern ist der ordentliche deut- richtungen stehen kurz vor der Schlie-
anderen Seite haftet einzelnen Stadttei- sche Neonazi noch immer lieber als ein ßung oder gehen an private Träger über
len in Lichtenberg oder Marzahn-Hel- Bezirk voll von Problemkindern, Punks [3], was eine Kontinuität in der Jugend-
lersdorf schon seit Jahren das Image oder gar jugendlichen Migrant_innen. arbeit extrem erschwert. Eigene (Haus-)
einer trostlosen Plattenbaugegend mit Alternatives Leben ist, bis auf wenige Projekte, die einer emanzipatorischen
ernsthaftem Nazi-Problem an. Die gern Ausnahmen, schlicht nicht präsent. Jugendbewegung Raum und Antrieb
zitierte Radikalisierung zu den vermeint- Besonders die zahlreichen Plattenbau- geben, waren aus diesem Grund schon
lichen politischen Rändern hin, die be- ten, die den sozialistischen Glanz ver- immer ein wichtiger Bestandteil der an-
sonders in Zeiten von ökonomischen gangener Tage längst eingebüßt haben, tifaschistischen Arbeit vor Ort.
Krisen periodisch auftreten würde, kann bieten für die Rekrutierungsversuche
aber kaum als Erklärung für die doppel- von organisierten Neonazis ein enormes
deutige Situation im Nordosten herhal- personelles Potenzial. Einige Gegenden
ten. in Hohenschönhausen oder Marzahn
Viel eher hat mensch das Gefühl, vom werden regelmäßig flächendeckend mit
politischen Desinteresse des hier leben- NPD- und NS-Propaganda überzogen. [1] fast 40 Prozent der Menschen ha-
den „Homo discus“[2] erschlagen zu Als im vergangenen Jahr dann 300 ben keiner Partei ihre Stimme ge-
werden, während nationalistisches, ras- Neonazis unter dem Motto „Todesstra- geben
sistisches oder antisemitisches Gedan- fe für Kinderschänder“ durch Marzahn- [2] der „Plattenbaumensch“
kengut längst ein selbstverständlicher Hellersdorf zogen, erhielten sie an der [3] in Lichtenberg größtenteils schon
Teil des Alltags ist. Ein Großteil der hier Demostrecke mehr als nur zaghaften geschehen

AJZ Kita + Bunte Kuh


Getreu dem Motto: „Es war ja nicht alles schlecht im Osten…“, wurden und werden auch in den Randbezirken konse-
quent antifaschistische Akzente gesetzt. Die zahlreichen Festivals und Konzerte, zig Infoveranstaltungen zu verschie-
densten Themen oder die sporadische Präsenz antifaschistischer
Inhalte im Kiez haben noch immer den Aufbau einer emanzipatorischen Jugendbewegung zum Ziel, können aber nur
exemplarisch für die Vielfalt antifaschistischen Engagements stehen. Es gilt, an erfolgreiche Kampagnen anzuknüpfen
und handlungsfähige Strukturen aufzubauen. In diesem Sinne:

*// Support suburban Antifa \\*


*// Join the antifascist movement! \\*

15 15
Gesichter und Namen statt blinde Flecken –
Gedenken an Dieter Eich im Mai 2010
North East Antifa

Zwölf Menschen starben seit der Wiedervereinigung in Berlin durch die Hand von Neo-
nazis� so zumindest die offizielle Statistik. Die Erinnerung an eben jene, die von den
Neonazis ermordet wurden, verschwimmt mit der Zeit und macht somit auch die Tat an
sich scheinbar ungeschehen. Darum ist es unsere Aufgabe diesen Menschen Namen und
Gesichter zu geben, damit sie, der Mord an ihnen, aber auch das Ausmaß nationalsozia-
listischer Ideologie nicht in Vergessenheit geraten. Gedenkdemonstrationen, wie sie seit
Anfang der 90er für Silvio Meier oder seit 2005 für Thomas Schulz in Dortmund stattfin-
den, stehen genau für dieses Anliegen. Die Art, in welcher Form gedacht wird, ist für uns
zweitrangig. Wichtig ist, dass es geschieht.

Seit nunmehr drei Jahren finden auch in allen Kräften dieser Gesellschaft ge- nimmt, auf nicht arbeitenden Menschen
Berlin wieder Gedenk-Aktionen für Die- teilt. So weit außerhalb des politischen rumzuhacken, sich aber gleichzeitig die
ter Eich statt. Sein Todestag jährt sich Mainstreams standen Eichs Mörder also Hintertür aufhält, nach einem Mord, wie
am 25. Mai 2010 zum zehnten Mal. Für nicht. Der feine Unterschied zwischen dem in Berlin-Buch, eine mitleidige Mie-
uns ist dies ein Anlass, verstärkt auf die bravem Bürger, Staat, Wirtschaft und ne aufsetzen zu können. Wenn es nach
Umstände der Tat und die gesellschaftli- Medien gegenüber den Neonazis ist uns geht, sollten denen, die eben jene
chen Hintergründe hinzuweisen. der, dass es sich in diesen Kreisen nicht Ausgrenzung mittragen und sich dann
Eich bezog Sozialhilfe und wohnte da- geziemt �Faulenzer� und �Schmarotzer� moralisierend präsentieren, wenn mal
mals in einer der Plattenbausiedlungen einfachabzustechen. wieder ein �Assi� in den Rinnstein geprü-
am Nordost-Berliner Stadtrand. In der gelt wurde, ihre erhobenen Zeigefinger
Nacht vom 24. auf den 25. Mai 2000 Auch, wenn die wenigstens Menschen gefälligst abfaulen. Sollen sie an jeder
betrank sich eine Gruppe junger Neo- zufrieden sind mit den Arbeitsverhältnis- Silbe ihrer Verlogenheit ersticken, die
nazis im selben Mietshaus im Stadtteil sen, unter denen sie sich verdingen, so sie von sich geben. Wer die Grundlagen
Buch, in dem auch Dieter Eich wohnte. sehr sie einen vernünftigen Urlaub einer für ein Gesellschaftsklima ermöglicht, in
Gegenseitig aufgestachelt fassten sie Überstunden-Schicht vorziehen, so ver- dem der Wert eines Menschen nur an
den Entschluss einen �Assi zu klatschen�. achten sie trotzdem Menschen, die nicht seiner Arbeitskraft gemessen wird, der
Sie drangen in Dieter Eichs Wohnung arbeiten können oder wollen. Als was ist darf sich nicht erstaunt geben, wenn
ein, wo sie ihn vorfanden, brutal zusam- dies anders zu verstehen, als eine, vor rechte Schläger sich durch eben jene
menschlugen und anschließend flüchte- Unterwürfigkeit triefende, Danksagung Gesellschaft in der Richtigkeit ihres
ten. Kurze Zeit später kehrten sie zurück an das tägliche Schuften? Ein Danke- Handelns bestätigt fühlen. Und genauso
und töteten ihn mit mehreren Messer- schön also an die elenden Verhältnisse wenig brauchen sich diese Leute darü-
stichen, damit er keine Aussage bei der in denen wir leben! ber wundern, dass sie uns zum Feind
Polizei machen konnte. Dieter Eich ver- Die Diskriminierung nicht arbeitender haben!
blutete in seiner Wohnung. Menschen geschieht allerdings nicht al-
lein aus dem sich im Sozialneid begrün- Mai 2010: Schau nicht weg!
Ideologische Hintergründe deten Eigenantrieb des Bürgers, son- Greif ein!
dern ist auch von oberster Stelle gewollt
Dieter Eich wurde erstochen, weil er und legitimiert. Das, was eh schon viele Zehn Jahre nach dem Mord an Dieter
in den Augen seiner Mörder ein Sozi- über Erwerbslose denken, gießt der Eich wollen wir mit Veranstaltungen
alschmarotzer� war. Die Mörder Eichs Staat z.B. in Form von Hartz 4 in Ge- und Aktionen das Gedenken an Dieter
stehen damit in direkter Tradition der setze mit dem klaren Ziel durch Zwang Eich weiter aufrechterhalten und des-
massenhaften Ermordung von Bett- mehr Produktivität aus seinen Staats- sen gesellschaftlichen Hintergründe
lern, Erwerbslosen und Landstreichern bürgern herrauszuquetschen, aber auch klar benennen. Außerdem ist uns daran
während des NS. So wurden beispiels- um Konflikte zwischen Erwerbslosen gelegen, wenigstens punktuell, in Buch
weise im Rahmen der Aktion �Arbeits- und Lohnabhängigen zu schüren. Wich- und der näheren Umgebung antifaschis-
scheu Reich� im April und Juni 1938 tig für den Staat, denn schließlich könnte tische Akzente zu setzen. Die anhalten-
über 10.000 Personen, als sogenannte es ja passieren, dass sich der malochen- de Präsenz von rechtem Gedankengut
Asoziale, in die Konzentrationslager ver- de und der faulenzenden Pöbel gegen vor Ort unterstreicht nur umso mehr die
schleppt. Eine Kontinuität, die sich vom den Staat selbst richtet. Notwendigkeit, das Gedenken an die
Nationalsozialismus bis in die heutige Opfer rechter Gewalt mit dem Tages-
Zeit zieht, lässt sich nicht verleugnen. Bezüglich des Themas Arbeit igeln sich kämpfen gegen Neonazis zu verbinden!
Die Formel �Wer nicht arbeitet ist nichts Gesellschaft und Staat feige in eine
wert� wird so gut wie ausnahmslos von Doppelmoral ein, die es sich heraus

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Siempre Antifascista 2009
Siempre Antifascista
Fließtext

Vom 11. bis zum 21. November finden Antiziganismus aufbauen, ist es Aufgabe Gefährliche Mischszenen neben dem
Aktionen unter dem Motto „Siempre einer breiten antifaschistischen Bewe- „Rechtsrock“ entstehen, so genante
Antifascista“ statt. Die Aktionswochen gung, Neonazis den Boden ihrer Pro- „Grauzonen“, in denen der Spaßfaktor
sollen an die von Neonazigewalt be- paganda zu entziehen. Eine Vernetzung enorm hoch und die Kritik an subkultu-
troffenen Menschen gedenken und ei- antifaschistischer Bewegungen muss rell-internen Rassismen wenig bzw. gar
nen konsequenten Antifaschismus in stärker in den Vordergrund treten, um nicht thematisiert wird.
Jugendkulturen wieder zum Standard der wachsenden Gefahr der Faschisie- Diese so genannten „Grauzonen“ bieten
machen. rung großer Teile Europas effektiv ent- attraktive Erlebnisräume für Personen,
Vor zwei Jahren, am 11. November gegentreten zu können. Wir sehen uns die einem antifaschistischen Minimal-
2007 wurde der junge Antifaschist in der geschichtlichen Verantwortung, konsens ablehnend oder sogar feindlich
Carlos Palomino in einer Madrider Met- Neonazigewalt und –morde zu themati- gegenüberstehen und somit ein Klima
rostation von einem Neonazi erstochen. sieren und das ignorante gesellschaftli- erschaffen, das Ausschlussmechanis-
Diese erschreckende Tat rief nach län- che Klima zu bekämpfen. Wir kämpfen men begünstigt und Rassismus szene-
gerer Zeit die akute, lebensbedrohliche gegen rechte Ideologien, in den Köpfen fähig werden lässt oder es zu einer Pri-
Gewalt, die von Neonazis von Madrid und auf der Straße. vatangelegenheit verklärt.
bis Moskau und darüber hinaus gegen Dabei bedienen sich die rechten/
eigens konstruierte politische, ethni- rechtsoffenen Szeneangehörigen eines
sche, soziale und sexuelle Feindgrup- „Extremismus-Begriffs“, der seinen Fo-
pen mit großer Brutalität ausgeübt wird, kus vor allem gegen antifaschistische
in das öffentliche Gedächtnis. Bereits Menschen richtet und der Diskreditie-
zwei Jahre zuvor, am 13. November rung antifaschistischen Engagements
2005 wurde Timur Katscharawa in der dient. Musikalisch begleitet werden die-
St. Petersburger Innenstadt von Neona- se Erscheinungen durch eine Unzahl
zis erstochen. von Punk- und Oi!-Bands, die mit anti-
Die neonazistische Szenen Europas rü- Antifa-Texten und Einstellungen diesen
cken seit geraumer Zeit unter dem Ban- Negativtrend befördern.
ner des Ethnopluralismus und der „Ver- Warum agieren rechte sowie vermeint-
teidigung kultureller Identitäten“ stärker lich unpolitische Teile der Oi!-Szene so
zusammen. Europaweite Demonstra- Subkulturen bieten attraktive Angebo- vehement gegen Antifas? Gerade die
tionen und Musikveranstaltungen von te für ein Leben neben dem kapitalisti- klar antifaschistisch eingestellten und
rechten bis faschistischen Parteien, Or- schen Alltagsbetrieb. Diverse Subkultu- aktiven Teile der Subkultur und Szene
ganisationen und Kameradschaften wer- ren begreifen sich historisch betrachtet thematisieren den verharmlosenden
den zu einem wichtigen Bezugspunkt als antifaschistisch und antirassistisch. Umgang mit rechten Strömungen, der
der extremen Rechten. Der alljährliche, Daher ist es besonderer Wichtigkeit, sich in eine Leugnung von Tatsachen
neonazistische „Trauermarsch“ im Feb- dass rechten und rechtsoffenen Ten- und bis hin zu einem Hass auf „alles lin-
ruar in Dresden, der Rudolf-Hess-Ge- denzen entschieden eine Absage er- ke“, steigert, sobald Kritik an Missstän-
denkmarsch in Budapest im August, der teilt wird, um diesen Strömungen keine den geübt wird.
„nationale Antikriegstag“ im September Möglichkeit der Verbreitung ihrer men- Statt einer konstruktiven Auseinander-
in Dortmund und unzählige rechte Kon- schenfeindlichen Ideologien zu lassen. setzung mit rechten Ideologien und
zerte und Feiern des internationalen, ex- Vor allem in der Punk- und Skinhead- Subkulturen, gilt der Spaß als einziges
trem rechten Musiknetzwerks „Blood & subkultur, sowie in der Hardcoreszene Bindeglied. „Saufen, Ficken, Oi!“? Un-
Honour“ fördern die zunehmende Ver- und im Wave/Gothic-Spektrum, kommt ser Spaß sieht anders aus!
netzung des militanten Neonazispekt- es immer häufiger zu rechten Vorfällen
rums. bei Konzerten. Den vermeintlich „unpo-
„Nationale Solidarität“ wird nun interna- litischen“ Subkulturen, wie in Teilen der
tional propagiert. Eine rechte Kampag- Oi!-Szene, scheint ein Verantwortungs- Termine und weitergehende
ne solidarisiert sich mit dem Mörder des bewusstsein zu fehlen, welches sich ak- Informationen unter:
Madrider Antifaschisten Carlos. Eine tiv gegen faschistisches/ rassistisches,
Internetplattform versucht die nationalis- antisemitisches und sexistisches/ homo- www.red-skins.de/siempre/
tischen Kameradschaften zusammenzu- phobes Lied- und Gedankengut stellt. www.nea.antifa.de
bringen, im Namen eines „weißen Eu- Wir stellen ein mangelndes Problembe-
ropas“. Wo Neonazis eine europaweite wusstsein fest, das sich häufig nicht kri-
Vernetzungsstruktur aus Rassismus, An- tisch mit Musikgruppen, Liedtexten und
tisemitismus und massiv zunehmenden rechter Symbolik auseinandersetzt.

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Dresden 2010 calling!
Antifaschistische Linke Berlin

Wenn im Februar 2010 in Dresden wieder mehrere Tausend deutsche und europäische Neonazis aufmarschie-
ren, kann es für uns nur heißen: stören, angreifen und blockieren!

Dresden im Februar die Route der Neonazis zu besetzen


und ihren Aufmarsch zum Abbrechen
Jedes Jahr um den 13. Februar kommt zu zwingen! Dies kann nur gelingen,
es in Dresden zum derzeit größten wenn wir mit möglichst vielen und ent-
Neonazi-Aufmarsch Europas. Mehrere schlossenen Menschen nach Dresden
tausend Neonazis aus NPD, DVU, Ka- kommen und zusammen zielstrebig und
meradschaftsstrukturen, so genannte einheitlich das Ziel einer erfolgreichen
Autonome Nationalisten und Neonazi- Blockade im Auge behalten. Dafür brau-
Hooligans haben über Jahre hinweg chen wir Euch alle!
einen Trauermarsch für die „Opfer des
Alliierten Bombenterrors“ gegen die No Pasaran – Sie kommen nicht
Stadt Dresden geschaffen. Hinter ver- durch!
meintlicher Trauer verbirgt sich eine ak-
tive Umschreibung der Geschichte des Auch aus Berlin wird es dieses Jahr
Nationalsozialismus und des Zweiten verhindern. Durch schikanöse Auflagen wieder eine große Mobilisierung nach
Weltkriegs. Das System des National- des Ordnungsamts Dresden und brutale Dresden geben. Informiert Euch auf
sozialismus und seine Führer werden Angriffe der Bullen auf die Demo konn- www.antifa.de oder www.no-pasaran.
unverholen verherrlicht und es wird of- te dieses Ziel 2009 leider nicht erreicht mobi! Hier bekommt Ihr immer die
fen zu Rassenhass und Antisemitismus werden. Trotzdem stand für alle Antifas neuesten Infos und wisst was in Dres-
aufgerufen. 2009 fest: Dresden, wir kommen wie- den geplant sein wird! Wir müssen den
der und verhindern diesen Aufmarsch! Neonazi-Aufmarsch in Dresden als bun-
Widerstand in Dresden im Februar desweites und auch Berliner Problem
2009 Alle nach Dresden 2010 – Blockie- begreifen und deswegen alle zusammen
ren! nach Dresden fahren!
Erstmals seit Jahren kam es im Feb-
ruar 2009 zu einer antifaschistischen Für das Jahr 2010 kann das ausdrück-
Großmobilisierung gegen den Neonazi- liche Ziel jeglicher antifaschistischer Den Neonazi-Aufmarsch in Dres-
Groß-Aufmarsch. Auf der antifaschis- Mobilisierung nur sein, dass der Neo- den stoppen!
tischen Demonstration des „No-Pasa- nazis-Aufmarsch aktiv und massenhaft Angreifen, Stoppen, Blockieren –
ran-Bündnis“ beteiligten sich mehrere blockiert wird! Zusammen mit anderen Sie kommen nicht durch!
tausend Antifaschist_innen mit dem Ziel bürgerlichen und gewerkschaftlichen
den Aufmarsch aktiv zu stören oder zu Nazi-Gegnern müssen wir es schaffen

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Fließtext

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Antifa
Antifa Friedrichshain AFH: www.antifa-fh.de.vu | Antifa Gruppe Hellersdorf | Antifa Gruppe Oranienburg AGO: antifagruppe-
oranienburg.blogsport.de | Antifa Hohenschönhausen AH: ah.antifa.de | Antifa Prenzlauer Berg APB: www.antifa-pberg.de.vu |
Antifaschistische Initiative Reinickendorf AIR: www.air.antifa.de | Antifaschistische Jugend Hohenschönhausen AJH: ajh.blogs-
port.de | Antifaschistische Jugendaktion Kreuzberg AJAK: www.ajak.tk | Antifaschistische Linke Berlin ALB: www.antifa.de |
Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin ARAB: arab.antifa.de | Autonome Antifa Königs Wusterhausen AAKW: aakw.
blogsport.de | Autonome Neuköllner Antifa ANA: www.neukoelln.antifa.net | Jugendantifa Berlin JAB: jab.antifa.de | Jugend-
antifa Nord-Ost JANO: janoberlin.blogsport.de | North-East Antifascists NEA: nea.antifa.de | Siempre Antifascista: www.siem-
preantifascista.tk

Hausprojekte
Köpi: koepi137.net | Liebig 14: liebig14.squat.net | Rigaer 94: rigaer94.squat.net | Schreina 47: schreina47@web.de

Sonstige
Autonome Vollversammlung | Wir bleiben Alle! WBA: wba.blogsport.de