Gericht

:

VGH

Aktenzeichen:
Sachgebietsschlüssel:

7 CE 10.1097
230

Rechtsquellen:
VwGO § 123 Abs. 1
KultGüRückG Art. 6 Abs. 2, Art. 8 Abs. 2

Hauptpunkte:

Anhaltung
archäologische Fundstücke
mexikanisches Kulturerbe
Bezeichnung als besonders bedeutsam
öffentlich zugängliches Verzeichnis

Leitsätze:
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---------------------------------------------------------------------------------------------------------------Beschluss des 7. Senats vom 16. Juli 2010
(VG München, Entscheidung vom 16. April 2010, Az.: M 17 E 09.4958)

Großes Staatswappen

7 CE 10.1097
M 17 E 09.4958

Bayerischer Verwaltungsgerichtshof
In der Verwaltungsstreitsache
********** ************ *******
********* ***** *** ********* *** *******
**************** ** ***** *******
- Antragsteller bevollmächtigt:
Rechtsanwälte ***** ***** * ********
********** *** ***** ********* *******
gegen
Freistaat Bayern,
vertreten durch:
Landesanwaltschaft Bayern,
Ludwigstr. 23, 80539 München,
- Antragsgegner beigeladen:
******** **********
************ ** **** **** ***** ********
bevollmächtigt:
Rechtsanwälte *********** * ********
************ **** *** ***** ********
wegen
Kulturgüterrückgabe

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(Antrag nach § 123 VwGO);
hier: Beschwerde des Antragstellers gegen den Beschluss des Bayerischen Verwaltungsgerichts München vom 16. April 2010,
erlässt der Bayerische Verwaltungsgerichtshof, 7. Senat,
durch den Vizepräsidenten des Verwaltungsgerichtshofs Kersten,
den Richter am Verwaltungsgerichtshof Dr. Zöllner,
den Richter am Verwaltungsgerichtshof Dr. Borgmann
ohne mündliche Verhandlung am 16. Juli 2010
folgenden

Beschluss:
I. Die Beschwerde wird zurückgewiesen.
II. Der Antragsteller trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens.
III. Der Streitwert für das Beschwerdeverfahren wird auf 2.500 Euro
festgesetzt.

Gründe:
I.
1

Der Antragsteller begehrt im Wege einer einstweiligen Anordnung die Anhaltung von
derzeit in Bayern befindlichen archäologischen Fundstücken des mexikanischen Kulturerbes aus präkolumbianischer Zeit nach dem Kulturgüterrückgabegesetz.

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Aufgrund einer Anordnung der Staatsanwaltschaft München I, bestätigt durch Beschluss des Amtsgerichts München vom 24. April 2008, wurde am 23. April 2008 in
den Räumlichkeiten einer Münchner Spedition eine große Anzahl archäologischer
Fundstücke (so genannte „Sammlung Patterson“) beschlagnahmt. Der Beschlagnahme lag ein internationales Rechtshilfeersuchen wegen des Verdachts der illegalen Einfuhr der Kunstsammlung nach Deutschland durch den Beigeladenen zugrunde. Die Fundstücke waren vom Beigeladenen aus Santiago de Compostela, Spanien, wo die meisten von ihnen im Jahr 1997 in der Ausstellung „Der Geist des prähis-

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panischen Amerikas, 3000 Jahre Kultur“ gezeigt worden waren, im März 2008 ins
Bundesgebiet verbracht worden.
3

Am 20. Mai 2009 wurde der Botschaft des Antragstellers in Deutschland über das
Auswärtige Amt eine CD des Bayerischen Landeskriminalamts mit einer Bestandsaufnahme und einem Fotoregister aller sichergestellten Objekte übermittelt. In der
Folgezeit bemühte sich der Antragsteller zunächst auf diplomatischem Wege beim
Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland um vorläufige Herausgabe von
690 archäologischen Fundstücken mexikanischer Herkunft.

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Nachdem das Auswärtige Amt das Herausgabeersuchen mit Verbalnote vom 15.
Oktober 2009 endgültig abgelehnt hatte, beantragte der Antragsteller am 20. Oktober
2009 beim Verwaltungsgericht München, den Antragsgegner im Wege einer einstweiligen Anordnung zu verpflichten, im Rahmen seiner Zuständigkeit als Zentralstelle
des Freistaates Bayern für Angelegenheiten des Kulturgüterrückgabegesetzes die
Anhaltung der 690 in einer beigefügten Liste bezeichneten archäologischen Fundstücke mexikanischer Herkunft anzuordnen.

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Zur Begründung trug er vor, die Anordnung der Anhaltung sei dringlich, weil die Beschlagnahmeanordnung am 16. Oktober 2009 aufgehoben worden sei. Die Voraussetzungen für eine Anhaltung nach § 8 Abs. 2 des Kulturgüterrückgabegesetzes
(KultGüRückG) lägen vor. Bei den aufgelisteten Objekten handle es sich um illegal
ausgeführte archäologische Fundstücke aus präkolumbianischen Kulturen, welche im
heutigen Staatsgebiet des Antragstellers angesiedelt gewesen seien. Dem Antragsteller sei zwar bisher keine Gelegenheit gegeben worden, die beschlagnahmten
Gegenstände durch seine Experten unmittelbar in Augenschein zu nehmen; er habe
die einzelnen Objekte aber aufgrund der vorliegenden Abbildungen und Beschreibungen in hinreichender Weise individuell identifizieren können. Soweit die Fundstücke schon im Katalog zur Ausstellung von Santiago de Compostela abgebildet gewesen seien, habe die für den Kulturgüterschutz zuständige Behörde des Antragstellers („Instituto Nacional de Antropologia e Historia“ - INAH) sie bereits im Zeitraum
vom 6. bis 13. Juli 2007 in das dort geführte „Öffentliche Verzeichnis für archäologische und historische Denkmäler und Flächendenkmäler“ aufgenommen (Nummern 1
bis 571 der Liste), wobei für jedes registrierte Objekt ein gesondertes Datenblatt mit
den grundlegenden Charakteristika angelegt worden sei. Die später übermittelte CD
des Bayerischen Landeskriminalamtes habe Abbildungen von weiteren 119 bisher

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unbekannten Objekten mexikanischer Herkunft enthalten, die am 24. und 25. August
2009 ebenfalls in das genannte Verzeichnis aufgenommen worden seien (Nummern
572 bis 690 der Liste). Das Register werde derzeit noch in Papierform bzw. in stationären Datenbanken in der Behördenzentrale geführt. Auf Antrag könne dort jedermann persönlich Einsicht nehmen oder Auszüge aus dem Register schriftlich zur
Versendung fordern; dies gelte für Anfragen sowohl im Inland als auch aus dem Ausland. Eine Umstellung des nationalen Verzeichnisses in ein elektronisches Register,
auf das online Zugriff genommen werden könne, sei für das 3. Quartal 2010 beabsichtigt. Schon die bisherige Möglichkeit, sich über das Auswärtige Amt oder die Botschaft des Antragstellers an das „Instituto Nacional“ zu wenden oder dort direkt einen
Abgleich der Daten im Verzeichnis vornehmen zu können, genüge für die in § 6 Abs.
2 KultGüRückG geforderte öffentliche Zugänglichkeit des Verzeichnisses im Bundesgebiet. Ein Datensatz mit den 690 Registerblättern der streitigen Objekte liege dem
Antragstellerbevollmächtigten auf einer CD im PDF-Format vor und könne auch dem
Gericht bei Bedarf vorgelegt werden.
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Der Antragsgegner und der Beigeladene traten dem Eilantrag entgegen.

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Am 8. April 2010 teilte der Bevollmächtigte des Antragstellers dem Berichterstatter
des erstinstanzlichen Verfahrens telefonisch mit, eine Begutachtung der eingelagerten Stücke durch mexikanische Sachverständige habe ergeben, dass es sich bei ca.
250 Gegenständen um Fälschungen handle.

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Mit Beschluss vom 16. April 2010, dem Antragsgegner zugestellt am 20. April 2010,
lehnte das Verwaltungsgericht München den Antrag auf Erlass einer einstweiligen
Anordnung ab. Der Antragsteller habe einen Anordnungsgrund, aber keinen Anordnungsanspruch glaubhaft gemacht. Der Antragsgegner sei nicht gemäß § 8 Abs. 2
KultGüRückG zur Anhaltung verpflichtet. Einer Verpflichtung zur Rückgabe nach § 6
Abs. 2 KultGüRückG stehe zwar nicht der Umstand entgegen, dass die streitgegenständlichen Kulturgüter nicht aus direktem Weg aus Mexiko nach Deutschland gebracht worden seien, sondern über eine „Zwischenstation“ in Spanien. Auch könne
dahingestellt bleiben, ob die in § 6 Abs. 2 Nr. 1 KultGüRückG normierte Jahresfrist
ab möglicher Kenntniserlangung eingehalten sei. Ein Rückgabeanspruch scheitere
schon daran, dass die Kulturgüter nicht in einem öffentlich zugänglichen Verzeichnis
als besonders bedeutsam bezeichnet worden seien. Unabhängig von der Frage, ob
der Antragsteller die aufgelisteten Gegenstände rechtzeitig und individuell identifi-

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zierbar bezeichnet habe, sei das betreffende Verzeichnis jedenfalls im Bundesgebiet
nicht ohne unzumutbare Hindernisse „öffentlich zugänglich“. Zum Verständnis dieses
Begriffs ergäben sich Anhaltspunkte aus der Gesetzesbegründung zum Kulturgüterrückgabegesetz. Danach sei eine Zugänglichmachung des Verzeichnisses am einfachsten über das Internet möglich. Nach Auffassung des erkennenden Gerichts
seien auch andere Wege denkbar, z. B. über die Einsichtnahme bei staatlichen Stellen im Bundesgebiet, bei denen ein jeweils aktueller Abdruck des Verzeichnisses
hinterlegt sein müsste. Wie sich aus dem in der Gesetzesbegründung genannten
Erfordernis des Zugänglichmachens in einer international geläufigen Sprache (vorzugsweise Englisch oder Französisch) ergebe, seien hier eher strenge Anforderungen zu stellen; dies stehe nicht im Widerspruch zum UNESCO-Übereinkommen vom
14. November 1970, das dazu keine expliziten Vorgaben enthalte. Die Möglichkeit
der Anfrage bei einer mexikanischen Behörde genüge – von der Sprachbarriere abgesehen – den Anforderungen an eine öffentliche Zugänglichkeit nicht, da das Gesetz ausdrücklich den öffentlichen Zugang im Bundesgebiet und nicht lediglich im
Herkunftsland verlange
9

Gegen diesen Beschluss wendet sich der Antragsteller mit seiner Beschwerde. In der
am 19. Mai 2010 eingegangenen Beschwerdebegründung trägt er vor, der Sachverhalt sei in der Entscheidung unvollständig wiedergegeben und unzureichend berücksichtigt worden. Das Verwaltungsgericht habe das Merkmal „ohne unzumutbare Hindernisse öffentlich zugänglich“ in § 6 Abs. 2 Satz 3 KultGüRückG zu eng ausgelegt.
Insoweit sei eine einzelfallbezogene Abwägung vorzunehmen, bei der die unterschiedliche Ausgestaltung der nationalen Register in den jeweiligen Ländern zu beachten sei. Der Zugang über einen schriftlichen Antrag an die Register führende Behörde stelle ein zumutbares Hindernis dar. Dass das Register in Deutschland im
presse- oder verlagsrechtlichen Sinne zu veröffentlichen sei, könne weder dem
Normwortlaut noch der Gesetzesbegründung entnommen werden. Es spiele auch
keine Rolle, wo die betreffenden Informationen gespeichert, hinterlegt oder veröffentlicht seien, sondern lediglich, ob sie von Deutschland aus zugänglich seien. Dies sei
hier der Fall, da auf einen entsprechenden Antrag hin ein schriftlicher Registerauszug
oder eine Negativmeldung auch an in Deutschland befindliche Interessenten übersandt werde. Das Verwaltungsgericht habe die mangelnde Zugänglichkeit des in
Mexiko geführten Registers zudem unrichtigerweise mit der dafür verwendeten spanischen Sprache begründet und dem Register auch zu Unrecht mangelnde Glaubwürdigkeit beigemessen. Überdies sei durch die Verwendung eines aus einer ande-

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ren Entscheidung stammenden unpassenden Textbausteins das rechtliche Gehör
verletzt worden.
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Der Antragsteller beantragt sinngemäß,
unter Aufhebung des Beschlusses des Verwaltungsgerichts München vom
16. April 2010 den Antragsgegner zu verpflichten, gemäß § 8 Abs. 2 KultGüRückG die Anhaltung der in der Anlage AS 1 zur Antragsschrift vom 20.
Oktober 2009 aufgeführten 690 archäologischen Objekte mexikanischer
Herkunft anzuordnen.

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Der Antragsgegner beantragt die Zurückweisung der Beschwerde. Die vom Antragsteller geltend gemachten Darstellungs- und Verfahrensmängel seien jedenfalls nicht
entscheidungserheblich. Das Verwaltungsgericht habe bei der Auslegung des § 6
Abs. 2 Satz 3 KultGüRückG zu Recht angenommen, dass das Register nicht lediglich
von Deutschland aus, sondern im Bundesgebiet öffentlich zugänglich sein müsse.

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Der Beigeladene schließt sich den Ausführungen des Antragsgegners an.

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Mit Schriftsatz vom 8. Juli 2010 trägt der Antragsteller noch vor, nunmehr sei das
Register des Instituto Nacional unter „http://www.registropublico.inah.gob.mx“ im
Internet zugänglich. Interessenten könnten sich über diese Webadresse ein personalisiertes Benutzerkennwort und ein Passwort zuweisen lassen und damit in den Beständen des Registers recherchieren; die Zugangsdaten würden ihnen per E-Mail
zugeteilt. Eine schriftliche Verkörperung des Verzeichnisses in einer Vertretung der
Antragstellerin oder an anderer Stelle im Bundesgebiet werde im Gesetz nicht gefordert und widerspreche der Intention des Gesetzgebers, einen effektiven Schutz von
Kulturgütern und darüber hinaus von aufgefundenem Raubgut zu gewährleisten.
Durch die genannte Forderung würde denjenigen Ländern, die ein umfassendes
Verständnis von national wertvollem Kulturgut hätten und ihr gesamtes kulturelles
Erbe oder bedeutende Teile davon unter strengen Schutz gestellt hätten, ein wirksamer Schutz vorenthalten, da es schlichtweg unmöglich sei, ein derart umfassendes
Registerwesen als physische Kopie im Bundesgebiet zu hinterlegen.

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Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt der
Gerichtsakten und der vorgelegten Verwaltungsakten Bezug genommen.

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II.
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Die zulässige Beschwerde ist nicht begründet.

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1. Das Verwaltungsgericht hat den Antrag nach § 123 Abs. 1 VwGO zu Recht abgelehnt, da der Antragsteller einen Anordnungsanspruch auf Anhaltung archäologischer
Fundstücke nach dem Kulturgüterrückgabegesetz nicht hat glaubhaft machen können (§ 123 Abs. 3 VwGO i.V.m. § 920 Abs. 2, § 294 ZPO). Die fristgerecht dargelegten und vom Senat allein geprüften Beschwerdegründe (vgl. § 146 Abs. 4 Satz 6
VwGO) rechtfertigen keine andere Entscheidung.

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Die für das Eilrechtsschutzbegehren des Antragstellers maßgebliche Rechtsgrundlage ist das am 29. Februar 2008 in Kraft getretene Kulturgüterrückgabegesetz vom
18. Mai 2007 (BGBl I S. 757 - KultGüRückG), mit dem u. a. die völkerrechtlichen
Verpflichtungen aus dem UNESCO-Kulturgutübereinkommen vom 14. November
1970 (vgl. Gesetz zu dem Übereinkommen vom 14.11.1970 über Maßnahmen zum
Verbot und zur Verhütung der rechtswidrigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von
Kulturgut vom 20. April 2007, BGBl II S. 626) in nationales Recht umgesetzt worden
sind (vgl. BT-Drs. 16/1371 S. 12). Nach § 8 Abs. 2 Satz 1 KultGüRückG ordnen die
zuständigen Behörden die Anhaltung von Kulturgut an, wenn der dringende Verdacht
besteht, dass es unrechtmäßig aus einem anderen Mitgliedsstaat der Europäischen
Union oder Vertragsstaat in das Bundesgebiet verbracht worden und an diesen Staat
zurückzugeben ist. Der Rückgabeanspruch ist von dem betreffenden Staat gemäß
§ 8 Abs. 5 Satz 4 KultGüRückG glaubhaft zu machen. Nach summarischer Prüfung
fehlt es im vorliegenden Fall jedoch an der Glaubhaftmachung des vom Antragsteller
geltend gemachten Anspruchs auf Rückgabe nach § 6 Abs. 2 KultGüRückG. Diese

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Bestimmung lautet:
„(2) Ein unrechtmäßig nach dem 26. April 2007 aus dem Hoheitsgebiet eines Vertragsstaats in das Bundesgebiet verbrachter Gegenstand ist dem Vertragsstaat auf
sein Ersuchen zurückzugeben, wenn
1. dieser Gegenstand vor der Verbringung oder im Fall von archäologischen Gegenständen, die vor der Verbringung unbekannt waren, innerhalb eines Jahres,
nachdem die zuständige Behörde des betroffenen Vertragsstaats von dem Gegenstand Kenntnis erlangen konnte, von dem ersuchenden Vertragsstaat aus religiösen

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oder weltlichen Gründen als für die Archäologie, Vorgeschichte, Geschichte, Literatur, Kunst oder Wissenschaft besonders bedeutsam bezeichnet wurde oder ein Verfahren zur Bezeichnung eingeleitet und die Einleitung des Verfahrens öffentlich bekannt gemacht wurde und
2. der Gegenstand einer der in Art. 1 des Kulturgutübereinkommens genannten Kategorien angehört.
Als „besonders bedeutsam bezeichnet“ im Sinne von Satz 1 Nr. 1 gilt ein Gegenstand, wenn er individuell identifizierbar von einem anderen Vertragsstaat in ein Verzeichnis des bedeutenden öffentlichen und privaten Kulturgutes aufgenommen worden ist. Das Verzeichnis muss im Bundesgebiet ohne unzumutbare Hindernisse öffentlich zugänglich sein. Lässt sich nicht klären, ob ein Gegenstand, der vor dem
26. April 2007 als besonders bedeutsam im Sinne des Satzes 1 Nr. 1 bezeichnet
worden ist, vor oder nach diesem Tag ins Bundesgebiet verbracht worden ist, so gilt
er als nach diesem Tag ins Bundesgebiet verbracht.“

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Es kann dahinstehen, ob ein auf diese Rechtsgrundlage gestützter Rückgabeanspruch hier schon deshalb nicht oder nicht in vollem Umfang glaubhaft gemacht wurde, weil der Antragsteller nach Auskunft seines Bevollmächtigten mittlerweile selbst
annimmt, dass es sich bei (bisher nicht näher bezeichneten) ca. 250 Gegenständen
aus der 690 Objekte umfassenden Liste um Fälschungen handelt, für die es somit
am Tatbestandsmerkmal der unrechtmäßigen Verbringung (§ 6 Abs. 2 Satz 1, Abs. 4
KultGüRückG) fehlen dürfte. Unabhängig von der daraus sich ergebenden Frage,
welche der streitgegenständlichen Artefakte überhaupt mit hinreichender Sicherheit
als archäologische Gegenstände und damit als mögliches Kulturgut im Sinne des
Kulturgüterrückgabegesetzes anzusehen sind, hat das Verwaltungsgericht jedenfalls
zu Recht angenommen, dass der geltend gemachte Rückgabeanspruch des Antragstellers nicht besteht, da die beanspruchten Gegenstände nicht vor ihrer Verbringung
bzw. innerhalb eines Jahres nach Möglichkeit der Kenntnisnahme gemäß § 6 Abs. 2
Satz 1 Nr. 1, Satz 2 und 3 KultGüRückG in einem öffentlich zugänglichen Verzeichnis
als besonders bedeutsam bezeichnet worden sind.

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Allerdings dürften sowohl die 1997 in Santiago de Compostela ausgestellten Objekte
(Nummern 1 bis 571 der Liste) als auch die auf der CD des Bayerischen Landeskriminalamtes vom Mai 2009 enthaltenen weiteren Objekte (Nummern 572 bis 690 der
Liste) noch vor dem gesetzlich geforderten Zeitpunkt in das vom „Instituto Nacional
de Antropologia e Historia“ geführte „Öffentliche Verzeichnis für archäologische und

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historische Denkmäler und Flächendenkmäler“ aufgenommen worden sein. Nach
den unwiderlegbaren Angaben des Antragstellers wurden die mit den Nummern 1 bis
571 bezeichneten Gegenstände im Juli 2007, d.h. bereits vor ihrer Verbringung ins
Bundesgebiet (§ 6 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 Alt. 1 KultGüRückG), und die mit den Nummern 572 bis 690 bezeichneten Gegenstände im August 2009 und damit innerhalb
eines Jahres, nachdem die zuständige Behörde von ihnen Kenntnis erlangen konnte
(§ 6 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 Alt. 2 KultGüRückG), jeweils auf gesonderten Blättern datenmäßig erfasst.
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Das vom „Instituto Nacional“ geführte Verzeichnis war jedoch, falls die darin enthaltenen Angaben zur individuellen Identifizierung der streitgegenständlichen Gegenstände überhaupt ausreichten (§ 6 Abs. 2 Satz 2 KultGüRückG), jedenfalls zum hier
maßgeblichen Zeitpunkt nicht „im Bundesgebiet ohne unzumutbare Hindernisse öffentlich zugänglich“ (§ 6 Abs. 2 Satz 3 KultGüRückG). Wer Näheres über den Inhalt
des Verzeichnisses erfahren wollte, musste (bis vor kurzem) entweder am Sitz der
Behörde in Mexiko unmittelbar Einsicht nehmen oder sich von dort Registerauszüge
zu einzelnen Objekten zusenden lassen. Diese Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit
einer im Ausland ansässigen Behörde reichte schon nach dem Gesetzeswortlaut
nicht aus, um von einem im Inland zugänglichen Verzeichnis sprechen zu können.
Die auf dem Territorium eines anderen Staates getroffene Entscheidung über ein
Auskunftsbegehren stellt selbst dann, wenn der dafür erforderliche Antrag in schriftlicher Form „vom Bundesgebiet aus“ gestellt werden kann, etwas anderes dar als ein
„im Bundesgebiet“ bestehender öffentlicher Zugang.

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Bei der Auslegung des § 6 Abs. 2 Satz 3 KultGüRückG muss – entgegen der Forderung des Antragstellers – nicht im Rahmen einer einzelfallbezogenen Abwägung auf
die unterschiedliche Ausgestaltung der nationalen Register in den jeweiligen Vertragsstaaten Rücksicht genommen werden, so dass das Fehlen einer direkten Zugangsmöglichkeit im Bundesgebiet in bestimmten Fällen hinzunehmen wäre. Es
spricht nichts dafür, dass der Bundesgesetzgeber die rechtliche Anerkennung des im
Bundesgebiet einklagbaren Rückgabeanspruchs nach § 6 Abs. 2 KultGüRückG von
den erheblich variierenden tatsächlichen Verhältnissen im jeweiligen Herkunftsland
hätte abhängig machen wollen. Selbst der in § 6 Abs. 2a KultGüRückG geregelte
Extremfall, dass der ersuchende Staat durch innere Unruhen, kriegerische Auseinandersetzungen oder vergleichbare Umstände an den erforderlichen Verfahrensschritten zeitweilig gehindert ist, führt lediglich zu einem späteren Fristbeginn und

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ändert nichts an dem Grundsatz, dass jeder Vertragsstaat, der sich zur Durchsetzung
seines Rückgabegehrens deutscher Behörden oder Gerichte bedienen will, die dafür
im deutschen Recht verlangten Registrierungs- und Publizitätsanforderungen erfüllen
muss.
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Gerade die erheblichen Unterschiede, die in den Vertragsstaaten des Kulturgüterübereinkommens hinsichtlich der rechtlichen und faktischen Möglichkeiten des Zugangs zu behördlichen Registern bestehen, legen nach dem Sinn und Zweck des
Gesetzes die Auslegung nahe, dass die nach § 6 Abs. 2 Satz 1 KultGüRückG beanspruchten Kulturgüter, die allein wegen ihrer formellen Bezeichnung als „besonders
bedeutsam“ von Deutschland aus zurückzugeben sind, in einem hier ausliegenden
Verzeichnis aufgeführt sein müssen. „Öffentlich zugänglich“ im Sinne des § 6 Abs. 2
Satz 3 KultGüRückG kann nach diesem Verständnis auch nur ein Verzeichnis sein,
dessen gesamter Inhalt fortlaufend selbständig eingesehen werden kann, so dass
jederzeit unmittelbar erkennbar ist, wann welche Änderungen vorgenommen wurden.
Würde man auf diese Transparenzanforderung verzichten und den Interessenten
lediglich zu speziell angefragten Objekten einzelne Auskünfte etwa in Gestalt von
Registerauszügen erteilen, so könnten die registerführenden ausländischen Stellen
anlässlich solcher Anfragen ihre Verzeichnisse um die betreffenden Gegenstände
ergänzen und die Aufnahmezeitpunkte rückdatieren, ohne dass dies für Außenstehende nachweisbar wäre. Eine Verfahrensregelung, die derartige Missbrauchsmöglichkeiten zulässt, würde dem grundrechtlichen Schutz des Eigentums sowie den
Interessen des Kunsthandels, die der Gesetzgeber bei der Regelung ebenfalls zu
berücksichtigen hatte (vgl. BT-Drs 16/1371 S. 12), schwerlich gerecht werden.

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Mit der Forderung nach einem unmittelbar im Bundesgebiet einsehbaren Verzeichnis
werden auch diejenigen Vertragsstaaten, die ihr gesamtes kulturelles Erbe oder zumindest große Teile davon einem strikten Ausfuhrverbot unterworfen haben, nicht in
unzumutbarer Weise belastet. Wie schon das Verwaltungsgericht unter Hinweis auf
die amtliche Gesetzesbegründung (BT-Drs. 16/1371 S. 18) zutreffend dargelegt hat,
ist die gesetzliche Publizitätspflicht bereits dann erfüllt, wenn die Verzeichnisse in
das Internet eingestellt werden und dort ohne unzumutbare Hindernisse jedem zugänglich sind. Die Hinterlegung einer „physischen Kopie“ bei einer öffentlichen Stelle
im Bundesgebiet ist also entgegen dem Einwand des Antragstellers nicht zwingend
notwendig. Die Vertragsstaaten müssen im Übrigen auch nicht unbedingt jeweils
vollständige Aufstellungen ihres nationalen Kulturguts im Bundesgebiet öffentlich

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zugänglich machen, sondern können sich darauf beschränken, Schwerpunkte zu
setzen und nur besonders wichtige oder bereits unerlaubt ausgeführte Gegenstände
in eine solche Liste aufzunehmen.
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Mit den in § 6 Abs. 2 KultGüRückG normierten strengen Anforderungen an ein den
Rückgabeanspruch begründendes Kulturgüterverzeichnis verstößt der deutsche Gesetzgeber nicht gegen seine völkerrechtlichen Verpflichtungen aus dem UNESCOÜbereinkommen vom 14. November 1970 über Maßnahmen zum Verbot und zur
Verhütung der rechtswidrigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut (BGBl
2007 II S. 626). In Art. 13 Buchst. d dieses Übereinkommens werden die Vertragsstaaten nur allgemein verpflichtet, die Wiedererlangung des als unveräußerlich eingestuften Kulturguts durch den betreffenden Staat zu erleichtern, ohne dass dafür
genauere Vorgaben festgelegt sind. Mit der Anknüpfung des Rückgabeanspruchs an
die in Art. 5 Buchst. b des Übereinkommens geregelte Pflicht der Vertragsstaaten,
Verzeichnisse der für das nationale Kulturerbe bedeutsamen Kulturgüter aufzustellen, wird der völkerrechtliche Rahmen jedenfalls nicht überschritten (vgl. BT-Drs.
16/1371 S. 13).

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Da zu den streitgegenständlichen Gegenständen zum Zeitpunkt ihrer Verbringung
nach Deutschland im März 2008 (Nrn. 1 bis 571) bzw. bis zum Ablauf eines Jahres
nach Übermittlung der CD im Mai 2009 (Nrn. 572 bis 690) nur eine Registereinsicht
bzw. –auskunft beim „Instituto Nacional“ in Mexiko beantragt werden konnte und das
dort erstellte Verzeichnis somit nicht unmittelbar im Bundesgebiet öffentlich zugänglich war, besteht hier mangels rechtzeitiger förmlicher Bezeichnung der Objekte als
„besonders bedeutsam“ kein Rückgabeanspruch nach § 6 Abs. 2 KultGüRückG. Das
Vorbringen des Antragstellers im Schriftsatz vom 8. Juli 2010, wonach seit neuestem
auch eine Internetrecherche möglich sei, ist daher nicht nur in prozessualer Hinsicht
wegen Verspätung unbeachtlich (§ 146 Abs. 4 Satz 6 VwGO), sondern führt auch in
der Sache zu keiner anderen Beurteilung, da die Freischaltung des Internetzugangs
ersichtlich erst nach Ablauf der in § 6 Abs. 2 Satz 1 KultGüRückG vorgesehenen EinJahres-Frist ab möglicher Kenntnisnahme erfolgt sind.

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Nachdem ein Anordnungsanspruch bereits aus den vorgenannten Gründen ausscheidet, kommt es auf die vom Antragsteller in der Beschwerdebegründung erhobenen weiteren Einwände gegen die Entscheidung des Verwaltungsgerichts nicht mehr
an.

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2. Die Kostenentscheidung ergibt sich aus 154 Abs. 2 VwGO, die Streitwertfestsetzung aus § 47, § 53 Abs. 3 Nr. 1 i.V.m. § 52 Abs. 2 GKG.

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Dieser Beschluss ist unanfechtbar, § 152 Abs. 1 VwGO.

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Kersten

Dr. Zöllner

Dr. Borgmann