Gericht

:

VGH

Aktenzeichen:
Sachgebietsschlüssel:

7 CE 10.405
230

Rechtsquellen:
VwGO § 58 Abs. 2 Satz 1, § 60, § 67 Abs. 1, Abs. 4, § 146 Abs. 1, § 147 Abs. 1

Hauptpunkte:
- Beschwerdeeinlegung
- Vertretungszwang
- Fristversäumnis
- Rechtsmittelbelehrung
- Einlegung zur Niederschrift
- Wiedereinsetzung
- verschuldeter Rechtsirrtum

Leitsätze:
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---------------------------------------------------------------------------------------------------------------Beschluss des 7. Senats vom 12. April 2010
(VG München, Entscheidung vom 27. Januar 2010, Az.: M 17 E 09.4833)

Großes
Staatswappen

7 CE 10.405
M 17 E 09.4833

Bayerischer Verwaltungsgerichtshof
In der Verwaltungsstreitsache
Republik ***** *****
vertreten durch den Botschafter *** ***** ******* ********
******** **** ****** ***** *******
- Antragstellerin bevollmächtigt:
Rechtsanwalt ********** *******
********** *** ***** *******
gegen
******** **********
************ ** **** **** ***** ********
- Antragsgegner bevollmächtigt:
Rechtsanwälte *********** * ********
************ **** *** ***** ********
wegen
Sicherstellung von Gegenständen nach dem Kulturgüterrückgabegesetz
(Antrag nach § 123 VwGO);
hier: Beschwerde der Antragstellerin gegen den Beschluss des Bayerischen
Verwaltungsgerichts München vom 27. Januar 2010,
erlässt der Bayerische Verwaltungsgerichtshof, 7. Senat,

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durch den Vizepräsidenten des Verwaltungsgerichtshofs Kersten,
den Richter am Verwaltungsgerichtshof Dr. Zöllner,
den Richter am Verwaltungsgerichtshof Dr. Borgmann
ohne mündliche Verhandlung am 12. April 2010
folgenden

Beschluss:
I. Die Beschwerde der Antragstellerin wird verworfen.
II. Die Antragstellerin trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens.
III. Der Streitwert für das Beschwerdeverfahren wird auf 10.000 Euro
festgesetzt.

Gründe:
1

Die Beschwerde der Antragstellerin gegen den Beschluss des Verwaltungsgerichts
München vom 27. Januar 2010 ist unzulässig und daher zu verwerfen.

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1. Die dem Verwaltungsgericht per Telefax am 19. Februar 2010 übermittelte Beschwerde gegen den am 8. Februar 2010 zugestellten Beschluss ist unzulässig, da
sich die Antragstellerin bei der Einlegung des Rechtsbehelfs nicht durch eine zur
Prozessvertretung befugte Person nach § 67 Abs. 4 i.V.m. Abs. 1 VwGO hat vertreten lassen. Dieser Mangel kann nicht mehr behoben werden, da die Einlegungsfrist
von zwei Wochen ab Bekanntgabe der Entscheidung (§ 147 Abs. 1 VwGO) bereits
am 22. Februar 2010 abgelaufen ist.

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a) Die Antragstellerin kann sich nicht darauf berufen, dass die ihr erteilte Rechtsmittelbelehrung unrichtig gewesen sei und deshalb für den Rechtsbehelf nach § 58
Abs. 2 Satz 1 VwGO eine Frist von einem Jahr nach Zustellung der Entscheidung
gelten würde. Der unter Nummer 1 der Rechtsmittelbelehrung im ersten Absatz erteilte Hinweis, wonach die Beschwerde innerhalb von zwei Wochen nach Bekanntgabe beim Verwaltungsgericht „schriftlich oder zur Niederschrift des Urkundsbeam-

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ten der Geschäftsstelle“ einzulegen ist, entspricht ebenso dem Gesetzeswortlaut
(§ 147 Abs. 1 Satz 1 VwGO) wie der im letzten Absatz gegebene Hinweis, wonach
sich die Beteiligten „vor dem Verwaltungsgerichtshof“, außer im Prozesskostenhilfeverfahren, durch Prozessbevollmächtigte vertreten lassen müssen (§ 67 Abs. 4
Satz 1 VwGO).
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Enthielte die Rechtsmittelbelehrung nur diese beiden (jeweils für sich genommen zutreffenden) Aussagen, so wäre sie allerdings unvollständig und daher irreführend,
weil damit der unrichtige Eindruck erweckt werden könnte, dass die – auch zur Niederschrift mögliche – Einlegung der Beschwerde beim Verwaltungsgericht (noch)
nicht dem Vertretungszwang unterläge (BVerwG vom 14.10.1997 NVwZ 1998, 170;
BayVGH vom 13.5.2002 NVwZ-RR 2002, 794; vom 9.3.2005 Az. 14 C 05.35; vom
30.3.2006 Az. 24 CE 05.2266; OVG NW vom 10.6.2002 NVwZ-RR 2002, 912; VGH
BW vom 1.9.2004 VBlBW 2004, 483). In der vom Verwaltungsgericht München verwendeten Rechtsmittelbelehrung wird aber unmittelbar nach dem Hinweis auf den
Vertretungszwang noch zusätzlich klargestellt, dass dieses Erfordernis „auch für
Prozesshandlungen (gilt), durch die ein Verfahren vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof eingeleitet wird“. Aus dieser ebenfalls dem Gesetzeswortlaut entsprechenden Formulierung (§ 67 Abs. 4 Satz 2 VwGO) wird deutlich, dass schon die
verfahrenseinleitende Einlegung des Rechtsbehelfs und nicht erst dessen spätere
Begründung durch eine vertretungsberechtigte Person erfolgen muss. Da es sich,
wie bereits der Eingangssatz der Rechtsmittelbelehrung erkennen lässt, auch im
Falle der Einlegung beim Verwaltungsgericht um eine Beschwerde „an den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof“ handelt (§ 146 Abs. 1 VwGO), kann aus der Gesamtheit der Hinweise nur der (zutreffende) Schluss gezogen werden, dass alle dieses
Verfahren betreffenden Prozesshandlungen und somit auch die Beschwerdeeinlegung dem Vertretungszwang unterliegen. Von einer irreführenden und insoweit unrichtigen Rechtsmittelbelehrung kann demnach keine Rede sein.

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b) Der Antragstellerin kann hinsichtlich der versäumten Frist zur Beschwerdeeinlegung auch keine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gemäß § 60 VwGO gewährt
werden. Abgesehen davon, dass ihr diesbezüglicher Antrag vom 19. März 2010 nicht
mehr innerhalb der 2-Wochen-Frist des § 60 Abs. 2 Satz 1 Halbsatz 1 VwGO gestellt
worden sein dürfte, nachdem sie bereits mit Schreiben des Verwaltungsgerichtshofs
vom 24. Februar 2010 auf den möglichen Vertretungsmangel hingewiesen wurde,
liegen auch die sachlichen Voraussetzungen für eine Wiedereinsetzung nicht vor.

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Die Antragstellerin war nicht im Sinne von § 60 Abs. 1 VwGO „ohne Verschulden“
verhindert, die Beschwerdeschrift fristgerecht durch einen vertretungsberechtigten
Bevollmächtigten einreichen zu lassen. Ihr durch eidesstattliche Erklärungen des Botschafters und der zuständigen Botschaftsrätin dargelegtes rechtliches Fehlverständnis der (inhaltlich zutreffenden) Rechtsmittelbelehrung war nicht unverschuldet. Mangelnde Rechtskenntnis entschuldigt eine Fristversäumnis in aller Regel nicht; vielmehr muss ein juristisch nicht vorgebildeter Bürger bei ihm nicht geläufigen Rechtsfragen grundsätzlich juristischen Rat einholen (BVerwG vom 7.10.2009 NVwZ-RR
2010, 36 m.w.N.). Besondere Umstände, aufgrund derer die Antragstellerin darauf
hätte vertrauen dürfen, dass sie ohne Beteiligung eines vertretungsberechtigten Bevollmächtigten die Beschwerde einlegen konnte, sind weder vorgetragen noch sonst
ersichtlich.
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2. Die Kostenentscheidung ergibt sich aus § 154 Abs. 2 VwGO, die Entscheidung
zum Streitwert aus § 47 Abs. 1, § 53 Abs. 3 Nr. 1, § 52 Abs. 1 GKG.

Kersten

Dr. Zöllner

Dr. Borgmann