'Almanci' oder 'Mensch mit Migrationshintergrund'?

Wohin gehöre ich? Ich bin in Deutschland in Tübingen und meine Eltern sind in der Türkei geboren, meine Mutter
in Denizli und mein Vater in Antalya. Mein Vater kam nach Deutschland als er ein Jahr alt war, meine Mutter als
sie 16 Jahre alt war. Zu Hause rede ich mit meiner Mutter türkisch, mit meinem Vater und meiner Schwester
Deutsch. Hier in Deutschland werde ich als die “Deutsche mit Migrationshintergrund“ bezeichnet. Wenn ich in der
Türkei bei einem Teil meiner Familie bin, werde ich von meinen Cousinen und Freunden als „Almanci“
bezeichnet. Auf Deutsch „zu den Deutschen gehörige“.
Wieso werde ich aus beiden Ländern ausgeschlossen? Kann ich nicht zu Deutschland gehören, wenn ich mich als
Deutsche fühle? Doch im Alltag lässt sich diese Frage nicht beantworten.
Wir saßen mit meiner Familie und Bekannten im Zug, auf der Fahrt nach Hause. Eine alte Dame nahm mir
gegenüber Platz und fing sofort an, sich über die Kopftuchtragenden Türkinnen zu beschweren: „Es ist
erniedrigend, wenn diese Leute mit den Kopftüchern hier rumlaufen. Was suchen die hier überhaupt? Ich will keine
Frauen mit Kopftüchern sehen! Sie sollen in ihr Land zurückkehren!“ Auf meine Rechtfertigung hin, dass das
Deutsche Grundgesetz die Menschenwürde und die Religionsfreiheit und überhaupt die allgemeine Freiheit des
Menschen schützt, entgegnete mir die verwirrte Dame, dass diese Begriffe nirgendwo im Grundgesetz stehen
würden.
Wieso muss ich mich immer rechtfertigen, obwohl ich Deutschland besser kenne als viele Deutsche ohne
Migrationshintergrund? Auch die Sprache beherrsche ich besser als viele, die deutsche Eltern haben. Erlebnisse, die
meine Zukunft beeinflussen können, treffen mich aber wesentlich mehr.
Schon in der Grundschule werden Kinder mit Migrationshintergrund oft benachteiligt. Grundschulempfehlungen
für Deutsche und Ausländer fallen trotz genau gleicher Noten unterschiedlich aus. Nur auf Drängen der Eltern
bekommen die Schüler mit Migrationshintergrund eine gerechtere Empfehlung. Um auch den Schülern zu helfen,
die Sprachdefizite haben, könnte man aber schon vor der Empfehlung zu Fördermaßnahmen greifen, die diese
Sprachdefizite ausgleichen. Zum Beispiel könnte man am Nachmittag eine Deutschnachhilfe für die Schüler
einrichten. (Es muss nicht nur für Schüler mit Migrationshintergrund, sondern sollte für alle zugänglich sein).
Jedoch gibt es Lehrer, die den Schüler ohne tatsächliche Defizite eine schlechtere Empfehlung schreiben, nur weil
sie annehmen, Schüler XY könnte das nicht schaffen, weil die Eltern kein Realschulabschluss oder Abitur haben.
Laut einer Statistik des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erwerben Kinder mit
Migrationshintergrund deutlich seltener einen Hochschulabschluss. Doch die Ungerechtigkeit hört hier nicht auf.
Zusätzlich gibt es des Öfteren ein paar Lehrer, die ihre Schüler mit Migrationshintergrund schlechter bewerten als
sie es verdienen. Ein jüngeres Beispiel ist, dass ich gemeinsam mit einer deutschen Freundin (ohne
Migrationshintergrund) zu spät in den Unterricht kam und ich im Tagebuch mit größerer Verspätung vermerkt
wurde, obwohl wir gleichzeitig die Klasse betreten hatten. Hiermit sieht man die Ungleichbehandlung und
Probleme, womit Menschen mit Migrationshintergrund zu kämpfen haben. Das Zusammenleben beider Parteien ist
nach all den Jahren noch immer nicht zu hundert Prozent gewährleistet, da diese Probleme nur durch
Zusammenarbeit gelöst werden können. Da einige Deutsche dies nicht tun, ist es nicht möglich, Ungerechtigkeiten
aus dem Weg zu räumen.
Und wieso kann ich nicht zur Türkei gehören wenn ich mich als Türkin fühle? Wenn ich in den Sommerferien in
der Türkei bin, werde ich als „Almanci“ bezeichnet. Aber wieso? Nur weil ich nicht perfekt türkisch rede und mich
anders kleide als die Türken in der Türkei?
Mit meinen Cousinen hatten wir viele Gespräche und jedes Mal lachten sie, weil ich mich nicht gut ausdrücken
konnte. Es ist selbstverständlich, dass ich nicht perfekt Türkisch kann, da ich in Deutschland hauptsächlich deutsch
rede und alles auf Deutsch lerne. Trotzdem sieht man dies als Fehler und schließt mich aus.
Bis vor ca. 15 Jahren hat man uns „ Almanci“ beneidet, weil wir viel Geld verdient haben für deren Verhältnisse
und eine gute Bildung hatten. Heutzutage ist es so, dass sie sich über uns lustig machen, weil wir in Deutschland
immer noch als Menschen zweiter Klasse angesehen werden und benachteiligt werden. Auch weil es ihnen in der
Türkei nun um Vieles besser geht, sie einen sehr hohen Lebensstandart haben. Sie sind der Meinung, wir sind

zurück geblieben, weil wir immer noch in Deutschland leben und nicht zurückkehren.
Sie wissen aber nicht wie es ist, hier mit der deutschen Kultur aufgewachsen zu sein und es nicht einfach ist alles
hinter sich zu lassen und einen Neuanfang in einem anderen Land, auch wenn es das eigene ist, aufzubauen.
Wieso muss ich mich überhaupt entscheiden, zu welchem Land ich gehöre? Kann ich nicht einfach zu beiden
Ländern gehören? Ich fühle mich in beiden Ländern wohl. Jeder sollte sich ein wenig entgegenkommen, mehr
Verständnis zeigen und sich für die andere Seite interessieren. Dann würde auch niemand den anderen
benachteiligen. Somit wäre die Kommunikation zwischen beiden Nationen um einiges einfacher und wir
Jugendlichen wären nicht hin und her gerissen.
© www.fazschule.net

Fragen zum Text:
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Welches Problem hat die Erzählerin?
Was geschah eines Tages im Zug auf der Fahrt nach Hause?
Was bedeuten die Wörter „erniedrigend“ und „sich rechtfertigen“? Geben Sie ein
Beispiel an.
Wie fühlt sich die Erzählerin: eher als Deutsche oder als Türkin?
Kinder mit Migrationshintergrund in der Schule: Was erfahren Sie darüber?
Glauben Sie, dass es tatsächlich so ist?
Welches Problem hat die Erzählerin in der Türkei?
Was bedeutet der Begriff „Almanci“ auf Türkisch?
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Erzählerin?